Seitenzahlen nach: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 20. Berlin/DDR. 1962. »Dialektik der Natur«, S. 456-471.
1. Korrektur
Erstellt am 10.10.1999

Friedrich Engels - Dialektik der Natur

[Aus der Geschichte der Wissenschaft]



Alle diese epochemachenden Fortschritte der Naturwissenschaft gingen an Feuerbach vorüber, ohne ihn wesentlich zu berühren. Es war dies nicht so sehr seine Schuld als die der elenden deutschen Verhältnisse, kraft deren die Lehrstühle der Universitäten von hohlköpfigen, eklektischen Flohknackern in Beschlag genommen wurden, während Feuerbach, der sie turmhoch überragte, in einsamer Dorfabgeschiedenheit fast verbauern mußte. Daher kommt es, daß er über die Natur - bei einzelnen genialen Zusammenfassungen - soviel belletristisches Stroh dreschen muß. So sagt er:
»Das Leben ist allerdings nicht Produkt eines chemischen Prozesses, nicht Produkt überhaupt einer vereinzelten Naturkraft oder Erscheinung, worauf der metaphysische Materialist das Leben reduziert, es ist ein Resultat der ganzen Natur«.
Daß das Leben ein Resultat der ganzen Natur ist, widerspricht keineswegs dem Umstand, daß das Eiweiß, welches der ausschließliche selbständige Träger des Lebens ist, unter bestimmten, durch den ganzen Naturzusammenhang gegebnen Bedingungen entsteht, aber eben als Produkt eines chemischen Prozesses entsteht. <Hätte Feuerbach unter Umständen gelebt, die ihm erlaubten, die Entwicklung der Naturwissenschaft auch nur oberflächlich zu verfolgen, so würde er nie in den Fall gekommen sein, von einem chemischen Prozeß zu sprechen als von der Wirkung einer vereinzelten Naturkraft.>{5} Derselben Vereinsamung ist es zuzuschreiben, wenn Feuerbach sich in eine Reihe unfruchtbarer und sich im Kreise drehender Spekulationen über das Verhältnis des Denkens zum denkenden Organ, dem Gehirn, verliert - ein Gebiet, worauf ihm Starcke mit Vorliebe folgt.
Genug, Feuerbach sträubt sich gegen den Namen Materialismus. Und nicht ganz mit Unrecht; denn er wird den Idealisten nie ganz los. Auf dem Gebiet der Natur ist er Materialist; aber auf dem Gebiet der menschlichen [...]{6}
*

Gott wird nirgends schlechter behandelt als bei den Naturforschern, die an ihn glauben. Die Materialisten explizieren einfach die Sache, ohne auf solche Phrasen einzugehn, sie tun dies erst, wenn zudringliche Gläubige ihnen den Gott aufdrängen wollen, und da antworten sie kurz, sei es wie Laplace: Sire, je n'avais etc., sei es derber in der Art der holländischen Kaufleute, die deutsche Handelsreisende bei Aufdrängung ihrer Schund fabrikate mit den Worten abzuweisen pflegen: Ik kan die zaken niet gebruiken, und damit ist's abgetan. Aber was hat Gott von seinen Verteidigern erdulden müssen! In der Geschichte der modernen Naturwissenschaften wird Gott von seinen Verteidigern behandelt wie Friedrich Wilhelm III. in der Kampagne von Jena von seinen Generalen und Beamten. Ein Armeeteil nach dem andern streckt das Gewehr, eine Festung nach der andern kapituliert vor dem Anmarsch der Wissenschaft, bis zuletzt das ganze unendliche Gebiet der Natur von ihr erobert und keine Stätte mehr in ihr ist für den Schöpfer. Newton ließ ihm noch den »ersten Anstoß«, verbat sich aber jede fernere Einmischung in sein Sonnensystem. P[ater] Secchi komplimentiert ihn, zwar mit allen kanonischen Honneurs, aber darum nicht weniger kategorisch, aus dem Sonnensystem ganz heraus und erlaubt ihm nur noch in Beziehung auf den Urnebel einen Schöpfungsakt. Und so auf allen Gebieten. In der Biologie mutet ihm sein letzter großer Don Quixote, Agassiz, sogar positiven Unsinn zu: Er soll nicht nur die wirklichen Tiere, sondern auch abstrakte Tiere, den Fisch als solchen schaffen! |Siehe S. 477| Und zuletzt verbietet ihm Tyndall gar den Zutritt zur Natur total und verweist ihn in die Welt der Gefühlsbewegungen und läßt ihn nur zu, weil es doch jemand geben muß, der von allen diesen Dingen (der Natur) mehr weiß als J. Tyndall! Welch ein Abstand vom alten Gott - Schöpfer Himmels und der Erden, Erhalter aller Dinge, ohne den kein Haar vom Haupt fallen kann!
Das emotionale Bedürfnis Tyndalls beweist nichts. Der Chevalier des Grieux hatte auch das emotionale Bedürfnis, die Manon Lescaut zu lieben und zu besitzen, die sich und ihn einmal über das andre Mal verkaufte, er wurde ihr zuliebe Falschspieler und Maquereau, und wenn Tyndall ihm dann Vorwürfe machen will, so antwortet er mit seinem »emotionalen Bedürfnis«!
Gott = nescio |ich weiß es nicht|; aber ignorantia non est argumentum |Unwissenheit ist kein Beweisgrund| (Spinoza).


{1} Am Rande des Manuskripts ist gegenüber diesem Absatz geschrieben: »Bisher nur geprahlt, was die Produktion der Wissenschaft verdankt, aber die Wissenschaft verdankt der Produktion unendlich mehr«.
   {2} Engels meint das 11. Blatt seiner Notizen. Die auf diesem Blatt niedergeschriebene chronologische Tabelle der Erfindungen wird weiter unten wiedergegeben.
   {3} Der Satz ist unvollendet geblieben.
   {4} Bis hierher ist der gesamte Text der Notiz im Manuskript, als von Engels im ersten Teil der »Einleitung« benutzt, mit einem senkrechten Strich durchstrichen (siehe S. 311-320). Weiter folgen noch zwei Absätze, die teilweise im zweiten Teil der »Einleitung« (S. 320-327) benutzt wurden, aber im Manuskript nicht gestrichen sind.
   {5} Dieser Satz ist im Manuskript gestrichen.
   {6} Hier endet S. 19 des ursprünglichen Manuskripts »Ludwig Feuerbach«. Das Ende dieses Satzes befindet sich auf der folgenden Seite, die nicht erhalten ist. Auf Grund des gedruckten Textes des »Ludwig Feuerbach« kann man annehmen, daß der zweite Teil des letzten Satzes so lautete: »aber auf dem Gebiet der menschlichen Geschichte ist er Idealist«.