Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 5, S. 64-77
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1971
Die Berliner Debatte über die Revolution
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 14 vom 14. Juni 1848]
**Köln, 13. Juni. Die
Vereinbarungsversammlung hat sich endlich entschieden ausgesprochen. Sie hat die Revolution
desavouiert und die Vereinbarungstheorie anerkannt.
Der Tatbestand, über den sie sich auszusprechen hatte, war folgender:
Am 18. März versprach der König eine Konstitution, führte die
Preßfreiheit mit Kautionen ein und sprach sich in einer Reihe von Vorschlägen dahin
aus, daß Deutschlands Einheit durch ein Aufgehen Deutschlands in Preußen
herbeizuführen sei.
Das waren die Konzessionen des 18. März, auf ihren wahren Gehalt reduziert. Daß
die Berliner sich damit zufrieden erklärten, daß sie vor das Schloß zogen, um
dem König dafür zu danken, das beweist am allerdeutlichsten die Notwendigkeit der
Revolution vom 18. März. Nicht nur der Staat, auch die Staatsbürger mußten
revolutioniert werden. Der Untertan konnte nur in einem blutigen Befreiungskampfe abgestreift
werden.
Das bekannte "Mißverständnis" rief die Revolution hervor. Allerdings fand ein
Mißverständnis statt. Der Angriff der Soldaten, die Fortsetzung des Kampfs
während 16 Stunden, die Notwendigkeit für das Volk, den Rückzug der Truppen zu
erzwingen - das ist Beweis genug, daß das Volk die Konzessionen des 18. März
gänzlich mißverstanden hatte.
Die Resultate der Revolution waren: auf der einen Seite die Volksbewaffnung, das
Assoziationsrecht, die faktisch errungene Volkssouveränetät; auf der andern die
Beibehaltung der Monarchie und das Ministerium Camphausen-Hansemann, d.h. die Regierung der
Vertreter der hohen Bourgeoisie.
Die Revolution hatte also zwei Reihen von Resultaten, die notwendig auseinandergehen
mußten. Das Volk hatte gesiegt, es hatte sich Freiheiten entschieden demokratischer Natur
erobert; aber die unmittelbare Herrschaft ging über nicht in seine Hände, sondern in
die der großen Bourgeoisie.
Mit einem Wort, die Revolution war nicht vollendet. Das
Volk hatte die Bildung eines Ministeriums von großen Bourgeois zugelassen, und die
großen Bourgeois bewiesen ihre Tendenzen sogleich dadurch, daß sie dem
alt-preußischen Adel und der Bürokratie eine Allianz anboten. Arnim, Kanitz,
Schwerin traten ins Ministerium.
Die hohe Bourgeoisie, von jeher antirevolutionär, schloß aus Furcht vor dem Volk,
d.h. vor den Arbeitern und der demokratischen Bürgerschaft, ein Schutz- und
Trutzbündnis mit der Reaktion.
Die vereinigten reaktionären Parteien begannen ihren Kampf gegen die Demokratie damit,
daß sie die Revolution in Frage stellten. Der Sieg des Volks wurde geleugnet; die
berühmte Liste der "siebzehn Militärtoten" wurde fabriziert; die
Barrikadenkämpfer wurden in jeder möglichen Weise angeschwärzt. Damit nicht
genug. Das Ministerium ließ den vor der Revolution berufenen Vereinigten Landtag wirklich
zusammenberufen und den gesetzlichen Übergang aus dem Absolutismus in die Konstitution
post festum <hinterher> anfertigen. Es leugnete dadurch die Revolution geradezu. Ferner
erfand es die Vereinbarungstheorie, leugnete dadurch die Revolution abermals und leugnete
zugleich die Volkssouveränetät.
Die Revolution wurde also wirklich in Frage gestellt, und sie konnte in Frage gestellt
werden, weil sie nur eine halbe Revolution, nur der Anfang einer langen revolutionären
Bewegung war.
Wir können hier nicht darauf eingehen, warum und inwiefern die augenblickliche
Herrschaft der hohen Bourgeoisie in Preußen eine notwendige Übergangsstufe zur
Demokratie ist und warum die hohe Bourgeoisie sich nach ihrer Thronbesteigung sogleich zur
Reaktion schlug. Wir berichten vorderhand nur die Tatsache.
Die Vereinbarungsversammlung hatte sich nun darüber auszusprechen, ob sie die
Revolution anerkenne oder nicht.
Aber unter diesen Verhältnissen die Revolution anerkennen, das hieß die
demokratische Seite der Revolution anerkennen gegenüber der hohen Bourgeoisie, die sie
konfiszieren wollte.
Die Revolution anerkennen, das hieß in diesem Augenblick gerade die Halbheit
der Revolution, und damit die demokratische Bewegung anerkennen, welche sich gegen einen Teil
der Resultate der Revolution richtet. Es hieß anerkennen, daß Deutschland sich in
einer revolutionären Bewegung befindet, in der das Ministerium Camphausen, die
Vereinbarungstheorie, die indirekten Wahlen, die Herrschaft der großen Kapitalisten und
die Produkte der Versammlung selbst zwar unvermeidliche
Durchgangspunkte sein können, aber keineswegs letzte Resultate sind.
