Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz
Verlag, Berlin. Band 7, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960,
Berlin/DDR. S. 255-291.
Karl Marx/Friedrich Engels
[Rezensionen aus der "Neuen Rheinischen Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue".
Viertes Heft, April 1850
I
"Latter-Day Pamphlets", edited by Thomas Carlyle -
Nr. I "The Present
Time", Nr. II "Model Prisons" -, London 1850
<"Zeitgenössische Pamphlete", herausgegeben von Thomas
Carlyle
- Nr. I "Die Gegenwart", Nr. II "Mustergefängnisse">
Thomas Carlyle ist der einzige englische
Schriftsteller, auf den die deutsche Literatur einen direkten und sehr bedeutenden Einfluß
ausgeübt hat. Schon aus Höflichkeit darf der Deutsche seine Schriften nicht unbeachtet
vorübergehen lassen.
Wir haben an der neuesten Schrift von Guizot (Heft II der "N. Rh.
Z.") gesehn, wie die Kapazitäten der Bourgeoisie im Untergehn begriffen sind. In den
vorliegenden zwei Broschüren von Carlyle erleben wir den Untergang des literarischen Genies
an den akut gewordenen geschichtlichen Kämpfen, gegen die es seine verkannten,
unmittelbaren, prophetischen Inspirationen geltend zu machen sucht.
Thomas Carlyle hat das Verdienst, literarisch gegen die Bourgeoisie aufgetreten zu sein zu
einer Zeit, wo ihre Anschauungen, Geschmacksrichtungen und Ideen die ganze offizielle englische
Literatur vollständig unterjochten, und in einer Weise, die mitunter sogar revolutionär
ist. So in seiner französischen Revolutionsgeschichte, in seiner Apologie Cromwells, in dem
Pamphlet über den Chartismus, in "Past and Present". Aber in allen diesen Schriften
hängt die Kritik der Gegenwart eng zusammen mit einer seltsam unhistorischen Apotheose des
Mittelalters, auch sonst häufig bei englischen Revolutionären, z.B. bei Cobbett und
einem Teil der Chartisten. Während er in der Vergangenheit wenigstens die klassischen
Epochen einer bestimmten Gesellschaftsphase bewundert, bringt ihn die Gegenwart zur Verzweiflung,
graut ihm vor der Zukunft. Wo er die Revolution
anerkannt oder gar apotheosiert, konzentriert sie sich ihm in ein einzelnes Individuum, einen
Cromwell oder Danton. Ihnen widmet er denselben Heroenkultus, den er in seinen "Lectures on
Heroes and Hero-Worship" als einzige Zuflucht aus der verzweiflungsschwangern Gegenwart, als neue
Religion gepredigt hat.
Wie die Ideen, so der Stil Carlyles. Er ist eine direkte, gewaltsame Reaktion gegen den
modern-bürgerlichen englischen Pecksniff-Stil, dessen gespreizte Schlaffheit, vorsichtige
Weitschweifigkeit und moralisch-sentimentale zerfahrene Langweiligkeit von den
ursprünglichen Erfindern, den gebildeten Cockneys, auf die ganze englische Literatur
übergegangen ist. Ihr gegenüber behandelte Carlyle die englische Sprache wie ein
vollständig rohes Material, das er von Grund aus umzuschmelzen hatte. Veraltete Wendungen
und Worte wurden wieder hervorgesucht und neue erfunden nach deutschem und speziell Jean
Paulschem Muster. Der neue Stil war oft himmelstürmend und geschmacklos, aber häufig
brillant und immer originell. Auch hierin zeigen die "Latter-Day Pamphlets" einen
merkwürdigen Rückschritt.
Übrigens ist es bezeichnend, daß aus der ganzen deutschen Literatur derjenige Kopf,
der am meisten Einfluß auf Carlyle geübt hat, nicht Hegel war, sondern der
literarische Apotheker Jean Paul.
Dem Kultus des Genius, den Carlyle mit Strauß teilt, ist in den vorliegenden
Broschüren der Genius abhanden gekommen. Der Kultus ist geblieben.
"The Present Time" beginnt mit der Erklärung, daß die Gegenwart die Tochter der
Vergangenheit und die Mutter der Zukunft, jedenfalls aber eine neue Ära ist.
Die erste Erscheinung dieser neuen Ära ist ein reformierender Papst. Das
Evangelium in der Hand, wollte Pius IX. vorn Vatikan herab der Christenheit "das Gesetz der
Wahrheit" verkünden.
"Vor mehr als dreihundert Jahren erhielt der Thron Sankt Peters peremptorische
gerichtliche Aufkündung, authentische Ordre, registriert in der Kanzlei des Himmels, und
seitdem lesbar in den Herzen aller wackern Männer, sich auf und davon zu machen, zu
verschwinden und uns nichts mehr zu tun zu machen mit ihm und seinen Täuschungen und
gottlosen Delirien; - und seitdem blieb er stehn auf seine eigne Gefahr und wird exakten
Schadenersatz zu leisten haben für jeden Tag, den er so gestanden hat. Gesetz der Wahrheit?
Was dieses Papsttum dem Gesetz der Wahrheit gemäß zu tun hatte, das war, aufzugeben
sein faules galvanisiertes Leben, diese Schmach vor Gott und dem Menschen, ehrbar zu sterben und
sich begraben zu lassen. Fern hiervon war, was der arme Papst unternahm; und doch war es im
ganzen wesentlich nur das ... Ein reformierender Papst? Turgot und Necker waren nichts dagegen.
Gott ist groß, und wenn ein Ärgernis enden soll, beruft er dazu einen gläubigen
Mann, der Hand ans Werk legt in Hoffnung, nicht in Verzweiflung." p. 3.
Mit seinen Reformmanifesten hatte der Papst
Fragen auferweckt,
"Mütter von Wirbelwinden, Weltbränden, Erdbeben ... Fragen, welche
alle offiziellen Männer wünschten und meist auch hofften aufzuschieben bis zum
jüngsten Tag. Der jüngste Tag selbst war gekommen, das war die schreckliche Wahrheit."
p. 4.
Das Gesetz der Wahrheit war proklamiert. Die Sizilianer
"waren das erste Volk, das sich daran gab, diese neue, vom heiligen Vater
sanktionierte Regel anzuwenden: Wir gehören nicht durch das Gesetz der Wahrheit Neapel an
und diesen neapolitanischen Beamten. Wir wollen, mit der Gunst des Himmels und des Papstes, uns
von diesen befreien."
Daher die sizilische Revolution.
Das französische Volk, das sich selbst als eine "Art von Messiasvolk" betrachtet, als der
"auserwählte Soldat der Freiheit", fürchtete, daß die armen verachteten
Sizilianer ihm diesen Industriezweig (trade) aus der Hand nehmen möchten -
Februarrevolution.
"Wie durch sympathetische unterirdische Elektrizitäten explodierte ganz
Europa, schrankenlos, unkontrollierbar; und wir hatten das Jahr 1848, eins der seltsamsten,
unheilvollsten, erstaunlichsten und im ganzen demütigendsten Jahres welche die
europäische Welt jemals sah... Die Könige überall und die regierenden Personen
stierten in plötzlichem Schrecken, als die Stimme der ganzen Welt in ihre Ohren bellte: Hebt
euch von dannen, ihr Schwachköpfe, Heuchler, Histrionen, nicht Heroen! Weg mit euch, weg!
Und was eigentümlich war, und in diesem Jahr zuerst erhört: die Könige alle
beschleunigten sich zu gehn, als wenn sie ausriefen: Wir sind arme Histrionen; das sind
wir - braucht ihr Heroen? Bringt uns nicht um, was können wir dafür! - Nicht einer von
ihnen wandte sich rückwärts und stand fest auf seinem Königtum als auf einem
Recht, wofür er sterben oder seine Haut riskieren könnte. Das, wiederhole ich, ist die
beängstigende Besonderheit der Gegenwart. Die Demokratie, bei dieser neuen Gelegenheit,
findet alle Könige bewußt, daß sie nichts andres sind als
Komödianten. Sie flohen jählings, einige von ihnen mit sozusagen ausgesuchter Schmach -
in Angst vor dem Zuchthaus oder Schlimmerem. Und das Volk, oder der Pöbel, übertrug
allerorten seine eigne Regierung sich selbst, und offne Königslosigkeit (kinglessness), was
wir Anarchie nennen - glücklich, wenn Anarchie plus einem Straßenkonstabler -,
ist überall an der Tagesordnung. Solches war die Geschichte vom Baltischen bis zum
Mittelmeer, in Italien, Frankreich, Preußen, Östreich, von einem Ende Europas bis zum
andern in jenen Märztagen von 1848. Und so blieb kein König in Europa, kein König,
außer dem öffentlichen 'haranguer' <'Redner', Schwätzer>, harangierend auf
dem Bierfaß, im Leitartikel oder sich mit seinesgleichen versammelnd im Nationalparlament.
Und für ungefähr vier Monate war ganz Frankreich und in einem hohen Grade ganz Europa,
abgehetzt durch jede Art von Delirium, ein auf und nieder wogender Pöbel, präsidiert
von Herrn von Lamartine auf dem
Hôtel de Ville. Ein sorgenschwangeres Schauspiel für denkende Männer, solange er
währte, dieser arme Herr von Lamartine, mit nichts in ihm, außer melodischem Wind und
weichlichem Speichelfluß. Traurig genug: Die beredteste, letzte Verkörperung des
rehabilitierten 'Chaos', fähig für sich selbst zu sprechen und mit glatten Worten
einzureden, es sei 'Kosmos'! Aber ihr braucht nur kurze Zeit zu harren in solchen Fällen;
alle Luftballone müssen ihr Gas von sich geben unter dem Druck der Dinge und fallen
widerlich schlaff zusammen bevor lange." p. 6-8.
Wer war es, der diese allgemeine Revolution schürte, zu der der Stoff allerdings
vorhanden war?
"Studenten, junge Literaten, Advokaten, Zeitungsschreiber,
heißblütige unerfahrene Enthusiasten und wilde, mit Recht bankrotte Desperados. Nimmer
bis jetzt haben junge Leute und beinahe Kinder solch ein Kommando geführt in den
menschlichen Dingen. Veränderte Zeit, seit das Wort senior, seigneur oder Aldermann zuerst
erdacht wurde, um Herr oder Vorgesetzter zu bedeuten, wie wir es in den Sprachen aller Menschen
finden! ... Wenn ihr genauer zuseht, werdet ihr finden, daß der Alte aufgehört hat,
ehrwürdig und daß er begonnen hat, verächtlich zu sein, ein törichter Knabe
noch, aber ein Knabe ohne die Anmut, den Großsinn und die üppige Kraft der jungen
Knaben. - Dieser wahnsinnige Stand der Dinge wird natürlich binnen kurzem sich selbst
Erleichterung verschaffen, wie er das überall schon zu tun begonnen hat; die
gewöhnlichen Notwendigkeiten des täglichen Lebens können nicht mit ihm bestehn,
und diese, was sonst auch beiseite geworfen werden mag, gehn ihren Weg fort. Eine beliebige
Reparatur der alten Maschine unter neuen Farben und veränderten Formen wird wahrscheinlich
bald in den meisten Ländern erfolgen; die alten Theaterkönige werden wieder zugelassen
werden unter Bedingungen, unter Konstitutionen mit nationalen Parlamenten oder dgl. fashionablem
Zubehör, und allerorten wird das alte tägliche Leben versuchen, von Anfang wieder
anzufangen. Aber dermalen ist keine Hoffnung, daß solche Ausgleichungen Dauer haben
könnten. - In solchen fluchbringenden Schwingungen, treibend wie unter abgrundlos tobenden
Strudeln und sich bekriegenden Seeströmungen, nicht stehend auf festgegründeten
Fundamenten, muß die europäische Gesellschaft fortfahren zu taumeln - bald heillos
stolpernd, dann wieder mühselig sich aufraffend in immer kürzeren Intervallen, bis
endlich einmal die neue Felsenbasis ans Tageslicht kommt und die auf und nieder wogenden
Sündfluten der Meuterei und der Notwendigkeit der Meuterei sich wieder verlaufen." p.
8-10.
Soweit die Geschichte, die auch in dieser Form wenig tröstlich ist für die alte
Welt. Jetzt kommt die Moral:
"Die allgemeine Demokratie, was man auch von ihr denken möge, ist
das unvermeidliche Faktum der Tage, worin wir leben." p. 10.
Was ist die Demokratie? Eine Bedeutung muß sie haben, oder sie wäre nicht da. Es
kommt also alles darauf an, die wahre Bedeutung der Demokratie zu finden. Gelingt uns dies, so können wir mit ihr fertig
werden; wo nicht, sind wir verloren. Die Februarrevolution war "ein allgemeiner Bankerutt des
Betrugs; das ist ihre kurze Erklärung". p. 14. Der Schein und Scheingestalten,
"shams", "delusions", "phantasms" <"Täuschungen", "Illusionen", "Trugbilder">,
bedeutungslos gewordne Namen anstatt der wirklichen Verhältnisse und Dinge, mit einem Wort
der Lug anstatt der Wahrheit hat in der modernen Zeit geherrscht. Die individuelle und soziale
Ehescheidung von diesen Scheingestalten und Gespenstern, das ist die Aufgabe der Reform, und die
Notwendigkeit, daß aller sham, aller Betrug aufhöre, ist unleugbar.
"Allerdings mag dies manchem befremdlich erscheinen; und manch einem soliden
Engländer, der mit gesundem Behagen seinen Pudding verdaut, unter den sogenannten gebildeten
Klassen, scheint es über die Maßen befremdlich, eine verrückte unwissende
Vorstellung, durchaus heterodox und schwanger nur mit Ruin. Ihm sind angewöhnt worden Formen
des Anstands, denen seit langer Zeit ihre Bedeutung abhanden gekommen ist, plausible
Verhaltungsweisen, rein zeremoniell gewordne Feierlichkeiten - was ihr in eurem
bilderstürmenden Humor shams nennt - sein ganzes Leben durch; nimmer hörte er,
daß irgendein Harm in ihnen wäre, daß irgendein Vorankommen wäre ohne sie.
Spann nicht die Baumwolle sich selbst, mästete sich nicht das Vieh, und Kolonialwaren und
Spezereien, kamen sie nicht von Osten und Westen herein durchaus komfortabel an der Seite der
shams?" p. 15.
Wird nun die Demokratie diese notwendige Reform, die Befreiung von den shams, vollbringen?
