Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz
Verlag, Berlin. Band 7, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960,
Berlin/DDR. S. 421-463.
Karl Marx/Friedrich Engels
Revue
Mai bis Oktober [1850]
"Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue", Fünftes und
Sechstes Heft, Mai bis Oktober 1850.
Die politischen Agitationen der letzten sechs Monate unterscheiden sich
wesentlich von den unmittelbar vorhergehenden. Die revolutionäre Partei ist überall vom
Schauplatz zurückgedrängt, die Sieger streiten sich um die Früchte des Sieges. So
in Frankreich die verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie, in Deutschland die verschiednen
Fürsten. Der Streit wird mit großem Geräusch geführt, der offne Bruch, die
Entscheidung durch die Waffen scheint unvermeidlich; unvermeidlich aber ist, daß die Waffen
in der Scheide ruhen bleiben, daß die Entscheidungslosigkeit sich stets von neuem hinter
Friedensverträge verbirgt, um sich von neuem auf den Scheinkrieg vorzubereiten.
Betrachten wir zuerst die reale Grundlage, auf der diese oberflächlichen Wallungen
spielen.
Die Jahre 1843-1845 waren Jahre der industriellen und kommerziellen Prosperität,
notwendige Folgen der fast ununterbrochenen Depression der Industrie der Epoche 1837-42. Wie
immer, entwickelte die Prosperität sehr rasch die Spekulation. Die Spekulation tritt
regelmäßig ein in den Perioden, wo die Überproduktion schon in vollem Gange ist.
Sie liefert der Überproduktion ihre momentanen Abzugskanäle, während sie eben
dadurch das Hereinbrechen der Krise beschleunigt und ihre Wucht vermehrt. Die Krise selbst bricht
zuerst aus auf dem Gebiet der Spekulation und bemächtigt sich erst später der
Produktion. Nicht die Überproduktion, sondern die Überspekulation, die selbst nur ein
Symptom der Überproduktion ist, erscheint daher der oberflächlichen Betrachtung als
Ursache der Krise. Die spätere Zerrüttung der Produktion erscheint nicht als
notwendiges Resultat ihrer eignen vorhergegangenen Exuberanz, sondern als bloßer
Rückschlag der zusammenbrechenden Spekulation. Da wir jedoch in diesem Augenblick keine
vollständige Geschichte der Krise [nach] 1843-45 geben können, so stellen wir nur die
bedeutendsten eben dieser Symptome der Überproduktion zusammen.
Die Spekulation der Prosperitätsjahre 1843-1845
warf sich hauptsächlich auf Eisenbahnen, wo sie ein wirkliches Bedürfnis zu ihrer
Grundlage hatte, auf Getreide, infolge der Teuerung von 1845 und der Kartoffelkrankheit, auf
Baumwolle, nach der schlechten Ernte von 1846, und auf den ostindischen und chinesischen Handel,
wo sie der Eröffnung des chinesischen Markts durch England auf dem Fuß folgte
Die Ausdehnung des englischen Eisenbahnsystems begann schon 1844, entwickelte sich aber
vollständig erst 1845. In diesem Jahr allein betrug die Zahl der registrierten Bills zur
Errichtung von Eisenbahngesellschaften 1.035. Im Februar 1846, nachdem schon eine Unzahl von
diesen registrierten Projekten wieder aufgegeben war, beliefen sich die bei der Regierung
für die beibehaltenen Projekte zu deponierenden Gelder immer noch auf die enorme Summe von
£ 14.000.000, und noch im Jahr 1847 betrug die Gesamtsumme der in England eingeforderten
Einzahlungen über £ 42.000.000, wovon über 36 Mill. für englische,
später 51/2 Mill. für
auswärtige Eisenbahnen. Die Blütezeit dieser Spekulation fiel in den Sommer und Herbst
1845. Die Preise der Aktien stiegen fortwährend, und die Gewinne der Spekulanten rissen bald
alle Klassen der Bevölkerung in den Strudel hinein. Herzöge und Grafen wetteiferten mit
Kaufleuten und Fabrikanten um die einträgliche Ehre, in den Direktionen der verschiednen
Linien zu sitzen; die Mitglieder des Unterhauses, das Barreau, die Geistlichkeit waren zahlreich
in diesen Behörden vertreten. Wer einen Pfennig gespart, wer über einen Funken Kredit
zu verfügen hatte, spekulierte in Eisenbahnaktien. Die Zahl der Eisenbahnzeitungen stieg von
3 auf mehr als 20. Einzelne große Tagesblätter verdienten an Eisenbahnannoncen und
Prospekten oft £ 14.000 in einer Woche. Die Ingenieure waren nicht in hinreichender Zahl
aufzutreiben und wurden enorm bezahlt. Drucker, Lithographen, Buchbinder, Papierhändler etc.
etc., die zur Anfertigung von Prospekten. Plänen, Karten etc. etc. in Bewegung gesetzt
wurden, Möbelfabrikanten, die die pilurtig aufschießenden Büros der zahllosen
neuen Direktionen, provisorischen Komitees usf. möblierten, erhielten splendide Preise
bezahlt. Auf der Grundlage der wirklichen Ausdehnung des englischen und kontinentalen
Eisenbahnsystems und der damit verknüpften Spekulation erhob sich während dieser
Periode allmählich ein Überbau von Schwindel, der an die Zeiten von Law und der
Südseegesellschaft erinnert. Hunderte von Linien wurden projektiert ohne die geringste
Chance auf Erfolg, wo die Projektoren selbst nie an wirkliche Ausführung dachten, wo es sich
überhaupt nur um das Aufzehren der Deposita durch die Direktoren und um die Schwindelprofite
auf den Verkauf der Aktien handelte.
Im Oktober 1845 trat die Reaktion ein, die sich bald zu
einem vollständigen panic steigerte. Schon vor dem Februar 1846, wo die Depositengelder an
die Regierung gezahlt werden mußten, hatten die unhaltbarsten Projekte Bankerott gemacht.
Im April 1846 hatte der Rückschlag schon die kontinentalen Aktienmärkte erreicht. In
Paris, Hamburg, Frankfurt, Amsterdam fanden Zwangsverkäufe zu sehr gesunkenen Preisen statt,
die die Bankerotte von Bankiers und Mäklern nach sich zogen. Die Eisenbahnkrisis zog sich
hin bis in den Herbst 1848, verlängert durch die sukzessiven Bankerotte auch der weniger
unsoliden Projekte, wie sie nach und nach von dem allgemeinen Druck erreicht und wie die
Einzahlungen eingefordert wurden, und verschärft durch das Eintreten der Krise auch auf den
andern Gebieten der Spekulation, des Handels und der Industrie, die die Preise der älteren
und solideren Aktien allmählich herabdrückte, bis diese im Oktober 1848 ihr niedrigstes
Niveau erreichten.
Im August 1845 wurde die öffentliche Aufmerksamkeit zuerst auf die Kartoffelkrankheit
gelenkt, die nicht nur in England und Irland, sondern auch auf dem Kontinent sich zeigte - das
erste Symptom, daß die Wurzel der bestehenden Gesellschaft faul war. Gleichzeitig trafen
Berichte ein, die über den schon erwarteten großen Ausfall auch in der Kornernte
keinen Zweifel mehr ließen. Die Kornpreise stiegen infolge dieser beiden Umstände auf
allen europäischen Märkten bedeutend; in Irland vollständige Hungersnot, die die
englische Regierung zu einer Anleihe von 8 Mill. Pfd.St. für diese Provinz nötigte -
genau ein Pfd.St. für jeden Irländer. In Frankreich, wo die Kalamität noch
erhöht wurde durch die Überschwemmungen, die an 4 Mill. Pfd.St. Schaden anrichteten,
war der Mißwachs ungemein bedeutend. Nicht minder in Holland und Belgien. Der
Mißernte des Jahres 1845 entsprach eine noch schlechtere im Jahr 1846, und auch die
Kartoffelkrankheit erschien wieder, wenn auch in engerem Maß. So war der
Getreidespekulation eine vollständige reale Grundlage gegeben, und sie entwickelte sich um
so gewaltsamer, je mehr die fruchtbaren Ernten von 1842-44 sie für lange fast ganz
niedergehalten hatten. In den Jahren 1 845-47 fand in England eine größere
Getreideeinfuhr statt als jemals vorher. Die Kornpreise stiegen fortwährend bis in den
Frühling 1847, wo infolge der wechselnden Nachrichten über die neue Ernte aus den
verschiednen Ländern, infolge der von verschiednen Regierungen ergriffnen Maßregeln
(Eröffnung der Häfen zur freien Korneinfuhr etc. etc.) eine Periode der Fluktuation
eintrat und endlich im Mai 1847 die Preise ihren Höhepunkt erreichten. In diesem Monat stieg
der Durchschnittspreis des Quarters Weizen in England bis 1021/2 Schill. und an einzelnen Tagen bis auf 115 und 124
Schill. Aber bald liefen entschieden günstige Berichte ein über das Wetter und die wachsende Ernte: die Preise fielen, und Mitte
Juli stand der Durchschnittspreis nur noch auf 74 Schill. Ungünstigeres Wetter in
verschiednen Gegenden trieb die Preise wieder etwas in die Höhe, bis endlich gegen Mitte
August feststand, daß die Ernte von 1847 über den Durchschnittsertrag hinaus liefre.
Das Fallen war jetzt nicht mehr aufzuhalten; die Zufuhren nach England vermehrten sich über
alle Erwartung, und schon am 18. September war der Durchschnittspreis auf 491/2 Schill. reduziert. In sechzehn Wochen hatten also die
Durchschnittspreise um nicht weniger als 53 Schill. variiert.
Während dieser ganzen Zeit hatte nicht nur die Eisenbahnkrisis fortgedauert, sondern
gerade in dem Moment, wo die Kornpreise am höchsten standen, im April und Mai 1847, trat die
vollständigste Zerrüttung des Kreditsystems und das vollständigste Derangement auf
dem Geldmarkt hinzu. Die Kornspekulanten hielten trotzdem den Fall der Preise aus bis zum 2.
August. An diesem Tage erhöhte die Bank die niedrigste Rate ihres Diskontos auf 5 p.c. und
für alle Wechsel auf mehr als 2 Monate auf 6 p.c. Sogleich folgte eine Reihe der
glänzendsten Fallimente auf der Kornbörse, an ihrer Spitze das des Herrn Robinson, des
Gouverneurs der Bank von England. In London allein fallierten acht große Kornhäuser,
deren Passiva zusammen mehr als 11/2 Mill.
Pfd.St. ausmachten. Die Provinzialkornmärkte waren gänzlich paralysiert; die Bankerotte
folgten sich hier, namentlich in Liverpool, mit gleicher Schnelligkeit. Die entsprechenden
Fallimente auf dem Kontinent traten hier, je nach der Entfernung von London, früher oder
später ein. Mit dem 18. September, dem Datum der niedrigsten Kornpreise, ist die Kornkrise
in England jedoch als abgeschlossen zu betrachten.
Wir kommen jetzt auf die eigentliche kommerzielle, auf die Geldkrise. In den ersten vier
Monaten von 1847 erschien der allgemeine Stand des Handels und der Industrie noch befriedigend,
mit Ausnahme jedoch der Eisenproduktion und der Baumwollenindustrie. Die Eisenproduktion, mit dem
Eisenbahnschwindel von 1845 auf eine enorme Höhe getrieben, litt natürlich in demselben
Maße als für das Übermaß des gelieferten Eisens das Debouché sich
verminderte. In der Baumwollenindustrie, dem Hauptindustriezweig für den ostindischen und
chinesischen Markt, war schon 1845 für diesen Markt überproduziert worden und sehr bald
ein verhältnismäßiger Rückschlag eingetreten. Der Baumwollmißwachs von
1846, das Steigen der Preise sowohl des Rohprodukts wie der fertigen Ware und die damit gegebne
Abnahme des Verbrauchs vermehrten den Druck auf diese Industrie. In den ersten Monaten von 1847
wurde in ganz Lancashire die Produktion bedeutend eingeschränkt, und die Baumwollarbeiter
waren schon von der Krisis erreicht.
Am 15. April 1847 erhöhte die Bank von England ihre
niedrigste Rate des Diskontos für ganz kurze Wechsel auf 5 p.c.; sie beschränkte den
Gesamtbetrag der zu diskontierenden Wechsel, und zwar ohne Rücksicht auf den Charakter der
bezogenen Häuser; sie kündigte endlich den Kaufleuten, denen sie Vorschüsse
gemacht, peremptorisch an, daß sie diese Vorschüsse bei Verfall nicht mehr wie bisher
gewöhnlich erneuern werde, sondern Rückzahlung verlangen [werde]. Zwei Tage nachher
zeigte die Veröffentlichung ihrer wöchentlichen Bilanz, daß der Reservefonds des
Banking Departement auf 21/2 Mill. Pfd.St.
gefallen war. Die Bank hatte also die obigen Maßregeln getroffen, um dem Abfluß des
Goldes aus ihren Kellern Einhalt zu tun und den Barfonds wieder zu erhöhen.
Der Abfluß des Goldes und Silbers aus der Bank beruhte auf verschiednen Ursachen. Einmal
erforderte die Konsumtion und die bedeutend höheren Preise fast aller Artikel eine
ausgedehntere Zirkulation, besonders von Gold und Silber für den Kleinhandel. Dann hatten
die fortwährenden Einzahlungen für die Eisenbahnbauten, die im Monat April allein
£ 4.314.000 betrugen, die Entziehung einer Masse von Depositen aus der Bank nötig
gemacht. Ein Teil der eingeforderten Gelder, für ausländische Eisenbahnen bestimmt,
floß direkt ins Ausland. Die bedeutende Übereinfuhr von Zucker, Kaffee und andern
Kolonialwaren, deren Konsumtion und deren Preise noch mehr durch die Spekulation gestiegen waren,
von Baumwolle infolge spekulativer Ankäufe seit der Gewißheit einer knappen Ernte und
namentlich von Korn infolge des wiederholten Mißwachses, mußte großenteils in
barem Geld oder Barren bezahlt werden, und auch so wurde bedeutender Abfluß von Gold und
Silber ins Ausland veranlaßt. Dieser Abfluß der edlen Metalle aus England dauerte
übrigens trotz der obigen Bankmaßregeln bis Ende August fort.
Die Beschlüsse der Bank und die Nachricht vom niedrigen Stande ihres Reservefonds
brachten sofort einen Druck auf den Geldmarkt hervor und einen panic im ganzen englischen Handel,
so intensiv wie nur im Jahre 1845. In den letzten Wochen des April und den vier ersten Tagen des
Mai waren fast alle Kredittransaktionen paralysiert. Indessen brachen keine
außergewöhnlichen Bankerotte aus; die Handelshäuser hielten sich durch enorme
Zinszahlungen und Zwangsverkäufe ihrer Vorräte, Staatspapiere etc. zu ruinierenden
Preisen. Eine Reihe selbst der solideren Häuser legte durch ihre Rettung aus diesem ersten
Akt der Krise nur den Grund zu ihrem späteren Sturz. Diese Überwindung der ersten,
drohendsten Gefahr trug sehr zur Hebung des Vertrauens bei; seit dem 5. Mai verminderte sich der
Druck auf den Geldmarkt sichtlich, und gegen Ende Mai war der Alarm ziemlich vorüber.
Wenige Monate später jedoch, im Anfang August,
traten die schon erwähnten Bankerotte im Kornhandel ein, und kaum waren sie, die bis in den
September hinein dauerten, erschöpft, als die Krisis mit konzentrierter Gewalt im
allgemeinen Verkehr, besonders im ostindischen, westindischen und Mauritius-Geschäft
ausbrach, und zwar gleichzeitig in London, Liverpool, Manchester und Glasgow. Während des
Septembers fallierten in London allein 20 Häuser, deren Gesamtpassiva zwischen 9 und 10
Mill. Pfd.St. betrugen.
"Wir haben damals Entwurzelungen kommerzieller Dynastien in England erlebt,
nicht weniger überraschend als der Sturz jener politischen Firmen auf dem Kontinent, wovon
wir neulich so viel zu hören bekamen", sagte Disraeli am 30. August 1848 im
Unterhause.
Die Fallimente der ostindischen Häuser wüteten ununterbrochen fort bis zum
Schluß des Jahrs und erneuerten sich in den ersten Monaten 1848, wo die Nachrichten von den
Bankerotten der entsprechenden Häuser in Kalkutta, Bombay, Madras und Mauritius
einliefen.
