Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7, "Die deutsche
Reichsverfassungskampagne", S. 133-145
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
II
Karlsruhe
Der Aufstand in Baden kam unter den günstigsten
Umständen zustande, in denen eine Insurrektion sich nur befinden kann. Das ganze Volk war
einig in dem Haß gegen eine wortbrüchige, achselträgerische und in ihren
politischen Verfolgungen grausame Regierung. Die reaktionären Klassen, Adel, Bürokratie
und große Bourgeoisie, waren wenig zahlreich. Eine große Bourgeoisie besteht
überhaupt in Baden nur embryonisch. Mit Ausnahme dieser wenigen Adeligen, Beamten und
Bourgeois, mit Ausnahme der Karlsruher und Baden-Badener vom Hof und von reichen Fremden lebenden
Krämer, mit Ausnahme einiger Heidelberger Professoren und eines halben Dutzend
Bauerndörfer um Karlsruhe war das ganze Land ungeteilt für die Bewegung. Die Armee, die
in andern Aufständen erst besiegt werden mußte, die Armee, von ihren adligen
Offizieren mehr als irgendwo anders schikaniert, seit einem Jahre von der demokratischen Partei
bearbeitet, seit kurzem durch Einführung einer Art allgemeiner Wehrpflicht noch mehr mit
rebellischen Elementen versetzt, die Armee stellte sich hier an die Spitze der Bewegung und trieb
sie sogar weiter, als die bürgerlichen Leiter der Offenburger Versammlung wollten. Die Armee
gerade war es, die in Rastatt und Karlsruhe die "Bewegung" in eine Insurrektion verwandelte.
Die insurrektionelle Regierung fand also bei ihrem Amtsantritt eine fertige Armee, reichlich
versehene Arsenal, eine vollständig organisierte Staatsmaschine, einen gefüllten
Staatsschatz und eine so gut wie einstimmige Bevölkerung vor. Sie fand ferner auf dem linken
Rheinufer, in der Pfalz, eine bereits fertige Insurrektion vor, die ihr die linke Flanke deckte;
in Rheinpreußen eine Insurrektion, die zwar stark bedroht, aber noch nicht besiegt war; in
Württemberg, in Franken, in beiden Hessen und Nassau eine allgemeine Aufregung, selbst unter
der Armee, die nur eines Funkens bedurfte, um den badischen Aufstand in ganz Süd- und
Mitteldeutschland zu wiederholen und wenigstens 50.000 bis 60.000 Mann regulärer Truppen der
Empörung zu Gebot zu stellen.
Was unter diesen Umständen zu tun war, ist so
einfach und handgreiflich, daß jetzt nach der Unterdrückung des Aufstandes jedermann
es weiß, jedermann es gleich von Anfang gesagt haben will. Es handelte sich darum, sofort
und ohne einen Augenblick zu zaudern, den Aufstand weiterzutragen nach Hessen, Darmstadt,
Frankfurt, Nassau und Württemberg. Es handelte sich darum, sofort von den disponiblen
regulären Truppen 8.000 bis 10.000 Mann zusammenzuraffen - mit der Eisenbahn konnte das in
zwei Tagen geschehen - und sie nach Frankfurt zu werfen - "zum Schutz der Nationalversammlung".
Die erschrockene hessische Regierung war durch die Schlag auf Schlag einander folgenden
Fortschritte des Aufstandes wie festgebannt; ihre Truppen waren notorisch günstig gestimmt
für die Badenser; sie, sowenig wie der Frankfurter Senat, konnten den mindesten Widerstand
leisten. Die in Frankfurt stationierten kurhessischen, württembergischen und
Darmstädter Truppen waren für die Bewegung; die dortigen Preußen - meist
Rheinländer - schwankten; die Österreicher waren wenig zahlreich. Die Ankunft der
Badenser, man mochte nun versuchen, sie zu verhindern oder nicht, mußte die Insurrektion
bis ins Herz beider Hessen und Nassaus tragen, den Rückzug der Preußen und
Östreicher nach Mainz erzwingen und die zitternde deutsche sogenannte Nationalversammlung
unter den terrorisierenden Einfluß einer insurgierten Bevölkerung und einer
insurgierten Armee stellen. Brach dann der Aufstand an der Mosel, in der Eifel, in
Württemberg und Franken nicht sofort los, so waren Mittel genug vorhanden, ihn auch in diese
Provinzen zu tragen.
Man mußte ferner die Macht der Insurrektion zentralisieren, ihr die nötigen
Geldmittel zur Verfügung stellen und durch sofortige Abschaffung aller Feudallasten die
große ackerbautreibende Mehrzahl der Bevölkerung bei der Insurrektion interessieren.
Herstellung einer gemeinsamen Zentralmacht für Krieg und Finanzen mit der Vollmacht,
Papiergeld(1) auszugeben, zunächst für Baden und
die Pfalz, Aufhebung aller Feudallasten in Baden und jedem von der Insurrektionsarmee besetzten
Bezirk hätten vorderhand hingereicht, um dem Aufstand einen ganz anders energischen
Charakter zu geben.
