Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz
Verlag, Berlin. Band 7, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960,
Berlin/DDR. S. 213-225.
Karl Marx/Friedrich Engels
Revue
[Januar/Februar 1850]
"Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue",
Zweites Heft, Februar 1850.
A tout seigneur, tout honneur. <Jedem Junker seine
Ehre.> Beginnen wir mit Preußen.
Der König von Preußen tut sein mögliches, um den
gegenwärtigen Moment der lauwarmen Vereinbarung, der ungenügenden Kompromisse zu einer
Krisis fortzutreiben. Er oktroyiert eine Verfassung und bringt nach verschiedenen
Unannehmlichkeiten zwei Kammern zustande, die diese Verfassung revidieren. Damit die Verfassung
der Krone nur ja recht annehmbar erscheine, streichen die Kammern jeden Artikel, der der Krone
irgendwie anstößig sein könnte, und glauben, jetzt werde der König die
Verfassung sofort beschwören. Aber im Gegenteil. Um den Kammern einen Beweis seiner
"königlichen Gewissenhaftigkeit" zu geben, erläßt Friedrich Wilhelm eine
Botschaft, worin er neue Vorschläge zur Verbesserung der Verfassung macht, Vorschläge,
deren Annahme dem erwähnten Dokument auch den letzten Schein der geringsten sog.
konstitutionellen bürgerlichen Garantien nehmen würde. Der König hofft, die
Kammern werden diese Vorschläge verwerfen - im Gegenteil. Hatten sich die Kammern in der
Krone getäuscht, so sorgten sie nun dafür, daß die Krone sich in ihnen
täuschen muß. Sie nehmen alles an, alles, Pairie und Ausnahmsgericht, Landsturm und
Fideikommisse, bloß um nicht auch nach Hause geschickt zu werden, bloß um den
König endlich einmal zu einem ernsthaften, "leiblichen" Eide zu zwingen. So rächt sich
ein preußischer konstitutioneller Bürger.
Es wird dem Könige schwer werden, eine Demütigung zu erfinden, die
diesen Kammern zu hart erscheinen dürfte. Er wird sich zuletzt genötigt sehen zu
erklären, "je heiliger er das von ihm abzulegende eidliche Gelöbnis halte, um so mehr
treten ihm dabei die Pflichten vor die Seele, die ihm für das teure Vaterland von Gott
auferlegt sind", und um so weniger erlaube ihm seine "königliche Gewissenhaftigkeit", eine
Verfassung zu beschwören, die ihm alles, dem Lande aber nichts biete.
Die Herren des seligen "Vereinigten
Landtags", die jetzt in den Kammern wieder zusammen sind, fürchten deshalb so sehr, auf
ihren alten Stand vor dem 18. März zurückgedrängt zu werden, weil sie dann wieder
die Revolution vor sich haben, die ihnen aber diesmal keine Rosen bringen wird. Dazu kommt,
daß sie 1847 noch die Anleihe für die angebliche Ostbahn verweigern konnten,
während sie der Regierung 1849 erst die fragliche Anleihe wirklich bewilligten und dann um
das theoretische Recht der Geldbewilligung hintennach demütigst bei ihr einkamen.
Inzwischen macht sich die Bourgeoisie außer den Kammern das
Vergnügen, in den Geschwornengerichten die politisch Angeklagten freizusprechen und dadurch
ihre Opposition gegen die Regierung an den Tag zu legen. Bei diesen Prozessen kompromittiert sich
dann regelmäßig die Regierung auf der einen Seite, die in den Angeklagten und dem
Auditorium repräsentierte Demokratie auf der andern. Wir erinnern an den Prozeß des
"stets konstitutionellen" Waldeck, den Prozeß in Trier usw.
Auf die Frage des alten Arndt: "Was ist des Deutschen Vaterland?" antwortete
Friedrich Wilhelm IV.: Erfurt. Es war nicht so schwer, die Iliade im
Froschmäuslerkrieg zu travestieren, aber an eine Travestie des Froschmäuslerkrieges hat
bis jetzt noch niemand zu denken gewagt. Dem Plan Erfurt gelingt es, den Froschmäuslerkrieg
der Paulskirche selbst noch zu travestieren. Es ist natürlich vollständig
gleichgültig, oh die unglaubliche Versammlung in Erfurt wirklich zusammenkommt oder ob der
rechtgläubige Zar sie verbietet, ebenso gleichgültig wie der Protest gegen ihre
Kompetenz, zu dessen Erlaß Herr Vogt sich ohne Zweifel mit Herrn Venedey vereinbaren wird.
Die ganze Erfindung hat bloß Interesse für jene tiefsinnigen Politiker, für deren
Leitartikel die "großdeutsche" und "kleindeutsche" Frage eine ebenso ergiebige wie
unentbehrliche Fundgrube war, und für die preußischen Bourgeois, die des
seligmachenden Glaubens leben, der König von Preußen werde in Erfurt alles bewilligen,
eben weil er in Berlin alles abgeschlagen hat.
