Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7,S. 330-341
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
I
[Die ökonomische Lage
und der soziale Schichtenbau Deutschlands]
Gehen wir zunächst kurz zurück auf die
Verhältnisse Deutschlands zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.
Die deutsche Industrie hatte im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert einen bedeutenden
Aufschwung genommen. An die Stelle der feudalen, ländlichen Lokalindustrie war der
zünftige Gewerbebetrieb der Städte getreten, der für weitere Kreise und selbst
für entlegnere Märkte produzierte. Die Weberei von groben Wollentüchern und
Leinwand war jetzt ein stehender, weitverbreiteter Industriezweig; selbst feinere Wollen- und
Leinengewebe sowie Seidenstoffe wurden schon in Augsburg verfertigt. Neben der Weberei hatte sich
besonders jene an die Kunst anstreifende Industrie gehoben, die in dem geistlichen und weltlichen
Luxus des späteren Mittelalters ihre Nahrung fand: die der Gold- und Silberarbeiter, der
Bildhauer und Bildschnitzer, Kupferstecher und Holzschneider, Waffenschmiede <(1850)
fehlt: Waffenschmiede>, Medaillierer, Drechsler etc. etc. Eine Reihe von mehr oder minder
bedeutenden Erfindungen, deren historische Glanzpunkte die des Schießpulvers(1) und der Buchdruckerei bildeten, hatte zur Hebung der Gewerbe
wesentlich beigetragen. Der Handel ging mit der Industrie gleichen Schritt. Die Hanse hatte durch
ihr hundertjähriges Seemonopol die Erhebung von ganz Norddeutschland aus der
mittelalterlichen Barbarei sichergestellt; und wenn sie auch schon seit Ende des fünfzehnten
Jahrhunderts der Konkurrenz der Engländer und Holländer rasch zu erliegen anfing, so
ging doch trotz Vasco da Gamas Entdeckungen der große Handelsweg von Indien nach dem Norden
immer noch durch Deutschland, war Augsburg noch immer der
große Stapelplatz für italienische Seidenzeuge, indische Gewürze und alle
Produkte der Levante. Die oberdeutschen Städte, namentlich Augsburg und Nürnberg, waren
die Mittelpunkte eines für jene Zeit ansehnlichen Reichtums und Luxus. Die Gewinnung der
Rohprodukte hatte sich ebenfalls bedeutend gehoben. Die deutschen Bergleute waren im
fünfzehnten Jahrhundert die geschicktesten der Welt, und auch den Ackerbau hatte das
Aufblühen der Städte aus der ersten mittelalterlichen Roheit herausgerissen. Nicht nur
waren ausgedehnte Strecken urbar gemacht worden, man baute auch Farbekräuter und andere
eingeführte Pflanzen, deren sorgfältigere Kultur auf den Ackerhau im allgemeinen
günstig einwirkt
Der Aufschwung der nationalen Produktion Deutschlands hatte indes noch immer nicht Schritt
gehalten mit dem Aufschwung anderer Länder. Der Ackerbau stand weit hinter dem englischen
und niederländischen, die Industrie hinter der italienischen, flämischen und englischen
zurück, und im Seehandel fingen die Engländer und besonders die Holländer schon
an, die Deutschen aus dem Felde zu schlagen. Die Bevölkerung war immer noch sehr dünn
gesäet. Die Zivilisation in Deutschland existierte nur sporadisch, um einzelne Zentren der
Industrie und des Handels gruppiert; die Interessen dieser einzelnen Zentren selbst gingen weit
auseinander, hatten kaum hie und da einen Berührungspunkt. Der Süden hatte ganz andere
Handelsverbindungen und Absatzmärkte als der Norden; der Osten und der Westen standen fast
außer allem Verkehr. Keine einzige Stadt kam in den Fall, der industrielle und kommerzielle
Schwerpunkt des ganzen Landes zu werden, wie London dies z.B. für England schon war. Der
ganze innere Verkehr beschränkte sich fast ausschließlich auf die Küsten- und
Flußschiffahrt und auf die paar großen Handelsstraßen, von Augsburg und
Nürnberg über Köln nach den Niederlanden und über Erfurt nach dem Norden.
