< ALIGN="CENTER"P>Die "Kölnische Zeitung"
über die Junirevolution | Inhalt | Auswärtige deutsche Politik
Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 5, S.
145-153
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1971
Die Junirevolution
[Der Verlauf des Aufstandes in Paris]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 31 vom 1. Juli 1848]
** Allmählich kommt man dazu, die Junirevolution
zu überschauen; die Berichte vervollständigen sich, die Tatsachen lassen sich von den
Gerüchten wie von den Lügen scheiden, der Charakter des Aufstandes tritt immer klarer
hervor. Und je mehr es einem gelingt, die Ereignisse der vier Junitage in ihrem Zusammenhange
zu erfassen, desto mehr erstaunt man über die kolossalen Dimensionen des Aufstandes,
über den heroischen Mut, die rasch improvisierte Organisation, die Einstimmigkeit der
Insurgenten.
Der Schlachtplan der Arbeiter, der von Kersausie, einem Freunde Paspails und ehemaligem
Offizier, gemacht sein soll, war folgender:
Die Insurgenten rückten in vier Kolonnen in konzentrischer Bewegung auf das Stadthaus
zu.
Die erste Kolonne, deren Operationsbasis die Vorstädte Montmartre, La Chapelle und La
Villette waren, rückte von den Barrieren Poissonnière, Rochechouart, St. Denis und
La Villette nach Süden, besetzte die Boulevards und näherte sich dem Stadthause durch
die Straßen Montorgueil, St. Denis und St. Martin.
Die zweite Kolonne, deren Basis die fast ganz von Arbeitern bewohnten und durch den Kanal
St. Martin gedeckten Faubourgs du Temple und St. Antoine waren, rückte durch die
Straßen du Temple und St. Antoine und über die Quais des nördlichen Seineufers
sowie durch alle Parallelstraßen der dazwischenliegenden Stadtviertel auf dasselbe
Zentrum vor.
Die dritte Kolonne, mit dem Faubourg St. Marceau, rückte vor durch die Straße St.
Victor und die Quais des südlichen Seineufers auf die Insel der Cité.
Die vierte Kolonne, gestützt auf das Faubourg St. Jacques und die Gegend der
medizinischen Schule, rückte vor durch die Straße Saint Jacques ebenfalls auf die
Cité. Von hier aus drangen beide Kolonnen vereinigt durch das rechte Seineufer und
nahmen das Stadthaus im Rücken und in der Flanke.
Der Plan stützte sich demnach mit Recht auf die
ausschließlich von Arbeitern bewohnten Stadtteile, die die ganze östliche
Hälfte von Paris in einem Halbkreis umgeben und je breiter werden, desto mehr man nach
Osten kommt. Der Osten von Paris sollte erst von allen Feinden gesäubert werden, und dann
wollte man auf beiden Seineufern gegen den Westen und dessen Zentren, die Tuilerien und die
Nationalversammlung, rücken.
Diese Kolonnen sollten von einer Menge fliegender Korps unterstützt werden, die neben
und zwischen ihnen auf eigne Faust operierten, Barrikaden aufwarfen, die kleinen Straßen
besetzten und die Verbindungen aufrechterhielten.
Für den Fall eines Rückzugs waren die Operationsbasen stark verschanzt und
kunstgerecht in furchtbare Festungen verwandelt; so das Clos St. Lazare, so das Faubourg und
das Quartier St. Antoine und das Faubourg St. Jacques.