"Die Demokratie, wenn sie organisiert ist vermittelst des allgemeinen
Stimmrechts, wird sie diesen heilenden allgemeinen Übergang von der Illusion zum Wirklichen,
vom Falschen zum Wahren durchführen und nach und nach eine gesegnete Welt schaffen?" p.
17.
Carlyle leugnet dies. Er sieht überhaupt in der Demokratie und in dem allgemeinen
Stimmrecht nur eine Ansteckung aller Völker durch den englischen Aberglauben an die
Unfehlbarkeit der parlamentarischen Regierung. Die Bemannung jenes Schiffs, das den Weg um Kap
Horn verloren hatte und statt nach Wind und Wetter auszuschauen und den Sextanten zu gebrauchen
über den einzuschlagenden Weg abstimmte und die Entscheidung der Majorität für
unfehlbar erklärte - das ist das allgemeine Stimmrecht, das den Staat lenken will. Wie
für jeden einzelnen, so für die Gesellschaft kommt es nur darauf an, die wahren
Regulationen des Universums, die ewig währenden Gesetze der Natur mit Bezug auf die jedesmal
vorliegende Aufgabe zu entdecken und darnach zu
handeln. Wer uns diese ewigen Gesetze enthüllt, dem folgen wir, "sei es der Zar von
Rußland oder das chartistische Parlament, der Erzbischof von Canterbury oder der
Dalai-Laina". Wie aber entdecken wir diese ewigen Vorschriften Gottes? Jedenfalls ist das
allgemeine Stimmrecht, das jedem einen Stimmzettel gibt und die Köpfe zählt, der
schlechteste Weg dazu. Das Universum ist sehr exklusiver Natur und hat von jeher seine
Geheimnisse nur wenigen Auserwählten, nur einer kleinen Minorität von Edlen und Weisen
mitgeteilt. Es hat daher auch nie eine Nation auf der Grundlage der Demokratie existieren
können. Griechen und Römer? Jeder weiß heutzutage, daß sie keine
Demokratien bildeten, daß die Sklaverei die Grundlage ihrer Staaten war. Von den
verschiedenen französischen Republiken ist es ganz überflüssig zu sprechen. Und
die nordamerikanische Musterrepublik? Von den Amerikanern kann bis jetzt nicht einmal gesagt
werden, daß sie eine Nation, einen Staat bilden. Die amerikanische Bevölkerung lebt
ohne Regierung; was hier konstituiert, ist die Anarchie plus einem Straßenkonstabler. Was
diesen Zustand möglich macht, sind die enormen Strecken noch unbebauten Landes und der aus
England herübergebrachte Respekt vor dem Konstablerstock. Mit dem Wachsen der
Bevölkerung hat auch das ein Ende.
"Welche große menschliche Seele, welchen großen Gedenken, welche
große edle Sache, die man anbeten oder der man loyale Bewunderung zollen könnte, hat
Amerika noch erzeugt?" p. 25. -
Es hat seine Bevölkerung alle zwanzig Jahre verdoppelt - voilà tout <das ist
allles>.
Also diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans ist die Demokratie für immer
unmöglich. Das Universum selbst ist eine Monarchie und eine Hierarchie. Keine Nation, worin
die göttliche immerwährende Pflicht der Leitung und Kontrollierung der Unwissenden
nicht dem edelsten mit seiner auserwählten Reihe von Edleren anvertraut ist,
hat das Reich Gottes, entspricht den ewigen Naturgesetzen.
Jetzt erfahren wir auch das Geheimnis, den Ursprung und die Notwendigkeit der modernen
Demokratie. Es besteht einfach darin, daß der falsche Edle (sham-noble) erhöht und
durch Tradition oder neu erfundene Täuschungen konsekriert worden ist.
Und wer soll den wahren Edelstein entdecken mit seiner ganzen Einfassung von kleineren
Menschenjuwelen und Perlen? Sicher nicht das allgemeine Stimmrecht, denn nur der Edle kann den
Edlen ausfinden. Und so erklärt Carlyle daß England noch eine Menge solcher Edlen und
"Könige" besitze, und fordert diese p. 38 auf, sich bei ihm zu melden.
Man sieht, wie der "Edle" Carlyle von einer
durchaus pantheistischen Anschauungsweise ausgeht. Der ganze geschichtliche Prozeß wird
bedingt nicht durch die Entwicklung der lebendigen Massen selbst, die natürlich von
bestimmten, aber selbst wieder historisch erzeugten wechselnden Voraussetzungen abhängig
ist, er wird bedingt durch ein ewiges, für alle Zeiten unveränderliches Naturgesetz,
von dem er sich heute entfernt und dem er sich morgen wieder nähert und auf dessen richtige
Erkenntnis alles ankommt. Diese richtige Erkenntnis des ewigen Naturgesetzes ist die ewige
Wahrheit, alles andre ist falsch. Mit dieser Anschauungsweise lösen sich die wirklichen
Klassengegensätze, so verschieden sie in verschiednen Epochen sind, sämtlich auf in den
einen großen und ewigen Gegensatz derer, die das ewige Naturgesetz ergründet haben und
darnach handeln, der Weisen und Edlen, und derer, die es falsch verstehn, es verdrehn und ihm
entgegen wirken, der Toren und Schurken. Der historisch erzeugte Klassenunterschied wird so zu
einem natürlichen Unterschied, den man selbst als einen Teil des ewigen Naturgesetzes
anerkennen und verehren muß, indem man sich vor den Edlen und Weisen der Natur beugt:
Kultus des Genius. Die ganze Anschauung des historischen Entwicklungsprozesses verflacht sich zur
platten Trivialität der Illuminaten und Freimaurerweisheit des vorigen Jahrhunderts, zur
einfachen Moral aus der "Zauberflöte" und zu einem unendlich verkommenen und banalisierten
Saint-Simonismus. Damit kommt natürlich die alte Frage, wer denn eigentlich herrschen soll,
die mit hochwichtiger Seichtigkeit des breitesten diskutiert und endlich dahin beantwortet wird,
daß die Edlen, Weisen und Wissenden herrschen sollen, woran sich dann ganz ungezwungen die
Folgerung anschließt, daß viel, sehr viel regiert werden müsse, daß nie
zuviel regiert werden könne, da ja das Regieren die stete Enthüllung und Geltendmachung
des Naturgesetzes gegenüber der Masse ist. Wie aber sollen die Edlen und Weisen entdeckt
werden? Kein überirdisches Wunder enthüllt sie; man muß sie suchen. Und hier
kommen die zu rein natürlichen Unterschieden gemachten historischen Klassenunterschiede
wieder zum Vorschein. Der Edle ist edel, weil er Weiser, Wissender ist. Er wird also zu suchen
sein unter den Klassen, die das Monopol der Bildung haben - unter den privilegierten Klassen, und
dieselben Klassen werden es sein, die ihn in ihrer Mitte auszufinden, die über seine
Ansprüche auf den Rang eines Edlen und Weisen zu entscheiden haben. Damit werden die
privilegierten Klassen sofort, wenn nicht geradezu zur edlen und weisen, doch zur "artikulierten"
Klasse; die unterdrückten Klassen sind natürlich die "stummen unartikulierten", und so
ist die Klassenherrschaft neu sanktioniert. Die ganze hochentrüstete Polterei verwandelt
sich in eine etwas versteckte Anerkennung der bestehenden Klassen herrschaft, die bloß darüber grämelt und murrt,
daß die Bourgeois ihren verkannten Genies keine Stelle an der Spitze der Gesellschaft
anweisen und aus sehr praktischen Rücksichten nicht auf die schwärmerischen Faseleien
dieser Herren eingehn. Wie übrigens auch hier die hochtrabende Salbaderei in ihr Gegenteil
umschlägt, wie der Edle, Wissende und Weise in der Praxis sich in den Gemeinen, Unwissenden
und Narren verwandelt, davon liefert uns Carlyle schlagende Exempel.
Er wendet sich, da bei ihm auf die starke Regierung alles ankommt, mit höchster
Entrüstung gegen das Geschrei nach Befreiung und Emanzipation;
"Laßt uns alle frei sein; der eine von dem andern. Frei ohne Band oder
Verschlingung, ausgenommen der der baren Zahlung; ehrlicher Tageslohn für ehrliches
Tageswerk, festgesetzt durch freiwilligen Vertrag und durch das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr;
dies bildet man sich ein, sei die wahre Lösung aller Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten,
die zwischen Mensch und Mensch vorgefallen sind. Um das Verhältnis, das zwischen zwei
Menschen existiert, zu berichtigen, gibt es keine andere Methode, als es ganz und gar zu
beseitigen?" p. 29.
Diese vollständige Auflösung aller Bande, aller Verhältnisse zwischen den
Menschen erreicht natürlich ihre Spitze in der Anarchie, dem Gesetz der
Gesetzlosigkeit, dem Zustand, in dem das Band der Bänder, die Regierung, vollständig
zerschnitten ist. Und dahin strebt man in England wie auf dem Kontinent, ja sogar in dem "soliden
Germanien".
So poltert Carlyle mehrere Seiten hindurch fort, indem er auf eine höchst befremdliche
Weise rote Republik, fraternité <Brüderlichkeit>, Louis Blanc usw. mit dem free
trade, der Abschaffung der Kornzölle etc. zusammenwirft. Vgl. p. 29-42. Die Vernichtung der
traditionell noch forterhaltenen Reste des Feudalismus, die Reduktion des Staats auf das
unumgänglich nötige und allerwohlfeilste, die vollständige Durchführung der
freien Konkurrenz durch die Bourgeois vermischt und identifiziert Carlyle also mit der Aufhebung
eben dieser Bourgeoisverhältnisse, mit der Abschaffung des Gegensatzes von Kapital und
Lohnarbeit, mit dem Sturz der Bourgeoisie durch das Proletariat. Glänzende Rückkehr zu
der "Nacht des Absoluten", in der alle Kühe grau sind! Tiefe Wissenschaft des "Wissenden",
der nicht das erste Wort von dem weiß, was um ihn vorgeht! Seltsamer Scharfsinn, der mit
der Abschaffung des Feudalismus oder der freien Konkurrenz alle Beziehungen zwischen den Menschen
abgeschafft glaubt! Gründliche Ergründung des "ewigen Naturgesetzes", die in allem
Ernst glaubt, daß keine Kinder mehr zur Welt kommen, sobald die Eltern nicht vorher auf die Mairie gehn, um sich
ehelich zu "verbinden"!
Nach diesem erbaulichen Beispiel von der Weisheit, die auf die pure Unwissenheit
hinausläuft, gibt uns Carlyle auch noch den Beweis, wie der hochbeteuernde Edelmut sofort in
die unverhüllte Niedertracht umschlägt, sobald er aus seinem Phrasen- und
Sentenzenhimmel in die Welt der wirklichen Verhältnisse hinabsteigt.
"In allen europäischen Ländern, speziell in England, hat eine Klasse
von Hauptleuten und Kommandeuren von Menschen, erkennbar als der Beginn einer neuen, realen und
nicht imaginären Aristokratie, sich bereits einigermaßen entwickelt: die Hauptleute
der Industrie, glücklicherweise die Klasse, welche vor allen andern in diesen Zeiten nottut.
Und sicher, von der andern Seite ist kein Mangel an Menschen, die nötig haben kommandiert zu
werden: Diese traurige Klasse von Brudermenschen, die wir beschrieben haben als Hodges
emanzipierte Pferde, reduziert zu vagabondierender Hungerleiderei, diese Klasse ebenfalls hat
sich in allen Ländern entwickelt und entwickelt sich immer mehr in unheilschwangrer
geometrischer Progression mit beängstigender Geschwindigkeit. Auf diesen Grund hin kann es
mit Wahrheit gesagt werden, daß die Organisation der Arbeit die allgemeine Lebensaufgabe
der Welt ist." p. 42, 43.
Nachdem Carlyle auf den ersten vierzig Seiten seinen ganzen tugendhaften Grimm gegen den
Egoismus, die freie Konkurrenz, Abschaffung der feudalen Bande zwischen Mensch und Mensch,
Nachfrage und Zufuhr, laissez faire, Baumwollspinnen, bare Zahlung etc. etc. aber und abermals
ausgepoltert hat, finden wir jetzt auf einmal, daß die Hauptvertreter aller dieser shams,
die industriellen Bourgeois, nicht nur zu den gefeierten Heroen und Genien gehören, sondern
sogar den zunächst notwendigen Teil dieser Heroen ausmachen, daß der Trumpf aller
seiner Angriffe gegen die Bourgeoisverhältnisse und Ideen die Apotheose der
Bourgeoispersonen ist. Sonderbarer erscheint es, daß Carlyle, nachdem er die
Kommandierenden und die Kommandierten der Arbeit vorgefunden hat, also eine bestimmte
Organisation der Arbeit, dennoch diese Organisation für ein noch zu lösendes
großes Problem erklärt. Aber man täusche sich nicht. Es handelt sich nicht um die
Organisation der einregimentierten, sondern um die der nicht einregimentierten, der
führerlosen Arbeiter, und diese hat Carlyle sich selbst vorbehalten. Wir sehn ihn am
Schluß seiner Broschüre plötzlich als britischen Premierminister in partibus
auftreten, die drei Millionen irische und andre Bettler, arbeitsfähige Habenichtse,
nomadisch oder stationär, und die allgemeine Nationalversammlung der britischen Paupers
außer dem workhouse und im workhouse zusammenrufen und in einer Rede "harangieren", worin
er den Habenichtsen erstlich alles wiederholt,
was er dem Leser schon früher anvertraut hat, und dann die auserlesene Gesellschaft anredet
wie folgt:
"Vagabondierende Habe- und Taugenichtse, töricht manche von euch,
Verbrecher viele von euch, Elende alle! Euer Anblick erfüllt mich mit Staunen und
Verzweiflung. Hier sind an die drei Millionen von euch, manche von euch in den Abgrund des
direkten Bettlertums gefallen, und schrecklich zu sagen, jeder, der fällt, beschwert mit
seinem Gewicht um soviel mehr die Kette, die die andern herüberzieht. Am Rande dieses
Abgrunds hangen ungezählte Millionen, die sich vermehren, wie man mir sagt, um
zwölfhundert jeden Tag, fallend, fallend einer nach dem andern, und die Kette wird immer
schwerer, und wer zuletzt wird noch stehn können? - Was nun mit euch anfangen? ... Die
andern, die noch stehn, ringen mit ihren eignen Nöten, das kann ich euch sagen; aber ihr,
durch mangelhafte Energie und überflüssigen Appetit, durch zuwenig getane Arbeit und
zuviel getrunkenes Bier, ihr habt bewiesen, daß ihr es nicht könnt. Wißt,
daß wer auch immer die Söhne der Freiheit sein mögen, ihr für euren Teil
seid es nicht und könnt es nicht sein; ihr seid handgreiflich Gefangene, nicht Freie ... Ihr
habt die Natur von Sklaven, oder wenn ihr lieber wollt, von nomadisch vagabundierenden Knechten,
die keinen Herrn zu finden wissen ... Nicht als glorreich unglückliche Söhne der
Freiheit, sondern als notorische Gefangene, als unglückliche gefallne Brüder, die
verlangen, daß ich sie kommandieren und wenn nötig, sie kontrollieren und unterjochen
soll, könnt ihr von nun an mit mir in Verbindung treten ... Vor dem Himmel und der Erde und
Gott, dem Schöpfer unser aller, erkläre ich es ein Ärgernis, solch ein
Leben in euch erhalten zu sehn, durch den Schweiß und das Herzblut eurer Brüder, und
daß, wenn wir es nicht bessern können, der Tod vorzuziehen wäre ... Schreibt euch
ein in meine irischen, meine schottischen, meine englischen Regimenter der neuen Ära,
ihr armen wandernden Banditen, gehorcht, arbeitet, duldet, fastet, wie alle von uns tun
mußten ... Industrielle Obersten, Werkmeister, Aufseher, Herren über Leben und Tod,
billig wie Rhadamanth und unbeugsam wie er, die tun euch not, und sie werden für euch
findbar sein, sobald ihr einmal unter den Kriegsartikeln steht ... Zu jedem von euch werde ich
dann sagen: Hier ist Werk für euch; macht euch tapfer dran, mit männlichem,
soldatischem Gehorsam und gutem Mut, und fügt euch gemäß den Methoden, die ich
hier diktiere, - Lohn folgt für euch ohne Schwierigkeit ... Weigert euch, hebt vor saurer
Arbeit zurück, gehorcht nicht den Vorschriften, und ich werde euch ermahnen und anzustacheln
suchen; wenn vergeblich, werde ich euch peitschen; wenn immer noch vergeblich, werde ich euch
endlich niederschießen." p. 46-55.