Weiter ab von den Flüssen und Handelsstraßen lag eine Anzahl kleinerer Städte,
die, vom großen Verkehr ausgeschlossen, ungestört in den Lebensbedingungen des
späteren Mittelalters fortvegetierten, wenig auswärtige Waren brauchten, wenig
Ausfuhrprodukte lieferten. Von der Landbevölkerung kam nur der Adel in Berührung mit
ausgedehnteren Kreisen und neuen Bedürfnissen; die Masse der Bauern kam nie über die
nächsten Lokalbeziehungen und den damit verbundenen lokalen Horizont hinaus.
Während in England und Frankreich das Emporkommen des Handels und der Industrie die
Verkettung der Interessen über das ganze Land und damit die politische Zentralisation zur
Folge hatte, brachte Deutschland es nur zur Gruppierung der Interessen nach Provinzen, um
bloß lokale Zentren, und da mit zur politischen
Zersplitterung; einer Zersplitterung, die bald darauf durch den Ausschluß Deutschlands vom
Welthandel sich erst recht festsetzte. In demselben Maß, wie das reinfeudale Reich
zerfiel, löste sich der Reichsverband überhaupt auf, verwandelten sich die großen
Reichslehenträger in beinahe unabhängige Fürsten, schlossen einerseits die
Reichsstädte, andererseits die Reichsritter Bündnisse, bald gegeneinander, bald gegen
die Fürsten oder den Kaiser. Die Reichsgewalt, selbst an ihrer Stellung irre geworden,
schwankte unsicher zwischen den verschiedenen Elementen, die das Reich ausmachten, und verlor
dabei immer mehr an Autorität; ihr Versuch, in der Art Ludwigs XI. zu zentralisieren, kam
trotz aller Intrigen und Gewalttätigkeiten nicht über die Zusammenhaltung der
östreichischen Erblande hinaus. Wer in dieser Verwirrung, in diesen zahllosen sich
durchkreuzenden Konflikten schließlich gewann und gewinnen mußte, das waren die
Vertreter der Zentralisation innerhalb der Zersplitterung, der lokalen und provinziellen
Zentralisation, die Fürsten, neben denen der Kaiser selbst immer mehr ein Fürst
wie die andern wurde.
Unter diesen Verhältnissen hatte sich die Stellung der aus dem Mittelalter
überlieferten Klassen wesentlich verändert, und neue Klassen hatten sich neben den
alten gebildet.
Aus dem hohen Adel waren die Fürsten hervorgegangen. Sie waren schon fast ganz
unabhängig vom Kaiser und im Besitz der meisten Hoheitsrechte. Sie machten Krieg und Frieden
auf eigne Faust, hielten stehende Heere, riefen Landtage zusammen und schrieben Steuern aus.
Einen großen Teil des niederen Adels und der Städte hatten sie bereits unter ihre
Botmäßigkeit gebracht; sie wandten fortwährend jedes Mittel an, um die noch
übrigen reichsunmittelbaren Städte und Baronien ihrem Gebiet einzuverleiben. Diesen
gegenüber zentralisierten sie, wie sie gegenüber der Reichsgewalt dezentralisierend
auftraten. Nach innen war ihre Regierung schon sehr willkürlich. Sie riefen die Stände
meist nur zusammen, wenn sie sich nicht anders helfen konnten. Sie schrieben Steuern aus und
nahmen Geld auf, wenn es ihnen gutdünkte; das Steuerbewilligungsrecht der Stände wurde
selten anerkannt und kam noch seltener zur Ausübung. Und selbst dann hatte der Fürst
gewöhnlich die Majorität durch die beiden steuerfreien und am Genuß der Steuern
teilnehmenden Stände, die Ritterschaft und die Prälaten. Das Geldbedürfnis der
Fürsten wuchs mit dem Luxus und der Ausdehnung des Hofhaltes, mit den stehenden Heeren, mit
den wachsenden Kosten der Regierung. Die Steuern wurden immer drückender. Die Städte
waren meist dagegen geschützt durch ihre Privilegien; die ganze Wucht der Steuerlast fiel
auf die Bauern, sowohl auf die Dominialbauern der Fürsten selbst wie auch auf die
Leibeigenen, Hörigen und Zinsbauern <(1850)
nur: Leibeigne und Hörige> der lehnspflichtigen Ritter. Wo die direkte Besteurung nicht
ausreichte, trat die indirekte ein; die raffiniertesten Manöver der Finanzkunst wurden
angewandt, um den löchrigen Fiskus zu füllen. Wenn alles nicht half, wenn nichts mehr
zu versetzen war und keine freie Reichsstadt mehr Kredit geben wollte, so schritt man zu
Münzoperationen der schmutzigsten Art, schlug schlechtes Geld, machte hohe oder niedrige
Zwangskurse, je nachdem es dem Fiskus konvenierte. Der Handel mit städtischen und sonstigen
Privilegien, die man nachher gewaltsam wieder zurücknahm, um sie abermals für teures
Geld zu verkaufen, die Ausbeutung jedes Oppositionsversuchs zu Brandschatzungen und
Plünderungen aller Art etc. etc. waren ebenfalls einträgliche und alltägliche
Geldquellen für die Fürsten jener Zeit. Auch die Justiz war ein stehender und nicht
unbedeutender Handelsartikel für die Fürsten. Kurz, die damaligen Untertanen, die
außerdem noch der Privathabgier der fürstlichen Vögte und Amtleute zu
genügen hatten, bekamen alle Segnungen des "väterlichen" Regierungssystems im vollsten
Maße zu kosten.
