Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. Herausgegeben
vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 20. Berlin/DDR.
1962. »Herrn Eugen Dührung's Umwälzung der Wissenschaft«,
S. 239-303.
1. Korrektur
Erstellt am 05.09.1999
Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft
Dritter Abschnitt
Sozialismus
- Geschichtliches
- Theoretisches
- Produktion
- Verteilung
- Staat, Familie, Erziehung
Wir sahen in der Einleitung, wie die französischen
Philosophen des 18. Jahrhunderts, die Vorbereiter der Revolution, an die Vernunft
appellierten, als einzige Richterin über alles, was bestand. Ein vernünftiger
Staat, eine vernünftige Gesellschaft sollten hergestellt, alles, was der
ewigen Vernunft widersprach, sollte ohne Barmherzigkeit beseitigt werden. Wir
sahen ebenfalls, daß diese ewige Vernunft in Wirklichkeit nichts andres
war, als der idealisierte Verstand des eben damals zum Bourgeois sich fortentwickelnden
Mittelbürgers. Als nun die französische Revolution diese Vernunftgesellschaft
und diesen Vernunftstaat verwirklicht hatte, stellten sich daher die neuen Einrichtungen,
so rationell sie auch waren gegenüber den frühern Zuständen, keineswegs
als absolut vernünftige heraus. Der Vernunftstaat war vollständig in
die Brüche gegangen. Der Rousseausche Gesellschaftsvertrag hatte seine Verwirklichung
gefunden in der Schreckenszeit, aus der das an seiner eignen politischen Befähigung
irre gewordne Bürgertum sich geflüchtet hatte zuerst in die Korruption
des Direktoriums und schließlich unter den Schutz des napoleonischen Despotismus.
Der verheißene ewige Friede war umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg.
Die Vernunftgesellschaft war nicht besser gefahren. Der Gegensatz von reich und
arm, statt sich aufzulösen im allgemeinen Wohlergehn, war verschärft
worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden zünftigen und
andern Privilegien und der ihn mildernden kirchlichen Wohltätigkeitsanstalten;
der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend
der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft. Die Zahl der
Verbrechen nahm zu von Jahr zu Jahr. Waren die
früher am hellen Tage sich ungescheut ergehenden feudalen Laster zwar nicht
vernichtet, so doch vorläufig in den Hintergrund gedrängt, so schossen
dafür die, bisher nur in der Stille gehegten, bürgerlichen Laster um
so üppiger in die Blüte. Der Handel entwickelte sich mehr und mehr zur
Prellerei. Die »Brüderlichkeit« der revolutionären Devise verwirklichte
sich in den Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfs. An die Stelle der gewaltsamen
Unterdrückung trat die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten
gesellschaftlichen Machthebels, das Geld. Das Recht der ersten Nacht ging über
von den Feudalherren auf die bürgerlichen Fabrikanten. Die Prostitution breitete
sich aus in bisher unerhörtem Maß. Die Ehe selbst blieb, nach wie vor,
gesetzlich anerkannte Form, offizieller Deckmantel der Prostitution, und ergänzte
sich zudem durch reichlichen Ehebruch. Kurzum, verglichen mit den prunkhaften
Verheißungen der Aufklärer, erwiesen sich die durch den »Sieg der Vernunft«
hergestellten gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen als bitter enttäuschende
Zerrbilder. Es fehlten nur noch die Leute, die diese Enttäuschung konstatierten,
und diese kamen mit der Wende des Jahrhunderts. 1802 erschienen Saint-Simons Genfer
Briefe; 1808 erschien Fouriers erstes Werk, obwohl die Grundlage seiner Theorie
schon von 1799 datierte; am ersten Januar 1800 übernahm Robert Owen die Leitung
von New Lanark.
Um diese Zeit aber war die kapitalistische Produktionsweise und mit ihr der
Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat noch sehr unentwickelt. Die große
Industrie, in England eben erst entstanden, war in Frankreich noch unbekannt.
Aber erst die große Industrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine
Umwälzung der Produktionsweise zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte
nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffnen
Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie entwickelt andrerseits
in eben diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte
zu lösen. Waren also um 1800 die der neuen Gesellschaftsordnung entspringenden
Konflikte erst im Werden begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln
ihrer Lösung. Hatten die besitzlosen Massen von Paris während der Schreckenszeit
einen Augenblick die Herrschaft erobern können, so hatten sie damit nur bewiesen,
wie unmöglich diese Herrschaft unter den damaligen Verhältnissen war.
Das sich aus diesen besitzlosen Massen eben erst als Stamm einer neuen Klasse
absondernde Proletariat, noch ganz unfähig zu selbständiger politischer
Aktion, stellte sich dar als unterdrückter, leidender Stand, dem in seiner
Unfähigkeit, sich selbst zu helfen, höchstens von außen her, von
oben herab Hilfe zu bringen war.
Diese geschichtliche Lage beherrschte auch
die Stifter des Sozialismus. Dem unreifen Stand der kapitalistischen Produktion,
der unreifen Klassenlage entsprachen unreife Theorien. Die Lösung der gesellschaftlichen
Aufgaben, die in den unentwickelten ökonomischen Verhältnissen noch
verborgen lag, sollte aus dem Kopfe erzeugt werden. Die Gesellschaft bot nur Mißstände;
sie zu beseitigen war Aufgabe der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum,
ein neues vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden und
dies der Gesellschaft von außen her, durch Propaganda, womöglich durch
das Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme
waren von vornherein zur Utopie verdammt, je weiter sie in ihren Einzelheiten
ausgearbeitet wurden, desto mehr mußten sie in reine Phantasterei verlaufen.
Dies einmal festgestellt, halten wir uns bei dieser, jetzt ganz der Vergangenheit
angehörigen Seite keinen Augenblick länger auf. Wir können es literarischen
Kleinkrämern à la Dühring überlassen, an diesen, heute nur
noch erheiternden Phantastereien feierlich herumzuklauben und die Überlegenheit
ihrer eignen nüchternen Denkungsart geltend zu machen gegenüber solchem
»Wahnwitz«. Wir freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die
unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen, und für die
jene Philister blind sind.
Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf, daß
»alle Menschen arbeiten sollen«.
In derselben Schrift weiß er schon, daß die Schreckensherrschaft
die Herrschaft der besitzlosen Massen war.
»Seht an«, ruft er ihnen zu, »was sich in Frankreich ereignet hat zu der Zeit,
als eure Kameraden dort geherrscht; sie haben die Hungersnot erzeugt.«
Die französische Revolution aber als einen Klassenkampf zwischen Adel,
Bürgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im Jahr 1802 eine höchst
geniale Entdeckung. 1816 erklärt er die Politik für die Wissenschaft
der Produktion und sagt voraus das gänzliche Aufgehn der Politik in der Ökonomie.
Wenn hierin die Erkenntnis, daß die ökonomische Lage die Basis der
politischen Einrichtungen ist, nur erst im Keime sich zeigt, so ist doch die Überführung
der politischen Regierung über Menschen in eine Verwaltung von Dingen und
eine Leitung von Produktionsprozessen, also die neuerdings mit so viel Lärm
breitgetretne Abschaffung des Staats hier schon klar ausgesprochen. Mit gleicher
Überlegenheit über seine Zeitgenossen proklamiert er 1814, unmittelbar
nach dem Einzug der Verbündeten in Paris, und noch 1815, während des
Kriegs der Hundert Tage, die Allianz Frankreichs
mit England und in zweiter Linie beider Länder mit Deutschland als einzige
Gewähr für die gedeihliche Entwicklung und den Frieden Europas. Allianz
den Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehörte
allerdings etwas mehr Mut, als den deutschen Professoren einen Klatschkrieg zu
erklären.
Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken, vermöge
deren fast alle nicht streng ökonomischen Gedanken der spätern Sozialisten
bei ihm im Keim enthalten sind, so finden wir bei Fourier eine echt französisch-geistreiche,
aber darum nicht minder tief eindringende Kritik der bestehenden Gesellschaftszustände.
Fourier nimmt die Bourgeoisie, ihre begeisterten Propheten von vor, und ihre interessierten
Lobhudler von nach der Revolution beim Worte. Er deckt die materielle und moralische
Misere der bürgerlichen Welt unbarmherzig auf, er hält daneben sowohl
die gleißenden Versprechungen der Aufklärer von der Gesellschaft, in
der nur die Vernunft herrschen werde, von der alles beglückenden Zivilisation,
von der grenzenlosen menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, wie auch die
schönfärbenden Redensarten der gleichzeitigen Bourgeoisideologen; er
weist nach, wie der hochtönendsten Phrase überall die erbärmlichste
Wirklichkeit entspricht, und überschüttet dies rettungslose Fiasko der
Phrase mit beißendem Spott. Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitere
Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker
aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution emporblühende Schwindelspekulation
ebenso wie die allgemeine Krämerhaftigkeit des damaligen französischen
Handels schildert er ebenso meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter
ist seine Kritik der bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse
und der Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er spricht
es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der weiblichen
Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation ist. Am
großartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte
der Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen:
Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten
bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt, und weist nach
»daß die zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei auf
eine einfache Weise ausübt, zu einer zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen,
heuchlerischen Daseinsweise erhebt«,
daß die Zivilisation sich in einem »fehlerhaften Kreislauf« bewegt, in
Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie überwinden zu können, so daß sie stets das Gegenteil erreicht
von dem, was sie erlangen will oder erlangen zu wollen vorgibt. So daß z.B.
»in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst entspringt«.
Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft
wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenüber
dem Gerede von der unbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß
jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast
hat, und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit
an. Wie Kant den künftigen Untergang der Erde in die Naturwissenschaft, führt
Fourier den künftigen Untergang der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung
ein. -
Während in Frankreich der Orkan der Revolution das Land ausfegte, ging
in England eine stillere, aber darum nicht minder gewaltige Umwälzung vor
sich. Der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie verwandelten die Manufaktur in
die moderne große Industrie und revolutionierten damit die ganze Grundlage
der bürgerlichen Gesellschaft. Der schläfrige Entwicklungsgang der Manufakturzeit
verwandelte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode der Produktion. Mit stets
wachsender Schnelligkeit vollzog sich die Scheidung der Gesellschaft in große
Kapitalisten und besitzlose Proletarier, zwischen denen, statt des frühern
stabilen Mittelstandes, jetzt eine unstete Masse von Handwerkern und Kleinhändlern
eine schwankende Existenz führte, der fluktuierendste Teil der Bevölkerung.
Noch war die neue Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden Asts; noch
war sie die normale, die unter den Umständen einzig mögliche Produktionsweise.
Aber schon damals erzeugte sie schreiende soziale Mißstände: Zusammendrängung
einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstätten großer
Städte - Lösung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der patriarchalischen
Unterordnung, der Familie - Überarbeit besonders der Weiber und Kinder in
schreckenerregendem Maß - massenhafte Demoralisation der plötzlich
in ganz neue Verhältnisse geworfnen arbeitenden Klasse. Da trat ein neunundzwanzigjähriger
Fabrikant als Reformator auf, ein Mann von bis zur Erhabenheit kindlicher Einfachheit
des Charakters und zugleich ein geborner Lenker von Menschen wie wenige. Robert
Owen hatte sich die Lehre der materialistischen Aufklärer angeeignet, daß
der Charakter des Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen Organisation
und andrerseits der den Menschen während seiner Lebenszeit, besonders aber
während der Entwicklungsperiode umgebenden Umstände. In der industriellen
Revolution sahen die meisten seiner Standesgenossen
nur Verwirrung und Chaos, gut, um im trüben zu fischen und sich rasch zu
bereichern. Er sah in ihr die Gelegenheit, seinen Lieblingssatz zur Anwendung
und damit Ordnung in das Chaos zu bringen. Er hatte es schon in Manchester als
Dirigent über fünfhundert Arbeiter einer Fabrik erfolgreich versucht;
von 1800 bis 1829 leitete er die große Baumwollspinnerei von New Lanark
in Schottland als dirigierender Associé in demselben Sinn, nur mit größerer
Freiheit des Handelns, und mit einem Erfolg, der ihm europäischen Ruf eintrug.
Eine allmählich auf 2.500 Köpfe anwachsende, ursprünglich aus den
gemischtesten und größtenteils stark demoralisierten Elementen sich
zusammensetzende Bevölkerung wandelte er um in eine vollständige Musterkolonie,
in der Trunkenheit, Polizei, Strafrichter, Prozesse, Armenpflege, Wohltätigkeitsbedürfnis
unbekannte Dinge waren. Und zwar einfach dadurch, daß er die Leute in menschenwürdigere
Umstände versetzte und namentlich die heranwachsende Generation sorgfältig
erziehen ließ. Er war der Erfinder der Kleinkinderschulen und führte
sie hier zuerst ein. Vom zweiten Lebensjahre an kamen die Kinder in die Schule,
wo sie sich so gut unterhielten, daß sie kaum wieder heimzubringen waren.
Während seine Konkurrenten dreizehn bis vierzehn Stunden täglich arbeiteten,
wurde in New Lanark nur zehneinhalb Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollenkrisis
zu viermonatigem Stillstand zwang, wurde den feiernden Arbeitern der volle Lohn
fortbezahlt. Und dabei hatte das Etablissement seinen Wert mehr als verdoppelt
und bis zuletzt den Eigentümern reichlichen Gewinn abgeworfen.
Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen Arbeitern
geschaffen, war in seinen Augen noch lange keine menschenwürdige;
»die Leute waren meine Sklaven«:
die relativ günstigen Umstände, in die er sie versetzt, waren noch
weit entfernt davon, eine allseitige und rationelle Entwicklung des Charakters
und des Verstandes, geschweige eine freie Lebenstätigkeit zu gestatten.
»Und doch produzierte der arbeitende Teil dieser 2.500 Menschen ebensoviel
wirklichen Reichtum für die Gesellschaft, wie kaum ein halbes Jahrhundert
vorher eine Bevölkerung von 600.000 erzeugen konnte. Ich frug mich: was wird
aus der Differenz zwischen dem von 2.500 Personen verzehrten Reichtum und demjenigen,
den die 600.000 hätten verzehren müssen?«
Die Antwort war klar. Er war verwandt worden, um den Besitzern des Etablissements
fünf Prozent Zinsen vom Anlagekapital und außerdem noch mehr als 300.000
Pfd. Sterling (6.000.000 Mark) Gewinn abzuwerfen. Und was von New Lanark, galt
in noch höherm Maß von allen Fabriken Englands.
»Ohne diesen
neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum hätten die Kriege zum Sturz
Napoleons und zur Aufrechterhaltung der aristokratischen Gesellschaftsprinzipien
nicht durchgeführt werden können. Und doch war diese neue Macht die
Schöpfung der arbeitenden Klasse.«
Ihr gehörten daher auch die Früchte. Die neuen, gewaltigen Produktivkräfte,
bisher nur der Bereicherung einzelner und der Knechtung der Massen dienend, boten
für Owen die Grundlage zu einer gesellschaftlichen Neubildung, und waren
dazu bestimmt, als gemeinsames Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt
aller zu arbeiten.
Auf solche rein geschäftsmäßige Weise, als Frucht sozusagen
der kaufmännischen Berechnung entstand der Owensche Kommunismus. Denselben
auf das Praktische gerichteten Charakter behält er durchweg. So schlug Owen
1823 Hebung des irischen Elends durch kommunistische Kolonien vor und legte vollständige
Berechnungen über Anlagekosten, jährliche Auslagen und voraussichtliche
Erträge bei. So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die technische Ausarbeitung
der Einzelheiten mit solcher Sachkenntnis durchgeführt, daß, die Owensche
Methode der Gesellschaftsreform einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung
selbst vom fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt.
Der Fortschritt zum Kommunismus war der Wendepunkt in Owens Leben. Solange
er als bloßer Philanthrop aufgetreten, hatte er nichts geerntet als Reichtum,
Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der populärste Mann in Europa. Nicht nur seine
Standesgenossen, auch Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig
zu. Als er aber mit seinen kommunistischen Theorien hervortrat, wendete sich das
Blatt. Drei große Hindernisse waren es, die ihm vor allem den Weg zur gesellschaftlichen
Reform zu versperren schienen: das Privateigentum, die Religion und die gegenwärtige
Form der Ehe. Er wußte, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine
Ächtung durch die offizielle Gesellschaft, der Verlust seiner ganzen sozialen
Stellung. Aber er ließ sich nicht abhalten, sie rücksichtslos anzugreifen,
und es geschah, wie er vorhergesehn. Verbannt aus der offiziellen Gesellschaft,
totgeschwiegen von der Presse, verarmt durch fehlgeschlagne kommunistische Versuche
in Amerika, in denen er sein ganzes Vermögen geopfert, wandte er sich direkt
an die Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch dreißig Jahre tätig.
Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte, die in England
im Interesse der Arbeiter zustande gekommen, knüpfen sich an den Namen Owen.
So setzte er 1819 nach fünfjähriger Anstrengung das erste Gesetz zur
Beschränkung der Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. So präsidierte
er dem ersten Kongreß, auf dem die Trade-Unions
von ganz England sich in eine einzige große Gewerksgenossenschaft vereinigten.
So führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen
Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein (Konsum-
und Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen Beweis
geliefert haben, daß sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant sehr entbehrliche
Personen sind; andrerseits die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten
vermittelst eines Arbeitspapiergeldes, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete;
Anstalten, die notwendig scheitern mußten, die aber die weit spätere
Proudhonsche Tauschbank vollständig antizipierten und sich nur dadurch von
ihr unterschieden, daß sie nicht das Universalheilmittel aller gesellschaftlichen
Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit radikaleren Umgestaltung
der Gesellschaft darstellten. Das sind die Männer, auf die der souveräne
Herr Dühring von der Höhe seiner »endgültigen Wahrheit letzter
Instanz« mit der Verachtung herabsieht, von der wir in der Einleitung einige Beispiele
gegeben haben. Und diese Verachtung ist nach Einer Seite hin nicht ohne ihren
zureichenden Grund: sie beruht nämlich wesentlich auf einer wahrhaft erschreckenden
Unwissenheit in Beziehung auf die Schriften der drei Utopisten. So heißt
es von Saint-Simon, daß
»sein Grundgedanke im wesentlichen zutreffend gewesen ist und, von einigen
Einseitigkeiten abgesehn, noch heute den leitenden Antrieb zu wirklichen Gestaltungen
liefert«.
Trotzdem aber Herr Dühring in der Tat einige der Saint-Simonschen Werke
in der Hand gehabt zu haben scheint, sehn wir uns auf den betreffenden siebenundzwanzig
Druckseiten ebenso vergeblich nach dem »Grundgedanken« Saint-Simons um, wie früher
nach dem, was Quesnays ökonomisches Tableau »bei Quesnay selbst zu bedeuten
hat«, und müssen uns schließlich abspeisen lassen mit der Phrase,
»daß die Imagination und der philanthropische Affekt ... mit der ihm
zugehörigen Überspannung der Phantasie den gesamten Ideenkreis Saint-Simons
beherrschte«!
Von Fourier kennt und beachtet er nur die in romanhaftes Detail ausgemalten
Zukunftsphantasien, was allerdings zur Feststellung der unendlichen Überlegenheit
des Herrn Dühring über Fourier »weit wichtiger ist« als zu untersuchen,
wie dieser »die wirklichen Zustände gelegentlich zu kritisieren versucht«.
Gelegentlich! Nämlich fast auf jeder Seite seiner Werke sprühen die
Funken der Satire und der Kritik über die Miseren der vielgepriesenen Zivilisation.
Es ist, als wollte man sagen, Herr Dühring erkläre
nur »gelegentlich« den Herrn Dühring für den größten Denker
aller Zeiten. Was aber gar die zwölf, Robert Owen gewidmeten Seiten angeht,
so hat Herr Dühring dafür absolut keine andre Quelle als die miserable
Biographie des Philisters Sargant, der die wichtigsten Schriften Owens - über
die Ehe und die kommunistische Einrichtung - ebenfalls nicht kannte. Herr Dühring
kann sich daher kühnlich zu der Behauptung versteigen, man dürfe bei
Owen »keinen entschiednen Kommunismus voraussetzen«. Allerdings, hätte Herr
Dühring Owens »Book of the New Moral World« auch nur in der Hand gehabt,
so hätte er darin nicht nur den allerentschiedensten Kommunismus, mit gleicher
Arbeitspflicht und gleichem Anrecht am Produkt - gleich je nach dem Alter, wie
Owen stets ergänzt - ausgesprochen gefunden, sondern auch die vollständige
Ausarbeitung des Gebäudes für die kommunistische Gemeinde der Zukunft,
mit Grundriß, Aufriß und Ansicht aus der Vogelperspektive. Wenn man
aber das »unmittelbare Studium der eignen Schriften der Vertreter der sozialistischen
Ideenkreise« auf die Kenntnis des Titels und höchstens noch - des Mottos
einiger weniger dieser Schriften beschränkt, wie Herr Dühring hier,
so bleibt allerdings nichts übrig als solche alberne und direkt erfundne
Behauptung. Nicht nur gepredigt hat Owen den »entschiednen Kommunismus«, er hat
ihn auch während fünf Jahren (Ende der dreißiger und anfangs der
vierziger) praktiziert in der Kolonie von Harmony Hall in Hampshire, deren Kommunismus
an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrigließ. Ich habe selbst
mehrere ehemalige Mitglieder dieses kommunistischen Musterexperiments gekannt.
Aber von alledem, wie überhaupt von Owens Tätigkeit zwischen 1836 und
1850 weiß Sargant absolut nichts, und daher verbleibt auch die »tiefere
Geschichtschreibung« des Herrn Dühring in pechdunkler Ignoranz. Herr Dühring
nennt Owen »in jeder Hinsicht ein wahres Monstrum philanthropischer Aufdringlichkeit«.
Wenn aber derselbe Herr Dühring uns über den Inhalt von Büchern
unterrichtet, von denen er kaum Titel und Motto kennt, so dürfen wir beileibe
nicht sagen, er sei »in jeder Hinsicht ein wahres Monstrum von unwissender Aufdringlichkeit«,
denn das wäre in unserm Munde ja »geschimpft«.
Die Utopisten, sahen wir, waren Utopisten, weil sie nichts andres sein konnten
zu einer Zeit, wo die kapitalistische Produktion noch so wenig entwickelt war.
Sie waren genötigt, sich die Elemente einer neuen Gesellschaft aus dem Kopfe
zu konstruieren, weil diese Elemente in der alten Gesellschaft selbst noch nicht
allgemein sichtbar hervortraten; sie waren beschränkt für die Grundzüge
ihres Neubaus auf den Appell an die Vernunft, weil sie eben noch nicht an die
gleichzeitige Geschichte appellieren konnten.
Wenn aber jetzt, fast achtzig Jahre nach ihrem Auftreten, Herr Dühring auf
die Bühne tritt mit dem Anspruch, ein »maßgebendes« System einer neuen
Gesellschaftsordnung nicht aus dem vorliegenden geschichtlich entwickelten Material
als dessen notwendiges Ergebnis zu entwickeln, nein, aus seinem souveränen
Kopf, aus seiner mit endgültigen Wahrheiten schwangern Vernunft zu konstruieren,
so ist er, der überall Epigonen riecht, selbst nur der Epigone der Utopisten,
der neueste Utopist. Er nennt die großen Utopisten »soziale Alchimisten«.
Mag sein. Die Alchimie war ihrerzeit notwendig. Aber seit jener Zeit hat die große
Industrie die Widersprüche, die in der kapitalistischen Produktionsweise
schlummerten, zu so schreienden Gegensätzen entwickelt, daß der herannahende
Zusammenbruch dieser Produktionsweise sozusagen mit Händen zu greifen ist;
daß die neuen Produktivkräfte selbst nur erhalten und weiter ausgebildet
werden können durch Einführung einer neuen, ihrem gegenwärtigen
Entwicklungsgrad entsprechenden Produktionsweise; daß der Kampf der beiden,
durch die bisherige Produktionsweise erzeugten und stets in verschärftem
Gegensatz reproduzierten Klassen alle zivilisierten Länder ergriffen hat
und täglich heftiger wird, und daß die Einsicht in diesen geschichtlichen
Zusammenhang, in die Bedingungen der durch ihn notwendig gemachten sozialen Umgestaltung
und in die ebenfalls durch ihn bedingten Grundzüge dieser Umgestaltung auch
bereits gewonnen ist. Und wenn jetzt Herr Dühring, statt aus dem vorliegenden
ökonomischen Material, aus seinem allerhöchsten Hirnschädel heraus
eine neue utopische Gesellschaftsordnung fabriziert, so treibt er nicht nur einfache
»soziale Alchimie«. Er benimmt sich vielmehr wie jemand, der nach der Entdeckung
und Feststellung der Gesetze der modernen Chemie die alte Alchimie wiederherstellen
und die Atomgewichte, die Molekularformeln, die Quantivalenz der Atome, die Kristallographie
und die Spektralanalyse benutzen wollte einzig zur Entdeckung - des Steins
der Weisen.
II. Theoretisches
Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß
die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die
Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden
Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in
Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie
das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die
letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen
zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht
in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions-
und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern
in der Ökonomie der betreffenden Epoche. Die erwachende Einsicht,
daß die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen unvernünftig und
ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist nur ein
Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austauschformen in aller
Stille Veränderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere
ökonomische Bedingungen zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr
stimmt. Damit ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur Beseitigung der entdeckten
Mißstände ebenfalls in den veränderten Produktionsverhältnissen
selbst - mehr oder minder entwickelt - vorhanden sein müssen. Diese Mittel
sind nicht etwa aus dem Kopf zu erfinden, sondern vermittelst des Kopfes
in den vorliegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu entdecken.
Wie steht es nun hiernach mit dem modernen Sozialismus?
