Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7, "Die
Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850", S. 12-34
Dietz Verlag Berlin/DDR 1960
I
Die Juniniederlage 1848
Vom Februar bis Juni 1848
Nach der Julirevolution, als der liberale Bankier Lafitte
seinen compère <Gefatter; Helfershelfer>, den Herzog von Orléans, im Triumph
auf das Hôtel de Ville <Stadthaus von Paris> geleitete, ließ er das Wort
fallen: "Von nun an werden die Bankiers herrschen." Lafitte hatte das Geheimnis der
Revolution verraten.
Nicht die französische Bourgeoisie herrschte unter Louis-Philippe, sondern eine
Fraktion derselben, Bankiers, Börsenkönige, Eisenbahnkönige, Besitzer von
Kohlen- und Eisenbergwerken und Waldungen, ein Teil des mit ihnen ralliierten Grundeigentums -
die sogenannte Finanzaristokratie. Sie saß auf dem Throne, sie diktierte in den
Kammern Gesetze, sie vergab die Staatsstellen vom Ministerium bis zum Tabaksbüro.
Die eigentliche industrielle Bourgeoisie bildete einen Teil der offiziellen Opposition,
d.h., sie war in der Kammer nur als Minorität vertreten. Ihre Opposition trat um so
entschiedener hervor, je reiner sich die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie entwickelte und
je mehr sie selbst nach den in Blut erstickten Emeuten 1832, 1834 und 1839 ihre Herrschaft
über die Arbeiterklasse gesichert wähnte. Grandin, Fabrikant von Rouen, in der
konstituierenden wie in der legislativen Nationalversammlung das fanatische Organ der
bürgerlichen Reaktion, war in der Deputiertenkammer der heftigste Widersacher Guizots.
Léon Faucher, später durch seine ohnmächtigen Anstrengungen bekannt, sich
zum Guizot der französischen Kontrerevolution aufzuschwingen, führte in den letzten
Zeiten Louis-Philippes einen Federkrieg für die Industrie gegen die Spekulation und ihren
Schleppenträger, die Regierung. Bastiat agitierte im Namen von Bordeaux und des
ganzen weinproduzierenden Frankreichs gegen das herrschende System.
Die kleine Bourgeoisie in allen ihren Abstufungen, ebenso die Bauernklasse waren
vollständig von der politischen Macht ausgeschlossen. Es befanden sich endlich in der offiziellen Opposition oder gänzlich
außerhalb des pays légal <des Kreises der Wahlberechtigten> die
ideologischen Vertreter und Wortführer der angeführten Klassen, ihre Gelehrten,
Advokaten, Ärzte usw., mit einem Worte: ihre sogenannten Kapazitäten.
Durch ihre Finanznot war die Julimonarchie von vorn herein abhängig von der hohen
Bourgeoisie, und ihre Abhängigkeit von der hohen Bourgeoisie wurde die unerschöpfliche
Quelle einer wachsenden Finanznot. Unmöglich, die Staatsverwaltung dem Interesse der
nationalen Produktion unterzuordnen, ohne das Gleichgewicht im Budget herzustellen, das
Gleichgewicht zwischen Staatsausgaben und Staatseinnahmen. Und wie dies Gleichgewicht herstellen
ohne Beschränkung des Staatsaufwandes, d.h. ohne Interessen zu verletzen, die ebenso viele
Stützen des herrschenden Systems waren, und ohne die Steuerverteilung neu zu regeln, d.h.
ohne einen bedeutenden Teil der Steuerlast auf die Schultern der hohen Bourgeoisie selbst zu
wälzen?
Die Verschuldung des Staates war vielmehr das direkte Interesse der durch die
Kammern herrschenden und gesetzgebenden Bourgeoisfraktion. Das Staatsdefizit, es war eben
der eigentliche Gegenstand ihrer Spekulation und die Hauptquelle ihrer Bereicherung. Nach jedem
Jahre ein neues Defizit. Nach dem Verlaufe von vier bis fünf Jahren eine neue Anleihe. Und
jede neue Anleihe bot der Finanzaristokratie neue Gelegenheit, den künstlich in der Schwebe
des Bankerotts gehaltenen Staat zu prellen - er mußte unter den ungünstigsten
Bedingungen mit den Bankiers kontrahieren. Jede neue Anleihe gab eine zweite Gelegenheit, das
Publikum, das seine Kapitalien in Staatspapiere angelegt, durch Börsenoperationen zu
plündern, in deren Geheimnis Regierung und Kammermajorität eingeweiht waren.
Überhaupt bot der schwankende Stand des Staatskredits und der Besitz der Staatsgeheimnisse
den Bankiers wie ihren Affiliierten in den Kammern und auf dem Throne die Möglichkeit,
außerordentliche, plötzliche Schwankungen im Kurse der Staatspapiere hervorzurufen,
deren stetes Resultat der Ruin einer Masse kleinerer Kapitalisten sein mußte und die
fabelhafte schnelle Bereicherung der großen Spieler. War das Staatsdefizit das direkte
Interesse der herrschenden Bourgeoisfraktion, so erklärt es sich, wie die
außerordentlichen Staatsverwendungen in den letzten Regierungsjahren Louis-Philippes
bei weitem um das Doppelte die außerordentlichen Staatsverwendungen unter Napoleon
überstiegen, ja beinah jährlich die Summe von 400 Millionen frs. erreichten,
während die jährliche Gesamtausfuhr Frankreichs im Durchschnitt sich selten zur
Höhe von 750 Millionen frs. erhob. Die enormen Summen, die so durch die Hände des Staates flossen, gaben überdem Gelegenheit zu
gaunerischen Lieferungskontrakten, Bestechungen, Unterschleifen, Spitzbübereien aller Art.
Die Übervorteilung des Staates, wie sie durch die Anleihen im Großen geschah,
wiederholte sich bei den Staatsarbeiten im Detail. Das Verhältnis zwischen Kammer und
Regierung vervielfältigte sich als Verhältnis zwischen den einzelnen Administrationen
und den einzelnen Unternehmern.
Wie die Staatsverwendungen überhaupt und die Staatsanleihen, so exploitierte die
herrschende Klasse die Eisenbahnbauten. Dem Staate wälzten die Kammern die
Hauptlasten zu, und der spekulierenden Finanzaristokratie sicherten sie die goldenen
Früchte. Man erinnert sich der Skandale in der Deputiertenkammer, wenn es gelegentlich zu
Vorschein kam, daß sämtliche Mitglieder der Majorität, ein Teil der Minister
eingerechnet, als Aktionäre bei denselben Eisenbahnbauten beteiligt waren, die sie hinterher
als Gesetzgeber auf Staatskosten ausführen ließen.
Die kleinste finanzielle Reform scheiterte dagegen an dem Einflusse der Bankiers. So z.B. die
Postreform. Rothschild protestierte. Durfte der Staat Einnahmequellen schmälern, aus
denen seine wachsende Schuld zu verzinsen war?
Die Julimonarchie war nichts als eine Aktienkompanie zur Exploitation des französischen
Nationalreichtums, deren Dividenden sich verteilten unter Minister, Kammern, 240.000 Wähler
und ihren Anhang. Louis-Philippe war der Direktor dieser Kompanie - Robert Macaire auf dem
Throne. Handel, Industrie, Ackerbau, Schiffahrt, die Interessen der industriellen Bourgeois
mußten beständig unter diesem System gefährdet und beeinträchtigt werden.
Wohlfeile Regierung, gouvernement à bon marché, hatte sie in den Julitagen auf ihre
Fahne geschrieben.
Indem die Finanzaristokratie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete, über
sämtliche organisierte öffentliche Gewalten verfügte, die öffentliche Meinung
durch die Tatsachen und durch die Presse beherrschte, wiederholte sich in allen Sphären, vom
Hofe bis zum Café Borgne <Bezichnung für verrufene Kaffehäuser und Kneipen in
Paris> dieselbe Prostitution, derselbe schamlose Betrug, dieselbe Sucht, sich zu bereichern,
nicht durch die Produktion, sondern durch die Eskamotage schon vorhandenen fremden Reichtums,
brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den
bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden
und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum
naturgemäß seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux
<ausschweifend> wird, wo Geld, Schmutz und Blut
zusammenfließen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen,
ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der
bürgerlichen Gesellschaft.