Aus der feudalen Hierarchie des Mittelalters war der mittlere Adel fast ganz verschwunden; er
hatte sich entweder zur Unabhängigkeit kleiner Fürsten emporgeschwungen oder war in die
Reihen des niederen Adels herabgesunken. Der niedere Adel, die Ritterschaft, ging
ihrem Verfall rasch entgegen. Ein großer Teil war schon gänzlich verarmt und lebte
bloß von Fürstendienst in militärischen oder bürgerlichen Ämtern; ein
andrer stand in der Lehnspflicht und Botmäßigkeit der Fürsten; der kleinere war
reichsunmittelbar. Die Entwicklung des Kriegswesens, die steigende Bedeutung der Infanterie, die
Ausbildung der Feuerwaffe beseitigte die Wichtigkeit ihrer militärischen Leistungen als
schwere Kavallerie und vernichtete zugleich die Uneinnehmbarkeit ihrer Burgen. Gerade wie die
Nürnberger Handwerker wurden die Ritter durch den Fortschritt der Industrie
überflüssig gemacht. Das Geldbedürfnis der Ritterschaft trug zu ihrem Ruin
bedeutend bei. Der Luxus auf den Schlössern, der Wetteifer in der Pracht bei den Turnieren
und Festen, der Preis der Waffen und Pferde stieg mit den Fortschritten der gesellschaftlichen
Entwicklung <(1850) der Zivilisation (statt: der gesellschaftlichen Entwicklung)>,
während die Einkommenquellen der Ritter und Barone wenig oder gar nicht zunahmen. Fehden mit
obligater Plünderung und Brandschatzung, Wegelagern und ähnliche noble
Beschäftigungen wurden mit der Zeit zu gefährlich. Die Abgaben und Leistungen der
herrschaftlichen Untertanen brachten kaum mehr ein als früher. Um ihre zunehmenden
Bedürfnisse zu decken, mußten die gnädigen Herren zu denselben Mitteln ihre
Zuflucht nehmen wie die Fürsten. Die Bauernschinderei
durch den Adel wurde mit jedem Jahre weiter ausgebildet. Die Leibeigenen wurden bis auf den
letzten Blutstropfen ausgesogen, die Hörigen mit neuen Abgaben und Leistungen unter allerlei
Vorwänden und Namen belegt. Die Fronden, Zinsen, Gülten, Laudemien, Sterbfallabgaben,
Schutzgelder usw. wurden allen alten Verträgen zum Trotz willkürlich erhöht. Die
Justiz wurde verweigert und verschachert, und wo der Ritter dem Gelde des Bauern sonst nicht
beikommen konnte, warf er ihn ohne weiteres in den Turm und zwang ihn, sich loszukaufen.
Mit den übrigen Ständen lebte der niedere Adel ebenfalls auf keinem
freundschaftlichen Fuß. Der lehnspflichtige Adel suchte sich reichsunmittelbar zu machen,
der reichsunmittelbare seine Unabhängigkeit zu wahren; daher fortwährende
Streitigkeiten mit den Fürsten. Der Geistlichkeit, die dem Ritter in ihrer damaligen
aufgeblähten Gestalt als ein rein überflüssiger Stand erschien, beneidete er ihre
großen Güter, ihre durch das Zölibat und die Kirchenverfassung zusammengehaltenen
Reichtümer. Mit den Städten lag er sich fortwährend in den Haaren; er war ihnen
verschuldet, er nährte sich von der Plünderung ihres Gebiets, von der Beraubung ihrer
Kaufleute, vom Lösegeld der ihnen in den Fehden abgenommenen Gefangenen. Und der Kampf der
Ritterschaft gegen alle diese Stände wurde um so heftiger, je mehr die Geldfrage auch bei
ihr eine Lebensfrage wurde.