Die bestehende Gesellschaftsordnung - das ist nun so ziemlich allgemein zugegeben
- ist geschaffen worden von der jetzt herrschenden Klasse, der Bourgeoisie. Die
der Bourgeoisie eigentümliche Produktionsweise, seit Marx mit dem Namen kapitalistische
Produktionsweise bezeichnet, war unverträglich mit den lokalen und ständischen
Privilegien wie mit den gegenseitigen persönlichen Banden der feudalen Ordnung;
die Bourgeoisie zerschlug die feudale Ordnung und stellte auf ihren Trümmern
die bürgerliche Gesellschaftsverfassung her, das Reich der freien Konkurrenz,
der Freizügigkeit, der Gleichberechtigung der Warenbesitzer und wie die bürgerlichen
Herrlichkeiten alle heißen. Die kapitalistische Produktionsweise konnte
sich jetzt frei entfalten. Die unter der Leitung der Bourgeoisie herausgearbeiteten
Produktivkräfte entwickelten sich, seit der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie
die alte Manufaktur in die große Industrie umgewandelt, mit bisher unerhörter
Schnelligkeit und in bisher unerhörtem Maßstab. Aber wie ihrerzeit
die Manufaktur und das unter ihrer Einwirkung weiterentwickelte Handwerk mit den
feudalen Fesseln der Zünfte in Konflikt kam, so kommt die große Industrie
in ihrer volleren Ausbildung in Konflikt mit den Schranken, in denen die kapitalistische
Produktionsweise sie eingeengt hält. Die neuen Produktivkräfte {1}
sind der bürgerlichen Form ihrer Ausnutzung
bereits über den Kopf gewachsen; und dieser Konflikt zwischen Produktivkräften
und Produktionsweise ist nicht ein in den Köpfen der Menschen entstandner
Konflikt, wie etwa der der menschlichen Erbsünde mit der göttlichen
Gerechtigkeit, sondern er besteht in den Tatsachen, objektiv, außer uns,
unabhängig vom Wollen oder Laufen selbst derjenigen Menschen, die ihn herbeigeführt.
Der moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex dieses tatsächlichen
Konflikts, seine ideelle Rückspiegelung in den Köpfen zunächst
der Klasse, die direkt unter ihm leidet, der Arbeiterklasse.
Worin besteht nun dieser Konflikt?
Vor der kapitalistischen Produktion, also im Mittelalter, bestand allgemeiner
Kleinbetrieb auf Grundlage des Privateigentums der Arbeiter an ihren Produktionsmitteln:
der Ackerbau der kleinen, freien oder hörigen Bauern, das Handwerk der Städte.
Die Arbeitsmittel - Land, Ackergerät, Werkstatt, Handwerkszeug - waren Arbeitsmittel
des einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet, also notwendig kleinlich,
zwerghaft, beschränkt. Aber sie gehörten eben deshalb auch in der Regel
dem Produzenten selbst. Diese zersplitterten, engen Produktionsmittel zu konzentrieren,
auszuweiten, sie in die mächtig wirkenden Produktionshebel der Gegenwart
umzuwandeln, war grade die historische Rolle der kapitalistischen Produktionsweise
und ihrer Trägerin, der Bourgeoisie. Wie sie dies seit dem 15. Jahrhundert
auf den drei Stufen der einfachen Kooperation, der Manufaktur und der großen
Industrie geschichtlich durchgeführt, hat Marx im vierten Abschnitt des »Kapital«
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 331-530| ausführlich geschildert.
Aber die Bourgeoisie, wie dort ebenfalls nachgewiesen ist, konnte jene beschränkten
Produktionsmittel nicht in gewaltige Produktivkräfte verwandeln, ohne sie
aus Produktionsmitteln des einzelnen in gesellschaftliche, nur von einer
Gesamtheit von Menschen anwendbare Produktionsmittel zu verwandeln. An
die Stelle des Spinnrads, des Handwebstuhls, des Schmiedehammers trat die Spinnmaschine,
der mechanische Webstuhl, der Dampfhammer; an die Stelle der Einzelwerkstatt,
die das Zusammenwirken von Hunderten und Tausenden gebietende Fabrik. Und wie
die Produktionsmittel, so verwandelte sich die Produktion selbst aus einer Reihe
von Einzelhandlungen in eine Reihe gesellschaftlicher Akte und die Produkte aus
Produkten einzelner in gesellschaftliche Produkte. Das Garn, das Gewebe, die Metallwaren,
die jetzt aus der Fabrik kamen, waren das gemeinsame Produkt vieler Arbeiter,
durch deren Hände sie der Reihe nach gehn mußten, ehe sie fertig wurden. Kein einzelner kann von ihnen sagen: Das habe
ich gemacht, das ist mein Produkt.
Wo aber die naturwüchsige Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft
Grundform der Produktion ist, da drückt sie den Produkten die Form von Waren
auf, deren gegenseitiger Austausch, Kauf und Verkauf die einzelnen Produzenten
in den Stand setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Und dies
war im Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B. verkaufte Ackerprodukte an den Handwerker
und kaufte dafür von diesem Handwerkserzeugnisse. In diese Gesellschaft von
Einzelproduzenten, Warenproduzenten, schob sich nun die neue Produktionsweise
ein. Mitten in die naturwüchsige planlose Teilung der Arbeit, wie sie in
der ganzen Gesellschaft herrschte, stellte sie die planmäßige Teilung
der Arbeit, wie sie in der einzelnen Fabrik organisiert war; neben die Einzelproduktion
trat die gesellschaftliche Produktion. Die Produkte beider wurden auf demselben
Markt verkauft, also zu wenigstens annähernd gleichen Preisen. Aber die planmäßige
Organisation war mächtiger als die naturwüchsige Arbeitsteilung; die
gesellschaftlich arbeitenden Fabriken stellten ihre Erzeugnisse wohlfeiler her
als die vereinzelten Kleinproduzenten. Die Einzelproduktion erlag auf einem Gebiete
nach dem andern, die gesellschaftliche Produktion revolutionierte die ganze alte
Produktionsweise. Aber dieser ihr revolutionärer Charakter wurde so wenig
erkannt, daß sie im Gegenteil eingeführt wurde als Mittel zur Hebung
und Förderung der Warenproduktion. Sie entstand in direkter Anknüpfung
an bestimmte, bereits vorgefundne Hebel der Warenproduktion und des Warenaustausches:
Kaufmannskapital, Handwerk, Lohnarbeit. Indem sie selbst auftrat als eine neue
Form der Warenproduktion, blieben die Aneignungsformen der Warenproduktion auch
für sie in voller Geltung.
In der Warenproduktion, wie sie sich im Mittelalter entwickelt hatte, konnte
die Frage gar nicht entstehn, wem das Erzeugnis der Arbeit gehören solle.
Der einzelne Produzent hatte es, in der Regel aus ihm gehörenden, oft selbst
erzeugtem Rohstoff, mit eignen Arbeitsmitteln und mit eigner Handarbeit oder der
seiner Familie hergestellt. Es brauchte gar nicht erst von ihm angeeignet zu werden,
es gehörte ihm ganz von selbst. Das Eigentum der Produkte beruhte also auf
eigner Arbeit. Selbst wo fremde Hülfe gebraucht ward, blieb diese in
der Regel Nebensache und erhielt häufig außer dem Lohn noch andre Vergütung:
der zünftige Lehrling und Geselle arbeiteten weniger wegen der Kost und des
Lohns, als wegen ihrer eignen Ausbildung zur Meisterschaft. Da kam die Konzentration
der Produktionsmittel in großen Werkstätten und Manufakturen, ihre
Verwandlung in tat sächlich gesellschaftliche
Produktionsmittel. Aber die gesellschaftlichen Produktionsmittel und Produkte
wurden behandelt, als wären sie nach wie vor die Produktionsmittel und Produkte
einzelner. Hatte bisher der Besitzer der Arbeitsmittel sich das Produkt angeeignet,
weil es in der Regel sein eignes Produkt und fremde Hülfsarbeit die Ausnahme
war, so fuhr jetzt der Besitzer der Arbeitsmittel fort, sich das Produkt anzueignen,
obwohl es nicht mehr sein Produkt war, sondern ausschließlich Produkt
fremder Arbeit. So wurden also die nunmehr gesellschaftlich erzeugten Produkte
angeeignet nicht von denen, die die Produktionsmittel wirklich in Bewegung gesetzt
und die Produkte wirklich erzeugt hatten, sondern vom Kapitalisten. Produktionsmittel
und Produktion sind wesentlich gesellschaftlich geworden. Aber sie werden unterworfen
einer Aneignungsform, die die Privatproduktion einzelner zur Voraussetzung hat,
wobei also jeder sein eignes Produkt besitzt und zu Markte bringt. Die Produktionsweise
wird dieser Aneignungsform unterworfen, obwohl sie deren Voraussetzung aufhebt(1).
In diesem Widerspruch, der der neuen Produktionsweise ihren kapitalistischen Charakter
verleiht, liegt die ganze Kollision der Gegenwart bereits im Keim. Je mehr
die neue Produktionsweise auf allen entscheidenden Produktionsfeldern und in allen
ökonomisch entscheidenden Ländern zur Herrschaft kam und damit die Einzelproduktion
bis auf unbedeutende Reste verdrängte, desto greller mußte auch
an den Tag treten die Unverträglichkeit von gesellschaftlicher Produktion
und kapitalistischer Aneignung.
Die ersten Kapitalisten fanden, wie gesagt, die Form der Lohnarbeit bereits
vor. Aber Lohnarbeit als Ausnahme, als Nebenbeschäftigung, als Aushülfe,
als Durchgangspunkt. Der Landarbeiter, der zeitweise taglöhnern ging, hatte
seine paar Morgen eignes Land, von denen allein er zur Not leben konnte. Die Zunftordnungen
sorgten dafür, daß der Geselle von heute in den Meister von morgen
überging. Sobald aber die Produktionsmittel in gesellschaftliche verwandelt
und in den Händen von Kapitalisten konzentriert wurden, änderte sich
dies. Das Produktionsmittel wie das Produkt des
kleinen Einzelproduzenten wurden mehr und mehr wertlos; es blieb ihm nichts übrig,
als zum Kapitalisten auf Lohn zu gehen. Die Lohnarbeit, früher Ausnahme und
Aushülfe, wurde Regel und Grundform der ganzen Produktion; früher Nebenbeschäftigung,
wurde sie jetzt ausschließliche Tätigkeit des Arbeiters. Der zeitweilige
Lohnarbeiter verwandelte sich in den lebenslänglichen. Die Menge der lebenslänglichen
Lohnarbeiter wurde zudem kolossal vermehrt durch den gleichzeitigen Zusammenbruch
der feudalen Ordnung. Auflösung der Gefolgschaften der Feudalherren, Vertreibung
von Bauern aus ihren Hof stellen etc. Die Scheidung war vollzogen zwischen den
in den Händen der Kapitalisten konzentrierten Produktionsmitteln hier und
den auf den Besitz von nichts als ihrer Arbeitskraft reduzierten Produzenten dort.
Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer
Aneignung tritt an den Tag als Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.
Wir sahen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich einschob in
eine Gesellschaft von Warenproduzenten, Einzelproduzenten, deren gesellschaftlicher
Zusammenhang vermittelt wurde durch den Austausch ihrer Produkte. Aber jede auf
Warenproduktion beruhende Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in
ihr die Produzenten die Herrschaft über ihre eignen gesellschaftlichen Beziehungen
verloren haben. Jeder produziert für sich mit seinen zufälligen Produktionsmitteln
und für sein individuelles Austauschbedürfnis. Keiner weiß, wieviel
von seinem Artikel auf den Markt kommt, wieviel davon überhaupt gebraucht
wird, keiner weiß, ob sein Einzelprodukt einen wirklichen Bedarf vorfindet,
ob er seine Kosten herausschlagen oder überhaupt wird verkaufen können.
Es herrscht Anarchie der gesellschaftlichen Produktion. Aber die Warenproduktion,
wie jede andre Produktionsform, hat ihre eigentümlichen, inhärenten,
von ihr untrennbaren Gesetze, und diese Gesetze setzen sich durch, trotz der Anarchie,
in ihr, durch sie. Sie kommen zum Vorschein in der einzigen fortbestehenden Form
des gesellschaftlichen Zusammenhangs, im Austausch, und machen sich geltend gegenüber
den einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der Konkurrenz. Sie sind diesen Produzenten
also anfangs selbst unbekannt und müssen erst durch lange Erfahrung nach
und nach von ihnen entdeckt werden. Sie setzen sich also durch ohne die Produzenten
und gegen die Produzenten, als blindwirkende Naturgesetze ihrer Produktionsform.
Das Produkt beherrscht die Produzenten.
In der mittelalterlichen Gesellschaft, namentlich in den ersten Jahrhunderten,
war die Produktion wesentlich auf den Selbstgebrauch gerichtet. Sie befriedigte
vorwiegend nur die Bedürfnisse des Produzenten und seiner
Familie. Wo, wie auf dem Lande, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse
bestanden, trug sie auch bei zur Befriedigung der Bedürfnisse des Feudalherrn.
Hierbei fand also kein Austausch statt, die Produkte nahmen daher auch nicht den
Charakter von Waren an. Die Familie des Bauern produzierte fast alles, was sie
brauchte, Geräte und Kleider nicht minder als Lebensmittel. Erst als sie
dahin kam, einen Überschuß über ihren eignen Bedarf und über
die dem Feudalherrn geschuldeten Naturalabgaben zu produzieren, erst da produzierte
sie auch Waren; dieser Überschuß, in den gesellschaftlichen Austausch
geworfen, zum Verkauf ausgeboten, wurde Ware. Die städtischen Handwerker
mußten allerdings schon gleich anfangs für den Austausch produzieren.
Aber auch sie erarbeiteten den größten Teil ihres Eigenbedarfs selbst;
sie hatten Gärten und kleine Felder; sie schickten ihr Vieh in den Gemeindewald,
der ihnen zudem Nutzholz und Feuerung lieferte; die Frauen spannen Flachs, Wolle
usw. Die Produktion zum Zweck des Austausches, die Warenproduktion, war erst im
Entstehn. Daher beschränkter Austausch, beschränkter Markt, stabile
Produktionsweise, lokaler Abschluß nach außen, lokale Vereinigung
nach innen: die Mark auf dem Lande, die Zunft in der Stadt.