Die neue Ära, worin der Genius herrscht, unterscheidet sich von der alten Ära
also hauptsächlich dadurch, daß die Peitsche sich einbildet, genial zu sein. Der
Genius Carlyle unterscheidet sich vorn ersten besten Gefängniszerberus oder Armenvogt durch
die tugendhafte Entrüstung und das moralische Bewußtsein, daß er die Paupers nur
schindet, um sie zu seiner Höhe zu erheben. Wir sehen hier den hochbeteuernden Genius
in seinem welterlösenden Zorn die Infamien des Bourgeois phantastisch rechtfertigen und
über treiben. Hatte die englische
Bourgeoisie die Paupers den Verbrechern assimiliert, um vom Pauperismus abzuschrecken, hatte sie
das Armengesetz von 1834 geschaffen, so klagt Carlyle die Paupers des Hochverrats an, weil
der Pauperismus den Pauperismus erzeugt. Wie vorhin die historisch entstandene herrschende
Klasse, die industrielle Bourgeoisie, schon weil sie herrschte, des Genius teilhaftig war, so ist
jetzt jede unterdrückte Klasse, je tiefer sie unterdrückt ist, desto mehr vom Genius
ausgeschlossen, desto mehr der tobenden Wut unsres verkannten Reformators ausgesetzt. So hier die
Paupers. Aber sein sittlich-edler Grimm erreicht die höchste Spitze gegenüber den
absolut Niederträchtigen und Ignobeln, den "Schurken", d.h. den Verbrechern. Von
diesen handelt er in der Broschüre über die Mustergefängnisse.
Diese Broschüre unterscheidet sich von der ersten nur durch eine noch viel
größere Wut, um so wohlfeiler, als sie sich gegen die von der bestehenden Gesellschaft
offiziell Ausgestoßenen, gegen Leute unter Schloß und Riegel richtet; eine Wut, die
selbst das wenige von Scham abstreift, was die gewöhnlichen Bourgeois anstandshalber noch
zur Schau tragen. Wie Carlyle im ersten Pamphlet eine vollständige Hierarchie der Edeln
aufstellt und dem Edelsten der Edeln nachspürt, so arrangiert er hier eine ebenso komplette
Hierarchie der Schurken und Niederträchtigen und trachtet danach, den Schlechtesten der
Schlechten, den größten Schurken in England zu erjagen, um die Wollust zu
haben, ihn zu hängen. Gesetzt, er finge ihn und hing ihn auf; so ist uns ein andrer der
Schlechteste und muß wieder gehangen werden und dann wieder ein anderer, bis die Reihe
endlich an die Edlen, und dann an die Edleren kömmt und zuletzt niemand übrigblieb als
Carlyle, der Edelste, der als Verfolger der Schurken zugleich Mörder der Edlen ist und auch
in den Schurken das Edle gemordet hat, der Edelste der Edeln, der sich plötzlich in den
Niederträchtigsten der Schurken verwandelt und als solcher sich selbst zu hängen
hat. Damit wären dann alle Fragen über die Regierung, den Staat, die Organisation der
Arbeit, die Hierarchie des Edlen gelöst, und das ewige Naturgesetz endlich verwirklicht.
II
"Les Conspirateurs", par A. Chenu, ex-capitaine des gardes du
citoyen Caussidière - Les sociétés secrètes; La préfecture de
police sous Caussidière; Les corps-francs -, Paris 1850
"La naissance de la République en Févier 1848", par
Lucien de la Hodde, Paris 1850
<"Die Verschwörer", von A. Chenu, Ex-Hauptmann der Garden
des Bürgers Caussidière - Die geheimen Gesellschaften; Die Polizeipräfektur
unter Caussidière; Die Freikorps -
"Die Geburt der Republik im Februar 1848", von Lucien de la Hodde>
Nichts ist wünschenswerter, als daß
die Leute, die an der Spitze der Bewegungspartei standen, sei es vor der Revolution in den
geheimen Gesellschaften oder in der Presse, sei es später in offiziellen Stellungen, endlich
einmal mit derben rembrandtschen Farben geschildert werden, in ihrer ganzen Lebendigkeit. Die
bisherigen Darstellungen malen uns diese Persönlichkeiten nie in ihrer wirklichen, nur in
ihrer offiziellen Gestalt, mit dem Kothurn am Fuß und der Aureole um den Kopf. In diesen
verhimmelten raffaelschen Bildern geht alle Wahrheit der Darstellung verloren.
Die beiden vorliegenden Schriften entfernen zwar den Kothurn und die Aureole, mit denen die
"großen Männer" der Februarrevolution bisher zu erscheinen pflegten. Sie dringen in
das Privatleben dieser Personen ein, sie zeigen sie uns im Negligé, mit ihrer ganzen
Umgebung von subalternen Subjekten sehr verschiedener Art. Aber darum sind sie nicht weniger weit
entfernt von einer wirklichen, treuen Darstellung der Personen und Ereignisse. Von ihren
Verfassern ist der eine ein eingestandner langjähriger Mouchard <Polizeispion>
Louis-Philippes, der andre ein alter Verschwörer von Profession, dessen Beziehungen zur
Polizei ebenfalls sehr zweideutig sind und dessen Auffassungsfähigkeit schon dadurch
charakterisiert wird, daß er zwischen Rheinfelden und Basel "jene prächtige
Alpenkette, deren silberne Gipfel das Auge blenden", und zwischen Kehl und Karlsruhe "die
rheinischen Alpen, deren ferne Gipfel sich im Horizont verloren", gesehn haben will. Von solchen
Leuten, besonders wenn sie obendrein zu ihrer persönlichen Rechtfertigung schreiben, ist
allerdings nur eine mehr oder minder chargierte chronique scandaleuse <Klatschgeschichte>
der Februarrevolution zu erwarten.
Herr de la Hodde sucht sich in seiner Broschüre als den Spion des Cooperschen Romans
darzustellen. Er habe, behauptet er, sich um die Gesellschaft verdient gemacht, indem er die
geheimen Gesellschaften während acht Jahren
paralysierte. Aber vom Cooperschen Spion bis zu Herrn de ja Hodde ist weit, sehr weit. Herr de la
Hodde, Mitarbeiter am "Charivari", Mitglied des Zentralkomitees der "société des
nouvelles Saisons" seit 1839, Mitredakteur der "Réforme" seit ihrer Gründung und
gleichzeitig bezahlter Spion des Polizeipräfekten Delessert, ist durch niemanden mehr
kompromittiert als durch Chenu. Seine Schrift ist direkt provoziert durch Chenus
Enthüllungen, hütet sich aber sehr wohl, auch nur eine Silbe auf das zu erwidern, was
Chenu über de la Hodde selbst sagt. Dieser Teil der Chenuschen Memoiren wenigstens ist also
authentisch.
"In einer meiner nächtlichen Wanderungen", erzählt Chenu, "bemerkte
ich de la Hodde, wie er den Quai Voltaire auf- und abwandelte. Der Regen floß stromweise,
und dieser Umstand machte mich nachdenklich. Sollte zufällig dieser teure de la Hodde auch
in der Kasse der geheimen Fonds schöpfen? Aber ich erinnerte mich seiner Gesänge,
seiner herrlichen Strophen über Irland und Polen, und namentlich der heftigen Artikel, die
er im Journal 'La Réforme_ schrieb" (während Herr de la Hodde sich als den
Besänftiger der "Réforme hinzustellen sucht). "Guten Abend, de la Hodde, was Teufels
treibst du hier zu dieser Stunde und in diesem schauderhaften Wetter? - Ich warte auf einen
Schwerenöter, der mir Geld schuldig ist, und da er alle Abend zu dieser Stunde hier
vorüberkommt, wird er mir zahlen, oder - und er schlug heftig mit seinem Stock auf die
Brustwehr des Quais."
De la Hodde sucht ihn loszuwerden und geht nach dem Pont du Carrousel zu. Chenu entfernt sich
nach der entgegengesetzten Seite, aber nur, um sich unter den Arkaden des Instituts zu verbergen.
De la Hodde kommt bald zurück, sieht sich sorgfältig nach allen Seiten um und spaziert
von neuem auf und ab.
"Eine Viertelstunde nachher bemerkte ich den Wagen mit den zwei kleinen
grünen Laternen, den mir mein Ex-Agent signalisiert hatte" (ein ehemaliger Spion, der Chenu
im Gefängnis eine Menge Polizeigeheimnisse und Erkennungszeichen verraten hatte). "Er hielt
an der Ecke der Rue des Vieux-Augustins. Ein Mann stieg aus; de la Hodde ging geradeswegs auf ihn
zu; sie sprachen einen Augenblick zusammen, und ich sah de la Hodde die Bewegung eines Menschen
machen, der Geld in seine Tasche steckt. - Nach diesem Vorfall wandte ich alles an, um de la
Hodde aus unsern Zusammenkünften zu entfernen und vor allem Albert zu verhindern, in eine
Schlinge zu fallen, denn er war der Eckstein unsres Gebäudes. Einige Tage nachher wies die
'Réforme' einen Artikel des Herrn de la Hodde zurück. Seine literarische Eitelkeit
wurde dadurch verletzt. Ich riet ihm, sich zu rächen durch Gründung eines andern
Journals. Er folgte diesem Rat und publizierte mit Pilhes und Dupoty sogar den Prospektus eines
Blattes 'Le Peuple', und während dieser Zeit waren wir ihn fast ganz los." - Chenu, p.
46-48.
Wir sehn: Der Coopersche Spion verwandelt sich in den politischen Prostituierten der
gemeinsten Art, der auf der Straße im Regenwetter auf die Auszahlung seines cadeau <seiner Belohnung> durch den ersten
besten officier de paix <Friedensrichter, hier: Polizeibeamten> lauert. Wir sehn ferner:
Nicht de la Hodde, wie er glauben machen möchte, sondern Albert stand an der Spitze der
geheimen Gesellschaften. Dies folgt überhaupt aus der ganzen Darstellung Chenus. Der
Mouchard "im Interesse der Ordnung" verwandelt sich hier plötzlich in den beleidigten
Schriftsteller, der sich ärgert, daß auf der "Réforme" die Artikel des
Mitarbeiters am "Charivari" nicht ohne weiteres aufgenommen werden, und der deshalb bricht mit
der "Réforme", einem wirklichen Parteiorgan, bei dem er der Polizei nützlich werden
konnte, um ein neues Blatt zu gründen, wo er höchstens seine Literateneitelkeit
befriedigen konnte. Wie die Prostituierten durch ein gewisses Sentiment, so suchte der Mouchard
sich durch seine schriftstellerischen Ansprüche aus seiner schmutzigen Stellung zu retten.
Der Haß gegen die "Réforme", der durch sein ganzes Pamphlet geht, löst sich auf
in die trivialste Schriftstellerranküne. Endlich sehen wir, daß de la Hodde in der
wichtigsten Zeit der geheimen Gesellschaften, kurz vor der Februarrevolution, mehr und mehr aus
ihnen verdrängt wurde; und hieraus erklärt sich, warum sie, ganz im Gegensatz zu Chenu,
in dieser Zeit nach seiner Darstellung mehr und mehr verfallen.
