Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7, "Die
Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850", S. 95-107
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
IV
Die Abschaffung des allgemeinen Stimmrechts 1850
(Die Fortsetzung der vorstehenden drei Kapitel findet sich
in der "Revue" des letzten erschienenen, fünften und sechsten Doppelheftes der "Neuen
Rheinischen Zeitung". <Siehe Band 7, S. 438-440 und 446-456> Nachdem hier zuerst die
große, 1847 in England ausgebrochene Handelskrise geschildert und aus ihren
Rückwirkungen auf den europäischen Kontinent die Zuspitzung der dortigen politischen
Verwicklungen zu den Revolutionen des Februar und März 1848 erklärt worden, wird dann
dargestellt, wie die im Laufe von 1848 wieder eingetretene, 1849 noch höher gesteigerte
Prosperität des Handels und der Industrie den revolutionären Aufschwung lähmte und
die gleichzeitigen Siege der Reaktion möglich machte. Speziell von Frankreich heißt es
dann:) <Geschrieben von Engels zur Ausgabe von 1895>
Dieselben Symptome zeigten sich in Frankreich seit 1849 und besonders seit Anfang 1850.
Die Pariser Industrien sind vollauf beschäftigt, und auch die Baumwollfabriken von Rouen und
Mülhausen gehen ziemlich gut, obwohl hier die hohen Preise des Rohstoffes, wie in England,
hemmend eingewirkt haben. Die Entwicklung der Prosperität in Frankreich wurde zudem
besonders befördert durch die umfassende Zollreform in Spanien und durch die Herabsetzung
der Zölle auf verschiedene Luxusartikel in Mexiko; nach beiden Märkten hat die Ausfuhr
französischer Waren bedeutend zugenommen. Die Vermehrung der Kapitalien führte in
Frankreich zu einer Reihe von Spekulationen, denen die Ausbeutung der kalifornischen Goldminen
auf großem Fuß zum Vorwand diente. Eine Menge von Gesellschaften tauchte auf, deren
niedrige Aktienbeträge und deren sozialistisch gefärbte Prospekte direkt an den
Geldbeutel der Kleinbürger und Arbeiter appellieren, die aber samt und sonders auf jene
reine Prellerei hinauslaufen, welche den Franzosen und Chinesen allein eigentümlich ist.
Eine dieser Gesellschaften wird sogar direkt von der
Regierung protegiert. Die Einfuhrzölle in Frankreich in den ersten neun Monaten betrugen
1848 - 63 Millionen Francs, 1849 - 95 Millionen Francs und 1850 - 93 Millionen Francs. Sie
stiegen übrigens im Monat September 1850 wieder um mehr als eine Million gegen den gleichen
Monat 1849. Die Ausfuhr ist ebenfalls 1849 und noch mehr 1850 gestiegen. Der schlagendste Beweis
der wiederhergestellten Prosperität ist die Wiedereinführung der Barzahlungen der Bank
durch das Gesetz vom 6. August 1850. Am 15. März 1848 war die Bank bevollmächtigt
worden, ihre Barzahlungen einzustellen. Ihre Notenzirkulation, mit Einschluß der
Provinzialbanken, betrug damals 373 Millionen Francs (14.920.000 £). Am 2. November 1849
betrug diese Zirkulation 482 Millionen Francs oder 19.280.000 £; Zuwachs von 4.360.000
£, und am 2. September 1850 - 496 Millionen Francs oder 19.840.000 £; Zuwachs von
etwa 5 Millionen Pfund. Es trat dabei keine Depreziation der Noten ein; umgekehrt, die vermehrte
Zirkulation der Noten war begleitet von beständig wachsender Aufhäufung von Gold und
Silber in den Kellern der Bank, so daß im Sommer 1850 der Barvorrat sich auf ungefähr
14 Millionen £ belief, eine in Frankreich unerhörte Summe. Daß die Bank so in
den Stand gesetzt wurde, ihre Zirkulation und damit ihr tätiges Kapital um 123 Millionen
Francs oder 5 Millionen Pfund zu erhöhen, beweist schlagend, wie richtig unsre Behauptung in einem früheren Heft war, daß die
Finanzaristokratie durch die Revolution nicht nur nicht gestürzt, sondern sogar noch
verstärkt worden ist. Noch augenscheinlicher wird dies Resultat durch folgende
Übersicht über die französische Bankgesetzgebung der letzten Jahre. Am 10. Juni
1847 wurde die Bank bevollmächtigt, Noten von 200 Francs auszugeben; die niedrigste Note war
bisher 500 Francs. Ein Dekret vom 15. März 1848 erklärte die Noten der Bank von
Frankreich für gesetzliche Münze und enthob die Bank der Verpflichtung, sie gegen bar
einzulösen. Ihre Notenausgabe wurde beschränkt auf 350 Millionen Francs. Sie wurde
gleichzeitig bevollmächtigt, Noten von 100 Francs auszugeben. Ein Dekret vom 27. April
verfügte die Verschmelzung der Departementalbanken mit der Bank von Frankreich; ein andres
Dekret vom 2. Mai 1848 erhöhte ihre Notenausgabe auf 452 Millionen Francs. Ein Dekret vom
22. Dezember 1849 steigerte das Maximum der Notenausgabe auf 525 Millionen Francs. Endlich
führte das Gesetz vom 6. August 1850 die Austauschbarkeit der Noten gegen Geld wieder ein.
