Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7, "Die deutsche
Reichsverfassungskampagne", S. 115-132
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
I
Rheinpreußen
Man erinnert sich, wie der bewaffnete Aufstand für
die Reichsverfassung anfangs Mai zuerst in Dresden zum Ausbruch kam. Man weiß, wie
die Dresdner Barrikadenkämpfer, vom Landvolk unterstützt, von den Leipziger
Spießbürgern verraten, nach sechstägigem Kampfe der Übermacht erlagen. Sie
hatten nie mehr als 2.500 Kombattanten mit sehr gemischten Waffen und als ganze Artillerie zwei
oder drei kleine Böller. Die königlichen Truppen bestanden, außer den
sächsischen Bataillonen, aus zwei Regimentern Preußen. Sie hatten Kavallerie,
Artillerie, Büchsenschützen und ein Bataillon mit Zündnadelgewehren zu ihrer
Verfügung. Die königlichen Truppen scheinen sich in Dresden noch feiger als anderswo
aufgeführt zu haben; zu gleicher Zeit aber steht fest, daß die Dresdner Kämpfer
sich gegen diese Übermacht tapferer geschlagen haben, als es sonst wohl in der
Reichsverfassungskampagne geschehen ist. Aber freilich, ein Straßenkampf ist auch etwas
ganz andres als ein Gefecht im offenen Felde.
Berlin blieb ruhig unter dem Belagerungszustand und der Entwaffnung. Nicht einmal die
Eisenbahn wurde aufgerissen, um den preußischen Zuzug bei Berlin schon aufzuhalten. Breslau
versuchte einen schwachen Barrikadenkampf, auf den die Regierung längst vorbereitet war, und
geriet nur dadurch um so sichrer unter die Säbeldiktatur. Das übrige Norddeutschland,
ohne revolutionäre Zentren, war gelähmt. Auf Rheinpreußen und Süddeutschland
allein war noch zu rechnen, und in Süddeutschland setzte sich soeben schon die Pfalz in
Bewegung.
Rheinpreußen hat seit 1815 als eine der fortgeschrittensten Provinzen Deutschlands
gegolten, und mit Recht. Es vereinigt zwei Vorzüge, die sich in keinem andern Teil
Deutschlands vereinigt finden.
Rheinpreußen teilt mit Luxemburg, Rheinhessen und der Pfalz den Vorteil, seit 1795 die
Französische Revolution und die gesellschaftliche, administrative und legislative
Konsolidierung ihrer Resultate unter Napoleon mitgemacht zu haben. Als die revolutionäre
Partei in Paris erlag, trugen die Armeen die Revolution
über die Grenzen. Vor diesen kaum befreiten Bauernsöhnen zerstoben nicht nur die Armeen
des Heiligen Römischen Reichs, sondern auch die Feudalherrschaft des Adels und der Pfaffen.
Seit zwei Generationen kennt das linke Rheinufer keinen Feudalismus mehr; der Adlige ist seiner
Privilegien beraubt, der Grundbesitz ist aus seinen Händen und denen der Kirche in die
Hände des Bauern übergegangen; der Boden ist parzelliert, der Bauer ist freier
Grundbesitzer wie in Frankreich. In den Städten verschwanden die Zünfte und die
patriarchalische Patrizierherrschaft zehn Jahre früher als irgendwo in Deutschland vor der
freien Konkurrenz, und der Code Napoléon sanktionierte schließlich den ganzen
veränderten Zustand in der Zusammenfassung der gesamten revolutionären
Institutionen.
Rheinpreußen besitzt aber zweitens - und darin liegt sein Hauptvorzug vor den
übrigen Ländern des linken Rheinufers - die ausgebildetste und mannigfachste Industrie
von ganz Deutschland. In den drei Regierungsbezirken Aachen, Köln und Düsseldorf sind
fast alle Industriezweige vertreten: Baumwollen-, Wollen- und Seidenindustrie aller Art nebst den
davon abhängigen Branchen der Bleicherei, Druckerei und Färberei, der
Eisengießerei und Maschinenfabrikation, ferner Bergbau, Waffenschmieden und sonstige
Metallindustrie finden sich hier auf dem Raum weniger Quadratmeilen konzentriert und
beschäftigen eine Bevölkerung von in Deutschland unerhörter Dichtigkeit. An die
Rheinprovinz schließt sich unmittelbar, sie mit einem Teil der Rohstoffe versorgend und
industriell zu ihr gehörend, der märkische Eisen-und Kohlendistrikt an. Die beste
Wasserstraße Deutschlands, die Nähe des Meeres, der mineralische Reichtum der Gegend
begünstigen die Industrie, die außerdem zahlreiche Eisenbahnen erzeugt hat und ihr
Eisenbahnnetz noch täglich vervollständigt. Mit der Industrie in Wechselwirkung steht
ein für Deutschland sehr ausgedehnter Ausfuhr- und Einfuhrhandel nach allen Weltteilen, ein
bedeutender direkter Verkehr mit allen großen Stapelplätzen des Weltmarkts und eine
verhältnismäßige Spekulation in Rohprodukten und Eisenbahnaktien. Kurz, die
industrielle und kommerzielle Entwicklungsstufe der Rheinprovinz ist, wenn auch auf dem Weltmarkt
ziemlich unbedeutend, doch für Deutschland einzig.
Die Folge dieser - ebenfalls unter der revolutionären französischen Herrschaft
aufgeblühten - Industrie und des mit ihr zusammenhängenden Handels in
Rheinpreußen ist die Erzeugung einer mächtigen industriellen und kommerziellen
großen Bourgeoisie und, im Gegensatz zu ihr, eines zahlreichen industriellen
Proletariats, zweier Klassen, die im übrigen Deutschland nur sehr stellenweise und
embryonisch existieren, die aber die besondre politische Entwicklung der Rheinprovinz fast
ausschließlich beherrschen.
Vor den übrigen durch die Franzosen
revolutionierten deutschen Ländern hat Rheinpreußen die Industrie, vor den
übrigen deutschen Industriebezirken (Sachsen und Schlesien) die Französische
Revolution voraus. Es ist der einzige Teil Deutschlands, dessen gesellschaftliche
Entwickelung fast ganz die Höhe der modernen bürgerlichen Gesellschaft erreicht hat:
ausgebildete Industrie, ausgedehnter Handel, Anhäufung der Kapitalien, Freiheit des
Grundeigentums; starke Bourgeoisie und massenhaftes Proletariat in den Städten, zahlreiche
und verschuldete Parzellenbauern auf dem Lande vorherrschend; Herrschaft der Bourgeoisie
über das Proletariat durch das Lohnverhältnis, über den Bauern durch die Hypothek,
über den Kleinbürger durch die Konkurrenz und endlich Sanktion der Bourgeoisherrschaft
durch die Handelsgerichte, die Fabrikgerichte, die Bourgeoisjury und die ganze materielle
Gesetzgebung.