Die Debatte in der Kammer über die Anerkennung der Revolution wurde von beiden Seiten
mit großer Breite und mit großem Interesse, aber mit merkwürdig wenig Geist
geführt. Man kann wenig Unerquicklicheres lesen als diese diffuse, jeden Augenblick durch
Lärmen oder durch reglementarische Spitzfindigkeiten unterbrochene Verhandlung. Statt der
großen Leidenschaft des Parteikampfes eine kühle Gemütsruhe, die jeden
Augenblick in den Konversationston herabzusinken droht; statt schneidender Schärfe der
Argumentation breites verworrenes Gerede vom Hundertsten ins Tausendste; statt schlagender
Antwort langweilige Moralpredigten über das Wesen und die Natur der Sittlichkeit.
Auch die Linke hat sich in dieser Debatte nicht besonders ausgezeichnet. Die meisten ihrer
Redner wiederholen einander; keiner wagt es, der Frage entschieden auf den Leib zu rücken
und offen revolutionär aufzutreten. Sie fürchten überall anzustoßen, zu
verletzen, zurückzuschrecken. Hätten die Kämpfer des 18. März nicht mehr
Energie und Leidenschaft im Kampfe bewiesen als die Herren von der Linken in der Debatte, es
stände schlimm um Deutschland.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 15 vom 15. Juni 1848]
**Köln, 14. Juni. Der Abgeordnete Berends von Berlin eröffnete die
Debatte, indem er den Antrag stellte:
"Die Versammlung erklärt, in Anerkennung der Revolution, daß die
Kämpfer des 18. und 19. März sich wohl ums Vaterland verdient gemacht
haben."
Die Form des Antrags, die altrömisch-lakonische, von der großen
französischen Revolution wieder aufgenommene Fassung, war ganz passend.
Desto unpassender dagegen war die Manier, worin Herr Berends seinen Antrag
entwickelte. Er sprach nicht revolutionär, sondern versöhnend. Er hatte den Zorn der
insultierten Barrikadenkämpfer vor einer Versammlung von Reaktionären zu vertreten,
und er dozierte ganz ruhig und trocken, als ob er noch als Lehrer des Berliner
Handwerkervereins spräche. Er hatte eine ganz einfache, ganz klare Sache zu verteidigen,
und seine Entwicklung ist das Verworrenste, was man lesen kann.
Herr Berends beginnt:
"Meine Herren! Die Anerkennung der Revolution liegt ganz in der Natur der
Sache (!). Unsere Versammlung selbst ist eine redende Anerkennung der großen Bewegung, welche durch alle zivilisierten Länder
Europas hindurchgegangen ist. Die Versammlung ist aus dieser Revolution hervorgegangen, ihr
Dasein ist also faktisch die Anerkennung der Revolution."
Erstens. Es handelt sich keineswegs darum, die "große Bewegung, welche durch alle
zivilisierten Länder Europas hindurchgegangen ist", im allgemeinen als eine Tatsache
anzuerkennen, das wäre überflüssig und nichtssagend. Es handelt sich vielmehr
darum, den Berliner Straßenkampf, der für eine Emeute ausgegeben wird, als eine
echte, wirkliche Revolution anzuerkennen.
Zweitens. Die Versammlung in Berlin ist allerdings nach einer Seite hin eine
"Anerkennung der Revolution", insofern ohne den Berliner Straßenkampf keine
"vereinbarte", sondern höchstens eine oktroyierte Verfassung zustande gekommen wäre.
Aber durch die Art ihrer Berufung, durch das ihr vom Vereinigten Landtag und vom Ministerium
gegebene Mandat ist sie ebensogut eine Leugnung der Revolution geworden. Eine "auf dem
Boden der Revolution" stehende Versammlung vereinbart nicht, sie dekretiert.
Drittens. Die Versammlung hatte die Vereinbarungstheorie schon in dem Votum über die
Adresse <Siehe "Die Adreßfrage"> anerkannt, sie hatte
die Revolution in dem Votum gegen den Zug nach dem Grabe der Gefallenen schon verleugnet. Sie
hat die Revolution verleugnet, indem sie überhaupt neben der Frankfurter Versammlung
"tagte".
Der Antrag des Herrn Berends war also faktisch schon zweimal verworfen. Er mußte
diesmal, wo die Versammlung sich offen aussprechen sollte, um so mehr durchfallen.
Da die Versammlung einmal reaktionär war, da es feststand, daß das Volk von ihr
nichts mehr zu erwarten hatte, so war es im Interesse der Linken, daß die Minorität
für den Antrag möglichst klein war und nur die entschiedensten Mitglieder
umfaßte.
Herr Berends brauchte sich also gar nicht zu genieren. Er mußte möglichst
entschieden, möglichst revolutionär auftreten. Statt an der Illusion festzuhalten,
die Versammlung sei eine konstituierende und wolle es sein, die Versammlung stehe auf
dem Boden der Revolution, mußte er ihr erklären, sie habe die Revolution bereits
indirekt verleugnet, und sie auffordern, es jetzt offen zu tun.