Wenn die Frankfurter "Nationalversammlung" in Erfurt mehr oder weniger getreu
widergespiegelt werden soll, so wird der alte Bundestag im "Interim" wiedergeboren und zugleich
auf seinen einfachsten Ausdruck, auf eine ostreichisch-preußische Bundeskommission
zurückgeführt. Das Interim ist bereits in Württemberg eingeschritten und wird
demnächst in Mecklenburg und Schleswig-Holstein einschreiten.
Während Preußen lange Zeit mit Emissionen von Papiergeld, mit
verstohlenen Anleihen der Seehandlung und mit den Resten des Staatsschatzes sein Budget
kümmerlich zustande brachte und erst jetzt auf die Bahn der Anleihen gedrängt ist,
steht in Östreich der Staatsbankerott in voller Blüte. Ein Defizit von 155 Mill. Gulden in den ersten neun Monaten
des Jahres 1849, das bis Ende Dezember auf 210-220 Mill. gestiegen sein muß; der
vollständige Ruin des Staatskredits im In- und Auslande nach dem mit Eklat gescheiterten
Versuch einer neuen Anleihe; die totale Erschöpfung der inländischen Finanzressourcen,
der gewöhnlichen Steuern, der Brandschatzungen, der Papiergeldemission; die Notwendigkeit,
dem ausgesognen Lande neue Verzweiflungssteuern aufzuoktroyieren, die voraussichtlich gar nicht
einkommen werden - das sind die Hauptzüge, in denen die blasse Finanznot in Östreich
zutage tritt. Gleichzeitig damit geht die Verfaulung des östreichischen Staatskörpers
immer rascher vor sich. Vergebens stellt die Regierung ihr eine krampfhafte Zentralisation
entgegen; die Desorganisation hat bereits die äußersten Extremitäten des
Staatskörpers erreicht, den barbarischsten Stämmen, den Hauptstützen des alten
Östreich, den Südslawen in Dalmatien, Kroatien und dem Banat, den "getreuen" Grenzern
selbst wird Östreich unerträglich. Nur ein Verzweiflungscoup bleibt noch übrig und
bietet eine geringe Chance der Rettung - ein Krieg nach außen; dieser Krieg nach
außen, zu dem Östreich unaufhaltsam getrieben wird, muß seine vollständige
Auflösung rasch zu Ende führen.
Auch Rußland war nicht reich genug, seinen Ruhm zu bezahlen, den es noch dazu mit
barem Gelde erkaufen mußte. Trotz der vielgerühmten Goldbergwerke des Ural und Altai,
trotz der unerschöpflichen Schätze in den Gewölben von Petropawlowsk, trotz der
angeblich aus purem Überfluß an Geld hervorgegangenen Rentenankäufe in London und
Paris sieht der rechtgläubige Zar sich genötigt, nicht nur 5.000.000 Silberrubel unter
allerlei falschen Vorwänden aus den zur Deckung des Papiergeldes in Petropawlowsk liegenden
Barvorräten zu entnehmen und den Verkauf seiner Renten an der Pariser Börse zu
befehlen, sondern auch die ungläubige City von London um einen Vorschuß von 30
Millionen Silberrubel anzusprechen.
Durch die Bewegungen der Jahre 1848 und 1849 ist Rußland so tief in die europäische
Politik verwickelt worden, daß es seine alten Pläne auf die Türkei, auf
Konstantinopel, "den Schlüssel zu seinem Hause", jetzt schleunigst durchführen
muß, wenn sie nicht für immer unausführbar werden sollen. Die Fortschritte der
Kontrerevolution und die täglich wachsende Macht der revolutionären Partei in
Westeuropa, die eigne innere Lage Rußlands und der schlechte Zustand seiner Finanzen
zwingen es zu raschem Handeln. Wir sahen vor kurzem das diplomatische Vorspiel dieser neuen
orientalischen Haupt- und Staatsaktion; wir werden in wenigen Monaten die Aktion selbst
erleben.
Der Krieg gegen die Türkei ist notwendig ein europäischer Krieg. Um so besser
für das heilige Rußland, das dadurch Gelegenheit bekommt, festen Fuß in Deutschland zu fassen, die Kontrerevolution dort energisch zu
Ende zu führen, den Preußen Neuchâtel erobern zu helfen und in letzter Instanz
auf das Zentrum der Revolution, auf Paris zu marschieren.
Bei einem solchen europäischen Kriege kann England nicht neutral bleiben. Es muß
sich gegen Rußland entscheiden. Und England ist für Rußland der
allergefährlichste Gegner. Wenn die Landarmeen des Kontinents sich immer mehr durch
Ausbreitung schwächen müssen, je weiter sie in Rußland vordringen, wenn ihr
Vordringen, bei Strafe der Wiederholung von 1812, von den Ostgrenzen des alten Polens an fast
ganz aufhören muß, so hat England die Mittel, Rußland bei seinen verwundbarsten
Seiten zu fassen. Abgesehen davon, daß es die Schweden zur Wiedereroberung Finnlands
zwingen kann, stehen seiner Flotte Petersburg und Odessa offen. Die russische Flotte ist
bekanntlich die schlechteste der Welt, und Kronstadt und Schlüsselburg sind ebensogut
einnehmbar wie Saint-Jean d'Acre und San Juan de Ulua. Ohne Petersburg und Odessa aber ist
Rußland ein Riese mit abgehauenen Händen. Dazu kommt, daß Rußland weder
für den Absatz seiner Rohprodukte noch für den Einkauf von Industrieprodukten England
auch nur auf sechs Monate lang entbehren kann, was schon zur Zeit der Napoleonischen
Kontinentalsperre klar hervortrat, was aber jetzt in noch viel höherem Grade der Fall ist.
