Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz
Verlag, Berlin. Band 7, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960,
Berlin/DDR. S. 244-254.
Karl Marx/Friedrich Engels
Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März
1850 als Rundschreiben verbreitet.
Nach der Veröffentlichung von Friedrich Engels
in der Neuausgabe der Schrift
"Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln"
von Karl Marx, Hottingen-Zürich 1885.
Die Zentralbehörde an den Bund
Brüder!
In den beiden Revolutionsjahren 1848/49 hat sich der
Bund in doppelter Weise bewährt; einmal dadurch, daß seine Mitglieder an allen Orten
energisch in die Bewegung eingriffen, daß sie in der Presse, auf den Barrikaden und
Schlachtfeldern voranstanden in den Reihen der allein entschieden revolutionären Klasse des
Proletariats. Der Bund hat sich ferner dadurch bewährt, daß seine Auffassung der
Bewegung, wie sie in den Rundschreiben der Kongresse und der Zentralbehörde von 1847 und im
"Kommunistischen Manifeste" niedergelegt war, als die einzig richtige sich erwiesen hat,
daß die in jenen Aktenstücken ausgesprochenen Erwartungen sich vollständig
erfüllten und die früher vom Bunde nur im geheimen propagierte Auffassung der heutigen
Gesellschaftszustände jetzt im Munde der Völker ist und auf den Märkten
öffentlich gepredigt wird. Zu gleicher Zeit wurde die frühere feste Organisation des
Bundes bedeutend gelockert. Ein großer Teil der Mitglieder, in der revolutionären
Bewegung direkt beteiligt, glaubte die Zeit der geheimen Gesellschaften vorüber und das
öffentliche Wirken allein hinreichend. Die einzelnen Kreise und Gemeinden ließen ihre
Verbindungen mit der Zentralbehörde erschlaffen und allmählich einschläfern.
Während also die demokratische Partei, die Partei der Kleinbürgerschaft, sich in
Deutschland immer mehr organisierte, verlor die Arbeiterpartei ihren einzigen festen Halt, blieb
höchstens in einzelnen Lokalitäten zu lokalen Zwecken organisiert und geriet dadurch in
der allgemeinen Bewegung vollständig unter die Herrschaft und Leitung der
kleinbürgerlichen Demokraten. Diesem Zustande muß ein Ende gemacht, die
Selbständigkeit der Arbeiter muß hergestellt werden. Die Zentralbehörde begriff
diese Notwendigkeit und schickte deshalb schon im Winter 1848/49 einen Emissär, Joseph Moll,
zur Reorganisation des Bundes nach Deutschland. Die Mission
Molls blieb indes ohne nachhaltige Wirkung, teils weil die deutschen Arbeiter damals noch nicht
Erfahrungen genug gemacht hatten, teils weil die Insurrektion vom vorigen Mai sie unterbrochen.
Moll selbst griff zur Muskete, trat in die badisch-pfälzische Armee und fiel am 29. Juni in
dem Treffen an der Murg. Der Bund verlor in ihm eines seiner ältesten, tätigsten und
zuverlässigsten Mitglieder, das bei allen Kongressen und Zentralbehörden tätig
gewesen war und schon früher eine Reihe von Missionsreisen mit großem Erfolg
ausgeführt hatte. Nach der Niederlage der revolutionären Parteien Deutschlands und
Frankreichs im Juli 1849 haben sich fast alle Mitglieder der Zentralbehörde in London wieder
zusammengefunden, sich mit neuen revolutionären Kräften ergänzt und mit erneutem
Eifer die Reorganisation des Bundes betrieben.
Die Reorganisation kann nur durch einen Emissär erfolgen, und die Zentralbehörde
hält für höchst wichtig, daß der Emissär gerade in diesem Augenblicke
abgeht, wo eine neue Revolution bevorsteht, wo die Arbeiterpartei also möglichst
organisiert, möglichst einstimmig und möglichst selbständig auftreten muß,
wenn sie nicht wieder wie 1848 von der Bourgeoisie exploitiert und ins Schlepptau genommen werden
soll.