Begreift man jetzt den Haß des Rheinländers gegen alles, was preußisch
heißt? Preußen hatte mit der Rheinprovinz die Französische Revolution seinen
Staaten inkorporiert und behandelte die Rheinländer nicht nur wie Unterjochte und Fremde,
sondern sogar wie besiegte Rebellen. Weit entfernt, die rheinische Gesetzgebung im Sinne der sich
immer weiter entwickelnden modernen bürgerlichen Gesellschaft auszubilden, wollte es den
Rheinländern sogar den pedantisch-feudal-spießbürgerlichen Mischmasch des
preußischen Landrechts aufbürden, der selbst kaum noch für Hinterpommern
paßt.
Der Umschwung nach dem Februar 1848 zeigte deutlich die exzeptionelle Stellung der
Rheinprovinz. Sie lieferte nicht nur der preußischen, sondern überhaupt der deutschen
Bourgeoisie ihre klassischen Vertreter: Camphausen und Hansemann; sie lieferte dem
deutschen Proletariat das einzige Organ, in dem es nicht nur der Phrase oder dem guten Willen,
sondern seinen wirklichen Interessen nach vertreten war: die "Neue Rheinische
Zeitung".
Wie kommt es aber, daß Rheinpreußen sich trotz alledem so wenig bei den
revolutionären Bewegungen Deutschlands beteiligt hat?
Man vergesse nicht, daß die 1830er Bewegung im Interesse des Phrasen- und
Advokatenkonstitutionalismus für die mit viel reelleren, industriellen Unternehmungen
beschäftigte rheinische Bourgeoisie Deutschlands kein Interesse haben konnte; daß,
während man in den deutschen Kleinstaaten noch von einem deutschen Kaiserreiche
träumte, in Rheinpreußen das Proletariat schon anfing, gegen die Bourgeoisie offen
aufzutreten; daß von 1840 bis 1847 zur Zeit der bürgerlichen, wirklich
konstitutionellen Bewegung die rheinische Bourgeoisie an der Spitze stand und daß sie im
März 1848 in Berlin ein entscheidendes Gewicht in die Waagschale legte. Warum aber
Rheinpreußen nie in einer offenen Insurrektion etwas durchsetzen, warum es nicht einmal eine allgemeine Insurrektion der ganzen Provinz zustande
bringen konnte, das wird die einfache Darstellung der rheinischen Reichsverfassungskampagne am
besten nachweisen.
Der Kampf in Dresden kam eben zum Ausbruch; in der Pfalz konnte er jeden Augenblick
losbrechen. In Baden, in Württemberg, in Franken wurden Monsterversammlungen angesetzt, und
man verhehlte kaum noch, daß man entschlossen sei, es auf Entscheidung durch die Waffen
ankommen zu lassen. In ganz Süddeutschland waren die Truppen schwankend. Preußen war
nicht minder aufgeregt. Das Proletariat wartete nur auf eine Gelegenheit, Rache zu nehmen
für die Eskamotierung der Vorteile, die es im März 1848 erobert zu haben glaubte. Die
Kleinbürgerschaft war überall in Tätigkeit, sämtliche unzufriedenen Elemente
zu einer großen Reichsverfassungspartei zu kondensieren, deren Leitung sie zu erhalten
hoffte. Die Schwüre, mit der Frankfurter Versammlung zu stehen und zu fallen, Gut und Blut
für die Reichsverfassung einzusetzen, füllten alle Zeitungen, ertönten in allen
Klubsälen und Bierlokalen.
Da eröffnete die preußische Regierung die Feindseligkeiten, indem sie einen
großen Teil der Landwehr, namentlich in Westfalen und am Rhein, einberief. Die
Einberufungsordre war mitten im Frieden ungesetzlich, und nicht nur die kleine, auch die
größere Bourgeoisie erhob sich dagegen.
Der Kölner Gemeinderat schrieb einen Kongreß von Deputierten der rheinischen
Gemeinderäte aus. Die Regierung verbot ihn; man ließ die Form fallen und hielt den
Kongreß trotz des Verbots ab. Die Gemeinderäte, Vertreter der großen und
mittleren Bourgeoisie, erklärten ihre Anerkennung der Reichsverfassung, forderten Annahme
derselben durch die preußische Regierung und Entlassung des Ministeriums sowie
Zurücknahme der Einberufung der Landwehr und drohten im Falle der Verweigerung ziemlich
deutlich mit dem Abfall der Rheinprovinzen von Preußen.
"Da die preußische Regierung die zweite Kammer, nachdem dieselbe sich
für die unbedingte Annahme der deutschen Verfassung vom 28. März d.J. ausgesprochen
hatte, aufgelöst und dadurch das Volk seiner Vertretung und Stimme in dem gegenwärtigen
entscheidenden Augenblicke beraubt hat, sind die unterzeichneten Verordneten der Städte und
Gemeinden der Rheinprovinz zusammengetreten, um zu beraten, was dem Vaterlande not
tue.
Die Versammlung hat unter dem Vorsitze der Stadtverordneten Zell von Trier und
Werner von Koblenz und in Assistenz der Protokollführer, der Stadtverordneten Boekker von
Köln und Bloem II von Düsseldorf,
beschlossen, wie folgt:
1. Sie erklärt, daß sie die Verfassung des deutschen Reiches, wie
solche am 28. März d. J. von der Reichsversammlung verkündet worden, als
endgültiges Gesetz anerkennt und bei dem von
der preußischen Regierung erhobenen Konflikte auf der Seite der deutschen Reichsversammlung
steht.
2. Die Versammlung fordert das gesamte Volk der Rheinlande und namentlich alle
waffenfähigen Männer auf, durch Kollektiverklärungen in kleineren und
größeren Kreisen seine Verpflichtung und seinen unverbrüchlichen Willen, an der
deutschen Reichsverfassung festzuhalten und den Anordnungen der Reichsverfassung Folge zu
leisten, auszusprechen.
3. Die Versammlung fordert die deutsche Reichsversammlung auf, nunmehr schleunigst
kräftigere Anstrengungen <In der "Kölnischen Zeitung": Anordnungen> zu treffen,
um dem Widerstande des Volkes in den einzelnen deutschen Staaten und namentlich auch in der
Rheinprovinz jene Einheit und Stärke zu gehen, die allein imstande ist, die wohlorganisierte
Gegenrevolution zuschanden [zu] machen.
4. Sie fordert die Reichsgewalt auf, die Reichstruppen baldmöglichst auf die Verfassung
zu beeidigen und eine Zusammenziehung derselben anzuordnen.
5. Die Unterzeichneten verpflichten sich, der Reichsverfassung durch alle ihnen zu Gebote
stehenden Mittel in dem Bereiche ihrer Gemeinden Geltung zu verschaffen.
6. Die Versammlung erachtet die Entlassung des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel und die
Einberufung der Kammern ohne Abänderung des bestehenden Wahlmodus für unbedingt
notwendig.
