Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 5, S. 178-183
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1971
Berliner Vereinbarungsdebatten
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 37 vom 7. Juli 1848]
**Köln, 6. Juli. Während in Berlin
die Ministerkrisis Nr. 2 ihren weiteren Verlauf nimmt, wollen wir uns einstweilen, um mit dem
Abgeordneten Mätze zu sprechen, "aus diesen Stürmen" in den bisher so "stillen
See" der Vereinbarungsdebatte zurückbegeben. Man mag sagen, was man will, wir haben hier
mehr als eine Stunde gemütlicher Heiterkeit verlebt -
Hier herrschen noch Zucht und Sitte,
Und manches stille Vergnügen blüht
Auch hier, in unserer Mitte.
<H. Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XXV>
Die Sitzung vom 30. Juni ist an der Reihe. Gleich von vornherein eröffnet sie
sich durch bedeutende, ganz besonders charakteristische Vorkommnisse.
Wer hat nicht gehört von dem großen Feldzuge der siebenundfünfzig
bergisch-märkischen Familienväter zur Rettung des Vaterlandes? Wer weiß nicht,
mit welcher Todesverachtung diese Blüte der konservativen Pfahlbürgerschaft sich
aufgemacht, Weib und Kind und Geschäft im Stich gelassen hat, um auf die Bresche zu
treten, um der Revolution eine Schlacht auf Tod und Leben zu liefern, um, mit einem Wort, nach
Berlin zu ziehen und dem Ministerium eine Petition gegen die Wühler zu
überreichen?
Diese siebenundfünfzig Paladine haben denn auch der Vereinbarungsversammlung eine
Zuschrift, enthaltend leise reaktionäre fromme Wünsche, eingereicht. Die Zuschrift
wird verlesen. Einige Herren von der Rechten wünschen auch die Unterschriften zu
hören. Der Sekretär fängt an zu lesen, es entsteht Unterbrechung, man ruft:
"Genug, genug!"
Abgeordneter Berg:
"Das verlesene Schriftstück ist entweder ein Antrag oder eine Petition.
Ist es ein Antrag, so möchte ich wissen, welches Mitglied ihn zu dem seinigen macht. Ist
es eine Petition, so möge man sie an die
betreffende Kommission geben lassen und uns nicht weiter damit ennuyieren."
Diese lakonische Antwort des Herrn Berg beseitigt die Sache. Der Präsident stammelt
einige Entschuldigungen und legt die Zuschrift der siebenundfünfzig Familienväter
beiseite.
Hierauf erhebt sich unser und der Linken alter Freund, der Abgeordnete Schultz von
Wanzleben:
"Ich habe vorgestern meine Anträge wegen Zivilehe etc.
zurückgezogen mit der Erklärung, daß die Gesetzentwürfe anders von mir
formuliert werden sollten. Ich finde hierbei in den stenographischen Berichten bemerkt:
'Gelächter'. Es mag sein, daß der eine oder der andere hierbei gelacht hat,
aber gewiß ohne Grund." (neues Gelächter.)
Der Abgeordnete Schultz von Wanzleben setzt nun mit der biedersten Gutmütigkeit
auseinander, wie er nur das Beste wolle und sich gern eines Bessern belehren lasse; wie er sich
über die Unvollkommenheit der von ihm eingereichten Gesetzentwürfe habe belehren
lassen, wie er nun doch nicht selbst Amendements zu seinen eignen Vorschlägen einreichen
könne, und wie er es daher für seine Pflicht halte, den Antrag der Versammlung in der
ursprünglichen Form nicht "unterzubreiten", sondern ihn vorläufig
zurückzuziehen.
"Ich kann daran nichts Lächerliches finden und muß mich dagegen
verwahren, wenn durch das Wort 'Gelächter' meine wohlmotivierte Verfahrensweise als eine
lächerliche dargestellt ist."
Es geht dem Abgeordneten Schultz von Wanzleben wie dem Ritter Tannhäuser:
Wenn ich an dieses Lachen denk',
So weine ich plötzliche Tränen.
<H. Heine, "Tannhäuser", Kaput 2>
Der Abgeordnete Brill bemerkt, in den sonst so ausgezeichneten stenographischen
Berichten fehle eine Phrase des Ministers Hansemann, daß das Programm des
gegenwärtigen Ministeriums eine Fortsetzung der Thronrede sei. Es sei ihm dies ganz
besonders im Gedächtnis geblieben, weil er als Buchdrucker dabei an die so oft von ihm
gedruckte Phrase "Fortsetzung folgt" gedacht habe.