Die Abschneidung des englischen Marktes würde Rußland in wenig Monaten in die
heftigsten Konvulsionen versetzen. England kann dagegen nicht nur den russischen Markt auf einige
Zeit entbehren, sondern auch alle russischen Rohprodukte von andern Märkten beziehen. Man
sieht, daß das gefürchtete Rußland keineswegs so gefährlich ist. Es
muß aber dem deutschen Bürger in einer so schreckenerregenden Gestalt erscheinen, weil
es direkt seine Fürsten beherrscht und weil er sehr richtig ahnt, daß die
Barbarenhorden Rußlands binnen kurzem Deutschland überschwemmen und dort
gewissermaßen eine messianische Rolle spielen werden.
Die Schweiz verhält sich zu der Heiligen Allianz im allgemeinen wie die
preußischen Kammern zu ihrem König im besondern. Nur daß die Schweiz hinter sich
noch einen Sündenbock stehn hat, dem sie alle Schläge doppelt und dreifach wiedergeben
kann, die sie von der Heiligen Allianz erhält, einen obendrein wehrlosen, ihr auf Gnade und
Ungnade überlieferten Sündenbock - die deutschen Flüchtlinge. Es ist wahr,
daß ein Teil der "radikalen" Schweizer in Genf, im Waadtland, in Bern gegen die feige
Politik des Bundesrats - feig sowohl gegen die Heilige Allianz wie gegen die Flüchtlinge -
protestiert hat; es ist aber auch ebenso wahr, daß der Bundesrat recht hatte, wenn er
behauptete, daß seine Politik "die der ungeheuren Majorität des Schweizer Volks" sei.
Dazwischen fährt die Zentralgewalt fort, im Innern ganz ruhig kleine bürgerliche Reformen, Zentralisierung der Douanen, der
Münzen, der Posten, der Maße und Gewichte, durchzuführen, Reformen, die ihr den
Applaus der Kleinbürgerschaft sichern. Den Beschluß wegen der Aufhebung der
Militärkapitulationen durchzuführen, wagt sie freilich nicht, und noch täglich
gehn die Urkantönler haufenweise nach Como, um sich dort für den neapolitanischen
Dienst anwerben zu lassen. Aber trotz aller Demut und Zuvorkommenheit gegen die Heilige Allianz
droht der Schweiz doch ein fatales Gewitter. Im ersten Übermut nach dem Sonderbundskrieg und
vollends nach der Februarrevolution haben sich die sonst so ängstlichen Schweizer zu
Unbesonnenheiten verführen lassen. Sie haben das Ungeheure gewagt, einmal unabhängig
sein zu wollen; sie haben sich anstatt der von den Mächten garantierten Verfassung von 1814
eine neue gegeben, sie haben die Unabhängigkeit Neuchâtels gegen die Verträge
anerkannt. Dafür werden sie gezüchtigt werden, trotz aller Bücklinge und
Gefälligkeiten und Polizeidienste. Und einmal in den europäischen Krieg verwickelt, ist
die Lage der Schweiz nicht die angenehmste; hat die Schweiz die heiligen Alliierten beleidigt, so
hat sie die Revolution auf der andern Seite verraten.
In Frankreich, wo die Bourgeoisie selbst die Reaktion in ihrem eignen Interesse leitet
und wo die republikanische Regierungsform dieser Reaktion die freieste und konsequenteste
Entwicklung gestattet, wird die Unterdrückung der Revolution am schamlosesten und am
gewaltsamsten durchgeführt. In der kurzen Frist eines Monats folgten Schlag auf Schlag die
Wiederherstellung der Getränkesteuer, die den Ruin der halben Landbevölkerung direkt
vollendet, das Zirkular d'Hautpoul, das die Gendarmen zu Spionen selbst über die Beamten
ernennt, das Gesetz über die Schullehrer, das alle Elementarlehrer für willkürlich
durch die Präfekten absetzbar erklärt, das Unterrichtsgesetz, das die Schulen den
Pfaffen überliefert, das Transportationsgesetz, in dem die Bourgeoisie ihre ganze
ungesühnte Rachlust an den Juniinsurgenten ausläßt und sie, in Ermangelung eines
andern Henkers, dem tödlichsten Klima von ganz Algerien überantwortet. Von den
zahllosen Ausweisungen selbst der unschuldigsten Fremden, die seit dem 13. Juni gar nicht mehr
aufgehört haben, wollen wir gar nicht reden.
Das Ziel dieser heftigen Bourgeoisreaktion ist natürlich die Herstellung der Monarchie.