Wenn dieser Plan einen Fehler hatte, so war es der, daß er die westliche Hälfte
von Paris für den Anfang der Operationen ganz unberücksichtigt ließ. Hier
liegen, zu beiden Seiten der Straße St. Honoré, an den Hallen und am Palais
National mehrere zu Emeuten vorzüglich geeignete Viertel, die sehr enge und krumme
Straßen haben und vorwiegend von Arbeitern bewohnt sind. Es war wichtig, hier einen
fünften Herd der Insurrektion anzulegen und dadurch sowohl das Stadthaus abzuschneiden wie
auch eine große Truppenmasse an diesem vorspringenden Bollwerk zu beschäftigen. Der
Sieg des Aufstandes hing davon ab, daß man so bald wie möglich ins Zentrum von Paris
vordrang, daß man die Eroberung des Stadthauses sicherstellte. Wir können nicht
wissen, inwiefern es für Kersausie unmöglich war, hier die Insurrektion zu
organisieren. Es ist aber eine Tatsache, daß noch nie ein Aufstand durchgedrungen ist,
der sich nicht von vornherein dieses Zentrums von Paris, das an die Tuilerien stößt,
zu bemächtigen wußte. Wir erinnern nur an den Aufstand beim Begräbnis des
Generals Lamarque, der ebenfalls bis zur Straße Montorgueil vordrang, dann aber wieder
zurückgedrängt wurde.
Die Insurgenten rückten nach ihrem Plane vor. Sie begannen gleich durch zwei Hauptwerke
ihr Terrain, das Paris der Arbeiter, von dem Paris der Bourgeois zu scheiden: durch die
Barrikaden der Porte Saint Denis und die der Cité. Aus ersteren wurden sie
verdrängt, die letzteren behaupteten sie. Der erste Tag, der 23., war ein bloßes
Vorspiel. Der Plan der Insurgenten trat schon klar hervor (wie ihn die "Neue Rh[einische]
Z[ei]t[un]g" auch von Anfang an ganz richtig aufgefaßt hat, s. Nr. 26, Extrabeilage
<Siehe "Details über den 23. Juni">), namentlich nach den ersten Vorpostengefechten des Morgens. Der Boulevard St.
Martin, der die Operationslinie der ersten Kolonne durchkreuzt, wurde der Schauplatz heftiger
Kampfe, die hier mit dem teilweise durch die Lokalität bedingten Siege der "Ordnung"
endigten.
Die Zugänge der Cité wurden abgeschnitten, rechts durch ein fliegendes Korps,
das in der Straße Planche-Mibray sich festsetzte, links durch die dritte und vierte
Kolonne, die die drei südlichen Brücken der Cité besetzten und befestigten.
Hier entspann sich ebenfalls ein sehr heftiger Kampf. Es gelang der "Ordnung", sich der
Brücke St. Michel zu bemächtigen und bis zur Straße St. Jacques vorzudringen.
Bis zum Abend, schmeichelte sie sich, war die Erneute unterdrückt.
Wenn der Plan der Insurgenten schon deutlich hervorgetreten war, so war es der der "Ordnung"
mehr. Ihr Plan bestand vorderhand nur darin, die Insurrektion mit allen Mitteln zu
unterdrücken. Diese Absicht kündigte sie den Insurgenten mit Kanonenkugeln und
Kartätschen an.
Aber die Regierung glaubte, eine rohe Bande gewöhnlicher, planlos wirkender Emeutiers
<Unruhestifter> gegenüber zu haben. Nachdem sie bis gegen Abend die
Hauptstraßen frei gemacht hatten, erklärte sie, die Emeute sei besiegt, und besetzte
die eroberten Stadtteile nur höchst nachlässig mit Truppen.
Die Insurgenten wußten diese Nachlässigkeit vortrefflich zu benutzen, um nach den
Vorpostengefechten vom 23. die große Schlacht einzuleiten. Es ist überhaupt
wunderbar, wie rasch die Arbeiter sich den Operationsplan aneigneten, wie
gleichmäßig sie einander in die Hände arbeiteten, wie geschickt sie das so
verwickelte Terrain zu benutzen wußten. Dies wäre rein unerklärlich, wenn nicht
die Arbeiter schon in den Nationalwerkstätten ziemlich militärisch organisiert und in
Kompanien eingeteilt gewesen wären, so daß sie ihre industrielle Organisation nur
auf ihre kriegerische Tätigkeit zu übertragen brauchten, um sogleich eine
vollständig gegliederte Armee zu bilden.