Wir sagten Euch, Brüder, schon im Jahre 1848, daß die deutschen liberalen Bourgeois
bald zur Herrschaft kommen und ihre neuerrungene Macht sofort gegen die Arbeiter kehren
würden. Ihr habt gesehen, wie dies in Erfüllung gegangen ist. In der Tat waren es die
Bourgeois, die nach der Märzbewegung 1848 sofort Besitz von der Staatsgewalt ergriffen und
diese Macht dazu benutzten, die Arbeiter, ihre Bundesgenossen im Kampfe, sogleich in die
frühere unterdrückte Stellung zurückzudrängen. Konnte die Bourgeoisie dies
nicht durchführen, ohne sich mit der im März beseitigten feudalen Partei zu verbinden,
ohne schließlich sogar dieser feudalen absolutistischen Partei die Herrschaft wieder
abzutreten, so hat sie sich doch Bedingungen gesichert, die ihr auf die Dauer durch die
Finanzverlegenheiten der Regierung die Herrschaft in die Hände spielen und alle ihre
Interessen sicherstellen würden, wäre es möglich, daß die revolutionäre
Bewegung schon jetzt in eine sogenannte friedliche Entwicklung verliefe. Die Bourgeoisie
würde sogar, um ihre Herrschaft zu sichern, nicht einmal nötig haben, sich durch
Gewaltmaßregeln gegen das Volk verhaßt zu machen. da alle diese Gewaltschritte schon
durch die feudale Kontrerevolution vollführt sind. Die Entwicklung wird aber diesen
friedlichen Gang nicht nehmen. Die Revolution, welche sie beschleunigen wird, steht im Gegenteil
nahe bevor, sei es, daß sie hervorgerufen wird durch eine selbständige Erhebung des
französischen Proletariats oder durch die Invasion der Heiligen Allianz gegen das
revolutionäre Babel.
Und die Rolle, die die deutschen liberalen Bourgeois
1848 gegenüber dem Volke gespielt haben, diese so verräterische Rolle, wird in der
bevorstehenden Revolution übernommen von den demokratischen Kleinbürgern, die jetzt in
der Opposition dieselbe Stellung einnehmen wie die liberalen Bourgeois vor 1848. Diese Partei,
die demokratische, die den Arbeitern weit gefährlicher ist als die frühere liberale,
besteht aus drei Elementen.
I. Aus den fortgeschrittensten Teilen der großen Bourgeoisie, die den sofortigen
vollständigen Sturz des Feudalismus und Absolutismus als Ziel verfolgen. Diese Fraktion wird
vertreten durch die ehemaligen Berliner Vereinbarer, durch die Steuerverweigerer.
II. Aus den demokratisch-konstitutionellen Kleinbürgern, deren Hauptzweck während
der bisherigen Bewegung die Herstellung eines mehr oder minder demokratischen Bundesstaats war,
wie er von ihren Vertretern, der Linken der Frankfurter Versammlung und später dem
Stuttgarter Parlament, und von ihnen selbst in der Reichsverfassungskampagne angestrebt
wurde.
III. Aus den republikanischen Kleinbürgern, deren Ideal eine deutsche
Föderativrepublik nach Art der Schweiz ist und die sich jetzt rot und sozial-demokratisch
nennen, weil sie den frommen Wunsch hegen, den Druck des großen Kapitals auf das kleine,
des großen Bourgeois auf den Kleinbürger abzuschaffen. Die Vertreter dieser Fraktion
waren die Mitglieder der demokratischen Kongresse und Komitees, die Leiter der demokratischen
Vereine, die Redakteure der demokratischen Zeitungen.