Aber nicht nur er, sondern die Redner der Linken überhaupt haben diese der
demokratischen Partei einzig angemessene Politik nicht befolgt. Sie gaben sich der Illusion
hin, die Versammlung zu einem revolutionären Schritt überreden zu können. Sie
haben daher Zugeständnisse gemacht, sie haben
gemildert, sie haben von Versöhnung gesprochen und damit selbst die Revolution
verleugnet.
Herr Berends fährt nun fort, in sehr kühler Denkungsart und sehr
hölzerner Sprache über Revolutionen im allgemeinen und über die Berliner
Revolution im besondern sich auszulassen. Im Verfolg seiner Erörterungen kommt er auf den
Einwand, daß die Revolution überflüssig war, weil der König vorher schon
alles bewilligt hatte. Er antwortet:
"Allerdings hatte Se. Majestät der König vieles bewilligt
... aber war in dieser Bewilligung die Zufriedenstellung des Volks erlangt? War uns die
Garantie gegeben, daß diese Verheißung wirklich zur Wahrheit werde? Ich
glaube, diese Garantie war ... erst nach dem Kampfe erlangt! ... Es ist begründet,
daß eine solche Staatsumgestaltung nur in großen Katastrophen des Kampfes geboren
und fest gegründet werden kann. Eine große Tatsache war am 18. März noch nicht
bewilligt: das war die Bewaffnung des Volks ... Erst als das Volk bewaffnet war, fühlte es
sich sicher gegen die Möglichkeit von Mißverständnissen ... Der Kampf ist
also (!) freilich eine Art Naturereignis (!), aber ein notwendiges Ereignis ...
die Katastrophe, in der die Umgestaltung des Staatslebens zur Wirklichkeit, zur Wahrheit
kommt."
Aus dieser langen, verworrenen, von Wiederholungen strotzenden Erörterung geht ganz
klar hervor, daß Herr Berends über die Resultate und die Notwendigkeit der
Revolution durchaus im unklaren ist. Von ihren Resultaten kennt er nur die "Garantie" der
Verheißungen des 18. und die "Volksbewaffnung"; ihre Notwendigkeit konstruiert er auf
philosophischem Wege, indem er die "Garantie" nochmals in höherem Stil umschreibt und
schließlich beteuert, keine Revolution könne ohne Revolution bewerkstelligt
werden.
Die Revolution war notwendig, das heißt doch wohl nur, sie war notwendig, um das zu
erlangen, was wir jetzt erlangt haben. Die Notwendigkeit der Revolution steht im direkten
Verhältnis zu ihren Resultaten. Da aber Herr Berends über die Resultate im
unklaren ist, so muß er natürlich zu überschwenglichen Beteuerungen seine
Zuflucht nehmen, um ihre Notwendigkeit zu konstruieren.
Was waren die Resultate der Revolution? Keineswegs die "Garantie" der Verheißungen vom
18., sondern vielmehr der Umsturz dieser Verheißungen.
Am 18. war versprochen worden: eine Monarchie, in der Adel, Bürokratie, Militär
und Pfaffen das Heft in der Hand behielten, aber der hohen Bourgeoisie die Kontrolle durch
geschenkte Konstitution und Preßfreiheit mit Kautionen gestatteten. Für das
Volk deutsche Fahnen, deutsche Flotte, deutsche Bundesmilitärpflicht statt der
preußischen.
Die Revolution stürzte die gesamten Mächte der absoluten Monarchie, Adel,
Bürokraten, Militär und Pfaffen. Sie brachte die hohe Bourgeoisie aus- schließlich zur Herrschaft. Sie gab dem Volk die Waffe der
Preßfreiheit ohne Kautionen, das Assoziationsrecht, und wenigstens teilweise auch die
materielle Waffe, die Muskete.
Das ist aber noch nicht das Hauptresultat. Das Volk, das in den Barrikaden gefochten und
gesiegt hat, ist ein ganz anderes Volk als das, welches am 18. März vor das Schloß
zog, um durch Dragonerangriffe über die Bedeutung der erhaltenen Zugeständnisse
aufgeklärt zu werden. Es ist ganz andrer Dinge fähig, es steht der Regierung ganz
anders gegenüber. Die wichtigste Eroberung der Revolution ist die Revolution
selbst.
"Ich kann es als Berliner wohl sagen, daß es uns ein schmerzliches
Gefühl" (weiter nichts!) "gewesen ist, ... diesen Kampf geschmäht zu sehen ...
Ich knüpfe an das Wort des Herrn Ministerpräsidenten an, welcher ... darstellte,
daß es die Sache eines großen Volks sei und sämtlicher Vertreter, mit Milde
zur Versöhnung zu wirken. Diese Milde nehme ich in Anspruch, indem ich als
Vertreter von Berlin bei Ihnen die Anerkennung des 18. und 19. März beantrage. Das Volk
von Berlin hat sich in der ganzen Zeit nach der Revolution im ganzen gewiß sehr ehrenhaft
und ehrenwert gehalten. Es mag sein, daß einzelne Exzesse vorgekommen sind ... und so
glaube ich, daß es am Orte, daß die Versammlung erklärt etc.
etc."