Alles das mußte jedoch im ersten Augenblick geschehen, um mit der Schnelligkeit
durchgeführt zu werden, die allein den Erfolg sichern konnte. Acht Tage nach Einsetzung des
Landesausschusses war es schon zu spät. Die rheinische Insurrektion war unterdrückt,
Württemberg und Hessen rührten sich nicht, die anfangs günstig gestimmten
Truppenteile wurden unsicher, sie folgten schließlich
wieder ganz ihren reaktionären Offizieren. Der Aufstand hatte seinen allgemeindeutschen
Charakter verloren, er war ein rein badischer oder badisch-pfälzischer Lokalaufstand
geworden.
Wie ich nach Beendigung des Kampfes erfahren, hatte der ehemalige badische Unterleutnant F.
Sigel, der während des Aufstandes als "Oberst" und später als "Obergeneral" sich einen
mehr oder weniger zweideutigen Zwerglorbeer errang, gleich im Anfang dem Landesausschuß
einen Plan vorgelegt, nach dem man die Offensive ergreifen sollte. Dieser Plan hat das Verdienst,
den richtigen Gedanken zu enthalten, daß unter allen Umständen angegriffen werden
müsse; im übrigen ist er der abenteuerlichste, der nur vorgeschlagen werden konnte.
Sigel wollte mit einem badischen Korps zuerst nach Hohenzollern rücken und die
Hohenzollersche Republik proklamieren, sodann Stuttgart nehmen und von da, nach Insurgierung
Württembergs, auf Nürnberg marschieren und im Herzen des ebenfalls insurgierten
Frankens ein großes Lager aufschlagen. Man sieht, daß dieser Plan die moralische
Wichtigkeit Frankfurts, dessen Besitz der Insurrektion erst einen allgemeindeutschen Charakter
gab, und die strategische Wichtigkeit der Mainlinie gänzlich unberücksichtigt
ließ. Man sieht, daß er ganz andre Streitkräfte voraussetzte, als wirklich
disponibel waren, und daß er sich schließlich, nach einem vollständig
Don-Quijoteschen oder Schillschen Streifzug, ins Blaue verlief, um dem Aufstand die
stärkste, die unter allen süddeutschen Armeen einzig entschieden feindliche Armee, die
bayrische, sofort auf die Fersen zu hetzen, noch ehe er sich durch den Übertritt der
hessischen und nassauischen Truppen verstärken konnte.
Die neue Regierung ließ sich auf gar keine Offensive ein, unter dem Vorwand, die
Soldaten seien fast sämtlich auseinander- und nach Hause gegangen. Abgesehen davon,
daß dies nur bei einzelnen wenigen Truppenteilen, namentlich beim Leibregiment, der Fall
war, so waren selbst diese auseinandergegangenen Soldaten binnen drei Tagen fast alle wieder bei
ihren Fahnen.
Die Regierung hatte übrigens ganz andere Gründe, sich gegen jede Offensive zu
sträuben.
An der Spitze der ganzen badischen Reichsverfassungsagitation stand Herr Brentano, ein
Advokat, der mit dem immer etwas mesquinen Ehrgeiz eines deutschen Kleinstaatenvolksmannes und
mit der anscheinenden Gesinnungstüchtigkeit, die in Süddeutschland überhaupt die
erste Bedingung aller Popularität ist, eine gewisse diplomatische Schlauheit verband, die
hinreichte, seine ganze Umgebung, mit Ausnahme vielleicht eines einzigen, vollständig zu
beherrschen. Herr Brentano - es ist jetzt trivial geworden, aber es ist richtig -, Herr Brentano und seine Partei, die stärkste
im Lande, verlangte auf der Offenburger Versammlung weiter nichts als Veränderungen der
großherzoglichen Politik, die nur mit einem Ministerium Brentano möglich waren.
Die Antwort des Großherzogs, die allgemeine Agitation, riefen die Rastatter
Militärrevolte hervor - gegen den Willen und die Absichten Brentanos. In dem Augenblick, als
Herr Brentano an die Spitze des Landesausschusses gesetzt wurde, war er schon überholt von
der Bewegung, mußte er sie schon zu hemmen suchen. Da kam der Krawall in Karlsruhe hinzu;
der Großherzog floh, und derselbe Umstand, der Herrn Brentano an die Spitze der Verwaltung
rief, der ihm sozusagen diktatorische Gewalt gab, vereitelte alle seine Pläne, brachte ihn
dahin, diese Gewalt gegen dieselbe Bewegung zu verwenden, die ihm die Gewalt verschafft hatte.
Während das Volk über die Entfernung des Großherzogs jubelte, saßen Herr
Brentano und sein getreuer Landesausschuß wie auf Kohlen.