Und die nicht herrschenden Fraktionen der französischen Bourgeoisie schrien
Korruption! Das Volk schrie: À bas les grands voleurs! À bas les
assassins! <Nieder mit den großen Dieben! Nieder mit den Mördern!>
als im Jahre 1847 auf den erhabensten Bühnen der bürgerlichen Gesellschaft dieselben
Szenen öffentlich aufgeführt wurden, welche das Lumpenproletariat regelmäßig
in die Bordells, in die Armen- und Irrenhäuser, vor den Richter, in die Bagnos und auf das
Schafott führen. Die industrielle Bourgeoisie sah ihre Interessen gefährdet, die kleine
Bourgeoisie war moralisch entrüstet, die Volksphantasie war empört, Paris war von
Pamphlets überflutet - "La dynastie Rothschild", "Les juifs rois de l'époque"
<"Die Dynastie Rothschild", "Die Juden - Könige unserer Zeit"> etc. -, worin die
Herrschaft der Finanzaristokratie mit mehr oder weniger Geist denunziert und gebrandmarkt
wurde.
Rien pour la gloire! <Nichts für den Ruhm!> Der Ruhm bringt nichts ein! La paix
partout et toujours! <>Friede überall und immer!> Der Krieg drückt den Kurs
der drei- und vierprozentigen! - hatte das Frankreich der Börsenjuden auf seine Fahne
geschrieben. Seine auswärtige Politik verlor sich daher in eine Reihe von Kränkungen
des französischen Nationalgefühls, das um so lebhafter auffuhr, als mit der
Einverleibung Krakaus in Österreich der Raub an Polen vollendet wurde und Guizot im
schweizerischen Sonderbundskrieg aktiv auf seiten der Heiligen Allianz trat. Der Sieg der
Schweizer Liberalen in diesem Scheinkriege hob das Selbstgefühl der bürgerlichen
Opposition in Frankreich, die blutige Erhebung des Volkes zu Palermo wirkte wie ein elektrischer
Schlag auf die paralysierte Volksmasse und rief ihre großen revolutionären
Erinnerungen und Leidenschaften wach.(1)
Der Ausbruch des allgemeinen Mißbehagens wurde endlich beschleunigt, die Verstimmung zur
Revolte gereift durch zwei ökonomische Weltereignisse.
Die Kartoffelkrankheit und Mißernten von 1845 und 1846 steigerten die
allgemeine Gärung im Volke. Die Teuerung von 1847 rief in Frankreich wie auf dem
übrigen Kontinente blutige Konflikte hervor. Gegenüber den schamlosen Orgien der
Finanzaristokratie - der Kampf des Volkes um die ersten Lebensmittel! Zu Buzançais die
Emeutiers des Hungers hingerichtet, zu Paris
übersättigte Escrocs <Gauner> den Gerichten durch die königliche Familie
entrissen!
Das zweite große ökonomische Ereignis, welches den Ausbruch der Revolution
beschleunigte, war eine allgemeine Handels- und Industriekrise in England; schon Herbst
1845 angekündigt durch die massenhafte Niederlage der Eisenbahnaktien-Spekulaten,
hingehalten während des Jahres 1846 durch eine Reihe von Inzidenzpunkten wie die
bevorstehende Abschaffung der Kornzölle, eklatierte sie endlich Herbst 1847 in den
Bankerotten der großen Londoner Kolonialwarenhändler, denen die Falliten der
Landbanken und das Schließen der Fabriken in den englischen Industriebezirken auf dem
Fuße nachfolgten. Noch war die Nachwirkung dieser Krise auf dem Kontinent nicht
erschöpft, als die Februarrevolution ausbrach.
Die Verwüstung des Handels und der Industrie durch die ökonomische Epidemie machte
die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie noch unerträglicher. In ganz Frankreich rief die
oppositionelle Bourgeoisie die Bankettagitation für eine Wahlreform hervor,
welche ihr die Majorität in den Kammern erobern und das Ministerium des Börse
stürzen sollte. Zu Paris hatte die industrielle Krisis noch speziell die Folge, eine Masse
Fabrikanten und Großhändler, die auf dem auswärtigen Markte unter den
gegenwärtigen Umständen keine Geschäfte mehr machen konnten, auf den inneren
Handel zu werfen. Sie errichteten große Etablissements, deren Konkurrenz Épiciers
und Boutiquiers <Krämer und Kleinhändler> massenhaft ruinierte. Daher eine Unzahl
Falliten in diesem Teile der Pariser Bourgeoisie, daher ihr revolutionäres Auftreten im
Februar.. Es ist bekannt, wie Guizot und die Kammern die Reformvorschläge mit einer
unzweideutigen Herausforderung beantworteten, wie Louis-Philippe sich zu spät zu einem
Ministerium Barrot entschloß, wie es zum Handgemenge zwischen dem Volke und der Armee kam,
wie die Armee durch die passive Haltung der Nationalgarde entwaffnet wurde, wie die Julimonarchie
einer provisorischen Regierung den Platz räumen mußte.
Die provisorische Regierung, die sich auf den Februarbarrikaden erhob, spiegelte in
ihrer Zusammensetzung notwendig die verschiedenen Parteien ab, worunter sich der Sieg verteilte.
Sie konnte nichts anderes sein als ein Kompromiß der verschiedenen Klassen, die
gemeinsam den Julithron umgestürzt, deren Interessen sich aber feindlich
gegenüberstanden. Ihre große Majorität bestand aus Vertretern der
Bourgeoisie. Das republikanische Kleinbürgertum vertreten in Ledru-Rollin und Flocon, die
republikanische Bourgeoisie in den Leuten vom "National", die dynastische Opposition in Crémieux, Dupont de l'Eure usw. Die Arbeiterklasse besaß
nur zwei Repräsentanten, Louis Blanc und Albert. Lamartine endlich in der provisorischen
Regierung, das war zunächst kein wirkliches Interesse, keine bestimmte Klasse, das war die
Februarrevolution selbst, die gemeinsame Erhebung mit ihren Illusionen, ihrer Poesie, ihrem
eingebildeten Inhalt und ihrer Phrase. Übrigens gehörte der Wortführer der
Februarrevolution, seiner Stellung wie seinen Ansichten nach, der Bourgeoisie an.
Wenn Paris infolge der politischen Zentralisation Frankreich beherrscht, beherrschen die
Arbeiter in Augenblicken revolutionärer Erdbeben Paris. Der erste Lebensakt der
provisorischen Regierung war der Versuch, sich diesem überwältigenden Einflusse zu
entziehen durch einen Appell von dem trunkenen Paris an das nüchterne Frankreich. Lamartine
bestritt den Barrikadenkämpfern das Recht, die Republik auszurufen, dazu sei nur die
Majorität der Franzosen befugt; ihre Stimmgebung sei abzuwarten, das Pariser Proletariat
dürfe seinen Sieg nicht beflecken durch eine Usurpation. Die Bourgeoisie erlaubte dem
Proletariat nur eine Usurpation - die des Kampfes.
Um die Mittagsstunde des 25. Februar war die Republik noch nicht ausgerufen, waren dagegen
sämtliche Ministerien schon verteilt unter die bürgerlichen Elemente der provisorischen
Regierung und unter die Generale, Bankiers und Advokaten des "National". Aber die Arbeiter waren
entschlossen, diesmal keine ähnliche Eskamotage zu dulden wie im Juli 1830. Sie waren
bereit, von neuem den Kampf aufzunehmen und die Republik durch Waffengewalt zu erzwingen. Mit
dieser Botschaft begab sich Raspail auf das Hôtel de Ville: Im Namen des Pariser
Proletariats befahl er der provisorischen Regierung, die Republik auszurufen.; sei dieser
Befehl des Volkes im Laufe von zwei Stunden nicht vollstreckt, so werde er an der Spitze von
200.000 Mann zurückkehren. Noch waren die Leichen der Gefallenen kaum erkaltet , die
Barrikaden nicht weggeräumt, die Arbeiter nicht entwaffnet, und die einzige Macht, die man
ihnen entgegenstellen konnte, war die Nationalgarde. Unter diesen Umständen verschwanden
plötzlich die staatsklugen Bedenken und juristischen Gewissensskrupel der provisorischen
Regierung. Die Frist von zwei Stunden war nicht abgelaufen, und schon prangten an allen Mauern
von Paris die historischen Riesenworte:
République français! Liberté, Egalité,
Fraternité!