Diesem feigen, die Revolution verleugnenden Schluß haben wir nur hinzuzusetzen,
daß nach einer solchen Motivierung der Antrag durchzufallen verdiente.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 16 vom 16. Juni 1848]
**Köln, 14. Juni. Das erste Amendement, das dem Berendsschen Antrag
entgegengesetzt wurde, verdankte dem Abgeordneten Herrn Brehmer sein kurzes Dasein. Es
war eine breite, wohlmeinende Erklärung, worin 1. die Revolution anerkannt, 2. die
Vereinbarungstheorie anerkannt, 3. alle diejenigen, welche zu dem stattgehabten Umschwunge
beigetragen hatten, anerkannt und 4. die große Wahrheit anerkannt, daß
Nicht Roß, nicht Reisige
Sichern die steile Höh',
Wo Fürsten stehn,
womit schließlich die Revolution selbst wieder in einen echt preußischen
Ausdruck gebracht worden war. Der brave Herr Oberlehrer Brehmer wollte es allen Parteien
recht machen, und sie wollten alle nichts von ihm wissen. Sein Amendement wurde ohne Diskussion
beseitigt, und Herr Brehmer zog sich zurück mit der ganzen Resignation eines
enttäuschten Menschenfreundes.
An die Tribüne schritt der Herr Schulze (von
Delitzsch). Herr Schulze ist auch ein Bewunderer der Revolution, aber ein Bewunderer nicht so
sehr der Barrikadenkämpfer als der Leute des folgenden Morgens, des zum Unterschiede von
den "Kämpfern" sogenannten "Volks". Die "Haltung des Volks nach dem Kampfe" soll
noch besonders mit anerkannt werden, wünscht er. Seine Begeisterung kannte keine Grenzen,
als er hörte
"von der Mäßigung und Besonnenheit des Volks, als ihm kein Gegner
(!) mehr gegenüberstand ... von dem Ernste, von der Versöhnung des Volkes ... von
seiner Haltung gegenüber der Dynastie ... wir sahen, daß das Volk sich wohl
bewußt war, in diesen Augenblicken der Geschichte selbst unmittelbar Aug in Auge zu
sehen"!!
Herr Schulze schwärmt nicht so sehr für die revolutionäre
Tätigkeit des Volks im Kampf, als für seine durchaus nicht revolutionäre
Untätigkeit nach dem Kampf.
Die Großmut des Volks nach der Revolution anerkennen, kann nur zweierlei
heißen:
Entweder heißt es das Volk beleidigen, denn es wäre eine Beleidigung des Volks,
als Verdienst anzuerkennen, daß es nach dem Siege keine Gemeinheiten begeht.
Oder es heißt die Erschlaffüng des Volks nach dem Siege der Waffen anerkennen,
die der Reaktion Gelegenheit gibt, sich wieder zu erheben.
"Beides zu vereinigen", hat Herr Schulze seine "zur Begeisterung erhobene Bewunderung"
darüber ausgesprochen, daß das Volk erstens sich anständig betragen und
zweitens der Reaktion Gelegenheit gegeben, sich wieder zu erholen.
Die "Haltung des Volkes" bestand darin, daß es sich damit beschäftigte, voll
Begeisterung "der Geschichte selbst unmittelbar Aug in Auge zu sehen", wo es die Geschichte
hätte machen sollen; daß es vor lauter "Haltung", "Mäßigung",
"Besonnenheit", "tiefem Ernst" und "unauslöschlicher Weihe" nicht dazu kam, zu verhindern,
daß die Minister ein Stück der errungenen Freiheit nach dem andern eskamotierten;
daß es die Revolution für fertig erklärte, statt sie fortzusetzen. Wie ganz
anders haben sich die Wiener benommen, die Schlag auf Schlag die Reaktion
überwältigten und jetzt einen konstituierenden statt eines vereinbarenden
Reichstags erobert haben.
Herr Schulze (von Delitzsch) erkennt also die Revolution unter der Bedingung an,
nicht sie anzuerkennen. Dafür ward ihm ein schallendes Bravo.
Nach einer kleinen reglementarischen Zwischenunterhaltung tritt Herr Camphausen
selbst auf die Bühne. Er bemerkt, daß nach dem Berendsschen Antrage "die Versammlung
sich über eine Idee äußern, ein Urteil aussprechen soll". Die Revolution
ist für Herrn Camphausen nur eine "Idee". Er "überläßt" es daher der Versammlung, ob sie dies tun will. Über die Sache
selbst ist nach seiner Ansicht "eine Meinungsverschiedenheit in erheblichem Umfange vielleicht
nicht vorhanden", nach der allgemein bekannten Tatsache, daß, wo sich zwei deutsche
Bürger streiten, sie stets au fond <im Grunde> einverstanden sind.
"Will man wiederholen, daß ... eine Periode eingetreten ist, welche die
erheblichsten Umgestaltungen ... zur Folge haben muß" (also noch nicht gehabt
hat), "so kann niemand mehr damit einverstanden sein als ich."
"Soll hingegen ausgedrückt werden, daß der Staat und die Staatsgewalt ihre
rechtliche Begründung verloren haben, daß ein gewaltsamer Umsturz der bestehenden
Gewalt stattgefunden ... dann protestiere ich gegen eine solche Auslegung."