Diese Tatsachen, die fortwährende Steigerung der Zirkulation, die Konzentration des ganzen
französischen Kredits in den Händen der Bank und die Anhäufung alles
französischen Goldes und Silbers in den Bankgewölben, führten Herrn Proudhon zu dem Schluß, daß die Bank
jetzt ihre alte Schlangenhaut abstreifen und sich in eine Proudhonsche Volksbank metamorphosieren
müsse. Er brauchte nicht einmal die Geschichte der englischen Bankrestriktion von 1797-1819
zu kennen, er brauchte nur seinen Blick über den Kanal zu richten, um zu sehen, daß
dies für ihn in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft unerhörte Faktum
weiter nichts war, als ein höchst normales bürgerliches Ereignis, das jetzt nur in
Frankreich zum erstenmal eintrat. Man sieht, daß die angeblich revolutionären
Theoretiker, die nach der provisorischen Regierung in Paris das große Wort führten,
ebenso unwissend waren über die Natur und die Resultate der ergriffenen Maßregeln wie
die Herren von der provisorischen Regierung selbst.
Trotz der industriellen und kommerziellen Prosperität, deren sich Frankreich momentan
erfreut, laboriert die Masse der Bevölkerung, die 25 Millionen Bauern, an großer
Depression. Die guten Ernten der letzten Jahre haben die Getreidepreise in Frankreich noch viel
tiefer gedrückt als in England, und die Stellung verschuldeter, vom Wucher ausgesogener und
von Steuern gedrückter Bauern kann dabei nichts weniger als glänzend sein. Die
Geschichte der letzten drei Jahre hat indes zur Genüge bewiesen, daß diese Klasse der
Bevölkerung durchaus keiner revolutionären Initiative fähig ist.
Wie die Periode der Krise später eintritt auf dem Kontinent als in England, so die der
Prosperität. In England findet stets der ursprüngliche Prozeß statt; es ist der
Demiurg des bürgerlichen Kosmos. Auf dem Kontinent treten die verschiedenen Phasen des
Zyklus, den die bürgerliche Gesellschaft immer von neuem durchläuft, in sekundärer
und tertiärer Form ein. Erstens führte der Kontinent nach England
unverhältnismäßig mehr aus als nach irgendeinem anderen Land. Diese Ausfuhr nach
England hängt aber wieder ab von dem Stand Englands, besonders zum überseeischen Markt.
Dann führt England nach den überseeischen Ländern
unverhältnismäßig mehr aus als der gesamte Kontinent, so daß die
Quantität des kontinentalen Exports nach diesen Ländern immer abhängig ist von der
jedesmaligen überseeischen Ausfuhr Englands. Wenn daher die Krisen zuerst auf dem Kontinent
Revolutionen erzeugen, so ist doch der Grund derselben stets in England gelegt. In den
Extremitäten des bürgerlichen Körpers muß es natürlich eher zu
gewaltsamen Ausbrüchen kommen als in seinem Herzen, da hier die Möglichkeit der
Ausgleichung größer ist als dort. Andererseits ist der Grad, worin die kontinentalen
Revolutionen auf England zurückwirken, zugleich der Thermometer, an dem es sich zeigt,
inwieweit diese Revolutionen wirklich die bürgerlichen Lebensverhältnisse in Frage
stellen, oder wieweit sie nur ihre politischen Formationen treffen.
Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die
Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies
innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer
wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden
möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die
bürgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten. Die
verschiedenen Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsentanten der einzelnen
Fraktionen der kontinentalen Ordnungspartei ergehen und gegenseitig kompromittieren, weit
entfernt zu neuen Revolutionen Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die
Grundlage der Verhältnisse momentan so sicher und, was die Reaktion nicht weiß, so
bürgerlich ist. An ihr werden alle die bürgerliche Entwicklung aufhaltenden
Reaktionsversuche ebensosehr abprallen wie alle sittliche Entrüstung und alle begeisterten
Proklamationen der Demokraten. Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer
neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.
Gehen wir nun nach Frankreich über.
