Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7,S. 400-408
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
VI
[Der thüringische, elsässische und östreichische
Bauernkrieg]
Gleich beim Ausbruch der ersten Bewegungen in Schwaben
war Thomas Münzer wieder nach Thüringen geeilt und hatte seit Ende
Februar oder anfangs März seinen Wohnsitz in der freien Reichsstadt Mühlhausen
genommen, wo seine Partei am stärksten war. Er hatte die Fäden der ganzen Bewegung in
der Hand; er wußte, welch allgemeiner Sturm in Süddeutschland auszubrechen im Begriff
war, und hatte es übernommen, Thüringen in das Zentrum der Bewegung für
Norddeutschland zu verwandeln. Er fand einen höchst fruchtbaren Boden. Thüringen
selbst, der Hauptsitz der Reformationsbewegung, war im höchsten Grade aufgeregt; und die
materielle Not der unterdrückten Bauern nicht minder als die kursierenden
revolutionären, religiösen und politischen Doktrinen hatten auch die benachbarten
Länder, Hessen, Sachsen und die Harzgegend, für einen allgemeinen Aufstand vorbereitet.
In Mühlhausen namentlich war die ganze Masse der Kleinbürgerschaft für die
extreme, Münzersche Richtung gewonnen und konnte kaum den Moment erwarten, an dem sie ihre
Überzahl gegen die hochmütige Ehrbarkeit geltend machen sollte. Münzer selbst
mußte, um dem richtigen Moment nicht vorzugreifen, besänftigend auftreten; doch sein
Schüler Pfeifer, der hier die Bewegung dirigierte, hatte sich schon so kompromittiert,
daß er den Ausbruch nicht zurückhalten konnte, und schon am 17. März 1525, noch
vor dem allgemeinen Aufstand in Süddeutschland, machte Mühlhausen seine Revolution. Der
alte patrizische Rat wurde gestürzt und die Regierung in die Hände des
neugewählten "ewigen Rats" gelegt, dessen Präsident Münzer war.
Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er
gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif
ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der
Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert. Was er tun kann, hängt
nicht von seinem Willen ab, sondern von der Höhe, auf
die der Gegensatz der verschiedenen Klassen getrieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der
materiellen Existenzbedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf dem der
jedesmalige Entwicklungsgrad der Klassengegensätze beruht. Was er tun soll, was seine
eigne Partei von ihm verlangt, hängt wieder nicht von ihm ab, aber auch nicht von dem
Entwicklungsgrad des Klassenkampfs und seiner Bedingungen; er ist gebunden an seine bisherigen
Doktrinen und Forderungen, die wieder nicht aus der momentanen Stellung der gesellschaftlichen
Klassen gegeneinander und aus dem momentanen, mehr oder weniger zufälligen Stande der
Produktions- und Verkehrsverhältnisse hervorgehn, sondern aus seiner größeren
oder geringeren Einsicht in die allgemeinen Resultate der gesellschaftlichen <(1850)
industriellen> und politischen Bewegung. Er findet sich so notwendigerweise in einem
unlösbaren Dilemma: Was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten,
seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei; und was er tun soll, ist
nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse,
sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er
muß im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse
durchführen und seine eigne Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung
abfertigen, daß die Interessen jener fremden Klasse ihre eignen Interessen sind. Wer in
diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren. In der neuesten Zeit noch haben wir
Beispiele davon erlebt; wir erinnern nur an die Stellung, die in der letzten französischen
provisorischen Regierung die Vertreter des Proletariats einnahmen, obwohl sie selbst nur eine
sehr untergeordnete Entwicklungsstufe des Proletariats repräsentierten. Wer nach den
Erfahrungen der Februarregierung - von unsern edlen deutschen provisorischen Regierungen und
Reichsregentschaften nicht zu sprechen - noch auf offizielle Stellungen spekulieren kann,
muß entweder über die Maßen borniert sein oder der extrem-revolutionären
Partei höchstens mit der Phrase angehören.