Wir kommen jetzt zu der Szene, in der Chenu die Enthüllung der Verrätereien de la
Hoddes nach der Februarrevolution schildert. Die Partei der "Réforme" war bei Albert im
Luxembourg auf Caussidières Einladung versammelt. Monnier, Sobrier, Grandmenil, de la
Hodde, Chenu etc. waren erschienen. Caussidière eröffnete die Versammlung und sagte
dann:
"Es befindet sich ein Verräter unter uns. Wir werden uns als geheimes
Tribunal konstituieren, um ihn zu richten. - Grandmenil als der älteste Anwesende wurde zum
Präsidenten und Tiphaine zum Sekretär ernannt. Bürger, fuhr Caussidière als
öffentlicher Ankläger fort, lange haben wir brave Patrioten angeklagt. Wir waren weit
entfernt zu ahnen, welche Schlange sich unter uns geschlichen hatte. Heute habe ich den
wirklichen Verräter entdeckt: es ist Lucien de la Hodde! - Dieser, der bisher ganz ruhig
gesessen hatte, sprang auf bei dieser direkten Anklage. Er machte eine Bewegung gegen die
Tür. Caussidière schloß sie rasch, zog eine Pistole und rief: Wenn du dich
rührst, zerschmettre ich dir den Schädel! - De la Hodde beteuerte feurig seine
Unschuld. Gut, sagte Caussidière. Hier ist ein Aktenstoß, der achtzehnhundert
Berichte an den Polizeipräfekten enthält - und er gab jedem unter uns die ihn speziell
betreffenden Berichte. De la Hodde leugnete hartnäckig, daß diese Berichte,
unterzeichnet Pierre, von ihm herrührten, bis Caussidière den in seinen Memoiren
veröffentlichten Brief vorlas, einen Brief, worin de la Hodde seine Dienste dem
Polizeipräfekten anbot und den er mit seinem wahren Namen unterzeichnet hatte. Von diesem
Augenblick leugnete der Unglückliche
nicht mehr, er suchte sich zu entschuldigen durch das Elend, das ihm den fatalen Gedanken
eingegeben, sich in die Arme der Polizei zu werfen. Caussidière reichte ihm die Pistole
dar, letztes Rettungsmittel, das ihm bleibe. De la Hodde flehte darauf zu seinen Richtern, er
wimmerte um ihre Milde, aber sie blieben unbeugsam. Bocquet, einer der Anwesenden, dem die Geduld
ausging, ergriff die Pistole und reichte sie ihm dreimal dar mit den Worten: Allons <Los>,
zerschmettre dir den Schädel, Feigling, Feigling, oder ich selbst töte dich! - Albert
riß sie ihm aus der Hand: Aber bedenke, ein Pistolenschuß, hier im Luxembourg,
alarmiert alle Welt! - Richtig, rief Bocquet, wir müssen Gift haben. - Gift? sagte
Caussidière, ich habe Gift mitgebracht, und zwar von allen Sorten. Er nahm ein Glas,
füllte es mit Wasser, das er zuckerte, schüttete dann ein weißes Pulver hinein,
bot es dem de la Hodde dar, der zurückschauderte: Ihr wollt mich also meucheln? - Jawohl,
sagte Bocquet, trink. - De la Hodde war schrecklich anzuschauen. Seine Züge wurden fahl,
seine sehr krausen und wohl frisierten Haare bäumten sich auf seinem Haupt. Der
Schweiß überschwemmte sein Gesicht. Er flehte, er weinte: Ich will nicht sterben! Aber
Bocquet, unbeugsam, hielt ihm immer noch das Glas dar. Allons, trink doch, sagte
Caussidière, du wirst zum Teufel sein, ehe du dich versiehst. - Nein, nein, ich werde
nicht trinken! Und in seiner Geisteszerrüttung fügte er mit einer schrecklichen
Gebärde hinzu: O, ich werde mich rächen für alle diese Martern!
Als man sah, daß aller Appell ans point d'honneur <Ehrgefühl> nichts
fruchtete, wurde de la Hodde auf Alberts Fürsprache endlich begnadigt und ins Gefängnis
der Conciergerie gebracht." Chenu. p. 134-136.
Der angeblich Coopersche Spion wird immer erbärmlicher. Wir sehn ihn hier in seiner
ganzen Verächtlichkeit, wie er seinen Gegnern bloß durch seine Feigheit Widerstand zu
leisten weiß. Wir werfen ihm vor, nicht daß er nicht sich selbst, sondern daß
er nicht den ersten besten seiner Gegner niederschoß. Er sucht sich nachträglich durch
eine Schrift zu retten, worin er die ganze Revolution als eine bloße escroquerie
<Gaunerei> darzustellen sucht. Der richtige Titel dieser Schrift ist: "Der
enttäuschte Polizist." Sie weist nach, daß eine wirkliche Revolution das gerade
Gegenteil ist von den Vorstellungen des Mourchards, der mit den "Männern der Tat"
übereinstimmend in jeder Revolution das Werk einer kleinen Koterie sieht. Während alle
von Koterien mehr oder weniger willkürlich provozierten Bewegungen bloße Emeuten
blieben, geht aus de la Hoddes Darstellung selbst hervor, einerseits, daß die
offiziellen Republikaner im Anfang der Februartage noch an der Eroberung der Republik
verzweifelten, andrerseits, daß die Bourgeoisie die Republik erobern helfen
mußte, ohne sie zu wollen, daß also die Februarrepublik notwendig durch die
Umstände herbeigeführt wurde, die die Massen des außer allen Koterien stehenden Proletariats in die Straßen trieb und die
Majorität der Bourgeoisie zu Hause hielt oder zu gemeinsamer Aktion mit ihm zwang. - Was de
la Hodde im übrigen mitteilt, ist äußerst dürftig und reduziert sich auf die
banalsten Klatschereien. Nur eine Szene ist interessant: die Zusammenkunft der offiziellen
Demokraten im Lokal der "Réforme" am 21. Februar abends, in der die Chefs sich entschieden
gegen einen gewaltsamen Angriff aussprachen. Der Inhalt ihrer Reden zeugt im ganzen, für
diesen Tag, noch von einer richtigen Auffassung der Verhältnisse. Lächerlich ist nur
die hochtrabende Form und die spätere Prätension derselben Leute, die Revolution von
Anfang an mit Bewußtsein und Absicht herbeigeführt zu haben. Das Schlimmste, was de la
Hodde ihnen übrigens nachsagen kann, ist, daß sie ihn so lange unter sich
duldeten.
Kommen wir zu Chenu. Wer ist Herr Chenu? Er ist ein alter Konspirateur, seit 1832 in allen
Emeuten beteiligt und der Polizei wohlbekannt. Zur Konskription herangezogen, desertiert er bald
und bleibt unentdeckt in Paris, trotz seiner abermaligen Beteiligung an Verschwörungen und
an der Emeute von 1839. 1844 stellt er sich bei seinem Regiment, und sonderbarerweise wird ihm,
trotz seiner wohlbekannten Antezedentien, das Kriegsgericht vom Divisionsgeneral erlassen. Noch
mehr: er dient seine Zeit beim Regiment nicht ab, sondern kann nach Paris zurückkehren. 1847
ist er in die Brandbombenverschwörung verwickelt; er entkommt bei einem Verhaftungsversuch,
bleibt aber nichtsdestoweniger in Paris, obwohl er in contumaciam <in Abwesenheit> zu vier
Jahren verurteilt wird. Erst von seinen Mitverschwörern angeklagt, mit der Polizei in
Verbindung zu stehn, geht er nach Holland, von wo er am 21. Februar 1848 zurückkommt. Nach
der Februarrevolution wird er Hauptmann in Caussidières Garden. Caussidière hat ihn
bald im Verdacht (ein Verdacht der viel Wahrscheinlichkeit besitzt), mit Marrasts Spezialpolizei
in Verbindung zu stehn, und entfernt ihn ohne viel Widerstand nach Belgien und später nach
Deutschland. Herr Chenu läßt sich ziemlich gutwillig nacheinander in die belgischen,
deutschen und polnischen Freikorps einrangieren. Und alles dies zu einer Zeit, wo
Caussidières Macht schon zu wanken begann, und obwohl Chenu ihn vollständig
beherrscht haben will; so behauptet er, ihn durch einen Drohbrief, als er einmal verhaftet war,
zu seiner sofortigen Freilassung gezwungen zu haben. Soviel über den Charakter und die
Glaubwürdigkeit unsres Autors.
Die Massen von Schminke und Patschuli, worunter die Prostituierten die weniger anziehenden
Seiten ihrer physischen Existenz zu ersticken suchen, finden sich literarisch reproduziert in dem bel-esprit
<Schöngeistigen>, womit de la Hodde sein Pamphlet parfümiert. Der literarische
Charakter des Chenuschen Buchs dagegen erinnert in der Naivetät und Lebendigkeit der
Darstellung häufig an Gil Blas. Wie Gil Blas in den verschiedensten Abenteuern stets
Bedienter bleibt und alles nach dem Maßstab des Bedienten beurteilt, so bleibt Chenu von
der Emeute von 1832 bis zu seiner Entfernung aus der Präfektur immer derselbe subalterne
Konspirateur, dessen spezielle Borniertheit sich übrigens sehr genau unterscheiden
läßt von den platten Reflexionen des ihm vom Elysee zugewiesenen literarischen
"Faiseurs". Es ist klar, daß auch bei Chenu von einem Verständnis der
revolutionären Bewegung nicht die Rede sein kann. Interessant bleiben in seiner Schrift
daher nur die Kapitel, wo er mehr oder weniger unbefangen aus eigner Anschauung schildert: die
Konspirateurs und Held Caussidière.
Man kennt die Neigung der romanischen Völker zu Verschwörungen und die Rolle, die
die Verschwörungen in der modernen spanischen, italienischen und französischen
Geschichte gespielt haben. Nach den Niederlagen der spanischen und italienischen Verschwörer
im Anfang der zwanziger Jahre wurden Lyon und namentlich Paris die Zentren der
revolutionären Verbindungen. Es ist bekannt, wie bis 1830 die liberalen Bourgeois an der
Spitze der Verschwörungen gegen die Restauration standen. Nach der Julirevolution trat die
republikanische Bourgeoisie an ihre Stelle; das Proletariat, schon unter der Restauration zum
Konspirieren erzogen, trat in dem Maße in den Vordergrund, worin die republikanischen
Bourgeois durch die vergeblichen Straßenkämpfe von den Konspirationen
zurückgeschreckt wurden. Die société des saisons, mit der Barbès und
Blanqui die Ermeute von 1839 machten, war schon ausschließlich proletarisch, und ebenso
waren es die nach der Niederlage gebildeten nouvelles saisons, an deren Spitze Albert trat, und
woran Chenu, de la Hodde, Caussidière etc. sich beteiligten. Die Verschwörung stand
durch ihre Chefs fortwährend in Verbindung mit den in der "Réforme"
repräsentierten kleinbürgerlichen Elementen, hielt sich jedoch immer sehr
unabhängig. Diese Konspirationen umfaßten natürlich nie die große Masse des
Pariser Proletariats. Sie beschränkten sich auf eine verhältnismäßig kleine,
stets schwankende Zahl von Mitgliedern, die teils aus alten, stationären, von jeder geheimen
Gesellschaft ihrer Nachfolgerin regelmäßig überlieferten Verschwörern, teils
aus neu angeworbenen Arbeitern bestand.
Unter diesen alten Verschwörern schildert Chenu fast ausschließlich nur die Klasse,
zu der er selbst gehört: die Konspirateurs von Profession. Mit der Ausbildung der proletarischen Konspirationen trat das
Bedürfnis der Teilung der Arbeit ein; die Mitglieder teilten sich in
Gelegenheitsverschwörer, conspirateurs d'occasion, d.h. Arbeiter, die die Verschwörung
nur neben ihrer sonstigen Beschäftigung betrieben, nur die Zusammenkünfte besuchten und
sich bereithielten, auf den Befehl der Chefs am Sammelplatz zu erscheinen, und in Konspirateure
von Profession, die ihre ganze Tätigkeit der Verschwörung widmeten und von ihr lebten.
Sie bildeten die Mittelschicht zwischen den Arbeitern und den Chefs und schmuggelten sich
häufig sogar unter diese.
Die Lebensstellung dieser Klasse bedingt schon von vornherein ihren ganzen Charakter. Die
proletarische Konspiration bietet ihnen natürlich nur sehr beschränkte und unsichre
Existenzmittel. Sie sind daher fortwährend gezwungen, die Kassen der Verschwörung
anzugreifen. Manche von ihnen kommen auch direkt in Kollisionen mit der bürgerlichen
Gesellschaft überhaupt und figurieren mit mehr oder weniger Anstand vor den
Zuchtpolizeigerichten. Ihre schwankende, im einzelnen mehr vom Zufall als von ihrer
Tätigkeit abhängige Existenz, ihr regelloses Leben, dessen einzig fixe Stationen die
Kneipen der marchands de vin <Schankwirte> sind - die Rendezvoushäuser der
Verschwornen -, ihre unvermeidlichen Bekanntschaften mit allerlei zweideutigen Leuten rangieren
sie in jenen Lebenskreis, den man in Paris la bohême nennt. Diese demokratischen Bohemiens
proletarischen Ursprungs - es gibt auch eine demokratische Boheme bürgerlichen Ursprungs,
die demokratischen Bummler und piliers d'estaminet <Kneipenstammgäste> - sind also
entweder Arbeiter, die ihre Arbeit aufgegeben haben und dadurch dissolut geworden sind, oder
Subjekte, die aus dem Lumpenproletariat hervorgehn und alle dissoluten Gewohnheiten dieser Klasse
in ihre neue Existenz übertragen. Man begreift, wie unter diesen Umständen fast in
jeden Konspirationsprozeß ein paar repris de justice <Vorbestrafte> sich verwickelt
finden.
Das ganze Leben dieser Verschwörer von Profession trägt den ausgeprägtesten
Charakter der Boheme. Werbunteroffiziere der Verschwörung, ziehen sie von marchand de vin zu
marchand de vin, fühlen den Arbeitern den Puls, suchen ihre Leute heraus, kajolieren sie in
die Verschwörung hinein und lassen entweder die Gesellschaftskasse oder den neuen Freund die
Kosten der dabei unvermeidlichen Konsumtion von Litres tragen. Der marchand de vin ist
überhaupt ihr eigentlicher Herbergsvater. Bei ihm hält der Verschwörer sich
meistens auf; hier hat er seine Rendezvous mit seinen Kollegen, mit den Leuten seiner Sektion,
mit den Anzuwerbenden; hier endlich finden die ge heimen Zusammenkünfte der Sektionen und Sektionschefs
(Gruppen) statt. Der Konspirateur, ohnehin wie alle Pariser Proletarier sehr heitrer Natur,
entwickelt sich in dieser ununterbrochenen Kneipenatmosphäre bald zum vollständigsten
Bambocheur <Zechbruder>. Der finstre Verschwörer, der in den geheimen Sitzungen eine
spartanische Tugendstrenge an den Tag legt, taut plötzlich auf und verwandelt sich in einen
überall bekannten Stammgast, der den Wein und das weibliche Geschlecht sehr wohl zu
schätzen versteht. Dieser Kneipenhumor wird noch erhöht durch die fortwährenden
Gefahren, denen der Konspirateur ausgesetzt ist; jeden Augenblick kann er auf die Barrikade
gerufen werden und dort fallen, auf jedem Schritt und Tritt legt ihm die Polizei Schlingen, die
ihn ins Gefängnis oder gar auf die Galeeren bringen können. Solche Gefahren machen eben
den Reiz des Handwerks aus; je größer die Unsicherheit, desto mehr beeilt sich der
Verschwörer, den Genuß des Moments festzuhalten. Zugleich macht ihn die Gewohnheit der
Gefahr im höchsten Grade gleichgültig gegen Leben und Freiheit. Im Gefängnis ist
er zu Hause wie beim marchand de vin. Jeden Tag erwartet er den Befehl zum Losbruch. Die
verzweifelte Tollkühnheit, die in jeder Pariser Insurrektion hervortritt, wird gerade durch
diese alten Verschwörer von Profession, die hommes de coups de main <Männer des
Handstreichs>, hereingebracht. Sie sind es, die die ersten Barrikaden aufwerfen und
kommandieren, die den Widerstand organisieren, die Plünderung der Waffenläden, die
Wegnahme der Waffen und Munition aus den Häusern leiten und mitten im Aufstand jene
verwegnen Handstreiche ausführen, die die Regierungspartei so oft in Verwirrung bringen. Mit
einem Wort, sie sind die Offiziere der Insurrektion.