Der Sieg, den das Volk in Verbindung mit den Kleinbürgern in den Wahlen vom 10. März
errungen hatte, wurde von ihm selbst annulliert, indem es die neue Wahl vom 28. April
provozierte. Vidal war, außer in Paris, auch im Niederrhein gewählt. Das Pariser
Komitee, in dem die Montagne und die Kleinbürgerschaft stark vertreten waren,
veranlaßte ihn, für den Niederrhein zu akzeptieren. Der Sieg vom 10. März
hörte auf ein entscheidender zu sein; der Termin der Entscheidung wurde abermals
hinausgeschoben, die Spannkraft des Volks wurde erschlafft, es wurde an legale Triumphe
gewöhnt statt der revolutionären. Der revolutionäre Sinn des 10. März, die
Rehabilitierung der Juniinsurrektion, wurde endlich vollständig vernichtet durch die
Kandidatur Eugène Sues, des sentimental-kleinbürgerlichen Sozialphantasten, die das
Proletariat höchstens als einen Witz, den Grisetten zu Gefallen akzeptieren konnte. Dieser
wohlmeinenden Kandidatur gegenüber stellte die Ordnungspartei, kühner geworden durch
die schwankende Politik der Gegner, einen Kandidaten auf, der den Junisieg repräsentieren
sollte. Dieser komische Kandidat war der spartanische Familienvater Leclerc, dem indes die
heroische Rüstung durch die Presse Stück für Stück vom Leibe gerissen wurde
und der bei der Wahl auch eine glänzende Niederlage erlebte. Der neue Wahlsieg am 28. April
machte die Montagne und die Kleinbürgerschaft übermütig. Sie frohlockte schon in
dem Gedanken, auf rein legalem Wege und ohne durch eine neue Revolution das Proletariat wieder in
den Vordergrund zu schieben, am Ziel ihrer Wünsche ankommen zu können; sie rechnete
fest darauf, bei den neuen Wahlen von 1852 durch das allgemeine Stimmrecht Herrn Ledru Rollin in den Präsidentenstuhl und eine Majorität von
Montagnards in die Versammlung zu bringen. Die Ordnungspartei, durch die Erneuerung der Wahl,
durch die Kandidatur Sues und durch die Stimmung der Montagne und Kleinbürgerschaft
vollkommen sichergestellt, daß diese unter allen Umständen entschlossen seien, ruhig
zu bleiben, antwortete auf die beiden Wahlsiege mit dem Wahlgesetz, das das allgemeine
Stimmrecht abschaffte.
Die Regierung hütete sich wohl, diesen Gesetzvorschlag auf ihre eigene Verantwortlichkeit
hin zu machen. Sie machte der Majorität eine scheinbare Konzession, indem sie den
Großwürdenträgern dieser Majorität, den siebzehn Burggrafen, seine
Ausarbeitung übertrug. Nicht die Regierung schlug also der Versammlung, die Majorität
der Versammlung schlug sich selbst die Aufhebung des allgemeinen Stimmrechts vor.
Am 8. Mai wurde das Projekt in die Kammer gebracht. Die ganze sozialdemokratische Presse erhob
sich wie ein Mann, um dem Volk würdevolle Haltung, calme majestueux <majestätische
Ruhe>, Passivität und Vertrauen auf seine Vertreter zu predigen. Jeder Artikel dieser
Journale war ein Geständnis, daß eine Revolution vor allem die sogenannte
revolutionäre Presse vernichten müsse und daß es sich also jetzt um ihre
Selbsterhaltung handle. Die angeblich revolutionäre Presse verriet ihr ganzes Geheimnis. Sie
unterzeichnete ihr eigenes Todesurteil.
Am 21. Mai brachte die Montagne die vorläufige Frage zur Debatte und trug auf Verwerfung
des ganzen Projekts an, weil es die Verfassung verletze. Die Ordnungspartei antwortete, man werde
die Verfassung verletzen, wenn es nötig sei, man brauche es jetzt indes nicht, weil die
Verfassung jeder Deutung fähig sei und weil die Majorität über die richtige
Deutung allein kompetent entscheide. Den zügellos wilden Angriffen von Thiers und
Montalembert setzte die Montagne einen anständigen und gebildeten Humanismus entgegen. Sie
berief sich auf den Rechtsboden; die Ordnungspartei verwies sie auf den Boden, worauf das Recht
wächst, auf das bürgerliche Eigentum. Die Montagne wimmerte: Ob man denn wirklich mit
aller Gewalt Revolutionen heraufbeschwören wolle? Die Ordnungspartei erwiderte: Man werde
sie abwarten.
Am 22. Mai wurde die vorläufige Frage erledigt mit 462 gegen 227 Stimmen. Dieselben
Männer, die mit so feierlicher Gründlichkeit bewiesen hatten, daß die
Nationalversammlung und jeder einzelne Deputierte abdanke, wenn er das Volk, seinen
Vollmachtgeber, abdanke, harrten auf ihren Sitzen aus, suchten nun plötzlich statt ihrer das
Land, und zwar durch Petitionen, handeln zu lassen und
saßen noch ungerührt da, als am 31. Mai das Gesetz glänzend durchging. Sie
suchten sich zu rächen durch einen Protest, worin sie ihre Unschuld an der Notzucht der
Konstitution zu Protokoll gaben, einen Protest, den sie nicht einmal offen niederlegten, sondern
dem Präsidenten hinterrücks in die Tasche schmuggelten.