Diese in der Handelsgeschichte unerhörte Reihe von Bankerotten war verursacht durch die
allgemeine Überspekulation und die damit hervorgerufene Übereinfuhr von
Kolonialprodukten. Die lange Zeit künstlich in der Höhe gehaltenen Preise dieser Waren
fielen teilweise schon vor dem panic von April 1847, fielen allgemein und bedeutend jedoch erst
nach diesem panic, als des ganze Kreditsystem zusammenbrach und ein Haus nach dem andern
zu massenhaften, forcierten Verkäufen gezwungen wurde. Besonders vom Juni und Juli bis in
den November war dieses Fallen so bedeutend, daß selbst die ältesten und solidesten
Häuser daran zugrunde gehn mußten.
Die Bankerotte im September waren noch ausschließlich auf eigentliche
Handelshäuser beschränkt. Am 1. Oktober erhöhte die Bank ihren niedrigsten
Diskonto für kurze Wechsel auf 51/2
p.c. und erklärte gleichzeitig, daß sie fortan auf keine Staatspapiere, welcher Art
sie auch seien, Vorschüsse mehr machen werde. Jetzt konnten auch die Aktienbanken und
die Privatbankiers dem Druck nicht länger widerstehn. Die Royal Bank of Liverpool,
die Liverpool Banking Company, die North and South Wales Bank, die Newcastle Union Joint Stock
Bank etc. etc. erlagen der Reihe nach in wenigen Tagen. Gleichzeitig erfolgten die
Insolvenzerklärungen einer Menge kleinerer Privatbankiers in allen Provinzen von
England.
Dieser allgemeinen Zahlungseinstellung der Banken, die den Monat Oktober besonders
charakterisiert, schließen sich an in Liverpool, Manchester, Oldham, Halifax, Glasgow etc.
eine bedeutende Zahl der Bankerotte von Effektenhändlern, Wechsel-, Aktien-, Schiffs-, Tee-
und Baumwollmäklern, Eisenproduzenten und
Eisenhändlern, Baumwollen- und Wollenspinnern, Kattundruckem usw. Nach Herrn Tocke waren
diese Bankerotte sowohl ihrer Zahl wie ihrem Kapitalbetrag nach beispiellos in der englischen
Handelsgeschichte und übertrafen weit die der Krisis von 1825. Die Krisis hatte am 23.-25.
Oktober ihre Höhe erreicht, und alle kommerziellen Transaktionen hatten vollständig
aufgehört. Da erwirkte eine Deputation aus der City die Suspension des Bankgesetzes von
1844, jener Frucht des Scharfsinns des verstorbenen Sir Robert Peel. Mit dieser Suspension
hörte die Trennung der Bank in zwei vollständig unabhängige Departements mit zwei
gesonderten Barfonds momentan auf; noch ein paar Tage des alten Regimes, und das eine dieser
Departements, das banking department, hätte fallieren müssen, während in dem issue
department sechs Millionen Gold aufgespeichert lagen.
Schon im Oktober fand der erste Rückschlag der Krise auf den Kontinent statt. Es
brachen bedeutende Bankerotte aus gleichzeitig in Brüssel, Hamburg, Bremen, Elberfeld,
Genua, Livorno, Courtray, St. Petersburg, Lissabon und Venedig. In demselben Maß wie die
Intensität der Krise in England abnahm, stieg sie auf dem Kontinent und ergriff Punkte, die
sie bisher nicht erreicht hatte. Während der schlimmsten Periode war der Wechselkurs
günstig für England, und so zog dieses seit November fortwährend steigende
Zufuhren von Gold und Silber an sich, nicht nur aus Rußland und dem Kontinent, sondern auch
aus Amerika. Die unmittelbare Folge hiervon war, daß in demselben Maß, wie der
Geldmarkt in England leichter wurde, er sich in der übrigen Handelswelt kontrahierte und die
Krise sich hier in demselben Maß ausdehnte. Die Zahl der Bankerotte außerhalb
Englands stieg also im November; es kamen jetzt ebenfalls bedeutende Fallimente vor in New York,
Rotterdam, Amsterdam, Le Havre, Bayonne, Antwerpen, Mons, Triest, Madrid und Stockholm. Im
Dezember brach die Krise auch in Marseille und Algier aus und nahm in Deutschland eine erneuerte
Heftigkeit an.
Wir sind jetzt auf dem Punkt angekommen, wo die französische Februarrevolution ausbrach.
Wenn man die Bankerottliste ansieht, die Herr D. M. Evans seiner "Commercial Crisis of 1847-48"
(London 1848[2871) anhängt, so findet man, daß in England nicht ein einziges
bedeutendes Haus infolge dieser Revolution fallierte. Die einzigen Fallimente, die mit ihr
zusammenhängen, kamen im Effektenhandel vor, infolge der plötzlichen Entwertung aller
kontinentalen Staatspapiere. Ähnliche Bankerotte von Effektenhändlern natürlich
auch in Amsterdam, Hamburg etc. Die englischen Konsols fielen um 6 p.c., während sie nach
der Julirevolution um 3 p.c. gefallen waren. Für Stockjobbers war also die Februarrepublik
nur doppelt so gefährlich wie die Julimonarchie.
Der panic, der nach dem Februar in Paris ausbrach und
sich gleichzeitig mit den Revolutionen über den ganzen Kontinent verbreitete, hatte in
seinem Verlauf große Ähnlichkeit mit dem Londoner panic vom April 1847. Der Kredit
verschwand plötzlich, und die Transaktionen hörten fast ganz auf; in Paris,
Brüssel und Amsterdam eilte alles auf die Bank, um die Noten gegen Gold auszuwechseln; im
ganzen erfolgten indes sehr wenige Bankerotte außerhalb des Effektenhandels, und auch diese
wenigen sind schwerlich als notwendige Resultate der Februarrevolution nachzuweisen. Die meist
nur momentanen Zahlungseinstellungen der Pariser Bankiers hängen teils mit dem
Effektenhandel zusammen, teils waren sie bloße Vorsichtsmaßregeln und keineswegs
durch wirkliche Insolvenz bedingt, teils endlich geschahen sie aus purer Schikane, um der
provisorischen Regierung Schwierigkeiten zu machen und ihr Konzessionen abzuzwingen. Bei den
Fallimenten von Bankiers und Kaufleuten an andern Plätzen des Kontinents ist es
unmöglich zu entscheiden, inwiefern sie aus der Fortdauer und allmählichen Verbreitung
der Handelskrise hervorgingen, inwiefern dabei die Zeitverhältnisse durch längst faule
Häuser zu einem verständigen Exit benutzt wurden oder inwiefern sie wirklich Folgen von
Verlusten durch den Revolutionspanic waren. Jedenfalls aber ist gewiß, daß die
Handelskrise zu den Revolutionen von 1848 unendlich mehr beigetragen hat als die Revolution zur
Handelskrise. Zwischen März und Mai hatte England schon direkten Vorteil von der Revolution,
die ihm eine Menge von kontinentalem Kapital zuführte. Von diesem Augenblick an ist die
Krise hier als geschlossen zu betrachten; in allen Geschäftszweigen trat eine Besserung ein,
und der neue industrielle Zyklus beginnt mit entschiedner Tendenz zur Prosperität. Wie wenig
die kontinentale Revolution diesen Aufschwung der Industrie und des Handels in England hemmte,
beweist die Tatsache, daß die Masse der hier verarbeiteten Baumwolle von 475 Mill. Pfund
(1847) auf 713 Millionen Pfund (1848) stieg.
Diese erneuerte Prosperität entwickelte sich in England zusehends während der
drei Jahre 1848,1849 und 1850. Für die acht Monate Januar bis August betrug die
Gesamtausfuhr Englands 1848 - 31.633.214 Pfd.St.; 1849 - 39.263.322 Pfd.St.; 1850 - 43.851.568
Pfd.St. Zu dieser bedeutenden Hebung, die sich in allen Geschäftszweigen mit Ausnahme der
Eisenproduktion zeigte, kamen noch die überall fruchtbaren Ernten dieser drei Jahre. Der
Durchschnittspreis des Weizens für 1848-1850 fiel in England auf 36 Schill., in Frankreich
auf 32 Schill. per Quarter. Was diese Epoche der Prosperität auszeichnet, ist, daß
drei Hauptabzugskanäle der Spekulation verstopft waren. Die Eisenbahnproduktion war auf die
langsame Entwicklung eines gewöhnlichen Industriezweigs zurückgeführt; das
Getreide bot bei einer Reihe reich licher Ernten keine
Chance; die Staatspapiere hatten durch die Revolutionen den Charakter der Sicherheit verloren,
ohne den keine großen spekulativen Effektenumsätze möglich sind. Während
jeder Epoche der Prosperität vermehrt sich das Kapital. Einerseits erzeugt die vermehrte
Produktion neues Kapital; andrerseits wird vorhandenes Kapital, das während der Krise
schlummerte, aus seiner Untätigkeit gezogen und auf den Markt geworfen. Dies
additionelle Kapital war in den Jahren 1848-1850 bei dem Mangel an Debouchés der
Spekulation gezwungen, sich auf die eigentliche Industrie zu werfen und damit die Produktion noch
rascher zu steigern. Wie sehr dies in England auffällt, ohne daß man es sich zu
erklären weiß, beweist die naive Äußerung des "Economist" vom 19. Okt.
1850:
"Es ist bemerkenswert, daß die gegenwärtige Prosperität sich
wesentlich von der aller früheren Perioden unterscheidet. In allen diesen Perioden erregte
irgendeine grundlose Spekulation Hoffnungen, die nicht in Erfüllung gehn sollten. Einmal
waren es ausländische Minen, ein andermal mehr Eisenbahnen als füglich in einem halben
Jahrhundert gemacht werden konnten. Selbst wenn solche Spekulationen wohlbegründet waren,
geschahen sie immer in Aussicht auf einen Ertrag, der erst nach einer beträchtlichen Periode
realisiert werden konnte, sei es durch Produktion von Metallen oder Schöpfung neuer
Kommunikationen und Märkte. Sie brachten keinen sofortigen Gewinn. Aber gegenwärtig ist
unsre Prosperität gegründet auf die Produktion unmittelbar nützlicher Dinge, die
fast ebensoschnell in den Konsum eingehn, als sie auf den Markt gebracht werden, die den
Produzenten einen angemessenen Gewinn abwerfen und zu vermehrter Produktion spornen."
Den schlagendsten Beweis, wie sehr sich die industrielle Produktion 1848 und 1849 gesteigert
hat, liefert der Hauptindustriezweig, die Verarbeitung der Baumwolle. Die Baumwollernte von 1849
in den Vereinigten Staaten war ergiebiger als irgendeine frühere. Sie betrug
23/4 Mill. Ballen oder ungefähr 1.200
Millionen Pfund. Die Ausdehnung der Baumwollindustrie hielt so sehr Schritt mit dieser vermehrten
Zufuhr, daß Ende 1849 die Vorräte geringer waren als früher selbst nach Jahren
des Mißwachses. Im Jahre 1849 wurden über 775 Mill. Pfund Baumwolle versponnen,
während 1845, im Jahre der höchsten bisherigen Prosperität, nur 721 Millionen
verarbeitet worden waren. Die Ausdehnung der Baumwollindustrie wird ferner bewiesen durch die
große Steigerung der Baumwollpreise (55 p.c.) infolge eines verhältnismäßig
unbedeutenden Ausfalls in der Ernte von 1850. Mindestens derselbe Fortschritt zeigt sich in allen
andern Branchen, wie <In der "Revue": die> Spinnerei und Weberei in Seide, Wolle,
gemischten Zeugen und Leinen. Die Ausfuhr in den Produkten dieser Industrien stieg besonders 1850
so bedeutend, daß hierdurch die große
Steigerung in der Gesamtausfuhr dieses Jahres (12 Mill. gegen 1848, 4 Mill. gegen 1849 in den
ersten acht Monaten) hervorgebracht wurde, obgleich 1850 die Ausfuhr von Baumwollfabrikaten
infolge des Baumwollmißwachses merklich abnahm. Trotz der bedeutenden Steigerung der
Wollenpreise, die schon 1849 durch die Spekulation hervorgerufen schien, die sich indes bis jetzt
gehalten hat, ist die Wollenindustrie fortwährend ausgedehnt worden und täglich werden
neue Webstühle in Tätigkeit gesetzt. Die Ausfuhr von Leinengeweben betrug 1844, im Jahr
der höchsten bisherigen Leinenausfuhr, 91 Mill. Yards zum Wert von 2.800.000 Pfd.St., und
1849 erreichte sie die Höhe von 107 Millionen Yards zum Wert von über 3.000.000
Pfd.St.
Einen andern Beweis von dem Wachstum der englischen Industrie liefert der fortdauernd
gesteigerte Konsum der Hauptkolonialwaren, besonders des Kaffees, Zuckers und Tees, bei
fortwährend steigenden Preisen wenigstens der beiden ersteren Artikel. Diese Zunahme des
Verbrauchs ist um so direkter Folge der ausgedehnten Industrie, als ihr ausnahmsweiser Markt seit
1845, geschaffen durch die außerordentlichen Eisenbahnanlagen, längst auf das
gewöhnliche Maß reduziert ist und als die niedrigen Kornpreise der letzten Jahre keine
gesteigerte Konsumtion in den Ackerbaubezirken zulassen.
Die große Ausdehnung der Baumwollenindustrie 1849 führte in den letzten Monaten
dieses Jahres zu einem erneuerten Versuch der Überführung der ostindischen und
chinesischen Märkte. Aber die Menge der alten, noch nicht umgesetzten Vorräte in jenen
Gegenden hemmte diesen Versuch sehr bald wieder. Gleichzeitig wurde bei der steigenden Konsumtion
von Rohprodukten und Kolonialwaren auch in diesen Artikeln ein Versuch zur Spekulation gemacht,
aber auch dieser wurde sehr bald wieder aufgehalten durch momentan vermehrte Zufuhren und durch
die Erinnerung an die noch zu frischen Wunden von 1847.
Die Prosperität der Industrie wird noch gesteigert werden durch die neulich erfolgte
Eröffnung der holländischen Kolonien, durch die bevorstehende Errichtung neuer
Verbindungslinien auf dem Stillen Ozean, auf die wir zurückkommen werden, und durch die
große Industrieausstellung von 1851. Diese Ausstellung wurde von der englischen Bourgeoisie
bereits im Jahre 1849, als noch der ganze Kontinent von Revolution träumte, mit der
bewundernswertesten Kaltblütigkeit ausgeschrieben. In ihr beruft sie ihre sämtlichen
Vasallen von Frankreich bis China zu einem großen Examen zusammen, auf dem sie nachweisen
sollen, wie sie ihre Zeit benutzt haben; und selbst der allmächtige Zar von Rußland
kann nicht umhin, seinen Untertanen zu befehlen, auf dieser großen Prüfung zahlreich
zu erscheinen. Dieser große Weltkongreß von
Produkten und Produzenten ist von ganz andrer Bedeutung als die absolutistischen Kongresse von
Bregenz und Warschau, die unsern kontinentalen demokratischen Spießbürgern soviel
Schweiß auspressen, oder als die europäisch-demokratischen Kongresse, welche die
verschiednen provisorischen Regierungen in partibus zur Rettung der Welt stets aufs neue
projektieren. Diese Ausstellung ist ein schlagender Beweis von der konzentrierten Gewalt, womit
die moderne große Industrie überall die nationalen Schranken niederschlägt und
die lokalen Besonderheiten in der Produktion, den gesellschaftlichen Verhältnissen, dem
Charakter jedes einzelnen Volks mehr und mehr verwischt. Indem sie die Gesamtmasse der
Produktivkräfte der modernen Industrie auf einen kleinen Raum zusammengedrängt zur
Schau stellt, gerade zu einer Zeit, wo die modernen bürgerlichen Verhältnisse schon von
allen Seiten untergraben sind, bringt sie zugleich das Material zur Anschauung, das sich inmitten
dieser unterwühlten Zustände für den Aufbau einer neuen Gesellschaft erzeugt hat
und noch täglich erzeugt. Die Bourgeoisie der Welt errichtet durch diese Ausstellung im
modernen Rom ihr Pantheon, worin sie ihre Götter, die sie sich selbst gemacht hat, mit
stolzer Selbstzufriedenheit ausstellt. Sie beweist dadurch praktisch, wie die "Ohnmacht und
Verdrießlichkeit des Bürgers", von der deutsche Ideologen jahraus, jahrein predigen,
nur die eigne Ohnmacht dieser Herren ist, die moderne Bewegung zu begreifen, und ihre eigne
Verdrießlichkeit über diese Ohnmacht. Die Bourgeoisie feiert dies ihr
größtes Fest in einem Augenblick, wo der Zusammenbruch ihrer ganzen Herrlichkeit
bevorsteht, ein Zusammenbruch, der ihr schlagender als je nachweisen wird, wie die von ihr
erschaffenen Mächte ihrer Zucht entwachsen sind. Bei einer zukünftigen Ausstellung
werden die Bourgeois vielleicht nicht mehr als Inhaber dieser Produktivkräfte, sondern nur
noch als ihre Ciceroni figurieren.