Herr Camphausen suchte bisher sein Hauptverdienst darin, den abgerissenen Faden der
Gesetzlichkeit wieder angeknüpft zu haben; jetzt behauptet er, er sei nie zerrissen
gewesen. Die Tatsachen mögen ihn ins Gesicht schlagen; das Dogma von der ununterbrochenen
gesetzlichen Übertragung der Gewalt von Bodelschwingh bis auf Camphausen kann sich nicht
um die Tatsachen kümmern.
"Soll angedeutet werden, daß wir uns am Eingange von Zuständen
befinden, wie wir sie aus der Geschichte der englischen Revolution im 17., der
französischen im 18. Jahrhundert kennen, Zuständen, deren Ende das ist, daß die
Gewalt in die Hände eines Diktators übergeht",
so muß Herr Camphausen ebenfalls protestieren.
Unser denkender Geschichtsfreund durfte natürlich die Gelegenheit nicht
vorübergehen lassen, bei der Berliner Revolution diejenigen Reflexionen an den Mann zu
bringen, die der deutsche Bürger um so mehr zu hören liebt, je öfter er sie im
Rotteck gelesen hat. Die Berliner Revolution darf schon deshalb keine Revolution gewesen sein,
weil sie sonst einen Cromwell oder Napoleon zu erzeugen genötigt wäre, wogegen Herr
Camphausen protestiert.
Herr Camphausen erlaubt schließlich seinen Vereinbarern, "ihre Gefühle
für die Opfer eines verhängnisvollen Zusammenstoßes auszudrücken",
bemerkt aber, daß hier "wesentliches und vieles auf den Ausdruck ankomme", und
wünscht die ganze Sache einer Kommission überwiesen zu sehen.
Nach einem neuen reglementarischen Zwischenfall tritt endlich ein Redner auf, der es
versteht, Herzen und Nieren in Bewegung zu setzen, weil er der Sache auf den Grund geht. Es ist
Se. Hochwürden der Herr Pastor Müller aus Wohlau, der für den
Schulzeschen Zusatz auftritt. Der Herr Pastor will die
Versammlung "nicht lange aufhalten, sondern nur einen sehr wesentlichen
Punkt zur Sprache bringen".
Zu diesem Zweck unterbreitet der Herr Pastor der Versammlung folgende Frage:
"Der Antrag hat uns auf das sittliche Gebiet geführt, und nehmen
wir ihn nicht in seiner Oberfläche" (wie macht man es, eine Sache in ihrer
Oberfläche zu nehmen?), "sondern in seiner Tiefe" (es gibt eine leere Tiefe, wie es
eine leere Breite gibt), "so werden wir nicht umhin können, wie schwierig diese
Betrachtung auch sein mag, anzuerkennen, daß es sich um nichts weniger und nichts mehr
handelt als um die sittliche Anerkennung des Aufstandes; und ich frage darum: Ist ein
Aufstand sittlich oder ist er es nicht?"
Es handelt sich nicht um eine politische Parteifrage, sondern um etwas unendlich
Wichtigeres: um ein theologisch-philosophisch-moralisches Problem. Die Versammlung hat mit der
Krone keine Verfassung, sondern ein System der Moralphilosophie zu vereinbaren. "Ist ein
Aufstand sittlich oder nicht?" Darauf kommt alles an. Und was antwortete der Herr Pastor der
vor Spannung atemlosen Versammlung?
"Ich glaube aber nicht, daß wir in dem Fall sind, dieses
hohe sittliche Prinzip hier entscheiden zu müssen."!!
Der Herr Pastor ist der Sache bloß auf den Grund gegangen, um zu erklären,
daß er keinen Grund finden kann.
"Es ist der Gegenstand des Nachdenkens vieler tiefsinnigen Männer
gewesen, und sie sind darüber doch zu keiner bestimmten Entscheidung gelangt. Wir
werden diese Klarheit auch im Laufe einer raschen Debatte nicht erlangen."
Die Versammlung ist wie niedergedonnert. Der Herr Pastor stellt ihr ein sittliches Problem
mit schneidender Schärfe und mit allem Ernst, den der Gegenstand erfordert; er stellt es
ihr, um ihr sodann zu erklären, das Problem sei nicht zu lösen. Den Vereinbarern
mußte in dieser beklemmenden Lage zu Mute sein, als ständen sie wirklich schon "auf
dem Boden der Revolution".
Es war aber weiter nichts als ein einfaches seelsorgliches Manöver des Herrn Pastors,
um die Versammlung zur Buße zu leiten. Er hat ein Balsamtröpfchen bereit für
die Zerknirschten:
"Ich glaube, daß es noch einen dritten Punkt der Betrachtung gibt, der
hier ins Auge gefaßt werden muß: Jene Opfer des 18. März haben in einem
Zustande gehandelt, welcher eine sittliche Entscheidung nicht gestattet."!!
Die Barrikadenkämpfer waren unzurechnungsfähig.
"Fragen Sie mich aber, ob ich sie für sittlich berechtigt halte,
so antworte ich kräftig: 'Ja!'"
