Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7,S. 372-376
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
IV
[Der Adelsaufstand]
Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte
Bundschuhverschwörung unterdrückt wurde, gab Luther in Wittenberg das Signal zu der
Bewegung, die alle Stände mit in den Strudel reißen und das ganze Reich
erschüttern sollte. Die Thesen des thüringischen Augustiners zündeten wie ein
Blitz in ein Pulverfaß Die mannigfaltig durcheinanderkreuzenden Bestrebungen der Ritter wie
der Bürger, der Bauern wie der Plebejer, der souveränetätssüchtigen
Fürsten wie der niederen Geistlichkeit, der mystizisierenden verborgenen Sekten wie der
gelehrten und satirisch-burlesken Schriftstelleropposition erhielten in ihnen einen zunächst
gemeinsamen allgemeinen Ausdruck, um den sie sich mit überraschender Schnelligkeit
gruppierten. Diese über Nacht gebildete Allianz aller Oppositionselemente, so kurz ihre
Dauer war, enthüllte plötzlich die ungeheure Macht der Bewegung und trieb sie um so
rascher voran.
Aber eben diese rasche Entwicklung der Bewegung mußte auch sehr bald die Keime des
Zwiespalts entwickeln, die in ihr lagen, mußte wenigstens die durch ihre ganze
Lebensstellung direkt einander entgegenstehenden Bestandteile der erregten Masse wieder
voneinander reißen und in ihre normale feindliche Stellung bringen. Diese Polarisation der
bunten Oppositionsmasse um zwei Attraktionszentren trat schon in den ersten Jahren der
Reformation hervor; Adel und Bürger gruppierten sich unbedingt um Luther; Bauern und
Plebejer, ohne schon in Luther einen direkten Feind zu sehen, bildeten wie früher eine
besondere, revolutionäre Oppositionspartei. Nur daß die Bewegung jetzt viel
allgemeiner, viel tiefer greifend war als vor Luther, und daß damit die Notwendigkeit des
scharf ausgesprochenen Gegensatzes, der direkten Bekämpfung beider Parteien untereinander
gegeben war. Dieser direkte Gegensatz trat bald ein; Luther und Münzer bekämpften sich
in der Presse und auf der Kanzel, wie die größtenteils aus lutherischen oder
wenigstens zum Luthertum hinneigenden Kräften bestehenden Heere der Fürsten, Ritter und
Städte die Haufen der Bauern und Plebejer zersprengten.
Wie sehr die Interessen und Bedürfnisse der
verschiedenen Elemente, die die Reformation angenommen, auseinandergingen, zeigt schon vor dem
Bauernkrieg der Versuch des Adels, seine Forderungen gegenüber den Fürsten und Pfaffen
durchzusetzen.
Wir haben schon oben gesehen, welche Stellung der deutsche Adel im Anfang des 16. Jahrhunderts
einnahm. Er war im Begriff, seine Unabhängigkeit an die immer mächtiger werdenden
weltlichen und geistlichen Fürsten zu verlieren. Er sah zu gleicher Zeit, in demselben
Maß wie er sank, auch die Reichsgewalt sinken und das Reich sich in eine Anzahl
souveräner Fürstentümer auflösen. Sein Untergang mußte für ihn mit
dem Untergang der Deutschen als Nation zusammenfallen. Dazu kam, daß der Adel, besonders
der reichsunmittelbare Adel, derjenige Stand war, der sowohl durch seinen militärischen
Beruf wie durch seine Stellung gegenüber den Fürsten das Reich und die Reichsgewalt
besonders vertrat. Er war der nationalste Stand, und je mächtiger die Reichsgewalt, je
schwächer und je weniger zahlreich die Fürsten, je einiger Deutschland, desto
mächtiger war er. Daher der allgemeine Unwille der Ritterschaft über die
erbärmliche politische Stellung Deutschlands, über die Ohnmacht des Reichs nach
außen, die in demselben Maße zunahm, als das Kaiserhaus durch Erbschaft eine Provinz
nach der andern an das Reich anhing; über die Intrigen fremder Mächte im Innern
Deutschlands und die Komplotte deutscher Fürsten mit dem Ausland gegen die Reichsgewalt. Die
Forderungen des Adels mußten sich also vor allem in der Forderung einer Reichsreform
zusammenfassen, deren Opfer die Fürsten und die höhere Geistlichkeit werden sollten.