7. Sie erblickt insbesondere in der jüngst erfolgten, teilweisen Einberufung der Landwehr
eine unnötige, den inneren Frieden in hohem Grade gefährdende Maßregel und
erwartet deren sofortige Zurücknahme.
8. Die Unterzeichneten sprechen schließlich ihre Überzeugung dahin aus, daß
bei Nichtbeachtung des Inhaltes dieser Erklärung dem Vaterlande die größten
Gefahren drohen, durch die selbst dar Bestand Preußens in seiner gegenwärtigen
Zusammensetzung gefährdet werden kann.
Beschlossen am 8. Mai 1849 zu Köln."
(Folgen die Unterschriften.)
Wir fügen nur noch hinzu, daß derselbe Herr Zell, der dieser Versammlung
präsidierte, wenige Wochen später als Reichskommissär des Frankfurter
Reichsministeriums nach Baden ging, um dort nicht nur abzuwiegeln, sondern auch um mit den
dortigen Reaktionären jene kontrerevolutionären Coups zu verabreden, die später in
Mannheim und Karlsruhe zum Ausbruch kamen. Daß er auch dem Reichsgeneral Peucker zu
gleicher Zeit als militärischer Spion Dienste geleistet, ist wenigstens wahrscheinlich.
Wir halten darauf, dies Faktum wohl zu konstatieren. Die große Bourgeoisie, die
Blüte des vormärzlichen rheinischen Liberalismus, suchte sich in Rhein preußen gleich anfangs an die Spitze der Bewegung für
die Reichsverfassung zu stellen. Ihre Reden, ihre Beschlüsse, ihr ganzes Auftreten machte
sie solidarisch für die späteren Ereignisse. Es gab Leute genug, die die Phrasen der
Herren Gemeinderäte, namentlich die Drohung mit dem Abfall der Rheinprovinz, ernsthaft
nahmen. Ging die große Bourgeoisie mit, so war die Sache von vornherein so gut wie
gewonnen, so hatte man alle Klassen der Bevölkerung mit sich, so konnte man schon etwas
riskieren. So kalkulierte der Kleinbürger und beeilte sich, eine heroische Positur
anzunehmen. Es versteht sich, daß sein angeblicher Associé, der große
Bourgeois, sich dadurch keineswegs abhalten ließ, ihn bei der ersten Gelegenheit zu
verraten und nachher, als die ganze Sache höchst kläglich geendet hatte, ihn
nachträglich wegen seiner Dummheit zu verspotten.
Die Aufregung wuchs inzwischen fortwährend; die Nachrichten aus allen Gegenden
Deutschlands lauteten höchst kriegerisch. Endlich sollte zur Einkleidung der Landwehr
geschritten werden. Die Bataillone traten zusammen und erklärten kategorisch, daß sie
sich nicht einkleiden lassen würden. Die Majore, ohne hinreichende militärische
Unterstützung, konnten nichts ausrichten und waren froh, wenn sie ohne Drohungen und
tätliche Angriffe davonkamen. Sie entließen die Leute und setzten einen neuen Termin
zur Einkleidung fest.
Die Regierung, die den Landwehroffizieren leicht die nötige Unterstützung hätte
geben können, ließ es absichtlich so weit kommen. Sie wandte jetzt sofort Gewalt
an.
Die widersetzlichen Landwehren gehörten namentlich dem bergisch-märkischen
Industriebezirk an. Elberfeld und Iserlohn, Solingen und die Enneper Straße waren die
Zentren des Widerstandes. Sofort wurden nach den beiden ersteren Städten Truppen
beordert.
Nach Elberfeld zogen ein Bataillon Sechzehner, eine Schwadron Ulanen und zwei Geschütze.
Die Stadt war in der höchsten Verwirrung. Die Landwehr hatte bei reiflicher Überlegung
doch gefunden, daß sie ein gewagtes Spiel spiele. Viele Bauern und Arbeiter waren politisch
indifferent und hatten nur keine Lust gehabt, irgendwelchen Regierungslaunen zu Gefallen auf
unbestimmte Zeit sich vom Hause zu entfernen. Die Folgen der Widersetzlichkeit fielen ihnen
schwer aufs Herz: species facti <Tatbestand>, Kriegsrecht, Kettenstrafe und vielleicht gar
Pulver und Blei! Genug, die Anzahl der Landwehrmänner, die unter den Waffen standen - ihre
Waffen hatten sie -, schmolz immer mehr zusammen, und es blieben ihrer zuletzt noch etwa vierzig
übrig. Sie hatten in einem öffentlichen
Lokal vor der Stadt ihr Hauptquartier aufgeschlagen und warteten dort auf die Preußen. Um
das Rathaus stand die Bürgerwehr und zwei Bürgerschützenkorps, schwankend, mit der
Landwehr unterhandelnd, jedenfalls entschlossen, ihr Eigentum zu schützen. In den
Straßen wogte die Bevölkerung, Kleinbürger, die im politischen Klub der
Reichsverfassung Treue geschworen hatten, Proletarier aller Stufen, vom entschiedenen,
revolutionären Arbeiter bis zum schnapstrunkenen Karrenbinder. Kein Mensch wußte, was
zu tun sei, keiner, was kommen werde.
Der Stadtrat wollte mit den Truppen unterhandeln. Der Kommandierende wies alles ab und
marschierte in die Stadt. Die Truppen paradieren durch die Straßen und stellen sich am
Rathause auf, gegenüber der Bürgerwehr. Man unterhandelt. Aus der Menge fallen
Steinwürfe auf das Militär. Die Landwehr, wie gesagt, etwa vierzig Mann stark, zieht
von der andern Seite der Stadt her nach langem Beraten ebenfalls dem Militär entgegen.
Auf einmal ruft man im Volk nach Befreiung der Gefangenen. Im Arresthaus, das dicht am Rathaus
liegt, saßen nämlich seit einem Jahr 69 Solinger Arbeiter in Verhaft wegen Demolierung
der Stahlgußfabnk an der Burg. Ihr Prozeß sollte in wenig Tagen verhandelt werden.
Diese zu befreien, stürzt das Volk nach dem Gefängnis. Die Türen weichen, das Volk
dringt ein, die Gefangenen sind frei. Aber zu gleicher Zeit rückt das Militär vor, eine
Salve fällt, und der letzte Gefangene, der aus der Tür eilt, stürzt mit
zerschmettertem Schädel nieder.
Das Volk weicht zurück, aber mit dem Ruf: Zu den Barrikaden! In einem Nu sind die
Zugänge zur innern Stadt verschanzt. Unbewaffnete Arbeiter sind genug vorhanden, bewaffnete
sind höchstens fünfzig hinter den Barrikaden.
Die Artillerie rückt vor. Wie vorher die Infanterie, so feuert auch sie zu hoch,
wahrscheinlich mit Absicht. Beide Truppenteile bestanden aus Rheinländern oder Westfalen und
waren gut. Endlich rückt der Hauptmann von Uttenhoven an der Spitze der 8. Kompanie des 16.
Regiments vor.