Am Morgen des 24. war das verlorene Terrain nicht nur gänzlich wieder besetzt, sondern
noch neues hinzugenommen. Die Linie der Boulevards bis zum Boulevard du Temple blieb freilich
von den Truppen besetzt und damit die erste Kolonne vom Zentrum abgeschnitten; dafür aber
drang die zweite Kolonne vom Quartier St. Antoine vor, bis sie das Stadthaus fast umzingelt
hatte. Sie schlug ihr Hauptquartier in der Kirche St. Gervais auf, 300 Schritt vom Stadthaus,
sie eroberte das Kloster St. Merry und die umliegenden Straßen; sie drang bis weit
über das Stadthaus hinaus und schnitt dieses, in Ver- bindung mit den Kolonnen der Cité, fast gänzlich ab.
Nur ein Zugang blieb offen: die Quais des rechten Ufers. Im Süden war das Faubourg St.
Jacques wieder gänzlich besetzt, die Verbindungen mit der Cité hergestellt, die
Cité verstärkt und der Übergang aufs rechte Ufer vorbereitet.
Da war allerdings keine Zeit mehr zu verlieren; das Stadthaus, das revolutionäre
Zentrum von Paris, war bedroht und mußte fallen, wenn nicht die entschiedensten
Maßregeln ergriffen wurden.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 32 vom 2. Juli 1848]
** Die erschrockene Nationalversammlung ernannte Cavaignac zum Diktator", und dieser, von
Algier her an "energisches" Einschreiten gewöhnt, wußte was zu tun war.
Sofort rückten 10 Bataillone den breiten Quai de l'École entlang nach dem
Stadthause zu. Sie schnitten die Verbindungen der Insurgenten der Cité mit dem rechten
Ufer ab, stellten das Stadthaus sicher und erlaubten sogar Angriffe auf die Barrikaden, die das
Stadthaus umgaben.
Die Straße Planche-Mibray und ihre Verlängerung, die Straße Saint Martin,
wurde gereinigt und durch Kavallerie fortwährend rein gehalten. Die gegenüberliegende
Brücke Notre-Dame, die nach der Cité führt, wurde durch schweres Geschütz
gefegt, und nun rückte Cavaignac direkt auf die Cité los, um dort "energisch" zu
verfahren. Der Hauptposten der Insurgenten, die "Belle Jardinière" <"Schöne
Gärtnerin", bekanntes Kleiderhaus>, wurde erst durch Kanonenkugeln zerschossen, dann
durch Raketen in Brand gesteckt; die Rue de la Cité wurde ebenfalls durch Kanonenkugeln
erobert; drei Brücken nach dem linken Ufer wurden mit Sturm genommen und die Insurgenten
auf dem linken Ufer entschieden zurückgedrängt. Inzwischen befreiten die 14
Bataillone, die auf dem Grèveplatz und den Quais standen, das schon belagerte Stadthaus,
und die Kirche Saint Gervais wurde aus einem Hauptquartier auf einen verlornen Vorposten der
Insurgenten reduziert.
Die Straße St. Jacques wurde nicht nur von der Cité her mit Artillerie
angegriffen, sondern auch vom linken Ufer her in die Flanke genommen. Der General Damesme drang
längs dem Luxembourg nach der Sorbonne vor, eroberte das Lateinische Viertel und sandte
seine Kolonnen gegen das Panthéon. Der Platz des Panthéons war in eine furchtbare
Festung verwandelt. Die Straße St. Jacques war längst genommen, als die "Ordnung"
hier immer noch ein unangreifbares Bollwerk fand. Kanonen und Bajonettangriffe waren vergebens gewesen, als endlich Ermüdung, Mangel an Munition
und die von den Bourgeois angedrohte Brandstiftung die von allen Seiten umringten 1.500
Arbeiter zwangen, sich zu ergeben. Um dieselbe Zeit fiel der Platz Maubert nach langer, tapfrer
Gegenwehr in die Hände der "Ordnung", und die Insurgenten, aus ihren festesten Positionen
verdrängt, wurden genötigt, das ganze linke Seineufer aufzugeben.