Die Geistlichkeit, die Repräsentantin der Ideologie des mittelalterlichen
Feudalismus, fühlte den Einfluß des geschichtlichen Umschwungs nicht minder. Durch die
Buchdruckerei und die Bedürfnisse des ausgedehnteren Handels war ihr das Monopol nicht nur
des Lesens und Schreibens, sondern der höheren Bildung genommen. Die Teilung der Arbeit trat
auch auf intellektuellem Gebiet ein. Der neuaufkommende Stand der Juristen verdrängte sie
aus einer Reihe der einflußreichsten Ämter. Auch sie fing an, zum großen Teil
überflüssig zu werden, und erkannte dies selbst an durch ihre stets wachsende Faulheit
und Unwissenheit. Aber je überflüssiger sie wurde, desto zahlreicher wurde sie - dank
ihren enormen Reichtümern, die sie durch Anwendung aller möglichen Mittel noch
fortwährend vermehrte.
In der Geistlichkeit gab es zwei durchaus verschiedene Klassen. Die geistliche
Feudalhierarchie bildete die aristokratische Klasse: die Bischöfe und
Erzbischöfe, die Äbte, Prioren und sonstigen Prälaten. Diese hohen
Würdenträger der Kirche waren entweder selbst Reichsfürsten, oder sie beherrschten
als Feudalherren, unter der Oberhoheit andrer Fürsten, große Strecken Landes mit
zahlreichen Leibeignen und Hörigen. Sie exploitierten ihre Untergebenen nicht nur ebenso
rücksichtslos wie der Adel und die Fürsten, sie gingen noch viel schamloser zu Werke.
Neben der brutalen Gewalt wurden alle Schikanen der
Religion, neben den Schrecken der Folter alle Schrecken des Bannfluchs und der verweigerten
Absolution, alle Intrigen des Beichtstuhl in Bewegung gesetzt, um den Untertanen den letzten
Pfennig zu entreißen oder das Erbteil der Kirche zu mehren. Urkundenfälschung war bei
diesen würdigen Männern ein gewöhnliches und beliebtes Mittel der Prellerei. Aber
obgleich sie außer den gewöhnlichen Feudalleistungen und Zinsen noch den Zehnten
bezogen, reichten alle diese Einkünfte noch nicht aus. Die Fabrikation wundertätiger
Heiligenbilder und Reliquien, die Organisation seligmachender Betstationen, der
Ablaßschacher wurden zu Hülfe genommen, dem Volk vermehrte Abgaben zu entreißen,
und lange Zeit mit bestem Erfolg.
Diese Prälaten und ihre zahllose, mit der Ausbreitung der politischen und religiösen
Hetzereien stets verstärkte Gendarmerie von Mönchen waren es, auf die der
Pfaffenhaß nicht nur des Volks, sondern auch des Adels sich konzentrierte. Soweit sie
reichsunmittelbar <(1850) souverän>, standen sie dem Fürsten im Wege. Das
flotte Wohlleben der beleibten Bischöfe und Äbte und ihrer Mönchsarmee erregte den
Neid des Adels und empörte das Volk, das die Kosten davon tragen mußte, um so mehr, je
schreiender es ihren Predigten ins Gesicht schlug.
Die plebejische Fraktion der Geistlichkeit bestand aus den Predigern auf dem Lande und
in den Städten. Sie standen außerhalb der feudalen Hierarchie der Kirche und hatten
keinen Anteil an ihren Reichtümern. Ihre Arbeit war weniger kontrolliert und, so wichtig sie
der Kirche war, im Augenblick weit weniger unentbehrlich als die Polizeidienste der
einkasernierten Mönche. Sie wurden daher weit schlechter bezahlt, und ihre Pfründen
waren meist sehr knapp. Bürgerlichen oder plebejischen Ursprungs, standen sie der Lebenslage
der Masse nahe genug, um trotz ihres Pfaffentums bürgerliche und plebejische Sympathien zu
bewahren. Die Beteiligung an den Bewegungen der Zeit, bei den Mönchen nur Ausnahme, war bei
ihnen Regel. Sie lieferten die Theoretiker und Ideologen der Bewegung, und viele von ihnen,
Repräsentanten der Plebejer und Bauern, starben dafür auf dem Schafott. Der
Volkshaß gegen die Pfaffen wendet sich auch nur in einzelnen Fällen gegen sie.