Mit der Erweiterung der Warenproduktion aber, und namentlich mit dem Auftreten
der kapitalistischen Produktionsweise, traten auch die bisher schlummernden Gesetze
der Warenproduktion offener und mächtiger in Wirksamkeit. Die alten Verbände
wurden gelockert, die alten Abschließungsschranken durchbrochen, die Produzenten
mehr und mehr in unabhängige, vereinzelte Warenproduzenten verwandelt. Die
Anarchie der gesellschaftlichen Produktion trat an den Tag und wurde mehr und
mehr auf die Spitze getrieben. Das Hauptwerkzeug aber, womit die kapitalistische
Produktionsweise diese Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion steigerte,
war das grade Gegenteil der Anarchie: die steigende Organisation der Produktion
als gesellschaftlicher in jedem einzelnen Produktionsetablissement. Mit diesem
Hebel machte sie der alten friedlichen Stabilität ein Ende. Wo sie in einem
Industriezweig eingeführt wurde, litt sie keine ältere Methode des Betriebs
neben sich. Wo sie sich des Handwerks bemächtigte, vernichtete sie das alte
Handwerk. Das Arbeitsfeld wurde ein Kampfplatz. Die großen geographischen
Entdeckungen und die ihnen folgenden Kolonisierungen vervielfältigten das
Absatzgebiet und beschleunigten die Verwandlung des Handwerks in die Manufaktur.
Nicht nur brach der Kampf aus zwischen den einzelnen Lokalproduzenten; die lokalen
Kämpfe wuchsen ihrerseits an zu nationalen, den Handelskriegen des 17. und
18. Jahrhunderts. Die große Industrie endlich und die Herstellung des Welt markts haben den Kampf universell gemacht und
gleichzeitig ihm eine unerhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen einzelnen Kapitalisten
wie zwischen ganzen Industrien und ganzen Ländern entscheidet die Gunst der
natürlichen oder geschaffenen Produktionsbedingungen über die Existenz.
Der Unterliegende wird schonungslos beseitigt. Es ist der Darwinsche Kampf ums
Einzeldasein, aus der Natur mit potenzierter Wut übertragen in die Gesellschaft.
Der Naturstandpunkt des Tiers erscheint als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung.
Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung
reproduziert sich als Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in
der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft.
In diesen beiden Erscheinungsformen des ihr durch ihren Ursprung immanenten
Widerspruchs bewegt sich die kapitalistische Produktionsweise, beschreibt sie
auswegslos jenen »fehlerhaften Kreislauf«, den schon Fourier an ihr entdeckte.
Was Fourier allerdings zu seiner Zeit noch nicht sehn konnte, ist, daß sich
dieser Kreislauf allmählich verengert, daß die Bewegung vielmehr eine
Spirale darstellt und ihr Ende erreichen muß, wie die der Planeten, durch
Zusammenstoß mit dem Zentrum. Es ist die treibende Kraft der gesellschaftlichen
Anarchie der Produktion, die die große Mehrzahl der Menschen mehr und mehr
in Proletarier verwandelt, und es sind wieder die Proletariermassen , die schließlich
der Produktionsanarchie ein Ende machen werden. Es ist die treibende Kraft der
sozialen Produktionsanarchie, die die unendliche Vervollkommnungsfähigkeit
der Maschinen der großen Industrie in ein Zwangsgebot verwandelt für
jeden einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie mehr und mehr zu
vervollkommnen, bei Strafe des Untergangs. Aber Vervollkommnung der Maschinerie,
das heißt Überflüssigmachung von Menschenarbeit. Wenn die Einführung
und Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von Millionen von Handarbeitern
durch wenige Maschinenarbeiter bedeutet, so bedeutet Verbesserung der Maschinerie
Verdrängung von mehr und mehr Maschinenarbeitern selbst und in letzter Instanz
Erzeugung einer das durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des Kapitals
überschreitenden Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer vollständigen
industriellen Reservearmee, wie ich sie schon 1845 (2)
nannte, disponibel für die Zeiten, wo die Industrie mit Hochdruck arbeitet,
aufs Pflaster geworfen durch den notwendig folgenden Krach, zu allen
Zeiten ein Bleigewicht an den Füßen der Arbeiterklasse in ihrem Existenzkampf
mit dem Kapital, ein Regulator zur Niederhaltung des Arbeitslohns auf dem dem
kapitalistischen Bedürfnis angemessenen niedrigen Niveau. So geht es zu,
daß die Maschinerie, um mit Marx zu reden, das machtvollste Kriegsmittel
des Kapitals gegen die Arbeiterklasse wird, daß das Arbeitsmittel dem Arbeiter
fortwährend das Lebensmittel aus der Hand schlägt, daß das eigne
Produkt des Arbeiters sich verwandelt in ein Werkzeug zur Knechtung des Arbeiters
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 459 und 511|.
So kommt es, daß die Ökonomisierung der Arbeitsmittel von vornherein
zugleich rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den
normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion wird |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 486|; daß die Maschinerie, das gewaltigste Mittel zur Verkürzung
der Arbeitszeit, umschlägt in das unfehlbarste Mittel, alle Lebenszeit des
Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung
des Kapitals zu verwandeln; so kommt es, daß die Überarbeitung der
einen die Voraussetzung wird für die Beschäftigungslosigkeit der andern
und daß die große Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten
abjagt, zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hungerminimum beschränkt
und sich damit den eignen innern Markt untergräbt. »Das Gesetz, welches die
relative Surpluspopulation oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und
Energie der Kapitalakkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter
fester an das Kapital, als den Prometheus die Keile des Hephästos an den
Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation
von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation
von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Bestialisierung und moralischer
Degradation auf dem Gegenpol, das heißt auf Seite der Klasse, die ihr eignes
Produkt als Kapital produziert |Hervorhebungen von Engels|« (Marx, Kapital,
Seite 671 |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels:
Werke, Bd. 23, S. 675|). Und von der kapitalistischen
Produktionsweise eine andre Verteilung der Produkte erwarten, hieße verlangen,
die Elektroden einer Batterie sollten das Wasser unzersetzt lassen, solange sie
mit der Batterie in Verbindung stehn, und nicht am positiven Pol Sauerstoff entwickeln
und am negativen Wasserstoff.
Wir sahen, wie die aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähigkeit
der modernen Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Produktion in der Gesellschaft,
sich verwandelt in ein Zwangsgebot für den einzelnen industriellen Kapitalisten,
seine Maschinerie stets zu verbessern, ihre Produktionskraft stets zu erhöhen.
In ein ebensolches Zwangsgebot verwandelt sich für ihn
die bloße faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu erweitern.
Die enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen die diejenige der
Gase ein wahres Kinderspiel ist, tritt uns jetzt vor die Augen als ein qualitatives
und quantitatives Ausdehnungsbedürfnis, das jedes Gegendrucks spottet. Der
Gegendruck wird gebildet durch die Konsumtion, den Absatz, die Märkte für
die Produkte der großen Industrie. Aber die Ausdehnungsfähigkeit der
Märkte, extensive wie intensive, wird beherrscht zunächst durch ganz
andre, weit weniger energisch wirkende Gesetze. Die Ausdehnung der Märkte
kann nicht Schritt halten mit der Ausdehnung der Produktion. Die Kollision wird
unvermeidlich, und da sie keine Lösung erzeugen kann, solange sie nicht die
kapitalistische Produktionsweise selbst sprengt, wird sie periodisch. Die kapitalistische
Produktion erzeugt einen neuen »fehlerhaften Kreislauf«.
In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach, geht die ganze
industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher
zivilisierter Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel
so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte
sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar,
das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehn still,
die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zuviel Lebensmittel
produziert haben, Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf.
Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft
vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer
oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch
allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart,
fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und dieser
steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen
industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeplechase, um endlich
nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen - im Graben des Krachs.
Und so immer von neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt
und erleben es in diesem Augenblick (1877) zum sechstenmal. Und der Charakter
dieser Krisen ist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie alle traf,
als er die erste bezeichnete als: crise pléthorique, Krisis aus Überfluß.
In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion
und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der
Warenumlauf ist momentan vernichtet; das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis,
alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt.
Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht: die Produktionsweise
rebelliert gegen die Austauschweise, die Produktivkräfte rebellieren
gegen die Produktionsweise, der sie entwachsen sind.
Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Organisation der Produktion innerhalb
der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo sie unverträglich geworden
ist mit der neben und über ihr bestehenden Anarchie der Produktion in der
Gesellschaft - diese Tatsache wird den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht
durch die gewaltsame Konzentration der Kapitale, die sich während der Krisen
vollzieht vermittelst des Ruins vieler großen und noch mehr kleiner Kapitalisten.
Der gesamte Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise versagt unter dem
Druck der von ihr selbst erzeugten Produktivkräfte. Sie kann diese Masse
von Produktionsmitteln nicht mehr alle in Kapital verwandeln; sie liegen brach,
und ebendeshalb muß auch die industrielle Reservearmee brachliegen. Produktionsmittel,
Lebensmittel, disponible Arbeiter, alle Elemente der Produktion und des allgemeinen
Reichtums sind im Überfluß vorhanden. Aber »der Überfluß
wird Quelle der Not und des Mangels« (Fourier), weil er es grade ist, der die
Verwandlung der Produktions- und Lebensmittel in Kapital verhindert. Denn in der
kapitalistischen Gesellschaft können die Produktionsmittel nicht in Tätigkeit
treten, es sei denn, sie hätten sich zuvor in Kapital, in Mittel zur Ausbeutung
menschlicher Arbeitskraft verwandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit
der Kapitaleigenschaft der Produktions- und Lebensmittel zwischen ihnen und den
Arbeitern. Sie allein verhindert das Zusammentreten der sachlichen und der persönlichen
Hebel der Produktion; sie allein verbietet den Produktionsmitteln zu fungieren,
den Arbeitern, zu arbeiten und zu leben. Einesteils also wird die kapitalistische
Produktionsweise ihrer eignen Unfähigkeit zur fernern Verwaltung dieser Produktivkräfte
überführt. Andrerseits drängen diese Produktivkräfte selbst
mit steigender Macht nach Aufhebung des Widerspruchs, nach ihrer Erlösung
von ihrer Eigenschaft als Kapital, nach tatsächlicher Anerkennung ihres
Charakters als gesellschaftlicher Produktivkräfte.
Es ist dieser Gegendruck der gewaltig anwachsenden Produktivkräfte gegen
ihre Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur Anerkennung ihrer gesellschaftlichen
Natur, der die Kapitalistenklasse selbst nötigt, mehr und mehr, soweit dies
innerhalb des Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche
Produktivkräfte zu behandeln. Sowohl die in
dustrielle Hochdruckperiode mit ihrer schrankenlosen Kreditaufblähung, wie
der Krach selbst durch den Zusammenbruch großer kapitalistischer Etablissements,
treiben zu derjenigen Form der Vergesellschaftung größerer Massen von
Produktionsmitteln, die uns in den verschiednen Arten von Aktiengesellschaften
gegenübertritt. Manche dieser Produktions- und Verkehrsmittel sind von vornherein
so kolossal, daß sie, wie die Eisenbahnen, jede andre Form kapitalistischer
Ausbeutung ausschließen. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe genügt
auch diese Form nicht mehr: der offizielle Repräsentant der kapitalistischen
Gesellschaft, der Staat, muß ihre Leitung übernehmen(3).
Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst hervor bei
den großen Verkehrsanstalten: Post, Telegraphen, Eisenbahnen.
Wenn die Krisen die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernern Verwaltung
der modernen Produktivkräfte aufdeckten, so zeigt die Verwandlung der großen
Produktions- und Verkehrsanstalten in Aktiengesellschaften und Staatseigentum
die Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck. Alle gesellschaftlichen
Funktionen des Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Angestellten versehn.
Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenuen-Einstreichen,
Kupon-Abschneiden und Spielen an der Börse, wo die verschiednen Kapitalisten
untereinander sich ihr Kapital abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise
zuerst Arbeiter ver drängt, so verdrängt
sie jetzt die Kapitalisten und verweist sie, ganz wie die Arbeiter, in die überflüssige
Bevölkerung, wenn auch zunächst noch nicht in die industrielle Reservearmee.
Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum,
hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften
liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation,
welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern
Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe,
sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch
seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten,
der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum
übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger
beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis
wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der
Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist
nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel,
die Handhabe der Lösung.
Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur
der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also die
Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem
gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel. Und dies kann nur dadurch
geschehn, daß die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von
den jeder andern Leitung außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften.
Damit wird der gesellschaftliche Charakter der Produktionsmittel und Produkte,
der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt, der die Produktions- und Austauschweise
periodisch durchbricht und sich nur als blindwirkendes Naturgesetz gewalttätig
und zerstörend durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein
zur Geltung gebracht und verwandelt sich aus einer Ursache der Störung und
des periodischen Zusammenbruchs in den mächtigsten Hebel der Produktion selbst.
Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Naturkräfte:
blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht erkennen und nicht
mit ihnen rechnen. Haben wir sie aber einmal erkannt, ihre Tätigkeit, ihre
Richtungen, ihre Wirkungen begriffen, so hängt es nur von uns ab, sie mehr
und mehr unserm Willen zu unterwerfen und vermittelst ihrer unsre Zwecke zu erreichen.