Drei Bewaffnete waren hinter der ersten Barrikade. "Schießt nicht auf uns", rufen sie,
"wir schießen nur auf die Offiziere!" - Der Hauptmann kommandiert Halt. "Kommandierst du
Fertig, so liegst du da", ruft ihm ein Schütze hinter der Barrikade zu. - "Fertig - An -
Feuer!" - Die Salve kracht, aber auch in demselben Augenblick stürzt der Hauptmann zusammen.
Die Kugel hatte ihn mitten durchs Herz getroffen.
Das Peloton zieht sich eiligst zurück; nicht einmal die Leiche des Hauptmanns wird
mitgenommen. Noch einige Schüsse fallen, einige Soldaten werden verwundet, und der
kommandierende Offizier, der die Nacht nicht in der empörten Stadt zubringen will, zieht
wieder hinaus, um mit seinen Truppen eine Stunde vor der
Stadt zu biwakieren. Hinter den Soldaten erheben sich sogleich von allen Seiten Barrikaden.
Noch denselben Abend kam die Nachricht vom Rückzuge der Preußen nach
Düsseldorf. Zahlreiche Gruppen bildeten sich auf den Straßen; die kleine Bourgeoisie
und die Arbeiter waren in der höchsten Aufregung. Da gab das Gerücht, daß neue
Truppen nach Elberfeld abgeschickt werden sollten, das Signal zum Losbruch. Ohne den Mangel an
Waffen - die Bürgerwehr war seit November 1848 entwaffnet -, ohne die
verhältnismäßig starke Garnison und die ungünstigen breiten und graden
Straßen der kleinen Exresidenz zu bedenken, riefen einige Arbeiter zu den Barrikaden. In
der Neustraße, Bolkerstraße kamen einige Verschanzungen zustande; die übrigen
Teile der Stadt wurden teils durch die schon im voraus konsignierten Truppen, teils durch die
Furcht der großen und kleinen Bürgerschaft frei gehalten.
Gegen Abend entspann sich der Kampf. Die Barrikadenkämpfer waren, hier wie überall,
wenig zahlreich. Wo sollten sie auch Waffen und Munition hernehmen? Genug, sie leisteten der
Übermacht langen und tapfern Widerstand, und erst nach ausgedehnter Anwendung der
Artillerie, gegen Morgen, war das halbe Dutzend Barrikaden, das sich verteidigen ließ, in
den Händen der Preußen. Man weiß, daß diese vorsichtigen Helden am
folgenden Tage an Dienstmädchen, Greisen und friedlichen Leuten überhaupt blutige
Revanche nahmen.
An demselben Tage, an dem die Preußen aus Elberfeld zurückgeschlagen wurden, sollte
auch ein Bataillon, wenn wir nicht irren des 13. Regiments, nach Iserlohn einrücken und die
dortige Landwehr zur Räson bringen. Aber auch hier wurde dieser Plan vereitelt; sowie die
Nachricht vom Anrücken des Militärs bekannt wurde, verschanzte Landwehr und Volk alle
Zugänge der Stadt und erwartete den Feind mit geladener Büchse. Das Bataillon wagte
keinen Angriff und zog sich wieder zurück.
Der Kampf in Elberfeld und Düsseldorf und die Verbarrikadierung Iserlohns gaben das
Signal zum Aufstand des größten Teils der bergisch-märkischen Industriegegend.
Die Solinger stürmten das Gräfrather Zeughaus und bewaffneten sich mit den daraus
entnommenen Gewehren und Patronen; die Hagener schlossen sich in Masse der Bewegung an,
bewaffneten sich, besetzten die Zugänge der Ruhr und schickten Rekognoszierungspatrouillen
aus; Solingen, Ronsdorf, Remscheid, Barmen usw. stellten ihre Kontingente nach Elberfeld. An den
übrigen Orten der Gegend erklärte sich die Landwehr für die Bewegung und stellte
sich zur Verfügung der Frankfurter Versammlung. Elberfeld, Solingen, Hagen, Iserlohn setzten
Sicherheitsausschüsse an die Stelle der vertriebenen Kreis- und Lokalbehörden.
Die Nachrichten von diesen Ereignissen wurden
natürlich noch ungeheuer übertrieben. Man schilderte die ganze Wupper- und Ruhrgegend
als ein großes, organisiertes Lager des Aufstandes, man sprach von fünfzehntausend
Bewaffneten in Elberfeld, von ebensoviel in Iserlohn und Hagen. Der plötzliche Schreck der
Regierung, der alle ihre Tätigkeit gegenüber diesem Aufstande der treuesten Bezirke mit
einem Schlage lähmte, trug nicht wenig dazu bei, diesen Übertreibungen Glauben zu
verschaffen.
Alle billigen Abzüge für wahrscheinliche Übertreibungen gemacht, blieb das eine
Faktum unleugbar, daß die Hauptorte des bergisch-märkischen Industriebezirks im offnen
und bis dahin siegreichen Aufstande begriffen waren. Dies Faktum war da. Dazu kamen die
Nachrichten, daß Dresden sich noch hielt, daß Schlesien gäre, daß die
Pfälzer Bewegung sich konsolidiere, daß in Baden eine siegreiche Militärrevolte
ausgebrochen und der Großherzog geflohen sei, daß die Magyaren am Jablunka und der
Leitha ständen. Kurz, von allen revolutionären Chancen, die sich der demokratischen und
Arbeiterpartei seit März 1848 geboten hatten, war dies bei weitem die vorteilhafteste, und
sie mußte natürlich ergriffen werden. Das linke Rheinufer durfte das rechte nicht im
Stich lassen,
Was war nun zu tun?
Alle größeren Städte der Rheinprovinz sind entweder von starken Zitadellen und
Forts beherrschte Festungen, wie Köln und Koblenz, oder haben zahlreiche Garnisonen, wie
Aachen, Düsseldorf und Trier. Außerdem wird die Provinz noch durch die Festungen
Wesel, Jülich, Luxemburg, Saarlouis und selbst durch Mainz und Minden im Zaum gehalten. In
diesen Festungen und Garnisonen lagen zusammen mindestens dreißigtausend Mann. Köln,
Düsseldorf, Aachen, Trier waren endlich seit längerer Zeit entwaffnet. Die
revolutionären Zentren der Provinz waren also gelähmt. Jeder Aufstandsversuch
mußte hier, wie dies sich schon in Düsseldorf gezeigt, mit dem Siege des Militärs
endigen; noch ein solcher Sieg, z.B. in Köln, und der bergisch-märkische Aufstand war
trotz der sonst günstigen Nachrichten moralisch vernichtet. Auf dem linken Rheinufer war an
der Mosel, in der Eifel und dem Krefelder Industriebezirk eine Bewegung möglich; aber diese
Gegend war von sechs Festungen und drei Garnisonsstädten umzingelt. Das rechte Rheinufer bot
dagegen in den bereits insurgierten Bezirken ein dichtbevölkertes, ausgedehntes, durch Wald
und Gebirge zum Insurrektionskriege wie geschaffenes Terrain dar.