Die monarchische Restauration findet aber ein bedeutendes Hindernis in den verschiedenen
Prätendenten selbst und in den Parteien, die sie im Lande haben. Die Legitimisten und
Orleanisten, die beiden stärksten monarchischen Parteien, wiegen sich ungefähr auf; die
dritte Partei, die bonapartistische, ist bei weitem die schwächste. Louis-Napoleon hat trotz
seiner sieben Millionen Stimmen nicht einmal eine wirkliche Partei, er hat nur eine Koterie. Er, der in der allgemeinen Handhabung der Reaktion stets
von der Majorität der Kammer unterstützt wird, findet sich von ihr verlassen, sobald
seine besondern Interessen als Prätendent hervortreten, verlassen nicht nur von der
Majorität, sondern auch von seinen Ministern, die ihn jedesmal Lügen strafen und ihn
schriftlich zwingen, trotz alledem den nächsten Tag zu erklären, daß sie sein
Vertrauen besitzen. Die Zerwürfnisse, in die er so mit der Majorität gerät, zu so
ernsthaften Folgen sie vielleicht führen können, sind daher bis jetzt nur komische
Episoden, in denen der Präsident der Republik jedesmal die Rolle des Geprellten spielt. Es
versteht sich dabei von selbst, daß jede monarchische Sektion auf ihre eigne Faust mit der
Heiligen Allianz konspiriert. Die "Assemblée nationale" ist unverschämt genug, dem
Volke öffentlich mit den Russen zu drohen; daß Louis-Napoleon mit Nikolaus kabaliert,
darüber liegen schon jetzt Tatsachen genug vor.
In demselben Maße wie die Reaktion fortschreitet, wachsen natürlich auch die
Kräfte der revolutionären Partei. Die große Masse der Landbevölkerung,
ruiniert durch die Folgen der Parzellierung, durch die Steuerlast und den rein fiskalischen,
selbst vom bürgerlichen Standpunkt aus schädlichen Charakter der meisten Steuern,
enttäuscht über die Versprechungen Louis-Napoleons und der reaktionären
Deputierten, die Masse der Landbevölkerung hat sich der revolutionären Partei in die
Arme geworfen und bekennt sich zu einem freilich meist noch sehr rohen und bürgerlichen
Sozialismus. Wie revolutionär selbst die legitimistischsten Departements gestimmt sind,
beweist die letzte Wahl im Departement du Gard, dem Zentrum des Royalismus und des "weißen
Schreckens" von 1815, wo ein Roter gewählt wurde. Die Kleinbürgerschaft, gedrückt
durch das große Kapital, das im Handel wie in der Politik wieder ganz die Stellung einnimmt
wie unter Louis-Philippe, ist der Landbevölkerung gefolgt. Der Umschwung ist so gewaltig,
daß selbst der Verräter Marrast und das Journal der Épiciers, der
"Siècle", sich für Sozialisten haben erklären müssen. Die Stellung der
verschiedenen Klassen gegeneinander, für die die gegenseitige Stellung der politischen
Parteien nur ein andrer Ausdruck ist, ist fast ganz wieder dieselbe wie am 22. Februar 1848. Nur
daß es sich jetzt um andre Dinge handelt, daß die Arbeiter sich viel klarer sind und
daß namentlich eine bisher politisch tote Klasse, die der Bauern, in die Bewegung
hineingerissen und für die Revolution gewonnen ist.
Darin liegt die Notwendigkeit für die herrschende Bourgeoisie, die Beseitigung des
allgemeinen Stimmrechts so rasch wie möglich zu versuchen; und in dieser Notwendigkeit liegt
wieder die Gewißheit eines baldigen Sieges der Revolution, selbst abgesehen von den
auswärtigen Verhältnissen.
Wie gespannt überhaupt die Situation ist, geht schon aus dem komischen Gesetzesvorschlag des Volksrepräsentanten Pradié
hervor, der in etwa 200 Artikeln den Versuch macht, den Staatsstreichen und Revolutionen durch
ein Dekret der Nationalversammlung vorzubeugen. Und wie wenig die hohe Finanz hier sowohl wie in
andern Hauptstädten der scheinbar hergestellten "Ordnung" traut, kann man daraus sehen,
daß die verschiedenen Stämme des Hauses Rothschild ihren Gesellschaftsvertrag vor
einigen Monaten nur auf ein Jahr verlängerten - ein Zeitraum von unerhörter
Kürze in den Annalen des Großhandels.
Während der Kontinent sich in den zwei letzten Jahren mit Revolutionen,
Kontrerevolutionen und dem davon unzertrennlichen Redefluß beschäftigte, machte das
industrielle England in einem ganz andern Artikel: in Prosperität. Hier war die im
Herbst 1845 in due course <zum fälligen Zeitpunkt> ausgebrochene Handelskrisis zweimal
- Anfang 1846 durch die Freihandelsbeschlüsse des Parlaments und Anfang 1848 durch die
Februarrevolution - unterbrochen worden. Eine Menge der die überseeischen Märkte
niederdrückenden Waren hatte in der Zwischenzeit allmählich Debouchés gefunden.