Alle diese Fraktionen nennen sich jetzt nach ihrer Niederlage Republikaner oder Rote, grade
wie sich jetzt in Frankreich die republikanischen Kleinbürger Sozialisten nennen. Wo, wie in
Württemberg, Bayern etc., sie noch Gelegenheit finden, ihre Zwecke auf konstitutionellem
Wege zu verfolgen, ergreifen sie die Gelegenheit, ihre alten Phrasen beizubehalten und durch die
Tat zu beweisen. daß sie sich nicht im mindesten geändert haben. Es versteht sich
übrigens, daß der veränderte Name dieser Partei gegenüber den Arbeitern
nicht das mindeste ändert, sondern bloß beweist, daß sie nun gegen die mit dem
Absolutismus vereinigte Bourgeoisie Front machen und sich aufs Proletariat stützen
muß.
Die kleinbürgerlich-demokratische Partei in Deutschland ist sehr mächtig, sie
umfaßt nicht nur die große Mehrheit der bürgerlichen Einwohner der Städte,
die kleinen industriellen Kaufleute und die Gewerksmeister, sie zählt in ihrem Gefolge die
Bauern und das Landproletariat, solange dies noch nicht in dem selbständigen Proletariat der
Städte eine Stütze gefunden hat.
Das Verhältnis der revolutionären Arbeiterpartei zur kleinbürgerlichen
Demokratie ist dies: Sie geht mit ihr zusammen gegen die Fraktion, deren Sturz sie bezweckt; sie tritt ihnen gegenüber in allem,
wodurch sie sich für sich selbst festsetzen wollen.
Die demokratischen Kleinbürger, weit entfernt, für die revolutionären
Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu wollen, erstreben eine Änderung der
gesellschaftlichen Zustände, wodurch ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst
erträglich und bequem gemacht wird. Sie verlangen daher vor allem Verminderung der
Staatsausgaben durch Beschränkung der Bürokratie und Verlegung der Hauptsteuer auf die
großen Grundbesitzer und Bourgeois. Sie verlangen ferner die Beseitigung des Drucks des
großen Kapitals auf das kleine durch öffentliche Kreditinstitute und Gesetze gegen den
Wucher, wodurch es ihnen und den Bauern möglich wird, Vorschüsse von dem Staat statt
von den Kapitalisten zu günstigen Bedingungen zu erhalten; ferner Durchführung der
bürgerlichen Eigentumsverhältnisse auf dem Lande durch vollständige Beseitigung
des Feudalismus. Um dieses alles durchzuführen, bedürfen sie einer demokratischen, sei
es konstitutionellen oder republikanischen, Staatsverfassung, die ihnen und ihren Bundesgenossen,
den Bauern, die Majorität gibt, und einer demokratischen Gemeindeverfassung, die die direkte
Kontrolle über das Gemeindeeigentum und eine Reihe von Funktionen in ihre Hand gibt, die
jetzt von den Bürokraten ausgeübt werden.
Der Herrschaft und raschen Vermehrung des Kapitals soll ferner teils durch Beschränkung
des Erbrechts, teils durch Überweisung möglichst vieler Arbeiten an den Staat
entgegengearbeitet werden. Was die Arbeiter angeht, so steht vor allem fest, daß sie
Lohnarbeiter bleiben sollen wie bisher, nur wünschen die demokratischen Kleinbürger den
Arbeitern besseren Lohn und eine gesichertere Existenz und hoffen dies durch teilweise
Beschäftigung von seiten des Staates und durch Wohltätigkeitsmaßregeln zu
erreichen, kurz, sie hoffen die Arbeiter durch mehr oder minder versteckte Almosen zu bestechen
und ihre revolutionäre Kraft durch momentane Erträglichmachung ihrer Lage zu brechen.