Die Stellung Münzers an der Spitze des ewigen Rats von Mühlhausen war indes noch
viel gewagter als die irgendeines modernen revolutionären Regenten. Nicht nur die damalige
Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen,
die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentierte, weit
entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung
<(1850) fehlt: und Unterjochung> der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im
Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch
so wenig in den vor liegenden materiellen
Verhältnissen begründet, daß diese sogar eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten,
die das gerade Gegenteil seiner geträumten Gesellschaftsordnung war. Dabei aber blieb er an
seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evangelischen
Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens den Versuch ihrer Durchführung
machen. Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die
Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen
eine republikanische Reichsstadt mit etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner
Wahl hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer eilig
improvisierten Naturalverpflegung der Armen. Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen
bürgerlichen Zeitgenossen so entsetzlich vorkam, ging in der Tat nie hinaus über einen
schwachen und unbewußten Versuch zur übereilten Herstellung der späteren
bürgerlichen Gesellschaft.
Münzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der unmittelbar
vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen
bleiben konnte, je verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse
seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit einem selbst bei ihm
unerhörten Eifer auf die Ausbreitung und Organisation der Bewegung; er schrieb Briefe und
sandte Boten und Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und Predigten atmen einen
revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen früheren Schriften in Erstaunen
setzt. Der naive jugendliche Humor der revolutionären <(1850)
vorrevolutionären> Münzerschen Pamphlete ist ganz verschwunden; die ruhige,
entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher nicht fremd war, kommt nicht mehr vor.
Münzer ist jetzt ganz Revolutionsprophet; er schürt unaufhörlich den Haß
gegen die herrschenden Klassen, er stachelt die wildesten Leidenschaften auf und spricht nur noch
in den gewaltsamen Wendungen, die das religiöse und nationale Delirium den
alttestamentarischen Propheten in den Mund legte. Man sieht aus dem Stil, in den er sich jetzt
hineinarbeiten mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er zu wirken
hatte.
Das Beispiel Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch in die Ferne. In
Thüringen, im Eichsfeld, im Harz, in den sächsischen
Herzogtümern, in Hessen und Fulda, in Oberfranken und im
Vogtland standen überall Bauern auf, zogen sich in Haufen zusammen und verbrannten
Schlösser und Klöster. Münzer war mehr oder weniger als Führer der ganzen
Bewegung anerkannt, und Mühlhausen blieb Zentralpunkt, während in Erfurt eine rein
bürgerliche Bewegung siegte und die dort herrschende
Partei fortwährend eine zweideutige Stellung gegen die Bauern beobachtete.
Die Fürsten waren in Thüringen anfangs geradeso ratlos und ohnmächtig
gegenüber den Bauern wie in Franken und Schwaben. Erst in den letzten Tagen des April gelang
es dem Landgrafen von Hessen, ein Korps zusammenzuziehn - demselben Landgrafen Philipp, von
dessen Frömmigkeit die protestantischen und bürgerlichen Reformationsgeschichten so
viel zu rühmen wissen und von dessen Infamien gegen die Bauern wir sogleich ein geringes
Wörtlein vernehmen werden. Der Landgraf Philipp unterwarf durch ein paar rasche Züge
und durch bestimmtes Auftreten bald den größten Teil seines Landes, zog neue Aufgebote
heran und wandte sich dann ins Gebiet des Abts von Fulda, seines bisherigen Lehnsherrn. Er schlug
den Fuldaer Bauernhaufen am 3. Mai am Frauen-Berg, unterwarf das ganze Land und benutzte die
Gelegenheit, nicht nur sich von der Oberhoheit des Abts loszumachen, sondern sogar die Abtei
Fulda in ein hessisches Lehen zu verwandeln - vorbehaltlich ihrer späteren
Säkularisierung natürlich. Dann nahm er Eisenach und Langensalza und zog, mit den
herzoglich-sächsischen Truppen vereinigt, gegen den Hauptsitz der Rebellion, gegen
Mühlhausen. Münzer zog seine Streitkräfte, an 8.000 Mann mit einigem
Geschütz, bei Frankenhausen zusammen. Der thüringische Haufe war weit entfernt davon,
die Schlagfähigkeit zu besitzen, die ein Teil der oberschwäbischen und fränkischen
Haufen dem Truchseß gegenüber entwickelte; er war schlecht bewaffnet und schlecht
diszipliniert, er zählte wenig gediente Soldaten und ermangelte aller Führer.