Gerade wie 1845 und 1846 die Kartoffelkrankheit, so verbreitet seit Anfang dieses Jahres der
Ausfall in der Baumwollernte einen allgemeinen Schrecken unter der Bourgeoisie. Dieser Schrecken
hat sich noch bedeutend gesteigert, seit es feststeht, daß auch die Baumwollernte von 1851
in keinem Fall viel reichlicher als die von 1850 ausfallen wird. Der Ausfall, der für
frühere Perioden unbedeutend sein würde, ist für die jetzige Ausdehnung der
Baumwollindustrie sehr groß und hat bereits sehr hemmend auf ihre Tätigkeit
eingewirkt. Die Bourgeoisie, die sich kaum von der niederschlagenden Entdeckung erholt hatte,
daß einer der Grundpfeiler ihrer ganzen gesellschaftlichen Ordnung, die Kartoffel,
gefährdet war, sieht nun noch den zweiten Grundpfeiler bedroht, die Baumwolle. Konnte schon
ein einziger mittelmäßiger Ausfall in der Baumwollernte und die Aussicht auf einen
zweiten mitten im Jubel der Prosperität ernstlichen
Alarm erregen, so werden einige aufeinanderfolgende Jahre des wirklichen Baumwollmißwachses
notwendig die ganze zivilisierte Gesellschaft momentan in die Barbarei zurückschleudern. Das
goldene und das eiserne Zeitalter sind längst dahin; dem neunzehnten Jahrhundert mit seiner
Intelligenz, seinem Weltmarkt, seinen kolossalen Produktivkräften war es vorbehalten, das
baumwollene Zeitalter ins Leben zu rufen. Die englische Bourgeoisie fühlte
gleichzeitig drückender als je, welche Herrschaft die Vereinigten Staaten durch ihr bisher
ungebrochenes Monopol der Baumwollproduktion über sie ausüben. Sie hat sich sogleich in
Bewegung gesetzt, um dies Monopol zu brechen. Nicht nur in Ostindien, auch in Natal und den
nördlichen Teilen von Australien und überhaupt in allen Teilen der Welt, wo das Klima
und die Verhältnisse die Baumwollkultur erlauben, soll sie in jeder Weise befördert
werden. Gleichzeitig entdeckt die englische negerfreundliche Bourgeoisie, daß "die
Prosperität von Manchester von der Behandlung der Sklaven in Texas, Alabama und Louisiana
abhängt und daß dies eine ebenso sonderbare wie alarmierende Tatsache ist"
("Economist", 21. Sept. 1850). Daß der entscheidende Zweig der englischen Industrie auf der
Existenz der Sklaverei in den südlichen Staaten der amerikanischen Union beruht, daß
eine Negerrevolte in jenen Ländern das ganze bisherige Produktionssystem ruinieren kann, ist
allerdings eine sehr niederschlagende Tatsache für die Leute, die vor wenig Jahren 20 Mill.
Pfd.St. für die Emanzipation der Neger in ihren eignen Kolonien ausgaben. Diese Tatsache
führt aber zugleich auf die einzige faktisch mögliche Lösung der Sklavenfrage, die
jetzt wieder zu so langen und heftigen Debatten im amerikanischen Kongreß geführt hat.
Die amerikanische Baumwollproduktion beruht auf der Sklaverei. Sobald die Industrie sich bis auf
den Punkt entwickelt hat, wo ihr das Baumwollmonopol der Vereinigten Staaten unerträglich
wird, sobald wird in andern Ländern die Baumwolle mit Erfolg massenhaft produziert werden,
und zwar kann dies jetzt fast überall nur durch freie Arbeiter geschehen. Sobald aber
die freie Arbeit andrer Länder der Industrie ihre Baumwollzufuhr ausreichend und wohlfeiler
liefert als die Sklavenarbeit der Vereinigten Staaten, so ist mit dem amerikanischen
Baumwollmonopol auch die amerikanische Sklaverei gebrochen, und die Sklaven werden emanzipiert,
weil sie, als Sklaven, unbrauchbar geworden sind. Ganz ebenso wird die Lohnarbeit in Europa
abgeschafft werden, sobald sie nicht nur keine notwendige Form mehr für die Produktion ist,
sondern sogar eine Fessel für sie geworden ist.
Wenn der mit 1848 begonnene neue Zyklus der industriellen Entwicklung denselben Lauf verfolgt
wie der von 1843-47, würde die Krise im Jahr 1852
ausbrechen. Als ein Symptom, daß die aus der Überproduktion sich erzeugende
Überspekulation, die jeder Krise vorhergeht, nicht lange mehr ausbleiben kann, führen
wir hier an, daß der Diskonto der Bank von England seit zwei Jahren nicht höher als 3
p.c. steht. Wenn aber die Bank von England in Zeiten der Prosperität ihren Zinsfuß
niedrig hält, so müssen die übrigen Geldhändler den ihrigen noch niedriger
setzen, ebensogut wie sie ihn in Zeiten der Krise, wo die Bank den Zinsfuß bedeutend
erhöht, über dem der Bank halten. Das additionelle Kapital, das, wie wir oben sehen, in
Zeiten der Prosperität regelmäßig auf den Anleihemarkt geworfen wird, drückt
schon allein, nach den Gesetzen der Konkurrenz, den Zinsfuß bedeutend herab; in noch viel
größerem Maß aber verringert ihn der durch die allgemeine Prosperität enorm
gesteigerte Kredit, indem er die Nachfrage nach Kapital vermindert. Die Regierung ist in diesen
Epochen in den Stand gesetzt, den Zinsfuß ihrer fundierten Schulden herabzusetzen, und der
Grundbesitzer, seine Hypotheken zu günstigeren Bedingungen zu erneuern. Die Kapitalisten des
Anleihemarkts sehen so, in einer Zeit, wo das Einkommen aller andern Klassen steigt, das ihrige
sich um ein Drittel oder mehr vermindern. Je länger dieser Zustand dauert, desto mehr sind
sie genötigt, sich nach einer vorteilhafteren Anlage ihres Kapitals umzusehn. Die
Überproduktion ruft zahlreiche neue Projekte hervor, und das Gelingen einiger weniger davon
reicht hin, eine ganze Reihe von Kapitalien in dieselbe Richtung zu werfen, bis der Schwindel
nach und nach allgemein wird. Die Spekulation hat aber, wie wir sehen, in diesem Augenblick nur
zwei mögliche Hauptabzugskanäle: die Baumwollenkultur und die neuen
Weltmarktsverbindungen, die durch die Entwicklung von Kalifornien und Australien gegeben sind.
Man sieht, daß ihr Feld diesmal ungemein größere Dimensionen nehmen wird als in
irgendeiner früheren Prosperitätsperiode.
Werfen wir noch einen Blick auf die Lege der englischen Agrikulturdistrikte. Hier ist der
allgemeine Druck durch die Aufhebung der Kornzölle und die gleichzeitigen reichlichen Ernten
chronisch geworden, indes einigermaßen vermindert durch die bedeutend vermehrte Konsumtion
infolge der Prosperität. Dazu kommt, daß wenigstens die Ackerbauarbeiter bei niedrigen
Getreidepreisen sich immer in einer relativ besseren Lage befinden, obwohl diese Besserung in
England in geringerem Maße stattfindet als in den Ländern, wo die Parzellierung des
Grundbesitzes vorherrscht. Die Agitation der Protektionisten für Wiederherstellung der
Kornzölle geht unter diesen Umständen in den Ackerbaubezirken voran, obwohl in einer
dumpferen, versteckteren Weise als bisher. Es ist augenscheinlich, daß sie ohne alle
Bedeutung bleiben wird, solange die industrielle Prosperität und die relativ erträglichere Stellung der Landarbeiter dauert. Sobald aber
die Krise ausbricht und auf die Ackerbaubezirke zurückwirkt, wird die Depression der
Agrikultur auf dem Land eine ungemeine Aufregung hervorrufen. Zum erstenmal wird diesmal die
industrielle und kommerzielle Krise zusammen[fallen] mit einer Ackerbaukrise, und in allen
Fragen, in denen die Stadt und das Land, die Fabrikanten und die Grundbesitzer gegeneinander
ankämpfen, werden beide Parteien von zwei großen Armeen unterstützt werden: die
Fabrikanten von der Masse der industriellen, die Grundbesitzer von der Masse der
Agrikulturarbeiter.
Wir kommen jetzt zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die Krise von 1836,
die hier zuerst zum Ausbruch kam und am heftigsten wütete, dauerte fast ununterbrochen bis
1842 fort und hatte eine vollständige Umwälzung des amerikanischen Kreditsystems zur
Folge. Der Handel der Vereinigten Staaten erholte sich auf dieser solideren Grundlage, anfangs
freilich sehr langsam, bis von 1844 und 45 an die Prosperität auch hier bedeutend stieg.
Sowohl die Teurung wie die Revolutionen in Europa waren für Amerika nur Quellen des Gewinns.
Von 1845 bis 47 gewann es durch die enorme Kornausfuhr und durch die gesteigerten Baumwollpreise
von 1846. Von der Krise von 1847 wurde es nur wenig berührt. Im Jahr 1849 hatte es die
größte bisherige Baumwollernte, und im Jahr 1850 gewann es ungefähr 20 Mill.
Dollars durch den Ausfall der Baumwollernte, der mit dem neuen Aufschwung der europäischen
Baumwollindustrie zusammenfiel. Die Revolutionen von 1848 hatten eine große Auswandrung
europäischen Kapitals nach den Vereinigten Staaten zur Folge, das teils mit den Einwanderern
selbst ankam, teils in amerikanischen Staatspapieren von Europa aus angelegt wurde. Diese
vermehrte Nachfrage nach amerikanischen Fonds hat die Preise derselben so sehr gesteigert,
daß sich seit kurzem die Spekulation in New York mit großer Heftigkeit auf sie
geworfen hat. Wir bleiben also trotz aller Gegenversicherungen der reaktionären
Bourgeoispresse dabei, daß die einzige Staatsform, der unsre europäischen Kapitalisten
Vertrauen schenken, die bürgerliche Republik ist. Es gibt überhaupt nur einen
Ausdruck für das bürgerliche Vertrauen auf irgendeine Staatsform: ihre Notierung
an der Börse.
Die Prosperität der Vereinigten Staaten hob sich jedoch noch mehr durch andre Ursachen.
Das bewohnte Gebiet, der Markt der nordamerikanischen Union, dehnte sich nach zwei Seiten
hin mit überraschender Schnelligkeit aus. Die Vermehrung der Bevölkerung, sowohl durch
die Reproduktion im Innern wie durch die fortwährend gesteigerte Einwanderung, führte
zur Überwachung ganzer Staaten und Gebiete. Wisconsin und Iowa wurden in wenig Jahren
verhältnismäßig dicht bevölkert, und sämtliche Staaten des oberen Mississippigebiets erhielten bedeutenden Zuwachs an
Einwanderern. Die Ausbeutung der Minen am Oberen See und die steigende Kornproduktion des ganzen
Gebiets der Seen gab dem Handel und der Schiffahrt auf diesem System von großen
Binnenwassern einen neuen Aufschwung, der sich noch steigern wird durch einen Akt der letzten
Kongreßsession, worin dem Handel mit Kanada und Neuschottland große Erleichterungen
geboten werden. Während so die nordwestlichen Staaten eine ganz neue Bedeutung erlangt
haben, ist Oregon in wenig Jahren kolonisiert, Texas und Neu-Mexiko annexiert, Kalifornien
erobert worden. Die Entdeckung der kalifornischen Goldminen setzte der amerikanischen
Prosperität die Krone auf. Wir haben bereits im zweiten Heft
dieser "Revue", früher als irgendeine andre europäische Zeitschrift, auf die
Wichtigkeit dieser Entdeckung und ihrer notwendigen Folgen für den ganzen Welthandel
aufmerksam gemacht. Diese Wichtigkeit liegt nicht in der Vermehrung des Goldes durch die
neuentdeckten Minen, obwohl auch diese Vermehrung der Tauschmittel keineswegs ohne günstigen
Einfluß auf den allgemeinen Handel bleiben konnte. Sie liegt in dem Sporn, den der
mineralische Reichtum Kaliforniens den Kapitalien auf dem Weltmarkt gab, in der Tätigkeit,
worin die ganze amerikanische Westküste und die asiatische Ostküste versetzt wurde, in
dem neuen Absatzmarkt, der in Kalifornien und allen vom Einfluß Kaliforniens berührten
Ländern geschaffen wurde. Der kalifornische Markt allein ist schon bedeutend; vor einem Jahr
waren 100.000, jetzt sind mindestens 300.000 Menschen dort, die fast nichts produzieren als Gold
und gegen dieses Gold alle ihre Lebensbedürfnisse von fremden Märkten her eintauschen.
Aber der kalifornische Markt ist unbedeutend gegen die fortdauernde Ausdehnung aller Märkte
am Stillen Meer, gegen die auffallende Hebung des Handels in Chile und Peru, im westlichen
Mexiko, auf den Sandwichinseln und gegen den plötzlich entstandenen Verkehr Asiens und
Australiens mit Kalifornien. Durch Kalifornien sind ganz neue Weltstraßen nötig
geworden, Weltstraßen, die in kurzem alle andern an Bedeutung übertreffen müssen.
Der Haupthandelsweg nach dem Stillen Meere, das jetzt eigentlich erst aufgeschlossen ist und zum
wichtigsten Ozean der Welt wird, geht von jetzt an über den Isthmus von Panama. Die
Herstellung der Verbindungen auf diesem Isthmus durch Straßen, Eisenbahnen, Kanäle ist
jetzt dringendstes Bedürfnis für den Welthandel geworden und stellenweise schon in
Angriff genommen. Die Eisenbahn von Chagres nach Panama wird schon gebaut. Eine amerikanische
Kompanie läßt das Flußgebiet des San Juan de Nicaragua vermessen, um an dieser
Stelle die beiden Meere zunächst durch eine
Überlandroute und dann durch einen Kanal zu verbinden. Andre Routen, die über den
Isthmus von Darien, die Atrato-Route in Neu-Granada, die über den Isthmus von Tehuantepac,
werden in englischen und amerikanischen Blättern diskutiert. Bei der jetzt plötzlich
enthüllten Unwissenheit, worin sich die ganze zivilisierte Welt über die
Terrainverhältnisse Zentralamerikas befindet, ist es unmöglich zu bestimmen, welche
Route für einen großen Kanal die vorteilhafteste ist; nach den wenigen bekannten Daten
bieten die Atrato-Route und der Weg über Panama die meisten Chancen. Im Anschluß an
die Kommunikationen über den Isthmus ist die schleunige Ausdehnung der ozeanischen
Dampfschiffahrt ebenso dringend geworden. Schon fahren Dampfschiffe zwischen Southampton und
Chagres, New York und Chagres, Valparaiso, Lima, Panama, Acapulco und San Franzisco; aber diese
wenigen Linien mit ihrer geringen Anzahl Dämpfer reichen bei weitem nicht aus. Die
Vermehrung der Dampfschiffahrt zwischen Europa und Chagres wird täglich nötiger, und
der wachsende Verkehr zwischen Asien, Australien und Amerika verlangt neue, großartige
Dampfschiffslinien von Panama und San Franzisco nach Kanton, Singapore, Sydney, Neuseeland und
der wichtigsten Station des Stillen Meers, den Sandwichinseln. Australien und Neuseeland
besonders haben von allen Gebieten des Stillen Meers, sowohl durch den raschen Fortschritt der
Kolonisation wie durch den Einfluß von Kalifornien, sich am meisten gehoben und wollen
keinen Augenblick länger durch eine vier- bis sechsmonatliche Segelfahrt von der
zivilisierten Welt getrennt sein. Die Gesamtbevölkerung der australischen Kolonien
(außer Neuseeland) stieg von 170.676 (1839) auf 333.764 im Jahr 1848, vermehrte sich also
in neun Jahren um 951/2 p.c. England
selbst kann diese Kolonien nicht ohne Dampfschiffsverbindung lassen; die Regierung unterhandelt
in diesem Moment wegen einer Linie im Anschluß an die ostindische Überlandpost, und ob
diese zustande komme oder nicht, so wird das Bedürfnis der Dampfverbindung mit Amerika und
besonders Kalifornien, wohin im vorigen Jahr 3.500 Auswanderer aus Australien gingen, sich bald
selbst Abhülfe schaffen. Man kann wirklich sagen, daß die Welt erst rund zu werden
anfängt, seit die Notwendigkeit dieser universellen ozeanischen Dampfschiffahrt vorhanden
ist.