Es versteht sich, daß diese Konspirateurs sich nicht darauf beschränken, das
revolutionäre Proletariat überhaupt zu organisieren. Ihr Geschäft besteht gerade
darin, dem revolutionären Entwicklungsprozeß vorzugreifen, ihn künstlich zur
Krise zu treiben, eine Revolution aus dem Stegreif, ohne die Bedingungen einer Revolution zu
machen. Die einzige Bedingung der Revolution ist für sie die hinreichende Organisation ihrer
Verschwörung. Sie sind die Alchimisten der Revolution und teilen ganz die
Ideenzerrüttung und die Borniertheit in fixen Vorstellungen der früheren Alchimisten.
Sie werfen sich auf Erfindungen, die revolutionäre Wunder verrichten sollen: Brandbomben,
Zerstörungsmaschinen von magischer Wirkung, Emeuten, die um so wundertätiger und
überraschender wirken sollen, je weniger sie einen rationellen Grund haben. Mit. solcher
Projektenmacherei beschäftigt, haben sie keinen andern Zweck als den nächsten des
Umsturzes der bestehenden Regierung und verachten
aufs tiefste die mehr theoretische Aufklärung der Arbeiter über ihre Klasseninteressen.
Daher ihr nicht proletarischer, sondern plebejischer Ärger über die habits noirs
<Befrackten>, die mehr oder minder gebildeten Leute, die diese Seite der Bewegung
vertreten, von denen sie aber, als von den offiziellen Repräsentanten der Partei, sich nie
ganz unabhängig machen können. Die habits noirs müssen ihnen von Zeit zu Zeit auch
als Geldquelle dienen. Es versteht sich übrigens, daß die Konspirateurs der
Entwicklung der revolutionären Partei mit oder wider Willen folgen müssen.
Der Hauptcharakterzug im Leben der Konspirateurs ist. ihr Kampf mit der Polizei, zu der sie
grade dasselbe Verhältnis haben wie die Diebe und die Prostituierten. Die Polizei toleriert
die Verschwörungen, und zwar nicht bloß als ein notwendiges Übel: Sie toleriert
sie als leicht zu überwachende Zentren, in denen sich die gewaltsamsten revolutionären
Elemente der Gesellschaft zusammenfinden, als Werkstätten der Emeute, die in Frankreich ein
ebenso notwendiges Regierungsmittel geworden ist wie die Polizei selbst, und endlich als
Rekrutierungsplatz für ihre eignen politischen Mouchards. Grade wie die brauchbarsten
Spitzbubenfänger, die Vidocq und Konsorten, aus der Klasse der höheren und niederen
Gauner, der Diebe, escrocs <Betrüger> und falschen Bankeruttiers genommen werden und
oft wieder in ihr altes Handwerk zurückfallen, geradeso rekrutiert sich die niedere
politische Polizei aus den Konspirateurs von Profession. Die Verschwörer behalten
unaufhörlich Fühlung mit der Polizei, sie kommen jeden Augenblick in Kollision mit ihr;
sie jagen auf die Mouchards, wie die Mouchards auf sie jagen. Die Spionage ist eine ihrer
Hauptbeschäftigungen. Kein Wunder daher, daß der kleine Sprung vom
handwerksmäßigen Verschwörer zum bezahlten Polizeispion, erleichtert durch das
Elend und das Gefängnis, durch Drohungen und Versprechungen, sich so häufig macht.
Daher das grenzenlose Verdachtsystem in den Verschwörungen, das die Mitglieder
vollständig blind macht und sie in ihren besten Leuten Mouchards und in den wirklichen
Mouchards ihre zuverlässigsten Leute erkennen läßt. Daß diese aus den
Verschwörern angeworbenen Spione sich mit der Polizei meist in dem guten Glauben einlassen,
sie düpieren zu können, daß es ihnen eine Zeitlang gelingt, eine doppelte Rolle
zu spielen, bis sie den Konsequenzen ihres ersten Schritts mehr und mehr verfallen, und daß
die Polizei wirklich oft von ihnen düpiert wird, ist einleuchtend. Ob übrigens ein
solcher Konspirateur den Schlingen der Polizei verfällt, hängt von rein zufälligen
Umständen ab und von einem mehr quantitativen als qualitativen Unterschied der
Charakterfestigkeit.
Das sind die Konspirateure, die uns Chenu oft
sehr lebendig vorführt und deren Charakter er bald mit, bald wider Willen schildert. Er
selbst übrigens ist, bis in seine nicht ganz klaren Verbindungen mit der Delessertschen und
Marrastschen Polizei hinein, das schlagendste Bild eines Konspirateurs von Handwerk.
In demselben Maß, wie das Pariser Proletariat selbst als Partei in den Vordergrund trat,
verloren diese Konspirateurs an leitendem Einfluß, wurden sie zersprengt, fanden sie eine
gefährliche Konkurrenz in proletarischen geheimen Gesellschaften, die nicht die unmittelbare
Insurrektion, sondern die Organisation und Entwicklung des Proletariats zum Zweck hatten. Schon
die Insurrektion von 1839 hatte einen entschieden proletarischen und kommunistischen Charakter.
Nach ihr aber traten die Spaltungen ein, über die die alten Konspirateure so viel klagen;
Spaltungen, die aus dem Bedürfnis der Arbeiter hervorgingen, sich über ihre
Klasseninteressen zu verständigen, und die sich teils in den alten Verschwörungen
selbst, teils in neuen propagandistischen Verbindungen äußerten. Die kommunistische
Agitation, die Cabet bald nach 1839 mit Macht begann, die Streitfragen, die sich innerhalb der
kommunistischen Partei erhoben, wuchsen den Konspirateuren bald über den Kopf. Chenu wie de
la Hodde geben zu, daß die Kommunisten zur Zeit der Februarrevolution bei weitem die
stärkste Fraktion des revolutionären Proletariats gewesen seien. Die Konspirateure, um
ihren Einfluß auf die Arbeiter und damit ihr Gegengewicht gegen die habits noirs nicht zu
verlieren, mußten dieser Bewegung folgen und sozialistische oder kommunistische Ideen
adoptieren. So entstand schon vor der Februarrevolution der Gegensatz der
Arbeiterverschwörungen, die durch Albert repräsentiert wurden, gegen die Leute von der
"Réforme", derselbe Gegensatz, der sich bald nachher in der provisorischen Regierung
reproduzierte. Es fällt uns übrigens nicht ein, Albert mit diesen Konspirateurs zu
verwechseln. Aus beiden Schriften geht hervor, daß Albert sich eine persönliche
unabhängige Stellung über diesen seinen Werkzeugen zu behaupten wußte und
keineswegs in die Klasse von Leuten gehört, die das Konspirieren als Nahrungszweig
betrieben.
Die Bombengeschichte von 1847, eine Angelegenheit, in der die Polizei mehr als in allen
früheren direkt einwirkte, sprengte endlich die hartnäckigsten und widersinnigsten
alten Konspirateurs und warf ihre bisherigen Sektionen in die direkte proletarische Bewegung
hinein.
Diese Konspirateurs von Profession, die heftigsten Leute ihrer Sektionen und die
détenus politiques <politischen Gefangenen> proletarischen Ursprungs, meist selbst
alte Kon- spirateurs, finden wir nach der
Februarrevolution als Montagnards in der Polizeipräfektur wieder. Die Konspirateurs bilden
aber den Kern der ganzen Gesellschaft. Man begreift, daß diese Leute, hier auf einmal
bewaffnet zusammengedrängt, mit ihren Präfekten und ihren Offizieren meist ganz
vertraut, ein ziemlich turbulentes Korps bilden mußten. Wie die Montagne der
Nationalversammlung die Parodie der alten Montagne war und durch ihre Impotenz aufs schlagendste
bewies, daß die alten revolutionären Traditionen von 1793 heute nicht mehr ausreichen,
so bewiesen die Montagnards der Polizeipräfektur, die Reproduktion der alten Sansculotten,
daß in der modernen Revolution auch dieser Teil des Proletariats nicht mehr hinreicht und
daß allein das gesamte Proletariat sie durchführen kann.
Chenu schildert den sansculottischen Lebenswandel dieser ehrenwerten Gesellschaft in der
Präfektur höchst lebendig. Diese humoristischen Szenen, wobei Herr Chenu offenbar
selbsttätig mitgewirkt hat, sind zuweilen etwas toll, aber bei dem Charakter der alten
konspirierenden Bambocheurs höchst erklärlich und bilden ein notwendiges und selbst
gesundes Gegenstück gegen die Orgien der Bourgeoisie in den letzten Jahren
Louis-Philippes.
Wir zitieren bloß ein Beispiel aus der Erzählung ihrer Installation in der
Präfektur.
"Als der Tag anbrach, sah ich nach und nach die Gruppenchefs mit ihren
Mannschaften ankommen, aber meist unbewaffnet. Ich machte Caussidière hierauf aufmerksam.
Ich werde ihnen Waffen besorgen, sagte er. Suche einen passenden Ort aus, um sie in der
Präfektur zu kasernieren. Ich führte sofort diesen Auftrag aus und schickte sie, den
Posten der alten Stadtsergeanten zu besetzen, wo ich einst so unwürdig behandelt worden war.
Einen Augenblick nachher sah ich sie im Lauf zurückkommen. Wohin geht ihr? frug ich sie, -
Der Posten ist besetzt durch einen Schwarm von Stadtsergeanten, antwortete mir Devaisse; sie
schlafen ruhig, und wir suchen Instrumente, um sie zu wecken und herauszuwerfen. - Sie
bewaffneten sich nun mit allem, was ihnen in die Hand fiel, Ladstöcken, Säbelscheiden,
Riemen, die sie doppelt legten, und Besenstielen. Dann fielen meine Jungen, die sich alle mehr
oder minder zu beklagen gehabt hatten über die Insolenz und Brutalität der
Schläfer, mit gehobenem Arm über sie her und brachten ihnen während mehr als einer
halben Stunde eine so rauhe Lektion bei, daß einige davon längere Zeit krank waren.
Auf ihren Angstschrei stürzte ich hinzu, und es gelang mir nur mit Mühe, die Türe
zu öffnen, die die Montagnards wohlweislich von innen verschlossen hielten. Es war der
Mühe wert, jetzt die Stadtsergeanten halbnackt in den Hof stürzen zu sehen; sie
sprangen mit einem Satz die Treppe hinunter, und wohl bekam es ihnen, alle Schliche der
Präfektur zu kennen, um aus den Augen ihrer sie hetzenden Feinde zu verschwinden. Einmal
Meister des Platzes, dessen Garnison sie mit soviel Höflichkeit abgelöst hatten,
schmückten sich unsre Montagnards siegesstolz mit der Hinterlassenschaft der Besiegten, und
während langer Zeit sah man sie auf und ab wandeln im Hof der Präfektur, den Degen an der
Seite, den Mantel um die Schulter und ihr Haupt geziert mit dem dreieckigen Hut, einst so
gefürchtet von der Mehrzahl unter ihnen." p 83-85.
Wir haben die Montagnards kennengelernt, wir kommen zu ihrem Chef, dem Helden der Epopöe
Chenu, zu Caussidière. Chenu führt ihn uns um so häufiger vor, als er es
ist, gegen den das ganze Buch sich eigentlich richtet.
Die Hauptvorwürfe, die Caussidière gemacht wurden, beziehen sich auf seinen
moralischen Lebenswandel, Wechselreitereien und sonstige kleine Versuche, Geld aufzutreiben, wie
sie jedem verschuldeten und lebenslustigen commis voyageur <Handlungsreisender> in Paris
vorkommen können und vorkommen. Es hängt überhaupt nur von der Größe
des Kapitals ab, ob die Prellereien, Profitmachereien, Schwindeleien und Börsenspiele, auf
denen der ganze Handel beruht, mehr oder weniger an den Code pénal <an das
Strafgesetzbuch> streifen. Über die Börsencoups und den chinesischen Betrug, die
speziell den französischen Handel charakterisieren, vergleiche man z.B. Fouriers pikante
Schilderungen in den "Quatre mouvements", der "Fausse Industrie", dem "Traité de
l'unité universelle" und seinem Nachlaß. Herr Chenu versucht nicht einmal zu
beweisen, daß Caussidière seine Stellung als Polizeipräfekt zu seinen
Privatzwecken exploitiert habe. Überhaupt kann eine Partei sich Glück wünschen,
wenn ihre siegreichen Gegner auf die Enthüllung solcher handelsmoralischen
Erbärmlichkeiten sich beschränken müssen. Die kleinen Experimente des commis
voyageur Caussidière und die großartigen Skandale der Bourgeoisie von 1847, welcher
Kontrast! Der ganze Angriff hat nur einen Sinn, insofern Caussidière der Partei der
"Réforme" angehörte, die ihren Mangel an revolutionärer Energie und Verstand
durch republikanische Tugendbeteuerungen und einen finstern Ernst der Gesinnung zu verdecken
suchte.
