Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 8, 3. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960, Berlin/DDR. S. 342-350
Aus dem Englischen.
["New-York Daily Tribune" Nr. 3543 vom 25. August 1852]
Ernest Jones wurde mit ungeheurem Enthusiasmus empfangen. Er sagte:
"Wähler und Nichtwähler, ihr seid hier aus einem großen und feierlichen Anlaß zusammengekommen. Heute erkennt die Konstitution das allgemeine Wahlrecht in der Theorie an, um es vielleicht morgen in der Praxis zu verleugnen. Heute stehen vor euch die Vertreter zweier Systeme, und ihr habt zu entscheiden, nach welchem System ihr die nächsten sieben Jahre regiert werdet. Sieben Jahre - die Spanne eines Kinderlebens! An der Schwelle dieser sieben Jahre mahne ich euch zur Besinnung; laßt sie heute an eurem Geiste langsam und in aller Ruhe vorüberziehen. Heute entscheidet ihr 20.000 Männer, damit morgen vielleicht 500 euren Willen zuschanden machen können!" ("Hört, hört!") "Ich sage, vor euch stehen die Vertreter zweier Systeme. Zu meiner Linken seht ihr zwar Whigs, Tories und Geldmenschen - im Grunde sind sie sich aber alle gleich. Der Geldmensch sagt, kaufe billig und verkaufe teuer. Der Tory sagt, kaufe teuer und verkaufe noch teurer. Für den Arbeiter läuft das auf eins hinaus. Heute setzt sich aber das System der Geldmenschen immer mehr durch, und was es mit sich bringt, woran es zutiefst krankt, ist wachsende Verarmung. Es gründet sich auf die Konkurrenz mit dem Ausland. Ich aber behaupte, daß bei diesem Prinzip des billigen Einkaufs und des teuren Verkaufs, angewandt auf die Konkurrenz mit dem Ausland, die Ruinierung der Arbeiterklasse und des Kleingewerbes fortschreiten muß. Und warum? Weil die Arbeit allen Reichtum hervorbringt. Soll auch nur ein Körnchen wachsen oder eine Elle Stoff entstehen, so muß der Mensch arbeiten. In diesem Lande kann aber der Arbeiter nicht arbeiten, ohne daß ihn ein anderer beschäftigt. Die Arbeit ist eine gedingte Ware, eine Sache, die auf dem Markt gekauft und verkauft wird. Da nun die Arbeit allen Reichtum schafft, so muß zuallererst sie gekauft werden: 'Kauft billig, kauft billig!' Die Arbeit wird also auf dem billigsten Markt gekauft. Nun aber geht es weiter: 'Verkauft teuer, verkauft teuer!' Verkauft was?
Das Produkt der Arbeit. Und an wen? An das Ausland. Sicherlich - aber auch
an den Arbeiter selbst. Denn da der Arbeiter nicht Herr über seine eigene Arbeit ist, kommt er auch nicht in den Genuß des direkten Ertrags seiner Arbeit. 'Kauft billig, verkauft teuer!' Wie gefällt es euch - dieses 'Kauft billig, verkauft teuer!'? Kauft billig die Arbeit des Arbeiters und verkauft teuer an denselben Arbeiter das Produkt seiner eigenen Arbeit! Daß der Arbeiter dabei
verlieren muß, darin liegt das Wesen dieses Geschäfts. Der Lohnherr kauft die Arbeit billig ein. Dann verkauft er, und dabei muß er einen Profit machen. Er verkauft an den Arbeiter selbst - und demzufolge ist jedes Abkommen zwischen Lohnherr und Lohnarbeiter ein Betrug, den der Lohnherr mit Vorbedacht begeht. So wird die Arbeit durch steten Verlust gedrückt, damit das Kapital durch steten Betrug steige. Aber das System hört damit nicht auf.