Dieser Landesausschuß, fast ausschließlich aus badischen Biedermännern mit
der tüchtigsten Gesinnung und mit den unklarsten Köpfen bestehend, aus "reinen
Republikanern", die vor der Proklamierung der Republik zitterten und vor der geringsten
energischen Maßregel sich bekreuzten - dieser echte Spießbürgerausschuß
war natürlich ganz von Brentano abhängig. Die Rolle, die in Elberfeld der Advokat
Höchster übernommen hatte, diese Rolle übernahm hier auf einem etwas
größeren Terrain der Advokat Brentano. Von den drei <In der "Revue": beiden>
fremdartigen Elementen, die aus dem Gefängnis in den Landesausschuß kamen, Blind,
Fickler und Struve, wurde Blind so sehr von Brentanoschen Intrigen umsponnen, daß ihm, der
ganz allein stand, nichts übrigblieb, als in der Eigenschaft eines Vertreters von Baden ins
Exil nach Paris zu wandern; Fickler mußte eine gefährliche Mission nach Stuttgart
übernehmen; Struve erschien Herrn Brentano so wenig gefährlich, daß er ihn ruhig
im Landesausschuß duldete, ihn überwachte und ihn unpopulär zu machen suchte, was
ihm auch vollständig gelang. Man weiß, wie Struve mit mehren andern einen "Klub des
entschiedenen (oder vielmehr besonnenen) Fortschritts" stiftete, der nach einer verfehlten
Demonstration aufgelöst wurde. Wenige Tage nachher war Struve in der Pfalz, mehr oder
weniger "Flüchtling", und versuchte dort abermals seinen "Deutschen Zuschauer"
herauszugeben. Die Probenummer war kaum erschienen, als die Preußen einrückten.
Der Landesausschuß, von vornherein ein reines Werkzeug Brentanos, erwählte ein
Exekutivkomitee, an dessen Spitze abermals Brentano stand. Dieses Exekutivkomitee ersetzte sehr bald den Landesausschuß fast
ganz, ließ sich höchstens von ihm die Kredite und die getroffenen Maßregeln
bestätigen und entfernte die mehr oder weniger unzuverlässigen Mitglieder des
größeren Ausschusses durch allerlei untergeordnete Missionen in die Kreise oder zur
Armee. Endlich beseitigte es den Landesausschuß vollständig durch die ganz unter
Brentanos Einfluß gewählte "Konstituante" und verwandelte sich in eine "provisorische
Regierung", deren Haupt natürlich abermals Herr Brentano war. Er war es, der die Minister
ernannte. Und welche Minister - Florian Mördes und Mayerhofer!
Herr Brentano war der vollkommenste Repräsentant des badischen Kleinbürgertums. Er
unterschied sich von der Masse der Kleinbürger und ihren sonstigen Repräsentanten nur
dadurch, daß er zu einsichtig war, um alle ihre Illusionen zu teilen. Herr Brentano hat die
badische Insurrektion vom ersten Augenblick an verraten, und gerade deswegen, weil er die
Lage der Dinge vom ersten Augenblick an richtiger erkannte als irgendeine andere offizielle
Person in Baden, weil er die einzigen Maßregeln ergriff, die der Kleinbürgerschaft die
Herrschaft bewahren, aber ebendeshalb auch die ganze Insurrektion zugrunde richten mußten.
Dies ist das Geheimnis der damaligen grenzenlosen Popularität Brentanos und zugleich das
Geheimnis der Beschimpfungen, die seit Juli von seinen ehemaligen Verehrern auf ihn gehäuft
werden. Die badischen Kleinbürger waren der Masse nach ebensogut Verräter wie Brentano;
sie waren zu gleicher Zeit düpiert, was er nicht war. Sie verrieten aus Feigheit, sie
ließen sich düpieren aus Dummheit.
In Baden, wie überhaupt in Süddeutschland, gibt es fast gar keine große
Bourgeoisie. Die Industrie und der Handel des Landes sind unbedeutend. Es gibt daher auch nur ein
sehr wenig zahlreiches, sehr zersplittertes, wenig entwickeltes Proletariat. Die Masse der
Bevölkerung teilt sich in Bauern (die Mehrzahl), Kleinbürger und Handwerksgesellen. Die
letzteren, die städtischen Arbeiter, in kleinen Städten zerstreut, ohne irgendein
größeres Zentrum, in dem sich eine selbständige Arbeiterpartei ausbilden
könnte, stehen oder standen wenigstens bisher unter dem vorwiegenden gesellschaftlichen und
politischen Einfluß der Kleinbürger. Die Bauern, noch mehr über die
Oberfläche des Landes zerstreut, ohne Bildungsmittel, haben mit den Kleinbürgern
ohnehin teils zusammenfallende, teils sozusagen parallellaufende Interessen und standen daher
ebenfalls unter ihrer politischen Vormundschaft. Die Kleinbürger, vertreten durch Advokaten,
Ärzte, Schulmeister, einzelne Kaufleute und Buchhändler, beherrschten also teils
direkt, teils durch ihre Vertreter die ganze politische Bewegung in Baden seit dem März
1848.