Wollte man also die aufgestandenen Bezirke unterstützen, so war nur eins
möglich:
vor allen Dingen in den Festungen und Garnisonsstädten jeden unnützen Krawall
vermeiden;
auf dem linken Rheinufer in den kleineren Städten,
in den Fabrikorten und auf dem Lande eine Diversion machen, um die rheinischen Garnisonen im
Schach zu halten;
endlich alle disponiblen Kräfte in den insurgierten Bezirk des rechten Rheinufers werfen,
die Insurrektion weiter verbreiten und versuchen, hier vermittelst der Landwehr den Kern einer
revolutionären Armee zu organisieren.
Die neuen preußischen Enthüllungshelden mögen nicht zu früh frohlocken
über das hier enthüllte hochverräterische Komplott. Leider hat kein Komplott
existiert. Die obigen drei Maßregeln sind kein Verschwörungsplan, sondern ein
einfacher Vorschlag, der vom Schreiber dieser Zeilen ausging, und zwar in dem Augenblick, als er
selbst nach Elberfeld abreiste, um die Ausführung des dritten Punkts zu betreiben. Dank der
zerfallenen Organisation der demokratischen und Arbeiterpartei, dank der Unschlüssigkeit und
klugen Zurückhaltung der meisten aus der kleinen Bourgeoisie hervorgegangenen
Lokalführer, dank endlich dem Mangel an Zeit kam es gar nicht zum Konspirieren. Wenn daher
auf dem linken Rheinufer allerdings der Anfang einer Diversion zustande kam, wenn in Kempen,
Neuß und Umgegend Unruhen ausbrachen und in Prüm das Zeughaus gestürmt wurde, so
waren diese Tatsachen keineswegs Folgen eines gemeinsamen Plans, sie wurden nur durch den
revolutionären Instinkt der Bevölkerung hervorgerufen.
In den insurgierten Bezirken sah es inzwischen ganz anders aus, als die übrige Provinz
voraussetzte. Elberfeld mit seinen - übrigens höchst planlosen und eilig
zusammengerafften - Barrikaden, mit den vielen Wachtposten, Patrouillen und sonstigen
Bewaffneten, mit der ganzen Bevölkerung auf den Straßen, wo nur die große
Bourgeoisie zu fehlen schien, mit den roten und trikoloren Fahnen nahm sich zwar gar nicht
übel aus, im übrigen aber herrschte in der Stadt die größte Verwirrung. Die
kleine Bourgeoisie hatte durch den gleich im ersten Moment gebildeten Sicherheitsausschuß
die Leitung der Angelegenheiten in die Hand genommen. Kaum war sie soweit, als sie auch schon vor
ihrer eignen Macht, so gering sie war, erschrak. Ihre erste Handlung war, sich durch den
Stadtrat, d.h. durch die große Bourgeoisie, legitimieren zu lassen und zum Dank für
die Gefälligkeit des Stadtrats fünf seiner Mitglieder in den Sicherheitsausschuß
aufzunehmen. Dieser so verstärkte Sicherheitsausschuß entledigte sich denn sofort
aller gefährlichen Tätigkeit, indem er die Sorge für die Sicherheit nach
außen einer Militärkommission überwies, sich selbst aber über diese
Kommission eine mäßigende und hemmende Aufsicht vorbehielt. Somit vor aller
Berührung mit dem Aufstande gesichert, durch die Väter der Stadt selbst auf den
Rechtsboden verpflanzt, konnten die zitternden
Kleinbürger des Sicherheitsausschusses sich darauf beschränken, die Gemüter zu
beruhigen, die laufenden Geschäfte zu besorgen, "Mißverständnisse"
aufzuklären, abzuwiegeln, die Sache in die Lange zu ziehn und jede energische Tätigkeit
unter dem Vorwande zu lähmen, man müsse vorerst die Antwort auf die nach Berlin und
Frankfurt geschickten Deputationen abwarten. Die übrige Kleinbürgerschaft ging
natürlich Hand in Hand mit dem Sicherheitsausschuß, wiegelte überall ab,
verhinderte möglichst alle Fortführung der Verteidigungsmaßregeln und der
Bewaffnung und schwankte fortwährend über die Grenze ihrer Beteiligung am Aufstande.
Nur ein kleiner Teil dieser Klasse war entschlossen, sich mit den Waffen in der Hand zu
verteidigen, falls die Stadt angegriffen würde. Die große Mehrzahl suchte sich selbst
einzureden, ihre bloßen Drohungen und die Scheu vor dem fast unvermeidlichen Bombardement
Elberfelds werde die Regierung zu Konzessionen bewegen; im übrigen aber hielt sie sich
für alle Fälle den Rücken frei.
Die große Bourgeoisie war im ersten Augenblick nach dem Gefecht wie niedergedonnert. Sie
sah Brandstiftung, Mord, Plünderung und wer weiß welche Greuel vor ihrer erschreckten
Phantasie aus der Erde wachsen. Die Konstituierung des Sicherheitsausschusses, dessen
Majorität - Stadträte, Advokaten, Staatsprokuratoren, gesetzte Leute - ihr
plötzlich eine Garantie für Leben und Eigentum bot, erfüllte sie daher mit einem
mehr als fanatischen Entzücken. Dieselben großen Kaufleute,
Türkischrotfärber, Fabrikanten, die bisher die Herren Karl Hecker, Riotte,
Höchster usw. als blutdürstige Terroristen verschrien hatten, stürzten jetzt in
Masse aufs Rathaus, umarmten ebendieselbigen angeblichen Blutsäufer mit der fieberhaftesten
Innigkeit und deponierten Tausende von Talern auf dem Tische des Sicherheitsausschusses. Es
versteht sich von selbst, daß ebendieselben begeisterten Bewunderer und Unterstützer
des Sicherheitsausschusses nach dem Ende der Bewegung nicht nur über die Bewegung selbst,
sondern auch über den Sicherheitsausschuß und seine Mitglieder die abgeschmacktesten
und gemeinsten Lügen verbreiteten und den Preußen mit derselben Innigkeit für die
Befreiung von einem Terrorismus dankten, der nie existiert hatte. Unschuldige konstitutionelle
Bürger, wie die Herren Heeker, Höchster und der Staatsprokurator Heintzmann, wurden
wieder als Schreckensmänner und Menschenfresser geschildert, denen die Verwandtschaft mit
Robespierre und Danton auf dem Gesicht geschrieben stand. Wir halten es für unsre
Schuldigkeit, unsrerseits genannte Biedermänner von dieser Anklage vollständig
freizusprechen. Im übrigen begab sich der größte Teil der hohen Bourgeoisie
möglichst rasch mit Weib und Kind unter den Schutz des Düsseldorfer
Belagerungszustandes, und nur der kleinere couragiertere Teil blieb zurück, um sein Eigentum
auf alle Fälle zu schützen. Der
Oberbürgermeister saß während des Aufstandes verborgen in einer umgeworfenen, mit
Mist bedeckten Droschke. Das Proletariat, einig im Moment des Kampfes, spaltete sich, sobald das
Schwanken des Sicherheitsausschusses und der Kleinbürgerschaft hervortrat. Die Handwerker,
die eigentlichen Fabrikarbeiter, ein Teil der Seidenweber waren entschieden für die
Bewegung; aber sie, die den Kern des Proletariats bildeten, hatten fast gar keine Waffen. Die
Rotfärber, eine robuste, gut bezahlte Arbeiterklasse, roh und deshalb reaktionär wie
alle Fraktionen von Arbeitern, bei deren Geschäft es mehr auf Körperkraft als auf
Geschicklichkeit ankommt, waren schon in den ersten Tagen gänzlich gleichgültig
geworden. Sie allein von allen Industriearbeitern arbeiteten während der Barrikadenzeit
fort, ohne sich stören zu lassen. Das Lumpenproletariat endlich war wie überall vom
zweiten Tage der Bewegung an käuflich, verlangte morgens vom Sicherheitsausschuß
Waffen und Sold und ließ sich nachmittags von der großen Bourgeoisie erkaufen, um
ihre Gebäude zu schützen oder um abends die Barrikaden niederzureißen. Im ganzen
stand es auf der Seite der Bourgeoisie, die ihm am besten zahlte und mit deren Geld es
während der Dauer der Bewegung sich flotte Tage machte.