Die Februarrevolution beseitigte nun noch auf eben diesen Märkten die Konkurrenz der
kontinentalen Industrie, während die englische Industrie an dem gestörten
Kontinentalmarkt nicht viel mehr verlor, als sie durch den weiteren Verlauf der Krisis ohnehin
verloren haben würde. Die Februarrevolution, die die kontinentale Industrie momentan fast
ganz still setzte, half so den Engländern auf eine ganz erträgliche Weise durch ein
Jahr der Krisis zu kommen, trug zur Aufräumung der gehäuften Vorräte auf den
überseeischen Märkten wesentlich bei und machte einen neuen industriellen Aufschwung
mit dem Frühjahr 1849 möglich. Dieser Aufschwung, der sich übrigens auch auf einen
großen Teil der kontinentalen Industrie erstreckte, hat in den letzten drei Monaten einen
solchen Grad erreicht, daß die Fabrikanten behaupten, noch nie eine so gute Zeit gehabt zu
haben - eine Behauptung, die jedesmal am Vorabend der Krise gemacht wird. Die Fabriken sind mit
Aufträgen überladen und arbeiten mit beschleunigter Geschwindigkeit; man sucht jedes
Mittel auf, um die Zehnstundenbill zu umgehen und neue Arbeitsstunden zu gewinnen; neue Fabriken
werden in allen Teilen der Industriebezirke in Menge gebaut und die alten werden erweitert. Das
bare Geld drängt sich auf den Markt, das unbeschäftigte Kapital will den Moment des
allgemeinen Profits benutzen; der Diskonto füllt die Spekulation, wirft sich in die
Produktion oder auf den Rohproduktenhandel, und fast alle Artikel steigen absolut, alle steigen
relativ im Preise. Kurz, die "Prosperität" in ihrer schönsten Blüte beglückt
England, und es fragt sich nur, wie lange dieser Rausch
dauern wird. Sehr lange jedenfalls nicht. Mehrere der größten Märkte, namentlich
Ostindien, sind schon fast überführt; die Ausfuhr begünstigt schon jetzt weniger
die wirklichen großen Märkte als die Entrepots des Welthandels, von denen aus die
Waren nach den günstigsten Märkten dirigiert werden können. Bald werden bei den
kolossalen Produktivkräften, die die englische Industrie von 1843 bis 1845, in den Jahren
1846 und 1847 und besonders 1849 den bisherigen hinzugefügt hat und die sie noch
täglich hinzufügt, die noch bleibenden, besonders nord- und südamerikanischen und
australischen Märkte ebenfalls überführt sein, und mit den ersten Nachrichten von
dieser Überführung wird der "panic" in der Spekulation und Produktion gleichzeitig
eintreten - vielleicht schon gegen Ende des Frühjahrs, spätestens im Juli oder August.
Diese Krisis wird aber dadurch, daß sie mit großen Kollisionen auf dem Kontinent
zusammenfallen muß, ganz andre Früchte tragen als alle bisherigen. War bisher jede
Krisis das Signal zu einem neuen Fortschritt, einem neuen Siege der industriellen Bourgeoisie
über den Grundbesitz und die Finanzbourgeoisie, so wird diese den Anfang der modernen
englischen Revolution bezeichnen, einer Revolution, in der Cobden die Rolle des Necker
übernehmen wird.
Wir kommen nun zu Amerika. Das wichtigste Faktum, das sich hier ereignet hat, wichtiger
noch als die Februarrevolution, ist die Entdeckung der kalifornischen Goldgruben. Schon jetzt,
nach kaum achtzehn Monaten, läßt es sich voraussehen, daß diese Entdeckung viel
großartigere Resultate haben wird als selbst die Entdeckung Amerikas.
Dreihundertdreißig Jahre lang ist der ganze Handel von Europa nach dem Stillen Ozean mit
der rührendsten Langmut um das Kap der Guten Hoffnung oder das Kap Horn geführt worden.