Dieser Abwesenheit des Gegensatzes von Bourgeoisie und Proletariat und dem daraus hervorgehenden politischen Übergewicht der
Kleinbürgerschaft ist es zuzuschreiben, daß eine sozialistische Agitation in Baden
eigentlich nie existiert hat. Die sozialistischen Elemente, die von außen hineinkamen, sei
es durch Arbeiter, die in entwickelteren Ländern gewesen waren, sei es durch den
Einfluß der französischen oder deutschen sozialistischen und kommunistischen
Literatur, konnten sich nie Bahn brechen. Das rote Band und die rote Fahne bedeuteten in Baden
nichts andres als die bürgerliche Republik, wenn es hoch kam, mit etwas Terrorismus
versetzt, und die von Herrn Struve entdeckten "sechs Geißeln der Menschheit", so
bürgerlich unschuldig sie sind, waren das Äußerste, das bei der Masse noch
Anklang finden konnte. Das höchste Ideal des badischen Kleinbürgers und Bauern blieb
immer die kleine bürgerlich-bäuerliche Republik, wie sie in der Schweiz seit 1830
besteht. Ein kleines Tätigkeitsfeld für kleine, bescheidene Leute, der Staat eine etwas
vergrößerte Gemeinde, ein "Kanton"; eine kleine, stabile, auf Handarbeit
gestützte Industrie, die einen ebenso stabilen und schläfrigen Gesellschaftszustand
bedingt; wenig Reichtum, wenig Armut, lauter Mittelstand und Mittelmäßigkeit; kein
Fürst, keine Zivilliste, keine stehende Armee, fast keine Steuern; keine aktive Beteiligung
an der Geschichte, keine auswärtige Politik, lauter inländischer kleiner Lokalklatsch
und kleine Zänkereien en famille <unter sich>; keine große Industrie, keine
Eisenbahnen, kein Welthandel, keine sozialen Kollisionen zwischen Millionären und
Proletariern, sondern ein stilles, gemütliches Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit,
in der kleinen, geschichtslosen Bescheidenheit zufriedener Seelen - das ist das sanfte Arkadien,
das im größten Teile der Schweiz existiert und für dessen Einführung der
badische Kleinbürger und Bauer seit Jahren geschwärmt hat. Und erweitert sich in
Momenten kühnerer Begeisterung der Gedanke des badischen und, sagen wir es, des
süddeutschen Kleinbürgers überhaupt zu der Vorstellung von ganz Deutschland, so
schwebt ihm das Ideal von Deutschlands Zukunft vor in der Gestalt einer vergrößerten
Schweiz, in der Gestalt der Föderativrepublik. So hat auch Herr Struve in einer
Broschüre Deutschland bereits in 24 Kantone mit ebensoviel Landammännern und
großen und kleinen Räten eingeteilt und sogar die Landkarte mit der fertigen
Einteilung der Broschüre beigeheftet. Könnte Deutschland sich jemals in ein solches
Arkadien verwandeln, so wäre es damit auf einer Stufe der Erniedrigung angekommen, von der
es bisher selbst in seinen schmachvollsten Zeiten keine Ahnung hatte.
Die süddeutschen Kleinbürger hatten inzwischen schon mehr als einmal die Erfahrung
gemacht, daß eine Revolution, und trüge sie auch ihre eigene bürgerlich-republikanische Fahne, ihr geliebtes stilles
Arkadien sehr leicht im Strudel weit kolossalerer Konflikte, wirklicher Klassenkämpfe, mit
wegschwemmen könnte. Daher die Furcht der Kleinbürger nicht nur vor jeder
revolutionären Erschütterung, sondern auch vor ihrem eignen Ideal der föderierten
Tabak- und Bierrepublik. Daher ihre Begeisterung für die Reichsverfassung, die wenigstens
ihre nächsten Interessen befriedigte und ihnen Hoffnung gab, bei dem bloß suspensiven
Veto des Kaisers die Republik zu gelegener Zeit auf gesetzlichem Wege einzuführen. Daher
ihre Überraschung, als das badische Militär ihnen ungefragt eine fertige Insurrektion
auf dem Präsentierteller überreichte, daher ihre Furcht, die Insurrektion über die
Grenzen des zukünftigen Kantons Baden hinaus zu verbreiten. Die Feuersbrunst hätte ja
auch einmal Gegenden ergreifen können, in denen es große Bourgeois und massenhaftes
Proletariat gab, Gegenden, in denen sie dem Proletariat die Gewalt in die Hand legte, und dann -
wehe dem Eigentum!
Was tat unter diesen Umständen Herr Brentano?
Was die Kleinbürgerschaft in Rheinpreußen mit Bewußtsein getan hatte, tat er
in Baden für die Kleinbürgerschaft: Er verriet die Insurrektion, aber er rettete die
Kleinbürgerschaft.
Keineswegs durch seine letzten Handlungen, durch seine Flucht nach der Niederlage an der Murg,
wie der endlich enttäuschte badische Kleinbürger sich einbildete, sondern vom ersten
Augenblick an verriet Brentano die Insurrektion. Gerade die Maßregeln, denen die badischen
Spießbürger und mit ihnen ein Teil der Bauern und selbst die Handwerker am meisten
zujubelten, gerade diese Maßregeln verrieten die Bewegung an Preußen. Gerade dadurch,
daß Brentano verriet, wurde er so populär, kettete er den fanatischen Enthusiasmus des
Spießbürgers an seine Fersen. Der kleine Bürger übersah den Verrat an der
Bewegung über der raschen Herstellung der Ordnung und Sicherheit, über der
augenblicklichen Hemmung der Bewegung selbst; und als es zu spät war, als er, in der
Bewegung kompromittiert, die Bewegung und sich mit ihr verloren sah, schrie er über Verrat,
fiel er mit der ganzen Entrüstung des geprellten Biedermannes über seinen treuesten
Diener her.