Diese Zusammenfassung übernahm Ulrich von Hutten, der theoretische Repräsentant
des deutschen Adels, in Gemeinschaft mit Franz von Sickingen, seinem militärischen
und staatsmännischen Repräsentanten.
Hutten hat seine im Namen des Adels geforderte Reichsreform sehr bestimmt ausgesprochen und
sehr radikal gefaßt. Es handelt sich um nichts Geringeres als um die Beseitigung
sämtlicher Fürsten, die Säkularisation sämtlicher geistlichen
Fürstentümer und Güter, um die Herstellung einer Adelsdemokratie mit
monarchischer Spitze, ungefähr wie sie in den besten Tagen der weiland polnischen Republik
bestanden hat. Durch die Herstellung der Herrschaft des Adels, der vorzugsweise
militärischen Klasse, durch die Entfernung der Fürsten, der Träger der
Zersplitterung, durch die Vernichtung der Macht der Pfaffen und durch die Losreißung
Deutschlands von der geistlichen Herrschaft Roms glaubten Hutten und Sickingen, das Reich wieder
einig, frei und mächtig zu machen.
Die auf der Leibeigenschaft beruhende Adelsdemokratie, wie sie in Polen und in etwas modifizierter Form in den ersten Jahrhunderten der von
den Germanen eroberten Reiche bestanden hat, ist eine der rohesten Gesellschaftsformen und
entwickelt sich ganz normal weiter zur ausgebildeten Feudalhierarchie, die schon eine bedeutend
höhere Stufe ist. Diese reine Adelsdemokratie war also im 16. Jahrhundert unmöglich.
Sie war schon unmöglich, weil überhaupt bedeutende und mächtige Städte in
Deutschland bestanden. Auf der andern Seite war aber auch jene Allianz des niedern Adels und der
Städte unmöglich, die in England die Verwandlung der feudal-ständischen Monarchie
in die bürgerlich-konstitutionelle zustande brachte. In Deutschland hatte sich der alte Adel
erhalten, in England war er durch die Rosenkriege bis auf 28 Familien ausgerottet und wurde durch
einen neuen Adel bürgerlichen Ursprungs und mit bürgerlichen Tendenzen ersetzt; in
Deutschland bestand die Leibeigenschaft fort, und der Adel hatte feudale Einkommenquellen,
in England war sie fast ganz beseitigt, und der Adel war einfacher bürgerlicher
Grundbesitzer mit der bürgerlichen Einkommenquelle: der Grundrente. Endlich war die
Zentralisation der absoluten Monarchie, die in Frankreich seit Ludwig XI. durch den Gegensatz von
Adel und Bürgerschaft bestand und sich immer weiter ausbildete, schon darum in Deutschland
unmöglich, weil hier überhaupt die Bedingungen der nationalen Zentralisation gar nicht
oder nur unentwickelt vorhanden waren.
Je mehr unter diesen Verhältnissen Hutten sich auf die praktische Durchführung
seines Ideals einließ, desto mehr Konzessionen mußte er machen und desto unbestimmter
mußten die Umrisse seiner Reichsreform werden. Der Adel allein war nicht mächtig
genug, das Unternehmen durchzusetzen, das bewies seine wachsende Schwäche gegenüber den
Fürsten. Man mußte Bundesgenossen haben, und die einzig möglichen waren die
Städte, die Bauern und die einflußreichen Theoretiker der Reformationsbewegung. Aber
die Städte kannten den Adel hinreichend, um ihm nicht zu trauen und jedes Bündnis mit
ihm zurückzuweisen. Die Bauern sahen im Adel, der sie aussog und mißhandelte, mit
vollem Recht ihren bittersten Feind. Und die Theoretiker hielten es entweder mit den
Bürgern, Fürsten oder den Bauern. Was sollte auch der Adel den Bürgern und Bauern
Positives versprechen von einer Reichsreform, deren Hauptzweck immer die Hebung des Adels war?