Die hier zusammengefaßten Forderungen der kleinbürgerlichen Demokratie werden nicht
von allen Fraktionen derselben zugleich vertreten und schweben in ihrer Gesamtheit den wenigsten
Leuten derselben als bestimmtes Ziel vor. Je weiter einzelne Leute oder Fraktionen unter ihnen
gehen, desto mehr werden sie von diesen Forderungen zu den ihrigen machen, und die wenigen, die
in Vorstehendem ihr eigenes Programm sehen, würden glauben, damit aber auch das
Äußerste aufgestellt zu haben, was von der Revolution zu verlangen ist, Diese
Forderungen können der Partei des Proletariats aber keineswegs genügen. Während
die demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und unter
Durchführung höchstens der obigen Ansprüche zum Abschlusse bringen wollen, ist es
unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution
permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft
verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier
nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit
vorgeschritten ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern
aufgehört hat und daß wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den
Händen der Proletarier konzentriert sind. Es kann sich für uns nicht um
Veränderung des Privateigentums handeln, sondern nur um seine Vernichtung, nicht um
Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung
der bestehenden Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen. Daß die
kleinbürgerliche Demokratie während der weiteren Entwicklung der Revolution für
einen Augenblick den überwiegenden Einfluß in Deutschland erhalten wird, unterliegt
keinem Zweifel. Es fragt sich also, was die Stellung des Proletariats und speziell des Bundes ihr
gegenüber sein wird:
1. während der Fortdauer der jetzigen Verhältnisse, wo die kleinbürgerlichen
Demokraten ebenfalls unterdrückt sind;
2. im nächsten revolutionären Kampfe, der ihnen das Übergewicht geben wird;
3. nach diesem Kampf, während der Zeit des Übergewichts über die
gestürzten Klassen und das Proletariat..
1. Im gegenwärtigen Augenblicke, wo die demokratischen Kleinbürger überall
unterdrückt sind, predigen sie dem Proletariat im allgemeinen Einigung und Versöhnung,
sie bieten ihm die Hand und streben nach der Herstellung einer großen Oppositionspartei,
die alle Schattierungen in der demokratischen Partei umfaßt, das heißt, sie streben
danach, die Arbeiter in eine Parteiorganisation zu verwickeln, in der die allgemein
sozial-demokratischen Phrasen vorherrschend sind, hinter welchen ihre besonderen Interessen sich
verstecken und in der die bestimmten Forderungen des Proletariats um des liebe Friedens willen
nicht vorgebracht werden dürfen. Eine solche Vereinigung würde allein zu ihrem Vorteile
und ganz zum Nachteile des Proletariats ausfallen. Das Proletariat würde seine ganze
selbständige, mühsam erkaufte Stellung verlieren und wieder zum Anhängsel der
offiziellen bürgerlichen Demokratie herabsinken. Diese Vereinigung muß also auf das
entschiedenste zurückgewiesen werden. Statt sich abermals dazu herabzulassen, den
bürgerlichen Demokraten als beifallklatschender Chor zu dienen, müssen die Arbeiter,
vor allem der Bund, dahin wirken, neben den offiziellen Demokraten eine selbständige geheime
und öffentliche Organisation der Arbeiter partei
herzustellen und jede Gemeinde zum Mittelpunkt und Kern von Arbeitervereinen zu machen, in denen
die Stellung und Interessen des Proletariats unabhängig von bürgerlichen
Einflüssen diskutiert werden. Wie wenig es den bürgerlichen Demokraten mit einer
Allianz ernst ist, in der die Proletarier ihnen mit gleicher Macht und gleichen Rechten zur Seite
stehen, zeigen zum Beispiel die Breslauer Demokraten, die in ihrem Organ, der "Neuen
