Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 5, S. 435-436
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1959
Die englisch-französische Vermittlung in Italien
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 123 vom 22. Oktober 1848]
*Köln, 21. Oktober. Die
englisch-französische Vermittlung in Italien ist aufgegeben. Der Totenkopf der
Diplomatie grinst nach jeder Revolution und namentlich nach den Reaktionen, die jeder
Revolution folgen. Die Diplomatie verkriecht sich in ihr parfümiertes Beinhaus, sooft der
Donner einer neuen Revolution grollt. Die Wiener Revolution hat die
französisch-englische Diplomatie weggeblasen.
Palmerston hat seine Ohnmacht eingestanden, Bastide hat sie eingestanden. Die
Wiener Revolution hat den langweiligen Korrespondenzen dieser Herren, wie sie erklären,
ein Ende gemacht. Bastide hat dies dem sardinischen Gesandten, dem Marquis Ricci,
offiziell eröffnet.
Auf Befragen des letztern, "ob Frankreich unter gewissen Umständen die Waffen zugunsten
Sardiniens ergreifen wurde", hat der farouche <wilde> Republikaner Bastide (vom
"National") einen Knix gemacht, einmal, zweimal, dreimal und gesungen
Vertraut auf mich und helft euch selbst,
So wird auch Gott euch helfen.
<H. Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XII>
Frankreich halte am Prinzipe der Nichtintervention fest, an demselben Prinzipe, von
dessen Bekämpfung Bastide und die übrigen Herren des "National"
jahrelang zehrten zu Guizots Zeiten.
In dieser italienischen Frage hätte sich die französische "hoinette"
Republik tödlich blamiert, wäre sie nicht erhaben über alle Schmach seit dem
schicksalsschwangern Juni.
Rien pour la gloire! <Nichts um des Ruhmes willen!> sagen die Freunde des Handels
unter allen Umständen. Rien pour la gloire! ist das Motto der tugendhaften, der
gemäßigten, der anständigen, der
gesetzten, der honetten, mit einem Worte - der Bourgeoisrepublik. Rien pour la gloire!
Lamartine war die Einbildung der Bourgeoisrepublik von sich selbst, die
überschwengliche, die phantastische, die schwärmerische Vorstellung, die sie sich von
sich selbst machte, ihr Traum von ihrer eigenen Herrlichkeit. Was kann man sich nicht alles
einbilden! Wie Äolus aus seinem Schlauche alle Winde, so entfesselte er alle Luftgeister,
alle Phrasen der Bourgeoisrepublik und blies sie nach Ost und West, windige Worte von
Fraternität aller Völker, von der Emanzipation, die allen Völkern durch
Frankreich bevorstehe, von Aufopferung Frankreichs für alle Völker.
Er tat - nichts.
Die Tat zu seinen Phrasen übernahm Cavaignac und sein auswärts gekehrtes
Organ, Bastide.
Die unerhörten Szenen in Neapel, die unerhörten Szenen in Messina, die
unerhörten Szenen im Mailändischen ließen sie ruhig unter ihren Augen
vorgehen.
Und damit nicht der geringste Zweifel übrigbliebe, daß in der "honetten" Republik
dieselbe Klasse herrsche, also auch dieselbe auswärtige Politik wie unter der
konstitutionellen Monarchie, unter Cavaignac dieselbe wie unter Louis-Philippe, nimmt man in
den Völkerzwisten zu dem alten ewig neuen Mittel seine Zuflucht, zur entente cordiale mit
England, mit dem England Palmerstons, mit dem England der kontrerevolutionären
Bourgeoisie.
Die Geschichte durfte aber die Spitze nicht vergessen, die Pointe. Ein Redakteur des
"National", Bastide, mußte krampfhaft die Hand Englands ergreifen. Und die
entente cordiale war der Haupttrumpf, den der arme Anglophage "National" sein Leben lang
ausgespielt hatte gegen Guizot.
Auf dem Grabstein der "honetten" Republik wird zu lesen sein: Bastide-Palmerston.
Aber selbst die entente cordiale Guizots ist von den "honetten" Republikanern überboten
worden. Die Offiziere der französischen Flotte ließen sich von den neapolitanischen
Offizieren in einem Bankett traktieren - und jubelten Gesundheit zu dem Könige von
Neapel, dem blödsinnigen Tiger Ferdinand, auf den noch rauchenden Trümmern
von Messina. Über ihren Köpfen aber verdampften die Phrasen Lamartines.
Geschrieben von Karl Marx.