Und ganz besonders gilt dies von den heutigen gewaltigen Produktivkräften.
Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und ihren Charakter zu verstehn
- und gegen dieses Verständnis sträubt sich die kapi
talistische Produktionsweise und ihre Verteidiger -, solange wirken diese Kräfte
sich aus trotz uns, gegen uns, solange beherrschen sie uns, wie wir das ausführlich
dargestellt haben. Aber einmal in ihrer Natur begriffen, können sie in den
Händen der assoziierten Produzenten aus dämonischen Herrschern in willige
Diener verwandelt werden. Es ist der Unterschied zwischen der zerstörenden
Gewalt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und der gebändigten
Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens; der Unterschied der Feuersbrunst
und des im Dienst des Menschen wirkenden Feuers. Mit dieser Behandlung der heutigen
Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der
gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige
Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen;
damit wird die kapitalistische Aneignungsweise, in der das Produkt zuerst den
Produzenten, dann aber auch den Aneigner knechtet, ersetzt durch die in der Natur
der modernen Produktionsmittel selbst begründete Aneignungsweise der Produkte:
einerseits direkt gesellschaftliche Aneignung als Mittel zur Erhaltung und Erweiterung
der Produktion, andrerseits direkt individuelle Aneignung als Lebens- und Genußmittel.
Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl
der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese
Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist. Indem
sie mehr und mehr auf Verwandlung der großen, vergesellschafteten Produktionsmittel
in Staatseigentum drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung dieser
Umwälzung. Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die
Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich
selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze
auf, und damit auch den Staat als Staat. Die bisherige, sich in Klassengegensätzen
bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, das heißt eine Organisation
der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern
Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten
Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der Unterdrückung
(Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der
offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in
einer sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat
derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft
vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter
des Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich
Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst über flüssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse
mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft
und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein
auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es
nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt, einen Staat,
nötig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant
der ganzen Gesellschaft auftritt - die Besitzergreifung der Produktionsmittel
im Namen der Gesellschaft - ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als
Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse
wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft
dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die
Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird
nicht »abgeschafft«, er stirbt ab. Hieran ist die Phrase vom »freien Volksstaat«
zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatorischen Berechtigung wie
nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls
die Forderung der sogenannten Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen
abgeschafft werden.
Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft
hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise,
einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal
vorgeschwebt. Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit
werden, als die materiellen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden waren.
Sie, wie jeder andre gesellschaftliche Fortschritt, wird ausführbar nicht
durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit,
der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den bloßen Willen, diese Klassen
abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung
der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende und
eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der frühern geringen
Entwicklung der Produktion. Solange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen
Ertrag liefert, der das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur
um wenig übersteigt, solange also die Arbeit alle oder fast alle Zeit der
großen Mehrzahl der Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, solange teilt
sich die Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben dieser ausschließlich
der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von direkt-produktiver
Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt:
Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaft, Künste usw. Das
Gesetz der Arbeitsteilung ist es also, was der Klassenteilung zugrunde liegt.
Aber das hindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch
Gewalt und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die herrschende
Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden
Klasse zu befestigen und die gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in Ausbeutung
der Massen.
Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse geschichtliche Berechtigung
hat, so hat sie eine solche doch nur für einen gegebnen Zeitraum, für
gegebne gesellschaftliche Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit
der Produktion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der modernen
Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der gesellschaftlichen
Klassen zur Voraussetzung einen geschichtlichen Entwicklungsgrad, auf dem das
Bestehn nicht bloß dieser oder jener bestimmten herrschenden Klasse, sondern
einer herrschenden Klasse überhaupt, also des Klassenunterschieds selbst,
ein Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur Voraussetzung einen
Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf dem Aneignung der Produktionsmittel
und Produkte, und damit der politischen Herrschaft, des Monopols der Bildung und
der geistigen Leitung durch eine besondre Gesellschaftsklasse nicht nur überflüssig,
sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein Hindernis der Entwicklung
geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt erreicht. Ist der politische und intellektuelle
Bankrott der Bourgeoisie ihr selbst kaum noch ein Geheimnis, so wiederholt sich
ihr ökonomischer Bankrott regelmäßig alle zehn Jahre. In jeder
Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen, für sie unverwendbaren
Produktivkräfte und Produkte und steht hülflos vor dem absurden Widerspruch,
daß die Produzenten nichts zu konsumieren haben, weil es an Konsumenten
fehlt. Die Expansionskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die ihr die
kapitalistische Produktionsweise angelegt. Ihre Befreiung aus diesen Banden ist
die einzige Vorbedingung einer ununterbrochenen, stets rascher fortschreitenden
Entwicklung der Produktivkräfte und damit einer praktisch schrankenlosen
Steigerung der Produktion selbst. Damit nicht genug. Die gesellschaftliche Aneignung
der Produktionsmittel beseitigt nicht nur die jetzt bestehende künstliche
Hemmung der Produktion, sondern auch die positive Vergeudung und Verheerung von
Produktivkräften und Produkten, die gegenwärtig die unvermeidliche Begleiterin
der Produktion ist und ihren Höhepunkt in den Krisen erreicht. Sie setzt
ferner eine Masse von Produktionsmitteln und Produkten für die Gesamtheit
frei durch Beseitigung der blödsinnigen Luxusverschwendung der jetzt herrschenden
Klassen und ihrer politischen Repräsentanten. Die Möglichkeit, vermittelst
der gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz zu
sichern, die nicht nur materiell vollkommen ausreichend
ist und von Tag zu Tag reicher wird, sondern die ihnen auch die vollständige
freie Ausbildung und Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Anlagen
garantiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum erstenmal da, aber sie ist
da.(4)
Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die
Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die
Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt
durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein
hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig
aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche.
Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis
jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen,
die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem
sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen
Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden,
werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht.
Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und
Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die
objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten
unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre
Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die
von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in
stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist
der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.
Diese weltbefreiende Tat durchzuführen,
ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen
und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der zur Aktion berufenen,
heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion
zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der
proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.
Nach allem Vorhergegangenen wird es den Leser nicht wundern, zu erfahren, daß
die im letzten Kapitel gegebne Entwicklung der Grundzüge des Sozialismus
keineswegs nach dem Sinn des Herrn Dühring ist. Im Gegenteil. Er muß
sie schleudern in den Abgrund alles Verworfenen, zu den übrigen »Bastarden
historischer und logischer Phantastik«, den wüsten Konzeptionen«, den »konfusen
Nebelvorstellungen« usw. Für ihn ist der Sozialismus ja keineswegs ein notwendiges
Erzeugnis der geschichtlichen Entwicklung, und noch viel weniger der grob-materiellen,
auf bloße Futterzwecke gerichteten ökonomischen Bedingungen der Gegenwart.
Er hat es viel besser. Sein Sozialismus ist eine endgültige Wahrheit letzter
Instanz;
er ist »das natürliche System der Gesellschaft«, er findet seine Wurzel
in einem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«,
und wenn er nicht umhin kann, von dem bestehenden, durch die bisherige sündhafte
Geschichte geschaffnen Zustand Notiz zu nehmen, um ihn zu verbessern, so ist das
eher als ein Unglück für das reine Prinzip der Gerechtigkeit zu betrachten.
Herr Dühring schafft seinen Sozialismus, wie alles andre, vermittelst seiner
famosen beiden Männer. Statt daß diese beiden Marionetten, wie bisher,
Herr und Knecht spielen, führen sie zur Abwechslung einmal das Stück
von der Gleichberechtigung auf - und der Dühringsche Sozialismus ist in seiner
Grundlage fertig.
Demnach ist es selbstredend, daß bei Herrn Dühring die periodischen
industriellen Krisen keineswegs die geschichtliche Bedeutung haben, die wir ihnen
zuschreiben mußten.
Die Krisen sind bei ihm nur gelegentliche Abweichungen von der »Normalität«
und geben höchstens Anlaß zur »Entfaltung einer geregelteren Ordnung«.
Die »gewöhnliche Weise«, die Krisen aus der Überproduktion zu erklären,
genügt seiner »exakteren Auffassung« keineswegs. Allerdings sei eine solche
für »Spezialkrisen in besondern Gebieten wohl zulässig«. So z.B. »eine
Überfüllung des Büchermarktes mit
Ausgaben von Werken, die plötzlich für den Nachdruck freigegeben werden
und sich für Massenabsatz eignen«.
Herr Dühring kann sich nun allerdings mit dem wohltuenden Bewußtsein
zu Bette legen, daß seine unsterblichen Werke ein solches Weltunglück
nie anrichten werden.
Für die großen Krisen sei es aber nicht die Überproduktion,
sondern vielmehr »das Zurückbleiben der Volkskonsumtion ... die künstlich
erzeugte Unterkonsumtion ... die Hinderung des Volksbedarfs (!) an seinem
natürlichen Wachstum, was die Kluft zwischen Vorrat und Abnahme schließlich
so kritisch weit macht«.
Und für diese seine Krisentheorie hat er denn auch glücklich einen
Jünger gefunden.
Nun ist aber leider die Unterkonsumtion der Massen, die Beschränkung der
Massenkonsumtion auf das zum Unterhalt und zur Fortpflanzung Notwendige nicht
erst eine neue Erscheinung. Sie hat bestanden, solange es ausbeutende und ausgebeutete
Klassen gegeben hat. Selbst in den Geschichtsabschnitten, wo die Lage der Massen
besonders günstig war, also z.B. in England im 15. Jahrhundert, unterkonsumierten
sie. Sie waren weit davon entfernt, ihr eignes jährliches Gesamtprodukt zur
Verzehrung verfügbar zu haben. Wenn nun also die Unterkonsumtion eine stehende
geschichtliche Erscheinung seit Jahrtausenden, die in den Krisen ausbrechende
allgemeine Absatzstockung infolge von Produktionsüberschuß aber erst
seit fünfzig Jahren sichtbar geworden ist, so gehört die ganze vulgärökonomische
Flachheit des Herrn Dühring dazu, die neue Kollision zu erklären, nicht
aus der neuen Erscheinung der Überproduktion, sondern aus der Jahrtausende
alten der Unterkonsumtion. Es ist, als wollte man in der Mathematik die Veränderung
des Verhältnisses zweier Größen, einer konstanten und einer veränderlichen,
erklären, nicht daraus, daß die veränderliche sich verändert,
sondern daraus, daß die konstante dieselbe geblieben ist. Die Unterkonsumtion
der Massen ist eine notwendige Bedingung aller auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsformen,
also auch der kapitalistischen; aber erst die kapitalistische Form der Produktion
bringt es zu Krisen. Die Unterkonsumtion der Massen ist also auch eine Vorbedingung
der Krisen und spielt in ihnen eine längst anerkannte Rolle; aber sie sagt
uns ebensowenig über die Ursachen des heutigen Daseins der Krisen, wie über
die ihrer frühern Abwesenheit.
Herr Dühring hat überhaupt merkwürdige Vorstellungen vom Weltmarkt.
Wir sahen, wie er sich wirkliche industrielle Spezialkrisen als echter deutscher
Literatus an eingebildeten Krisen auf dem in Leipziger Büchermarkt
klarzumachen sucht, den Sturm auf der See am Sturm im Glase Wasser. Er bildet
sich ferner ein, die heutige Unternehmerproduktion müsse
»sich mit ihrem Absatz vornehmlich im Kreise der besitzenden Klassen
selbst drehn«,
was ihn nicht verhindert, nur sechzehn Seiten weiter als die entscheidenden
modernen Industrien in bekannter Weise die Eisen- und Baumwollindustrie hinzustellen,
also grade die beiden Produktionszweige, deren Erzeugnisse nur zu einem verschwindend
kleinen Teil im Kreise der besitzenden Klassen konsumiert werden und vor allen
andern auf den Massenverbrauch angewiesen sind. Wohin wir uns bei ihm wenden,
nichts als leeres, widerspruchsvolles Hin- und Hergeschwätz. Aber nehmen
wir ein Beispiel aus der Baumwollindustrie. Wenn in der einzigen, verhältnismäßig
kleinen Stadt Oldham - einer aus dem Dutzend Städte von 50 bis 100.000 Einwohnern
um Manchester, die die Baumwollindustrie betreiben -, wenn in dieser einzigen
Stadt in den vier Jahren 1872 bis 1875 die Zahl der Spindeln, die nur die einzige
Nummer 32 spinnen, sich von 21/2 auf 5 Millionen vermehrte,
so daß in einer einzigen Mittelstadt Englands ebensoviel Spindeln eine einzige
Nummer spinnen, wie die Baumwollindustrie von ganz Deutschland mitsamt dem Elsaß
überhaupt besitzt, und wenn die Ausdehnung in den übrigen Zweigen und
Lokalitäten der Baumwollindustrie Englands und Schottlands in annähernd
demselben Verhältnis stattgefunden hat, so gehört eine starke Dosis
wurzelhafter Unverfrorenheit dazu, die jetzige totale Absatzstockung der Baumwollgarne
und Gewebe zu erklären aus der Unterkonsumtion der englischen Massen und
nicht aus der Überproduktion der englischen Baumwollfabrikanten.(5)
Genug. Man streitet nicht mit Leuten, die in der Ökonomie unwissend genug
sind, den Leipziger Büchermarkt überhaupt für einen Markt im Sinne
der modernen Industrie anzusehn. Konstatieren wir daher bloß, daß
uns Herr Dühring des fernern über die Krisen nur mitzuteilen weiß,
daß es sich bei ihnen um nichts handelt,
»als um ein gewöhnliches Spiel zwischen Überspannung und Erschlaffung«,
daß die Überspekulation »nicht allein von der planlosen Häufung
der Privatunternehmungen herrührt«, sondern daß »auch die Voreiligkeit
der einzelnen Unternehmer und der Mangel an Privatumsicht zu den Entstehungsursachen
des Überangebots zu rechnen« sind.