Es wird auf die Konkurrenz mit dem Ausland ausgedehnt, d.h., wir sind gezwungen, den Handel anderer Länder zugrunde zu richten, so wie wir die Arbeit im eigenen Lande bereits zugrunde gerichtet haben. Wie geht das nun zu? Ein Land mit hohen Steuern muß das niedriger besteuerte unterbieten. Die Konkurrenz des Auslandes wächst ständig, also müssen auch in gleichem Maße die Waren wohlfeiler werden. Folglich müssen die Löhne in England ständig fallen. Und wie wird das erreicht? Durch den
Überschuß an Arbeitern. Und wie kommt man zu diesem? Durch das Monopol am Boden, das mehr Arbeiter in die Fabriken treibt als gebraucht werden; durch das Monopol an den Maschinen, das wiederum diese Arbeiter auf die Straße treibt; durch Frauenarbeit, die den Mann vom Webstuhl verdrängt, durch Kinderarbeit, die wiederum die Frau vertreibt. Und dann setzen die Lohnherren ihren Fuß auf dieses lebendige Postament der Überschüssigen; sie zertreten die gepeinigten Herzen mit brutaler Ferse und warnen laut, es drohe der Hungertod: 'Wer will Arbeit? Ein halbes Brot ist besser als gar keines!' Und die Masse windet sich vor Schmerz und hascht gierig nach jedem Angebot." (Lautes "Hört, hört!") "So sieht das System für den Arbeiter aus. Wie aber, ihr Wähler, wirkt es auf euch zurück? Wie beeinflußt es den heimischen Handel, den kleinen Geschäftsmann, die Armenabgaben und die Besteuerung? Jede Steigerung der auswärtigen Konkurrenz muß weitere Verbilligung im eigenen Lande hervorrufen. Jede weitere Verbilligung der Arbeit beruht auf einer Steigerung des Überschusses an Arbeitern, und dieser Überschuß wird durch die stärkere Verwendung von Maschinen erzielt. Ich wiederhole, wie wirkt das auf euch zurück? Der Manchesterliberale zu meiner Linken patentiert eine neue Erfindung und wirft dreihundert Mann als Überschuß auf die Straße. Nun, für euch kleine Geschäftsleute sind das dreihundert Kunden weniger. Für euch als Steuerzahler sind das dreihundert neue Almosenempfänger." (Lauter Beifall.) "Doch glaubt mir, damit sind die üblen Folgen nicht erschöpft! Diese dreihundert Mann bewirken erstens, daß die Löhne derjenigen fallen, die in ihrer bisherigen Arbeit verbleiben. Der Lohnherr sagt ihnen: 'Jetzt senke ich eure Löhne.' Die Arbeiter protestieren. Dann fügt er hinzu: 'Seht ihr jene dreihundert, die eben die Fabrik verließen?
Ihr könnt mit ihnen den Platz wechseln, wenn ihr wollt, sie reißen sich danach, zu jeder Bedingung zurückzukommen, denn sie sind am Verhungern.' Die Arbeiter sehen das ein und sind geschlagen. Oh, du Manchesterliberaler, du Pharisäer der Politik! Jene Arbeiter hören hier zu - habe ich dich jetzt entlarvt? Aber das Unheil hört auch damit noch nicht auf. Aus ihren eigenen Berufen verdrängt, suchen diese Männer Beschäftigung in anderen, wo sie wiederum das Überangebot steigern und die Löhne herunterdrücke. Die schlechtbezahlten Berufe von heute sind die gutbezahlten von gestern; die gutbezahlten von heute werden die schlechtbezahlten von morgen sein. So wird die Kaufkraft der arbeitenden Klassen Tag um Tag verringert und mit ihr der Handel im eignen Lande zugrunde gerichtet. Ihr werdet
es merken in euerm Laden! Eure Kunden werden ärmer, eure Profite kleiner; aber die Zahl der Paupers wächst und mit ihr eure Steuern und Armenabgaben. Eure Einnahmen fallen, eure Ausgaben steigen, ihr bekommt weniger und zahlt mehr. Wie gefällt euch das System? Auf euch wälzen der reiche Fabrikant und der Grundherr die Last der Steuern und die Armenabgaben. Männer des Mittelstandes! Für die Reichen seid ihr die Maschine, die die Steuern zahlt. Die Reichen schaffen jene Armut, die ihren Reichtum schafft, und euch zwingen sie, für die Armut zu zahlen, die sie geschaffen. Der Grundherr entschlüpft kraft seines Privilegs, der Fabrikant dadurch, daß er sich an den Löhnen seiner Arbeiter schadlos hält, und auf euch fällt das alles zurück. Wie gefällt euch das System? Nun, es ist das System, das die Herren zu meiner Linken vertreten. Was dagegen schlage ich euch vor? Ich habe das Unrecht aufgezeigt: das ist schon etwas. Aber ich will mehr tun. Ich stehe hier vor euch, um euch zu zeigen, was Recht ist, und um es zu beweisen." (Lauter Beifall.)