Eine Armee von 150.000 Mann in Paris, die lange Verschleppung der Entscheidung, die
Abwiegelung der Presse, die Kleinmütigkeit der Montagne und der neugewählten
Repräsentanten, die majestätische Ruhe der Kleinbürger, vor allem aber die
kommerzielle und industrielle Prosperität verhinderten jeden Revolutionsversuch von seiten
des Proletariats.
Das allgemeine Wahlrecht hatte seine Mission erfüllt. Die Majorität des Volkes hatte
die Entwicklungsschule durchgemacht, zu der es allein in einer revolutionären Epoche dienen
kann. Es mußte beseitigt werden durch eine Revolution oder durch die Reaktion.
Einen noch größeren Aufwand von Energie entwickelte die Montagne bei einer bald
darauf vorkommenden Gelegenheit. Der Kriegsminister d'Hautpoul hatte von der Tribüne herab
die Februarrevolution eine unheilvolle Katastrophe genannt. Die Redner der Montagne, die, wie
immer, sich durch sittlich entrüstetes Gepolter auszeichneten, wurden vom Präsidenten
Dupin nicht zum Wort zugelassen. Girardin schlug der Montagne vor, sofort in Masse auszutreten.
Resultat: Die Montagne blieb sitzen, aber Girardin wurde als unwürdig aus ihrem Schoß
hinausgeworfen.
Das Wahlgesetz bedurfte noch einer Vervollständigung, eines neuen
Preßgesetzes. Dies ließ nicht lange auf sich warten. Ein Vorschlag der
Regierung, vielfach verschärft durch Amendements der Ordnungspartei, erhöhte die
Kautionen, setzte einen Extrastempel auf die Feuilletonromane (Antwort auf die Wahl von
Eugène Sue), besteuerte alle in wöchentlichen oder monatlichen Lieferungen
erscheinenden Schriften bis zu einer gewissen Bogenzahl und verfügte schließlich,
daß jeder Artikel eines Journals mit der Unterschrift des Verfassers versehen sein
müsse. Die Bestimmungen über die Kaution töteten die sogenannte revolutionäre
Presse; das Volk betrachtete ihren Untergang als eine Genugtuung für die Abschaffung des
allgemeinen Wahlrechts. Indes erstreckte sich weder die Tendenz noch die Wirkung des neuen
Gesetzes allein auf diesen Teil der Presse. Solange die Zeitungspresse anonym war, erschien sie
als Organ der zahl- und namenlosen öffentlichen Meinung; sie war die dritte Macht im Staate.
Durch die Unterzeichnung jedes Artikels wurde eine Zeitung zu einer bloßen Sammlung von
schriftstellerischen Beiträgen mehr oder minder bekannter Individuen. Jeder Artikel sank zu
einer Annonce herab. Bisher hatten die Zeitungen als das Papiergeld der öffentlichen Meinung zirkuliert; jetzt lösten sie sich auf in mehr oder
minder schlechte Solawechsel, deren Güte und Zirkulation von dem Kredit nicht nur des
Ausstellers, sondern auch des Indossenten abhing. Die Presse der Ordnungspartei hatte, wie zur
Aufhebung des allgemeinen Wahlrechts, so auch zu den äußersten Maßregeln gegen
die schlechte Presse provoziert. Indes war die gute Presse selbst in ihrer unheimlichen
Anonymität der Ordnungspartei und noch mehr ihren einzelnen provinzialen Repräsentanten
unbequem. Sie verlangte sich gegenüber nur noch den bezahlten Schriftsteller mit Namen,
Wohnort und Signalement. Vergebens jammerte die gute Presse über den Undank, mit dem man
ihre Dienste belohne. Das Gesetz ging durch, die Bestimmung der Namennennung traf sie vor allem.
Die Namen der republikanischen Tagesschriftsteller waren ziemlich bekannt; aber die respektablen
Firmen des "Journal des Débats", der "Assemblée Nationale", des "Constitutionnel"
usw. usw. machten eine jämmerliche Figur mit ihrer hochbeteuernden Staatsweisheit, als sich
die mysteriöse Kompanie auf einmal zersetzte in käufliche Penny-a-liners
<Zeilenschinder> von langer Praxis, die für bares Geld alle möglichen Sachen
verteidigt hatten, wie Granier de Cassagnac, oder in alte Waschlappen, die sich selbst
Staatsmänner nannten, wie Capefigue, oder in kokettierende Nußknacker, wie Herr
Lemoinne vom "Débats".
In der Debatte über das Preßgesetz war die Montagne bereits auf einen solchen Grad
moralischer Verkommenheit herabgesunken, daß sie sich darauf beschränken mußte,
den glänzenden Tiraden einer alten louis-philippistischen Notabilität, des Herrn Victor
Hugo, Beifall zuzuklatschen.
Mit dem Wahlgesetz und dem Preßgesetz tritt die revolutionäre und demokratische
Partei von der offiziellen Schaubühne ab. Vor ihrem Aufbruch nach Hause, kurz nach
Schluß der Session, erließen die beiden Fraktionen der Montagne, die sozialistischen
Demokraten und die demokratischen Sozialisten, zwei Manifeste, zwei testimonia paupertatis
<Armutszeugnisse>, worin sie bewiesen, daß, wenn nie die Gewalt und der Erfolg auf
ihrer Seite, sie sich doch stets auf der Seite des ewigen Rechts und aller übrigen ewigen
Wahrheiten befunden hätten.