Wie über den Fürsten und dem Adel der Kaiser, so stand über den hohen und
niederen Pfaffen der Papst. Wie dem Kaiser der "gemeine Pfennig", die Reichssteuern,
bezahlt wurden, so dem Papst die allgemeinen Kirchensteuern, aus denen er den Luxus am
römischen Hofe bestritt. In keinem Lande wurden diese
Kirchensteuern - dank der Macht und Zahl der Pfaffen - mit größerer Gewissenhaftigkeit
und Strenge eingetrieben als in Deutschland. So besonders die Annaten bei Erledigung der
Bistümer. Mit den steigenden Bedürfnissen wurden dann neue Mittel zur Beschaffung des
Geldes erfunden: Handel mit Reliquien, Ablaß- und Jubelgelder usw. Große Summen
wanderten so alljährlich aus Deutschland nach Rom, und der hierdurch vermehrte Druck
steigerte nicht nur den Pfaffenhaß, er erregte auch das Nationalgefühl, besonders des
Adels, des damals nationalsten Standes.
Aus den ursprünglichen Pfahlbürgern der mittelalterlichen Städte hatten
sich mit dem Aufblühen des Handels und der Gewerbe drei scharf gesonderte Fraktionen
entwickelt.
An der Spitze der städtischen Gesellschaft standen die patrizischen Geschlechter,
die sogenannte "Ehrbarkeit". Sie waren die reichsten Familien. Sie allein saßen im
Rat und in allen städtischen Ämtern. Sie verwalteten daher nicht bloß die
Einkünfte der Stadt, sie verzehrten sie auch. Stark durch ihren Reichtum, durch ihre
althergebrachte, von Kaiser und Reich anerkannte aristokratische Stellung, exploitierten sie
sowohl die Stadtgemeinde wie die der Stadt untertänigen Bauern auf jede Weise. Sie trieben
Wucher in Korn und Geld, oktroyierten sich Monopole aller Art, entzogen der Gemeinde nacheinander
alle Anrechte auf Mitbenutzung der städtischen Wälder und Wiesen und benutzten diese
direkt zu ihrem eigenen Privatvorteil, legten willkürlich Weg-, Brücken- und
Torzölle und andere Lasten auf und trieben Handel mit Zunftprivilegien, Meisterschafts- und
Bürgerrechten und mit der Justiz. Mit den Bauern des Weichbilds gingen sie nicht schonender
um als der Adel oder die Pfaffen; im Gegenteil, die städtischen Vögte und Amtleute auf
den Dörfern, lauter Patrizier, brachten zu der aristokratischen Härte und Habgier noch
eine gewisse bürokratische Genauigkeit in der Eintreibung mit. Die so zusammengebrachten
städtischen Einkünfte wurden mit der höchsten Willkür verwaltet; die
Verrechnung in den städtischen Büchern, eine reine Förmlichkeit, war
möglichst nachlässig und verworren; Unterschleife und Kassendefekte waren an der
Tagesordnung. Wie leicht es damals einer von allen Seiten mit Privilegien umgebenen, wenig
zahlreichen und durch Verwandtschaft und Interesse eng zusammengehaltenen Kaste war, sich aus den
städtischen Einkünften enorm zu bereichern, begreift man, wenn man an die zahlreichen
Unterschleife und Schwindeleien denkt, die das Jahr 1848 in so vielen städtischen
Verwaltungen an den Tag gebracht hat.
Die Patrizier hatten Sorge getragen, die Rechte der Stadtgemeinde besonders in Finanzsachen
überall einschlafen zu lassen. Erst später, als die Prellereien dieser Herren zu arg
wurden, setzten sich die Gemeinden wieder in Bewegung, um
wenigstens die Kontrolle über die städtische Verwaltung an sich zu bringen. Sie
erlangten in den meisten Städten ihre Rechte wirklich wieder. Aber bei den ewigen
Streitigkeiten der Zünfte unter sich, bei der Zähigkeit der Patrizier und dem Schutz,
den sie beim Reich und den Regierungen der ihnen verbündeten Städte fanden, stellten
die patrizischen Ratsherren sehr bald ihre alte Alleinherrschaft faktisch wieder her, sei es
durch List, sei es durch Gewalt. Im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts befand sich die Gemeinde
in allen Städten wieder in der Opposition.
