Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 5, S. 303-304
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1971
Die "Kölnische Zeitung" über die Zwangsanleihe
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 65 vom 4. August 1848]
*Köln, 3. August. Nummer 215 der
"Kölnischen Zeitung" bringt folgenden Aufruf an den rheinischen Patriotismus:
"Wie wir soeben zuverlässig erfahren, sind hier in der Stadt Köln
bis heute zu der freiwilligen Anleihe ungefähr 210.000 Taler teils bar eingezahlt, teils
gezeichnet. Es steht zu erwarten, daß diejenigen, welche sich bis jetzt nicht an dieser
Staatsanleihe beteiligt haben, in den nächsten zehn Tagen ihre Pflicht als
Staatsbürger erkennen und erfüllen werden, um so mehr, da ihr eigner Vorteil
ihnen wohl raten muß, ihr Geld lieber vor dem 10. August zu 5 Prozent als nach
demselben zu 3 1/3 Prozent herzuleihen. Insbesondere ist es nötig, daß die
Landbewohner, die bis jetzt noch nicht im rechten Verhältnis zu jener Anleihe beigetragen
haben, jene Frist nicht versäumen. Wo Patriotismus und richtige Einsicht fehlen,
müßte sonst der Zwang eintreten."
Ganze 12/3 Prozent Prämie sind
auf den Patriotismus der Steuerpflichtigen gesetzt, und "trotz alledem und alledem" verharrt
der Patriotismus in seinem latenten Zustand! C'est inconcevable. <Das ist unbegreiflich.>
12/3 Prozent Differenz! Kann der
Patriotismus solch klingendem Argument vom 12/3 Prozent widerstehn?
Es ist unsere Pflicht, der geliebten Kollegin dies wunderbare Phänomen zu
erklären.
Womit will der preußische Staat nicht 5, sondern nur 31/3 Prozent zahlen? Mit neuen Steuern. Und wenn
die gewöhnlichen Steuern nicht ausreichen, wie vorherzusehen ist, mit einer neuen
Zwangsanleihe. Und womit die Zwangsanleihe Nr. II? Mit einer Zwangsanleihe Nr. III. Und womit
die Zwangsanleihe Nr. III? Mit dem Bankerutt. Der Patriotismus gebietet also, den Weg,
den die preußische Regierung eingeschlagen, auf jede mögliche Weise nicht mit
Talern, sondern mit Protesten zu verbarrikadieren.
Preußen erfreut sich ferner schon einer
Extraschuld von 10 Millionen Talern für den Hunnenkrieg in Posen. Fünfzehn Millionen
Taler freiwilliger Anleihe wären also nur eine Indemnitätsbill für die Intrigen
des geheimen Kabinetts von Potsdam, das den Befehlen des schwachen Kabinetts von Berlin
entgegen diesen Krieg im Interesse der Russen und der Reaktion führte. Die
junkertümliche Kontrerevolution ist herablassend genug, sich an bürgerliche und
bäuerliche Geldbeutel zu adressieren, die hinterher ihre Heldentaten saldieren sollen. Und
die hartherzigen "Landbewohner" widerstehen solcher Herablassung? Das "Ministerium der Tat"
verlangt ferner Geld für die Konstablerwirtschaft, und ihr besitzt nicht die
"richtige Einsicht" in die Segnungen der aus dem Englischen ins Preußische
übersetzten Konstablerei? Das "Ministerium der Tat" will euch knebeln, und ihr verweigert
das Geld für die Beschaffung der Knebel? Sonderbarer Mangel an Einsicht!
Das Ministerium der Tat braucht Geld, um die uckermärkischen Sonderinteressen gegen die
deutsche Einheit durchzusetzen. Und die Landbewohner des Regierungsbezirks Köln sind
verblendet genug, die Kosten für die Verteidigung der uckermärkisch-pommerschen
Nationalität nicht tragen zu wollen, trotz der Prämie von 12/3 Prozent? Wo bleibt da der Patriotismus?
Unsere patriotische Kollegin, die mit "Exekution" droht, vergißt
schließlich in ihrem Eifer, daß die Zwangsanleihe noch nicht von der
Vereinbarungsversammlung votiert ist und daß ministerielle Entwürfe dieselbe
Gesetzeskraft haben wie die Leitartikel der "Kölnischen Zeitung".