Mit der Proklamation der Republik auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts war selbst die
Erinnerung an die beschränkten Zwecke und Motive ausgelöscht, welche die Bourgeoisie in
die Februarrevolution gejagt hatten. Statt einer weniger
Fraktionen des Bürgertums - sämtliche Klassen der französischen Gesellschaft
plötzlich in den Kreis der politischen Macht hineingeschleudert, gezwungen, die Logen, das
Parterre, die Galerie zu verlassen und in eigener Person auf der revolutionären Bühne
mitzuspielen! Mit dem konstitutionellen Königtum auch der Schein einer eigenmächtig der
bürgerlichen Gesellschaft gegenüberstehenden Staatsmacht verschwunden und die ganze
Reihe von untergeordneten Kämpfen, welche diese Scheinmacht herausfordert!
Das Proletariat, indem es der provisorischen Regierung und durch die provisorische Regierung
ganz Frankreich die Republik diktierte, trat sofort als selbständige Partei in den
Vordergrund, aber es forderte zugleich das ganze bürgerliche Frankreich gegen sich in die
Schranken. Was es eroberte, war das Terrain für den Kampf um seine revolutionäre
Emanzipation, keineswegs diese Emanzipation selbst.
Die Februarrepublik mußte zunächst vielmehr die Herrschaft der Bourgeoisie
vervollständigen, indem sie neben der Finanzaristokratie sämtliche besitzenden
Klassen in den Kreis der politischen Macht eintreten ließ. Die Majorität der
großen Grundbesitzer, die Legitimisten wurden von der politischen Nichtigkeit emanzipiert,
wozu die Julimonarchie sie verurteilt hatte. Nicht umsonst hatte die "Gazette de France"
gemeinsam mit den Oppositionsblättern agitiert, nicht umsonst La Rochejaquelein in der
Sitzung der Deputiertenkammer vom 24. Februar die Partei der Revolution ergriffen. Durch das
allgemeine Wahlrecht wurden die nominellen Eigentümer, welche die große Majorität
der Franzosen bilden, die Bauern, zu Schiedsrichtern über das Schicksal Frankreichs
eingesetzt. Die Februarrepublik ließ endlich die Bourgeoisherrschaft rein hervortreten,
indem sie die Krone abschlug, hinter der sich das Kapital versteckt hielt.
Wie die Arbeiter in den Julitagen die bürgerliche Monarchie, hatten sie in den
Februartagen die bürgerliche Republik erkämpft. Wie die Julimonarchie gezwungen
war, sich anzukündigen als eine Monarchie, umgeben von republikanischen
Institutionen, so die Februarrepublik als eine Republik, umgeben von sozialen
Institutionen. Das Pariser Proletariat erzwang auch diese Konzession.
Marche, ein Arbeiter, diktierte das Dekret, worin die eben erst gebildete provisorische
Regierung sich verpflichtete, die Existenz der Arbeiter durch die Arbeit sicherzustellen, allen
Bürgern Arbeit zu verschaffen usw. Und als sie wenige Tage später ihre Verpflichtung
vergaß und aus den Augen verloren zu haben schien, marschierte eine Masse von 20.000
Arbeitern auf das Hôtel de Ville mit dem Rufe: Organisation der Arbeit! Bildung eines
eigenen Ministeriums der Arbeit! Widerstrebend und nach langen Debat ten ernannte die provisorische Regierung eine permanente
Spezialkommission, beauftragt, die Mittel zur Verbesserung der arbeitenden Klassen
auszufinden! Diese Kommission wurde gebildet aus Delegierten der Pariser
Handwerkskorpoationen und präsidiert von Louis Blanc und Albert. Das Luxembourg wurde ihr
als Sitzungssaal angewiesen. So waren die Vertreter der Arbeiterklasse von dem Sitze der
provisorischen Regierung verbannt, der bürgerliche Teil derselben behielt die wirkliche
Staatsmacht und die Zügel der Verwaltung ausschließlich in den Händen, und
neben den Ministerien der Finanzen, des Handels, der öffentlichen Arbeiten,
neben der Bank und der Börse erhob sich eine sozialistische Synagoge, deren
Hohepriester, Louis Blanc und Albert, die Aufgabe hatten, das gelobte Land zu entdecken, das neue
Evangelium zu verkünden und das Pariser Proletariat zu beschäftigen. Zum Unterschiede
von jeder profanen Staatsmacht stand ihnen kein Budget, keine exekutive Gewalt zur
Verfügung. Mit dem Kopfe sollten sie die Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft
einrennen. Während das Luxembourg den Stein der Weisen suchte, schlug man im Hôtel de
Ville die kurshabende Münze.
Und dennoch, die Ansprüche des Pariser Proletariats, soweit sie über die
bürgerliche Republik hinausgingen, sie konnte keine andere Existent gewinnen als die
nebelhafte des Luxembourg.
Gemeinsam mit der Bourgeoisie hatten die Arbeiter die Februarrevolution gemacht, neben
der Bourgeoisie suchten sie ihre Interessen durchzusetzen, wie sie in der provisorischen
Regierung selbst neben die bürgerliche Majorität einen Arbeiter installiert hatten.
Organisation der Arbeit! Aber die Lohnarbeit, das ist die vorhandene bürgerliche
Organisation der Arbeit. Ohne sie kein Kapital, keine Bourgeoisie, keine bürgerliche
Gesellschaft. Ein eigenes Ministerium der Arbeit! Aber die Ministerien der Finanzen, des
Handels, der öffentlichen Arbeiten, sind sie nicht die bürgerlichen Ministerien
der Arbeit? Und neben ihnen ein proletarisches Ministerium des Arbeit, es
mußte ein Ministerium der Ohnmacht sein, ein Ministerium der frommen Wünsche, eine
Kommission des Luxembourg. Wie die Arbeiter glaubten, neben der Bourgeoisie sich emanzipieren, so
meinten sie, neben den übrigen Bourgeoisienationen innerhalb der nationalen Wände
Frankreichs eine proletarische Revolution vollziehen zu können. Aber die französischen
Produktionsverhältnisse sind bedingt durch den auswärtigen Handel Frankreichs, durch
seine Stellung auf dem Weltmarkt und die Gesetze desselben; wie sollte Frankreich sie brechen
ohne einen europäischen Revolutionskrieg, der auf den Despoten des Weltmarkts, England,
zurückschlüge?
Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft konzentrieren,
sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären
Tätigkeit: Feinde niederzuschlagen, durch das Bedürfnis des Kampfes gegebene
Maßregeln zu ergreifen; die Konsequenzen ihrer eigenen Taten treiben sie weiter. Sie stellt
keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an. Die französische
Arbeiterklasse befand sich aber nicht auf diesem Standpunkte, sie war noch unfähig, ihre
eigene Revolution durchzuführen.
Die Entwicklung des industriellen Proletariats ist überhaupt bedingt durch die
Entwicklung der industriellen Bourgeoisie. Unter ihrer Herrschaft gewinnt es erst die ausgedehnte
nationale Existenz, die seine Revolution zu einer nationalen erheben kann, schafft es selbst erst
die modernen Produktionsmittel, welche ebenso viele Mittel seiner revolutionären Befreiung
werden. Ihre Herrschaft reißt erst die materiellen Wurzeln der feudalen Gesellschaft aus
und ebnet das Terrain, worauf allein eine proletarische Revolution möglich ist. Die
französische Industrie ist ausgebildeter und die französische Bourgeoisie
revolutionärer entwickelt als die des übrigen Kontinents. Aber die Februarrevolution,
war sie nicht unmittelbar gegen die Finanzaristokratie gerichtet? Diese Tatsache bewies,
daß die industrielle Bourgeoisie Frankreich nicht beherrschte. Die industrielle Bourgeoisie
kann nur da herrschen, wo die moderne Industrie alle Eigentumsverhältnisse sich
gemäß gestaltet, und nur da kann die Industrie diese Gewalt gewinnen, wo sie den
Weltmarkt erobert hat, denn die nationalen Grenzen genügen ihrer Entwicklung nicht.