Alle Vorschläge zur Durchstechung des Isthmus von Panama scheiterten an der bornierten
Eifersucht der handeltreibenden Völker. Achtzehn Monate lang sind die kalifornischen
Goldminen entdeckt, und schon haben die Yankees eine Eisenbahn, eine große
Landstraße, einen Kanal vom Mexikanischen Busen in Angriff genommen, schon sind
Dampfschiffe von New York bis Chagres, von Panama bis San Franzisco in regelmäßiger
Fahrt, schon konzentriert sich der Handel des Stillen Meeres in Panama, und die Fahrt um Kap Horn
ist veraltet. Eine Küste von 30 Breitengraden Länge, eine der schönsten und
fruchtbarsten der Welt, bisher so gut wie unbewohnt, verwandelt sich zusehends in ein reiches,
zivilisiertes Land, dicht bevölkert von Menschen aller Stämme, vom Yankee zum Chinesen,
vom Neger zum Indianer und Malaien, vom Kreolen und Mestizen zum Europäer. Das kalifornische
Gold ergießt sich in Strömen über Amerika und die asiatische Küste des
Stillen Ozeans und reißt die widerspenstigsten Barbarenvölker in den Welt
handel, in die Zivilisation. Zum zweiten Male bekommt der Welthandel eine neue Richtung. Was
im Altertum Tyrus, Karthago und Alexandria, im Mittelalter Genua und Venedig waren, was bisher
London und Liverpool gewesen sind, die Emporien des Welthandels, das werden jetzt New York und
San Franzisco, San Juan de Nicaragna <Greytown> und Leon, Chagres und Panama. Der
Schwerpunkt des Weltverkehrs, im Mittelalter Italien, in der neueren Zeit England, ist jetzt die
südliche Hälfte der nordamerikanischen Halbinsel. Die Industrie und der Handel des
alten Europa müssen sich gewaltig anstrengen, wenn sie nicht in denselben Verfall geraten
wollen wie die Industrie und der Handel Italiens seit dem 16. Jahrhundert, wenn nicht England und
Frankreich dasselbe werden soll, was Venedig, Genua und Holland heute sind. In wenig Jahren
werden wir eine regelmäßige Dampfpaketlinie haben von England nach Chagres, von
Chagres und San Franzisco nach Sydney, Kanton und Singapore. Dank dem kalifornischen Golde und
der unermüdlichen Energie der Yankees werden beide Küsten des Stillen Meers bald ebenso
bevölkert, ebenso offen für den Handel, ebenso industriell sein, wie es jetzt die
Küste von Boston bis New Orleans ist. Dann wird der Stille Ozean dieselbe Rolle spielen wie
jetzt das Atlantische und im Altertum und Mittelalter das Mittelländische Meer - die Rolle
der großen Wasserstraße des Weltverkehrs; und der Atlantische Ozean wird herabsinken
zu der Rolle eines Binnensees, wie sie jetzt das Mittelmeer spielt. Die einzige Chance, daß
die europäischen zivilisierten Länder dann nicht in dieselbe industrielle, kommerzielle
und politische Abhängigkeit fallen, in der Italien, Spanien und Portugal sich jetzt
befinden, liegt in einer gesellschaftlichen Revolution, die, solange es noch Zeit ist, die
Produktions- und Verkehrsweise nach den aus den modernen Produktivkräften hervorgehenden
Bedürfnissen der Produktion selbst umwälzt und dadurch die Erzeugung neuer
Produktivkräfte möglich macht, welche die Superiorität der europäischen
Industrie sichern und so die Nachteile der geographischen Lage ausgleichen.
Zum Schluß noch ein charakteristisches Kuriosum aus China, das der bekannte deutsche
Missionär Gützlaff mitgebracht hat. Die langsam aber regelmäßig steigende
Übervölkerung des Landes machte die dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse schon
lange sehr drückend für die große Majorität der Nation. Da kamen die
Engländer und erzwangen sich den freien Handel nach fünf Häfen. Tausende von
englischen und amerikanischen Schiffen segelten nach China, und in kurzer Zeit war das Land mit
wohlfeilen britischen und amerikanischen Maschinenfabrikaten überfüllt. Die
chinesische, auf der Hand arbeit beruhende Industrie erlag
der Konkurrenz der Maschine. Das unerschütterliche Reich der Mitte erlebte eine
gesellschaftliche Krise. Die Steuern gingen nicht mehr ein, der Staat kam an den Rand des
Bankerotts, die Bevölkerung sank massenweise in den Pauperismus hinab, brach in
Empörungen aus, mißkannte, mißhandelte und tötete des Kaisers Mandarine und
Fohis Bonzen. Das Land kam an den Rand des Verderbens und ist bereits bedroht mit einer
gewaltigen Revolution. Aber noch schlimmer. Unter dem aufrührerischen Plebs traten Leute
auf, die auf die Armut der einen, auf den Reichtum der andern hinwiesen, die eine andere
Verteilung des Eigentums, ja die gänzliche Abschaffung des Privateigentums forderten und
noch fordern. Als Herr Gützlaff nach 20jähriger Abwesenheit wieder unter zivilisierte
Leute und Europäer kam, hörte er von Sozialismus sprechen und frug, was das sei? Als
man ihm dies erklärt hatte, rief er erschreckt aus:
"Ich soll also dieser verderblichen Lehre nirgends entgehn? Grade dasselbe wird
ja seit einiger Zeit von vielen Leuten aus dem Mob in China gepredigt!"
Der chinesische Sozialismus mag sich nun freilich zum europäischen verhalten wie die
chinesische Philosophie zur Hegelschen. Es ist aber immer ein ergötzliches Faktum, daß
das älteste und unerschütterlichste Reich der Erde durch die Kattunhallen der
englischen Bourgeois in acht Jahren an den Vorabend einer gesellschaftlichen Umwälzung
gebracht worden ist, die jedenfalls die bedeutendsten Resultate für die Zivilisation haben
muß. Wenn unsere europäischen Reaktionäre auf ihrer demnächst bevorstehenden
Flucht durch Asien endlich an der chinesischen Mauer ankommen, an den Pforten, die zu dem Hort
der Urreaktion und des Urkonservatismus führen, wer weiß, ob sie nicht darauf die
Überschrift lesen:
République chinoise
Liberté, Egalité, Fraternité.