Inzwischen wurde die Stellung der Truppen und Nationalgarden auf den Boulevards des rechten
Seineufers ebenfalls benutzt, um nach beiden Seiten hin zu wirken. Lamoricière, der hier
kommandierte, ließ die Straßen der Faubourgs St. Denis und St. Martin, den
Boulevard du Temple und die halbe Templestraße durch schweres Geschütz und durch
rasche Truppenangriffe fegen. Er konnte sich rühmen, bis abends glänzende Erfolge
erkämpft zu haben: Er hatte die erste Kolonne im Clos St. Lazare abgeschnitten und zur
Hälfte umzingelt, die zweite zurückgedrängt und durch sein Vordringen auf den
Boulevards einen Keil in sie hineingetrieben.
Wodurch hatte Cavaignac diese Vorteile erobert?
Erstens durch die ungeheure Übermacht, die er gegen die Insurgenten entwickeln konnte.
Er hatte am 24. nicht nur die 20.000 Mann Garnison von Paris, die 20.000 bis 25.000 Mann
Mobilgarde und die 60.000 bis 80.000 Mann disponible Nationalgarde zu seiner Verfügung,
sondern auch die Nationalgarde der ganzen Umgegend von Paris und mancher entfernteren Stadt
(20.000 bis 30.000 Mann), und ferner 20.000 bis 30.000 Mann Truppen, die aus den umliegenden
Garnisonen schleunigst herbeigerufen waren. Am 24. morgens standen ihm schon weit über
100.000 Mann zur Verfügung, die bis abends sich noch um die Hälfte vermehrten. Und
die Insurgenten waren höchstens 40.000 bis 50.000 Mann stark!
Zweitens durch die brutalen Mittel, die er anwandte. Bisher war nur einmal in den
Straßen von Paris mit Kanonen geschossen worden - im Vendemiaire 1795, als Napoleon die
Insurgenten in der Rue Saint Honoré mit Kartätschen auseinanderjagte. Aber gegen
Barrikaden, gegen Häuser war noch nie Artillerie angewandt und noch viel weniger Granaten
und Brandraketen. Das Volk war noch nicht darauf vorbereitet; es war wehrlos dagegen, und das
einzige Gegenmittel, das Brennen, widerstrebte seinem noblen Gefühl. Das Volk hatte bisher
keine Ahnung von solch einer algierschen Kriegführung mitten in Paris gehabt. Darum wich
es zurück, und sein erstes Zurückweichen entschied seine Niederlage.
Am 25. rückte Cavaignac mit noch weit größeren Kräften vor. Die
Insurgenten waren auf ein einziges Viertel beschränkt, auf die Faubourgs Saint Antoine und
du Temple; außerdem besaßen sie noch zwei vorgeschobne Posten, das Clos St. Lazare und einen Teil des Viertels St.
Antoine bis zur Brücke von Damiette.
Cavaignac, der wieder 20.000 bis 30.000 Mann Verstärkungen nebst bedeutenden
Artillerieparks an sich gezogen hatte, ließ zuerst die abgesonderten Vorposten der
Insurgenten angreifen, namentlich das Clos St. Lazare. Hier waren die Insurgenten wie in einer
Zitadelle verschanzt. Nach zwölfstündigem Kanonieren und Granatenwerfen gelang es
Lamoricière endlich, die Insurgenten aus ihren Stellungen zu vertreiben und das Clos zu
besetzen; es gelang ihm jedoch erst, nachdem er einen Flankenangriff von den Straßen
Rochechouart und Poissonnière her möglich gemacht und nachdem er die Barrikaden den
ersten Tag mit 40, den zweiten mit noch mehr Geschützen hatte zusammenschießen
lassen.
Ein andrer Teil seiner Kolonne drang durch das Faubourg Saint Martin in das Faubourg du
Temple, erreichte aber keinen großen Erfolg; ein dritter rückte die Boulevards
hinunter nach der Bastille zu, kam aber ebenfalls nicht weit, da hier eine Reihe der
furchtbarsten Barrikaden erst nach langem Widerstand einer heftigen Kanonade erlag. Hier wurden
die Häuser furchtbar zerstört.