Diese leichtfertige Behandlung der ernstesten Gegenstände entrüstet den
Abgeordneten Herrn Ritz aufs äußerste. Er stürzt auf die Tribüne
und äußert:
"Meine Herren, ich glaube, es gehört zur Würde der Versammlung,
daß wir uns der Gleichnisse in den Reden und der Vergleichungen, die hier nicht an
Ort und Stelle sind, enthalten. Sie sind auch nicht parlamentarisch. (Große
Unruhe.) Wir haben die vorige Sitzung mit
großer Hilarität zugebracht, das halte ich für die Würde der
Versammlung nicht angemessen ... ich würde im Interesse der Würde dieser Versammlung
eine gewisse Sobrietät empfehlen."
"Im Interesse" der vom Abgeordneten Ritz empfohlenen "Sobrietät" würden wir dem
Abgeordneten Ritz "im Interesse der Würde der Versammlung" empfehlen, so wenig als
möglich das Wort zu ergreifen, da ihm "große Hilarität" stets auf dem
Fuße folgt.
Wie sehr aber die wohlgemeinten Absichten solcher Biedermänner wie der Herren Schultz
von Wanzleben und Ritz stets in dieser argen Welt mißkannt werden, zeigte sich sogleich.
Der Präsident Herr Grabow ernannte nämlich die Skrutatoren und unter ihnen
für das linke Zentrum den Herrn Schultz von Wanzleben (Gelächter) und für das
rechte Zentrum den Herrn Brill (Hilarität). Was Herrn Brill angeht, so müssen unsere
Leser wissen, daß dieser Abgeordnete, der der entschiedensten Linken angehört, sich
ins rechte Zentrum mitten unter die oberschlesischen und pommerschen Bauern gesetzt hat, bei
denen er durch sein populäres Redetalent manche Einflüsterungen der reaktionären
Partei scheitern machte.
Folgt die Interpellation des Herrn Behnsch wegen der russischen Note, die den
Rückzug Wrangels aus Jütland bewirkt haben soll. Auerswald leugnet trotz
"Morning Chronicle" und russischer "Biene" die Existenz dieser Note ab. Wir glauben, daß
Herr Auerswald recht hat; wir glauben nicht, daß Rußland eine offizielle "Note"
nach Berlin geschickt hat. Was aber Nikolaus nach Potsdam geschickt hat, können wir
ebensowenig wissen wie Herr Auerswald.
Herr Behnsch interpelliert ebenfalls wegen der Note des Majors Wildenbruch an die
dänische Regierung, wonach der dänische Krieg nur ein Scheinkrieg, eine Spielerei zur
Beschäftigung der patriotischen Überkraft sei.
Auf diese Interpellation findet Herr Auerswald Veranlassung, nicht zu
antworten.
Nach einer langweiligen und verzwickten Diskussion über Fachkommissionen kommt endlich
einmal eine wirklich interessante parlamentarische Szene vor, eine Szene, bei der etwas
Indignation, etwas Leidenschaft siegreich das stereotype Getrommel der Rechten
übertönt. Es ist der Abgeordnete Gladbach, dem wir diese Szene verdanken. Der
Kriegsminister hatte auf heute seine Interpellation wegen Entwaffnung und Verhaftung der
zurückgekommenen Freischärler zu beantworten versprochen. <Siehe "Vereinbarungsdebatten">
Sowie der Präsident anzeigt, daß dieser
Gegenstand vorliegt, erhebt sich sofort der Herr Oberstlieutenant Griesheim, den wir
schon lange kennen, und beginnt zu sprechen. Diese bürokratisch-soldatische
Aufdringlichkeit wird aber sogleich durch heftige Unterbrechung zurückgewiesen.
Der Präsident erklärt, nach § 28 der Geschäftsordnung können
Assistenten der Minister nur mit Genehmigung der Versammlung das Wort ergreifen.
Griesheim: Ich bin als Vertreter des Kriegsministers hier.
Präsident: Es ist mir dies nicht angezeigt worden.
Griesheim: Wenn die Herren mich nicht hören wollen ... (Oho! Unruhe.)
"Die Herren!" Für den Herrn Griesheim sind "die Herren" doch wohl immer noch eine "hohe
Versammlung"! Der Herr Präsident hätte den Herrn Griesheim wegen seiner wiederholten
Hinwegsetzung über allen Anstand zur Ordnung rufen sollen.
Die Versammlung will Herrn Griesheim hören. Vorher hat noch Herr Gladbach das
Wort, um seine Interpellation zu motivieren. Zuerst aber erklärt er, daß er den
Kriegsminister interpelliert habe und seine Anwesenheit verlange, welche Befugnis der
Versammlung reglementarisch zusteht. Der Präsident beseitigt dies jedoch, und unter
Berücksichtigung der Dringlichkeit der Sache geht Herr Gladbach auf die Interpellation
näher ein. Er erzählt, wie die Freischärler, nachdem sie wegen Anwendung des
Militärdespotismus auf ihr Korps ausgetreten und heimgekehrt, in Spandau von dem
"über Nacht aus seinen Schlupfwinkeln wieder hervorgekrochenen fluchwürdigen
Polizeisystem" mit dem Brandmal der Vagabunden geächtet, wie man sie in Spandau
entwaffnet, festgehalten und mittelst Zwangspaß nach Hause geschickt habe. Herr Gladbach
ist der erste Abgeordnete, dem es gelungen ist, eine solche schmähliche Handlung mit der
ganzen entsprechenden Indignation zu erzählen.