Herr Brentano freilich ist auch geprellt worden. Er hoffte als großer Mann der
"gemäßigten" Partei, d.h. eben der Kleinbürgerschaft, aus der Bewegung
hervorzugehn, und er hat bei Nacht und Nebel schmählich ausreißen müssen vor
seiner eignen Partei, vor seinen besten Freunden, denen plötzlich ein erschreckendes Licht
aufging. Er hoffte sich sogar die Möglichkeit eines großherzoglichen Ministerpostens
offenhalten zu können und hat zum Dank für seine Klugheit die Fußtritte aller
Parteien, die Unmöglichkeit, jemals auch nur noch irgendeine Rolle spielen zu können.
Aber freilich, man kann gescheuter sein als sämtliche
Kleinbürger irgendeines deutschen Raubstaats und darum doch seine schönsten Hoffnungen
geknickt, seine edelsten Absichten mit Kot beworfen sehn!
Von dem ersten Tage seiner Regierung an tat Herr Brentano alles, um die Bewegung in das
spießbürgerliche Bett einzudämmen, das sie zu überschreiten kaum versucht
hatte. Unter dem Schutz der Karlsruher, dem Großherzog ergebenen Bürgerwehr, derselben
Bürgerwehr, die sich den Tag zuvor noch gegen die Bewegung geschlagen hatte, zog er ins
Ständehaus ein, um von hier aus die Bewegung zu zügeln. Die Rückberufung der
desertierten Soldaten geschah mit möglichster Schläfrigkeit; die Reorganisierung der
Bataillone wurde nicht rascher betrieben. Dagegen bewaffnete man sofort die Mannheimer
entwaffneten Spießbürger, von denen jeder wußte, daß sie sich nicht
schlagen würden, und die nach dem Waghäuseler Gefecht sich sogar dem Verrat Mannheims
durch ein Dragonerregiment zum großen Teil angeschlossen haben. Von einem Marsche nach
Frankfurt oder Stuttgart, von einer Verbreitung der Insurrektion nach Nassau oder Hessen war gar
nicht die Rede. Wurde ein Vorschlag der Art gemacht, so war er auch sogleich beseitigt, wie der
Sigelsche. Von der Emittierung von Papiergeld zu sprechen, hätte für ein
Staatsverbrechen, für kommunistisch gegolten. Die Pfalz schickte Gesandte über
Gesandte: Sie sei waffenlos, sie habe keine Gewehre, von Artillerie gar nicht zu sprechen, keine
Munition, sie bedürfe alles dessen, was zur Durchführung einer Insurrektion und
namentlich zur Einnahme der Festungen Landau und Germersheim nötig sei; aber von Herrn
Brentano war nichts zu erhalten. Sie trug auf sofortige Einsetzung eines gemeinsamen
Militärkommandos, ja auf Vereinigung beider Länder unter einer einzigen gemeinsamen
Regierung an. Alles wurde verschleppt und verzögert. Ein kleiner Geldzuschuß ist,
glaube ich, das einzige, was die Pfalz bekommen konnte; später, als es zu spät war,
kamen acht Geschütze mit etwas Munition, ohne Bedienung und Bespannung, und endlich auf
Mieroslawskis direkten Befehl ein badisches Bataillon und zwei Mörser, von denen, wenn ich
mich recht erinnere, einer einen Schuß getan hat.
Mit dieser Verschleppung und Beseitigung der notwendigsten Maßregeln, die die
Insurrektion hätten weitertragen können, war die ganze Bewegung schon verraten. Nach
innen wurde mit derselben Nonchalance verfahren. Von Aufhebung der Feudallasten war keine Rede;
Herr Brentano wußte sehr gut, daß in den Bauern mehr revolutionäre Elemente
steckten, namentlich im Oberland, als ihm lieb war, und daß er sie daher eher
zurückhalten als noch tiefer in die Bewegung schleudern müsse. Die neuen Beamten waren
meist Kreaturen Brentanos oder total unfähig; die alten Beamten, mit Ausnahme derer, die zu direkt bei der Reaktion der letzten zwölf Monate
kompromittiert und daher von selbst desertiert waren, behielten sämtlich ihre Stellen, zum
großen Entzücken aller ruhigen Bürger. Sogar Herr Struve fand noch in den letzten
Tagen des Mai an der "Revolution" zu loben, daß alles so hübsch ruhig abgegangen sei
und fast alle Beamten in ihren Stellen hätten bleiben können. - Im übrigen wirkten
Herr Brentano und seine Agenten dahin, daß alles, wo möglich, ins alte Geleis
zurückkehre, daß möglichst wenig Unruhe und Aufregung herrsche und das
revolutionäre Exterieur des Landes baldigst verschwinde.