Wir fragen: Wenn Gottes Wort vom Lande sich nach Berlin
wählen läßt, bloß um durch seine moralisierende Kasuistik das ganze
Publikum zu langweilen, ist das sittlich oder ist es nicht sittlich?
Abgeordneter Hofer protestiert gegen das Ganze in seiner Eigenschaft als pommerscher
Bauer.
"Denn wer ist das Militär gewesen? Sind es nicht unsere Brüder und
Söhne gewesen? Beachten Sie wohl, welchen Eindruck es machen wird, wenn der Vater am Ufer
des Meeres (wendisch po more, d.h. Pommern) "hört, wie sein Sohn hier behandelt worden
ist!"
Das Militär mag sich betragen haben wie es will, es mag sich zum Werkzeug des infamsten
Verrats hergegeben haben - einerlei, es waren unsere pommerschen Jungen und darum ein
dreifaches Hurra für sie!
Abgeordneter Schultz aus Wanzleben: Meine Herren, die Berliner müssen anerkannt
werden. Ihr Mut ist unbegrenzt gewesen. Sie haben nicht nur die Furcht vor den Kanonen
überwunden.
"Was will das heißen, die Furcht, von den Kartätschen
zerschmettert zu werden, wenn man dagegen die Gefahr erwägt, als
Straßenunfug Treibende mit harten, vielleicht entehrenden Strafen belegt zu werden!
Der Mut, der dazu gehört, diesen Kampf aufzunehmen, ist so erhaben,
daß selbst der Mut den offenen Kanonenschlünden gegenüber dagegen gar
nicht in Anschlag kommen kann!"
Die Deutschen haben also vor 1848 keine Revolution gemacht, weil sie sich vor dem
Polizeikommissär fürchteten.
Minister Schwerin tritt auf, um zu erklären, er werde abtreten, wenn der
Vorschlag von Berends angenommen werde.
Elsner und Reichenbach sprechen gegen den Zusatz von Schulze.
Dierschke bemerkt, die Revolution müsse anerkannt werden, weil "der Kampf der
sittlichen Freiheit noch nicht abgeschlossen" und weil die Versammlung ebenfalls "durch die
sittliche Freiheit berufen" sei.
Jacoby verlangte "volle Anerkennung der Revolution mit allen ihren Folgen". Seine
Rede war die beste der ganzen Sitzung.
Endlich freuen wir uns, nach soviel Moral, Langweile, Unentschiedenheit und Versöhnung,
unseren Hansemann auf die Tribüne steigen zu sehen. Jetzt endlich hören wir
doch etwas Entschiedenes, etwas, das Hand und Fuß hat - aber nein, auch Herr Hansemann
tritt heute mild, vermittelnd auf. Er hat seine Gründe dazu, er tut nichts, ohne seine
Gründe zu haben. Er sieht, daß die Versammlung schwankt, daß die Abstimmung
unsicher, daß das rechte Amendement noch nicht gefunden ist. Er will die Debatte vertagt
wissen.
Zu diesem Zweck bietet er alle seine Kräfte an,
möglichst sanftmütig zu sprechen. Die Tatsache ist da, sie ist unbestritten. Nur
nennen die einen sie Revolution, die andern "große Tatsachen". Wir dürfen
"nicht vergessen, daß hier nicht eine Revolution stattgefunden
hat wie in Paris, wie früher in England, sondern daß hier eine Transaktion
zwischen der Krone und dem Volke stattgefunden hat" (eine sonderbare Transaktion mit
Kartätschen und Büchsenkugeln!). "Gerade nun, weil wir" (Minister) "in gewisser
Beziehung gegen das Wesen der Sache keine Einwendung machen, auf der andern Seite aber
der Ausdruck so zu wählen ist, daß die Basis der Regierung, auf welcher wir stehen,
möglich bleibe" -
deswegen möge die Debatte vertagt werden, damit die Minister sich beraten
können.
Was muß es unserem Hansemann gekostet haben, solche Wendungen zu machen und zuzugeben,
die "Basis", auf der die Regierung stehe, sei so schwach, daß sie durch einen "Ausdruck"
umgestoßen werden könne! Es entschädigte ihn nur der Genuß, die Sache
wieder zur Kabinettsfrage machen zu können.
Die Debatte wurde also vertagt.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 17 vom 17. Juni 1848]
Köln, 14. Juni. - Zweiter Tag. - Die Debatte beginnt wieder mit langen
reglementarischen Verhandlungen. Nach ihrer Beseitigung tritt
Herr Zachariä auf. Er hat das Amendement vorzuschlagen, das die Versammlung aus
der Klemme retten soll. Das große ministerielle Wort ist gefunden. Es lautet:
"Die Versammlung geht, in Erwägung, daß die hohe Bedeutung der
großen Märzereignisse, denen wir in Verbindung mit der königl[ichen]
Zustimmung" (die selbst ein "Märzereignis" war, wenn auch kein "großes") "den
gegenwärtigen staatsrechtlichen Zustand verdanken, auch das Verdienst der Kämpfer um
dieselbe" (um die königl[iche] Zustimmung nämlich) "unbestritten ist (!!) und
überdies die Versammlung ihre Aufgabe nicht darin erkennt, Urteile abzugeben" (die
Versammlung soll erklären, sie habe kein Urteil!), "sondern die Verfassung mit der
Krone zu vereinbaren, zur Tagesordnung über."