Unter diesen Umständen blieb Hutten nichts übrig, als in seinen Propagandaschriften
über die künftige gegenseitige Stellung des Adels, der Städte und der Bauern wenig
oder gar nichts zu sagen, alles Übel auf die Fürsten und Pfaffen und die
Abhängigkeit von Rom zu schieben und den Bürgern nachzuweisen, daß ihr Interesse
ihnen gebiete, im bevorstehenden Kampf zwischen Fürsten und Adel sich mindestens neutral zu
halten. Von Aufhebung der Leibeigenschaft und der Lasten,
die der Bauer dem Adel schuldig war, ist bei Hutten nirgends die Rede.
Die Stellung des deutschen Adels gegenüber den Bauern war damals ganz dieselbe wie die
des polnischen Adels zu seinen Bauern in den Insurrektionen 1830-46 <(1850) seit
1830>. Wie in den modernen polnischen Aufständen, war damals in Deutschland die Bewegung
nur durchzuführen durch eine Allianz aller Oppositionsparteien und namentlich des Adels mit
den Bauern. Aber grade diese Allianz war in beiden Fällen unmöglich. Weder war
der Adel in die Notwendigkeit versetzt, seine politischen Privilegien und seine Feudalgerechtsame
gegenüber den Bauern aufzugeben, noch konnten die revolutionären Bauern sich auf
allgemeine unbestimmte Aussichten hin in eine Allianz mit dem Adel einlassen, mit dem Stand, der
sie gerade am meisten bedrückte. Wie in Polen 1830, so konnte in Deutschland 1522 der Adel
die Bauern nicht mehr gewinnen. Nur die gänzliche Beseitigung der Leibeigenschaft und
Hörigkeit, das Aufgeben aller Adelsprivilegien hätte das Landvolk mit dem Adel
vereinigen können; aber der Adel, wie jeder privilegierte Stand, hatte nicht die geringste
Lust, seine Vorrechte, seine ganze exzeptionelle Stellung und den größten Teil seiner
Einkommenquellen freiwillig aufzugeben.
Der Adel stand also schließlich, als es zum Kampfe kam, den Fürsten allein
gegenüber. Daß die Fürsten, die ihm seit zwei Jahrhunderten fortwährend
Terrain abgewonnen, ihn auch diesmal mit leichter Mühe erdrücken mußten, war
vorherzusehen.
Der Verlauf des Kampfes selbst ist bekannt. Hutten und Sickingen, der schon als
politisch-militärischer Chef des mitteldeutschen Adels anerkannt war, brachten 1522 zu
Landau einen Bund des rheinischen, schwäbischen und fränkischen Adels auf sechs Jahre
zustande, angeblich zur Selbstverteidigung; Sickingen zog ein Heer, teils aus eignen Mitteln,
teils in Verbindung mit den umliegenden Rittern, zusammen, organisierte Werbungen und Zuzüge
in Franken, am Niederrhein, in den Niederlanden und Westfalen und eröffnete im September
1522 die Feindseligkeiten mit einer Fehdeerklärung an den Kurfürsten-Erzbischof von
Trier. Aber während er vor Trier lag, wurden seine Zuzüge durch rasches Einschreiten
der Fürsten abgeschnitten; der Landgraf von Hessen und der Kurfürst von der Pfalz zogen
den Trierern zu Hülfe, und Sickingen mußte sich in sein Schloß Landstuhl werfen.
Trotz aller Bemühungen Huttens und seiner übrigen Freunde ließ ihn hier der
verbündete Adel, eingeschüchtert durch die konzentrierte und rasche Aktion der
Fürsten, im Stich; er selbst wurde tödlich verwundet, über gab dann Landstuhl und starb gleich darauf. Hutten mußte in
die Schweiz flüchten und starb wenige Monate später auf der Insel Ufnau im
Zürchersee.
Mit dieser Niederlage und dem Tod der beiden Führer war die Macht des Adels als einer von
den Fürsten unabhängigen Körperschaft gebrochen. Von jetzt an tritt der Adel nur
noch im Dienst und unter der Leitung der Fürsten auf. Der Bauernkrieg, der gleich darauf
ausbrach, zwang ihn noch mehr, sich direkt oder indirekt unter den Schutz der Fürsten zu
stellen, und bewies zu gleicher Zeit, daß der deutsche Adel es vorzog, lieber unter
fürstlicher Oberhoheit die Bauern fernerhin zu exploitieren, als die Fürsten und
Pfaffen durch ein offenes Bündnis mit den emanzipierten Bauern zu stürzen.