Diese bevorstehende Ausdehnung der Dampfschiffahrt wird noch vergrößert werden
durch die bereits erwähnte Eröffnung der holländischen Kolonien und durch die
Vermehrung der Schraubendampfschiffe, mit denen, wie sich mehr und mehr herausstellt, Auswanderer
rascher, verhältnismäßig wohlfeiler und vorteilhafter zu befördern sind als
auf Segelschiffen. Außer den Schraubendämpfern, die schon von Glasgow und Liverpool
nach New York gehn, sollen neue auf die Linie gebracht und
soll eine Linie zwischen Rotterdam und New York errichtet werden. Wie sehr überhaupt das
Kapital gegenwärtig die Tendenz hat, sich auf die ozeanische Dampfschiffahrt zu werfen,
beweist die fortwährende Vermehrung der zwischen Liverpool und New York fahrenden
Konkurrenzdämpfer, die Errichtung ganz neuer Linien von England nach dem Kap und von New
York nach Le Havre, eine ganze Reihe von ähnlichen Projekten, die jetzt in New York
kolportiert werden.
In dieser Richtung des Kapitals auf die überseeische Dampfschiffahrt und auf die
Kanalisation des amerikanischen Isthmus ist bereits der Grund gelegt zur Überspekulation auf
diesem Gebiet. Das Zentrum dieser Spekulation ist notwendig New York, das die größte
Masse des kalifornischen Goldes erhält, das den Haupthandel nach Kalifornien schon an sich
gezogen hat und überhaupt für ganz Amerika dieselbe Rolle spielt wie London für
Europa. New York ist bereits das Zentrum der gesamten transatlantischen Dampfschiffahrt; die
sämtlichen Dampfschiffe des Stillen Meers gehören New-Yorker Kompanien, und fast alle
neuen Projekte in dieser Branche gehen von New York aus. Die Spekulation in überseeischen
Dampfschiffslinien hat in New York bereits begonnen; die Nicaragua-Kompanie, von New York
ausgegangen, ist ebenso der Anfang der Spekulation auf die Isthmuskanäle. Die
Überspekulation wird sich sehr bald entwickeln, und wenn auch englisches Kapital massenhaft
in alle derartigen Unternehmungen eintreten, wenn auch die Londoner Börse mit ähnlichen
Projekten aller Art überführt werden wird, so bleibt doch New York diesmal das Zentrum
des ganzen Schwindels und wird, wie 1836, zuerst seinen Zusammenbruch erleben. Zahllose Projekte
werden zugrunde gehn, aber wie 1845 das englische Eisenbahnsystem, so wird diesmal wenigstens der
Umriß einer universellen Dampfschiffahrt aus der Überspekulation hervorgehn.
Wie viele Gesellschaften auch fallieren, die Dampfschiffe, die den atlantischen Verkehr
verdoppeln, die das Stille Meer aufschließen, die Australien, Neuseeland, Singapore, China
mit Amerika verbinden und die Reise um die Welt auf die Dauer von vier Monaten reduzieren, werden
bleiben.
Die Prosperität Englands und Amerikas wirkte bald auf den europäischen Kontinent
zurück. Schon im Sommer 1849 waren in Deutschland die Fabriken, besonders der
Rheinprovinz, wieder ziemlich beschäftigt, und seit Ende 1849 war die Wiederbelebung des
Geschäfts allgemein. Diese erneuerte Prosperität, die unsre deutschen Bürger
naiverweise der Herstellung der Ruhe und Ordnung zuschreiben, beruht in der Wirklichkeit einzig
auf der erneuerten Prosperität in England und der vermehrten Nachfrage nach
Industrieprodukten auf den amerikanischen und tropischen Märkten. Im Jahre 1850 hoben sich Industrie und Handel noch mehr; gerade wie in England trat
ein momentaner Überfluß an Kapital und eine außerordentliche Erleichterung auf
dem Geldmarkt ein, und die Berichte über die Frankfurter und Leipziger Herbstmessen lauten
im höchsten Grade befriedigend für die beteiligten Bourgeois. Die
schleswig-holsteinschen und kurhessischen Wirren, die Unionsstreitigkeiten und die drohenden
Noten Östreichs und Preußens haben die Entwicklung aller dieser Symptome der
Prosperität keinen Augenblick aufhalten können, wie dies auch der "Economist" mit
spöttischer Cockney-Überlegenheit bemerkt.
Dieselben Symptome zeigten sich in Frankreich seit 1849 und besonders seit Anfang 1850.
Die Pariser Industrien sind vollauf beschäftigt, und auch die Baumwollfabriken von Rouen und
Mülhausen gehn ziemlich gut, obwohl hier die hohen Preise des Rohstoffs, wie in England,
hemmend eingewirkt haben. Die Entwicklung der Prosperität in Frankreich wurde zudem
besonders befördert durch die umfassende Zollreform in Spanien und durch die Herabsetzung
der Zölle auf verschiedene Luxusartikel in Mexiko; nach beiden Märkten hat die Ausfuhr
französischer Waren bedeutend zugenommen. Die Vermehrung der Kapitalien führte in
Frankreich zu einer Reihe von Spekulationen, denen die Ausbeutung der kalifornischen Goldminen
auf großem Fuß zum Vorwand diente. Eine Menge von Gesellschaften tauchte auf, deren
niedrige Aktienbeträge und deren sozialistisch gefärbte Prospekte direkt an den
Geldbeutel der Kleinbürger und Arbeiter appellieren, die aber samt und sonders auf jene
reine Prellerei hinauslaufen, welche den Franzosen und Chinesen allein eigentümlich ist.
Eine dieser Gesellschaften wird sogar direkt von der Regierung protegiert. Die Einfuhrzölle
in Frankreich in den ersten neun Monaten betrugen 1848 - 63 Mill. frs., 1849 - 95 Mill. frs. und
1850 -93 Mill. frs. Sie stiegen übrigens im Monat September 1850 wieder um mehr als eine
Million gegen den gleichen Monat 1849. Die Ausfuhr ist ebenfalls 1849 und noch mehr 1850
gestiegen.
Der schlagendste Beweis der wiederhergestellten Prosperität ist die Wiedereinführung
der Barzahlungen der Bank durch das Gesetz vom 6. August 1850. Am 15. März 1848 war die Bank
bevollmächtigt worden, ihre Barzahlungen einzustellen. Ihre Notenzirkulation, mit
Einschluß der Provinzialbanken, betrug damals 373 Mill. frs. (14.920.000 Pfd.St.). Am 2.
Nov. 1849 betrug diese Zirkulation 482 Mill. frs. oder 19.280.000 Pfd.St.; Zuwachs von 4.360.000
Pfd.St., und am 2. Sept. 1850 - 496 Mill. frs. oder 19.840.000 Pfd.St.; Zuwachs von etwa 5 Mill.
Pfd.St. Es trat dabei keine Depreziation der Noten ein; umgekehrt, die vermehrte Zirkulation der
Noten war begleitet von beständig wachsender Aufhäufung von Gold und Silber in den
Kellern der Bank, so daß im Sommer 1850 der Barvorrat
sich auf ungefähr 14 Mill. Pfd.St. belief, eine in Frankreich unerhörte Summe.
Daß die Bank so in den Stand gesetzt wurde, ihre Zirkulation und damit ihr tätiges
Kapital um 123 Mill. frs. oder 5 Mill. Pfd.St. zu erhöhen, beweist schlagend, wie richtig
unsre Behauptung in einem früheren Heft war, daß die
Finanzaristokratie durch die Revolution nicht nur nicht gestürzt, sondern sogar noch
verstärkt worden ist. Noch augenscheinlicher wird dies Resultat durch folgende
Übersicht über die französische Bankgesetzgebung der letzten Jahre. Am 10. Juni
1847 wurde die Bank bevollmächtigt, Noten von 200 frs. auszugeben; die niedrigste Note war
bisher 500 frs. Ein Dekret vom 15. März 1848 erklärte die Noten der Bank von Frankreich
für gesetzliche Münze und enthob die Bank der Verpflichtung, sie gegen bar
einzulösen. Ihre Notenausgabe wurde beschränkt auf 350 Mill. frs. Sie wurde
gleichzeitig bevollmächtigt, Noten von 100 frs. auszugeben. Ein Dekret vom 27. April
verfügte die Verschmelzung der Departementalbanken mit der Bank von Frankreich; ein andres
Dekret vom 2. Mai 1848 erhöhte ihre Notenausgabe auf 452 Mill. frs. Ein Dekret vom 22.
Dezember 1849 steigerte das Maximum der Notenausgabe auf 525 Mill. frs. Endlich führte das
Gesetz vom 6. August 1850 die Austauschbarkeit der Noten gegen Geld wieder ein. Diese Tatsachen,
die fortwährende Steigerung der Zirkulation, die Konzentration des ganzen französischen
Kredits in den Händen der Bank und die Anhäufung alles französischen Goldes und
Silbers in den Bankgewölben, führten Herrn Proudhon zu dem Schluß, daß die
Bank jetzt ihre alte Schlangenhaut abstreifen und sich in eine Proudhonsche Volksbank
metamorphosieren müsse. Er brauchte nicht einmal die Geschichte der englischen
Bankrestriktion von 1797-1819 zu kennen, er brauchte nur seinen Blick über den Kanal zu
richten, um zu sehen, daß dies für ihn in der Geschichte der bürgerlichen
Gesellschaft unerhörte Faktum weiter nichts war, als ein höchst normales
bürgerliches Ereignis, das jetzt nur in Frankreich zum erstenmal eintrat. Man sieht,
daß die angeblich revolutionären Theoretiker, die nach der provisorischen Regierung in
Paris das große Wort führten, ebenso unwissend waren über die Natur und die
Resultate der ergriffenen Maßregeln wie die Herren von der provisorischen Regierung
selbst.
Trotz der industriellen und kommerziellen Prosperität, deren sich Frankreich momentan
erfreut, laboriert die Masse der Bevölkerung, die 25 Millionen Bauern, an großer
Depression. Die guten Ernten der letzten Jahre haben die Getreidepreise in Frankreich noch viel
tiefer gedrückt als in England, und die Stellung verschuldeter, vom Wucher ausgesogner und
von Steuern gedrückter Bauern kann dabei nichts
weniger als glänzend sein. Die Geschichte der letzten drei Jahre hat indes zur Genüge
bewiesen, daß diese Klasse der Bevölkerung durchaus keiner revolutionären
Initiative fähig ist.
Wie die Periode der Krise später eintritt auf dem Kontinent als in England, so die der
Prosperität. In England findet stets der ursprüngliche Prozeß statt; es ist der
Demiurg des bürgerlichen Kosmos. Auf dem Kontinent treten die verschiedenen Phasen des
Zyklus, den die bürgerliche Gesellschaft immer von neuem durchläuft, in sekundärer
und tertiärer Form ein. Erstens führte der Kontinent nach England
unverhältnismäßig mehr aus als nach irgendeinem andern Land. Diese Ausfuhr nach
England hängt aber wieder ab von dem Stand Englands, besonders zum überseeischen Markt.
Dann führt England nach den überseeischen Ländern
unverhältnismäßig mehr aus als der gesamte Kontinent, so daß die
Quantität des kontinentalen Exports nach diesen Ländern immer abhängig ist von der
jedesmaligen überseeischen Ausfuhr Englands. Wenn daher die Krisen zuerst auf dem Kontinent
Revolutionen erzeugen, so ist doch der Grund derselben stets in England gelegt. In den
Extremitäten des bürgerlichen Körpers muß es natürlich eher zu
gewaltsamen Ausbrüchen kommen als in seinem Herzen, da hier die Möglichkeit der
Ausgleichung größer ist als dort. Andrerseits ist der Grad, worin die kontinentalen
Revolutionen auf England zurückwirken, zugleich der Thermometer, an dem es sich zeigt,
inwieweit diese Revolutionen wirklich die bürgerlichen Lebensverhältnisse in Frage
stellen, oder wieweit sie nur ihre politischen Formationen treffen.
Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen
Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen
Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer wirklichen Revolution keine
Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese beiden
Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen
Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten. Die verschiedenen
Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsentanten der einzelnen Fraktionen der
kontinentalen Ordnungspartei ergehn und gegenseitig kompromittieren, weit entfernt zu neuen
Revolutionen Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die Grundlage der
Verhältnisse momentan so sicher und, was die Reaktion nicht weiß, so
bürgerlich ist. An ihr werden alle die bürgerliche Entwickelung aufhaltenden
Reaktionsversuche ebensosehr abprallen wie alle sittliche Entrüstung und alle begeisterten
Proklamationen der Demokraten. Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer
neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.
Wir kommen jetzt zu den politischen Ereignissen der
letzten sechs Monate. Für England ist die Zeit der Prosperität jedesmal die
Blütezeit des Whigtums, das in dem kleinsten Mann des Königreichs, Lord John Russell,
seine angemessene Inkarnation besitzt. Das Ministerium bringt kleine Winkelreformvorschläge
ins Parlament, von denen es weiß, daß sie im Oberhaus durchfallen, oder die es am
Ende der Session unter dem Vorwand mangelnder Zeit selbst zurücknimmt. Der Mangel an Zeit
ist denn immer motiviert durch den vorhergehenden Überfluß an Langweile und leerem
Gerede, dem der Sprecher möglichst spät durch die Bemerkung Einhalt tut, das sei keine
Frage vor dem Hause. Der Kampf zwischen Freetradern und Protektionisten artet in solchen Zeiten
in reinen Humbug aus. Die Masse der Freetrader ist mit der materiellen Ausbeutung des freien
Handels zu beschäftigt, um Zeit oder Lust zu haben, seine politischen Konsequenzen weiser zu
erkämpfen; die Protektionisten sind dem Aufschwung der städtischen Industrie
gegenüber auf burleske Jeremiaden und Drohungen angewiesen. Die Parteien führen den
Krieg bloß anstandshalber weiter, um einander stets in Erinnerung zu halten. Vor der
letzten Session erhoben die industriellen Bourgeois einen gewaltigen Lärm im Interesse der
Finanzreform; im Parlament selbst beschränkten sie sich auf theoretische Expostulationen.
Vor der Session wiederholte Herr Cobden bei Gelegenheit der russischen Anleihe dem Zar seine
Kriegserklärung und wußte nicht Sarkasmen genug auf den großen Petersburger
Pauper zu häufen; sechs Monate nachher sank er schon herab zu der skandalösen Farce des
Friedenskongresses, der kein andres Resultat hatte, als daß ein Ojibway-Indianer zum
großen Entsetzen des auf der Tribüne anwesenden Herrn Haynau dem Herrn Jaup eine
Friedenspfeife einhändigte und daß der Yankee-Mäßigkeitsschwindler Elihu
Burritt nach Schleswig-Holstein und Kopenhagen ging, um die betreffenden Regierungen seiner
wohlmeinenden Absichten zu versichern. Als ob der ganze schleswig-holsteinische Krieg je eine
ernsthafte Wendung nehmen könnte, solange Herr von Gagern sich dabei beteiligt und Venedey
nicht!
Die eigentliche, große politische Frage der verflossenen Session war die griechische
Debatte. Die gesamte absolutistische Reaktion des Kontinents hatte mit den englischen Tories
eine Koalition zum Sturz Palmerstons gebildet. Louis-Napoleon hatte sogar den französischen
Gesandten aus London abberufen, ebensosehr um dem Zar Nikolaus als um der französischen
Nationaleitelkeit zu schmeicheln. Die ganze Nationalversammlung applaudierte fanatisch diesem
kühnen Bruch mit der traditionellen englischen Allianz. Die Sache gab Herrn Palmerston
Gelegenheit, sich im Unterhaus als den Champion der bürgerlichen Freiheit von ganz Europa
hinzustellen; er erhielt eine Majorität von 46
Stimmen, und das Resultat der ebenso ohnmächtigen wie albernen Koalition war die
Nichterneuerung der Alien Bill.
Wenn Palmerston in seiner Manifestation gegen Griechenland und seiner Parlamentsrede der
europäischen Reaktion bürgerlich-liberal gegenübertrat, so benutzte das englische
Volk die Anwesenheit des Herrn Haynau in London zu einer schlagenden Manifestation
seiner auswärtigen Politik.