Herr Griesheim erklärt, die Maßregel sei auf Requisition des Berliner
Polizeipräsidiums geschehen.
Herr Gladbach liest nun den ehrenvollen, vom Prinzen Friedrich von Schleswig-Holstein
unterzeichneten Abschied eines der Freiwilligen vor und hält dagegen den ganz
vagabundenmäßig lautenden Zwangspaß, der demselben Freiwilligen "auf
Ministerialbeschluß" in Spandau ausgestellt wurde. Er weist hin auf die in dem
Zwangspaß angedrohte Arretierung, Strafarbeit und Geldbuße,
straft die Behauptung des Herrn Griesheim, als sei die Maßregel vom
Polizeipräsidenten ausgegangen, durch ein offizielles Aktenstück Lügen und
fragt, ob es etwa in Spandau noch ein besonderes russisches Ministerium gebe?
Zum ersten Male war das Ministerium auf einer direkten Unwahrheit ertappt. Die ganze
Versammlung gerät in die größte Aufregung.
Der Minister des Innern, Herr Kühlwetter,
muß sich endlich notgedrungen erheben und einige Entschuldigungen stammeln. Es sei ja
weiter nichts geschehen, als daß 18 Bewaffneten die Waffen genommen seien - weiter
nichts als eine Ungesetzlichkeit! Man habe nicht dulden können, daß bewaffnete
Scharen ohne Erlaubnis das Land durchziehen - 22 Mann Freischärler, die nach Hause ziehen!
(ohne Erlaubnis!)
Die ersten Worte des Herrn Ministers werden mit unzweideutigen Zeichen des Mißfallens
aufgenommen. Selbst die Rechte ist noch zu sehr unter dem niederschlagenden Eindruck der
Tatsachen, als daß sie nicht wenigstens schwiege. Aber bald, wie sie ihren
unglücklichen Minister sich mühsam zwischen dem Gelächter und dem Murren der
Linken hindurchwinden sieht, ermannt sie sich, schreit seinen lahmen Ausflüchten ein
lautes Bravo zu, die Zentren fallen teilweise mit ein, und so wird Herr Kühlwetter
schließlich so couragiert, daß er sagen kann: Nicht ich, sondern mein
Vorgänger hat die Maßregel angeordnet, aber ich erkläre, daß ich sie
vollkommen billige und im vorkommenden Falle ebenso handeln werde.
Die Rechte und die Zentren krönen die Tapferkeit ihres heroischen Kühlwetters mit
einem donnernden Bravo.
Gladbach läßt sich indes nicht einschüchtern. Unter Lärmen und
Schreien der Konservativen besteigt er die Tribüne und fragt abermals: Wie hängt es
zusammen, daß Herr Schreckenstein, der doch schon vor der Spandauer Geschichte Minister
war, nichts davon wußte? Wie ist es möglich, daß vier
Freischärler mit vorteilhaften Zeugnissen die Sicherheit des Staats gefährden
können? (Unterbrechung - reglementarische Bemerkungen der Herren vom Zentrum.) Die Frage
ist nicht erledigt. Wie kann man diese Leute wie Vagabunden zwangsweise in die Heimat senden?
(Unterbrechung. Lärm.) Ich habe noch keine Antwort auf die Frage wegen des Zwangspasses.
Die Leute sind mißhandelt worden. Warum duldet man doch ein Rudel von
Traktätleinhelden, welche zur Schmach der Hauptstadt (lauter Lärm) aus dem Wuppertale
bewaffnet angekommen sind? <siehe S. 178> (Lärm. Bravo.)
Kühlwetter kommt endlich damit heraus, daß es unter dem Vorwande
zweifelhafter Legitimation geschehen sei! Also der Abschied, von dem schleswig-holsteinischen
Generalkommando unterzeichnet, ist den Polizeibüralisten des Herrn Kühlwetter eine
Legitimation, die "Zweifeln unterliegt"? Sonderbare Bürokratie!
Noch einige Abgeordnete sprechen gegen die Minister, bis endlich der Präsident die
Sache fallenläßt und der Abgeordnete Mätze die Versammlung aus den Stürmen dieser Debatte in die stille See des
Schullehrerlebens führt, wo wir sie unter Anwünschung der schönsten idyllischen
Freuden verlassen.
Wir freuen uns, daß es endlich einmal einem Abgeordneten der Linken gelungen ist,
durch eine gutbegründete Interpellation und entschiedenes Auftreten die Herren Minister
Spießruten laufen zu lassen und eine Szene hervorzurufen, die an französische und
englische Parlamentsdebatten erinnert.
Geschrieben von Friedrich Engels.