Münzer selbst besaß offenbar nicht die geringsten militärischen Kenntnisse.
Dennoch fanden es die Fürsten angemessen, auch hier die Taktik anzuwenden, die dem
Truchseß so oft zum Sieg verholfen hatte: die Wortbrüchigkeit. Am 16. Mai leiteten sie
Unterhandlungen ein, schlossen einen Waffenstillstand und überfielen dann plötzlich die
Bauern, noch ehe der Stillstand abgelaufen war.
Münzer stand mit den Seinen auf dem noch jetzt so genannten Schlachtberg, verschanzt
hinter einer Wagenburg. Die Entmutigung unter dem Haufen war schon sehr im Zunehmen. Die
Fürsten versprachen Amnestie, wenn der Haufe ihnen Münzer lebendig ausliefern wolle.
Münzer ließ einen Kreis bilden und die Anträge der Fürsten debattieren. Ein
Ritter und ein Pfaff sprachen sich für die Kapitulation aus; Münzer ließ sie
beide sofort in den Kreis führen und enthaupten. Dieser von den entschlossenen
Revolutionären mit Jubel aufgenommene Akt terroristischer Energie brachte wieder einigen
Halt in den Haufen; aber schließlich wäre er doch zum größten Teil ohne
Widerstand auseinandergegangen, wenn man nicht bemerkt hätte, daß die fürstlichen Landsknechte, nachdem sie den ganzen Berg
umstellt, trotz des Stillstands in geschlossenen Kolonnen heranrückten. Schnell wurde die
Front hinter den Wagen formiert, aber schon schlugen die Geschütz- und Büchsenkugeln in
die halb wehrlosen, kampfungewohnten Bauern, schon waren die Landsknechte bei der Wagenburg
angelangt. Nach kurzem Widerstand war die Wagenlinie durchbrochen, die Kanonen der Bauern waren
erobert und sie selbst versprengt. Sie flohen in wilder Unordnung, um den Umgehungskolonnen und
der Reiterei um so sicherer in die Hände zu fallen, die ein unerhörtes Blutbad unter
ihnen anrichteten. Von achttausend Bauern wurden über fünftausend erschlagen; der Rest
kam nach Frankenhausen hinein und gleichzeitig mit ihm die fürstlichen Reiter. Die Stadt war
genommen. Münzer, am Kopf verwundet, wurde in einem Hause entdeckt und gefangengenommen. Am
25. Mai ergab sich auch Mühlhausen; Pfeifer, der dort geblieben war, entkam, wurde aber im
Eisenachschen verhaftet.
Münzer wurde in Gegenwart der Fürsten auf die Folter gespannt und dann enthauptet.
Er ging mit demselben Mut auf den Richtplatz, mit dem er gelebt hatte. Er war höchstens
achtundzwanzig Jahre alt, als er hingerichtet wurde. Auch Pfeifer wurde enthauptet; außer
diesen beiden aber noch zahllose andre. In Fulda hatte der Mann Gottes, Philipp von Hessen, sein
Blutgericht begonnen; er und die sächsischen Fürsten ließen unter andern in
Eisenach 24, in Langensalza 41, nach der Frankenhauser Schlacht 300, in Mühlhausen über
100, bei Görmar 26, bei Tüngeda 50, bei Sangerhausen 12, in Leipzig 8 Rebellen mit dem
Schwert hinrichten, von Verstümmelungen und anderen gelindern Mitteln, von Plünderungen
und Verbrennungen der Dörfer und Städte gar nicht zu reden
Mühlhausen mußte sich seiner Reichsfreiheit begeben und wurde den sächsischen
Ländern einverleibt, gerade wie die Abtei Fulda der Landgrafschaft Hessen.