Betrachten wir nun die Partei der Ordnung. Die "N. Rh. Z." sagte Heft 3, pag. 16: "Den Restaurationsgelüsten der vereinigten
Orleanisten und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel seiner
tatsächlichen Macht, die Republik; den Restaurationsgelüsten Bonapartes gegenüber
vertritt die Partei der Ordnung den Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft, die Republik; den
Orleanisten gegenüber vertreten die Legitimisten, den Legitimisten gegenüber vertreten die Orleanisten den Status quo, die Republik. Alle diese
Fraktionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eigenen König und ihre eigene Restauration
in petto hat, machen wechselseitig den Usurpations- und Erhebungsgelüsten ihrer Rivalen
gegenüber die gemeinsame Herrschaft der Bourgeoisie, die Form geltend, worin die besonderen
Ansprüche neutralisiert und vorbehalten bleiben - die Republik ... Und Thiers sprach wahrer,
als er ahnte, wenn er sagte: 'Wir, die Royalisten, sind die wahren Stützen der
konstitutionellen Republik'."
Diese Komödie der républicains malgré eux <Republikaner wider
Willen>, der Widerwille gegen den Status quo und die beständige Befestigung desselben;
die unaufhörlichen Reibungen Bonapartes und der Nationalversammlung; die stets erneuerte
Drohung der Ordnungspartei, sich in ihre einzelnen Bestandteile zu sondern, und das stets
wiederholte Zusammenschließen ihrer Fraktionen; der Versuch jeder Fraktion, jeden Sieg
gegen den gemeinsamen Feind in eine Niederlage der zeitweiligen Alliierten zu verwandeln; die
wechselseitigen Eifersüchtelei, Ranküne, Abhetzung, das unermüdliche Ziehen der
Schwerter, das immer wieder mit einem baisser-Lamourette endigt - diese ganze unerquickliche
Komödie der Irrungen entwickelte sich nie klassischer als während der letzten sechs
Monate.
Die Partei der Ordnung betrachtete das Wahlgesetz zugleich als einen Sieg gegen Bonaparte.
Hatte die Regierung nicht abgedankt, indem sie der Siebzehnerkommission die Redaktion und die
Verantwortlichkeit ihres eignen Vorschlags überließ? Und beruhte nicht die
Hauptstärke Bonapartes gegenüber der Versammlung darauf, daß er der Erwählte
der sechs Millionen war? - Bonaparte seinerseits behandelte das Wahlgesetz als eine Konzession an
die Versammlung, womit er die Harmonie der legislativen mit der exekutiven Gewalt erkauft habe.
Zum Lohn verlangte der gemeine Aventurier eine Vermehrung seiner Zivilliste um drei Millionen.
Durfte die Nationalversammlung in einen Konflikt mit der Exekutiven treten in einem Augenblick,
wo sie die große Majorität der Franzosen in den Bann erklärt hatte? Sie fuhr
ärgerlich auf, sie schien es auf das Äußerste treiben zu wollen, ihre Kommission
verwarf den Antrag, die bonapartistische Presse drohte und verwies auf das enterbte, seines
Stimmrechts beraubte Volk, eine Menge geräuschvoller Transaktionsversuche fanden statt, und
die Versammlung gab schließlich nach in der Sache, rächte sich aber zugleich im
Prinzip. Statt der jährlichen prinzipiellen Vermehrung der Zivilliste um drei Millionen
bewilligte sie ihm eine Aushülfe von 2.160.000 frs. Nicht zufrieden damit, machte sie selbst
erst diese Konzession, nachdem Changarnier sie
unterstützt hatte, der General der Ordnungspartei und der aufgedrungene Protektor
Bonapartes. Sie bewilligte also die 2 Millionen eigentlich nicht dem Bonaparte, sondern dem
Changarnier.
Dies de mauvaise grâce <widerstrebend> hingeworfene Geschenk wurde von Bonaparte
ganz im Sinne des Gebers aufgenommen. Die bonapartistische Presse polterte von neuem gegen die
Nationalversammlung. Als nun erst bei der Debatte des Preßgesetzes das Amendement wegen der
Namennennung gemacht wurde, das sich wieder speziell gegen die untergeordneten Blätter, die
Vertreter der Privatinteressen Bonapartes richtete, brachte das bonapartistische Hauptblatt, das
"Pouvoir" einen offenen und heftigen Angriff gegen die Nationalversammlung. Die Minister
mußten das Blatt vor der Versammlung verleugnen; der Gerant des Pouvoir wurde vor die
Schranken der Nationalversammlung zitiert und zur höchsten Geldstrafe, zu 5.000 frs.
verurteilt. Den anderen Tag brachte das "Pouvoir" einen noch viel frecheren Artikel gegen die
Versammlung, und als Revanche der Regierung verfolgte das Parkett sogleich mehrere
legitimistische Journale wegen Verletzung der Konstitution.