<Chinesische Republik
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit>
London, 31. Januar 1850
*
Die Wünsche der preußischen Bürgerschaft sind erfüllt: Der "Mann von
Ehre" hat die Verfassung beschworen unter der Bedingung, daß es ihm "möglich gemacht
werde, mit dieser Verfassung zu regieren". Und die Bourgeois in den Kammern haben in den wenigen
Tagen, die seit dem 6. Februar verflossen sind, diesen Wunsch bereits vollständig
erfüllt. Vor dem 6. Februar sagten sie: Wir müssen Konzessionen machen, damit nur die
Verfassung beschworen werde; ist der Eid erst geleistet, so
können wir ganz anders auftreten. Nach dem 6. Februar sagen sie: Die Verfassung ist
beschworen, wir haben alle nur möglichen Garantien; wir können also ganz ruhig
Konzessionen machen. Achtzehn Millionen zu Kriegsrüstungen, zur Mobilmachung von 500.000
Mann gegen einen bis jetzt noch unbekannten Feind, werden ohne Debatte, ohne Opposition fast
einstimmig bewilligt; das Budget wird in vier Tagen votiert, alle Regierungsvorlagen gehen im
Handumdrehen durch die Kammern. Man sieht, es fehlt der deutschen Bourgeoisie noch immer nicht an
Feigheit und an Vorwänden für diese Feigheit.
Der König von Preußen hat durch diese wohlmeinende Kammer Gelegenheit genug
bekommen einzusehen, welche Vorzüge das konstitutionelle System vor dem absolutistischen
besitzt, und zwar nicht nur für die Regierten, sondern auch für die Regenten. Wenn wir
zurückdenken an die Finanzbeklemmung von 1842-1848, an die vergeblichen Borgversuche mit der
Seehandlung und der Bank, an die abschlägigen Antworten Rothschilds, an die vom Vereinigten
Landtag verweigerte Anleihe, an die Erschöpfung des Staatsschatzes und der öffentlichen
Kassen, und wenn wir mit dem allen vergleichen den Finanzüberfluß von 1850 - drei
Budgets mit siebenzig Millionen Defizit durch Kammerbewilligung gedeckt, Darlehnsscheine,
Tresorscheine massenhaft in Umlauf gesetzt, der Staat mit der Bank auf einem besseren Fuß
als je mit der Seehandlung und zu alledem noch vierunddreißig Millionen bewilligter
Anleihen in Reserve - welch ein Kontrast!
Nach den Äußerungen des Kriegsministers hält also die preußische
Regierung Eventualitäten für wahrscheinlich, welche sie zwingen könnten, im
Interesse der europäischen "Ordnung und Ruhe" ihre ganze Armee zu mobilisieren. Durch diese
Erklärung hat Preußen seinen erneuerten Beitritt zur Heiligen Allianz laut und
deutlich genug proklamiert. Wer der Feind ist, dem der neue Kreuzzug gilt, ist klar. Das Zentrum
der Anarchie und des Umsturzes, das welsche Babel, soll vernichtet werden. Ob Frankreich direkt
angegriffen werden, ob Diversionen gegen die Schweiz und gegen die Türkei vorhergehen
sollen, wird oft nur von der Entwicklung der Verhältnisse in Paris abhängen. Jedenfalls
hat die preußische Regierung jetzt die Mittel, ihre 180.000 Soldaten binnen zwei Monaten
auf 500.000 zu erhöhen; 400.000 Russen stehn in Polen, Wolhynien und Bessarabien
echeloniert; Östreich hat 650.000 Mann mindestens auf den Beinen. Schon um diese kolossalen
Streitkräfte zu ernähren, müssen Rußland und Östreich einen
Invasionskrieg noch in diesem Jahre beginnen. Und in Beziehung auf die erste Richtung dieser
Invasion ist soeben ein merkwürdiges Aktenstück in die Öffentlichkeit
gekommen.
Die "Schweizerische National-Zeitung" teilt in einer ihrer letzten Nummern eine angeblich vom östreichischen General Schönhals
verfaßte Denkschrift mit, welche einen vollständigen Plan zur Invasion der Schweiz
enthält. Die Hauptmomente dieses Planes sind folgende:
Preußen zieht gegen 60.000 Mann am Main zusammen, in der Nähe der Eisenbahnen; ein
Korps Hessen, Bayern und Württemberger konzentriert sich teils bei Rottweil und Tuttlingen,
teils bei Kempten und Memmingen. Östreich stellt 50.000 Mann in Vorarlberg und nach
Innsbruck zu auf und bildet ein zweites Korps in Italien zwischen Sesto-Calende und Lecco.