Wurde der militärische Repräsentant Östreichs vom Volk durch die Straßen
Londons gehetzt, so erlebte Preußen in seinem diplomatischen Repräsentanten ein seiner
Stellung ebenso angemessenes Unglück. Man erinnert sich, wie die komischste Figur Englands,
der schwatzhafte Literatus Brougham, den Literatus Bunsen wegen taktlos-zudringlichen
Betragens unter dem allgemeinen Gelächter sämtlicher Ladies von den Galerien des
Oberhauses entfernte. Herr Bunsen nahm, ganz im Geist der von ihm repräsentierten
Großmacht, diese Demütigung gelassen hin. Er wird überhaupt nicht aus England
fortgehn, widerfahre ihm was da wolle. Er ist durch seine ganzen Privatinteressen an England
gebunden; er wird fortfahren, seinen diplomatischen Posten zur Spekulation in englischer Religion
zu exploitieren und seine Söhne in der englischen Kirche, seine Töchter in irgendeiner
Abstufung der englischen Gentry unterzubringen.
Der Tod Sir Robert Peels trug wesentlich dazu bei, die Auflösung der alten
Parteien zu beschleunigen. Die Partei, die seit 1845 seine Hauptstütze bildete, die sog.
Peeliten, sind seitdem vollständig zerfallen. Peel selbst ist seit seinem Tode fast von
allen Parteien in der überschwenglichsten Weise als der größte Staatsmann
Englands apotheosiert worden. Er hat allerdings das vor den kontinentalen "Staatsmännern"
voraus, daß er kein bloßer Stellenjäger war. Im übrigen bestand die
Staatsmannschaft dieses zum Führer der Grundaristokratie emporgekommenen Bourgeoissohnes in
der Einsicht, daß es heutzutage nur <In der "Revue": und> noch eine wirkliche
Aristokratie gebe, nämlich die Bourgeoisie. In diesem Sinn benutzte er seine
Führerschaft der Grundaristokratie fortwährend, um ihr Konzessionen an die Bourgeoisie
abzunötigen. So in der katholischen Emanzipation und der Reform der Polizei, wodurch er die
politische Macht der Bourgeoisie vermehrte; in den Bankgesetzen von 1818 und 1844 die die
Finanzaristokratie stärkten; in der Tarifreform von 1842 und den Freihandelsgesetzen von
1846, wodurch die Grundaristokratie geradezu der industriellen Bourgeoisie geopfert wurde. Die
zweite Grundsäule der Aristokratie, der "eiserne Herzog" <Wellington>, der Held von
Waterloo, stand dem Baumwollritter Peel als enttäuschter Don Quijote getreulich zur Seite. Seit 1845 wurde Peel von der Tory-Partei als Verräter
behandelt. Die Macht Peels über das Unterhaus beruhte auf der ungemeinen
Plausibilität seiner Beredsamkeit. Man lese seine berühmtesten Reden, und man
wird finden, daß sie aus einer massenhaften Anhäufung von Gemeinplätzen bestehn,
zwischen denen eine Anzahl statistischer Daten geschickt gruppiert sind. Fast alle Städte
von England wollen dem Abschaffer der Kornzölle Denkmäler setzen. Ein chartistisches
Blatt bemerkte, mit Anspielung auf die durch Peel 1829 ausgebildete Polizei: Was sollen uns alle
diese Peel-Monumente? Jeder Polizeidiener in England und Irland ist ein lebendiges
Peel-Monument.
Das letzte Ereignis, das in England Aufsehen erregte, ist die Ernennung des Herrn
Wiseman zum Kardinalerzbischof von Westminster und die Einteilung von England in
dreizehn katholische Bistümer durch den Papst. Dieser für die englische Kirche sehr
überraschende Schritt des Statthalters Christi ist ein neuer Beweis von der Illusion, der
sich die ganze kontinentale Reaktion hingibt, als ob mit den Siegen, die sie im Dienst der
Bourgeoisie neuerdings erfochten, nun auch die Herstellung der ganzen
feudalistisch-absolutistischen Gesellschaftsordnung mit ihrem ganzen religiösen Zubehör
von selbst erfolgen müsse. Der Katholizismus hat seine einzige Stütze in England an den
beiden Extremen der Gesellschaft, der Aristokratie und dem Lumpenproletariat. Das
Lumpenproletariat, der irische oder von Irländern abstammende Mob ist katholisch durch seine
Abstammung. Die Aristokratie hat mit dem Puseyismus solange fashionable Koketterie getrieben, bis
endlich selbst der Übertritt zur katholischen Kirche anfing, Mode zu werden. In einer Zeit,
wo die englische Aristokratie durch den Kampf gegen die fortschreitende Bourgeoisie immer mehr
zur Herauskehrung ihres feudalen Charakters gedrängt wurde, mußten natürlich auch
die religiösen Ideologen der Aristokratie, die orthodoxen Theologen der Hochkirche, im Kampf
mit den Theologen der bürgerlichen Dissenterreligion mehr und mehr gezwungen werden, die
Konsequenzen ihres halbkatholischen Dogmas und Ritus anzuerkennen, mußte sogar der
Übertritt einzelner reaktionärer Anglikaner zur ursprünglichen,
alleinseligmachenden Kirche immer häufiger werden. Diese unbedeutenden Erscheinungen
brachten in den Köpfen englischer katholischer Geistlicher die sanguinsten Hoffnungen auf
die baldige Bekehrung von ganz England hervor. Die neue Bulle des Papstes, die England schon
wieder als römische Provinz behandelt und die dieser Tendenz zur Bekehrung einen neuen
Aufschwung geben sollte, bringt indes gerade die umgekehrte Wirkung hervor. Die Puseyiten,
plötzlich mit den ernsthaften Konsequenzen ihrer mittelalterlichen Spielereien konfrontiert,
fahren entsetzt zurück, und der puseyitische Bischof
von London hat sofort eine Erklärung erlassen, worin er seine sämtlichen Irrtümer
widerruft und dem Papsttum den Krieg auf Leben und Tod erklärt. - Für die Bourgeoisie
hat die ganze Komödie nur insoweit Interessen, als sie ihr Gelegenheit zu neuen Angriffen
gegen die Hochkirche und ihre Universitäten gibt. Die Untersuchungskommission, die über
die Lage der Universitäten Bericht zu erstatten hat, wird in der nächsten Session
heftige Debatten hervorrufen. Die Masse des Volks interessiert sich natürlich nicht, weder
für noch gegen den Kardinal Wiseman. Den Zeitungen dagegen liefert er bei der jetzigen
Dürre an Neuigkeiten willkommnen Stoff zu langen Artikeln und heftigen Diatriben gegen Pio
Nono <Pius IX.>. Die "Times" verlangte sogar, die Regierung solle zur Strafe seiner
Übergriffe eine Insurrektion im Kirchenstaat erregen und Herrn Mazzini und die italienische
Emigration gegen ihn loslassen. Der "Globe", das Organ Palmerstons, stellte eine höchst
witzige Parallele zwischen der Bulle des Papstes und dem letzten Manifest Mazzinis an. Der Papst,
sagte er, reklamiert eine geistliche Suprematie über England und ernennt Bischöfe in
partibus infidelium. Hier in London sitzt eine italienische Regierung in partibus infidelium, an
deren Spitze der Antipapst Herr Mazzini steht. Die Suprematie, die Herr Mazzini in den
päpstlichen Staaten nicht nur reklamiert, sondern wirklich ausübt, ist dermalen
ebenfalls rein geistlicher Natur. Die Bullen des Papstes sind rein religiösen Inhalts; die
Manifeste Mazzinis ebenfalls. Sie predigen eine Religion, sie appellieren an den Glauben, sie
haben zum Motto: Dio ed il popolo, Gott und das Volk. Wir fragen, gibt es zwischen den
Ansprüchen beider einen andern Unterschied als den, daß Herr Mazzini wenigstens die
Religion der Majorität des Volks vertritt, zu dem er spricht - denn es gibt fast keine andre
Religion mehr in Italien als die des Dio ed il popolo -, der Papst aber nicht? Mazzini hat
übrigens diese Gelegenheit benutzt, um einen Schritt weiterzugehn. Er hat nämlich in
Gemeinschaft mit den übrigen Mitgliedern des italienischen Nationalkomitees jetzt von London
aus die Anleihe von 10 Mill. frs., die die römische Konstituante bewilligt hatte, in Aktien
von 100 frs. ausgeschrieben, und zwar geradezu, um Waffen und Kriegsbedarf anzuschaffen. Es
läßt sich nicht leugnen, daß diese Anleihe mehr Chance hat als die gescheiterte
freiwillige Anleihe der östreichischen Regierung in der Lombardei. -
Ein wirklich ernsthafter Schlag, den England in der letzten Zeit gegen Rom und Östreich
geführt hat, ist sein Handelsvertrag mit Sardinien. Dieser Vertrag sprengt das
östreichische Projekt eines italienischen Zollvereins und sichert dem englischen Handel und der englischen bürgerlichen
Politik ein bedeutendes Terrain in Oberitalien.
Die bisherige Organisation der Chartistenpartei ist ebenfalls in der Auflösung begriffen.
Die Kleinbürger, die sich noch in der Partei befinden, verbunden mit der Aristokratie der
Arbeiter, bilden eine rein demokratische Fraktion, deren Programm sich auf die Volkscharte und
einige andre kleinbürgerliche Reformen beschränkt. Die Masse der in wirklich
proletarischen Verhältnissen lebenden Arbeiter gehört der revolutionären
Chartistenfraktion an. An der Spitze der ersten steht Feargus O'Connor, an der Spitze der
zweiten Julian Harney und Ernest Jones. Der alte O'Connor, ein irischer Squire und
angeblicher Abkömmling der alten Könige von Munster, ist trotz seiner Abstammung und
seiner politischen Richtung ein echter Repräsentant von Altengland. Er ist seiner ganzen
Natur nach konservativ und hat einen höchst determinierten Haß sowohl gegen den
industriellen Fortschritt wie gegen die Revolution. Seine sämtlichen Ideale sind durch und
durch patriarchalisch-kleinbürgerlich. Er vereinigt in sich eine unaussprechliche Menge von
Widersprüchen, die in einem gewissen platten common sense <gesunden Menschenverstand>
ihre Erledigung und Harmonie finden und die ihn eben befähigen, jahraus, jahrein seine
wöchentlichen ellenlangen Briefe im "Northern Star" zu schreiben, von denen immer der
nächste mit dem vorhergehenden in offenem Hader liegt. Gerade deswegen behauptet O'Connor
auch, der konsequenteste Mann in den drei Reichen zu sein und alle Ereignisse seit zwanzig Jahren
vorhergesagt zu haben. Seine Schultern, seine brüllende Stimme, seine enorme
Geschicklichkeit im Boxen, mit der er einmal den Nottinghamer Markt gegen mehr als zwanzigtausend
Menschen behauptet haben soll - alles das gehört wesentlich zu dem Repräsentanten
Altenglands. Es ist klar, daß ein Mann wie O'Connor in einer revolutionären Bewegung
ein großes Hindernis sein muß; aber solche Leute dienen eben dazu, daß mit
ihnen und an ihnen eine Menge von alteingewurzelten Vorurteilen sich abarbeiten und daß die
Bewegung, wenn sie diese Leute schließlich überwindet, auch die von ihnen
repräsentierten Vorurteile ein für allemal los ist. O'Connor wird in der Bewegung
zugrunde gehn, aber er wird darum ebensosehr auf den Titel eines "Märtyrers der guten Sache"
Anspruch machen können wie die Herren Lamartine und Marrast.
Der Hauptkollisionspunkt der beiden Chartistenfraktionen ist die Landfrage. O'Connor und seine
Partei wollen die Charte dazu benutzen, einen Teil der Arbeiter auf kleinen Parzellen Land
unterzubringen und schließlich die Parzellierung in England allgemein zu machen. Man
weiß, wie sein Ver such, diese Parzellierung durch
eine Aktiengesellschaft im Kleinen einzurichten, gescheitert ist. Die Tendenz jeder
bürgerlichen Revolution: das große Grundeigentum zu zerschlagen, konnte den englischen
Arbeitern diese Parzellierung eine Zeitlang als etwas Revolutionäres erscheinen lassen,
obwohl sie regelmäßig ergänzt wird durch die unfehlbare Tendenz des kleinen
Eigentums, sich zu konzentrieren und vor der großen Agrikultur zugrunde zu gehn. Die
revolutionäre Fraktion der Chartisten hält dieser Forderung der Parzellierung die
Forderung der Konfiskation des gesamten Grundeigentums entgegen und verlangt, daß es nicht
verteilt werden, sondern Nationaleigentum bleiben soll.
Trotz dieser Spaltung und der Aufstellung extremerer Forderungen ist den Chartisten doch aus
der Erinnerung an die Umstände, unter denen die Abschaffung der Korngesetze durchging, die
Ahnung geblieben, daß sie in der nächsten Krise wieder mit den industriellen
Bourgeois, den Finanzreformern zusammengehn und diesen ihre Feinde niederschlagen helfen,
dafür sich aber Konzessionen von ihnen erzwingen müssen. Dies wird allerdings die
Stellung der Chartisten in der bevorstehenden Krise sein. Die eigentliche revolutionäre
Bewegung kann in England erst anfangen, wenn die Charte durchgesetzt ist, gerade wie in
Frankreich die Junischlacht erst möglich wurde, als die Republik erobert war.
Gehen wir nun nach Frankreich über.
Der Sieg, den das Volk in Verbindung mit den Kleinbürgern in den Wahlen vom 10. März
errungen hatte, wurde von ihm selbst annulliert, indem es die neue Wahl vom 28. April
provozierte. Vidal war, außer in Paris, auch im Niederrhein gewählt. Das Pariser
Komitee, in dem die Montagne und die Kleinbürgerschaft stark vertreten waren,
veranlaßte ihn, für den Niederrhein zu akzeptieren. Der Sieg vom 10. März
hörte auf ein entscheidender zu sein; der Termin der Entscheidung wurde abermals
hinausgeschoben, die Spannkraft des Volks wurde erschlafft, es wurde an legale Triumphe
gewöhnt statt der revolutionären. Der revolutionäre Sinn des 10. März, die
Rehabilitierung der Juniinsurrektion, wurde endlich vollständig vernichtet durch die
Kandidatur Eugène Sues, des sentimental-kleinbürgerlichen Sozialphantasten, die das
Proletariat höchstens als einen Witz, den Grisetten zu Gefallen akzeptieren konnte. Dieser
wohlmeinenden Kandidatur gegenüber stellte die Ordnungspartei, kühner geworden durch
die schwankende Politik der Gegner, einen Kandidaten auf, der den Junisieg
repräsentieren sollte. Dieser komische Kandidat war der spartanische Familienvater Leclerc,
dem indes die heroische Rüstung durch die Presse Stück für Stück vom Leibe
gerissen wurde und der bei der Wahl auch eine glänzende Niederlage erlebte. Der neue
Wahlsieg am 25. April machte die Montagne und die
Kleinbürgerschaft übermütig. Sie frohlockte schon in dem Gedanken, auf rein
legalem Wege und ohne durch eine neue Revolution das Proletariat wieder in den Vordergrund zu
schieben, am Ziel ihrer Wünsche ankommen zu können; sie rechnete fest darauf, bei den
neuen Wahlen von 1852 durch das allgemeine Stimmrecht Herrn Ledru-Rollin in den
Präsidentenstuhl und eine Majorität von Montagnards in die Versammlung zu bringen. Die
Ordnungspartei, durch die Erneuerung der Wahl, durch die Kandidatur Sues und durch die Stimmung
der Montagne und Kleinbürgerschaft vollkommen sichergestellt, daß diese unter allen
Umständen entschlossen seien, ruhig zu bleiben, antwortete auf die beiden Wahlsiege mit dem
Wahlgesetz, das das allgemeine Stimmrecht abschaffte.
Die Regierung hütete sich wohl, diesen Gesetzvorschlag auf ihre eigne Verantwortlichkeit
hin zu machen. Sie machte der Majorität eine scheinbare Konzession, indem sie den
Großwürdenträgern dieser Majorität, den siebzehn Burggrafen, seine
Ausarbeitung übertrug. Nicht die Regierung schlug also der Versammlung, die Majorität
der Versammlung schlug sich selbst die Aufhebung des allgemeinen Stimmrechts vor.
Am 8. Mai wurde das Projekt in die Kammer gebracht. Die ganze sozial-demokratische Presse
erhob sich wie ein Mann, um dem Volk würdevolle Haltung, calme majestueux
<majestätische Ruhe>, Passivität und Vertrauen auf seine Vertreter zu predigen.
Jeder Artikel dieser Journale war ein Geständnis, daß eine Revolution vor allem die
sog. revolutionäre Presse vernichten müsse und daß es sich also jetzt um ihre
Selbsterhaltung handle. Die angeblich revolutionäre Presse verriet ihr ganzes Geheimnis. Sie
unterzeichnete ihr eignes Todesurteil.