Dieser konfuse, haltlose, nach allen Seiten Bücklinge schneidende Antrag, von dem Herr
Zachariä sich schmeichelt, daß "ein jeder, selbst Herr Berends, alles darin
finden wird, was er nur immer in dem guten Sinne, in welchem der Antrag von ihm gestellt
wurde, hat beabsichtigen können", dieser süßsäuerliche Brei, das
ist also der "Ausdruck", auf dessen "Basis" das Ministerium Camphausen "steht" und stehen
kann.
Herr Pastor Sydow aus Berlin, aufgemuntert durch
den Erfolg seines Collega Müller, tritt auch auf die Kanzel. Die sittliche Frage geht ihm
im Kopf herum. Was Müller nicht konnte, wird er lösen können.
"Meine Herren, erlauben Sie mir an dieser Stelle gleich" (nachdem er
schon eine halbe Stunde gepredigt) "das zu sagen, wozu das Pflichtgefühl mich treibt: Wenn
die Debatte fortgeht, dann darf nach meiner Meinung keiner schweigen, bis er sich seiner
Gewissenspflicht entledigt hätte. (Bravo!)
Erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung. Meine Ansicht von einer Revolution
ist die (zur Sache! zur Sache!), daß, wo eine Revolution vorkommt, sie nur das Symptom
der Schuld auf beiden Seiten ist, der Regierenden wie der Regierten. Dies" (diese Plattheit,
die wohlfeilste Manier, die Sache abzumachen) "ist die höhere sittliche Ansicht der
Sache, und (!) greifen wir nicht dem christlich-sittlichen Urteil der Nation vor." (Wozu
glauben denn die Herren, daß sie da sind?) (Aufregung. Zur Tagesordnung!)
"Aber meine Herren", fährt der unerschütterliche Streiter der höheren
sittlichen Ansicht und des unvorgreiflichen christlich-sittlichen Urteils der Nation fort, "ich
bin nicht der Meinung, daß nicht Zeiten kommen können, wo die politische Notwehr (!)
eines Volks mit der Notwendigkeit eines Naturereignisses hereinbricht, und ... dann bin ich der
Meinung, daß der Einzelne daran auf völlig sittliche Weise teilnehmen
kann." (Dank der Kasuistik, wir sind gerettet!) "Freilich auch möglicherweise auf
unsittliche Weise, das ist dann seinem Gewissen zu überlassen."!!
Die Barrikadenkämpfer gehören nicht vor die soi-disant <sogenannte>
Nationalversammlung, sie gehören vor den Beichtstuhl. Damit ist die Sache erledigt.
Herr Pastor Sydow erklärt noch, daß er "Mut" hat, spricht des breiteren
über Volkssouveränetät vom Standpunkte der höhern sittlichen Ansicht, wird
noch dreimal durch ungeduldigen Lärm unterbrochen und geht auf seinen Platz mit dem
freudigen Bewußtsein, sich seiner Gewissenspflicht entledigt zu haben. Die Welt
weiß nun, welcher Meinung der Pastor Sydow ist und welcher Meinung er nicht ist.
Herr Plönnis erklärt, man solle die Sache fallenlassen. Eine mit soviel
Amendements und Unteramendements, mit soviel Debatten und Hakeleien totmüde gehetzte
Erklärung habe doch keinen Wert mehr. Herr Plönnis hat recht. Er konnte aber der
Versammlung keinen schlimmeren Dienst tun, als indem er auf diesen Umstand, auf diesen Beweis
von der Feigheit so vieler Mitglieder beider Seiten aufmerksam machte.
Herr Reichensperger aus Trier:
"Wir sind nicht hier, um Theorien zu bauen und Geschichte zu
dekretieren, wir sollen womöglich Geschichte machen."
Keineswegs! Durch die Annahme der motivierten
Tagesordnung beschließt die Versammlung, daß sie im Gegenteil da ist, Geschichte
ungeschehen zu machen. Allerdings auch eine Manier, "Geschichte zu machen".
"Ich erinnere an den Ausspruch Vergniauds, daß die Revolution daran
ist, ihre eignen Kinder zu verschlingen."
Leider nein! Sie ist vielmehr daran, von ihren eignen Kindern verschlungen zu werden!
Herr Riedel hat entdeckt, daß unter dem Berendsschen Antrage "nicht allein
das verstanden werden soll, was die Worte einfach sagen, sondern sich darunter ein
Prinzipienstreit verbirgt". Und dieses Opfer der "höheren sittlichen Ansicht" ist geheimer
Archivrat und Professor!