In der Militärorganisation herrschte derselbe Schlendrian. Man tat nicht mehr, als was
man unmöglich unterlassen konnte. Die Truppen wurden ohne Führer, ohne
Beschäftigung, ohne Ordnung gelassen; der unfähige "Kriegsminister" Eichfeld und sein
Nachfolger, der Verräter Mayerhofer, wußten sie nicht einmal erträglich zu
dislozieren. Die Truppenkonvois kreuzten sich auf der Eisenbahn, ohne Zweck, ohne Resultat. Die
Bataillone wurden heute hierhin geführt, morgen wieder zurück, kein Mensch konnte
absehen, weshalb. In den Garnisonen zogen sie von einem Wirtshaus ins andere, weil sie nichts
anderes zu tun hatten. Es schien, als sollten sie absichtlich demoralisiert werden, als wolle die
Regierung ihnen den letzten Rest von Disziplin geradezu austreiben. Die Organisation des ersten
Aufgebots der sogenannten Volkswehr, d.h. aller waffenfähigen Mannschaft bis zu 30 Jahren,
wurde dem bekannten Joh. Ph. Becker, einem naturalisierten Schweizer und Offizier der
eidgenössischen Armee, übertragen. Inwieweit Becker von Brentano in der Ausführung
seiner Mission gehemmt wurde, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß Brentano nach
dem Rückzuge der Pfälzer Armee auf badisches Gebiet, als die gebieterischen Forderungen
der schlechtbekleideten und schlechtbewaffneten Pfälzer sich nicht mehr zurückweisen
ließen - daß Brentano damals mit folgenden Worten seine Hände in Unschuld wusch:
"Meinetwegen gebt ihnen, was ihr wollt; aber wenn der Großherzog wiederkommt, so soll er
wenigstens wissen, wer ihm seine Vorräte so verschleudert hat!" Wenn also die badische
Volkswehr teils schlecht, teils gar nicht organisiert war, so ist nicht zu zweifeln, daß
die Hauptschuld auch hier auf Brentano und auf den schlechten Willen oder die Ungeschicklichkeit
seiner Kommissäre in den einzelnen Kreisen fällt.
Als Marx und ich nach der Unterdrückung der "Neuen Rheinischen Zeitung" zuerst auf
badisches Gebiet kamen - es mochte der 20. oder 21. Mai sein, also mehr als acht Tage nach der
Flucht des Großherzogs -, waren wir erstaunt über die enorme Sorglosigkeit, mit der
die Grenze bewacht oder vielmehr nicht bewacht wurde. Von Frankfurt bis Heppenheim die ganze
Eisen bahn mit württembergischen und hessischen
Reichstruppen besetzt; Frankfurt und Darmstadt selbst voll von Militär; alle Bahnhöfe,
alle Ortschaften von starken Detachements okkupiert; regelmäßige Vorposten
vorgeschoben bis an die Grenze. Von der Grenze bis Weinheim dagegen auch nicht ein Mann zu sehen;
in Weinheim ebenso. Die einzigste Vorsichtsmaßregel war die Demolierung einer kurzen
Strecke der Eisenbahn zwischen Heppenheim und Weinheim. Erst während unsrer Anwesenheit traf
ein schwaches Detachement des Leibregiments, höchstens 25 Mann, in Weinheim ein. Von
Weinheim bis Mannheim herrschte wieder der tiefste Friede; höchstens hier und da ein
einzelner, überlustiger Volkswehrmann, der eher versprengt oder desertiert als im Dienst
befindlich schien. Von Grenzkontrolle war natürlich erst recht keine Rede. Man ging hinein
oder heraus, wie man wollte.
In Mannheim sah es allerdings schon etwas kriegerischer aus. Haufen von Soldaten standen auf
der Straße oder saßen in den Wirtshäusern. Die Volkswehr und Bürgerwehr
exerzierte im Park, meist freilich noch sehr unbeholfen und mit schlechten Instruktoren. Auf dem
Rathaus saßen eine Menge Komitees, alte und neue Offiziere, Uniformen und Blusen. Das Volk
mischte sich unter die Soldaten und Freischärler, es wurde viel gezecht, viel gelacht, viel
karessiert. Aber man sah gleich, daß der erste Aufschwung schon vorüber, daß
viele unangenehm enttäuscht waren. Die Soldaten waren malkontent; wir haben die Insurrektion
gemacht, sagten sie, und jetzt, wo die Bürgerlichen an die Reihe kommen und die Leitung
übernehmen sollen, jetzt lassen sie alles ins Stocken geraten und verderben! Die Soldaten
waren mit ihren neuen Offizieren auch nicht recht zufrieden; die neuen Offiziere waren gespannt
mit den früheren großherzoglichen, deren damals noch viele da waren, obwohl
täglich einige desertierten; die alten Offiziere fanden sich wider Willen in eine fatale
Stellung versetzt, aus der sie nicht wußten, wie sie herauskommen sollten. Über den
Mangel an energischer und fähiger Leitung endlich wurde überall geklagt.