Und was ist wiederum die »Entstehungsursache«
der Voreiligkeit und des Mangels an Privatumsicht? Eben dieselbe Planlosigkeit
der kapitalistischen Produktion, die in der planlosen Häufung der Privatunternehmungen
sich zeigt. Die Übersetzung einer ökonomischen Tatsache in einen moralischen
Vorwurf für die Entdeckung einer neuen Ursache zu versehn, ist eben auch
eine starke »Voreiligkeit«.
Verlassen wir hiermit die Krisen. Nachdem wir im vorigen Kapitel ihre notwendige
Erzeugung aus der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Bedeutung als Krisen
dieser Produktionsweise selbst, als Zwangsmittel der gesellschaftlichen Umwälzung
nachgewiesen, brauchen wir den Seichtigkeiten des Herrn Dühring über
diesen Gegenstand kein Wort weiter entgegenzusetzen. Gehn wir über zu seinen
positiven Schöpfungen, zum »natürlichen System der Gesellschaft«.
Dies auf einem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«, also frei von aller
Rücksichtnahme auf lästige materielle Tatsachen aufgebaute System besteht
aus einer Föderation von Wirtschaftskommunen, zwischen denen
»Freizügigkeit und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mitglieder nach bestimmten
Gesetzen und Verwaltungsnormen« besteht.
Die Wirtschaftskommune selbst ist vor allem
»ein umfassender Schematismus von menschheitsgeschichtlicher Tragweite«
und weit hinaus über die »abirrenden Halbheiten« z.B. eines gewissen Marx.
Sie bedeutet »eine Gemeinschaft von Personen, die durch ihr öffentliches
Recht der Verfügung über einen Bezirk von Grund und Boden und über
eine Gruppe von Produktionsetablissements zu gemeinsamer Tätigkeit und gemeinsamer
Teilnahme am Ertrage verbunden sind«. Das öffentliche Recht ist ein »Recht
an der Sache... im Sinne eines rein publizistischen Verhältnisses zur
Natur und zu den Produktionseinrichtungen«.
Was das heißen soll, darüber mögen sich die Zukunftsjuristen
der Wirtschaftskommune die Köpfe zerbrechen, wir geben jeden Versuch auf.
Nur soviel erfahren wir,
daß es keineswegs einerlei ist mit dem »körperschaftlichen Eigentum
von Arbeitergesellschaften«, die gegenseitige Konkurrenz und selbst Lohnausbeutung
nicht ausschließen würden.
Wobei dann fallengelassen wird,
die Vorstellung eines »Gesamteigentums«, wie sie sich auch bei Marx finde,
sei »mindestens unklar und bedenklich, da diese Zukunftsvorstellung immer den
Anschein gewinnt, als wenn sie nichts als ein körperschaftliches Eigentum
der Arbeitergruppen zu bedeuten hätte«.
Es ist dies wieder eins der vielen bei Herrn
Dühring üblichen »schnöden Manierchen« der Unterschiebung, »für
deren vulgäre Eigenschaft« (wie er selbst sagt) »nur das vulgäre Wort
schnoddrig ganz passend sein würde«; es ist eine ebenso aus der Luft gegriffne
Unwahrheit, wie die andre Erfindung des Herrn Dühring, das Gesamteigentum
bei Marx sei ein »zugleich individuelles und gesellschaftliches Eigentum«.
Jedenfalls scheint soviel klar: das publizistische Recht einer Wirtschaftskommune
an ihren Arbeitsmitteln ist ein ausschließliches Eigentumsrecht wenigstens
gegenüber jeder andern Wirtschaftskommune und auch gegenüber der Gesellschaft
und dem Staat.
Es soll aber nicht die Macht haben, »nach außen ... abschließend
zu verfahren, denn zwischen den verschiednen Wirtschaftskommunen besteht Freizügigkeit
und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mitglieder nach bestimmten Gesetzen und Verwaltungsnormen
... ähnlich ... wie heute die Angehörigkeit zu einem politischen Gebilde
und wie die Teilnahme an den wirtschaftlichen Gemeindezuständigkeiten«.
Es wird also reiche und arme Wirtschaftskommunen geben, und die Ausgleichung
findet statt durch den Andrang der Bevölkerung zu den reichen und den Wegzug
von den armen Kommunen. Wenn also Herr Dühring die Konkurrenz in Produkten
zwischen den einzelnen Kommunen durch nationale Organisation des Handels beseitigen
will, so läßt er die Konkurrenz in Produzenten ruhig fortbestehen.
Die Dinge werden der Konkurrenz entzogen, die Menschen bleiben ihr unterworfen.
Indes sind wir damit noch lange nicht im klaren über das »publizistische
Recht«. Zwei Seiten weiter erklärt uns Herr Dühring:
Die Handelskommune »reiche zunächst so weit, als dasjenige politisch-gesellschaftliche
Gebiet, dessen Angehörige zu einem einheitlichen Rechtssubjekt zusammengefaßt
sind und in dieser Eigenschaft die Verfügung über den gesamten Boden,
die Wohnstätten und die Produktionseinrichtungen haben«.
Es ist also doch nicht die einzelne Kommune, die die Verfügung hat, sondern
die ganze Nation. Das »öffentliche Recht«, das »Recht an der Sache«, das
»publizistische Verhältnis zur Natur« usw. ist also nicht bloß »mindestens
unklar und bedenklich«, es ist in direktem Widerspruch mit sich selbst. Es ist
in der Tat, wenigstens soweit jede einzelne Wirtschaftskommune ebenfalls ein Rechtssubjekt,
ein »zugleich individuelles und gesellschaftliches Eigentum«, und diese letztere
»nebelhafte Zwittergestalt« daher wieder nur bei Herrn Dühring selbst anzutreffen.
Jedenfalls verfügt die Wirtschaftskommune über ihre Arbeitsmittel
zum Zweck der Produktion. Wie geht diese Produktion vor sich? Nach
allem, was wir bei Herrn Dühring erfahren, ganz im alten Stil, nur daß
an die Stelle des Kapitalisten die Kommune tritt. Höchstens erfahren wir,
daß die Berufswahl jetzt erst für jeden einzelnen frei wird und daß
gleiche Verpflichtung zur Arbeit besteht.
Die Grundform aller bisherigen Produktion ist die Teilung der Arbeit, einerseits
innerhalb der Gesellschaft, andrerseits innerhalb jeder einzelnen Produktionsanstalt.
Wie verhält sich die Dühringsche »Sozialität« zu ihr?
Die erste große gesellschaftliche Arbeitsteilung ist die Scheidung von
Stadt und Land.
Dieser Antagonismus ist nach Herrn Dühring »der Natur der Sache nach unvermeidlich«.
Aber »es ist überhaupt bedenklich, sich die Kluft zwischen Landwirtschaft
und Industrie ... als unausfüllbar zu denken. In der Tat besteht bereits
ein gewisses Maß von Stetigkeit der Überleitung, welche für die
Zukunft noch erheblich zuzunehmen verspricht.« Schon jetzt hätten sich zwei
Industrien in den Ackerbau und ländlichen Betrieb eingeschoben: »in erster
Linie die Brennerei und in zweiter die Bereitung von Rübenzucker ... die
Spirituserzeugung ist von einer solchen Bedeutung, daß man sie eher unterschätzen
als überschätzen wird«. Und »wäre es möglich, daß sich
ein größerer Kreis von Industrien infolge irgendwelcher Entdeckungen
derartig bildete, daß hierbei eine Neigung obwaltete, den Betrieb ländlich
zu lokalisieren und unmittelbar an die Produktion der Rohstoffe anzulehnen«, so
würde dadurch der Gegensatz von Stadt und Land geschwächt und »die allerausgedehnteste
Grundlage der Zivilisationsentfaltung gewonnen werden«. Indes »könnte etwas
Ähnliches doch auch noch auf einem andern Wege in Frage stehn. Außer
den technischen Nötigungen kommen mehr und mehr die sozialen Bedürfnisse
in Frage, und wenn diese letztern für die Gruppierungen der menschlichen
Tätigkeiten maßgebend werden, wird es nicht mehr möglich sein,
diejenigen Vorteile zu vernachlässigen, die sich aus einer systematisch nahen
Verbindung der Beschäftigungen des platten Landes mit den Verrichtungen der
technischen Umwandlungsarbeit ergeben.«
Nun kommen in der Wirtschaftskommune ja grade die sozialen Bedürfnisse
in Frage, und so wird sie sich wohl beeilen, die obenerwähnten Vorteile der
Vereinigung von Ackerbau und Industrie sich in vollstem Maße anzueignen?
Herr Dühring wird nicht verfehlen, uns über die Stellung der Wirtschaftskommune
zu dieser Frage seine »exakteren Auffassungen« in beliebter Breite mitzuteilen?
Geprellt wäre der Leser, der das glaubte. Die obigen magern, verlegenen,
wiederum in dem schnapsbrennenden und rübenzuckernden Geltungsbereich des
preußischen Landrechts sich im Kreise herumdrehenden Gemeinplätze sind
alles, was uns Herr Dühring über den Gegensatz von Stadt und Land in
Gegenwart und Zukunft zu sagen hat.
Gehn wir über zur Arbeitsteilung im einzelnen.
Hier ist Herr Dühring schon etwas »exakter«. Er spricht von
»einer Person, die sich mit einer Gattung von Tätigkeit
ausschließlich abgeben soll«. Handelt es sich um die Einführung
eines neuen Produktionszweigs, so besteht die Frage einfach darin, ob man eine
gewisse Zahl von Existenzen, die sich der Erzeugung eines Artikels widmen
sollen, mit der für sie erforderlichen Konsumtion (!) gleichsam schaffen
könne. Ein beliebiger Produktionszweig wird in der Sozialität nicht
viel Bevölkerung in Anspruch nehmen«. Und auch in der Sozialität
gibt es sich nach der Lebensweise sondernde ökonomische Spielarten«
von Menschen.
Hiernach bleibt innerhalb der Sphäre der Produktion so ziemlich alles
beim alten. Allerdings herrscht in der bisherigen Gesellschaft eine »falsche Arbeitsteilung«;
worin aber diese besteht und wodurch sie in der Wirtschaftskommune ersetzt werden
soll, darüber erfahren wir nur dies:
»Was die Rücksichten der Arbeitsteilung selbst anbetrifft, so haben wir
schon oben gesagt, daß sie als erledigt gelten können, sobald den Tatsachen
der verschiednen Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten
Rechnung getragen ist.«
Neben den Fähigkeiten kommt noch die persönliche Neigung zur Geltung:
»Der Reiz des Aufsteigens zu Tätigkeiten, die mehr Fähigkeiten
und Vorbildung ins Spiel setzen, würde ausschließlich auf der Neigung
zu der betreffenden Beschäftigung, und auf der Freude an der Ausübung
grade dieser und keiner andern Sache« (Ausübung einer Sache!) »beruhen.«
Hiermit aber wird in der Sozialität der Wetteifer angeregt und
»die Produktion selbst in Interesse erhalten, und der stumpfe Betrieb, der
sie nur als Mittel zum Gemeinzweck würdigt, wird nicht mehr das beherrschende
Gepräge der Zustände sein«.
In jeder Gesellschaft mit naturwüchsiger Produktionsentwicklung - und
die heutige gehört dazu - beherrschen nicht die Produzenten die Produktionsmittel,
sondern die Produktionsmittel beherrschen die Produzenten. In einer solchen Gesellschaft
schlägt jeder neue Hebel der Produktion notwendig um in ein neues Mittel
der Knechtung der Produzenten unter die Produktionsmittel. Das gilt vor allem
von demjenigen Hebel der Produktion, der bis zur Einführung der großen
Industrie weitaus der mächtigste war - von der Teilung der Arbeit. Gleich
die erste große Arbeitsteilung, die Scheidung von Stadt und Land, verurteilte
die Landbevölkerung zu jahrtausendelanger Verdummung und die Städter
zur Knechtung eines jeden unter sein Einzelhandwerk. Sie vernichtete die Grundlage
der geistigen Entwicklung der einen und der körperlichen
der andern. Wenn sich der Bauer den Boden, der Städter sein Handwerk aneignet,
so eignet sich ebensosehr der Boden den Bauer, das Handwerk den Handwerker an.