Die Nachlässigkeit und Feigheit des Sicherheitsausschusses, die Uneinigkeit der
Militärkommission, in der die Partei der Untätigkeit anfangs die Majorität hatte,
verhinderten von vornherein jedes entschiedene Auftreten. Vom zweiten Tage an trat die Reaktion
ein. Von Anfang an zeigte es sich, daß in Elberfeld nur unter der Fahne der
Reichsverfassung, nur im Einverständnisse mit der kleinen Bourgeoisie auf Erfolg zu rechnen
war. Das Proletariat war einerseits gerade hier erst zu kurze Zeit aus der Versumpfung des
Schnapses und des Pietismus herausgerissen, als daß die geringste Anschauung von den
Bedingungen seiner Befreiung hätte in die Massen dringen können, andrerseits hatte es
einen zu instinktiven Haß gegen die Bourgeoisie, war es viel zu gleichgültig gegen die
bürgerliche Frage der Reichsverfassung, als daß es sich für dergleichen trikolore
Interessen hätte enthusiasmieren können. Die entschiedene Partei, die einzige, der es
mit der Verteidigung Ernst war, kam dadurch in eine schiefe Stellung. Sie erklärte sich
für die Reichsverfassung. Aber die kleine Bourgeoisie traute ihr nicht, verlästerte sie
in jeder Weise beim Volke, hemmte alle ihre Maßregeln zur Bewaffnung und Befestigung. Jeder
Befehl, der dazu dienen konnte, die Stadt wirklich in Verteidigungszustand zu setzen, wurde
sofort kontremandiert vom ersten besten Mitglied des Sicherheitsausschusses. Jeder
Spießbürger, dem man eine Barrikade vor die Türe setzte, lief sogleich aufs
Rathaus und verschaffte sich einen Gegenbefehl. Die Geldmittel zur Bezahlung der
Barrikadenarbeiter - und sie verlangten nur das
Nötigste, um nicht zu verhungern - waren nur mit Mühe und im knappsten Maß vom
Sicherheitsausschuß herauszupressen. Der Sold und die Verpflegung der Bewaffneten wurde
unregelmäßig besorgt und war oft unzureichend. Während fünf bis sechs Tage
war weder Revue noch Appell der Bewaffneten zustande zu bringen, so daß kein Mensch
wußte, auf wieviel Kämpfer man für den Notfall rechnen konnte. Erst am
fünften Tage wurde eine Einteilung der Bewaffneten versucht, die aber nie zur
Ausführung kam und auf einer totalen Unkenntnis der Streitkräfte beruhte. Jedes
Mitglied des Sicherheitsausschusses agierte auf eigene Faust. Die widersprechendsten Befehle
durchkreuzten sich, und nur darin stimmten die meisten dieser Befehle überein, daß sie
die gemütliche Konfusion vermehrten und jeden energischen Schritt verhinderten. Dem
Proletariat wurde dadurch vollends die Bewegung verleidet, und nach wenigen Tagen erreichten die
großen Bourgeois und die Kleinbürger ihren Zweck, die Arbeiter möglichst
gleichgültig zu machen.
Als ich am 11. Mai nach Elberfeld kam, waren wenigstens 2.500-3.000 Bewaffnete vorhanden. Von
diesen Bewaffneten waren aber nur die fremden Zuzüge und die wenigen bewaffneten Elberfelder
Arbeiter zuverlässig. Die Landwehr schwankte; die Mehrzahl hatte ein gewaltiges Grauen vor
der Kettenstrafe. Sie waren anfangs wenig zahlreich, verstärkten sich aber durch den Zutritt
aller Unentschiedenen und Furchtsamen aus den übrigen Detachements. Die Bürgerwehr
endlich, hier vom Anfang an reaktionär und direkt zur Unterdrückung der Arbeiter
errichtet, erklärte sich neutral und wollte bloß ihr Eigentum schützen. Alles
dies stellte sich indes erst im Laufe der nächsten Tage heraus; inzwischen aber verlief sich
ein Teil der fremden Zuzüge und der Arbeiter, schmolz die Zahl der wirklichen
Streitkräfte infolge des Stillstandes der Bewegung zusammen, während die
Bürgerwehr immer mehr zusammenhielt und mit jedem Tage ihre reaktionären Gelüste
unverhohlener aussprach. Sie riß in den letzten Nächten schon eine Anzahl Barrikaden
nieder. Die bewaffneten Zuzüge, die im Anfang gewiß über 1.000 Mann betrugen,
hatten sich am 12. oder 13. schon auf die Hälfte reduziert, und als es endlich zu einem
Generalappell kam, stellte sich heraus, daß die ganze bewaffnete Macht, auf die man rechnen
konnte, höchstens noch 700 bis 800 Mann betrug. Landwehr und Bürgerwehr weigerten sich,
auf diesem Appell zu erscheinen.