Am 21. Mai brachte die Montagne die vorläufige Frage zur Debatte und trug auf Verwerfung
des ganzen Projekts an, weil es die Verfassung verletze. Die Ordnungspartei antwortete, man werde
die Verfassung verletzen, wenn es nötig sei, man brauche es jetzt indes nicht, weil die
Verfassung jeder Deutung fähig sei und weil die Majorität über die richtige
Deutung allein kompetent entscheide. Den zügellos wilden Angriffen von Thiers und
Montalembert setzte die Montagne einen anständigen und gebildeten Humanismus entgegen. Sie
berief sich auf den Rechtsboden; die Ordnungspartei verwies sie auf den Boden, worauf das Recht
wächst, auf das bürgerliche Eigentum. Die Montagne wimmerte: Ob man denn wirklich mit
aller Gewalt Revolutionen heraufbeschwören wolle? Die Ordnungspartei erwiderte: Man werde
sie abwarten.
Am 22. Mai wurde die vorläufige Frage erledigt mit 462 gegen 227 Stimmen. Dieselben
Männer, die mit so feierlicher Gründlichkeit bewiesen hatten, daß die Nationalversammlung und jeder einzelne Deputierte
abdanke, wenn er das Volk, seinen Vollmachtgeber, abdanke, harrten auf ihren Sitzen aus, suchten
nun plötzlich statt ihrer das Land, und zwar durch Petitionen, handeln zu lassen und
saßen noch ungerührt da, als am 31. Mai das Gesetz glänzend durchging. Sie
suchten sich zu rächen durch einen Protest, worin sie ihre Unschuld an der Notzucht der
Konstitution zu Protokoll gaben, einen Protest, den sie nicht einmal offen niederlegten, sondern
dem Präsidenten hinterrücks in die Tasche schmuggelten.
Eine Armee von 150.000 Mann in Paris, die lange Verschleppung der Entscheidung, die
Abwiegelung der Presse, die Kleinmütigkeit der Montagne und der neugewählten
Repräsentanten, die majestätische Ruhe der Kleinbürger, vor allem aber die
kommerzielle und industrielle Prosperität verhinderten jeden Revolutionsversuch von seiten
des Proletariats.
Das allgemeine Wahlrecht hatte seine Mission erfüllt. Die Majorität des Volks hatte
die Entwicklungsschule durchgemacht, zu der es allein in einer revolutionären Epoche dienen
kann. Es mußte beseitigt werden durch eine Revolution oder durch die Reaktion
Einen noch größeren Aufwand von Energie entwickelte die Montagne bei einer bald
darauf vorkommenden Gelegenheit. Der Kriegsminister d'Hautpoul hatte von der Tribüne herab
die Februarrevolution eine unheilvolle Katastrophe genannt. Die Redner der Montagne, die, wie
immer, sich durch sittlich entrüstetes Gepolter auszeichneten, wurden vom Präsidenten
Dupin nicht zum Wort zugelassen. Girardin schlug der Montagne vor, sofort in Masse auszutreten.
Resultat: Die Montagne blieb sitzen, aber Girardin wurde als unwürdig aus ihrem Schoß
hinausgeworfen.
Das Wahlgesetz bedurfte noch einer Vervollständigung, eines neuen
Preßgesetzes. Dies ließ nicht lange auf sich warten. Ein Vorschlag der
Regierung, vielfach verschärft durch Amendements der Ordnungspartei, erhöhte die
Kautionen, setzte einen Extrastempel auf die Feuilletonromane (Antwort auf die Wahl von
Eugène Sue), besteuerte alle in wöchentlichen oder monatlichen Lieferungen
erscheinenden Schriften bis zu einer gewissen Bogenzahl und verfügte schließlich,
daß jeder Artikel eines Journals mit der Unterschrift des Verfassers versehen sein
müsse. Die Bestimmungen über die Kaution töteten die sog. revolutionäre
Presse; das Volk betrachtete ihren Untergang als eine Genugtuung für die Abschaffung des
allgemeinen Wahlrechts. Indes erstreckte sich weder die Tendenz noch die Wirkung des neuen
Gesetzes allein auf diesen Teil der Presse. Solange die Zeitungspresse anonym war, erschien sie
als Organ der zahl- und namenlosen öffentlichen Meinung; sie war die dritte Macht im Staate.
Durch die Unterzeichnung jedes Artikels wurde eine Zei
tung zu einer bloßen Sammlung von schriftstellerischen Beiträgen mehr oder minder
bekannter Individuen. Jeder Artikel sank zu einer Annonce herab. Bisher hatten die Zeitungen als
das Papiergeld der öffentlichen Meinung zirkuliert; jetzt lösten sie sich auf in mehr
oder minder schlechte Solawechsel, deren Güte und Zirkulation von dem Kredit nicht nur des
Ausstellers, sondern auch des Indossenten abhing. Die Presse der Ordnungspartei hatte, wie zur
Aufhebung des allgemeinen Wahlrechts, so auch zu den äußersten Maßregeln gegen
die schlechte Presse provoziert. Indes war die gute Presse selbst in ihrer unheimlichen
Anonymität der Ordnungspartei und noch mehr ihren einzelnen provinzialen Repräsentanten
unbequem. Sie verlangte sich gegenüber nur noch den bezahlten Schriftsteller mit Namen,
Wohnort und Signalement. Vergebens jammerte die gute Presse über den Undank, mit dem man
ihre Dienste belohne. Das Gesetz ging durch, die Bestimmung der Namennennung traf sie vor allem.
Die Namen der republikanischen Tagesschriftsteller waren ziemlich bekannt; aber die respektablen
Firmen des "Journals des Débats", der "Assemblée Nationale", des "Constitutionnel"
etc. etc. machten eine jämmerliche Figur mit ihrer hochbeteuernden Staatsweisheit, als sich
die mysteriöse Kompanie auf einmal zersetzte in käufliche Penny-a-liners
<Zeilenschinders> von langer Praxis, die für bares Geld alle möglichen Sachen
verteidigt hatten, wie Granier de Cassagnac, oder in alte Waschlappen, die sich selbst
Staatsmänner nannten, wie Capefigue, oder in kokettierende Nußknacker, wie Herr
Lemoinne vom "Débats".
In der Debatte über das Preßgesetz war die Montagne bereits auf einen solchen Grad
moralischer Verkommenheit herabgesunken, daß sie sich darauf beschränken mußte,
den glänzenden Tiraden einer alten louis-philippistischen Notabilität, des Herrn Victor
Hugo, Beifall zuzuklatschen.
Mit dem Wahlgesetz und dem Preßgesetz tritt die revolutionäre und demokratische
Partei von der offiziellen Schaubühne ab. Vor ihrem Aufbruch nach Hause, kurz nach
Schluß der Session, erließen die beiden Fraktionen der Montagne, die sozialistischen
Demokraten und die demokratischen Sozialisten, zwei Manifeste, zwei testimonia paupertatis
<Armutszeugnis>, worin sie bewiesen, daß, wenn nie die Gewalt und der Erfolg auf
ihrer Seite, sie sich doch stets auf der Seite des ewigen Rechts und aller übrigen ewigen
Wahrheiten befunden hätten.
Betrachten wir nun die Partei der Ordnung. Die "N. Rh. Z." sagte Heft 3, pag. 16: "Den Restaurationsgelüsten der vereinigten
Orleanisten und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel seiner
tatsächlichen Macht: die Republik.
Den Restaurationsgelüsten Bonapartes gegenüber vertritt die Partei der Ordnung den
Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft: die Republik. Den Orleanisten gegenüber vertreten die
Legitimisten, den Legitimisten gegenüber vertreten die Orleanisten den Status quo: die
Republik. Alle diese Fraktionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eignen König und ihre
eigne Restauration in petto hat, machen wechselseitig den Usurpations- und Erhebungsgelüsten
ihrer Rivalen gegenüber die gemeinsame Herrschaft der Bourgeoisie, die Form geltend, worin
die besondern Ansprüche neutralisiert und vorbehalten bleiben: die Republik ... Und Thiers
sprach wahrer als er ahnt, wenn er sagte: 'Wir, die Royalisten, sind die wahren Stützen der
konstitutionellen Republik."'
Diese Komödie der républicains malgré eux <Republikaner wider
Willen>, der Widerwille gegen den Status quo und die beständige Befestigung desselben;
die unaufhörlichen Reibungen Bonapartes und der Nationalversammlung; die stets erneuerte
Drohung der Ordnungspartei, sich in ihre einzelnen Bestandteile zu sondern, und das stets
wiederholte Zusammenschließen ihrer Fraktionen; der Versuch jeder Fraktion, jeden Sieg
gegen den gemeinsamen Feind in eine Niederlage der zeitweiligen Alliierten zu verwandeln; die
wechselseitige Eifersüchtelei, Ranküne, Abhetzung, das unermüdliche Ziehen der
Schwerter, das immer wieder mit einem baiser-Lamourette endigt - diese ganze unerquickliche
Komödie der Irrungen entwickelte sich nie klassischer als während der letzten sechs
Monate.
Die Partei der Ordnung betrachtete das Wahlgesetz zugleich als einen Sieg gegen Bonaparte.
Hatte die Regierung nicht abgedankt, indem sie der Siebzehnerkommission die Redaktion und die
Verantwortlichkeit ihres eignen Vorschlags überließ? Und beruhte nicht die
Hauptstärke Bonapartes gegenüber der Versammlung darauf, daß er der Erwählte
der sechs Millionen war? - Bonaparte seinerseits behandelte das Wahlgesetz als eine Konzession an
die Versammlung, womit er die Harmonie der legislativen mit der exekutiven Gewalt erkauft habe.
Zum Lohn verlangte der gemeine Aventurier eine Vermehrung seiner Zivilliste um drei Millionen.
Durfte die Nationalversammlung in einen Konflikt mit der Exekutiven treten in einem Augenblick,
wo sie die große Majorität der Franzosen in den Bann erklärt hatte? Sie fuhr
ärgerlich auf, sie schien es auf das Äußerste treiben zu wollen, ihre Kommission
verwarf den Antrag, die bonapartistische Presse drohte und verwies auf das enterbte, seines
Stimmenrechts beraubte Volk, eine Menge geräuschvoller Transaktionsversuche fanden statt,
und die Versammlung gab schließlich nach in der Sache, rächte sich
aber zugleich im Prinzip. Statt der jährlichen prinzipiellen Vermehrung der Zivilliste um
drei Millionen bewilligte sie ihm eine Aushülfe von 2.160.000 frs. Nicht zufrieden damit,
machte sie selbst erst diese Konzession, nachdem Changarnier sie unterstützt hatte, der
General der Ordnungspartei und der aufgedrungene Protektor Bonapartes. Sie bewilligte also die 2
Millionen eigentlich nicht dem Bonaparte, sondern dem Changarnier.
Dies de mauvaise grâce <widerstrebend> hingeworfene Geschenk wurde von Bonaparte
ganz im Sinne des Gebers aufgenommen. Die bonapartistische Presse polterte von neuem gegen die
Nationalversammlung. Als nun erst bei der Debatte des Preßgesetzes das Amendement wegen der
Namennennung gemacht wurde, das sich wieder speziell gegen die untergeordneten Blätter, die
Vertreter der Privatinteressen Bonapartes richtete, brachte das bonapartistische Hauptblatt, das
"Pouvoir", einen offnen und heftigen Angriff gegen die Nationalversammlung. Die Minister
mußten das Blatt vor der Nationalversammlung verleugnen; der Gerant des "Pouvoir" wurde vor
die Schranken der Nationalversammlung zitiert und zur höchsten Geldstrafe, zu 5.000 frs.
verurteilt. Den andern Tag brachte das "Pouvoir" einen noch viel frecheren Artikel gegen die
Versammlung, und als Revanche der Regierung verfolgte das Parkett sogleich mehrere
legitimistische Journale wegen Verletzung der Konstitution.
Endlich kam man an die Frage von der Vertagung der Kammer. Bonaparte wünschte sie, um
ungehindert von der Versammlung operieren zu können. Die Ordnungspartei wünschte sie,
teils zur Durchführung ihrer Fraktionsintrigen, teils zur Verfolgung der Privatinteressen
der einzelnen Deputierten. Beide bedurften ihrer, um in den Provinzen die Siege der Reaktion zu
befestigen und weiterzutreiben. Die Versammlung vertagte sich daher vom 11. August bis zum 11.
November. Da aber Bonaparte keineswegs verhehlte, daß es ihm nur darum zu tun sei, die
lästige Aufsicht der Nationalversammlung loszuwerden, drückte die Versammlung dem
Vertrauensvotum selbst den Stempel des Mißtrauens gegen den Präsidenten auf. Von der
permanenten Kommission von 28 Mitgliedern, die als Tugendwächter der Republik während
der Ferien ausharrten, wurden alle Bonapartisten ferngehalten. Statt ihrer wurden sogar einige
Republikaner vom "Siécle" und "National" hineingewählt, um dem Präsidenten die
Anhänglichkeit der Majorität an die konstitutionelle Republik darzutun.
Kurz vor und besonders unmittelbar nach der Vertagung der Kammer schienen die beiden
großen Fraktionen der Ordnungspartei, die Orleanisten
und die Legitimisten, sich versöhnen zu wollen, und zwar durch eine Verschmelzung der beiden
Königshäuser, unter deren Fahnen sie kämpfen. Die Blätter waren voll von
Versöhnungsvorschlägen, die am Krankenbett Louis-Philippes zu St. Leonards diskutiert
worden seien, als der Tod Louis-Philippes plötzlich die Situation vereinfachte.
Louis-Philippe war der Usurpator, Heinrich V. der Beraubte, der Graf von Paris dagegen, bei der
Kinderlosigkeit Heinrichs V., sein rechtmäßiger Thronerbe. Jetzt war der Verschmelzung
der beiden dynastischen Interessen jeder Vorwand genommen. Gerade jetzt aber entdeckten die
beiden Fraktionen der Bourgeoisie erst, daß nicht die Schwärmerei für ein
bestimmtes Königshaus sie trennte, sondern daß vielmehr ihre getrennten
Klasseninteressen die beiden Dynastien auseinanderhielten. Die Legitimisten, die ins Hoflager
Heinrichs V. nach Wiesbaden gepilgert waren, gerade wie ihre Konkurrenten nach St. Leonards,
erhielten hier die Nachricht vom Tode Louis-Philippes. Sogleich bildeten sie ein Ministerium in
partibus infidelium, das meist aus Mitgliedern jener Kommission von Tugendwächtern der
Republik bestand und das bei Gelegenheit eines im Schoß der Partei vorkommenden Haders mit
der unumwundensten Proklamation des Rechts von Gottes Gnaden hervortrat. Die Orleanisten jubelten
über den kompromittierenden Skandal, den dies Manifest in der Presse hervorrief, und
verhehlten keinen Augenblick ihre offne Feindschaft gegen die Legitimisten.
Während der Vertagung der Nationalversammlung traten die Departementalvertretungen
zusammen. Ihre Majorität sprach sich für eine mehr oder weniger verklausulierte
Revision der Verfassung aus, d.h., sie sprach sich aus für eine nicht näher bestimmte
monarchische Restauration, für eine "Lösung", und gestand zugleich, daß
sie zu inkompetent und zu feig sei, diese Losung zu finden. Die bonapartistische Fraktion legte
diesen Wunsch der Revision sogleich im Sinne der Verlängerung der Präsidentschaft
Bonapartes aus.
Die verfassungsmäßige Lösung, die Abdankung Bonapartes im Mai 1852, die
gleichzeitige Wahl eines neuen Präsidenten durch sämtliche Wähler des Landes, die
Revision der Verfassung durch eine Revisionskammer in den ersten Monaten der neuen
Präsidentschaft ist für die herrschende Klasse durchaus unzulässig. Der Tag der
neuen Präsidentenwahl wäre der Tag des Rendezvous für sämtliche feindliche
Parteien, der Legitimisten, der Orleanisten, der Bourgeoisrepublikaner, der Revolutionäre.