Oder-Zeitung", die selbständig organisierten Arbeiter, die sie Sozialisten titulieren, aufs
wütendste verfolgen. Für den Fall eines Kampfes gegen einen gemeinsamen Gegner braucht
es keiner besonderen Vereinigung. Sobald ein solcher Gegner direkt zu bekämpfen ist, fallen
die Interessen beider Parteien für den Moment zusammen. und wie bisher wird sich auch in
Zukunft diese nur für den Augenblick berechnete Verbindung von selbst herstellen. Es
versteht sich, daß bei den bevorstehenden blutigen Konflikten, wie bei allen früheren,
die Arbeiter durch ihren Mut, ihre Entschiedenheit und Aufopferung hauptsächlich den Sieg
werden zu erkämpfen haben. Wie bisher werden auch in diesem Kampfe die Kleinbürger in
Masse sich solange wie möglich zaudernd, unschlüssig und untätig verhalten, um
dann, sobald der Sieg entschieden ist, ihn für sich in Beschlag zu nehmen, die Arbeiter zur
Ruhe und Heimkehr an ihre Arbeit aufzufordern, sogenannte Exzesse zu verhüten und das
Proletariat von den Früchten des Sieges auszuschließen. Es liegt nicht in der Macht
der Arbeiter, den kleinbürgerlichen Demokraten dies zu verwehren, aber es liegt in ihrer
Macht, ihnen das Aufkommen gegenüber dem bewaffneten Proletariat zu erschweren und ihnen
solche Bedingungen zu diktieren, daß die Herrschaft der bürgerlichen Demokraten von
vornherein den Keim des Unterganges in sich trägt und ihre spätere Verdrängung
durch die Herrschaft des Proletariats bedeutend erleichtert wird. Die Arbeiter müssen vor
allen Dingen während des Konfliktes und unmittelbar nach dem Kampfe, soviel nur irgend
möglich, der bürgerlichen Abwiegelung entgegenwirken und die Demokraten zur
Ausführung ihrer jetzigen terroristischen Phrasen zwingen. Sie müssen dahin arbeiten,
daß die unmittelbare revolutionäre Aufregung nicht sogleich nach dem Siege wieder
unterdrückt wird. Sie müssen sie im Gegenteil solange wie möglich
aufrechterhalten. Weit entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an
verhaßten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehässige
Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exempel nicht nur dulden,
sondern ihre Leitung selbst in die Hand nehmen. Während des Kampfes und nach dem Kampf
müssen die Arbeiter neben den Forderungen der bürgerlichen Demokraten ihre eigenen
Forderungen bei jeder Gelegenheit aufstellen. Sie müssen Garantien für die Arbeiter
verlangen, sobald die demo kratischen Bürger sich
anschicken, die Regierung in die Hand zu nehmen. Sie müssen sich diese Garantien
nötigenfalls erzwingen und überhaupt dafür sorgen, das die neuen Regierer sich zu
allen nur möglichen Konzessionen und Versprechungen verpflichten - das sicherste Mittel, sie
zu kompromittieren. Sie müssen überhaupt den Siegesrausch und die Begeisterung für
den neuen Zustand, der nach jedem siegreichen Straßenkampf eintritt, in jeder Weise durch
ruhige und kaltblütige Auffassung der Zustände und durch unverhohlenes Mißtrauen
gegen die neue Regierung so sehr wie möglich zurückhalten. Sie müssen neben den
neuen offiziellen Regierungen zugleich eigene revolutionäre Arbeiterregierungen, sei es in
der Form von Gemeindevorständen, Gemeinderäten, sei es durch Arbeiterklubs oder
Arbeiterkomitees, errichten, so daß die bürgerlichen demokratischen Regierungen nicht
nur sogleich den Rückhalt an den Arbeitern verlieren, sondern sich von vornherein von
Behörden überwacht und bedroht sehen, hinter denen die ganze Masse der Arbeiter steht.
Mit einem Worte: Vom ersten Augenblicke des Sieges an muß sich das Mißtrauen nicht
mehr gegen die besiegte reaktionäre Partei, sondern gegen ihre bisherigen Bundesgenossen,
gegen die Partei richten, die den gemeinsamen Sieg allein exploitieren will.