Endlich kam man an die Frage von der Vertagung der Kammer. Bonaparte wünschte sie, um
ungehindert von der Versammlung operieren zu können. Die Ordnungspartei wünschte sie,
teils zur Durchführung ihrer Fraktionsintrigen, teils zur Verfolgung der Privatinteressen
der einzelnen Deputierten. Beide bedurften ihrer, um in den Provinzen die Siege der Reaktion zu
befestigen und weiterzutreiben. Die Versammlung vertagte sich daher vom 11. August bis zum 11.
November. Da aber Bonaparte keineswegs verhehlte, daß es ihm nur darum zu tun sei, die
lästige Aufsicht der Nationalversammlung loszuwerden, drückte die Versammlung dem
Vertrauensvotum selbst den Stempel des Mißtrauens gegen den Präsidenten auf. Von der
permanenten Kommission von 28 Mitgliedern, die als Tugendwächter der Republik während
der Ferien ausharrten, wurden alle Bonapartisten ferngehalten. Statt ihrer wurden sogar einige
Republikaner vom "Siècle" und "National" hineingewählt, um dem Präsidenten die
Anhänglichkeit der Majorität an die konstitutionelle Republik darzutun.
Kurz vor und besonders unmittelbar nach der Vertagung der Kammer schienen die beiden
großen Fraktionen der Ordnungspartei, die Orleanisten und die Legitimisten, sich
versöhnen zu wollen, und zwar durch eine Verschmelzung der beiden Königshäuser,
unter deren Fahnen sie kämpfen. Die Blätter waren voll von
Versöhnungsvorschlägen, die am Krankenbett Louis-Philippes zu St Leonards diskutiert
worden seien, als der Tod Louis-Philippes plötzlich
die Situation vereinfachte. Louis-Philippe war der Usurpator, Heinrich V. der Beraubte, der Graf
von Paris dagegen, bei der Kinderlosigkeit Heinrichs V., sein rechtmäßiger Thronerbe.
Jetzt war der Verschmelzung der beiden dynastischen Interessen jeder Vorwand genommen. Gerade
jetzt aber entdeckten die beiden Fraktionen der Bourgeoisie erst, daß nicht die
Schwärmerei für ein bestimmtes Königshaus sie trennte, sondern daß vielmehr
ihre getrennten Klasseninteressen die beiden Dynastien auseinanderhielten. Die Legitimisten, die
ins Hoflager Heinrichs V. nach Wiesbaden gepilgert waren, gerade wie ihre Konkurrenten nach St.
Leonards, erhielten hier die Nachricht vom Tode Louis-Philippes. Sogleich bildeten sie ein
Ministerium in partibus infidelium, das meist aus Mitgliedern jener Kommission von
Tugendwächtern der Republik bestand und das bei Gelegenheit eines im Schoß der Partei
vorkommenden Haders mit der unumwundensten Proklamation des Rechts von Gottes Gnaden hervortrat.
Die Orleanisten jubelten über den kompromittierenden Skandal, den dies Manifest in der
Presse hervorrief, und verhehlten keinen Augenblick ihre offene Feindschaft gegen die
Legitimisten.
Während der Vertagung der Nationalversammlung traten die Departementalvertretungen
zusammen. Ihre Majorität sprach sich für eine mehr oder weniger verklausulierte
Revision der Verfassung aus, d.h., sie sprach sich aus für eine nicht näher bestimmte
monarchische Restauration, für eine "Lösung", und gestand zugleich, daß
sie zu inkompetent und zu feig sei, diese Lösung zu finden. Die bonapartistische Fraktion
legte diesen Wunsch der Revision sogleich im Sinne der Verlängerung der Präsidentschaft
Bonapartes aus.
Die verfassungsmäßige Lösung, die Abdankung Bonapartes im Mai 1852, die
gleichzeitige Wahl eines neuen Präsidenten durch sämtliche Wähler des Landes, die
Revision der Verfassung durch eine Revisionskammer in den ersten Monaten der neuen
Präsidentschaft ist für die herrschende Klasse durchaus unzulässig. Der Tag der
neuen Präsidentenwahl wäre der Tag des Rendezvous für sämtliche feindliche
Parteien, der Legitimisten, der Orleanisten, der Bourgeoisrepublikaner, der Revolutionäre.