Frankreichs Industrie aber, zum großen Teil, behauptet selbst den nationalen Markt nur
durch ein mehr oder minder modifiziertes Prohibitivsystem. Wenn das französische Proletariat
daher in dem Augenblicke einer Revolution zu Paris eine faktische Gewalt und einen Einfluß
besitzt, die es zu einem Anlaufe über seine Mittel hinaus anspornen, so ist es in dem
übrigen Frankreich an einzelnen zerstreuten industriellen Zentralpunkten
zusammengedrängt, fast verschwindend unter einer Überzahl von Bauern und
Kleinbürgern. Der Kampf gegen das Kapital in seiner entwickelten modernen Form, in seinem
Springpunkt, der Kampf des industriellen Lohnarbeiters gegen den industriellen Bourgeois ist in
Frankreich ein partielles Faktum, das nach den Februartagen um so weniger den nationalen Inhalt
der Revolution abgeben konnte, als der Kampf gegen die untergeordneten Exploitationsweisen des
Kapitals, des Bauern gegen den Wucherer und die Hypotheke, des Kleinbürgers gegen den
Großhändler, Bankier und Fabrikanten, mit einem Worte, gegen den Bankerott, noch
eingehüllt war in die allgemeine Erhebung gegen die Finanzaristokratie. Nichts
erklärlicher also, als daß das Pariser Proletariat sein Interesse neben dem
bürgerlichen durchzusetzen suchte, statt es als das revolutionäre Interesse der
Gesellschaft selbst zur Geltung zu bringen, daß es die
rote Fahne vor der trikoloren fallen ließ. Die französischen Arbeiter
konnten keinen Schritt vorwärts tun, kein Haar der bürgerlichen Ordnung krümmen,
bevor der Gang der Revolution die zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie stehende Masse der
Nation, Bauern und Kleinbürger, nicht gegen diese Ordnung, gegen die Herrschaft des Kapitals
empört, sie gezwungen hatte, sich den Proletariern als ihren Vorkämpfern
anzuschließen. Nur durch die ungeheure Niederlage im Juni konnten die Arbeiter diesen Sieg
erkaufen.
Die Kommission des Luxembourg, diesem Geschöpfe der Pariser Arbeiter, bleibt das
Verdienst, das Geheimnis der Revolution des neunzehnten Jahrhunderts von einer europäischen
Tribüne herab verraten zu haben: die Emanzipation des Proletariat. Der "Moniteur"
errötete, als er die "wilden Schwärmereien" offiziell propagieren mußte, die
bisher vergraben lagen in den apokryphischen Schriften der Sozialisten und nur von Zeit zu Zeit
als ferne, halb fürchterliche, halb lächerliche Sagen an das Ohr der Bourgeoisie
anschlugen. Europa fuhr überrascht aus seinem bürgerlichen Halbschlummer auf. In der
Idee der Proletarier also, welche die Finanzaristokratie mit der Bourgeoisie überhaupt
verwechselten; in der Einbildung republikanischer Biedermänner, welche die Existenz selbst
der Klassen leugneten oder höchstens als Folge der konstitutionellen Monarchie zugaben; in
den heuchlerischen Phrasen der bisher von der Herrschaft ausgeschlossenen bürgerlichen
Fraktionen war die Herrschaft der Bourgeoisie abgeschafft mit der Einführung der
Republik. Alle Royalisten verwandelten sich damals in Republikaner und alle Millionäre von
Paris in Arbeiter. Die Phrase, welche dieser eingebildeten Aufhebung der Klassenverhältnisse
entsprach, war die fraternité, die allgemeine Verbrüderung und
Brüderschaft. Diese gemütliche Abstraktion von den Klassengegensätzen, diese
sentimentale Ausgleichung der sich widersprechenden Klasseninteressen, diese schwärmerische
Erhebung über den Klassenkampf, die fraternité , sie war das eigentliche Stichwort
der Februarrevolution. Die Klassen waren durch ein bloßes Mißverständnis
gespalten und Lamartine taufte die provisorische Regierung am 24. Februar: "un gouvernement qui
suspende ce malentendu terrible qui existe entre les différent classes". <"eine
Regierung, die dieses fürchterliche Mißverständnis aufhebt, das
zwischen den verschiedenen Klassen besteht"> Das Pariser Proletariat schwelgte in
diesem großmütigen Fraternitätsrausche.
Die provisorische Regierung ihrerseits, einmal gezwungen, die Republik zu proklamieren, tat
alles, um sie der Bourgeoisie und den Provinzen annehm bar zu
machen. Die blutigen Schrecken der ersten französischen Republik wurden desavouiert durch
die Abschaffung der Todesstrafe für politische Verbrechen, die Presse wurde allen Meinungen
freigegeben, die Armee, die Gerichte, die Administration blieben mit wenigen Ausnahmen in den
Händen ihrer alten Würdenträger, keiner der großen Schuldigen der
Julimonarchie wurde zur Rechenschaft gezogen. Die bürgerlichen Republikaner des "National"
amüsierten sich damit, monarchische Namen und Kostüme mit altrepublikanischen zu
vertauschen. Für sie war die Republik nichts als ein neuer Ballanzug für die alte
bürgerliche Gesellschaft. Ihr Hauptverdienst suchte die junge Republik darin, nicht
abzuschrecken, vielmehr selbst beständig zu erschrecken und durch die weiche Nachgiebigkeit
und Widerstandslosigkeit ihrer Existenz Existenz zu gewinnen und den Widerstand zu entwaffnen.
Den privilegierten Klassen im Innern, den despotischen Mächten nach außen wurde laut
verkündet, die Republik sei friedfertiger Natur. Leben und leben lassen sei ihr Motto. Es
kam hinzu, daß kurz nach der Februarrevolution Deutsche, Polen, Österreicher, Ungarn,
Italiener, jedes Volk seiner unmittelbaren Situation gemäß revoltierte. Rußland
und England waren, letzteres selbst bewegt und das andere eingeschüchtert, nicht
vorbereitet. Die Republik fand also vor sich keinen nationalen Feind. Also keine
großartigen auswärtigen Verwicklungen, welche die Tatkraft entzünden, den
revolutionären Prozeß beschleunigen, die provisorische Regierung vorwärtstreiben
oder über Bord werfen konnten. Das Pariser Proletariat, das in der Republik seine eigene
Schöpfung erblickte, akklamierte natürlich jedem Akt der provisorischen Regierung, der
sie leichter in der bürgerlichen Gesellschaft Platz greifen ließ. Von
Caussidière ließ es sich willig zu Polizeidiensten verwenden, um das Eigentum in
Paris zu beschützen, wie es die Lohnzwiste zwischen Arbeitern und Meistern von Louis Blanc
schlichten ließ. Es war sein Point d'honneur, vor den Augen von Europa die bürgerliche
Ehre der Republik unangetastet zu erhalten.
Die Republik fand keinen Widerstand, weder von außen noch von innen. Damit war sie
entwaffnet. Ihre Aufgabe bestand nicht mehr darin, die Welt revolutionär umzugestalten, sie
bestand nur noch darin, sich den Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft
anzupassen. Mit welchem Fanatismus sich die provisorische Regierung dieser Aufgabe unterzog,
dafür gibt es keine sprechenderen Zeugnisse als ihre finanziellen
Maßregeln.
Der öffentliche Kredit und der Privatkredit waren natürlich
erschüttert. Der öffentliche Kredit beruhte auf dem Vertrauen, daß sich
der Staat durch die Juden der Finanz exploitieren läßt. Aber der alte Staat war
verschwunden, und die Revolution war vor allem gegen die Finanzaristokratie gerichtet. Die Schwingungen der letzten europäischen Handelskrise
hatten noch nicht ausgeschlagen: Noch folgten Bankerotte auf Bankerotte.
Der Privatkredit war also paralysiert, die Zirkulation gehemmt, die Produktion
gestockt, ehe die Februarrevolution ausbrach. Die revolutionäre Krise steigerte die
kommerzielle. Und wenn der Privatkredit auf dem Vertrauen beruht, daß die bürgerliche
Produktion in dem ganzen Umfange ihrer Verhältnisse, daß die bürgerliche Ordnung
unangetastet und unantastbar ist, wie mußte eine Revolution wirken, welche die Grundlage
der bürgerlichen Produktion, die ökonomische Sklaverei des Proletariats in Frage
stellte, welche der Börse gegenüber die Sphinx des Luxembourg aufrichtet? Die Erhebung
des Proletariats, das ist die Abschaffung des bürgerlichen Kredits; denn es ist die
Abschaffung der bürgerlichen Produktion und ihrer Ordnung. Der öffentliche Kredit und
der Privatkredit sind der ökonomische Thermometer, woran man die Intensität einer
Revolution messen kann. In demselben Grade, worin sie fallen, steigt die Glut und die
Zeugungskraft der Revolution.
Die provisorische Regierung wollte der Republik den antibürgerlichen Schein abstreifen.
Sie mußte daher vor allem den Tauschwert dieser neuen Staatsform, ihren Kurs
auf der Börse zu sichern suchen. Mit dem Preiskurant der Republik auf der Börse hob
sich notwendig wieder der Privatkredit.
