Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 5, S. 37-38
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1971
Comité de sûreté générale
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 6 vom 6. Juni 1848]
*Köln, 5. Juni. Berlin besitzt jetzt
ebensogut sein Comité de sûreté générale wie Paris im Jahre
1793. Nur mit dem Unterschiede, daß der Pariser Ausschuß revolutionär war und
der Berliner reaktionär ist. Nach einer in Berlin erschienenen Bekanntmachung nämlich
haben die "mit Aufrechthaltung der Ruhe beauftragten Behörden" für nötig
befunden, "sich zu einem gemeinsamen Zusammenwirken zu vereinigen". Sie haben deshalb einen
Sicherheitsausschuß ernannt, der in der Oberwallstraße seinen Sitz aufgeschlagen
hat. Diese neue Behörde ist folgendermaßen zusammengesetzt: 1. Präsident: der
Direktor im Ministerium des Innern, Puttkamer; 2. der Kommandant und Exbefehlshaber der
Bürgerwehr, Aschoff; 3. Polizeipräsident Minutoli; 4. Staatsanwalt Temme; 5.
Bürgermeister Naunyn und zwei Stadträte; 6. der Vorsteher der Stadtverordneten und
drei Stadtverordnete; 7. fünf Offiziere und zwei Männer der Bürgerwehr. Dieser
Ausschuß wird
"von allem, was die öffentliche Ruhe verletzt oder zu verletzen droht,
Kenntnis nehmen und die Tatsachen einer allseitigen und gründlichen Erwägung
unterwerfen. Mit Umgehung der alten und unzulänglichen Mittel und Formen und mit
Vermeidung unnötigen Schriftwechsels wird er die geeigneten Schritte verabreden und durch
die verschiednen Kreise der Verwaltung eine schleunige und energische Ausführung der
notwendigen Anordnungen veranlassen. Durch ein solches gemeinsames Zusammenwirken kann nur
Schnelligkeit und Sicherheit, verbunden mit der erforderlichen Vorsicht, in den unter den
heutigen Zeitverhältnissen oft sehr schwierigen Geschäftsgang gebracht werden.
Besonders aber wird die Bürgerwehr, welche den Schutz der Stadt auf sich genommen hat, in
den Stand gesetzt werden, den unter ihrem Beirat gefaßten Beschlüssen der
Obrigkeit auf Erfordern den gebührenden Nachdruck zu verschaffen. Mit vollem Vertrauen
auf die Teilnahme und Mitwirkung aller Bewohner und besonders des ehrenhaften (!) Standes der
Handwerker und (!) Arbeiter beginnen die Deputierten, frei von allen Parteiansichten <In der
Bekanntmachung: Parteirücksichten> und Bestrebungen, ihren
mühevollen Beruf und hoffen, denselben vorzugsweise auf dem friedfertigen Wege der
Vermittlung zur Wohlfahrt aller zu erfüllen."
Die ölige, einschmeichelnde, demütig-bittende Sprache läßt schon ahnen,
daß hier ein Zentrum für die reaktionäre Tätigkeit gebildet wird
gegenüber dem revolutionären Volk von Berlin. Die Zusammensetzung dieses Ausschusses
erhebt dies zur Gewißheit. Da ist erstens Herr Puttkamer, derselbe, der sich als
Polizeipräsident durch seine Ausweisungen rühmlichst bekannt machte. Wie unter der
bürokratischen Monarchie: keine hohe Behörde ohne wenigstens einen Puttkamer.
Dann Herr Aschoff, der wegen seiner Korporalsgrobheit und seiner reaktionären Intrigen der
Bürgerwehr so verhaßt wurde, daß sie seine Entfernung beschloß. Er hat
nun auch seine Stelle niedergelegt. Dann Herr Minutoli, der 1846 das Vaterland in Posen
gerettet, indem er die Verschwörung der Polen entdeckte, und der neulich die Schriftsetzer
auszuweisen drohte, als sie wegen Lohndifferenzen feierten. Dann Repräsentanten zweier
äußerst reaktionär gewordenen Körperschaften, des Magistrats und der
Stadtverordneten, und endlich, unter den Offizieren der Bürgerwehr, der
Hauptreaktionär Major Blesson. Wir hoffen, daß das Berliner Volk sich von diesem
eigenmächtig konstituierten Reaktionsausschusse in keiner Weise bevormunden lassen
wird.
Übrigens hat der Ausschuß seine reaktionäre Tätigkeit schon begonnen,
indem er aufgefordert hat, von der auf gestern (Sonntag) angesagten Volksprozession nach dem
Grabe der Märzgefallenen abzustehen, weil dies eine Demonstration, und Demonstrationen
überhaupt vom Übel seien.