Die Kolonne Duviviers, die vom Stadthause her angriff, trieb die Insurgenten unter
fortwährendem Kanonenfeuer immer weiter zurück. Die Kirche St. Gervais wurde
genommen, die Straße Saint Antoine bis weit vom Stadthause gesäubert und durch
mehrere den Quai und seine Parallelstraßen entlangrückende Kolonnen wurde die
Brücke Damiette genommen, vermittelst welcher die Insurgenten des Viertels St. Antoine
sich an die der Inseln St. Louis und Cité anlehnten. Das Viertel Saint Antoine war
flankiert, und den Insurgenten blieb nur noch der Rückzug ins Faubourg, den sie unter
heftigen Gefechten mit einer über die Quais bis zur Mündung des Kanals St. Martin und
von da längs dem Kanal auf dem Boulevard Bourdon vorrückenden Kolonne
bewerkstelligten. Einige wenige Abgeschnittene wurden massakriert, nur wenige wurden als
Gefangene eingebracht.
Durch diese Operation war das Viertel St. Antoine und der Bastillenplatz erobert. Gegen
Abend gelang es der Kolonne Lamoricières, den Boulevard Beaumarchais ganz zu erobern und
auf dem Bastillenplatze ihre Vereinigung mit den Truppen Duviviers zu bewerkstelligen.
Die Eroberung der Brücke von Damiette erlaubte Duvivier, die Insurgenten von der Insel
St. Louis und der ehemaligen Insel Louvier zu vertreiben. Er tat dies mit einem
anerkennenswerten Aufwand von algierischer Barbarei. In wenig Stadtteilen wurde das schwere
Geschütz mit so verwüstendem Erfolg angewandt wie gerade auf der Insel St. Louis.
Doch was machte das? Die Insurgenten waren vertrieben
oder massakriert, und die "Ordnung" triumphierte unter den blutbefleckten Trümmern.
Auf dem linken Seineufer war noch ein Posten zu erobern. Die Austerlitzer Brücke, die
östlich vom Kanal St. Martin das Faubourg St. Antoine mit dem linken Seineufer verbindet,
war stark verbarrikadiert und auf dem linken Ufer, wo sie auf dem Platz Valhubert vor dem
Pflanzengarten mündet, mit einem starken Brückenkopf versehen. Dieser
Brückenkopf, nach dem Fall des Panthéons und des Platzes Maubert die letzte Schanze
der Insurgenten auf dem linken Ufer, wurde nach hartnäckiger Verteidigung genommen.
Für den nächsten Tag, den 26., bleibt den Insurgenten also nur ihre letzte
Festung, das Faubourg St. Antoine und ein Teil des Faubourgs du Temple. Beide Faubourgs sind
nicht sehr zu Straßenkämpfen geeignet; sie haben ziemlich breite und fast ganz grade
Straßen, die der Artillerie einen trefflichen Spielraum lassen. Von der westlichen Seite
sind sie durch den Kanal St. Martin vortrefflich gedeckt, von der nördlichen dagegen ganz
offen. Hier gehen fünf bis sechs ganz grade und breite Straßen mitten ins Herz des
Faubourg Saint Antoine hinab.
Die Hauptbefestigungen waren am Bastillenplatz und in der wichtigsten Straße des
ganzen Viertels, der Straße des Faubourg St. Antoine, angebracht. Barrikaden von
merkwürdiger Stärke waren hier errichtet, teils von den großen Pflasterquadern
gemauert, teils von Balken zusammengezimmert. Sie bildeten einen Winkel nach innen zu, teils um
die Wirkung der Kanonenkugeln zu schwächen, teils um eine größere, ein
Kreuzfeuer eröffnende Verteidigungsfront darzubieten. In den Häusern waren die
Brandmauern durchbrochen und so jedesmal eine ganze Reihe in Verbindung miteinander gesetzt, so
daß die Insurgenten nach dem Bedürfnis des Augenblicks ein Tirailleurfeuer auf die
Truppen eröffnen oder sich hinter ihre Barrikaden zurückziehen konnten. Die
Brücken und Quais am Kanal sowie die Parallelstraßen des Kanals waren ebenfalls
stark verschanzt. Kurz, die beiden noch besetzten Faubourgs glichen einer vollständigen
Festung, in der die Truppen jeden Zollbreit Landes blutig erkämpfen mußten.