Die Fürsten zogen nun über den Thüringer Wald, wo fränkische Bauern aus
dem Bildhäuser Lager sich mit den Thüringern verbunden und viele Schlösser
verbrannt hatten. Vor Meiningen kam es zum Gefecht; die Bauern wurden geschlagen und zogen sich
auf die Stadt zurück. Diese verschloß ihnen plötzlich die Tore und drohte sie im
Rücken anzugreifen. Der Haufe, durch diesen Verrat seiner Bundesgenossen ins Gedränge
gebracht, kapitulierte mit den Fürsten und lief noch während der Verhandlung
auseinander. Das Bildhäuser Lager hatte sich längst zerstreut, und so war mit der
Zersprengung dieses Haufens der letzte Rest der Insurgenten aus Sachsen, Hessen, Thüringen
und Oberfranken vernichtet.
Im Elsaß war der Aufstand später losgebrochen als auf der rechten Rhein seite. Erst gegen die Mitte des April erhoben sich die
Bauern im Bistum Straßburg, und bald nach ihnen die Oberelsässer und Sundgauer. Am 18.
April plünderte ein niederelsässischer Bauernhaufe das Kloster Altdorf; andere Haufen
bildeten sich bei Ebersheim und Barr sowie im Willertal und Urbistal. Sie konzentrierten sich
bald zum großen Niederelsässer Haufen und organisierten die Einnahme der Städte
und Flecken sowie die Zerstörung der Klöster. Überall wurde der dritte Mann zum
Heer eingefordert. Die zwölf Artikel dieses Haufens sind bedeutend radikaler als die
schwäbisch-fränkischen.
Während eine Kolonne der Niederelsässer sich anfangs Mai bei St. Hippolyte
konzentrierte und nach einem vergeblichen Versuch, diese Stadt zu gewinnen, am 10. Mai Bercken,
am 13. Rappoltsweiler, am 14. Reichenweier durch Einverständnis mit den Bürgern in ihre
Gewalt bekam, zog eine zweite unter Erasmus Gerber aus, um Straßburg zu überrumpeln.
Der Versuch mißlang, die Kolonne wandte sich nun den Vogesen zu, zerstörte das Kloster
Maursmünster und belagerte Zabern, das sich am 13. Mai ergab. Von hier zog sie an die
lothringische Grenze und insurgierte den anstoßenden Teil des Herzogtums, während sie
zugleich die Gebirgspässe verschanzte. Bei Herbitzheim an der Saar und bei Neuburg wurden
große Lager gebildet; bei Saargemünd verschanzten sich 4.000 deutsch-lothringische
Bauern; zwei vorgeschobene Haufen endlich, der Kolbenhaufen in den Vogesen bei Stürzelbronn,
der Kleeburger Haufe bei Weißenburg, deckten Front und rechte Flanke, während sich die
linke Flanke an die Oberelsässer anlehnte.
Diese, seit dem 20. April in Bewegung, hatten am 10. Mai Sulz, am 12. Gebweiler, am 15.
Sennheim und Umgegend in die Bauernverbrüderung gezwungen. Die östreichische Regierung
und die umliegenden Reichsstädte verbanden sich zwar sogleich gegen sie, waren aber zu
schwach, ihnen ernsthaften Widerstand zu leisten, geschweige sie anzugreifen. So war, mit
Ausnahme weniger Städte, bis Mitte Mai das ganze Elsaß in den Händen der
Inurgenten.
Aber schon nahte das Heer, das den Frevelmut der Elsässer Bauern brechen sollte. Es waren
Franzosen, die hier die Restauration der Adelsherrschaft vollzogen. Der Herzog Anton von
Lothringen setzte sich bereits am 6. Mai mit einer Armee von 30.000 Mann in Bewegung, darunter
die Blüte des französischen Adels und spanische, piemontesische, lombardische,
griechische und albanesische Hülfstruppen. Am 16. Mai stieß er bei Lützelstein
auf 4.000 Bauern, die er ohne Mühe schlug, und am 17. schon zwang er das von den Bauern
besetzte Zabern zur Kapitulation. Aber noch während des Einzugs der Lothringer in die Stadt
und der Entwaffnung der Bauern wurde die Kapitulation
gebrochen; die wehrlosen Bauern wurden von den Landsknechten überfallen und
größtenteils niedergemacht. Die übrigen niederelsässischen Kolonnen
zerstreuten sich, und Herzog Anton zog nun den Oberelsässern entgegen. Diese, die sich
geweigert hatten, den Niederelsässern nach Zabern zuzuziehn, wurden nun bei Scherweiler von
der ganzen Macht der Lothringer angegriffen. Sie wehrten sich mit großer Tapferkeit, aber
die enorme Übermacht - 30.000 gegen 7.000 - und der Verrat einer Anzahl Ritter, besonders
des Vogts von Reichenweier, vereitelte alle Bravour. Sie wurden vollständig geschlagen und
zersprengt. Der Herzog pazifizierte nun den ganzen Elsaß mit üblicher Grausamkeit. Nur
der Sundgau blieb von seiner Anwesenheit verschont. Die östreichische Regierung brachte hier
durch die Drohung, ihn ins Land zu rufen, ihre Bauern anfangs Juni zum Abschluß des
Vertrags von Ensisheim. Sie selbst aber brach diesen Vertrag sogleich wieder und ließ die
Prediger und Führer der Bewegung massenweise hängen. Die Bauern machten hierauf einen
neuen Aufstand, der endlich damit endigte, daß die Sundgauer Bauern in den Vertrag zu
Offenburg (18. September) eingeschlossen wurden.