2. Um aber dieser Partei, deren Verrat an den Arbeitern mit der ersten Stunde des Sieges
anfangen wird, energisch und drohend entgegentreten zu können, müssen die Arbeiter
bewaffnet und organisiert sein. Die Bewaffnung des ganzen Proletariats mit Flinten, Büchsen,
Geschützen und Munition muß sofort durchgesetzt, der Wiederbelebung der alten, gegen
die Arbeiter gerichteten Bürgerwehr muß entgegengetreten werden. Wo dies letztere aber
nicht durchzusetzen ist, müssen die Arbeiter versuchen, sich selbständig als
proletarische Garde, mit selbstgewählten Chefs und eigenem selbstgewählten Generalstabe
zu organisieren und unter den Befehl, nicht der Staatsgewalt, sondern der von den Arbeitern
durchgesetzten revolutionären Gemeinderäte zu treten. Wo Arbeiter für
Staatsrechnung beschäftigt werden, müssen sie ihre Bewaffnung und Organisation in ein
besonderes Korps mit selbstgewählten Chefs oder als Teil der proletarischen Garde
durchsetzen. Die Waffen und die Munition dürfen unter keinem Vorwand aus den Händen
gegeben, jeder Entwaffnungsversuch muß nötigenfalls mit Gewalt vereitelt werden.
Vernichtung des Einflusses der bürgerlichen Demokraten auf die Arbeiter, sofortige
selbständige und bewaffnete Organisation der Arbeiter und Durchsetzung möglichst
erschwerender und kompromittierender Bedingungen für die augenblickliche unvermeidliche
Herrschaft der bürgerlichen Demokratie, das sind die Hauptpunkte, die das Proletariat und
somit der Bund während und nach dem bevorstehenden Aufstand im Auge zu behalten hat.
3. Sobald die neuen Regierungen sich einigermaßen
befestigt haben, wird ihr Kampf gegen die Arbeiter sofort beginnen. Um hier den demokratischen
Kleinbürgern mit Macht entgegentreten zu können, ist es vor allem nötig, daß
die Arbeiter in Klubs selbständig organisiert und zentralisiert sind. Die
Zentralbehörde wird sich, sobald dies irgend möglich ist, nach dem Sturze der
bestehenden Regierungen nach Deutschland begeben, sofort einen Kongreß berufen und diesem
die nötigen Vorlagen wegen der Zentralisation der Arbeiterklubs unter einer im Hauptsitze
der Bewegung etablierten Direktion machen. Die rasche Organisation, wenigstens einer
provinziellen Verbindung der Arbeiterklubs ist einer der wichtigsten Punkte zur Stärkung und
Entwicklung der Arbeiterpartei; die nächste Folge des Sturzes der bestehenden Regierungen
wird die Wahl einer Nationalvertretung sein. Das Proletariat muß hier dafür
sorgen:
I. daß durch keinerlei Schikanen von Lokalbehörden und Regierungskommissarien eine
Anzahl Arbeiter unter irgendeinem Vorwand ausgeschlossen wird;
II. daß überall neben den bürgerlichen demokratischen Kandidaten
Arbeiterkandidaten aufgestellt werden, die möglichst aus Bundesmitgliedern bestehen
müssen und deren Wahl mit allen möglichen Mitteln zu betreiben ist. Selbst da, wo gar
keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen
Kandidaten aufstellen, um ihre Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen,
ihre revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die Öffentlichkeit zu bringen.
Sie dürfen sich hierbei nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen lassen, wie
z.B., dadurch spalte man die demokratische Partei und gebe der Reaktion die Möglichkeit zum
Siege. Bei allen solchen Phrasen kommt es schließlich darauf hinaus, daß das
Proletariat geprellt werden soll. Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch ein
solches unabhängiges Auftreten machen muß, sind unendlich wichtiger als der Nachteil,
den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung erzeugen könnte. Tritt die
Demokratie von vornherein entschieden und terroristisch gegen die Reaktion auf, so ist deren
Einfluß bei den Wahlen schon im voraus vernichtet.