"Wähler und Nichtwähler, ich habe euch nun einige der sozialen und politischen Maßnahmen dargelegt, für deren unmittelbare Einführung ich heute eintrete, wie ich es auch schon 1847 getan habe. Dafür aber, daß ich
eure Freiheiten erweitern wollte, wurde
meine Freiheit beschnitten." ("Hört, hört!") "Weil ich den Tempel der Freiheit für euch alle errichten wollte, warf man mich wie einen gemeinen Verbrecher in die Kerkerzelle. Und hier zu meiner Linken sitzt einer meiner obersten Kerkermeister." (Lautes, fortgesetztes, nach links gerichtetes Murren.) "Weil ich der Wahrheit meine Stimme lieh, wurde ich zum Schweigen verdammt. Zwei Jahre und eine Woche lang sperrte er mich ins Gefängnis, in Einzelhaft und mit Schweigegebot. Man gab mir weder Tinte noch Feder noch Papier, sondern Werg zum Zupfen. - Ja" (er wandte sich Sir Charles Wood zu), "zwei Jahre und eine Woche lang triumphierten Sie, heute bin ich dran! Den Engel der Rache rufe ich, der lebendig ist im Herzen eines jeden Engländers, der hier vor uns steht!" (Ungeheurer Beifallssturm.) "Horchen Sie! Im Atem dieser gewaltigen Menge vernehmen Sie das Rauschen seiner Flügel!" (Neuer, lang anhaltender Beifall.) "Sie meinen vielleicht, das sei keine öffentliche Angelegenheit. Das stimmt aber nicht." ("Hört, hört!") "Es gehört vor die Öffentlichkeit, denn wer kein Mitleid kennt für das Weib des Gefangenen, der hat es auch nicht für das Weib des Arbeiters. Wer kein Mitgefühl kennt für die Kinder des Gefangenen, der hat es auch nicht mit den Kindern des Arbeitssklaven." ("Hört, hört!" und Beifall.) "Seine Vergangenheit beweist es; seine heutigen Versprechungen widerlegen es nicht. Wer stimmte für die irische Zwangsbill, für Knebelgesetze gegen die irische Presse und für die Einmischung in deren Angelegenheiten? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte fünfzehnmal gegen den Antrag Humes für die Erweiterung des Wahlrechts; gegen Locke Kings Vorschlag für die ländlichen Wahlbezirke; gegen Ewarts Vorschlag, die Legislaturperioden zu verkürzen; gegen Berkeleys Antrag, die geheime Abstimmung einzuführen? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte gegen die Freilassung von Frost, Williams und Jones? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte
gegen die Untersuchung der Kolonialgreuel und zugunsten Wards und Torringtons, der Tyrannen über die Ionischen Inseln und Ceylon? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte dagegen, die zwölftausend Pfund Sterling Gehalt des Herzogs von Cambridge zu kürzen? Wer gegen alle Abstreichungen beim Heer und in der Marine, wer gegen die Abschaffung der Fenstersteuer? Wer stimmte achtundvierzigmal gegen jedweden Vorschlag, die Steuern herabzusetzen, und auch gegen die Kürzung seines eigenen Gehalts? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte gegen die Abschaffung der Zeitungssteuer, der Annoncensteuer, der Besteuerung des Wissens? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte für einen Haufen neuer Bischofssitze und Pfründe? Für den Zuschuß an Maynooth und gegen dessen Reduktion? Wer gegen die Befreiung der Dissenters von der Kirchensteuer? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte gegen jegliche Untersuchung der Nahrungsmittelverfälschungen? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer gegen das Herabsetzen der Zuckersteuer und gegen das Abschaffen der Malzsteuer? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Wer stimmte gegen die Verkürzung der Nachtarbeit der Bäcker, gegen eine Enquete über die Lage der Maschinenwirker, gegen die Gesundheitsinspektion der Arbeitshäuser, gegen das Verbot der Arbeit kleiner Kinder vor 6 Uhr morgens, gegen die Unterstützung armer schwangerer Frauen aus der Gemeindekasse und gegen die Zehnstundenbill? Der Whig! Dort sitzt er! Jagt ihn davon! Im Namen Gottes und der Menschlichkeit, jagt ihn davon! Männer von Halifax! Männer Englands! Die beiden Systeme stehen vor euch! Urteilt nunmehr und wählt!" (Man kann den Enthusiasmus nicht beschreiben, den diese Rede, besonders am Schlusse, hervorrief. In atemloser Spannung hörte die Menge zu, und bei jeder Pause erdröhnte voller Abscheu für die Vertreter des Systems der Whigs und der Klassenherrschaft ihre Stimme wie der Donnerschlag einer zurückflutenden Meereswoge. Es war eine Szene, die lange in der Erinnerung fortleben wird. Als es zum Handzeichen kam, stimmten nur ganz vereinzelte, meist eingeschüchterte oder bezahlte Individuen, für Sir Charles Wood; für Ernest Jones hoben fast alle Anwesenden unter unbeschreiblichem Jubel und begeisterten Zurufen beide Hände empor.)
Der Bürgermeister stellte fest, daß Ernest Jones und Henry Edwards durch das Handzeichen gewählt seien. Sir Charles Wood und Herr Crossley verlangten darauf die Abstimmung durch die Stimmberechtigten.