Wiederum schreitet ein hochehrwürdiger Herr Pfarrer auf die Bühne zu. Es ist Herr
Jonas, der Berliner Damenprediger. Er scheint die Versammlung auch wirklich für ein
Auditorium von Töchtern gebildeter Stände versehen zu haben. Mit der ganzen
prätentiösen Breitspurigkeit eines echten Schleiermacherianers predigt er eine
endlose Reihe der plattesten Gemeinplätze über den so höchst wichtigen
Unterschied von Revolution und Reformation. Ehe er nur die Einleitung seiner Predigt beendet,
war er dreimal unterbrochen; endlich platzte er hervor mit dem großen Satze:
"Die Revolution ist etwas, was unsrem gegenwärtigen religiösen und
sittlichen Bewußtsein schnurstracks widerspricht. Eine Revolution ist eine Tat, die
für groß und herrlich wohl galt im alten Griechen- und Römertum, aber im
Christentum ..." (Heftige Unterbrechung. Allgemeines Durcheinander. Esser, Jung, Elsner, der
Vorsitzende und zahllose Stimmen mischen sich in die Debatte. Endlich kommt der beliebte
Kanzelredner wieder zu Wort.)
"Jedenfalls bestreite ich der Versammlung das Recht, über religiöse und sittliche
Prinzipien abzustimmen; über solche kann keine Versammlung abstimmen" (? und das
Konsistorium, die Synode?). "Dekretieren wollen oder erklären, die Revolution sei ein
hohes, sittliches Vorbild oder irgend etwas anderes" (also überhaupt irgend etwas), "dies
kommt mir gerade so vor, als wollte die Versammlung beschließen, es sei ein Gott oder es
sei kein Gott, oder mehrere."
Da haben wir's. Der Damenprediger hat die Frage glücklich wieder aufs Gebiet der
"höheren sittlichen Ansicht" gezogen, und jetzt gehört sie natürlich nur vor die
protestantischen Konzilien, vor die Katechismusfabrikanten der Synode.
Gottlob! Nach all diesem Sittlichkeitsqualm tritt endlich unser Hansemann auf. Bei diesem
praktischen Geist sind wir vor der "höheren sittlichen Ansicht" vollständig sicher.
Herr Hansemann beseitigt den ganzen moralischen Standpunkt mit der einen wegwerfenden
Bemerkung:
"Haben wir, frage ich Sie, Muße
genug, uns in solche Prinzipienkämpfe einzulassen?"
Herr Hansemann erinnert sich, daß gestern ein Abgeordneter von brotlosen Arbeitern
sprach. Herr Hansemann benutzt diese Bemerkung zu einer geschickten Wendung. Er spricht von der
Not der arbeitenden Klasse, bedauert ihr Elend und fragt:
"Was ist die Ursache der allgemeinen Not? Ich glaube ... ein jeder trägt
das Gefühl in sich, daß noch keine Gewißheit für etwas Bestehendes
gegeben ist, solange unsre staatsrechtlichen Zustände noch nicht geordnet
sind."
Herr Hansemann spricht hier aus voller Seele. Das Vertrauen muß wiederhergestellt
werden! ruft er aus - und das beste Mittel zur Wiederherstellung des Vertrauens ist die
Verleugnung der Revolution. Und nun ergeht sich der Redner des Ministeriums, das "keine
Reaktion sieht", in einer schreckenerregenden Schilderung der Wichtigkeit der freundlichen
Gesinnungen der Reaktion.
"Ich beschwöre Sie, die Eintracht unter allen Klassen zu
fördern" (indem man den Klassen, die die Revolution gemacht haben, einen Schimpf antut!);
"ich beschwöre Sie, die Eintracht zwischen Volk und Heer zu fördern; bedenken Sie,
daß auf dem Heere unsre Hoffnungen beruhen, unsre Unabhängigkeit zu behaupten" (! in
Preußen, wo jeder Soldat ist!); "bedenken Sie, in welchen schwierigen Verhältnissen
wir uns befinden - ich brauche Ihnen das nicht weiter auseinanderzusetzen, der aufmerksame
Zeitungsleser" (und das sind die Herren gewiß alle) "wird anerkennen,
daß diese Verhältnisse schwierig, höchst schwierig sind. In diesem
Augenblick nun eine Erklärung abzugeben, durch welche eine Saat der Zwietracht ins
Land gebracht wird, halte ich nicht für geeignet ... Deshalb, meine Herren,
versöhnen Sie die Parteien, nehmen Sie keine Frage auf, wodurch Sie die Gegner
provozieren, denn das würde gewiß geschehen. Es würde eine Annahme
des Antrags die traurigsten Folgen haben können."
Wie mögen die Reaktionäre gelächelt haben, als sie sahen, wie der sonst so
resolute Hansemann nicht nur die Versammlung, sondern sogar sich selbst in die Angst
hineinredete!
Dieser Appell an die Furcht der großen Bourgeois, Advokaten und Schulmeister der
Kammer wirkte mehr als alle gefühlvollen Phrasen von der "höheren sittlichen
Ansicht". Die Sache war entschieden. D'Ester warf sich noch ins Gefecht, um die Wirkung zu
vereiteln, aber vergebens; die Debatte wurde geschlossen, und 196 gegen 177 Stimmen nahmen die
Zachariäsche motivierte Tagesordnung an.
Die Versammlung sprach sich damit selbst das Urteil, daß sie kein Urteil habe.
Geschrieben von Friedrich Engels.