Die städtische Opposition gegen das Patriziat teilte sich in zwei Fraktionen, die im
Bauernkrieg sehr bestimmt hervortreten.
Die bürgerliche Opposition, die Vorgängerin unsrer heutigen Liberalen,
umfaßte die reicheren und mittleren Bürger sowie einen nach den Lokalumständen
größeren oder geringeren Teil der Kleinbürger. Ihre Forderungen hielten sich rein
auf verfassungsmäßigem Boden. Sie verlangten die Kontrolle über die
städtische Verwaltung und einen Anteil an der gesetzgebenden Gewalt, sei es durch die
Gemeindeversammlung selbst oder durch eine Gemeindevertretung (großer Rat,
Gemeindeausschuß); ferner Beschränkung des patrizischen Nepotismus und der Oligarchie
einiger weniger Familien, die selbst innerhalb des Patriziats immer offener hervortrat.
Höchstens verlangten sie außerdem noch die Besetzung einiger Ratsstellen durch
Bürger aus ihrer eignen Mitte. Diese Partei, der sich hier und da die unzufriedene und
heruntergekommene Fraktion des Patriziats anschloß, hatte in allen ordentlichen
Gemeindeversammlungen und auf den Zünften die große Majorität. Die Anhänger
des Rats und die radikalere Opposition zusammen waren unter den wirklichen Bürgern
bei weitem die Minderzahl.
Wir werden sehen, wie während der Bewegung des sechzehnten Jahrhunderts diese
"gemäßigte", "gesetzliche", "wohlhabende" und "intelligente" Opposition genau dieselbe
Rolle spielt, und genau mit demselben Erfolg, wie ihre Erbin, die konstitutionelle Partei, in der
Bewegung von 1848 und 1849.
Im übrigen eiferte die bürgerliche Opposition noch sehr ernstlich wider die Pfaffen,
deren faules Wohlleben und lockere Sitten ihr großes Ärgernis gaben. Sie verlangte
Maßregeln gegen den skandalösen Lebenswandel dieser würdigen Männer. Sie
forderte, daß die eigene Gerichtsbarkeit und die Steuerfreiheit der Pfaffen abgeschafft und
die Zahl der Mönche überhaupt beschränkt werde.
Die plebejische Opposition bestand aus den heruntergekommenen Bürgern und der
Masse der städtischen Bewohner, die vom Bürgerrechte ausgeschlossen war: den
Handwerksgesellen, den Taglöhnern und den zahlreichen
Anfängen des Lumpenproletariats, die sich selbst auf den untergeordneten Stufen der
städtischen Entwicklung vorfinden. Das Lumpenproletariat ist überhaupt eine
Erscheinung, die, mehr oder weniger ausgebildet, in fast allen bisherigen Gesellschaftsphasen
vorkommt. Die Menge von Leuten ohne bestimmten Erwerbszweig oder festen Wohnsitz wurde gerade
damals sehr vermehrt durch das Zerfallen des Feudalismus in einer Gesellschaft, in der noch jeder
Erwerbszweig, jede Lebenssphäre hinter einer Unzahl von Privilegien verschanzt war. In allen
entwickelten Ländern war die Zahl der Vagabunden nie so groß gewesen wie in der ersten
Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts. Ein Teil dieser Landstreicher trat in Kriegszeiten in
die Armeen, ein anderer bettelte sich durchs Land, der dritte endlich suchte in den Städten
durch Taglöhnerarbeit und was sonst gerade nicht zünftig war, seine notdürftige
Existenz. Alle drei spielen eine Rolle im Bauernkrieg: der erste in den Fürstenarmeen, denen
die Bauern erlagen, der zweite in den Bauernverschwörungen und Bauernhaufen, wo sein
demoralisierender Einfluß jeden Augenblick hervortritt, der dritte in den Kämpfen der
städtischen Parteien. Es ist übrigens nicht zu vergessen, daß ein großer
Teil dieser Klasse, namentlich der in den Städten lebende, damals noch einen bedeutenden
Kern gesunder Bauernnatur besaß und noch lange nicht die Käuflichkeit und
Verkommenheit des heutigen zivilisierten Lumpenproletariats entwickelt hatte.