Um selbst den Verdacht zu beseitigen, als wolle oder könne sie den von der
Monarchie übernommenem Verpflichtungen nicht nachkommen, um an die bürgerliche Moral
und Zahlungsfähigkeit der Republik glauben zu machen, nahm die provisorische Regierung zu
einer ebenso würdelosen als kindischen Renommage ihre Zuflucht. Vor dem gesetzlichen
Zahlungstermin zahlte sie den Staatsgläubigern die Zinsen der 5%, 41/2%, 4% aus. Das
bürgerliche Aplomb, das Selbstgefühl der Kapitalisten erwachte plötzlich, als sie
die ängstliche Hast sahen, womit man ihr Vertrauen zu erkaufen suchte.
Die Geldverlegenheit der provisorischen Regierung verminderte sich natürlich nicht durch
einen Theaterstreich, der sie des vorrätigen baren Geldes beraubte. Die Finanzklemme war
nicht länger zu verbergen, und Kleinbürger, Dienstboten, Arbeiter
mußten die angenehme Überraschung zahlen, welche man den Staatsgläubigern
bereitet hatte.
Die Sparkassenbücher über den Betrag von 100 frs. hinaus wurden für
nicht mehr in Geld einwechselbar erklärt. Die in den Sparkassen niedergelegten Summen wurden
konfisziert und durch ein Dekret in eine nicht rückzahlbare Staatsschuld verwandelt. Damit
wurde der ohnehin bedrängte Kleinbürger gegen die Republik erbittert. Indem er
an die Stelle seiner Sparkassenbücher Staatsschuldscheine erhielt, wurde er gezwungen, auf
die Börse zu gehen, um sie zu verkaufen und sich so
direkt in die Hände der Börsenjuden zu liefern, gegen die er die Februarrevolution
gemacht hatte.
Die Finanzaristokratie, welche unter der Julimonarchie herrschte, hatte ihre Hochkirche in der
Bank. Wie die Börse den Staatskredit regiert, so die Bank den
Handelskredit.
Durch die Februarrevolution direkt bedroht, nicht nur in ihrer Herrschaft, sondern in ihrer
Existenz, suchte die Bank von vornherein die Republik zu diskreditieren, indem sie die
Kreditlosigkeit allgemein machte. Den Bankiers, den Fabrikanten, den Kaufleuten kündigte sie
plötzlich den Kredit auf. Dieses Manöver, indem es nicht sofort eine Kontrerevolution
hervorrief, schlug notwendig auf die Bank selbst zurück. Die Kapitalisten zogen das Geld
zurück, das sie in den Kellern der Bank niedergelegt hatten. Die Inhaber von Banknoten
stürzten an ihre Kasse, um sie gegen Gold und Silber auszuwechseln.
Ohne gewaltsame Einmischung, auf legale Weise konnte die provisorische Regierung die Bank zum
Bankerott zwingen; sie hatte sich nur passiv zu verhalten und die Bank ihrem Schicksale zu
überlassen. Der Bankerott der Bank - das war die Sündflut, welche die
Finanzaristokratie, die mächtigste und gefährlichste Feindin der Republik, das goldene
Piedestal der Julimonarchie, in einem Nu von dem französischen Boden wegfegte. Und die Bank
einmal bankerott, mußte die Bourgeoisie selbst es als einen letzten verzweifelten
Rettungsversuch betrachten, wenn die Regierung eine Nationalbank schuf und den nationalen Kredit
der Kontrolle der Nation unterwarf.
Die provisorische Regierung gab dagegen den Noten der Bank Zwangskurs. Sie tat mehr.
Sie verwandelte alle Provinzialbanken in Zweiginstitute der Banque de France und ließ sie
ihr Netz über ganz Frankreich auswerfen. Sie versetzte ihr später die
Staatswaldungen als Garantie für eine Anleihe, die sie bei ihr kontrahierte. So
befestigte und erweiterte die Februarrevolution unmittelbar die Bankokratie, die sie stürzen
sollte.
Unterdessen krümmte sich die provisorische Regierung unter dem Alp eines wachsenden
Defizits. Vergebens bettelte sie um patriotische Opfer. Nur die Arbeiter warfen ihr Almosen hin.
Er mußte zu einem heroischen Mittel geschritten werden, zur Ausschreibung einer neuen
Steuer. Aber wen besteuern? Die Börsenwölfe, die Bankkönige, die
Staatsgläubiger, die Rentiers, die Industriellen? Das war kein Mittel, die Republik bei der
Bourgeoisie einzuschmeicheln. Das hieß von der einen Seite des Staatskredit und den
Handelskredit gefährden, während man ihn von der anderen Seite mit so großen
Opfern und Demütigungen zu erkaufen suchte. Aber jemand mußte blechen. Wer wurde dem
bürgerlichen Kredit geopfert? Jacques le bonhomme, der Bauer.
Die provisorische Regierung schrieb eine Zusatzsteuer von
45 Centimes pro Franc auf die vier direkten Steuern aus. Dem Pariser Proletariat schwindelte die
Regierungspresse vor, diese Steuer falle vorzugsweise auf das große Grundeigentum, auf die
Inhaber der von der Restauration oktroyierten Milliarde. In der Wirklichkeit traf sie aber vor
allem die Bauernklasse, d.h. die große Majorität des französischen Volkes.
Sie mußten die Kosten der Februarrevolution zahlen, an ihnen gewann die
Kontrerevolution ihr Hauptmaterial. Die 45-Centimes-Steuer, das war eine Lebensfrage für den
französischen Bauer, er machte sie zur Lebensfrage für die Republik. Die
Republik für den französischen Bauer, das war von diesem Augenblicke an die
45-Centimes-Steuer, und in dem Pariser Proletariat erblickte er den Verschwender, der sich
auf seine Kosten gemütlich tat.
Während die Revolution von 1789 damit begann, den Bauern die Feudallasten
abzuschütteln, kündigte sich die Revolution von 1848, um das Kapital nicht zu
gefährden und seine Staatsmaschinerie im Gange zu halten, mit einer neuen Steuer bei der
Landbevölkerung an.
Nur durch ein Mittel konnte die provisorische Regierung alle diese Ungelegenheiten
beseitigen und den Staat aus seiner alten Bahn herausschleudern - durch die Erklärung des
Staatsbankerotts. Man erinnert sich, wie Ledru-Rollin in der Nationalversammlung
nachträglich die tugendhafte Entrüstung rezitierte, womit er diese Zumutung des
Börsenjuden Fould, jetzigen französischen Finanzministers, von sich abwies. Fould hatte
ihm den Apfel vom Baume der Erkenntnis gereicht.
Indem die provisorische Regierung die Wechsel anerkannte, welche die alte bürgerliche
Gesellschaft auf den Staat gezogen hatte, war sie ihr verfallen. Sie war zum bedrängten
Schuldner der bürgerlichen Gesellschaft geworden, statt ihr als drohender Gläubiger
gegenüberzustehen, der vieljährige revolutionäre Schuldforderungen einzukassieren
hatte. Sie mußte die wankenden bürgerlichen Verhältnisse befestigen, um
Verpflichtungen nachzukommen, die nur innerhalb dieser Verhältnisse zu erfüllen sind.
Der Kredit ward zu ihrer Lebensbedingung und die Konzessionen an das Proletariat, die ihm
gemachten Verheißungen, zu ebenso vielen Fesseln, die gesprengt werden
mußten. Die Emanzipation der Arbeiter - selbst als Phrase - wurde zu einer
unerträglichen Gefahr für die neue Republik, denn sie war eine beständige
Protestation gegen die Herstellung des Kredits, der auf der ungestörten und ungetrübten
Anerkennung der bestehenden ökonomischen Klassenverhältnisse beruhte. Es mußte
also mit den Arbeitern geendet werden.
Die Februarrevolution hatte die Armee aus Paris hinausgeworfen. Die Nationalgarde, d.h. die
Bourgeoisie in ihren verschiedenen Abstufungen, bildete die
einzige Macht. Allein fühlte sie sich indes dem Proletariat nicht gewachsen. Überdem
war sie gezwungen, wenngleich nach dem zähesten Widerstande, hundert verschiedene
Hindernisse entgegenhaltend, allmählich und bruchweise ihre Reihen zu öffnen und
bewaffnete Proletarier in dieselben eintreten zu lassen. Es blieb also nur ein Ausweg übrig:
einen Teil der Proletarier dem andren entgegenzustellen.