Caussidière ist unter den Chefs der Februarrevolution die einzige erheiternde Figur. In
seiner Eigenschaft als loustic <Spaßmacher> der Revolution war er der ganz passende
Chef der alten Konspirateurs von Handwerk. Sinnlich und humoristisch, alter Stammgast in
Cafés und Kneipen der verschiedensten Art, der selbst lebte und leben ließ, dabei
militärisch mutig, unter einer breitschultrigen Bonhomie und Ungeniertheit eine große
Geriebenheit, schlaue Reflexion und feine Beobachtung verbergend, besaß er einen gewissen
revolutionären Takt und revolutionäre Energie. Caussidière war damals ein echter
Plebejer, der die Bourgeoisie instinktmäßig haßte und alle plebejischen
Leidenschaften im höchsten Grade teilte. Kaum auf der Präfektur installiert,
konspiriert er schon gegen den "National", ohne darüber die Küche und den Keller seines Vorgängers zu vernachlässigen. Er
organisiert sich sofort eine militärische Macht, sichert sich ein Journal, lanciert Klubs,
verteilt die Rollen und agiert überhaupt im ersten Moment mit großer Sicherheit. In
vierundzwanzig Stunden ist die Präfektur in eine Festung verwandelt, in der er seinen
Feinden trotzen kann. Aber alle seine Pläne bleiben entweder bloße Projekte oder
laufen in der Praxis auf pure plebejische Späße ohne Resultat hinaus. Als die
Gegensätze sich schroffer gestalten, teilt er das Los seiner Partei, die zwischen den Leuten
vom "National" und den proletarischen Revolutionären wie Blanqui unentschieden in der Mitte
stehnbleibt. Seine Montagnards spalten sich; die alten Bambocheurs wachsen ihm über den Kopf
und sind nicht mehr zu zügeln, während der revolutionäre Teil zu Blanqui
übergeht. Caussidière selbst verbürgert in seiner offiziellen Stellung als
Präfekt und Repräsentant immer mehr; am 15. Mai hält er sich vorsichtig
zurück und rechtfertigt sich in der Kammer auf eine unverantwortliche Weise; am 23. Juni
läßt er die Insurrektion direkt im Stich. Zum Lohn wird er natürlich von der
Präfektur entfernt und bald darauf ins Exil geschickt.
Wir lassen einige der bezeichnendaten Stellen aus Chenu und de la Hodde über
Caussidière folgen.
Kaum ist de la Hodde am Abend des 24. Februar als Generalsekretär der Präfektur von
Caussidière installiert, so sagt ihm dieser:
"'Ich brauche hier solide Leute. Die administrative Boutique wird immer so
ziemlich ihren Gang gehn; ich habe provisorisch die alten Beamten beibehalten; sobald sie die
Patrioten gebildet haben, werden wir sie balancieren. Das ist Nebensache. Es handelt sich
darum, aus der Präfektur die Zitadelle der Revolution zu machen; instruiert unsre Leute
danach; sie sollen alle herkommen. Haben wir erst eintausend Stück handfester Kameraden
hier, so halten wir die Katze am Schwanz. Ledru-Rollin, Flocon, Albert und ich verstehn uns, und
ich hoffe, daß die Sache sich machen wird. Der 'National' muß purzeln. Das geschehn,
werden wir das Land schon republikanisieren, es mag wollen oder nicht.'
Gleich darauf kam Garnier-Pagès, Maire von Paris, unter dessen Befehl
der "National" die Polizei gestellt hatte, einen Besuch abstatten und schlug Caussidière
vor, anstatt des unangenehmen Postens auf der Präfektur lieber die Kommandantur des
Schlosses von Compiègne anzunehmen. Caussidière antwortete ihm mit der kleinen
Flötenstimme, die ihm zu Gebot stand und die so merkwürdig mit seinen breiten Schultern
kontrastierte: 'Ich nach Compiègne? Unmöglich. Es ist notwendig, daß ich hier
bleibe. Ich habe da unten mehrere Hundert gemütliche Jungen, die wacker arbeiten; ich
erwarte ihrer noch zweimal soviel. Wenn der gute Wille oder der Mut euch auf dem Hôtel de
Ville fehlt, so werde ich euch helfen können. Ha, ha, la révolution fera son petit
bonhomme de chemin, il le faudra bien! < die Revolution wird ihr Stückchen Weg schon
schaffen, sie muß es einfach!>' - 'Die Revolution? aber sie ist fer tig!' - 'Bah, sie hat noch gar nicht angefangen!' - Der arme
Maire stand da wie ein Tölpel." De la Hodde, p. 72.
Zu den heitersten Szenen, die Chenu schildert, gehört der Empfang der
Polizeikommissäre und ofiiciers de paix durch den neuen Präfekten, der bei ihrer
Anmeldung gerade bei Tische war.
"Sie sollen warten, sagte Caussidière, der Präfekt arbeitet.
Er arbeitete noch eine gute halbe Stunde und arrangierte dann die Szenerie für den Empfang
der Herrn Kommissäre, die unterdessen die große Treppe entlang standen.
Caussidière setzte sich majestätisch nieder in seinen Sessel, seinen großen
Säbel an der Seite. Zwei wüste Montagnards mit kannibalischer Miene bewachten die
Tür, die Muskete beim Fuß, die Pfeife im Mund. Zwei Hauptleute mit gezogenem
Säbel standen an jeder Seite seines Pults. Außerdem waren in dem Salon gruppiert alle
Sektionschefs und die Republikaner, die seinen Generalstab bildeten; alles bewaffnet mit
großen Säbeln und Kavalleriepistolen, mit Büchsen und Jagdflinten. Alle Welt
rauchte, und die Rauchwolke, die den Salon erfüllte, verfinsterte noch die Gesichter und gab
dieser Szene eine wirklich erschreckende Physiognomie. In der Mitte war ein Platz für die
Kommissäre freigeblieben. Jeder bedeckte sich, und Caussidière gab Befehl, sie
einzuführen. Diese armen Kommissäre verlangten nichts sehnlicher, denn sie waren den
Grobheiten und Drohungen der Montagnards ausgesetzt, die sie in allen möglichen Saucen
frikassieren wollten. Schurkenbande, brüllten sie, jetzt halten wir euch auch einmal! Ihr
kommt nicht mehr fort, ihr müßt eure Haut hier lassen! - Bei ihrem Eintritt in das
Kabinett des Präfekten glaubten sie, von der Scylla in die Charybdis zu geraten. Der erste,
der seinen Fuß auf die Schwelle setzte, schien einen Augenblick zu schwanken. Er
wußte nicht recht, sollte er vorwärtsgehn oder zurück, so finster richteten sich
alle Blicke auf ihn. Endlich wagte er sich, tat einen Schritt vor und grüßte, noch
einen Schritt und grüßte tiefer, einen andern Schritt und grüßte noch
tiefer. Jeder machte sein Entree mit tiefen Verbeugungen gegen den schrecklichen Präfekten,
der alle diese Huldigungen kalt und schweigend empfing, die Hand gestützt auf den Griff
seines Säbels. Die Kommissäre betrachteten diese sonderbare Schaustellung mit glotzigen
Augen. Einige, welche der Schrecken verwirrte und welche uns zweifelsohne den Hof machen wollten,
fanden das Tableau imposant, majestätisch. - Stille! gebot ein Montagnard mit Grabesstimme.
- Als sie alle eingetreten waren, brach Caussidière, der bis dahin stumm und unbeweglich
geblieben war, das Schweigen und sagte mit seiner furchtbarsten Stimme:
'Vor acht Tagen habt ihr nichts weniger erwartet, als mich hier an diesem Platz
zu finden, umgeben von treuen Freunden. Sie sind also heute eure Gebieter, diese
Pappendeckelrepublikaner, wie ihr sie einst nanntet. Ihr zittert vor denen, die ihr mit der
unedelsten Behandlung überhäuft habt. Sie, Vassal, waren der niederträchtigste
seïde <Fanatiker> der gestürzten Regierung, der heftigste Verfolger der
Republikaner, und jetzt sind Sie gefallen in die Hände Ihrer unerbittlichsten Feinde, denn
keiner ist hier gegenwärtig, der Ihren Verfolgungen entgangen wäre. Wenn ich auf die
gerechten Reklamationen hören wollte,
die man an mich richtet, würde ich Repressalien gebrauchen; ich ziehe es vor zu vergessen.
Kehrt alle zu euren Funktionen zurück; aber wenn ich jemals erfahre, daß ihr die Hand
bietet zu irgendeiner reaktionären Mogelei, werde ich euch wie Ungeziefer zertreten.
Geht!'
Die Kommissäre hatten die ganze Stufenleiter des Schreckens durchlaufen, und zufrieden,
mit einer Strafpredigt des Präfekten davonzukommen, schoben sie ganz fidel ab. Die
Montagnards, die sie unten an der Treppe erwarteten, geleiteten sie mit einem lärmenden
Charivari bis an das Ende der Rue de Jerusalem. Kaum war der letzte verschwunden, als wir eine
ungeheure Lache aufschlugen. Caussidière strahlte und lachte mehr als alle andern
über den herrlichen Streich, den er seinen Kommissären gespielt hatte." Chenu, p.
87-90.
Nach dem 17. März, an dem Caussidière vielen Anteil hatte, sagte er zu Chenu:
"Ich kann nach meinem Belieben die Massen erheben und sie auf die Bourgeoisie
stürzen." Chenu, p. 140.
Caussidière brachte es überhaupt nie weiter mit seinen Gegnern, als Bangemachen
mit ihnen zu spielen.
Endlich über das Verhältnis Caussidières zu den Montagnards sagt Chenu:
"Wenn ich zu Caussidière von den Exzessen sprach, denen sich seine Leute
überließen, seufzte er, aber die Hände waren ihm gebunden. Die größte
Zahl hatte sein Leben mitgelebt, er hatte ihr Elend geteilt und ihre Freuden, mehrere hatten ihm
Dienste erwiesen. Wenn er sie nicht niederhalten konnte, war dies die Folge seiner eignen
Vergangenheit." p. 97.
Wir erinnern unsre Leser, daß diese beiden Bücher geschrieben wurden zur Zeit der
Agitation für die Wahlen vom 10. März. Was ihre Wirkung war, geht hervor aus dem
Wahlresultat - dem glänzenden Sieg der Roten.
III
"Le socialisme et l'impôt", par Émile de Girardin,
Paris 1850
<"Der Sozialismus und die Steuer", Von Émile de Girardin >
Es gibt zweierlei Arten von Sozialismus, den "guten" Sozialismus und den "schlechten"
Sozialismus.
Der schlechte Sozialismus, das ist "der Krieg der Arbeit gegen das Kapital". Auf
seine Rechnung fallen alle die Schreckensbilder: gleiche Verteilung der Ländereien,
Aufhebung der Familienbande, organisierte Plünderung usw.
Der gute Sozialismus, das ist "die
Eintracht von Arbeit und Kapital". In seinem Gefolge befinden sich die Abschaffung der
Unwissenheit, die Entfernung der Ursachen des Pauperismus, die Konstitution des Kredits, die
Vervielfältigung des Eigentums, die Reform der Steuer, mit einem Wort, "das Regime, das sich
am meisten der Vorstellung nähert, die sich der Mensch vom Reich Gottes auf Erden
macht".
Man muß sich des guten Sozialismus bedienen, um den schlechten zu ersticken.
"Der Sozialismus hat einen Hebel; dieser Hebel war das Budget. Aber es
fehlte ihm ein Stützpunkt, um die Welt aus den Angeln zu heben. Dieser Stützpunkt, die
Revolution vom 24. Februar hat ihn gegeben: das allgemeine Stimmrecht."
Die Quelle des Budgets ist die Steuer. Die Wirkung des allgemeinen Stimmrechts auf das
Budget soll also seine Wirkung auf die Steuer sein. Und durch diese Wirkung auf die Steuer
realisiert sich der "gute" Sozialismus.
"Frankreich kann nicht über 1.200 Millionen Franken jährlicher Steuer
zahlen. Wie wollt ihr es anfangen, um die Ausgaben auf diese Summe zu reduzieren?"
"Seit fünfunddreißig Jahren habt ihr dreimal in zwei Charten und
eine Konstitution geschrieben, daß alle Franzosen im Verhältnis ihres Vermögens
zu den Staatslasten beitragen sollen. Seit fünfunddreißig Jahren ist diese Gleichheit
der Steuer eine Lüge ... Betrachten wir uns das französische Steuersystem."
I. Grundsteuer. Die Grundsteuer trifft die Grundeigentümer nicht
gleichmäßig:
"Wenn zwei benachbarte Grundstücke dieselbe Katasterschätzung
erhalten haben, so zahlen die zwei Grundeigentümer dieselbe Steuer, ohne Unterschied
zwischen dem scheinbaren und dem reellen Eigentümer",
d h. dem hypothekenbeladenen und dem hypothekenfreien Eigentümer.
Ferner: Die Grundsteuer steht nicht im Verhältnis zu den Steuern, die auf die
übrigen Arten des Eigentums fallen. Als die Nationalversammlung 1790 sie einführte,
stand sie unter dem Einfluß der physiokratischen Schule, welche die Erde als die einzige
Quelle des Nettoeinkommens betrachtete und daher alle Steuerlast auf die Grundeigentümer
wälzte. Die Grundsteuer beruht also auf einem ökonomischen Irrtum. Bei einer gleichen
Verteilung der Steuern würden auf den Grundbesitzer 20% seines Einkommens fallen,
während er jetzt 53% zahlt.
Endlich sollte die Grundsteuer, ihrer ursprünglichen Bestimmung nach, nur den
Eigentümer, nie den Pächter oder den Mieter treffen. Statt dessen trifft sie nach Herrn
Girardin stets den Pächter und Mieter.
Hier begeht Herr Girardin einen ökonomischen Irrtum. Entweder ist der Pächter
wirklicher Pächter, und dann trifft die Grundsteuer den Eigentümer oder den Konsumenten, aber nie ihn; oder er ist unter dem Schein
des Pachtverhältnisses im Grunde nur der Arbeiter des Eigentümers, wie in Irland und
häufig in Frankreich, und dann werden die auf den Eigentümer gelegten Steuern immer ihn
treffen, sie mögen heißen wie sie wollen.
II. Personal- und Mobiliarsteuer. Der Zweck dieser Steuer, die auch 1790 von der
Nationalversammlung dekretiert wurde, war, das mobile Kapital direkt zu treffen. Als
Maßstab für die Höhe des Kapitals nahm man die Wohnungsmiete. Die Steuer trifft
in Wirklichkeit den Grundeigentümer, den Bauern und den Industriellen, während sie den
Rentier nur unbedeutend oder gar nicht beschwert, Sie ist also die völlige Verkehrung der
Absichten ihrer Urheber. Ein Millionär kann außerdem in einem Dachkämmerchen mit
zwei gebrechlichen Stühlen wohnen - unbillig etc.
III. Tür- und Fenstersteuer. Attentat auf die Gesundheit des Volks.
Fiskalmaßregel gegen die Reinheit der Luft und das Tageslicht.