Es müßte zu einer gewaltsamen Entscheidung zwischen den verschiedenen Fraktionen
kommen. Gelänge es selbst der Ordnungspartei, über die Kandidatur eines neutralen
Mannes außerhalb der dynastischen Familien sich zu vereinigen, so träte ihm wieder
Bonaparte gegenüber. Die Ordnungspartei ist in ihrem Kampf mit dem Volk genötigt,
beständig die Gewalt der Exekutive zu vermehren. Jede Vermehrung der Gewalt der Exekutive
vermehrt die Gewalt ihres Trägers Bonaparte. In demselben Maße daher, wie die
Ordnungspartei ihre gemeinsame Macht verstärkt, verstärkt sie die Kampfmittel der
dynastischen Präten sionen Bonapartes, verstärkt
sie seine Chance, am Tage der Entscheidung gewaltsam die konstitutionelle Lösung zu
vereiteln. Er wird sich dann ebensowenig der Ordnungspartei gegenüber an dem einen
Grundpfeiler der Verfassung stoßen, als sie dem Volk gegenüber beim Wahlgesetz an dem
anderen. Er würde scheinbar sogar der Versammlung gegenüber an das allgemeine Wahlrecht
appellieren. Mit einem Wort, die konstitutionelle Lösung stellt den ganzen politischen
Status quo in Frage, und hinter der Gefährdung des Status quo sieht der Bürger das
Chaos, die Anarchie, den Bürgerkrieg. Er sieht seine Einkäufe und Verkäufe, seine
Wechsel, seine Heiraten, seine notariellen Verträge, seine Hypotheken, seine Grundrenten,
Mietzinse, Profite, seine sämtlichen Kontrakte und Erwerbsquellen auf den ersten Sonntag im
Mai 1852 in Frage gestellt, und diesem Risiko kann er sich nicht aussetzen. Hinter der
Gefährdung des politischen Status quo verbirgt sich die Gefahr des Zusammenbrechens der
ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Die einzig mögliche Lösung im Sinne der
Bourgeoisie ist die Aufschiebung der Lösung. Sie kann die konstitutionelle Republik nur
retten durch eine Verletzung der Konstitution, durch die Verlängerung der Gewalt des
Präsidenten. Dies ist auch das letzte Wort der Ordnungspresse nach den langwierigen und
tiefsinnigen Debatten über die "Lösungen", denen sie sich nach der Session der
Generalräte hingab. Die großmächtige Ordnungspartei sieht sich so zu ihrer
Beschämung genötigt, die lächerliche, ordinäre und ihr verhaßte Person
des Pseudo-Bonaparte ernsthaft zu nehmen.
Diese schmutzige Figur täuschte sich ebenfalls über die Ursachen, die sie mehr und
mehr mit dem Charakter des notwendigen Mannes bekleideten. Während seine Partei Einsicht
genug hatte, die wachsende Bedeutung Bonapartes den Verhältnissen zuzuschreiben, glaubte er,
sie allein der Zauberkraft seines Namens und seiner ununterbrochenen Karikierung Napoleons zu
verdanken. Er wurde täglich unternehmender. Den Wallfahrten nach St. Leonards und Wiesbaden
setzte er seine Rundreisen durch Frankreich entgegen. Die Bonapartisten hatten so wenig Vertrauen
auf den magischen Effekt seiner Persönlichkeit, daß sie ihm überall Leute der
Gesellschaft vom 10. Dezember, dieser Organisation des Pariser Lumpenproletariats, massenweise in
Eisenbahnzüge und Postchaisen verpackt, als Claqueure mitschickten. Sie legten ihrer
Marionette Reden in den Mund, die je nach dem Empfang in den verschiednen Städten die
republikanische Resignation oder die ausdauernde Zähigkeit als den Wahlspruch der
präsidentiellen Politik proklamierten. Trotz aller Manöver waren diese Reisen nichts
weniger als Triumphzüge.
Nachdem Bonaparte so das Volk begeistert zu haben glaubte, setzte er sich in Bewegung, die
Armee zu gewinnen. Er ließ auf der Ebene von Satory bei Versailles große Revuen abhalten, bei denen er die Soldaten
durch Knoblauchwürste, Champagner und Zigarren zu kaufen suchte. Wenn der echte Napoleon in
den Strapazen seiner Eroberungszüge seine ermatteten Soldaten durch momentane
patriarchalische Vertraulichkeit aufzumuntern wußte, so glaubte der Pseudo-Napoleon, die
Truppen riefen zum Dank: Vive Napoleon, vive le saucisson! <Es lebe Napoleon, es lebe die
Wurst> d.h.: Es lebe die Wurst, es lebe der Hanswurst!