Damit nicht genug. Das insurgierte Elberfeld war von lauter angeblich "neutralen" Orten
umgeben. Barmen, Kronenberg, Lennep, Lüttringhausen usw. hatten sich der Bewegung nicht
angeschlossen. Die revolutionären Arbeiter dieser Orte, soweit sie Waffen hatten, waren nach
Elberfeld marschiert. Die Bürgerwehr, in allen diesen Orten reines Instrument in den
Händen der Fabrikanten zur Niederhaltung der Arbeiter,
aus den Fabrikanten, ihren Fabrikaufsehern und den von den Fabrikanten gänzlich
abhängigen Krämern zusammengesetzt, beherrschte diese Orte im Interesse der "Ordnung"
und der Fabrikanten. Die Arbeiter selbst, durch ihre mehr ländliche Zerstreuung der
politischen Bewegung ziemlich fremd gehalten, waren durch Anwendung der bekannten Zwangsmittel
und durch Verleumdung über den Charakter der Elberfelder Bewegung teilweise auf die Seite
der Fabrikanten gebracht; bei den Bauern wirkte die Verleumdung vollends unfehlbar. Dazu kam,
daß die Bewegung in eine Zeit fiel, wo nach fünfzehnmonatlicher Geschäftskrise
die Fabrikanten endlich wieder Aufträge vollauf hatten, und daß, wie bekannt, mit gut
beschäftigten Arbeitern keine Revolution zu machen ist - ein Umstand, der auch in Elberfeld
sehr bedeutend wirkte. Daß unter allen diesen Umständen die "neutralen" Nachbarn nur
ebensoviel versteckte Feinde waren, liegt auf der Hand.
Noch mehr. Die Verbindung mit den übrigen insurgierten Bezirken war keineswegs
hergestellt. Von Zeit zu Zeit kamen einzelne Leute von Hagen herüber; von Iserlohn
wußte man so gut wie gar nichts. Es boten sich einzelne Leute zu Kommissären an, aber
keinem war zu trauen. Mehrere Boten zwischen Elberfeld und Hagen sollen in Barmen und Umgegend
von der Bürgerwehr arretiert worden sein. Der einzige Ort, mit dem man in Verbindung stand,
war Solingen, und dort sah es geradeso aus wie in Elberfeld. Daß es nicht schlimmer dort
aussah, war nur der guten Organisation und der Entschlossenheit der Solinger Arbeiter zu
verdanken, die 400 bis 500 Bewaffnete nach Elberfeld geschickt hatten, [aber] immer noch stark
genug waren, ihrer Bourgeoisie und ihrer Bürgerwehr zu Hause das Gleichgewicht zu halten.
Wären die Elberfelder Arbeiter so entwickelt und so organisiert gewesen wie die Solinger,
die Chancen hätten ganz anders gestanden.
Unter diesen Umständen war nur noch eins möglich: Ergreifung einiger rascher,
energischer Maßregeln, die der Bewegung wieder Leben verliehen, ihr neue Streitkräfte
zuführten, ihre inneren Gegner lähmten und sie im ganzen bergisch-märkischen
Industriebezirk möglichst kräftig organisierten. Der erste Schritt war die Entwaffnung
der Elberfelder Bürgerwehr und die Verteilung ihrer Waffen unter die Arbeiter und die
Erhebung einer Zwangssteuer zum Unterhalt der so bewaffneten Arbeiter. Dieser Schritt brach
entschieden mit der ganzen bisherigen Schlaffheit des Sicherheitsausschusses, gab dem Proletariat
neues Leben und lähmte die Widerstandsfähigkeit der "neutralen" Distrikte. Was nachher
zu tun war, um auch aus diesen Distrikten Waffen zu erhalten, die Insurrektion weiter auszudehnen
und die Verteidigung des ganzen Bezirks regelmäßig zu organisieren, hing von dem Er folge dieses ersten Schrittes ab. Mit einem Beschluß
des Sicherheitsausschusses in der Hand und mit den vierhundert Solingern allein wäre
übrigens die Elberfelder Bürgerwehr im Nu entwaffnet gewesen. Ihr Heldenmut war nicht
der Rede wert.
Der Sicherheit der noch im Gefängnis gehaltenen Elberfelder Maiangeklagten bin ich die
Erklärung schuldig, daß alle diese Vorschläge einzig und allein von mir
ausgingen. Die Entwaffnung der Bürgerwehr vertrat ich vom ersten Augenblicke an, als die
Geldmittel des Sicherheitsausschusses zu schwinden begannen.
Aber der löbliche Sicherheitsausschuß fand sich durchaus nicht gemüßigt,
auf dergleichen "terroristische Maßregeln" einzugehen. Das einzige, was ich durchsetzte,
oder vielmehr mit einigen Korpsführern - die alle glücklich entkamen und teilweise
schon in Amerika sind - auf eigene Faust ausführen ließ, war die Abholung von etwa
achtzig Gewehren der Kronenberger Bürgerwehr, die auf dem dortigen Rathaus aufbewahrt
wurden. Und diese Gewehre, höchst leichtsinnig verteilt, kamen meistens in die Hände
von schnapslustigen Lumpenproletariern, die sie denselben Abend noch an die Bourgeois verkauften.
Diese Herren Bourgeois nämlich schickten Agenten unter das Volk, um möglichst viele
Gewehre aufzukaufen, und zahlten einen ziemlich hohen Preis dafür. Das Elberlelder
Lumpenproletariat hat so mehrere Hundert Gewehre den Bourgeois abgeliefert, die ihm durch die
Nachlässigkeit und Unordnung der improvisierten Behörden in die Hände geraten
waren. Mit diesen Gewehren wurden die Fabrikaufseher, die zuverlässigsten Färber etc.
etc. bewaffnet, und die Reihen der "gutgesinnten" Bürgerwehr verstärkten sich von Tage
zu Tage.
Die Herren vom Sicherheitsausschuß antworteten auf jeden Vorschlag zur bessern
Verteidigung der Stadt, das sei ja alles unnütz, die Preußen würden sich sehr
hüten zu kommen, sie würden sich nicht in die Berge wagen usw. Sie selbst wußten
sehr gut, daß sie damit die plumpsten Märchen verbreiteten, daß die Stadt von
allen Höhen selbst mit Feldgeschütz zu beschießen, daß gar nichts auf eine
nur einigermaßen ernsthafte Verteidigung eingerichtet war und daß bei dem Stillstand
der Insurrektion und der kolossalen preußischen Übermacht nur noch ganz
außerordentliche Ereignisse den Elberfelder Aufstand retten konnten.
Die preußische Generalität schien indes auch keine rechte Lust zu haben, sich auf
ein ihr so gut wie gänzlich unbekanntes Terrain zu begeben, bevor sie eine in jedem Fall
wahrhaft erdrückende Streitmacht zusammengezogen. Die vier offnen Städte Elberfeld,
Hagen, Iserlohn und Solingen imponierten diesen vorsichtigen Kriegshelden so sehr, daß sie
eine vollständige Armee von zwanzigtausend Mann nebst
zahlreicher Kavallerie und Artillerie aus Wesel, Westfalen und den östlichen Provinzen, zum
Teil mit der Eisenbahn, herankommen und, ohne einen Angriff zu wagen, hinter der Ruhr eine
regelrechte strategische Aufstellung formieren ließen. Oberkommando und Generalstab,
rechter Flügel, Zentrum, alles war in der schönsten Ordnung, gerade als habe man eine
kolossale feindliche Armee sich gegenüber, als gelte es eine Schlacht gegen einen Bem oder
Dembinski, nicht aber einen ungleichen Kampf gegen einige hundert unorganisierter Arbeiter,
schlecht bewaffnet, fast ohne Führer und im Rücken verraten von denen, die ihnen die
Waffen in die Hand gegeben hatten.