"Beinahe die Hälfte der Wohnungen in Frankreich hat entweder nur eine
Tür und kein Fenster oder höchstens eine Tür und ein Fenster."
Diese Steuer wurde den 24. Vendémiaire des Jahres VII (14. Oktober 1799) angenommen aus
dringendem Geldbedürfnis, als nur vorübergehende, außerordentliche
Maßregel, im Prinzip aber verworfen.
IV. Patentsteuer (Gewerbsteuer). Steuer nicht auf den Gewinn, sondern auf die
Ausübung der Industrie. Strafe für die Arbeit. Wo sie den Industriellen treffen soll,
trifft sie größtenteils den Konsumenten. Überhaupt handelte es sich bei Auflegung
dieser Steuer im Jahr 1791 auch nur um die Befriedigung eines augenblicklichen
Geldbedürfnisses.
V. Enregistrement und Stempel. Das droit d'enregistrement stammt von Franz I. her und
hatte zunächst keinen fiskalischen Zweck (?). 1790 wurde der Einschreibungszwang für
Kontrakte, die das Eigentum betrafen, ausgedehnt und die Gebühr erhöht. Die Steuer ist
so eingerichtet, daß Kauf und Verkauf mehr zahlen als Schenkungen und Erbschaften. Der
Stempel ist eine rein fiskalische Erfindung, welche gleichmäßig ungleiche Profite
trifft.
VI. Getränkesteuer. Inbegriff aller Unbilligkeit, Hemmung der Produktion
vexatorisch, die teuerste in der Eintreibung. (Siehe übrigens Heft
III: 1848 bis 1849, Folgen des 13. Juni.)
VII. Zölle. Planloser, traditionell akkumulierter Wust von einander
widersprechenden, zwecklosen, der Industrie schädlichen Zollsätzen. Z.B. die rohe
Baumwolle zahlt in Frankreich per 100 Kilogr. eine Steuer von 22 frs. 50 cts. Passons outre.
<Gehen wir weiter>
VIII. Oktroi. Hat nicht einmal den
Vorwand, einen nationalen Industriezweig zu schützen. Douane im Innern des Landes.
Ursprünglich lokale Armensteuer, jetzt hauptsächlich auf die ärmeren Klassen
drückend und ihre Lebensmittel verfälschend. Setzt der nationalen Industrie ebensoviel
Barrieren entgegen als es Städte gibt.
Soweit Girardin über die einzelnen Steuern. Der Leser wird bemerkt haben, daß seine
Kritik ebenso flach als richtig ist. Sie reduziert sich auf drei Argumente:
1. daß jede Steuer nie die Klasse trifft, die sie in der Absicht der Steueraufleger
treffen soll, sondern einer andern Klasse aufgewälzt wird;
2. daß jede temporäre Steuer sich festsetzt und verewigt;
3. daß keine Steuer dem Vermögen proportionell, gerecht, gleichmäßig,
billig ist.
Diese allgemein-ökonomischen Einwürfe gegen die bestehenden Steuern wiederholen sich
in allen Ländern. Das französische Steuersystem hat aber eine charakteristische
Eigentümlichkeit. Wie die Engländer für das öffentliche und Privatrecht, so
sind die Franzosen, die sonst überall von allgemeinen Gesichtspunkten aus kodifiziert,
vereinfacht und mit der Tradition gebrochen haben, für das Steuersystem das eigentlich
historische Volk. Girardin sagt über diesen Punkt:
"In Frankreich leben wir unter der Herrschaft fast aller fiskalischen
Prozeduren des alten Regimes. Taille, Kopfsteuer, Aide, Douanen, Salzsteuer, Steuer auf die
Kontrolle, Insinuationen, Greffe, Tabaksmonopol, übertriebne Profite auf den Postdienst und
Pulververkauf, Lotterie, Gemeinde- oder Staatsfronden, Einquartierung, Oktrois, Fluß- und
Straßenzölle, außerordentliche Auflagen - alles das hat seinen Namen
verändern können, aber alles das besteht der Sache nach fort und ist weder minder
drückend für das Volk noch mehr produktiv für den Staatsschatz geworden. Unser
Finanzsystem beruht auf durchaus keiner wissenschaftlichen Basis. Es reflektiert einzig und
allein die Überlieferungen des Mittelalters, welche selbst wieder die Hinterlassenschaft der
unwissenden und raubgierigen römischen Fiskalität sind."
Dennoch haben unsre Väter schon in der Nationalversammlung der ersten Revolution
gerufen:
"Wir haben die Revolution nur gemacht, um die Steuer in unsre Hand zu
bekommen."
Aber wenn dieser Zustand fortdauern konnte unter dem Kaiserreich, unter der Restauration,
unter der Julimonarchie, jetzt hat seine Stunde geschlagen:
"Die Abschaffung des Wahlprivilegiums zieht notwendig nach sich die Abschaffung
jeder fiskalischen Ungleichheit. Es ist also durchaus keine Zeit zu verlieren, um die Finanzreform in Angriff zu nehmen, wenn nicht die
Gewalt an die Stelle der Wissenschaft treten soll ... Die Steuer ist beinahe die
einzige Grundlage, auf der unsre Gesellschaft beruht ... Man sucht sehr in der Ferne und
sehr in der Höhe die sozialen und politischen Reformen; die wichtigsten sind enthalten in
der Steuer. Suchet hier, so werdet ihr finden."
Was finden wir nun?
"Wie wir die Steuer begreifen, soll die Steuer eine
Assekuranzprämie sein, bezahlt durch die, welche besitzen, um sich zu versichern
gegen alle Risikos, welche sie in ihren Besitz und ihrem Genuß stören könnten
... Diese Prämie muß proportionell sein und von einer strengen Genauigkeit. Jede
Steuer, welche nicht die Garantie für ein Risiko ist, der Preis für eine Ware oder das
Äquivalent für eine Dienstleistung, muß aufgegeben werden - wir lassen nur zwei
Ausnahmen zu: Steuer auf das Ausland (Douane) und Steuer auf den Tod (Enregistrement) ... So
tritt an die Stelle des Steuerpflichtigen der Assekurierte ... Jeder, der ein Interesse hat zu
zahlen, zahlt und zahlt nur nach dem Maß seines Interesses ... Wir gehn noch weiter und
sagen: Jede Steuer verdammt sich schon dadurch, daß sie den Namen Steuer, Auflage
trägt. Jede Steuer muß abgeschafft werden, denn das Eigentümliche der
Steuer ist, gezwungen zu sein, der Charakter der Assekuranz ist, freiwillig zu sein."
Man muß diese Assekuranzprämie nicht mit einer Steuer auf das Einkommen
verwechseln; sie ist vielmehr eine Steuer auf das Kapital, wie denn die Assekuranzprämie
nicht das Einkommen garantiert, sondern den ganzen Stock des Vermögens. Der Staat macht es
gerade wie die Assekuranzkompanien, die von der versicherten Sache wissen wollen, nicht was sie
einbringt, sondern was sie wert ist.
"Das französische Nationalvermögen wird auf ein Aktivum von 134
Milliarden geschätzt, wovon ein Passivum von 28 Milliarden abzuziehen ist. Wenn das
Ausgabebudget auf 1.200 Millionen reduziert wird, wäre also bloß 1% vom Kapital zu
erheben, um den Staat auf die Höhe einer kolossalen wechselseitigen Assekuranzkompanie zu
bringen."
Von diesem Moment an - "keine Revolution mehr"!
"An die Stelle des Worts Autorität tritt das Wort
Solidarität; das gemeinschaftliche Interesse wird zum Band der
Gesellschaftsmitglieder."
Herr Girardin begnügt sich nicht mit diesem allgemeinen Vorschlag, sondern gibt uns
zugleich das Schema einer Assekuranzpolice oder Inskription, wie sie jeder Bürger vom Staat
ausgestellt erhalten soll.
Jedes Jahr gibt der frühere Steuereinnehmer dem Versicherten eine Police, die "aus vier
Seiten von der Größe eines Passes" besteht. Auf der ersten Seite befindet sich der
Name des Versicherten mit seiner Immatrikulations nummer, nebst dem Schema für die Quittungen der
Prämienraten. Auf der zweiten Seite befindet sich die genaue Personalbeschreibung des
Versicherten und seiner Familie, nebst der richtig zertifizierten detaillierten
Selbsteinschätzung seines Gesamtvermögens; auf der dritten Seite das Staatsbudget nebst
einer Generalbilanz von Frankreich und auf der vierten allerlei mehr oder weniger nützliche
statistische Nachrichten. Diese Police dient als Paß, als Wahlkarte, als Wanderbuch
für Arbeiter usw. Die Register über diese Policen dienen dem Staat wieder zur
Anfertigung der vier großen Bücher, des großen Buchs der Bevölkerung, des
großen Buchs des Eigentums, des großen Buchs der öffentlichen Schuld und des
großen Buchs der Hypothekarschuld, welche zusammen eine vollständige Statistik
über alle Ressourcen Frankreichs enthalten.
Die Steuer ist also nur mehr die Prämie, welche der Versicherte zahlt, um zur Teilnahme
an folgenden Vorteilen zugelassen zu werden: 1. Recht auf öffentlichen Schutz, auf
unentgeltliche Rechtspflege, unentgeltliche Religionsübung, unentgeltlichen Unterricht,
Kredit auf Unterpfand, Sparkassenpension; 2. Entbindung von der Militärpflicht in
Friedenszeit; 3. Bewahrung vor dem Elend; 4. Entschädigung bei Verlusten durch Feuersbrunst,
Überschwemmungen, Hagelschlag, Viehseuchen, Schiffbruch.
Wir bemerken noch, daß Herr Girardin die Entschädigungsgelder, die der Staat bei
Verlusten der Versicherten zu zahlen hat, durch verschiedne Geldstrafen etc., durch den Ertrag
der Nationaldomänen und der beibehaltenen Enregistrements- und Douanengebühren sowie
der Staatsmonopole decken will.
Die Steuerreform ist das Steckenpferd aller radikalen Bourgeois, das spezifische Element aller
bürgerlich-ökonomischen Reformen. Von den ältesten mittelalterlichen
Spießbürgern bis zu den modernen englischen Freetradern dreht sich der Hauptkampf um
die Steuern.
Die Steuerreform bezweckt entweder Abschaffung traditionell überkommener Steuern, die der
Entwickelung der Industrie im Wege stehn, wohlfeileren Staatshaushalt oder
gleichmäßigere Verteilung. Der Bourgeois jagt dem chimärischen Ideal der gleichen
Steuerverteilung um so eifriger nach, je mehr es in der Praxis seinen Händen
entschwindet.
Die Distributionsverhältnisse; die unmittelbar auf der bürgerlichen Produktion
beruhen, die Verhältnisse zwischen Arbeitslohn und Profit, Profit und Zins, Grundrente und
Profit, können durch die Steuer höchstens in Nebenpunkten modifiziert, nie aber in
ihrer Grundlage bedroht werden. Alle Untersuchungen und Debatten über die Steuer setzen den
ewigen Bestand dieser bürgerlichen Verhältnisse voraus. Selbst die Aufhebung der
Steuern <286> könnte
die Entwicklung des bürgerlichen Eigentums und seiner Widersprüche nur
beschleunigen.
Die Steuer kann einzelne Klassen bevorzugen und andre besonders drücken, wie wir dies
z.B. unter der Herrschaft der Finanzaristokratie sehn. Sie ruiniert nur die Mittelschichten der
Gesellschaft zwischen Bourgeoisie und Proletariat, deren Stellung nicht erlaubt, die Last der
Steuer einer andern Klasse zuzuwälzen.
Das Proletariat wird durch jede neue Steuer eine Stufe tiefer herabgedrückt; die
Abschaffung einer alten Steuer erhöht nicht den Arbeitslohn, sondern den Profit. In der
Revolution kann die zu kolossalen Proportionen geschwellte Steuer als eine Form des Angriffs
gegen das Privateigentum dienen; aber selbst dann muß sie zu neuen, revolutionären
Maßregeln weitertreiben oder schließlich auf die alten bürgerlichen
Verhältnisse zurückführen.
Die Verminderung, die billigere Verteilung etc. etc. der Steuer, das ist die banale
bürgerliche Reform. Die Abschaffung der Steuer, das ist der
bürgerliche Sozialismus. Dieser bürgerliche Sozialismus wendet sich namentlich
an die industriellen und kommerziellen Mittelstände und an die Bauern. Die große
Bourgeoisie, die schon jetzt in ihrer besten Welt lebt, verschmäht natürlich die Utopie
einer besten Welt.
Herr Girardin schafft die Steuer ab, indem er sie in eine Assekuranzprämie verwandelt.
Die Mitglieder der Gesellschaft versichern sich wechselseitig, gegen Zahlung gewisser Prozente,
ihr Vermögen gegen Feuerschaden und Wassernot, gegen Hagelschlag und Bankerutt, gegen alle
nur möglichen Risikos, die heutzutage die Ruhe des bürgerlichen Genießens
stören. Der jährliche Beitrag wird nicht nur durch sämtliche Versicherte
festgesetzt, er wird von jedem einzelnen selbst bestimmt. Er selbst schätzt sein
Vermögen. Die Handels- und Ackerbaukrisen, die massenhaften Verluste und Falliten, die
sämtlichen Schwankungen und Wechselfälle der bürgerlichen Existenz, epidemisch
seit der Einführung der modernen Industrie, die ganze poetische Seite der bürgerlichen
Gesellschaft verschwindet. Die allgemeine Sicherheit und Versicherung realisiert sich. Der
Bürger hat es schriftlich vom Staat, daß er unter keinen Umständen ruiniert
werden kann. Alle Schattenseiten der bestehenden Welt sind entfernt, alle ihre Lichtseiten
bestehn in höherem Glanze fort, kurz, das Regime ist realisiert, "das sich am meisten der
Vorstellung nähert, die sich der Bürger vom Reich Gottes auf Erden macht". Statt der
Autorität, die Solidarität; statt des Zwangs, die Freiheit; statt des Staats, ein
Verwaltungsausschuß - und das Ei des Kolumbus ist gefunden, der mathematisch genaue Beitrag
jedes "Versicherten" nach seinem Vermögen. Jeder "Versicherte" trägt einen
vollständigen konstitutionellen Staat, ein ausgebil detes Zweikammersystem in seiner Brust. Die Besorgnis, dem Staat
zuviel zu zahlen, die bürgerliche Opposition der Deputiertenkammer, treibt ihn, sein
Vermögen zu niedrig anzugeben. Das Interesse an der Erhaltung seines Besitzes, das
konservative Element der Pairskammer, macht ihn geneigt, es zu überschätzen. Aus dem
konstitutionellen Spiel dieser entgegengesetzten Richtungen geht notwendig das wahre
Gleichgewicht der Gewalten hervor, die genau-richtige Angabe des Vermögens, die exakte
Verhältnismäßigkeit des Beitrags.