Es bleibt uns jetzt noch der Bauernkrieg in den östreichischen Alpenländern
zu berichten. Diese Gegenden sowie das anstoßende Erzbistum Salzburg waren seit der
stara prawa in fortwährender Opposition gegen Regierung und
Adel, und die reformierten Lehren hatten auch hier einen günstigen Böden gefunden.
Religiöse Verfolgungen und willkürliche Steuerbedrückungen brachten den Aufstand
zum Losbruch.
Die Stadt Salzburg, unterstützt von den Bauern und Bergknappen, hatte schon seit
1522 mit dem Erzbischof wegen ihrer städtischen Privilegien und wegen der
Religionsübung im Streit gelegen. Ende 1524 überfiel der Erzbischof die Stadt mit
angeworbnen Landsknechten, terrorisierte sie durch die Kanonen des Schlosses und verfolgte die
ketzerischen Prediger. Zugleich schrieb er neue, drückende Steuern aus und reizte die ganze
Bevölkerung dadurch aufs äußerste. Im Frühjahr 1525, gleichzeitig mit der
schwäbisch-fränkischen und thüringischen Insurrektion, erhoben sich plötzlich
die Bauern und Bergleute des ganzen Landes, organisierten sich in Haufen unter den Hauptleuten
Praßler und Weitmoser, befreiten die Stadt und belagerten das Schloß
Salzburg. Sie schlossen, wie die westdeutschen Bauern, einen christlichen Bund und faßten
ihre Forderungen in Artikeln zusammen, deren hier vierzehn waren.
Auch in Steiermark, Oberöstreich, Kärnten und Krain, wo
neue ungesetzliche Steuern, Zölle und Verordnungen das Volk in seinen nächsten
Interessen schwer verletzt hatten, standen die Bauern im
Frühjahr 1525 auf. Sie nahmen eine Anzahl Schlösser und schlugen den Besieger der stara
prawa, den alten Feldhauptmann Dietrichstein, bei Gryß. Obgleich es den Vorspiegelungen der
Regierung gelang, einen Teil der Insurgenten zu beschwichtigen, blieb die Masse doch zusammen und
vereinigte sich mit den Salzburgern, so daß das ganze Salzburgische und der
größte Teil von Oberöstreich, Steiermark, Kärnten und Krain in den
Händen der Bauern und Bergknappen war.
In Tirol hatten ebenfalls die reformierten Lehren großen Anhang gefunden; hier waren
sogar, noch mehr als in den übrigen östreichischen Alpenländern, Münzersche
Emissäre mit Erfolg tätig gewesen. Der Erzherzog Ferdinand verfolgte die Prediger der
neuen Lehre auch hier und griff ebenfalls durch neue willkürliche Finanzregulationen in die
Vorrechte der Bevölkerung ein. Die Folge war, wie überall, der Aufstand im
Frühling desselben Jahres 1525. Die Insurgenten, deren oberster Hauptmann ein
Münzerscher war, Geismaier, das einzige bedeutende militärische Talent unter
sämtlichen Bauernchefs, nahmen eine Menge Schlösser und verfuhren namentlich im
Süden, im Etschgebiet, sehr energisch gegen die Pfaffen. Auch die Vorarlberger standen auf
und schlossen sich den Allgäuern an.