Indem die Arbeit geteilt wird, wird auch der Mensch geteilt. Der Ausbildung einer
einzigen Tätigkeit werden alle übrigen körperlichen und geistigen
Fähigkeiten zum Opfer gebracht. Diese Verkümmerung des Menschen wächst
im selben Maße wie die Arbeitsteilung, die ihre höchste Entwicklung
in der Manufaktur erreicht. Die Manufaktur zerlegt das Handwerk in seine einzelnen
Teiloperationen, weist jede derselben einem einzelnen Arbeiter als Lebensberuf
zu und kettet ihn so lebenslänglich an eine bestimmte Teilfunktion und ein
bestimmtes Werkzeug. »Sie verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität,
indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert durch Unterdrückung
einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen ... Das Individuum selbst wird
geteilt, in das automatische Triebwerk einer Teilarbeit verwandelt« (Marx) |Siehe
Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 381| - ein Triebwerk, das in vielen Fällen seine Vollkommenheit
erst durch buchstäbliche, leibliche und geistige Verkrüppelung des Arbeiters
erlangt. Die Maschinerie der großen Industrie degradiert den Arbeiter aus
einer Maschine zum bloßen Zubehör einer Maschine. »Aus der lebenslangen
Spezialität, ein Teilwerkzeug zu führen, wird die lebenslange Spezialität,
einer Teilmaschine zu dienen. Die Maschinerie wird mißbraucht, um den Arbeiter
selbst von Kindesbeinen an in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln« (Marx).
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 445| Und nicht nur die Arbeiter,
auch die die Arbeiter direkt oder indirekt ausbeutenden Klassen werden vermittelst
der Teilung der Arbeit geknechtet unter das Werkzeug ihrer Tätigkeit; der
geistesöde Bourgeois unter sein eignes Kapital und seine eigne Profitwut,
der Jurist unter seine verknöcherten Rechtsvorstellungen, die ihn als eine
selbständige Macht beherrschen; die »gebildeten Stände« überhaupt
unter die mannigfachen Lokalborniertheiten und Einseitigkeiten, unter ihre eigne
körperliche und geistige Kurzsichtigkeit, unter ihre Verkrüppelung durch
die auf eine Spezialität zugeschnittne Erziehung und durch die lebenslange
Fesselung an diese Spezialität selbst - auch dann, wenn diese Spezialität
das reine Nichtstun ist.
Die Utopisten waren bereits vollständig im reinen über die Wirkungen
der Teilung der Arbeit, über die Verkümmerung einerseits des Arbeiters,
andrerseits der Arbeitstätigkeit selbst, die auf lebenslängliche, einförmige,
mechanische Wiederholung eines und desselben Aktes beschränkt wird. Die Aufhebung
des Gegensatzes von Stadt und Land wird von Fourier wie von
Owen als erste Grundbedingung der Aufhebung der alten Arbeitsteilung überhaupt
gefordert. Bei beiden soll die Bevölkerung sich in Gruppen von sechzehnhundert
bis dreitausend über das Land verteilen; jede Gruppe bewohnt im Zentrum ihres
Bodenbezirks einen Riesenpalast mit gemeinsamem Haushalt. Fourier spricht zwar
hier und da von Städten, diese aber bestehn selbst wieder nur aus vier bis
fünf solcher näher zusammenliegenden Paläste. Bei beiden beteiligt
sich jedes Gesellschaftsglied sowohl am Ackerbau wie an der Industrie; bei Fourier
spielen in dieser letztern Handwerk und Manufaktur, bei Owen dagegen schon die
große Industrie die Hauptrolle und wird von ihm bereits die Einführung
der Dampfkraft und Maschinerie in die Haushaltungsarbeit verlangt. Aber auch innerhalb
des Ackerbaus wie der Industrie fordern beide die möglichst große Abwechslung
der Beschäftigung für jeden einzelnen, und dementsprechend die Ausbildung
der Jugend für möglichst allseitige technische Tätigkeit. Bei beiden
soll der Mensch sich universell entwickeln durch universelle praktische Betätigung
und soll die Arbeit den ihr durch die Teilung abhanden gekommnen Reiz der Anziehung
wieder erhalten, zunächst durch diese Abwechslung und die ihr entsprechende
kurze Dauer der jeder einzelnen Arbeit gewidmeten »Sitzung«, um Fouriers Ausdruck
zu gebrauchen. Beide sind weit hinaus über die dem Herrn Dühring überkommne
Denkweise der ausbeutenden Klassen, die den Gegensatz von Stadt und Land für
der Natur der Sache nach unvermeidlich hält, die in der Borniertheit befangen
ist, als müßte eine Anzahl von »Existenzen« unter allen Umständen
zur Erzeugung eines Artikels verdammt sein, und die die sich nach der Lebensweise
sondernden »ökonomischen Spielarten« von Menschen verewigen will, die Leute,
die Freude an der Ausübung grade dieser und keiner andern Sache haben , die
also so weit heruntergekommen sind, daß sie sich über ihre eigne Knechtung
und Vereinseitigung freuen. Gegenüber den Grundgedanken selbst der
tollkühnsten Phantasien des »Idioten« Fourier, gegenüber selbst den
dürftigsten Ideen des »rohen, matten und dürftigen« Owen steht der selbst
noch ganz unter die Teilung der Arbeit geknechtete Herr Dühring da wie ein
vorlauter Zwerg.
Indem sich die Gesellschaft zur Herrin der sämtlichen Produktionsmittel
macht, um sie gesellschaftlich planmäßig zu verwenden, vernichtet sie
die bisherige Knechtung der Menschen unter ihre eignen Produktionsmittel. Die
Gesellschaft kann sich selbstredend nicht befreien, ohne daß jeder einzelne
befreit wird. Die alte Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt
werden, und namentlich muß die alte Teilung der Arbeit verschwinden. An
ihre Stelle muß eine Organisation der Produktion treten,
in der einerseits kein einzelner seinen Anteil an der produktiven Arbeit, dieser
Naturbedingung der menschlichen Existenz, auf andre abwälzen kann; in der
andrerseits die produktive Arbeit, statt Mittel der Knechtung, Mittel der Befreiung
der Menschen wird, indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen
Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden
und zu betätigen, und in der sie so aus einer Last eine Lust wird.
Dies ist heute keine Phantasie, kein frommer Wunsch mehr. Bei der gegenwärtigen
Entwicklung der produktiven Kräfte genügt schon diejenige Steigerung
der Produktion, die mit der Tatsache der Vergesellschaftung der Produktivkräfte
selbst gegeben ist, die Beseitigung der aus der kapitalistischen Produktionsweise
entspringenden Hemmungen und Störungen, der Vergeudung von Produkten und
Produktionsmitteln, um bei allgemeiner Teilnahme an der Arbeit die Arbeitszeit
auf ein nach jetzigen Vorstellungen geringes Maß zu reduzieren.
Ebensowenig ist die Aufhebung der alten Teilung der Arbeit eine Forderung,
die nur auf Kosten der Produktivität der Arbeit durchzuführen wäre.
Im Gegenteil. Sie ist eine Bedingung der Produktion selbst geworden durch die
große Industrie. »Der Maschinenbetrieb hebt die Notwendigkeit auf, die Verteilung
der Arbeitergruppen an die verschiednen Maschinen manufakturmäßig zu
befestigen durch fortwährende Aneignung derselben Arbeiter an dieselbe Funktion.
Da die Gesamtbewegung der Fabrik nicht vom Arbeiter ausgeht, sondern von der Maschine,
kann fortwährender Personenwechsel stattfinden, ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses
... Die Geschwindigkeit endlich, womit die Arbeit an der Maschine im jugendlichen
Alter erlernt wird, beseitigt ebenso die Notwendigkeit, eine besondre Klasse Arbeiter
ausschließlich zu Maschinenarbeitern zu erziehn.« |Siehe Karl Marx: »Das
Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 443/444| Während aber die kapitalistische Anwendungsweise der
Maschinerie die alte Teilung der Arbeit mit ihren knöchernen Partikularitäten
weiter fortführen muß, trotzdem diese technisch überflüssig
geworden, rebelliert die Maschinerie selbst gegen diesen Anachronismus. Die technische
Basis der großen Industrie ist revolutionär. »Durch Maschinerie, chemische
Prozesse und andre Methoden wälzt sie beständig mit der technischen
Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen
Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie revolutioniert damit ebenso beständig
die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich
Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktions
zweig in den andern. Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wechsel
der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters ...
Man hat gesehn, wie dieser absolute Widerspruch ... im ununterbrochenen Opferfest
der Arbeiterklasse, maßlosester Vergeudung der Arbeitskräfte und den
Verheerungen gesellschaftlicher Anarchie sich austobt. Dies ist die negative Seite.
Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt nur als überwältigendes
Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung des Naturgesetzes durchsetzt,
das überall auf Hindernisse stößt, macht die große Industrie
durch ihre Katastrophen selbst es zur Frage von Leben oder Tod, den Wechsel der
Arbeiten und daher möglichste Vielseitigkeit des Arbeiters als allgemeines
gesellschaftliches Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner normalen Verwirklichung
die Verhältnisse anzupassen. Sie macht es zu einer Frage von Leben oder Tod,
die Ungeheuerlichkeit einer elenden, für das wechselnde Exploitationsbedürfnis
des Kapitals in Reserve gehaltnen disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen
durch die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse;
das Teilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion,
durch das total entwickelte Individuum, für welches verschiedne gesellschaftliche
Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind.« (Marx, Kapital.)
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 511/512|
Indem die große Industrie uns gelehrt hat, die mehr oder weniger überall
herstellbare Molekularbewegung in Massenbewegung zu technischen Zwecken zu verwandeln,
hat sie die industrielle Produktion in bedeutendem Maße von lokalen Schranken
befreit. Die Wasserkraft war lokal, die Dampfkraft ist frei. Wenn die Wasserkraft
notwendig ländlich ist, so ist die Dampfkraft keineswegs notwendig städtisch.
Es ist ihre kapitalistische Anwendung, die sie vorwiegend in den Städten
konzentriert und Fabrikdörfer in Fabrikstädte umschafft. Damit aber
untergräbt sie gleichzeitig die Bedingungen ihres eignen Betriebs. Erstes
Erfordernis der Dampfmaschine und Haupterfordernis fast aller Betriebszweige der
großen Industrie ist verhältnismäßig reines Wasser. Die
Fabrikstadt aber verwandelt alles Wasser in stinkende Jauche. Sosehr also die
städtische Konzentrierung Grundbedingung der kapitalistischen Produktion
ist, sosehr strebt jeder einzelne industrielle Kapitalist stets von den durch
sie notwendig erzeugten großen Städten weg und dem ländlichen
Betrieb zu. Dieser Prozeß kann in den Bezirken der Textilindustrie von Lancashire
und Yorkshire im einzelnen studiert werden; die kapitalistische Großindustrie
erzeugt dort stets neue Großstädte da
durch, daß sie fortwährend von der Stadt aufs Land flieht. Ähnlich
in den Bezirken der Metallindustrie, wo teilweise andre Ursachen dieselben Wirkungen
erzeugen.
Diesen neuen fehlerhaften Kreislauf, diesen sich stets neu erzeugenden Widerspruch
der modernen Industrie aufzuheben, vermag wiederum nur die Aufhebung ihres kapitalistischen
Charakters. Nur eine Gesellschaft, die ihre Produktivkräfte nach einem einzigen
großen Plan harmonisch ineinandergreifen läßt, kann der Industrie
erlauben, sich in derjenigen Zerstreuung über das ganze Land anzusiedeln,
die ihrer eignen Entwicklung und der Erhaltung resp. Entwicklung der übrigen
Elemente der Produktion am angemessensten ist.
Die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist hiernach nicht nur möglich.
Sie ist eine direkte Notwendigkeit der industriellen Produktion selbst geworden,
wie sie ebenfalls eine Notwendigkeit der Agrikulturproduktion und obendrein der
öffentlichen Gesundheitspflege geworden ist. Nur durch Verschmelzung von
Stadt und Land kann die heutige Luft-, Wasser- und Bodenvergiftung beseitigt,
nur durch sie die jetzt in den Städten hinsiechenden Massen dahin gebracht
werden, daß ihr Dünger zur Erzeugung von Pflanzen verwandt wird, statt
zur Erzeugung von Krankheiten.
Die kapitalistische Industrie hat sich bereits relativ unabhängig gemacht
von den lokalen Schranken der Produktionsstätten ihrer Rohstoffe. Die Textilindustrie
verarbeitet der großen Masse nach importierte Rohstoffe. Spanische Eisenerze
werden in England und Deutschland, spanische und südamerikanische Kupfererze
werden in England verarbeitet. Jedes Kohlenfeld versieht weit über seine
Grenzen hinaus einen jährlich wachsenden industriellen Umkreis mit Brennstoff.
An der ganzen europäischen Küste werden Dampfmaschinen mit englischer,
stellenweise deutscher und belgischer Kohle getrieben. Die von den Schranken der
kapitalistischen Produktion befreite Gesellschaft kann noch viel weiter gehn.
Indem sie ein Geschlecht von allseitig ausgebildeten Produzenten erzeugt, die
die wissenschaftlichen Grundlagen der gesamten industriellen Produktion verstehn
und von denen jeder eine ganze Reihe von Produktionszweigen von Anfang bis zu
Ende praktisch durchgemacht, schafft sie eine neue Produktivkraft, die die Transportarbeit
der aus größerer Entfernung bezognen Roh- oder Brennstoffe überreichlich
aufwiegt.
Die Aufhebung der Scheidung von Stadt und Land ist also keine Utopie, auch
nach der Seite hin, nach der sie die möglichst gleichmäßige Verteilung der großen Industrie über das ganze
Land zur Bedingung hat. Die Zivilisation hat uns freilich in den großen
Städten eine Erbschaft hinterlassen, die zu beseitigen viel Zeit und Mühe
kosten wird. Aber sie müssen und werden beseitigt werden, mag es auch ein
langwieriger Prozeß sein. Welche Geschicke auch dem Deutschen Reich preußischer
Nation vorbehalten sein mögen, Bismarck kann mit dem stolzen Bewußtsein
in die Grube fahren, daß sein Lieblingswunsch sicher erfüllt wird:
der Untergang der großen Städte.