Es müßte zu einer gewaltsamen Entscheidung zwischen den verschiedenen Fraktionen
kommen. Gelänge es selbst der Ordnungspartei, über die Kandidatur eines neutralen
Mannes außerhalb der dynastischen Familien sich zu vereinigen, so träte ihm wieder
Bonaparte gegenüber. Die Ordnungspartei ist in ihrem Kampf mit dem Volk genötigt, beständig die Gewalt der Exekutive zu
vermehren. Jede Vermehrung der Gewalt der Exekutive vermehrt die Gewalt ihres Trägers
Bonaparte. In demselben Maß daher, wie die Ordnungspartei ihre gemeinsame Macht
verstärkt, verstärkt sie die Kampfmittel der dynastischen Prätensionen Bonapartes,
verstärkt sie seine Chance, am Tage der Entscheidung gewaltsam die konstitutionelle
Lösung zu vereiteln. Er wird sich dann ebensowenig der Ordnungspartei gegenüber an dem
einen Grundpfeiler der Verfassung stoßen, als sie dem Volk gegenüber beim Wahlgesetz
an dem andern. Er würde scheinbar sogar der Versammlung gegenüber an das allgemeine
Wahlrecht appellieren. Mit einem Wort, die konstitutionelle Lösung stellt den ganzen
politischen Status quo in Frage, und hinter der Gefährdung des Status quo sieht der
Bürger das Chaos, die Anarchie, den Bürgerkrieg. Er sieht seine Einkäufe und
Verkäufe, seine Wechsel, seine Heiraten, seine notariellen Verträge, seine Hypotheken,
seine Grundrenten, Mietzinse, Profite, seine sämtlichen Kontrakte und Erwerbsquellen auf den
ersten Sonntag im Mai 1852 in Frage gestellt, und diesem Risiko kann er sich nicht aussetzen.
Hinter der Gefährdung des politischen Status quo verbirgt sich die Gefahr des
Zusammenbrechens der ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Die einzig mögliche Lösung
im Sinne der Bourgeoisie ist die Aufschiebung der Lösung. Sie kann die konstitutionelle
Republik nur retten durch eine Verletzung der Konstitution, durch die Verlängerung der
Gewalt des Präsidenten. Dies ist auch das letzte Wort der Ordnungspresse nach den
langwierigen und tiefsinnigen Debatten über die "Lösungen", denen sie sich nach der
Session der Generalräte hingab. Die großmächtige Ordnungspartei sieht sich so zu
ihrer Beschämung genötigt, die lächerliche, ordinäre und ihr verhaßte
Person des Pseudo-Benaparte ernsthaft zu nehmen.
Diese schmutzige Figur täuschte sich ebenfalls über die Ursachen, die sie mehr und
mehr mit dem Charakter des notwendigen Mannes bekleideten. Während seine Partei Einsicht
genug hatte, die wachsende Bedeutung Bonapartes den Verhältnissen zuzuschreiben, glaubte er,
sie allein der Zauberkraft seines Namens und seiner ununterbrochenen Karikierung Napoleons zu
verdanken. Er wurde täglich unternehmender. Den Wallfahrten nach St. Leonards und Wiesbaden
setzte er seine Rundreisen durch Frankreich entgegen. Die Bonapartisten hatten so wenig Vertrauen
auf den magischen Effekt seiner Persönlichkeit, daß sie ihm überall Leute der
Gesellschaft vom 10. Dezember, dieser Organisation des Pariser Lumpenproletariats, massenweise in
Eisenbahnzüge und Postchaisen verpackt, als Claqueure mitschickten. Sie legten ihrer
Marionette Reden in den Mund, die je nach dem Empfang in den verschiednen Städten die
republikanische Resignation oder die ausdauernde
Zähigkeit als den Wahlspruch der präsidentiellen Politik proklamierten. Trotz aller
Manöver waren diese Reisen nichts weniger als Triumphzüge.
Nachdem Bonaparte so das Volk begeistert zu haben glaubte, setzte er sich in Bewegung, die
Armee zu gewinnen. Er ließ auf der Ebene von Satory bei Versailles große Revuen
abhalten, bei denen er die Soldaten durch Knoblauchswürste, Champagner und Zigarren zu
kaufen suchte. Wenn der echte Napoleon in den Strapazen seiner Eroberungszüge seine
ermatteten Soldaten durch momentane patriarchalische Vertraulichkeit aufzumuntern wußte, so
glaubte der Pseudo-Napoleon, die Truppen riefen zum Dank: Vive Napoleon, vive le saucisson!
<Es lebe Napoleon, es lebe die Wurst!> d.h.: Es lebe die Wurst, es lebe der Hanswurst!
Diese Revuen brachten den lange verhaltenen Zwiespalt zwischen Bonaparte und seinem
Kriegsminister d'Hautpoul einerseits und Changarnier andrerseits zum Ausbruch. In Changarnier
hatte die Ordnungspartei ihren wirklichen neutralen Mann gefunden, bei dem von eignen
dynastischen Ansprüchen keine Rede sein konnte. Ihn hatte sie zum Nachfolger Bonapartes
bestimmt. Changarnier war dazu durch sein Auftreten am 29. Januar und 13. Juni 1849 der
große Feldherr der Ordnungspartei geworden, der moderne Alexander, dessen brutales
Dazwischenfahren in den Augen des zaghaften Bürgers den gordischen Knoten der Revolution
zerhauen hatte. Im Grunde ebenso lächerlich wie Bonaparte, war er so auf höchst
wohlfeile Weise zu einer Macht geworden und wurde von der Nationalversammlung dem
Präsidenten zur Überwachung gegenübergestellt. Er selbst kokettierte, z.B. bei der
Dotationsfrage, mit der Protektion, die er Bonaparte schenkte, und trat immer
übermächtiger gegen ihn und die Minister auf. Als bei Gelegenheit des Wahlgesetzes eine
Insurrektion erwartet wurde, verbot er seinen Offizieren, vom Kriegsminister oder vom
Präsidenten irgendwelche Befehle anzunehmen. Die Presse trug noch dazu bei, die Gestalt
Changarniers zu vergrößern. Bei dem gänzlichen Mangel an großen
Persönlichkeiten sah sich natürlich die Ordnungspartei gedrungen, die ihrer ganzen
Klasse fehlende Kraft einem einzelnen Individuum anzudichten und dies so zum Ungeheuren
aufzuschwellen. So entstand der Mythus von Changarnier, dem "Bollwerk der Gesellschaft".
Die anmaßende Scharlatanerie, die geheimnisvolle Wichtigtuerei, womit Changarnier sich dazu
herabließ, die Welt auf seinen Schultern zu tragen, bildet den lächerlichsten Kontrast
mit den Ereignissen während und nach der Revue von Satory, die unwiderleglich bewiesen,
daß es nur eines Federstrichs Bonapartes, des unendlich Kleinen, bedürfe, um diese
phantastische Ausgeburt der bürgerlichen Angst, um den Koloß Changarnier auf die
Dimen sionen der Mittelmäßigkeit
zurückzuführen und ihn, den gesellschaftsrettenden Heros, in einen pensionierten
General zu verwandeln.
Bonaparte hatte sich schon seit längerer Zeit an Changarnier gerächt, indem er den
Kriegsminister zu Disziplinarstreitigkeiten mit dem unbequemen Protektor provozierte. Die letzte
Revue bei Satory brachte endlich den alten Groll zum Eklat. Die konstitutionelle Entrüstung
Changarniers kannte keine Grenze mehr, als er die Kavallerieregimenter mit dem
verfassungswidrigen Ruf: Vive l'Empereur! <Es lebe der Kaiser!> vorbeidefilieren sah.
Bonaparte, um allen unangenehmen Debatten über diesen Ruf in der bevorstehenden
Kammersession zuvorzukommen, entfernte den Kriegsminister d'Hautpoul, indem er ihn zum Gouverneur
von Algier ernannte. An seine Stelle setzte er einen zuverlässigen alten General aus der
Kaiserzeit, der an Brutalität Changarnier vollständig gewachsen war. Damit aber die
Entlassung d'Hautpouls nicht als eine Konzession an Changarnier erscheine, versetzte er zu
gleicher Zeit den rechten Arm des großen Gesellschaftsretters, den General Neumayer, von
Paris nach Nantes. Neumayer war es gewesen, der bei der letzten Revue die gesamte Infanterie
bewogen hatte; mit eisigem Stillschweigen an dem Nachfolger Napoleons vorbeizudefilieren.
Changarnier, in Neumayer selbst getroffen, protestierte und drohte. Umsonst. Nach
zweitägigen Verhandlungen erschien das Versetzungsdekret Neumayers im "Moniteur" und dem
Heros der Ordnung blieb nichts übrig, als sich der Disziplin zu fügen oder
abzudanken.
Der Kampf Bonapartes mit Changarnier ist die Fortsetzung seines Kampfs mit der Partei der
Ordnung. Die Wiedereröffnung der Nationalversammlung am 11. November findet daher unter
drohenden Auspizien statt. Es wird der Sturm im Glase Wasser sein. Im wesentlichen muß das
alte Spiel fortgehn. Die Majorität der Ordnungspartei wird indes trotz des Geschreis der
Prinzipienritter ihrer verschiednen Fraktionen gezwungen sein, die Gewalt des Präsidenten zu
verlängern. Ebensosehr wird Bonaparte, trotz aller vorläufigen Protestationen, schon
durch den Geldmangel geknickt, diese Verlängerung der Gewalt als einfache Delegation aus den
Händen der Nationalversammlung hinnehmen. So wird die Lösung hinausgeschoben, der
Status quo forterhalten, eine Fraktion der Ordnungspartei von der andern kompromittiert,
geschwächt, unmöglich gemacht, die Repression gegen den gemeinsamen Feind, die Masse
der Nation, ausgedehnt und erschöpft, bis die ökonomischen Verhältnisse selbst
wieder den Entwicklungspunkt erreicht haben, wo eine neue Explosion diese sämtlichen
hadernden Parteien mit ihrer konstitutionellen Republik in die Luft sprengt.
Zur Beruhigung des Bürgers muß übrigens
gesagt werden, daß der Skandal zwischen Bonaparte und der Ordnungspartei das Resultat hat,
eine Menge kleiner Kapitalisten auf der Börse zu ruinieren und ihr Vermögen in die
Taschen der großen Börsenwölfe zu spielen.
In Deutschland resümieren sich die politischen Ereignisse der letzten sechs Monate
in dem Schauspiel, wie Preußen die Liberalen und wie Östreich Preußen
prellt.
Im Jahr 1849 schien es sich um die Hegemonie Preußens in Deutschland zu handeln; im Jahr
1850 handelte es sich um die Teilung der Gewalt zwischen Östreich und Preußen; im Jahr
1851 handelt es sich nur noch um die Form, in der Preußen sich Östreich unterwirft und
als reuiger Sünder in den Schoß des vollständig wiederhergestellten
Bundestags zurückkehrt. Das Kleindeutschland, das der König von Preußen
als Entschädigung für seinen verunglückten Kaiserzug durch Berlin am 21. März
1848 sich zu erhandeln <In der "Revue": erhalten> hoffte, hat sich in Kleinpreußen
verwandelt; Preußen hat jede Demütigung geduldig hinnehmen müssen und ist aus der
Reihe der Großmächte verschwunden. Selbst den bescheidenen Traum der Union hat die
gewöhnliche perfide Borniertheit seiner Politik wieder in nichts aufgelöst. Es
schwindelte der Union einen liberalen Charakter an und düpierte so die weisen Männer
der Gothaer Partei durch konstitutionelle Phantasmagorien, mit denen es ihm nie ernst war; und
doch war es selbst durch seine ganze industrielle Entwicklung, sein permanentes Defizit, seine
Staatsschuld so bürgerlich geworden, daß es dem Konstitutionalismus trotz alles
Windens und Sträubens immer unrettbarer verfiel. Wenn die weisen Männer von Gotha
zuletzt entdeckten, wie schmählich Preußen mit ihrer Würde und Besonnenheit
umgesprungen war, wenn selbst ein Gagern und ein Brüggemann sich endlich mit edler
Entrüstung von einer Regierung abwandten, die so schnödes Spiel mit der Einheit und
Freiheit des Vaterlandes trieb, so erlebte Preußen keine größere Freude an den
Küchlein, die es unter seinen schützenden Flügel versammelt hatte, an den kleinen
Fürsten. Die Duodezfürsten hatten sich nur im Moment der höchsten Bedrängnis
und Schutzlosigkeit den mediatisationssüchtigen Krallen des preußischen Adlers
anvertraut; sie hatten die Zurückführung ihrer Untertanen zum alten Gehorsam durch
preußische Interventionen, Drohungen und Demonstrationen teuer bezahlen müssen mit
knechtenden Militärkonventionen, mit kostspieliger Einquartierung, mit der Aussicht auf
baldige Mediatisierung durch die Unionsverfassung. Aber Preußen selbst hatte dafür
gesorgt, daß sie dieser neuen Not wieder ent rennen.
Preußen hatte überall die Reaktion wieder zur Herrschaft gebracht, und in demselben
Maß, als die Reaktion fortschritt, fielen die Duodezfürsten von Preußen ab, um
sich Östreich in die Arme zu werfen. Konnten sie wieder in vormärzlicher Weise
herrschen, so stand ihnen das absolutistische Östreich näher als eine Macht, die
ebensowenig absolutistisch sein konnte als sie liberal sein wollte. Dazu führte die
östreichische Politik nicht zur Mediatisierung der kleinen Staaten, sondern im Gegenteil zu
ihrer Aufrechthaltung als integrierende Bestandteile des wiederherzustellenden Bundestags. So
erlebte Preußen, daß Sachsen von ihm abfiel, das wenig Monate vorher durch
preußische Truppen gerettet worden, daß Hannover abfiel, daß Kurhessen abfiel
und daß jetzt auch Baden, trotz seiner preußischen Garnisonen, den übrigen
folgte. Daß die Unterstützung der Reaktion in Hamburg, Mecklenburg, Dessau etc. etc.
durch Preußen nicht zu seinem, sondern zu Östreichs Vorteil war, sieht es jetzt
deutlich an den Vorgängen in den beiden Hessen. So erfuhr der verfehlte deutsche Kaiser
allerdings, daß er in einer Zeit der Treulosigkeit lebt, und wenn er es jetzt dulden
muß, daß ihm "sein rechter Arm, die Union" abgenommen wird, so war dieser Arm schon
seit geraumer Zeit verwelkt. So hat Östreich jetzt schon ganz Süddeutschland unter
seine Hegemonie gebracht, und auch in Norddeutschland sind die wichtigsten Staaten Preußens
Gegner.
Östreich war endlich so weit gekommen, daß es, gestützt auf Rußland,
Preußen offen entgegentreten konnte. Es tat dies bei zwei Fragen: bei der
schleswig-holsteinischen und der kurhessischen.
In Schleswig-Holstein hatte das "Schwert Deutschlands" einen echt preußischen
Separatfrieden geschlossen und seine Bundesgenossen der feindlichen Übermacht in die
Hände geliefert. England, Rußland und Frankreich beschlossen, der Unabhängigkeit
der Herzogtümer ein Ende zu machen, und drückten diese Absicht in einem Protokoll aus,
dem sich Östreich anschloß. Während Östreich und die mit ihm
verbündeten deutschen Regierungen, dem Londoner Protokoll gemäß, auf dem
restaurierten Bundestag die Bundesintervention in Holstein zugunsten Dänemarks vertraten,
suchte Preußen seine achselträgerische Politik fortzusetzen, die Parteien zur
Unterwerfung unter ein noch gar nicht existierendes, undefinierbares, von den meisten und
wichtigsten Regierungen zurückgewiesenes Bundesschiedsgericht zu bewegen und erlangte mit
allen seinen Manövern weiter nichts, als daß es bei den Großmächten in den
Verdacht revolutionärer Umtriebe geriet und eine Reihe von drohenden Noten erhielt, die ihm
die Lust an einer "selbständigen" auswärtigen Politik bald benehmen werden. Den
Schleswig-Holsteinern wird in kurzem ihr Landesvater wiedergegeben werden, und ein Volk, das sich
von Herren Beseler und Reventlow regieren läßt,
trotzdem daß es die ganze Armee auf seiner Seite hat, zeigt, daß es der
dänischen Fuchtel noch zu seiner Erziehung bedarf.