Der Erzherzog, von allen Seiten bedrängt, machte den Rebellen, die er noch kurz vorher
mit Sengen und Brennen, Plündern und Morden hatte ausrotten wollen, Konzession über
Konzession. Er berief die Landtage der Erblande ein und schloß bis zu ihrem Zusammentritt
Waffenstillstand mit den Bauern. Inzwischen rüstete er nach Kräften, um möglichst
bald eine andre Sprache mit den Frevlern führen zu können.
Der Waffenstillstand wurde natürlich nicht lange gehalten. In den Herzogtümern fing
Dietrichstein, dem das Geld ausging, an zu brandschatzen. Seine slawischen und magyarischen
Truppen erlaubten sich zudem die schamlosesten Grausamkeiten gegen die Bevölkerung. Die
Steirer standen also wieder auf, überfielen in der Nacht vom 2. zum 3. Juli den
Feldhauptmann Dietrichstein in Schladming und machten alles nieder, was nicht deutsch sprach.
Dietrichstein selbst wurde gefangen; am Morgen des 3. wurde von den Bauern ein Geschwornengericht
eingesetzt und 40 tschechische und kroatische Adlige aus den Gefangnen zum Tode verurteilt. Sie
wurden sofort enthauptet. Das wirkte; der Erzherzog genehmigte sofort alle Forderungen der
Stände der fünf Herzogtümer (Ober- und Niederöstreich, Steiermark,
Kärnten und Krain).
Auch in Tirol wurden die Forderungen des Landtags bewilligt und dadurch der Norden
pazifiziert. Der Süden jedoch, auf seinen ursprünglichen Forderungen gegenüber den
abgeschwächten Landtagsbeschlüssen beharrend,
blieb unter den Waffen. Erst im Dezember konnte der Erzherzog hier die Ordnung durch Gewalt
wiederherstellen. Er unterließ nicht, eine große Anzahl der in seine Hände
gefallenen Anstifter und Führer des Aufruhrs hinrichten zu lassen.
Gegen Salzburg zogen nun im August 10.000 Bayern unter Georg von Frundsberg. Diese imposante
Truppenmacht sowie Zwistigkeiten, die unter den Bauern ausgebrochen waren, bewogen die Salzburger
zum Abschluß eines Vertrags mit dem Erzbischof, der am 1. September zustande kam und den
auch der Erzherzog annahm. Die beiden Fürsten, die inzwischen ihre Truppen genügend
verstärkt hatten, brachen diesen Vertrag jedoch sehr bald und trieben dadurch die Salzburger
Bauern zu einem erneuerten Aufstand. Die Insurgenten hielten sich den Winter über; im
Frühjahr kam Geismaier zu ihnen und eröffnete eine glänzende Kampagne gegen die
von allen Seiten heranrückenden Truppen. In einer Reihe brillanter Gefechte schlug er - im
Mai und Juni 1526 - nacheinander Bayern, Östreicher, schwäbische Bundestruppen und
erzbischöflich-salzburgische Landsknechte und hinderte lange die verschiednen Korps an ihrer
Vereinigung. Dazwischen fand er noch Zeit, Radstadt zu belagern. Von der Übermacht endlich
auf allen Seiten umzingelt, mußte er abziehn, schlug sich durch und führte die Truppen
seines Korps mitten durch die östreichischen Alpen auf venetianisches Gebiet. Die Republik
Venedig und die Schweiz boten dem unermüdlichen Bauernchef Anhaltspunkte zu neuen Intrigen;
er versuchte noch ein Jahr lang, sie in einen Krieg gegen Östreich zu verwickeln, der ihm zu
einem wiederholten Bauernaufstand Gelegenheit bieten sollte. Aber während dieser
Unterhandlungen erreichte ihn die Hand eines Mörders; der Erzherzog Ferdinand und der
salzburgische Erzbischof waren nicht ruhig, solange Geismaier am Leben war: Sie bezahlten einen
Banditen, und diesem gelang es, den gefährlichen Rebellen 1527 aus der Welt zu schaffen.