Der erste Punkt, bei dem die bürgerlichen Demokraten mit den Arbeitern in Konflikt kommen
werden, wird die Aufhebung des Feudalismus sein; wie in der ersten französischen Revolution
werden die Kleinbürger die feudalen Ländereien den Bauern als freies Eigentum geben,
das heißt das Landproletariat bestehenlassen und eine kleinbürgerliche Bauernklasse
bilden wollen, die denselben Kreislauf der Verarmung und Verschuldung durch macht, worin jetzt
der französische Bauer noch begriffen ist.
Die Arbeiter müssen diesem Plane im Interesse des
Landproletariats und in ihrem eigenen Interesse entgegentreten. Sie müssen verlangen,
daß das konfiszierte Feudaleigentum Staatsgut bleibt und zu Arbeiterkolonien verwandt wird,
die das assoziierte Landproletariat mit allen Vorteilen des großen Ackerbaues bearbeitet
und wodurch das Prinzip des gemeinsamen Eigentums sogleich eine feste Grundlage mitten in den
wankenden bürgerlichen Eigentumsverhältnissen erlangt. Wie die Demokraten mit den
Bauern, müssen sich die Arbeiter mit dem Landproletariat verbinden. Die Demokraten werden
ferner entweder direkt auf die Föderativrepublik hinarbeiten oder wenigstens, wenn sie die
eine und unteilbare Republik nicht umgehen können, die Zentralregierung durch
möglichste Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Gemeinden und Provinzen zu
lähmen suchen. Die Arbeiter müssen diesem Plane gegenüber nicht nur auf die eine
und unteilbare deutsche Republik, sondern auch in ihr auf die entschiedenste Zentralisation der
Gewalt in die Hände der Staatsmacht hinwirken. Sie dürfen sich durch das demokratische
Gerede von Freiheit der Gemeinden, von Selbstregierung usw. nicht irremachen lassen. In einem
Lande wie Deutschland, wo noch so viele Reste des Mittelalters zu beseitigen sind, wo so vieler
lokaler und provinzialer Eigensinn zu brechen ist, darf es unter keinen Umständen geduldet
werden, daß jedes Dorf, jede Stadt, jede Provinz der revolutionären Tätigkeit,
die in ihrer ganzen Kraft nur vom Zentrum ausgehen kann, ein neues Hindernis in den Weg lege. -
Es darf nicht geduldet werden, daß der jetzige Zustand sich erneuere, wodurch die Deutschen
um ein und denselben Fortschritt in jeder Stadt, in jeder Provinz sich besonders schlagen
müssen. Am allerwenigsten darf geduldet werden, daß eine Form des Eigentums, die noch
hinter dem modernen Privateigentum steht und sich überall notwendig in dies auflöst,
das Gemeindeeigentum und die daraus hervorgehenden Streitigkeiten zwischen armen und reichen
Gemeinden sowie das neben dem Staatsbürgerrecht bestehende Gemeindebürgerrecht mit
seinen Schikanen gegen die Arbeiter, sich durch eine sogenannte freie Gemeindeverfassung
verewige. Wie in Frankreich 1793 ist heute in Deutschland die Durchführung der strengsten
Zentralisation die Aufgabe der wirklich revolutionären Partei.(1)
Wir haben gesehn, wie die Demokraten bei der
nächsten Bewegung zur Herrschaft kommen, wie sie genötigt sein werden, mehr oder
weniger sozialistische Maßregeln vorzuschlagen. Man wird fragen, welche Maßregeln die
Arbeiter dagegen vorschlagen sollen. Die Arbeiter können natürlich im Anfange der
Bewegung noch keine direkt kommunistischen Maßregeln vorschlagen. Sie können aber:
1. die Demokraten dazu zwingen, nach möglichst vielen Seiten hin in die bisherige
Gesellschaftsordnung einzugreifen, ihren regelmäßigen Gang zu stören und sich
selbst zu kompromittieren sowie möglichst viele Produktivkräfte, Transportmittel,
Fabriken, Eisenbahnen usw. in den Händen des Staates zu konzentrieren.