Zu diesem Zwecke bildete die provisorische Regierung 24 Bataillone Mobilgarden, jedes
zu tausend Mann, aus jungen Leuten von 15 bis 20 Jahren. Sie gehörten
größtenteils dem Lumpenproletariat an, das in allen großen Städten
eine vom industriellen Proletariat genau unterschiedende Masse bildet, ein Rekrutierplatz
für Diebe und Verbrecher aller Art, von den Abfällen der Gesellschaft lebend, Leute
ohne bestimmten Arbeitszweig, Herumtreiber, gens sans feu et sans aveu <dunkle Existenzen
(Menschen ohne Heim und ohne gesellschaftliche Anerkennung)>, verschieden nach dem
Bildungsgrade der Nation, der sie angehören, nie den Lazzaronicharakter verleugnend; in dem
jugendlichen Alter, worin die provisorische Regierung sie rekrutierte, durchaus bestimmbar, der
größten Heldentaten und der exaltiertesten Aufopferung fähig, wie der gemeinsten
Banditenstreiche und der schmutzigsten Bestechlichkeit. Die provisorische Regierung zahlte ihnen
pro Tag 1 fr. 50 cts., d.h., sie erkaufte sie. Sie gab ihnen eine eigene Uniform, d.h., sie
unterschied sie äußerlich von der Bluse. Zu Führern wurden ihnen teils Offiziere
aus dem stehenden Heere zugeordnet, teils wählten sie selbst junge Bourgeoissöhne,
deren Rodomontaden vom Tode fürs Vaterland und Hingebung für die Republik
bestachen.
So stand dem Pariser Proletariat eine aus seiner eigenen Mitte gezogene Armee von 24.000
jugendlich kräftigen, tollkühnen Männern gegenüber. Es schrie der Mobilgarde
auf ihren Zügen durch Paris Vivats! zu. Es erkannte in ihr seine Vorkämpfer auf
den Barrikaden. Es betrachtete sie als die proletarische Garde im Gegensatze zur
bürgerlichen Nationalgarde. Sein Irrtum war verzeihlich.
Neben der Mobilgarde beschloß die Regierung noch eine industrielle Arbeiterarmee um sich
zu scharen. Hunderttausend durch die Krise und die Revolution auf das Pflaster geworfene Arbeiter
einrollierte der Minister Marie in sogenannte Nationalateliers. Unter diesem prunkenden Namen
versteckte sich nichts anderes als die Verwendung der Arbeiter zu langweiligen, eintönigen,
unproduktiven Erdarbeiten für einen Arbeitslohn von 23 Sous. Englische workhouses
im Freien - weiter waren diese Nationalateliers nichts. In ihnen glaubte die provisorische
Regierung eine zweite proletarische Armee gegen die
Arbeiter selbst gebildet zu haben. Diesmal irrte sich die Bourgeoisie in den
Nationalateliers, wie sich die Arbeiter in der Nationalgarde irrten. Sie hatte eine Armee
für die Emeute geschaffen.
Aber ein Zweck war erreicht.
Nationalateliers - das war der Name der Volkswerkstätten, die Louis Blanc im
Luxembourg predigte. Die Ateliers Maries, im direkten Gegensatze zum Luxembourg entworfen,
boten durch die gemeinsame Firma den Anlaß zu einer Intrige der Irrungen, würdig der
spanischen Bedientenkomödie. Die provisorische Regierung selbst verbreitete unter der Hand
das Gerücht, diese Nationalateliers seien die Erfindung Louis Blanc, und es schien dies um
so glaublicher, als Louis Blanc, der Prophet der Nationalateliers, Mitglied der provisorischen
Regierung war. Und in der halb naiven, halb absichtlichen Verwechslung der Pariser Bourgeoisie,
in der künstlich unterhaltenen Meinung Frankreichs, Europas waren jene workhouses die erste
Verwirklichung des Sozialismus, der mit ihnen an den Pranger gestellt wurde.
Nicht durch ihren Inhalt, aber durch ihren Titel waren die Nationalateliers die
verkörperte Protestation des Proletariats gegen die bürgerliche Industrie, den
bürgerlichen Kredit und die bürgerliche Republik. Auf sie wälzte sich also der
ganze Haß der Bourgeoisie. In ihnen hatte sie zugleich den Punkt gefunden, worauf sie den
Angriff richten konnte, sobald sie genug erstarkt war, offen mit der Februarrevolution zu
brechen. Alles Unbehagen, aller Mißmut der Kleinbürger richtete sich
gleichzeitig auf diese Nationalateliers, die gemeinsame Zielscheibe. Mit wahrem Grimme
berechneten sie die Summen, welche die proletarischen Tagediebe verschlangen, während ihre
eigene Lage täglich unerträglicher wurde. Eine Staatspension für eine
Scheinarbeit, das ist der Sozialismus! knurrten sie in sich hinein. Die Nationalateliers, die
Deklamationen des Luxembourg, die Züge der Arbeiter durch Paris - in ihnen suchten sie den
Grund ihrer Misere. Und niemand fanatisierte sich mehr gegen die angeblichen Machinationen der
Kommunisten als der Kleinbürger, der rettungslos am Abgrunde des Bankerotts schwebte.
So waren im bevorstehenden Handgemenge zwischen Bourgeoisie und Proletariat alle Vorteile,
alle entscheidenden Posten, alle Mittelschichten der Gesellschaft in den Händen der
Bourgeoisie zur selben Zeit, als die Wellen der Februarrevolution über den ganzen Kontinent
hoch zusammenschlugen und jede neue Post ein neues Revolutionsbulletin brachte, bald aus Italien,
bald aus Deutschland, bald aus dem fernsten Südosten von Europa, und den allgemeinen Taumel
des Volkes unterhielt, ihm beständiges Zeugnisse eines Sieges bringend, den es schon
verwirkt hatte.
Der 17. März und der 16. April waren die ersten Plänklergefechte in
dem großen Klassenkampfe, den die bürgerliche
Republik unter ihren Fittichen verbarg.
Der 17. März offenbarte die zweideutige, keine entscheidende Tat zulassende
Situation des Proletariats. Seine Demonstration bezweckte ursprünglich, die provisorische
Regierung auf die Bahn der Revolution zurückzuwerfen, nach Umständen die
Ausschließung ihrer bürgerlichen Glieder zu bewirken und die Aufschiebung der Wahltage
für die Nationalversammlung und die Nationalgarde zu erzwingen. Aber am 16. März machte
die in der Nationalgarde vertretene Bourgeoisie eine der provisorischen Regierung feindselige
Demonstration. Unter dem Rufe: À bas Ledru-Rollin! <Nieder mit Ledru-Rollin!> drang
sie zum Hôtel de Ville. Und das Volk war gezwungen, am 17. März zu rufen: Es lebe
Ledru-Rollin! Es lebe die provisorische Regierung! Es war gezwungen, gegen das
Bürgertum die Partei der bürgerlichen Republik zu ergreifen, die ihm in Frage gestellt
schien. Der 17. März verpuffte in eine melodramatische Szene, und wenn das Pariser
Proletariat an diesem Tage noch einmal seinen Riesenleib zur Schau trug, war die Bourgeoisie
innerhalb und außerhalb der provisorischen Regierung um so entschlossener, ihn zu
brechen.
Der 16. April war ein durch die provisorische Regierung mit der Bourgeoisie
veranstaltetes Mißverständnis. Die Arbeiter hatten sich zahlreich auf dem
Marsfelde versammelt und im Hippodrom, um ihre Wahlen für den Generalstab der Nationalgarde
vorzubereiten. Plötzlich verbreitete sich in ganz Paris, von einem Ende bis zum anderen, mit
Blitzesschnelle das Gerücht, die Arbeiter hätten sich im Marsfeld bewaffnet versammelt,
unter der Abführung Louis Blanc, Blanquis, Cabets und Raspails, um von da auf das
Hôtel de Ville zu ziehen, die provisorische Regierung zu stürzen und eine
kommunistische Regierung zu proklamieren. Der Generalmarsch wird geschlagen - Ledru-Rollin,
Marrast, Lamartine machten sich später die Ehre seiner Initiative streitig -, in einer
Stunde stehen 100.000 Mann unter den Waffen, das Hôtel e Ville ist an allen Punkten von
Nationalgarden besetzt, der Ruf: Nieder mit den Kommunisten! Nieder mit Louis Blanc, mit Blanqui,
mit Raspail, mit Cabet! donnerte durch ganz Paris, und der provisorischen Regierung wird von
einer Unzahl Deputationen gehuldigt, alle bereit, das Vaterland und die Gesellschaft zu retten.