Am 26. morgens sollte der Kampf von neuem beginnen. Cavaignac hatte aber wenig Lust, seine
Truppen in dieses Gewirre von Barrikaden hineinzuschicken. Er drohte mit einem Bombardement.
Die Mörser und Haubitzen waren aufgefahren. Man unterhandelte. Währenddessen
ließ Cavaignac die nächsten Häuser unterminieren - was freilich wegen der
Kürze der Zeit und wegen des eine der Angriffslinien deckenden Kanals nur in sehr
beschränktem Maße geschehen konnte - und von den schon besetzten Häusern aus ebenfalls innere Kommunikationen mit den anstoßenden
Häusern durch Öffnungen in den Brandmauern herstellen.
Die Unterhandlungen zerschlugen sich; der Kampf begann wieder. Cavaignac ließ den
General Perrot vom Faubourg du Temple her, den General Lamoricière vom Bastillenplatz
her angreifen. Auf beiden Punkten wurde stark gegen die Barrikaden kanoniert. Perrot drang
ziemlich rasch vor, nahm den Rest des Faubourgs du Temple und kam an einigen Stellen sogar bis
ins Faubourg St. Antoine. Lamoricière kam langsamer vorwärts. Seinen Kanonen
widerstanden die ersten Barrikaden, obwohl die ersten Häuser der Vorstadt durch seine
Granaten in Brand geschossen wurden. Er unterhandelte nochmals. Mit der Uhr in der Hand wartet
er auf die Minute, wo er das Vergnügen haben wird, das bevölkertste Viertel von Paris
in Grund und Boden zu schießen. Da endlich kapituliert ein Teil der Insurgenten,
während der andere, in seinen Flanken angegriffen, sich nach kurzem Kampf aus der Stadt
zurückzieht.
Das war das Ende des Barrikadenkampfes vom Juni. Draußen vor der Stadt fielen noch
Tirailleurgefechte vor, die aber ohne alle Bedeutung waren. Die flüchtigen Insurgenten
wurden in der Umgegend versprengt und werden von Kavallerie einzeln eingefangen.
Wir haben diese rein militärische Darstellung des Kampfes gegeben, um unsern Lesern zu
beweisen, mit welcher heldenmütigen Tapferkeit, mit welcher Übereinstimmung, mit
welcher Disziplin und welchem militärischen Geschick die Pariser Arbeiter sich schlugen.
Ihrer 40.000 schlugen sich vier Tage lang gegen eine vierfache Übermacht, und nur ein Haar
fehlte, so waren sie Sieger. Nur ein Haar und sie faßten Fuß im Zentrum von Paris,
sie nahmen das Stadthaus, sie setzten eine provisorische Regierung ein und verdoppelten ihre
Anzahl, sowohl aus den eroberten Stadtteilen wie aus den Mobilgarden, die damals nur eines
Anstoßes bedurften, um überzugehn.
Deutsche Blätter behaupten, dies sei die entscheidende Schlacht zwischen der roten und
der trikoloren Republik, zwischen Arbeitern und Bourgeois gewesen. Wir sind überzeugt,
daß diese Schlacht nichts entscheidet als den Zerfall der Sieger in sich selbst.
Im übrigen beweist der Verlauf der ganzen Sache, daß die Arbeiter in gar nicht
langer Frist siegen müssen, selbst wenn wir die Sache rein militärisch betrachten.
Wenn 40.000 Pariser Arbeiter schon so Gewaltiges ausrichteten gegen die vierfache
Überzahl, was wird erst die Gesamtmasse der Pariser Arbeiter zustande bringen, wenn sie
einstimmig und im Zusammenhange wirkt!
Kersausie ist gefangen und in diesem Augenblick wohl schon erschossen.
Erschießen können ihn die Bourgeois, aber ihm nicht den Ruhm nehmen, daß er zuerst den Straßenkampf organisiert
hat. Erschießen können sie ihn, aber keine Macht der Erde wird verhindern,
daß seine Erfindungen in Zukunft bei allen Straßenkämpfen benutzt werden.
Erschießen können sie ihn, aber nicht verhindern, daß sein Name als der des
ersten Barrikadenfeldherrn in der Geschichte fortdauert.
Geschrieben von Friedrich Engels.