Auf der andern Rheinseite, in Ludwigshafen, trat uns die Bewegung in einer viel heiteren
Gestalt entgegen. Während in Mannheim noch eine Masse junger Leute, die offenbar zum ersten
Aufgebot gehörten, ruhig ihren Geschäften nachgingen, als ob gar nichts geschehen sei,
war hier alles bewaffnet. Es war freilich nicht überall so in der Pfalz, wie sich
später zeigte. Die größte Einstimmigkeit herrschte in Ludwigshafen zwischen
Freischärlern und Militär. In den Wirtshäusern, die natürlich auch hier
überfüllt waren, ertönten die Marseillaise und andre derartige Lieder. Man klagte
nicht, man murrte nicht, man lachte, man war mit Leib und Seele bei der Bewegung und machte sich
damals, besonders beim Füsilier und Freischärler, noch sehr verzeihliche und unschuldige Illusionen über seine eigne
Unüberwindlichkeit.
In Karlsruhe nahm die Sache schon größere Feierlichkeit an. Im Pariser Hof war
Table d'hôte <gemeinschaftliche Gasthaustafel> um ein Uhr angesagt. Aber es wurde
nicht angefangen, bis "die Herren vom Landesausschuß" gekommen waren. Dergleichen kleine
Aufmerksamkeiten gaben der Bewegung schon einen wohltuenden bürokratischen Anstrich.
Wir sprachen gegen verschiedene Herren vom Landesausschuß die oben entwickelte Ansicht
aus, daß gleich im Anfang nach Frankfurt hätte marschiert und dadurch die Insurrektion
weiter ausgedehnt werden müssen, daß es jetzt höchstwahrscheinlich schon zu
spät und daß ohne entscheidende Schläge in Ungarn oder ohne eine neue Revolution
in Paris die ganze Bewegung schon jetzt rettungslos verloren sei. Man kann sich die
Entrüstung nicht denken, die bei solchen ketzerischen Behauptungen unter diesen Bürgern
vom Landesausschuß losbrach. Blind und Goegg allein waren auf unsrer Seite. Jetzt, nachdem
die Ereignisse uns recht gegeben, haben dieselben Herren natürlich von jeher auf die
Offensive gedrungen.
In Karlsruhe traf man damals schon die ersten Anfänge jener großartigen
Stellenjägerei, die sich unter dem ebenso großartigen Titel einer "Konzentrierung
aller demokratischen Kräfte Deutschlands" als Vaterlandsrettung brüstete. Wer nur
jemals in irgendeinem Klub mehr oder minder konfus deklamiert, im entferntesten demokratischen
Winkelblättchen einmal zum Haß gegen Tyrannen aufgefordert hatte, eilte nach Karlsruhe
oder Kaiserslautern, um dort sogleich ein großer Mann zu werden. Daß die Leistungen
den hier konzentrierten Kräften vollständig entsprachen, braucht wohl nicht erst
ausdrücklich versichert zu werden. - So befand sich hier in Karlsruhe ein bekannter,
angeblich philosophischer Atta Troll, Exabgeordneter zur Frankfurter Versammlung und Exredakteur
eines von Manteuffel trotz der Anerbietungen unsers Atta Troll unterdrückten, angeblich
demokratischen Blättchens. Atta Troll angelte mit großer Emsigkeit nach dem
Pöstchen des badischen Gesandten in Paris, zu dem er sich besonders berufen hielt, weil er
seinerzeit zwei Jahre in Paris gewesen war und dort kein Französisch gelernt hatte. Er war
auch wirklich so glücklich, Herrn Brentano das Kreditiv abzulocken, und packte eben seine
Koffer, als Brentano ihn plötzlich rufen ließ und ihm das Beglaubigungsschreiben
wieder aus der Tasche nahm. Es versteht sich, daß Atta Troll jetzt, Herrn Brentano zum
Trotz, erst recht nach Paris reiste. - Ein anderer gesinnungstüchtiger Bürger, der
schon seit einigen Jahren Deutschland mit Revolutionierung
und Republikanisierung gedroht hatte, Herr Heinzen, befand sich ebenfalls in Karlsruhe. Dieser
Biedermann hatte bekanntlich vor der Februarrevolution überall und immer zum "Dreinschlagen"
aufgerufen, hatte es aber nach dieser Revolution für geratener gehalten, den verschiedenen
deutschen Insurrektionen von den neutralen Hochgebirgen der Schweiz aus zuzusehen. Jetzt endlich
schien ihm die Lust zu kommen, auch einmal auf die "Dränger" dreinzuschlagen. Nach seinem
früheren Ausspruche: "Kossuth ist ein großer Mann, aber Kossuth hat das
Knallsilber vergessen", war zu erwarten, daß er sofort die kolossalsten,
bisher ungeahnten Zerstörungskräfte gegen die Preußen organisieren werde.