Inzwischen wird die Schweiz mit diplomatischen Unterhandlungen hingehalten. Ist der Moment des
Angriffs gekommen, so eilen die Preußen auf der Eisenbahn nach Lörrach, die kleinen
Kontingente nach Donaueschingen; die Östreicher ziehn sich bei Bregenz und Feldkirch, die
italienische Armee bei Como und Lecco enger zusammen. Eine Brigade bleibt bei Varese stehn und
bedroht Bellinzona. Die Gesandten überreichen das Ultimatum und reisen ab. Die Operationen
beginnen: Der Hauptvorwand ist, die Bundesverfassung von 1814 und die Freiheit der
Sonderbundskantone herzustellen. Der Angriff selbst ist ein konzentrischer gegen Luzern. Die
Preußen dringen über Basel gegen die Aar, die Östreicher über St. Gallen und
Zürich gegen die Limmat vor. Erstere stellen sich von Solothurn bis Zurzach, letztere von
Zurzach über Zürich bis Uznach auf. Zu gleicher Zeit dringen 15.000 detachierte
Östreicher über Chur gegen den Splügen und vereinigen sich mit dem italienischen
Korps, worauf beide durch das Vorderrheintal gegen den St. Gotthard vorrücken und hier
wieder dem über Varese und Bellinzona vorgegangenen Korps die Hand reichen und die Urkantone
insurgieren. Diese werden inzwischen durch das Vorrücken der Hauptarmeen, mit denen sich die
kleineren Kontingente über Schaffhausen vereinigen, und durch die Eroberung Luzerns von der
westlichen Schweiz abgeschnitten und so die Schafe von den Böcken getrennt. Zu gleicher Zeit
besetzt Frankreich, das durch den "geheimen Vertrag vom 30. Januar" zur Aufstellung von 60.000
Mann bei Lyon und Colmar verpflichtet ist, Genf und den Jura unter demselben Vorwande, unter dem
es Rom besetzte. Damit ist Bern unhaltbar geworden, und die "revolutionäre" Regierung ist
gezwungen, entweder sogleich zu kapitulieren oder mit ihren Truppen in den Berner Hochalpen zu
verhungern.
Man sieht, das Projekt ist gar so übel nicht. Es nimmt die nötige Rücksicht auf
die Terrainverhältnisse, es schlägt vor, die ebnere und fruchtbarere Nordschweiz zuerst
zu nehmen und in der Nordschweiz die einzige vorhandene ernsthafte Position, die hinter der Aar
und Limmat, mit den vereinigten Hauptkräften zu forcieren. Es hat den Vorteil, der Schweizer
Armee die Kornkammer abzuschneiden und ihr das schwierigere Gebirgsterrain zunächst noch zu überlassen. Es kann also schon im Anfange des
Frühjahrs ausgeführt werden, und je früher es ausgeführt wird, desto
schwieriger ist die Stellung der in die Hochgebirge zurückgedrängten Schweizer.
Ob das Aktenstück wider den Willen der Urheber publiziert, ob es absichtlich zu dem Zweck
ausgearbeitet worden ist, einem Schweizer Blatt zur Veröffentlichung in die Hände
gespielt zu werden, das läßt sich aus bloß inneren Gründen noch schwer
entscheiden. Im letzteren Falle könnte es nur den Zweck haben, die Schweizer zu veranlassen,
durch schleunige und zahlreiche Truppenaufgebote ihre Kassen zu erschöpfen und sich mehr und
mehr fügsam gegen die Heilige Allianz zu beweisen sowie die öffentliche Meinung
überhaupt über die Absichten der Alliierten irrezuführen. Die Parademacherei, die
augenblicklich mit den Rüstungen Rußlands und Preußens und mit den
Kriegsplänen gegen die Schweiz getrieben wird, scheint dafür zu sprechen. Ebenso ein
Satz der Denkschrift selbst, in dem die größte Schnelligkeit in allen Operationen
empfohlen wird, damit man möglichst viel Gebiet erobere, ehe die Kontingente daraus
zusammengezogen und abmarschiert seien. Dagegen sprechen wieder ebensoviel innere Gründe
für die Echtheit der Denkschrift als eines wirklich vorgeschlagenen Invasionsplans gegen die
Schweiz.
Soviel ist gewiß: Die Heilige Allianz wird noch dies Jahr marschieren, sei es
zunächst gegen die Schweiz oder die Türkei, sei es direkt gegen Frankreich, und in
beiden Fällen mag der Bundesrat sein Haus bestellen. Ob die Heilige Allianz oder die
Revolution zuerst in Bern ankommt, er hat seinen Untergang durch seine feige Neutralität
selbst herbeigeführt. Die Kontrerevolution kann mit seinen Konzessionen nicht zufrieden
sein, weil sein Ursprung selbst ein mehr oder weniger revolutionärer ist; die Revolution
kann eine so verräterische und feige Regierung im Herzen Europas zwischen den drei am
nächsten bei der Bewegung beteiligten Nationen keinen Augenblick dulden. Das Benehmen des
Schweizer Bundesrats liefert das frappanteste und hoffentlich das letzte Beispiel davon, was die
angebliche "Unabhängigkeit" und "Selbständigkeit" kleiner Staaten mitten zwischen den
modernen großen Nationen zu bedeuten hat.(1)
(1) In Beziehung auf die letzten Ereignisse in Frankreich verweisen wir auf den in diesem Heft enthaltenen Abschnitt des Artikels "1848-1849". Über
die faktische Abschaffung der Zehnstundenbill in England werden wir im nächsten Heft einen selbständigen Artikel bringen.