2. Sie müssen die Vorschläge der Demokraten, die jedenfalls nicht revolutionär,
sondern bloß reformierend auftreten werden, auf die Spitze treiben und sie in direkte
Angriffe auf das Privateigentum verwandeln, so zum Beispiel, wenn die Kleinbürger
vorschlagen, die Eisenbahnen und Fabriken anzukaufen, so müssen die Arbeiter fordern,
daß diese Eisenbahnen und Fabriken als Eigentum von Reaktionären vom Staate einfach
und ohne Entschädigung konfisziert werden. Wenn die Demokraten die proportionelle Steuer
vorschlagen, fordern die Arbeiter progressive; wenn die Demokraten selbst eine
gemäßigte progressive beantragen, bestehen die Arbeiter auf einer Steuer, deren
Sätze so rasch steigen, daß das große Kapital dabei zugrunde geht; wenn die
Demokraten die Regulierung der Staatsschulden verlangen, verlangen die Arbeiter den
Staatsbankerott. Die Forderungen der Arbeiter werden sich also überall nach den Konzessionen
und Maßregeln der Demokraten richten müssen.
Wenn die deutschen Arbeiter nicht zur Herrschaft und Durchführung ihrer Klasseninteressen
kommen können, ohne eine längere revolutionäre Entwicklung ganz durchzumachen, so haben sie diesmal wenigstens die
Gewißheit, daß der erste Akt dieses bevorstehenden revolutionären Schauspiels
mit dem direkten Siege ihrer eigenen Klasse in Frankreich zusammenfällt und dadurch sehr
beschleunigt wird.
Aber sie selbst müssen das meiste zu ihrem endlichen Siege dadurch tun, daß sie
sich über ihre Klasseninteressen aufklären, ihre selbständige Parteistellung
sobald wie möglich einnehmen, sich durch die heuchlerischen Phrasen der demokratischen
Kleinbürger keinen Augenblick an der unabhängigen Organisation der Partei des
Proletariats irremachen lassen. Ihr Schlachtruf muß sein: Die Revolution in Permanenz.
London, im März 1850
(1) [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1885.]
Es ist heute zu erinnern, daß diese Stelle auf einem
Mißverständnis beruht. Damals galt es - dank den bonapartistischen und liberalen
Geschichtsfälschern - als ausgemacht daß die französische zentralisierte
Verwaltungsmaschine durch die große Revolution eingeführt und namentlich vom Konvent
als unumgängliche und entscheidende Waffe bei Besiegung der royalistischen und
föderalistischen Reaktion und des auswärtigen Feindes gehandhabt worden sei. Es ist
jetzt aber eine bekannte Tatsache, daß während der ganzen Revolution bis zum 18.
Brumaire die gesamte Verwaltung der Departements, Arrondissements und Gemeinden aus von den
Verwalteten selbst gewählten Behörden bestand, die innerhalb der allgemeinen
Staatsgesetze sich mit vollkommener Freiheit bewegten; daß diese der amerikanischen
ähnliche, provinzielle und lokale Selbstregierung grade der allerstärkste Hebel der
Revolution wurde, und zwar in dem Maß, daß Napoleon unmittelbar nach seinem
Staatsstreich vom 18. Brumaire sich beeilte, sie durch die noch bestehende
Präfektenwirtschaft zu ersetzen, die also ein reines Reaktionswerkzeug von Anfang an war.
Ebensowenig aber, wie lokale und provinziale Selbstregierung der politischen, nationalen
Zentralisation widerspricht, ebensowenig ist sie notwendig verknüpft mit jener bornierten
kantonalen oder kommunalen Selbstsucht, die uns in der Schweiz so widerlich entgegentritt und die
1849 alle süddeutschen Föderativrepublikaner in Deutschland zur Regel machen wollten.