Keineswegs. Da höherstrebende Pläne nicht anwendbar schienen, begnügte sich unser
Tyrannenhasser, wie es heißt, mit der Bildung eines republikanischen Elitekorps, schrieb
inzwischen Artikel zugunsten Brentanos in die "Karlsruher Zeitung" und besuchte den Klub des
entschiedenen Fortschritts. Der Klub wurde aufgelöst, die republikanische Elite kam nicht,
und Herr Heinzen merkte endlich, daß selbst er die Brentanosche Politik nicht länger
verteidigen könne. Verkannt, verbraucht, verdrießlich ging er zunächst ins
badische Oberland und von da in die Schweiz, ohne einen einzigen Dränger erschlagen zu
haben. Er rächt sich jetzt an ihnen, indem er sie von London aus in effigie <im
Geiste> millionenweise guillotiniert.
Wir verließen Karlsruhe am nächsten Morgen, um die Pfalz zu besuchen. Von dem
weitern Verlauf der badischen Insurrektion brauche ich in bezug auf die Leitung der allgemeinen
Politik und der Zivilverwaltung nur noch wenig zu sagen. Als Brentano sich stark genug
fühlte, vernichtete er die zahme Opposition, die ihm der Klub des entschiedenen Fortschritts
machte, mit einem Schlage. Die "konstituierende Versammlung", unter dem Einfluß der
immensen Popularität Brentanos und der alles regierenden Kleinbürgerschaft
gewählt, gab ihr Ja und Amen zu allen seinen Schritten. Die "provisorische Regierung mit
diktatorischer Gewalt" (eine Diktatur unter einem angeblichen Konvent!) war ganz unter seiner
Leitung. So regierte er fort, hemmte die revolutionäre und militärische Entwicklung der
Insurrektion, ließ die laufenden Geschäfte tant bien que mal <recht und
schlecht> besorgen und bewachte eifersüchtig die Vorräte und das Privateigentum des
Großherzogs, den er fortwährend als seinen legitimen Souverän von Gottes Gnaden
behandelte. In der "Karlsruher Zeitung" erklärte er, der Großherzog könne jeden
Augenblick zurückkommen, und wirklich blieb das Schloß während der ganzen Zeit
verschlossen, als sei sein Bewohner bloß verreist. Die Pfälzer Abgesandten hielt er mit unbestimmten Antworten von einem Tage zum andern
hin; das Höchste, was zu erreichen war, war das gemeinsame Militärkommando unter
Mieroslawski und - ein Vertrag wegen Aufhebung des Mannheim-Ludwigshafener Brückenzolls, der
Herrn Brentano indes nicht verhinderte, diesen Zoll auf der Mannheimer Seite forterheben zu
lassen.
Als endlich Mieroslawski nach dem Gefechte bei Waghäusel und Ubstadt die Trümmer
seiner Armee durch das Gebirg bis hinter die Murg zurückziehen mußte, als Karlsruhe
mit einer Masse Vorräten aufgegeben werden mußte, als die Niederlage an der Murg das
Schicksal der Bewegung entschied, da verschwanden die Illusionen der badischen Bürger,
Bauern und Soldaten, da erhob sich ein allgemeiner Ruf, Brentano habe verraten. Mit einem Schlage
war das ganze, durch die Feigheit der Kleinbürger, durch die Unselbständigkeit der
Bauern, durch den Mangel an Konzentrierung der Arbeiter aufrechtehaltene Gebäude der
Popularität Brentanos vernichtet. Brentano floh bei Nacht und Nebel nach der Schweiz,
verfolgt von dem Vorwurfe des Volksverrats, mit dem ihn seine eigene "Konstituante" brandmarkte,
und verbarg sich in Feuerthalen im Kanton Zürich.
Man könnte sich dabei beruhigen, daß Herr Brentano durch den gänzlichen Ruin
seiner politischen Stellung, durch die allgemeine Verachtung aller Parteien für seinen
Verrat genug gezüchtigt ist. An dem Untergang der badischen Bewegung liegt nicht viel. Der
13. Juni in Paris und die Weigerung Görgeys, auf Wien zu marschieren, vernichteten alle
Chancen, die Baden und die Pfalz noch hatten, selbst wenn es gelungen wäre, die Bewegung
nach Hessen, Württemberg und Franken zu verpflanzen. Man wäre ehrenvoller gefallen,
aber gefallen wäre man. Was aber die revolutionäre Partei Herrn Brentano nie vergessen
wird, was sie den feigen badischen Kleinbürgern, die ihn aufrechterhielten, nie vergessen
wird, das ist, daß sie direkt schuld sind an dem Tode der in Karlsruhe, in Freiburg und in
Rastatt Erschossenen und der zahllosen und namenlosen Opfer, die die Preußen vermittelst
des Typhus in den Rastatter Kasematten im stillen hingerichtet haben.
Im zweiten Hefte dieser "Revue" werde ich die Zustände in der Pfalz und zum
Beschluß die badisch-pfälzische Kampagne schildern.
Fußnoten
(1) Die badischen Kammern hatten früher schon eine Emission von zwei
Millionen Papiergeld genehmigt, von denen noch kein Kreuzer ausgegeben war.