Jener Römer wünschte, sein Haus möchte von Glas sein, damit jede seiner
Handlungen vor aller Augen offen daliege. Der Bürger wünscht nicht, daß sein
Haus, sondern das seines Nachbarn von Glas sei. Auch dieser Wunsch wird erfüllt. Zum
Beispiel: Ein Bürger will Vorschüsse von mir haben oder sich mit mir assoziieren. Ich
fordere seine Police, und in ihr habe ich seine vollständige detaillierte Beichte über
alle seine bürgerlichen Verhältnisse, garantiert durch sein wohlverstandnes Interesse
und kontrasigniert vom Verwaltungsrat der Assekuranz. Ein Bettler klopft an meine Tür und
verlangt ein Almosen. Heraus mit der Police. Der Bürger muß wissen, daß er sein
Almosen an den rechten Mann bringt. Man nimmt einen Domestiken, man führt ihn bei sich ein,
man überliefert sich ihm auf den Zufall hin: Heraus mit der Police!
"Wieviel Ehen werden geschlossen, ohne daß man von der einen und der
andern Seite genau weiß, woran sich halten über die Realität des Zugebrachten
oder die wechselseitig übertriebnen Erwartungen":
Heraus mit der Police!
Der Austausch der schönen Seelen wird sich in Zukunft beschränken auf den Austausch
der beiderseitigen Policen. So verschwindet die Prellerei, die heutzutage den Genuß und die
Pein des Lebens bildet, und das Reich der Wahrheit im eigentlichen Sinne des Worts verwirklicht
sich. Noch mehr:
"In dem gegenwärtigen System kosten die Gerichte dem Staat an 7 1/2
Millionen, in unserm System bringen die Vergehen ihm ein, statt ihm zu kosten, denn sie
verwandeln sich alle in Geldbußen und in Schadenersatz - welche Idee!"
In dieser besten Welt ist alles profitlich: Die Verbrechen vergehen, und die Vergehen bringen
Geld ein. Endlich, da in diesem System das Eigentum gegen alle Risikos geschützt und der
Staat nur noch eine allgemeine Assekuranz aller Interessen ist, so sind die Arbeiter stets
beschäftigt: "Keine Revolutionen mehr!"
Wenn das nicht gut für den Bürger ist,
Dann weiß ich nicht, was besser ist!
Der bürgerliche Staat ist weiter nichts als eine wechselseitige Assekuranz der
Bourgeoisklasse gegen ihre einzelnen Mitglieder wie gegen die exploitierte Klasse, eine
Assekuranz, die immer kostspieliger und scheinbar immer selbständiger gegenüber der
bürgerlichen Gesellschaft werden muß, weil die Niederhaltung der exploitierten Klasse
immer schwieriger wird. Die Veränderung des Namens ändert nicht das mindeste an den
Bedingungen dieser Assekuranz. Die scheinbare Selbständigkeit, die Herr Girardin den
einzelnen gegenüber der Assekuranz einen Augenblick zuschreibt, muß er selbst sogleich
wieder aufgeben. Wer sein Vermögen zu niedrig taxiert, verfällt in Strafe: Die
Assekuranzkasse kauft ihm sein Eigentum zum angegebenen Wert ab und provoziert sogar durch
Belohnungen die Denunziation. Noch mehr:
Wer sein Vermögen lieber gar nicht versichert, wird außerhalb der Gesellschaft
stehend, wird direkt vogelfrei erklärt. Die Gesellschaft kann natürlich nicht dulden,
daß sich in ihr eine Klasse bildet, die sich gegen ihre Existenzbedingungen auflehnt. Der
Zwang, die Autorität, die bürokratische Einmischung, die Girardin gerade entfernen
will, kehren wieder in die Gesellschaft ein. Wenn er einen Augenblick von den Bedingungen der
bürgerlichen Gesellschaft abstrahiert hat, so geschah es nur, um auf einem Umweg zu ihnen
zurückzukommen.
Hinter der Abschaffung der Steuer verbirgt sich die Abschaffung des Staats. Die Abschaffung
des Staats hat nur einen Sinn bei den Kommunisten als notwendiges Resultat der Abschaffung der
Klassen, mit denen von selbst das Bedürfnis der organisierten Macht einer Klasse zur
Niederhaltung der andern wegfällt. In bürgerlichen Ländern bedeutet die
Abschaffung des Staats die Zurückführung der Staatsgewalt auf den Maßstab von
Nordamerika. Hier sind die Klassengegensätze nur unvollständig entwickelt; die
Klassenkollisionen werden jedesmal vertuscht durch den Abzug der proletarischen
Überbevölkerung nach dem Westen; das Einschreiten der Staatsmacht, im Osten auf ein
Minimum reduziert, existiert im Westen gar nicht. In feudalen Ländern bedeutet die
Abschaffung des Staats die Abschaffung des Feudalismus und die Herstellung des gewöhnlichen
bürgerlichen Staats. In Deutschland verbirgt sich hinter ihr entweder die feige Flucht aus
den unmittelbar vorlegenden Kämpfen, die überschwengliche Verschwindelung der
bürgerlichen Freiheit zur absoluten Unabhängigkeit und Selbständigkeit des
einzelnen oder endlich die Gleichgültigkeit des Bürgers gegen jede Staatsform,
vorausgesetzt, daß die bürgerlichen Interessen in ihrer Entwicklung nicht gehemmt
werden. Daß diese Abschaffung des Staats "im höheren Sinn" in so alberner Weise gepredigt wird, dafür können
natürlich die Berliner Stirner und Faucher nicht. La plus belle fille de la France ne peut
donner que ce qu'elle a. <Das schönste Mädchen Frankreichs kann nur das geben, was
es hat.>
Was von der Assekuranzkompanie des Herrn Girardin übrigbleibt, ist die Steuer auf das
Kapital im Unterschied von der Steuer auf das Einkommen und an der Stelle aller übrigen
Steuern. Das Kapital des Herrn Girardin beschränkt sich nicht auf das in der Produktion
beschäftigte Kapital, es umfaßt alles bewegliche und unbewegliche Hab und Gut. Von
dieser Steuer auf das Kapital rühmt er:
"Sie ist das Ei des Kolumbus, sie ist die Pyramide, die auf der Basis steht und
nicht auf der Spitze, der Strom, der sein eignes Bett gräbt, die Revolution ohne die
Revolutionäre, der Fortschritt ohne den Rückschritt, die Bewegung ohne Stoß, sie
ist endlich die einfache Idee und das wahre Gesetz".
Von allen marktschreierischen Reklamen, die Herr Girardin je gemacht hat - und ihre Zahl ist
bekanntlich Legion -, ist dieser Prospektus der Kapital-Steuer jedenfalls das
Meisterstück.
Übrigens hat die Steuer auf das Kapital als einzige Steuer ihre Vorzüge. Alle
Ökonomen, namentlich Ricardo, haben die Vorteile einer einzigen Steuer nachgewiesen. Die
Kapitalsteuer als einzige Steuer beseitigt mit einem Schlage das zahlreiche und kostspielige
Personal der bisherigen Steuerverwaltung, greift am wenigsten ein in den regelmäßigen
Gang der Produktion, Zirkulation und Konsumtion und trifft allein von allen Steuern das
Luxuskapital.
Aber darauf beschränkt sich bei Herrn Girardin die Kapitalsteuer nicht. Sie hat noch ganz
besondre Gnadenwirkungen.
Kapitalien von gleicher Größe werden gleiche Steuerprozente an den Staat zahlen
müssen, gleichviel ob sie 6%, 3% oder gar kein Einkommen tragen, Die Folge davon ist,
daß die untätigen Kapitalien in Tätigkeit gesetzt werden, also die Masse der
produktiven Kapitalien vermehren und daß die schon tätigen sich noch mehr anstrengen,
d.h. in weniger Zeit mehr produzieren. Das Resultat von beidem ist der Fall des Profits und des
Zinsfußes. Herr Girardin dagegen behauptet, daß dann Profit und Zins steigen werden -
ein wahres ökonomisches Wunder. Die Verwandlung unproduktiver Kapitalien in produktive und
die wachsende Produktivität der Kapitalien überhaupt hat den Lauf der industriellen
Entwicklung der Krisen vermehrt und gesteigert und den Profit und Zinsfuß
herabgedrückt. Die Kapitalsteuer kann nur
diesen Prozeß beschleunigen, die Krisen verschärfen und damit die Anhäufung
revolutionärer Elemente vermehren. - "Keine Revolutionen mehr!"
Eine zweite wundertätige Wirkung der Kapitalsteuer ist nach Herrn Girardin, daß sie
die Kapitalien von wenig einträglichem Grund und Boden zur einträglicheren Industrie
hinüberziehn, die Bodenpreise zum Fallen bringen, die Konzentrierung des Grundbesitzes, die
große englische Kultur und damit die ganze entwickelte englische Industrie nach Frankreich
verpflanzen würde. Abgesehn davon, daß dazu die übrigen Bedingungen der
englischen Industrie ebenfalls nach Frankreich einwandern müßten, begeht Herr Girardin
hier ganz eigentümliche Irrtümer. In Frankreich leidet der Ackerbau nicht am
Überfluß, sondern am Mangel an Kapital. Nicht durch Wegziehn des Kapitals vom
Ackerbau, sondern im Gegenteil durch Hinüberwerfen des industriellen Kapitals auf den Grund
und Boden ist die englische Konzentration und der englische Ackerbau zustande gekommen. Der
Bodenpreis in England ist bei weitem höher als in Frankreich; der Gesamtwert des englischen
Grundes und Bodens ist fast so hoch wie der ganze französische Nationalreichtum nach
Girardins Schätzung. Der Bodenpreis in Frankreich müßte mit der Konzentrierung
also nicht nur nicht fallen, er müßte im Gegenteil steigen. Die Konzentration des
Grundeigentums in England hat ferner ganze Generationen der Bevölkerung vollständig
weggeschwemmt. Dieselbe Konzentration, zu der die Kapitalsteuer durch schnelleren Ruin der Bauern
allerdings beitragen muß, würde in Frankreich diese große Masse der Bauern in
die Städte treiben und die Revolution nur um so unvermeidlicher machen. Und endlich, wenn in
Frankreich die Umkehr aus der Parzellierung zur Konzentration schon angefangen hat, so geht in
England das große Grundeigentum mit Riesenschritten seiner abermaligen Zerschlagung
entgegen und beweist unwiderleglich, wie der Ackerbau sich fortwährend in diesem Kreislauf
von Konzentrierung und Zersplitterung des Bodens bewegen muß, solange die bürgerlichen
Verhältnisse überhaupt fortbestehn.
Genug von diesen Wundern. Kommen wir zum Kredit auf Unterpfand. Der Kredit gegen Unterpfand
wird zunächst nur dem Grundbesitz eröffnet. Der Staat gibt Hypothekarscheine aus, die
ganz den Banknoten entsprechen, nur daß nicht bares Geld oder Barren, sondern der Grund und
Boden die Garantie dafür bildet. Diese Hypothekenscheine werden den verschuldeten Bauern zu
4% vom Staat vorgeschossen, um damit ihre Hypothekengläubiger zu befriedigen; statt des
Privatgläubigers hat nun der Staat Hypothek auf das Grundstück und konsolidiert die
Schuld, so daß er sie nie zurückfordern kann. Die gesamte Hypothekarschuld in
Frankreich beläuft sich auf 14 Milliarden. Girardin rechnet zwar nur auf die Ausgabe von 5
Mil
liarden Hypothekenscheine; aber die Vermehrung des Papiergelds um eine solche Summe würde
hinreichen, nicht um das Kapital wohlfeiler zu machen, sondern um das Papiergeld vollständig
zu entwerten. Dabei wagt Girardin nicht, diesem neuen Papier Zwangskurs zu geben. Um die
Entwertung zu vermeiden, schlägt er den Inhabern dieser Scheine vor, sie gegen
3%-Staatsschuldscheine al pari <zum Nennwert> umzutauschen. Das Ende von der Transaktion
ist also dies: Der Bauer, der früher 5% Zinsen und 1% Umschreibe-, Erneuerungs- etc.
Gebühr zahlte, zahlt nur noch 4%, gewinnt also 2%; der Staat leiht zu 3% an und leiht zu 4%
aus, gewinnt also 1%; der Exhypothekargläubiger, der früher 5% erhielt, wird durch die
drohende Entwertung der Hypothekenscheine gezwungen, die ihm vom Staat gebotenen 3% dankbar
anzunehmen; er verliert also 2%. Außerdem braucht der Bauer seine Schuld nicht zu zahlen
und kann der Gläubiger seine Forderung an den Staat nie eintreiben. Das Geschäft
läuft also hinaus auf eine direkte, durch die Hypothekenscheine schlecht verhüllte
Beraubung der Hypothekargläubiger um 2% aus 5. Das einzige Mal also, wo Herr Girardin,
außer der Steuer, die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst verändern will, ist
er zu einem direkten Angriff auf das Privateigentum gezwungen, muß er revolutionär
werden und seine ganze Utopie aufgeben. Und dieser Angriff rührt nicht einmal von ihm her.
Er hat ihn von den deutschen Kommunisten entlehnt, die nach der Februarrevolution zuerst die
Verwandlung der Hypothekarschuld in eine Schuld an den Staat forderten, freilich in ganz andrer
Weise wie Herr Girardin, der sogar dagegen auftrat. Es ist bezeichnend, daß das einzige
Mal, wo Herr Girardin eine einigermaßen revolutionäre Maßregel vorschlägt,
er nicht den Mut hat, etwas andres als ein Palliativ aufzustellen, das die Entwicklung der
Parzellierung in Frankreich nur chronischer machen, um nur einige Dezennien zurückschrauben
kann, um schließlich wieder den heutigen Stand herbeizuführen.
Das einzige, was der Leser in der ganzen Darstellung Girardins vermißt haben wird, sind
die Arbeiter. Aber der bürgerliche Sozialismus unterstellt ja überall,
daß die Gesellschaft aus lauter Kapitalisten besteht, um nachher, von diesem
Standpunkt aus, die Frage zwischen Kapital und Lohnarbeit lösen zu können.