Diese Revuen brachten den lange verhaltenen Zwiespalt zwischen Bonaparte und seinem
Kriegsminister d'Hautpoul einerseits und Changarnier andererseits zum Ausbruch. In Changarnier
hatte die Ordnungspartei ihren wirklichen neutralen Mann gefunden, bei dem von eigenen
dynastischen Ansprüchen keine Rede sein konnte. Ihn hatte sie zum Nachfolger Bonapartes
bestimmt. Changarnier war dazu durch sein Auftreten am 29. Januar und 13. Juni 1849 der
große Feldherr der Ordnungspartei geworden, der moderne Alexander, dessen brutales
Dazwischenfahren in den Augen des zaghaften Bürgers den gordischen Knoten der Revolution
zerhauen hatte. Im Grunde ebenso lächerlich wie Bonaparte, war er so auf höchst
wohlfeile Weise zu einer Macht geworden und wurde von der Nationalversammlung dem
Präsidenten zur Überwachung gegenübergestellt. Er selbst kokettierte, z.B. bei der
Dotationsfrage mit der Protektion, die er Bonaparte schenkte, und trat immer
übermächtiger gegen ihn und die Minister auf. Als bei Gelegenheit des Wahlgesetzes eine
Insurrektion erwartet wurde, verbot er seinen Offizieren, vom Kriegsminister oder vom
Präsidenten irgendwelche Befehle anzunehmen. Die Presse trug noch dazu bei, die Gestalt
Changarniers zu vergrößern. Bei dem gänzlichen Mangel an großen
Persönlichkeiten sah sich natürlich die Ordnungspartei gedrungen, die ihrer ganzen
Klasse fehlende Kraft einem einzelnen Individuum anzudichten und dies so zum Ungeheuren
aufzuschwellen. So entstand der Mythus von Changarnier, dem "Bollwerk der Gesellschaft".
Die anmaßende Scharlatanerie, die geheimnisvolle Wichtigtuerei, womit Changarnier sich dazu
herabließ, die Welt auf seinen Schultern zu tragen, bildet den lächerlichsten Kontrast
mit den Ereignissen wahrend und nach der Revue von Satory, die unwiderleglich bewiesen, daß
es nur eines Federstrichs Bonapartes des unendlich Kleinen, bedürfe, um diese phantastische
Ausgeburt der bürgerlichen Angst, um den Koloß Changarnier auf die Dimensionen der
Mittelmäßigkeit zurückzuführen und ihn, den gesellschaftsrettenden Heros, in
einen pensionierten General zu verwandeln.
Bonaparte hatte sich schon seit längerer Zeit an Changarnier gerächt, indem er den
Kriegsminister zu Disziplinarstreitigkeiten mit dem unbequemen Protektor provozierte. Die letzte Revue bei Satory brachte endlich
den alten Groll zum Eklat. Die konstitutionelle Entrüstung Changarniers kannte keine Grenze
mehr, als er die Kavallerieregimenter mit dem verfassungswidrigen Ruf: Vive l'Empereur! <Es
lebe der Kaiser!> vorbeidefilieren sah. Bonaparte, um allen unangenehmen Debatten über
diesen Ruf in der bevorstehenden Kammersession zuvorzukommen, entfernte den Kriegsminister
d'Hautpoul, indem er ihn zum Gouverneur von Algier ernannte. An seine Stelle setzte er einen
zuverlässigen alten General aus der Kaiserzeit, der an Brutalität Changarnier
vollständig gewachsen war. Damit aber die Entlassung d'Hautpouls nicht als eine Konzession
an Changarnier erscheine, versetzte er zu gleicher Zeit den rechten Arm des großen
Gesellschaftsretters, den General Neumayer, von Paris nach Nantes. Neumayer war es gewesen, der
bei der letzten Revue die gesamte Infanterie bewogen hatte, mit eisigem Stillschweigen an dem
Nachfolger Napoleons vorbeizudefilieren. Changarnier, in Neumayer selbst getroffen, protestierte
und drohte. Umsonst Nach zweitägigen Verhandlungen erschien das Versetzungsdekret Neumayers
im "Moniteur", und dem Heros der Ordnung blieb nichts übrig, als sich der Disziplin zu
fügen oder abzudanken.
Der Kampf Bonapartes mit Changarnier ist die Fortsetzung seines Kampfes mit der Partei der
Ordnung. Die Wiedereröffnung der Nationalversammlung am 11. November findet daher unter
drohenden Auspizien statt. Es wird der Sturm im Glase Wasser sein. Im wesentlichen muß das
alte Spiel fortgehen. Die Majorität der Ordnungspartei wird indes trotz des Geschreies der
Prinzipienritter ihrer verschiedenen Fraktionen gezwungen sein, die Gewalt des Präsidenten
zu verlängern. Ebensosehr wird Bonaparte, trotz aller vorläufigen Protestationen, schon
durch den Geldmangel geknickt, diese Verlängerung der Gewalt als einfache Delegation aus den
Händen der Nationalversammlung hinnehmen. So wird die Lösung hinausgeschoben, der
Status quo forterhalten, eine Fraktion der Ordnungspartei von der anderen kompromittiert,
geschwächt, unmöglich gemacht, die Repression gegen den gemeinsamen Feind, die Masse
der Nation, ausgedehnt und erschöpft, bis die ökonomischen Verhältnisse selbst
wieder den Entwicklungspunkt erreicht haben, wo eine neue Explosion diese sämtlichen
hadernden Parteien mit ihrer konstitutionellen Republik in die Luft sprengt.
Zur Beruhigung des Bürgers muß übrigens gesagt werden, daß der Skandal
zwischen Bonaparte und der Ordnungspartei das Resultat hat, eine Menge kleiner Kapitalisten auf
der Börse zu ruinieren und ihr Vermögen in die Taschen der großen
Börsenwölfe zu spielen.