Die Bewegung in Kurhessen liefert uns ein unnachahmliches Beispiel, wozu eine
"Erhebung" in einem deutschen Kleinstaat es bringen kann. Der tugendhafte und bürgerliche
Widerstand gegen den Fälscher Hassenpflug hatte alles realisiert, was von einem derartigen
Schauspiel zu verlangen ist: die Kammer war einstimmig, das Land war einstimmig, die Beamten und
die Armee waren auf seiten der Bürger; alle widerstrebenden Elemente waren entfernt, das
"Fürsten zum Land hinaus" hatte sich von selbst realisiert, der Fälscher Hassenpflug
war mit seinem ganzen Ministerium verschwunden; alles ging nach Wunsch, alle Parteien hielten
sich streng in den gesetzlichen Schranken, alle Exzesse wurden vermieden, und die Opposition
hatte, ohne einen Finger zu rühren, den schönsten Sieg errungen, von dem die Annalen
des verfassungsmäßigen Widerstands zu berichten wissen. Und jetzt, als die Bürger
alle Gewalt in Händen hatten, als ihr ständischer Ausschuß nirgends auf den
geringsten Widerstand stieß, jetzt waren sie erst recht notwendig. Jetzt sahen sie,
daß statt der kurfürstlichen Truppen fremde Truppen an der Grenze standen, bereit
einzurücken und der ganzen bürgerlichen Herrlichkeit in vierundzwanzig Stunden ein Ende
zu machen. Jetzt erst fing die Ratlosigkeit und Blamage an; hatten sie früher nicht
rückwärts gekonnt, so konnten sie jetzt nicht vorwärts. Die kurhessische
Steuerverweigerung beweist schlagender als irgendein früheres Ereignis, wie alle Kollisionen
innerhalb der kleinen Staaten auf reine Farcen hinauslaufen, deren ganzes Resultat
schließlich die fremde Intervention ist und die Beseitigung des Konflikts durch die
Beseitigung sowohl des Fürsten wie der Verfassung. Sie beweist, wie lächerlich alle
jene hochwichtigen Kampfe sind, in denen die Kleinbürger der Kleinstaaten jede kleine
Märzerrungenschaft mit patriotischer Gesinnungstreue vor dem unvermeidlichen Untergang zu
retten suchen.
In Kurhessen, in einem Staat der Union, den es galt, aus der preußischen Umarmung zu
reißen, trat Östreich seinem Rivalen direkt entgegen. Östreich war es, das den
Kurfürsten geradezu zu seinem Angriff auf die Verfassung aufstachelte und ihn dann sogleich
unter den Schutz seines Bundestags stellte. Um diesem Schutz Nachdruck zu verleihen, um an der
kurhessischen Angelegenheit Preußens Widerstand gegen Östreichs Herrschaft zu brechen,
um Preußen wieder in den Bundestag hineinzudrohen, stellten sich jetzt östreichische
und süddeutsche Truppen in Franken und Böhmen auf. Preußen rüstet ebenfalls.
Die Zeitungen strotzen von Berichten über Märsche und Kontremärsche der
Armeekorps. All dieser Lärm wird zu nichts führen, ebensowenig wie die Zänkereien der französischen
Ordnungspartei mit Bonaparte. Weder der König von Preußen noch der Kaiser von
Östreich ist souverän, sondern allein der russische Zar. Vor seinem Befehl wird das
rebellische Preußen sich schließlich beugen, ohne daß ein Tropfen Blut
geflossen, werden sich die Parteien friedlich zusammenfinden auf den Sesseln des Bundestags, ohne
daß deshalb weder ihren Eifersüchteleien unter sich noch ihrem Hader mit ihren
Untertanen, noch ihrem Verdruß gegen die russische Oberherrschaft der geringste Abbruch
geschehen wird.
Wir kommen jetzt zum Land als solchem, zum europäischen Volk, zum Volk der
Emigration. Von den einzelnen Sektionen der Emigration, der deutschen, französischen,
ungarischen etc., werden wir nicht sprechen; ihre haute politique <hohe Politik>
beschränkt sich auf pure chronique scandaleuse <reine Klatschgeschichte>. Aber das
europäische Gesamtvolk in partibus infidelium hat in letzter Zeit eine provisorische
Regierung erhalten in dem europäischen Zentralkomitee, bestehend aus Joseph
Mazzini, Ledru-Rollin, Albert Darasz (Pole) und - Arnold Ruge, der zur
Rechtfertigung seines Daseins bescheiden dahinter schreibt: Mitglied der Frankfurter
Nationalversammlung. Obgleich nicht zu sagen wäre, welches demokratische Konzil diese vier
Evangelisten zu ihrem Amt berufen hätte, so ist doch nicht zu leugnen, daß ihr
Manifest das Glaubensbekenntnis der großen Masse der Emigration enthält und in
angemessener Form die intellektuellen Errungenschaften zusammenfaßt, die diese Masse den
letzten Revolutionen verdankt.
Das Manifest beginnt mit einer prunkenden Aufzählung der Kräfte der Demokratie.
"Was fehlt der Demokratie zum Sieg? ... die Organisation ... Wir haben Sekten,
aber keine Kirche, unvollständige und widersprechende Philosophien, aber keine Religion,
keinen Kollektivglauben, der die Gläubigen unter ein einziges Zeichen schart und ihre
Arbeiten harmonisiert ... Der Tag. an dem wir uns alle vereint finden werden, zusammen
marschierend unter dem Auge der Besten unter uns ... wird der Vorabend des Kampfes sein. An
diesem Tage werden wir uns gezählt haben, wir werden wissen, wer wir sind, wir werden das
Bewußtsein unsrer Kraft haben."
Warum hat die Revolution bisher nicht gesiegt? Weil die Organisation der revolutionären
Gewalt schwächer war. Das ist das erste Dekret der provisorischen Regierung der
Emigration.
Diesem Übelstande soll jetzt abgeholfen werden durch die Organisation einer Glaubensarmee
und die Stiftung einer Religion.
"Aber dazu sind
zwei große Hindernisse zu übersteigen, zwei große Irrtümer zu
zerstören: die Übertreibung der Rechte der Individualität, die engherzige
Ausschließlichkeit der Theorie ... Wir müssen nicht sagen: ich; wir müssen lernen
zu sagen: wir; ... Diejenigen, welche, ihren individuellen Reizbarkeiten folgend, das kleine
Opfer verweigern, das Organisation und Disziplin erheischen, verleugnen, infolge der Gewohnheiten
der Vergangenheit, den Gesamtglauben, den sie predigen ... Ausschließlichkeit in der
Theorie ist die Negation unsres Grunddogmas. Der da sagt: ich habe die politische Wahrheit
gefunden, und wer die Annahme seines Systems zur Bedingung der Annahme der brüderlichen
Assoziation macht, verleugnet das Volk, den einzig progressiven Dolmetscher des Weltgesetzes, nur
um sein eignes Ich zu behaupten. Wer da behauptet, durch isolierte Arbeit seiner Intelligenz, so
machtvoll sie sein mag, heutzutage eine definitive Lösung der Probleme zu entdecken, welche
die Massen agitieren, der verurteilt sich selbst zum Irrtum durch Unvollständigkeit, indem
er verzichtet auf eine der ewigen Quellen der Wahrheit, die Kollektivintuition des in der
Handlung begriffenen Volks. Die definitive Lösung ist das Geheimnis des Sieges ... Unsre
Systeme können zum großen Teil nichts andres sein als ein Anatomisieren von Kadavern,
ein Entdecken des Übels, ein Analysieren des Todes, ohnmächtig, das Leben wahrzunehmen
oder zu begreifen. Leben, das ist das Volk in Bewegung, das ist der Instinkt der Massen, zu einer
außergewöhnlichen Potenz erhoben durch die gegenseitige Berührung, durch das
prophetische Gefühl großer Dinge, die zu vollbringen sind, durch unwillkürliche,
plötzliche, elektrische Assoziation auf der Straße; es ist Handlung, aufregend zum
höchsten Punkt alle Vermögen der Hoffnung, Hingebung, Liebe und des Enthusiasmus, die
jetzt schlummern, und den Menschen offenbaren in der Einheit seiner Natur, in der Vollkraft
seiner Zeugungsfähigkeit. Der Händedruck eines Arbeiters in einem dieser historischen
Momente, die eine Epoche beginnen, wird uns mehr von der Organisation der Zukunft lehren als
heutzutage von der kalten und herzlosen Arbeit des Verstandes oder der Erkenntnis des erlauchten
Toten der letzten zwei Jahrtausende - der alten Gesellschaft - gelehrt werden
könnte."
Dieser ganze hochbeteuernde Unsinn läuft also schließlich auf die höchst
ordinäre Philisteransicht hinaus, daß die Revolution gescheitert sei an der
ehrgeizigen Eifersucht der einzelnen Führer und an den feindlich entgegenstehenden Meinungen
der verschiedenen Volkslehrer.
Die Kämpfe der verschiedenen Klassen und Klassenfraktionen gegeneinander, deren Verlauf
durch seine einzelnen Entwicklungsphasen gerade die Revolution ausmacht, sind für unsre
Evangelisten nur die unglückliche Folge der Existenz divergierender Systeme, während in
Wirklichkeit umgekehrt die Existenz verschiedner Systeme die Folge der Existenz der
Klassenkämpfe ist. Schon hieraus geht hervor, daß die Verfasser des Manifests die
Existenz der Klassenkämpfe leugnen. Unter dem Vorwand, gegen die Doktrinäre
anzukämpfen, beseitigen sie jeden bestimmten Inhalt, jede bestimmte Parteiansicht, verbieten
sie den einzelnen Klassen, ihre Interessen und Forde
rungen gegenüber den andern Klassen zu formulieren. Sie muten ihnen zu, ihre
widerstreitenden Interessen zu vergessen und sich zu versöhnen unter der Fahne einer ebenso
flachen wie unverschämten Unbestimmtheit, die unter dem Schein der Versöhnung der
Interessen aller Parteien nur die Herrschaft des Interesses einer Partei - der Bourgeoispartei
verbirgt. Nach den Erfahrungen, die die Herren in Frankreich, Deutschland und Italien
während der zwei letzten Jahre gemacht haben müssen, kann man nicht einmal sagen,
daß die Heuchelei eine unbewußte ist, mit der hier das Bourgeoisinteresse in
Lamartinische Brüderlichkeitsphrasen eingewickelt wird. Welche Kenntnis die Herren
übrigens von den "Systemen" haben, gebt schon daraus hervor, daß sie sich einbilden,
jedes dieser Systeme sei bloß ein Fragment der im Manifest zusammengestellten Weisheit und
habe sich nur eine einzelne der hier versammelten Phrasen, Freiheit, Gleichheit etc. einseitig
zur Grundlage genommen. Ihre Vorstellungen von gesellschaftlichen Organisationen sind sehr
frappant wiedergegeben: ein Zusammenlauf auf der Straße, ein Krawall, ein Händedruck,
und alles ist fertig. Die Revolution besteht für sie überhaupt bloß im Sturz der
bestehenden Regierung; ist dies Ziel erreicht, so ist "der Sieg" errungen. Bewegung,
Entwicklung, Kampf hören dann auf, und unter der Ägide des dann herrschenden
europäischen Zentralkomitees beginnt das goldne Zeitalter der europäischen Republik und
der in Permanenz erklärten Nachtmütze. Wie die Entwicklung und den Kampf, so hassen die
Herren das Denken, das herzlose Denken - als ob irgendein Denker, Hegel und Ricardo nicht
ausgenommen, je die Herzlosigkeit erreicht hätte, mit der dem Publikum dieser
weichmäulige Spülicht über den Kopf gegossen wird! Das Volk soll nicht für
den folgenden Tag sorgen und sich alle Gedanken aus dem Kopf schlagen; kommt der große Tag
der Entscheidung, so wird es durch die bloße Berührung elektrisiert, und das
Rätsel der Zukunft wird sich ihm durch ein Wunder lösen. Dieser Aufruf zur
Gedankenlosigkeit ist ein direkter Versuch zu Prellerei gerade der unterdrücktesten Klassen
des Volks.
"Sagen wir nun hiermit" (fragt ein Mitglied des europäischen
Zentralkomitees das andre), "daß wir ohne Fahne voranmarschieren sollen, sagen wir,
daß wir auf unser Banner eine bloße Verneinung schreiben wollen? Auf uns kann ein
solcher Verdacht nicht fallen. Männer des Volks, seit langer Zeit in seinen Kämpfen
beteiligt, denken wir nicht daran, es zur Leere zu leiten."
Um nun im Gegenteil ihre Fülle zu beweisen, führen uns die Herren ein
wahrhaft Leporellosches Register ewiger Wahrheit und Errungenschaften der ganzen bisherigen
Geschichte <In der "Revue": Geschäfte> als den gegenwärtigen gemeinsamen Boden der "Demokratie" vor. Dies Register resümiert sich in
folgendem erbaulichen Paternoster:
"Wir glauben an die progressive Entwicklung der menschlichen Fähigkeit und
Kräfte zum Moralgesetz hin, welches uns auferlegt worden ist. Wir glauben an die Assoziation
als das einzig regelmäßige Mittel, welches diesen Zweck erreichen kann. Wir glauben,
daß die Auslegung des Moralgesetzes und der Regel des Fortschritts weder einer Kaste noch
einem Individuum anvertraut werden kann, sondern dem Volk, aufgeklärt durch nationale
Erziehung, geleitet durch die aus seiner Mitte, die Tugend und Genius ihm als die besten zeigen.
Wir glauben an die Heiligkeit beider, der Individualität und der Gesellschaft, die sich
weder ausschließen noch bekämpfen sollen sondern zusammen harmonieren zur Besserung
aller durch alle. Wir glauben an die Freiheit ohne welche jede menschliche Verantwortlichkeit
verschwindet, an die Gleichheit ohne welche die Freiheit nur ein Trug ist, an die
Brüderlichkeit, ohne welche Freiheit und Gleichheit Mittel ohne Zweck wären, an die
Assoziation, ohne welche die Brüderlichkeit nur ein unrealisierbares Programm wäre, an
Familie, Gemeinde und Staat und Vaterland als ebensoviel progressive
Sphären, worin der Mensch sukzessiv aufwachsen muß in der Erkenntnis und
Betätigung der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Assoziation. Wir glauben an die
Heiligkeit der Arbeit, an das Eigentum, welches von ihr entspringt als ihr Zeichen und
ihre Frucht, an die Pflicht der Gesellschaft, das Element der materiellen Arbeit durch den
Kredit, der intellektuellen und moralischen Arbeit durch die Erziehung zu liefern ... Wir
glauben, um uns zu resümieren, an einen sozialen Zustand, der Gott und sein Gesetz zu seiner
Spitze und das Volk zu seiner Basis hat... "
Also: Fortschritt - Assoziation - Moralgesetz - Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit -
Assoziation - Familie, Gemeinde, Staat - Heiligkeit des Eigentums - Kredit - Erziehung - Gott und
Volk - Dio e Popolo. Diese Phrasen figurieren in allen Manifesten der 1848er Revolutionen, von
der französischen bis zur walachischen, und gerade deswegen figurieren sie hier auch [als]
die gemeinsamen Grundlagen der neuen Revolution. In keiner dieser Revolutionen fehlte auch
die Heiligkeit des Eigentums, das hier als Resultat der Arbeit heilig gesprochen wird. Wie sehr
alles bürgerliche Eigentum "die Frucht und das Zeichen der Arbeit" ist, wußte Adam
Smith schon weit besser als unsre revolutionären Initiatoren achtzig Jahre nach ihm. Was die
sozialistische Konzession betrifft, daß die Gesellschaft jedem das Material zu seiner
Arbeit durch den Kredit liefern soll, so pflegt jeder Fabrikant seinem Arbeiter für soviel
Material, als er in einer Woche verarbeiten kann, Kredit zu geben, so ist das Kreditsystem
heutzutage so weit ausgedehnt, als dies mit der Unverletzlichkeit des Eigentums verträglich,
und ist der Kredit schließlich selbst nur eine Form des bürgerlichen Eigentums.
Das Resümee dieses Evangeliums ist ein gesellschaftlicher Zustand, worin Gott die Spitze
bildet und dies Volk oder, wie es später heißt, die Menschheit, die Basis. D.h., sie glauben an die bestehende Gesellschaft, worin
bekanntlich Gott die Spitze bildet und der Mob die Basis. Wenn das Symbolum Mazzinis: Gott und
das Volk, Dio e Popolo, in Italien einen Sinn haben mag, wo man Gott dem Papst und das Volk den
Fürsten gegenüberstellt, so ist es doch etwas stark, wenn man dies Plagiat von Johannes
Ronge, dem seichtesten Abspülicht des deutschen Aufkläricht, als das Wort hinstellt,
das das Rätsel des Jahrhunderts lösen soll. Wie leicht man sich übrigens in dieser
Schule an die kleinen Opfer gewöhnt, welche die Organisation und Disziplin erheischen, wie
gefällig man die engherzige Ausschließlichkeit der Theorien aufgibt, beweist unser
Arnold Winkelried Ruge, der zur großen Freude von Leo diesmal den Unterschied zwischen
Gottheit und Menschheit zu würdigen weiß.
Das Manifest endet mit den Worten:
"Es handelt sich um die Konstitution der europäischen Demokratie, um die
Gründung eines Budgets, einer Schatzkammer des Volks. Es handelt sich um die Organisation
der Armee der Initiatoren."
Ruge, um der erste Initiator dieses Volksbudgets zu sein, hat sich an "de demokratische
Janties <Scherzname für Niederländer (von: Jan)> van Amsterdam" gewandt und ihnen
ihren speziellen Beruf zum Zahlen erklärt. Holland in Not!
London, l. November 1850