Man sieht, die plebejische Opposition der damaligen Städte bestand aus sehr gemischten
Elementen. Sie vereinigte die verkommenen Bestandteile der alten feudalen und zünftigen
Gesellschaft mit dem noch unentwickelten, kaum emportauchenden proletarischen Element der
aufkeimenden, modernen bürgerlichen Gesellschaft. Verarmte Zunftbürger, die noch durch
das Privilegium mit der bestehenden bürgerlichen Ordnung zusammenhingen, auf der einen
Seite; verstoßene Bauern und abgedankte Dienstleute, die noch nicht zu Proletariern werden
konnten, auf der andern. Zwischen beiden die Gesellen, momentan außerhalb der offiziellen
Gesellschaft stehend und sich in ihrer Lebenslage dem Proletariat so sehr nähernd, wie dies
bei der damaligen Industrie und unter dem Zunftprivilegium möglich; aber, zu gleicher Zeit,
fast lauter zukünftige bürgerliche Meister, kraft eben dieses Zunftprivilegiums. Die
Parteistellung dieses Gemisches von Elementen war daher notwendig höchst unsicher und je
nach der Lokalität verschieden. Vor dem Bauernkriege tritt die plebejische Opposition in den
politischen Kämpfen nicht als Partei, sie tritt nur als turbulenter,
plünderungssüchtiger, mit einigen Fässern Wein an- und abkäuflicher Schwanz
der bürgerlichen Opposition auf. Erst die Aufstände der Bauern machen sie zur Partei,
und auch da ist sie fast überall in ihren Forderungen und ihrem Auftreten abhängig von
den Bauern - ein merk würdiger Beweis, wie sehr
damals die Stadt noch abhängig vom Lande war. Soweit sie selbständig auftritt, verlangt
sie die Herstellung der städtischen Gewerksmonopole auf dem Lande, will sie die
städtischen Einkünfte nicht durch Abschaffung der Feudallasten im Weichbild
geschmälert wissen usw.; kurz, so weit ist sie reaktionär, ordnet sie sich ihren
eigenen kleinbürgerlichen Elementen unter und liefert damit ein charakteristisches Vorspiel
zu der Tragikomödie, die die moderne Kleinbürgerschaft seit drei Jahren unter der Firma
der Demokratie aufführt.
Nur in Thüringen unter dem direkten Einfluß Münzers und an einzelnen andern
Orten unter dem seiner Schüler wurde die plebejische Fraktion der Städte von dem
allgemeinen Sturm so weit fortgerissen, daß das embryonische proletarische Element in ihr
momentan die Oberhand über alle andern Fraktionen <(1850) Faktoren> der
Bewegung bekam. Diese Episode, die den Kulminationspunkt des ganzen Bauernkriegs bildet und sich
um seine großartigste Gestalt, um Thomas Münzer, gruppiert, ist zugleich die
kürzeste. Es versteht sich, daß sie am schnellsten zusammenbrechen und daß sie
zu gleicher Zeit ein vorzugsweise phantastisches Gepräge tragen, daß der Ausdruck
ihrer Forderungen höchst unbestimmt bleiben muß; gerade sie fand am wenigsten festen
Boden in den damaligen Verhältnissen.
Unter allen diesen Klassen, mit Ausnahme der letzten, stand die große exploitierte Masse
der Nation: die Bauern. Auf dem Bauer lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft:
Fürsten, Beamte, Adel, Pfaffen, Patrizier und Bürger. Ob er der Angehörige eines
Fürsten, eines Reichsfreiherrn, eines Bischofs, eines Klosters, einer Stadt war, er wurde
überall wie eine Sache, wie ein Lasttier behandelt, und schlimmer. War er Leibeigner, so war
er seinem Herrn auf Gnade und Ungnade zur Verfügung gestellt. War er Höriger, so waren
schon die gesetzlichen, vertragsmäßigen Leistungen hinreichend, ihn zu erdrücken;
aber diese Leistungen wurden täglich vermehrt. Den größten Teil seiner Zeit
mußte er auf den Gütern des Herrn arbeiten; von dem, was er sich in den wenigen freien
Stunden erwarb, mußten Zehnten, Zins, Gült, Bede, Reisegeld (Kriegssteuer),
Landessteuer und Reichssteuer gezahlt werden. Er konnte nicht heiraten und nicht sterben, ohne
daß dem Herrn gezahlt wurde. Er mußte, außer den regelmäßigen
Frondiensten, für den gnädigen Herrn Streu sammeln, Erdbeeren sammeln, Heidelbeeren
sammeln, Schneckenhäuser sammeln, das Wild zur Jagd treiben, Holz hacken usw. Fischerei und
Jagd gehörten dem Herrn, der Bauer mußte ruhig zusehen, wenn das Wild seine Ernte
zerstörte. Die Gemeindeweiden und Waldungen der Bauern waren fast überall gewaltsam von den Herren weggenommen worden. Und
wie über das Eigentum, so schaltete der Herr willkürlich über die Person des
Bauern, über die seiner Frau und seiner Töchter. Er hatte das Recht der ersten Nacht.