Man weiß, wie die Insurrektion geendigt hat. Man weiß, wie die Arbeiter,
überdrüssig des ewigen Hinhaltens, der zaudernden Feigheit und des verräterischen
Einschläferns der Kleinbürgerschaft, endlich von Elberfeld auszogen, um sich nach dem
ersten besten Lande durchzuschlagen, in dem die Reichsverfassung ihnen irgendwelchen Schutz
böte. Man weiß, welche Hetzjagd auf sie durch preußische Ulanen und
aufgestachelte Bauern gemacht worden ist. Man weiß, wie sogleich nach ihrem Abzug die
große Bourgeoisie wieder hervorkroch, die Barrikaden abtragen ließ und den
herannahenden preußischen Helden Ehrenpforten baute. Man weiß, wie Hagen und Solingen
durch direkten Verrat der Bourgeoisie den Preußen in die Hände gespielt wurde und nur
Iserlohn den mit Beute schon beladenen Siegern von Dresden, dem 24. Regiment, einen
zweistündigen ungleichen Kampf lieferte.
Ein Teil der Elberfelder, Solinger und Mülheimer Arbeiter kam glücklich durch nach
der Pfalz. Hier fanden sie ihre Landsleute, die Flüchtlinge vom Prümer Zeughaussturm.
Mit diesen zusammen bildeten sie eine fast nur aus Rheinländern bestehende Kompanie im
Willichschen Freikorps. Alle ihre Kameraden müssen ihnen das Zeugnis geben, daß sie
sich, wo sie ins Feuer kamen, und namentlich in dem letzten entscheidenden Kampf an der Murg,
sehr brav geschlagen haben.
Die Elberfelder Insurrektion verdiente schon deshalb eine ausführlichere Schilderung,
weil gerade hier die Stellung der verschiedenen Klassen in der Reichsverfassungsbewegung am
schärfsten ausgesprochen, am weitesten entwickelt war. In den übrigen
bergisch-märkischen Städten glich die Bewegung vollständig der Elberfelder, nur
daß dort die Beteiligung oder Nichtbeteiligung der verschiedenen Klassen an der Bewegung
mehr durcheinanderläuft, weil dort die Klassen selbst nicht so scharf geschieden sind wie im
industriellen Zentrum des Bezirks. In der Pfalz und in Baden, wo die konzentrierte große
Industrie, mit ihr die entwickelte große Bourgeoisie fast gar nicht existiert, wo die
Klassenverhältnisse viel gemütlicher und patriarchalischer durch einanderschwimmen, war die Mischung der Klassen, die die
Träger der Bewegung waren, noch viel verworrener. Wir werden dies später sehen, wir
werden aber auch zugleich sehen, wie alle diese Beimischungen des Aufstandes sich
schließlich ebenfalls um die Kleinbürgerschaft als den Kristallisationskern der ganzen
Reichsverfassungsherrlichkeit gruppieren.
Die Aufstandsversuche in Rheinpreußen im Mai v.J. stellen deutlich heraus, welche
Stellung dieser Teil Deutschlands in einer revolutionären Bewegung einnehmen kann. Umzingelt
von sieben Festungen, davon drei für Deutschland ersten Ranges, fortwährend besetzt von
fast dem dritten Teil der ganzen preußischen Armee, durchschnitten in allen Richtungen von
Eisenbahnen, mit einer ganzen Dampftransportflotte zur Verfügung der Militärmacht, hat
ein rheinischer Aufstand nur unter ganz außerordentlichen Bedingungen Chance des Erfolgs.
Nur wenn die Zitadellen in den Händen des Volks sind, können die Rheinländer mit
den Waffen in der Hand etwas ausrichten. Und dieser Fall kann nur eintreten, entweder wenn die
Militärgewalt durch gewaltige äußere Ereignisse terrorisiert und kopflos gemacht
wird oder wenn das Militär sich ganz oder teilweise für die Bewegung erklärt. In
jedem andern Falle ist ein Aufstand in der Rheinprovinz von vornherein verloren. Ein rascher
Marsch der Badenser nach Frankfurt und der Pfälzer nach Trier hätte wahrscheinlich die
Wirkung gehabt, daß der Aufstand an der Mosel und in der Eifel, in Nassau und den beiden
Hessen sofort losgebrochen wäre, daß die damals noch gutgestimmten Truppen der
mittelrheinischen Staaten sich der Bewegung angeschlossen hätten. Es ist keinem Zweifel
unterworfen, daß alle rheinischen Truppen, und namentlich die ganze 7. und 8.
Artilleriebrigade, ihrem Beispiele gefolgt wären, daß sie wenigstens ihre Gesinnung
laut genug kundgegeben hätten, um der preußischen Generalität den Kopf verlieren
zu machen. Wahrscheinlich wären mehrere Festungen in die Hände des Volkes gefallen, und
wenn auch nicht Elberfeld, so war doch jedenfalls der größte Teil des linken
Rheinufers gerettet. Alles das, und vielleicht noch viel mehr, ist verlorengegangen durch die
schäbige, pfahlbürgerlich-feige Politik des hochweisen badischen Landesausschusses.
Mit der Niederlage der rheinischen Arbeiter ging auch das Blatt zugrunde, in dem allein sie
ihre Interessen offen und entschieden vertreten sahen - die "Neue Rhein[ische] Zeitung". Der
Redakteur en chef, obwohl geborner Rheinpreuße, wurde aus Preußen ausgewiesen, den
andern Redakteuren stand, den einen direkte Verhaftung, den andern sofortige Ausweisung bevor.
Die Kölner Polizei erklärte dies mit der größten Naivetät und bewies
ganz detailliert, daß sie gegen jeden genug Tatsachen wisse, um in der einen oder andern
Weise einschreiten zu können. Somit mußte das Blatt in dem Augen blick, wo die unerhört rasch gewachsene Verbreitung seine
Existenz mehr als sicherstellte, aufhören zu erscheinen. Die Redakteure verteilten sich auf
die verschiedenen insurgierten oder noch zu insurgierenden deutschen Länder; mehrere gingen
nach Paris, wo ein abermaliger Wendepunkt bevorstand. Es ist keiner unter ihnen, der nicht
während oder infolge der Bewegungen dieses Sommers verhaftet oder ausgewiesen worden
wäre und so das Schicksal erreicht hätte, das die Kölner Polizei so gütig
war, ihm zu bereiten. Ein Teil der Setzer ging nach der Pfalz und trat in die Armee.
Auch die rheinische Insurrektion hat tragisch enden müssen. Nachdem drei Viertel der
Rheinprovinz in Belagerungszustand versetzt, nachdem Hunderte ins Gefängnis geworfen worden,
schließt sie mit der Erschießung dreier Prümer Zeughausstürmer am
Vorabend des Geburtstags Friedrich Wilhelms III. von Hohenzollern. Vae victis! <Wehe den
Besiegten!>