Als die Arbeiter endlich vor dem Hôtel de Ville erscheinen, um der provisorischen Regierung
eine patriotische Kollekte zu überreichen, die sie auf dem Marsfelde gesammelt hatten,
erfahren sie zu ihrer Verwunderung, daß das bürgerliche Paris in einem höchst
behut sam angelegten Scheinkampfe ihren Schatten geschlagen
hat. Das furchtbare Attentat vom 16. April gab den Vorwand zur Zurückberufung der Armee
nach Paris - der eigentliche Zweck der plump angelegten Komödie - und zu den
reaktionären föderalistischen Demonstrationen der Provinzen.
Am 4. Mai trat die aus den direkten allgemeinen Wahlen hervorgegangene
Nationalversammlung zusammen. Das allgemeine Stimmrecht besaß nicht die magische
Kraft, welche ihm die Republikaner alten Schlages zugetraut hatten. In ganz Frankreich,
wenigstens in der Majorität der Franzosen, erblickten sie Citoyens mit denselben
Interessen, derselben Einsicht usw. Es war dies ihr Volkskultus. Statt ihres
eingebildeten Volkes brachten die Wahlen das wirkliche Volk ans Tageslicht, d.h.
Repräsentanten der verschiedenen Klassen, worin es zerfällt. Wir haben gesehen, warum
Bauern und Kleinbürger unter der Leitung der kampflustigen Bourgeoisie und der
restaurationswütigen großen Grundeigentümer wählen mußten. Aber wenn
das allgemeine Stimmrecht nicht die wundertätige Wünschelrute war, wofür
republikanische Biedermänner es angesehen hatten, besaß es das ungleich höhere
Verdienst, den Klassenkampf zu entfesseln, die verschiedenen Mittelschichten der
bürgerlichen Gesellschaft ihre Illusionen und Enttäuschungen rasch durchleben zu
lassen, sämtliche Fraktionen der exploitierenden Klasse in einem Wurfe auf die
Staatsbühne zu schleudern und ihnen so die trügerische Larve abzureißen,
während die Monarchie mit ihrem Zensus nur bestimmte Fraktionen der Bourgeoisie sich
kompromittieren und die anderen hinter den Kulissen im Versteck ließ und sie mit dem
Heiligenschein einer gemeinsamen Opposition umgab.
In der konstituierenden Nationalversammlung, die am 4. Mai zusammentrat, besaßen die
Bourgeoisrepublikaner, die Republikaner des "National" die Oberhand. Legitimisten und
Orleanisten selbst wagten sich zunächst nur unter der Maske des bürgerlichen
Republikanismus zu zeigen. Nur im Namen der Republik konnte der Kampf gegen das Proletariat
aufgenommen werden.
Vom 4. Mai, nicht vom 25. Februar, datiert die Republik, d.h. die vom
französischen Volke anerkannte Republik; es ist nicht die Republik, welche das Pariser
Proletariat der provisorischen Regierung aufdrang, nicht die Republik mit sozialen Institutionen,
nicht das Traumbild, das des Barrikadenkämpfern vorschwebte. Die von der Nationalversammlung
proklamierte, die einzig legitime Republik, es ist die Republik, welche keine revolutionäre
Waffe gegen die bürgerliche Ordnung, vielmehr ihre politische Rekonstitution, die politische
Wiederbefestigung der bürgerlichen Gesellschaft ist, mit einem Worte: die
bürgerliche Republik. Von der Tribüne der Nationalversammlung erscholl diese Behauptung, in der gesamten republikanischen und
antirepublikanischen Bürgerpresse fand sie ihr Echo.
Und wie haben gesehen, wie die Februarrepublik wirklich nichts anderes war und sein konnte als
eine bürgerliche Republik, wie aber die provisorische Regierung unter dem
unmittelbaren Drucke des Proletariats gezwungen war, sie als eine Republik mit sozialen
Institutionen anzukündigen, wie das Pariser Proletariat noch unfähig war, anders
als in der Vorstellung, in der Einbildung über die bürgerliche Republik
hinauszugehen, wie es überall in ihrem Dienste handelte, wo es wirklich zur Handlung kam,
wie die ihm gemachten Verheißungen zur unerträglichen Gefahr für die neue
Republik wurden, wie der ganze Lebensprozeß der provisorischen Regierung sich in einen
fortdauernden Kampf gegen die Forderungen des Proletariats zusammenfaßte.
In der Nationalversammlung saß ganz Frankreich zu Gericht über das Pariser
Proletariat. Sie brach sofort mit den sozialen Illusionen der Februarrevolution, sie proklamierte
rundheraus die bürgerliche Republik, nichts als die bürgerliche Republik. Sofort
schloß sie aus der von ihr ernannten Exekutivkommission die Vertreter des Proletariats aus:
Louis Blanc und Albert; sie verwarf den Vorschlag eines besondern Arbeitsministeriums, sie
empfing mit stürmischen Beifallsrufen die Erklärung des Ministers Trélat: "Es
handelt sich nur noch darum, die Arbeit auf ihre alten Bedingungen
zurückzuführen."
Aber das alles genügte nicht. Die Februarrevolution war von den Arbeitern erkämpft
unter dem passiven Beistande der Bourgeoisie. Die Proletarier betrachteten sich mit Recht als die
Sieger des Februar, und sie machten die hochmütigen Ansprüche des Siegers. Sie
mußten auf der Straße besiegt, es mußte ihnen gezeigt werden, daß sie
unterlagen, sobald sie nicht mit der Bourgeoisie, sondern gegen die Bourgeoisie
kämpften. Wie die Februarrepublik mit ihren sozialistischen Zugeständnissen einer
Schlacht des mit der Bourgeoisie gegen das Königtum vereinten Proletariats bedurfte, so war
eine zweite Schlacht nötig, um die Republik von den sozialistischen Zugeständnissen zu
scheiden, um die bürgerliche Republik offiziell als die herrschende herauszuarbeiten.
Mit den Waffen in der Hand mußte die Bourgeoisie die Forderungen des Proletariats
widerlegen. Und die wirkliche Geburtsstätte der bürgerlichen Republik, es ist nicht der
Februarsieg, es ist die Juniniederlage.
Das Proletariat beschleunigte die Entscheidung, als es den 15. Mai in die Nationalversammlung
drang, seinen revolutionären Einfluß erfolglos wiederzuerobern suchte und nur seine
energischen Führer den Kerkermeistern der Bourgeoisie ausgeliefert hatte. Il faut en
finir! Diese Situation muß endigen! In diesem Schrei machte die Nationalversammlung
ihrem Entschlusse Luft, das Proletariat zum entscheidenden Kampfe zu zwingen. Die Exekutiv kommission erließ eine Reihe herausfordernder Dekrete,
wie das Verbot der Volkszusammenscharungen usw. Von der Tribüne der konstituierenden
Nationalversammlung herab wurden die Arbeiter direkt provoziert, beschimpft, verhöhnt. Aber
der eigentliche Angriffspunkt war, wie wir gesehen haben, in den Nationalateliers gegeben.
Auf sie wies die konstituierende Versammlung gebieterisch die Exekutivkommission hin, die nur
darauf harrte, ihren eigenen Plan als Gebot der Nationalversammlung ausgesprochen zu
hören.
Die Exekutivkommission begann damit, den Zutritt in die Nationalateliers zu erschweren, den
Taglohn in Stücklohn zu verwandeln, die nicht in Paris gebürtigen Arbeiter nach der
Sologne, angeblich zur Ausführung von Erdarbeiten, zu verbannen. Diese Erdarbeiten waren nur
eine rhetorische Formel, womit man ihre Verjagung beschönigte, wie die enttäuschten
zurückkehrenden Arbeiter ihren Genossen verkündeten. Endlich am 21. Juni erschien ein
Dekret im "Moniteur", welches die gewaltsame Austreibung aller unverheirateten Arbeiter aus den
Nationalateliers verordnete oder ihre Einrollierung in die Armee.
Es blieb den Arbeitern keine Wahl, sie mußten verhungern oder losschlagen. Sie
antworteten am 22. Juni mit der ungeheuren Insurrektion, worin die erste große Schlacht
geliefert wurde zwischen den beiden Klassen, welche die moderne Gesellschaft spalten. Es war der
Kampf um die Erhaltung oder Vernichtung der bürgerlichen Ordnung. Der Schleier, der
die Republik verhüllte, zerriß.
Es ist bekannt, wie die Arbeiter mit beispielloser Tapferkeit und Genialität, ohne Chefs,
ohne gemeinsamen Plan, ohne Mittel, zum größten Teil der Waffen entbehrend, die Armee,
die Mobilgarde, die Pariser Nationalgarde und die aus der Provinz hinzuströmende
Nationalgarde während fünf Tagen im Schach hielten. Es ist bekannt, wie die Bourgeoisie
für die ausgestandene Todesangst sich in unerhörter Brutalität entschädigte
und über 3.000 Gefangene massakrierte.