Er warf ihn in den Turm, wenn's ihm beliebte, wo ihn mit derselben Sicherheit, wie jetzt der
Untersuchungsrichter, damals die Folter erwartete. Er schlug ihn tot oder ließ ihn
köpfen, wenn's ihm beliebte. Von jenen erbaulichen Kapiteln der Carolina, die da "von
Ohrenabschneiden", "von Nasenabschneiden", "von Augenausstechen", "von Abhacken der Finger und
der Hände", "von Köpfen", "von Rädern", "von Verbrennen", "von Zwicken mit
glühenden Zangen", "von Vierteilen" usw. handeln, ist kein einziges, das der gnädige
Leib- oder Schirmherr nicht nach Belieben gegen seine Bauern angewandt hätte. Wer sollte ihn
schützen? In den Gerichten saßen Barone, Pfaffen, Patrizier oder Juristen, die wohl
wußten, wofür sie bezahlt wurden. Alle offiziellen Stände des Reichs lebten ja
von der Aussaugung der Bauern.
Die Bauern, knirschend unter dem furchtbaren Druck, waren dennoch schwer zum Aufstand zu
bringen. Ihre Zersplitterung erschwerte jede gemeinsame Übereinkunft im höchsten Grade.
Die lange Gewohnheit der von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten Unterwerfung, die
Entwöhnung vom Gebrauch der Waffen in vielen Gegenden, die je nach der Persönlichkeit
der Herren bald ab-, bald zunehmende Härte der Ausbeutung trug dazu bei, die Bauern ruhig zu
erhalten. Wir finden daher im Mittelalter Lokalinsurrektionen der Bauern in Menge, aber -
wenigstens in Deutschland - vor dem Bauernkrieg keinen einzigen allgemeinen, nationalen
Bauernaufstand. Dazu waren die Bauern allein nicht imstande, eine Revolution zu machen, solange
ihnen die organisierte Macht der Fürsten, des Adels und der Städte verbündet und
geschlossen entgegenstand. Nur durch eine Allianz mit andern Ständen konnten sie eine Chance
des Sieges bekommen; aber wie sollten sie sich mit andern Ständen verbinden, da sie von
allen gleichmäßig ausgebeutet wurden?
Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs: Fürsten, Adel, Prälaten,
Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern bildeten im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine
höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen
durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem andern im Wege, lag mit allen andern in
einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten Kampf. Jene Spaltung der ganzen Nation in zwei
große Lager, wie sie beim Ausbruch der ersten Revolution in Frankreich bestand, wie sie
jetzt auf einer höheren Entwicklungsstufe in den fortgeschrittensten Ländern besteht,
war unter diesen Umständen rein unmöglich; sie konnte selbst an nähernd nur dann zustande kommen, wenn die unterste, von allen
übrigen Ständen exploitierte Schichte der Nation sich erhob: die Bauern und die
Plebejer. Man wird die Verwirrung der Interessen, Ansichten und Bestrebungen jener Zeit leicht
begreifen, wenn man sich erinnert, welche Konfusion in den letzten zwei Jahren die jetzige, weit
weniger komplizierte Zusammensetzung der deutschen Nation aus Feudaladel, Bourgeoisie,
Kleinbürgerschaft, Bauern und Proletariat hervorgebracht hat.
Fußnoten
(1) Das Schießpulver wurde, wie jetzt zweifellos nachgewiesen, von
China über Indien zu den Arabern gebracht und kam von diesen, nebst den Feuerwaffen,
über Spanien nach Europa. [Fußnote 1875.]