So sehr waren die offiziellen Vertreter der französischen Demokratie in der
republikanischen Ideologie befangen, daß sie erst einige Wochen später den Sinn des
Junikampfes zu ahnen begannen. Sie waren wie betäubt von dem Pulverdampfe, worin ihre
phantastische Republik zerrann.
Der unmittelbare Eindruck, den die Nachricht von der Juniniederlage auf uns hervorbrachte, der
Leser wird uns erlauben, ihn mit den Worten der "Neuen Rheinischen Zeitung" zu schildern:
"Der letzte offizielle Rest der Februarrevolution, die Exekutivkommission, ist vor dem Ernst
der Ereignisse wie ein Nebelbild zerflossen. Lamartines Leuchtkugeln haben sich verwandelt in die
Brandraketen Cavaignacs. Die Fraternité, die
Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen, wovon die eine die andere exploitiert, die
Fraternité, im Februar proklamiert, mit großen Buchstaben auf die Stirne von Paris
geschrieben, auf jedes Gefängnis, auf jede Kaserne - ihr wahrer, unverfälschter, ihr
prosaischer Ausdruck, das ist der Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in seiner
fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Kapitals. Diese Brüderlichkeit
flammte vor allen Fenstern von Paris am Abend des 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie
illuminierte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete, verächzte. Die
Brüderlichkeit währte gerade so lange, als das Interesse der Bourgeoisie mit dem
Interesse des Proletariats verbrüdert war. - Pedanten der alten revolutionären
Überlieferung von 1793, sozialistische Systematiker, die bei der Bourgeoisie für das
Volk bettelten und denen erlaubt worden wurde, lange Predigten zu halten und sich so lange zu
kompromittieren, als der proletarische Löwe in Schlaf gelullt werden mußte,
Republikaner, welche die ganze alte bürgerliche Ordnung mit dem Abzug des gekrönten
Kopfes verlangten, dynastische Oppositionelle, denen der Zufall an die Stelle eines
Ministerwechsels den Sturz einer Dynastie unterschob, Legitimisten, welche die Livrée
nicht abwerfen, sondern ihren Schnitt verändern wollten, das waren die Bundesgenossen, womit
das Volk seinen Februar machte ... Die Februarrevolution war die schöne Revolution,
die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das
Königtum eklatierten, unentwickelt, einträchtig nebeneinander schlummerten, weil
der soziale Kampf, der ihren Hintergrund bildete, nur eine luftige Existenz gewonnen hatte, die
Existenz der Phrase, des Worts. Die Junirevolution ist die häßliche
Revolution, die abstoßende Revolution, weil an die Stelle der Phrase die Sache getreten
ist, weil die Republik das Haupt des Ungeheuers selbst entblößte, indem sie ihm die
schirmende und versteckende Krone abschlug. - Ordnung! war der Schlachtruf Guizots.
Ordnung! schrie Sébastiani, der Guizotin, als Warschau russisch wurde.
Ordnung! schreit Cavaignac, das brutale Echo der französischen Nationalversammlung
und der republikanischen Bourgeoisie. Ordnung! donnerten seine Kartätschen, als sie
den Leib des Proletariats zerrissen. Keine der zahlreichen Revolutionen der französischen
Bourgeoisie seit 1789 war ein Attentat auf die Ordnung, denn sie ließ die
bürgerliche Ordnung bestehen, sooft auch die politische Form dieser Herrschaft und
dieser Sklaverei wechselte. Der Juni hat diese Ordnung angetastet. Wehe über den Juni!" ("N.
Rh. Z.", 29. Juni 1848)
Wehe über den Juni! schallt das europäische Echo zurück.
Von der Bourgeoisie wurde das Pariser Proletariat zur
Juniinsurrektion gezwungen. Schon darin lag sein Verdammungsurteil. Weder sein
unmittelbares eingestandenes Bedürfnis trieb es dahin, den Sturz der Bourgeoisie gewaltsam
erkämpfen zu wollen, noch war es dieser Aufgabe gewachsen. Der "Moniteur" mußte
ihm offiziell eröffnen. daß die Zeit vorüber, wo die Republik vor seinen
Illusionen die Honneurs zu machen sich veranlaßt sah, und erst seine Niederlage
überzeugte es von der Wahrheit, daß die geringste Verbesserung seiner Lage eine
Utopie bleibt innerhalb der bürgerlichen Republik, eine Utopie, die zum
Verbrechen wird, sobald sie sich verwirklichen will. An die Stelle seiner, der Form nach
überschwenglichen, dem Inhalte nach kleinlichen und selbst noch bürgerlichen
Forderungen, deren Konzession es der Februarrepublik abdingen wollte, trat die kühne
revolutionäre Kampfparole: Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse!
Indem das Proletariat seine Leichenstätte zur Geburtsstätte der bürgerlichen
Republik machte, zwang es sie sogleich, in ihrer reinen Gestalt herauszutreten als der Staat,
dessen eingestandener Zweck ist, die Herrschaft des Kapitals, die Sklaverei der Arbeit zu
verewigen. Im steten Hinblicke auf den narbenvollen, unversöhnbaren, unbesiegbaren Feind -
unbesiegbar, weil seine Existenz die Bedingung ihres eigenen Lebens ist - mußte die von
allen Fesseln befreite Bourgeoisherrschaft sofort in den Bourgeoisterrorismus umschlagen.
Das Proletariat einstweilen von der Bühne beseitigt, die Bourgeoisdiktatur offiziell
anerkannt, mußten die mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft,
Kleinbürgertum und Bauernklasse, in dem Maße, als ihre Lage unerträglicher und
ihr Gegensatz gegen die Bourgeoisie schroffer wurde, mehr und mehr sich an das Proletariat
anschließen. Wie früher in seinem Aufschwunge, mußten sie jetzt in seiner
Niederlage den Grund ihrer Misere finden.
Wenn die Juniinsurrektion überall auf dem Kontinent das Selbstgefühl der Bourgeoisie
hob und sie offen in einen Bund mit dem feudalen Königtum gegen das Volk treten ließ,
wer war das erste Opfer diese Bundes? Die kontinentale Bourgeoisie selbst. Die Juniniederlage
verhinderte sie, ihre Herrschaft zu befestigen und das Volk auf der untergeordnetsten Stufe der
bürgerlichen Revolution halb befriedigt, halb verstimmt, stillstehn zu machen.
Endlich verriet die Juniniederlage den despotischen Mächten Europas das Geheimnis,
daß Frankreich unter allen Bedingungen den Frieden nach außen aufrechterhalten
müsse, um den Bürgerkrieg nach innen führen zu können. So wurden die
Völker, die den Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit begonnen hatten, der
Übermacht Rußlands, Österreichs und Preußens preisgegeben., aber
gleichzeitig wurde das Schicksal dieser nationalen Revolutionen dem Schicksal der proletarischen Revolution unterworfen, ihrer
scheinbaren Selbständigkeit, ihrer Unabhängigkeit von der großen sozialen
Umwälzung beraubt. Der Ungar soll nicht frei sein, nicht der Pole, nicht der Italiener,
solange der Arbeiter Sklave bleibt!
Endlich nahm Europa durch die Siege der Heiligen Allianz eine Gestalt an, die jede neue
proletarische Erhebung in Frankreich mit einem Weltkriege unmittelbar zusammenfallen
läßt. Die neue französische Revolution ist gezwungen, sofort den nationalen Boden
zu verlassen und das europäische Terrain zu erobern, auf dem allein die soziale
Revolution des 19. Jahrhunderts sich durchführen kann.
Erst durch die Juniniederlage also wurden alle Bedingungen geschaffen, innerhalb deren
Frankreich die Initiative der europäischen Revolution ergreifen kann. Erst in das
Blut der Juniinsurgenten getaucht, wurde die Trikolore zur Fahne der europäischen
Revolution - zur roten Fahne!
Und wir rufen: Die Revolution ist tot! - Es lebe die Revolution!
Anmerkungen von Friedrich Engels zur Ausgabe von 1895
(1) Annexion von Krakau durch Österreich im Einverständnis mit
Rußland und Preußen 11. November 1846. - Schweizer Sonderbundskrieg 4. bis 28.
November 1847. - Aufstand in Palermo 12. Januar 1848, Ende Januar neuntägiges Bombardement
der Stadt durch die Neapolitaner.