Und nun besehe man sich die kindliche Vorstellung des Herrn Dühring, als
könne die Gesellschaft Besitz ergreifen von der Gesamtheit der Produktionsmittel,
ohne die alte Art des Produzierens von Grund aus umzuwälzen und vor allem
die alte Teilung der Arbeit abzuschaffen; als sei alles abgemacht, sobald nur
»den Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung
getragen« -
wobei dann nach wie vor ganze Massen von Existenzen unter die Erzeugung eines
Artikels geknechtet, ganze »Bevölkerungen« von einem einzelnen Produktionszweig
in Anspruch genommen werden, und die Menschheit sich nach wie vor in eine Anzahl
verschieden verkrüppelter »ökonomischer Spielarten« teilt, als da sind
»Karrenschieber« und Architekten«. Die Gesellschaft soll Herrin der Produktionsmittel
im ganzen werden, damit jeder einzelne Sklave seines Produktionsmittels bleibt
und nur die Wahl hat welches Produktionsmittels. Und ebenso besehe man
sich die Art, wie Herr Dühring die Scheidung von Stadt und Land für
»der Natur der Sache nach unvermeidlich« hält, und nur ein kleines Palliativmittelchen
entdecken kann in den in ihrer Verbindung spezifisch preußischen Zweigen
der Schnapsbrennerei und Rübenzuckerbereitung; der die Zerstreuung der Industrie
über das Land abhängig macht von irgendwelchen künftigen Entdeckungen
und von der Nötigung, den Betrieb unmittelbar an die Gewinnung der
Rohstoffe anzulehnen - der Rohstoffe, die schon jetzt in immer wachsender Entfernung
von ihrem Ursprungsort verbraucht werden! - und der sich schließlich den
Rücken zu decken sucht mit der Versicherung, die sozialen Bedürfnisse
würden schließlich die Verbindung von Ackerbau und Industrie doch wohl
auch gegen die ökonomischen Rücksichten durchsetzen, als ob damit
ein ökonomisches Opfer gebracht würde!
Freilich, um zu sehn, daß die revolutionären Elemente, die die alte
Teilung der Arbeit mitsamt der Scheidung von Stadt und Land beseitigen und die
ganze Produktion umwälzen werden, daß diese Elemente bereits in den
Produktionsbedingungen der modernen großen Industrie im Keim enthal
ten sind und durch die heutige kapitalistische Produktionsweise an ihrer Entfaltung
gehindert werden, dazu muß man einen etwas weitern Horizont haben als den
Geltungsbereich des preußischen Landrechts, das Land, wo Schnaps und Rübenzucker
die entscheidenden Industrieprodukte sind und wo man die Handelskrisen auf dem
Büchermarkt studieren kann. Dazu muß man die wirkliche große
Industrie in ihrer Geschichte und in ihrer gegenwärtigen Wirklichkeit kennen,
namentlich in dem einen Lande, wo sie ihre Heimat und wo allein sie ihre klassische
Ausbildung erreicht hat; und dann wird man auch nicht daran denken, den modernen
wissenschaftlichen Sozialismus verseichtigen und herunterbringen zu wollen auf
den spezifisch preußischen Sozialismus des Herrn Dühring.
Wir sahen bereits früher, daß die Dühringsche Ökonomie
auf den Satz hinauslief: Die kapitalistische Produktionsweise ist ganz gut und
kann bestehn bleiben, aber die kapitalistische Verteilungsweise ist vom Übel
und muß verschwinden. Wir finden jetzt, daß die »Sozialität«
des Herrn Dühring weiter nichts ist als die Durchführung dieses Satzes
in der Phantasie. In der Tat zeigte sich, daß Herr Dühring an der Produktionsweise
- als solcher - der kapitalistischen Gesellschaft fast gar nichts auszusetzen
hat, daß er die alte Teilung der Arbeit in allen wesentlichen Beziehungen
beibehalten will, und daher auch über die Produktion innerhalb seiner Wirtschaftskommune
kaum ein Wort zu sagen weiß. Die Produktion ist allerdings ein Gebiet, auf
dem es sich um handfeste Tatsachen handelt, auf dem daher die »rationelle Phantasie«
dem Flügelschlag ihrer freien Seele nur wenig Raum geben darf, weil die Gefahr
der Blamage zu nahe liegt. Dagegen die Verteilung, die nach der Ansicht des Herrn
Dühring ja gar nicht mit der Produktion zusammenhängt, die nach ihm
nicht durch die Produktion, sondern durch einen reinen Willensakt bestimmt wird
- die Verteilung ist das prädestinierte Feld seiner »sozialen Alchimisterei«.
Der gleichen Produktionspflicht tritt gegenüber das gleiche Konsumtionsrecht,
organisiert in der Wirtschaftskommune und der eine größere Anzahl der
letztern umfassenden Handelskommune. Hier wird »Arbeit ... nach dem Grundsatz
der gleichen Schätzung gegen andre Arbeit ausgetauscht ... Leistung und Gegenleistung
stellen hier wirkliche Gleichheit der Arbeitsgrößen vor«. Und zwar
gilt diese »Gleichsetzung der Menschenkräfte,
mögen die einzelnen nun mehr oder weniger oder zufällig auch nichts
geleistet haben«; denn man kann alle Verrichtungen, insofern sie Zeit und
Kräfte in Anspruch nehmen, als Arbeitsleistungen ansehn - also auch Kegelschieben
und Spazierengehn. Dieser Austausch findet aber nicht statt zwischen den einzelnen,
da die Gesamtheit Besitzerin aller Produktionsmittel, also auch aller Produkte
ist, sondern einerseits zwischen jeder Wirtschaftskommune und ihren einzelnen
Mitgliedern, andrerseits zwischen den verschiednen Wirtschafts- und Handelskommunen
selbst. »Namentlich werden die einzelnen Wirtschaftskommunen innerhalb ihres eignen
Rahmens den Kleinhandel durch völlig planmäßigen Vertrieb ersetzen.«
Ebenso wird der Handel im großen organisiert: »Das System der freien Wirtschaftsgesellschaft
... bleibt daher eine große Tauscheinrichtung, deren Vornahmen sich vermittelst
der durch die edlen Metalle gegebnen Grundlagen vollziehn. Durch die Einsicht
in die unumgängliche Notwendigkeit dieser Grundeigenschaft unterscheidet
sich unser Schema von allen jenen Nebelhaftigkeiten, die auch noch den rationellsten
Formen der heute umlaufenden sozialistischen Vorstellungen anhaften.«
Die Wirtschaftskommune, als erste Aneignerin der gesellschaftlichen
Produkte, hat behufs dieses Austausches »für jeden Zweig von Artikeln einen
einheitlichen Preis« nach den durchschnittlichen Produktionskosten festzusetzen.
»Was gegenwärtig die sogenannten Selbstkosten der Produktion ... für
Wert und Preis bedeuten, das werden« (in der Sozialität) »... die Anschläge
der zu verwendenden Arbeitsmenge leisten. Diese Anschläge, die sich nach
dem Grundsatz des auch wirtschaftlich gleichen Rechts jeder Persönlichkeit
schließlich auf die Berücksichtigung der beteiligten Personenzahl zurückführen
lassen, werden das zugleich den Naturverhältnissen der Produktion und dem
gesellschaftlichen Verwertungsrecht entsprechende Verhältnis der Preise ergeben.
Die Produktion der edlen Metalle wird ähnlich wie heute für die Wertbestimmung
des Geldes maßgebend bleiben ... Man sieht hieraus, daß man in der
veränderten Gesellschaftsverfassung zunächst für die Werte und
mithin für die Verhältnisse, in denen die Erzeugnisse sich gegeneinander
umsetzen, nicht nur Bestimmungsgrund und Maß nicht verliert, sondern erst
gehörig gewinnt.«
Der berühmte »absolute Wert« ist endlich realisiert.
Andrerseits aber wird die Kommune nun auch die einzelnen in den Stand
setzen müssen, die produzierten Artikel von ihr zu kaufen, indem sie jedem
eine gewisse tägliche, wöchentliche oder monatliche Geldsumme, die für
jeden gleich zu sein hat, als Gegenleistung für seine Arbeit auszahlt. »Es
ist daher vom Standpunkt der Sozialität gleichgültig, ob man sagt, daß
der Arbeitslohn verschwinden oder daß er die ausschließliche Form
der ökonomischen Einkünfte werden müsse.« Gleiche Löhne und
gleiche Preise aber stellen die »quantitative, wenn auch nicht qualitative Gleichheit
der Konsumtion« her, und damit ist das »universelle Prinzip der Gerechtigkeit«
ökonomisch verwirklicht.
Über die Bestimmung der Höhe dieses Zukunftslohns sagt uns Herr Dühring
nur,
daß auch hier, wie in allen andern
Fällen, »gleiche Arbeit gegen gleiche Arbeit« ausgetauscht wird. Für
sechsstündige Arbeit wird daher eine Geldsumme zu zahlen sein, die ebenfalls
sechs Arbeitsstunden in sich verkörpert.
Indes ist das »universelle Prinzip der Gerechtigkeit« keineswegs mit jener
rohen Gleichmacherei zu verwechseln, die den Bürger so sehr aufbringt gegen
jeden, namentlich den naturwüchsigen Arbeiterkommunismus. Es ist lange nicht
so unerbittlich, als es gern aussehn möchte.
Die »prinzipielle Gleichheit der ökonomischen Rechtsansprüche schließt
nicht aus, daß freiwillig zu dem, was die Gerechtigkeit erfordert,
auch noch ein Ausdruck der besondern Anerkennung und Ehre gefügt werde ...
Die Gesellschaft ehrt sich selbst, indem sie die höher gesteigerten
Leistungsgattungen durch eine mäßige Mehrausstattung für
die Konsumtion auszeichnet.«
Und auch Herr Dühring ehrt sich selbst, indem er, Taubenunschuld und Schlangenklugheit
verschmelzend, so rührend für die mäßige Mehrkonsumtion der
Zukunfts-Dührings besorgt ist.
Hiermit ist die kapitalistische Verteilungsweise endgültig beseitigt.
Denn
»gesetzt, es hätte jemand unter Voraussetzung eines solchen Zustands
wirklich einen Überschuß von privaten Mitteln zur Verfügung, so
würde er für denselben keine kapitalmäßige Verwendung ausfindig
machen können. Kein einzelner oder keine Gruppe würde ihm denselben
für die Produktion anders als im Wege des Austausches oder Kaufs abnehmen,
niemals aber in den Fall kommen, ihm Zinsen oder Gewinn zu zahlen.« Hiermit wird
»eine dem Grundsatz der Gleichheit entsprechende Vererbung« zulässig. Sie
ist unvermeidlich, denn »eine gewisse Vererbung wird immer die notwendige Begleitung
des Familienprinzips sein«. Auch das Erbrecht wird »zu keiner Ansammlung umfangreicher
Vermögen führen können, da hier die Eigentumsbildung ... namentlich
nie mehr den Zweck haben kann, Produktionsmittel und reine Rentenexistenzen zu
schaffen«.
Hiermit wäre die Wirtschaftskommune glücklich fertig. Sehn wir nun
zu, wie sie wirtschaftet.
Wir nehmen an, alle Unterstellungen des Herrn Dühring seien vollständig
realisiert; wir setzen also voraus, daß die Wirtschaftskommune jedem ihrer
Mitglieder für täglich sechsstündige Arbeit eine Geldsumme zahlt,
in der ebenfalls sechs Arbeitsstunden verkörpert sind, meinetwegen zwölf
Mark. Wir nehmen ebenfalls an, daß die Preise genau den Werten entsprechen,
also unter unsern Voraussetzungen nur die Kosten der Rohstoffe, den Verschleiß
der Maschinerie, den Verbrauch von Arbeitsmitteln und den gezahlten Arbeitslohn
umfassen. Eine Wirtschaftskommune von hundert arbeitenden Mitgliedern produziert
dann täglich Waren im Wert von 1.200 Mark, im Jahr bei dreihundert Arbeitstagen
für 360.000 Mark, und zahlt dieselbe Summe
an ihre Mitglieder aus, deren jedes mit seinem Anteil von täglich 12 oder
jährlich 3.600 Mark macht, was es will. Am Ende des Jahres, und am Ende von
hundert Jahren ist die Kommune nicht reicher als am Anfang. Sie wird während
dieser Zeit nicht einmal imstande sein, die mäßige Mehrausstattung
für die Konsumtion des Herrn Dühring zu leisten, falls sie nicht ihren
Stamm von Produktionsmitteln angreifen will. Die Akkumulation ist total vergessen
worden. Noch schlimmer: da die Akkumulation eine gesellschaftliche Notwendigkeit,
und in der Beibehaltung des Geldes eine bequeme Form der Akkumulation gegeben,
so fordert die Organisation der Wirtschaftskommune ihre Mitglieder direkt auf
zur Privatakkumulation, und damit zu ihrer eignen Zerstörung.
Wie diesem Zwiespalt der Natur der Wirtschaftskommune entgehn? Sie könnte
Zuflucht nehmen zu der beliebten »Bezollung«, dem Preisaufschlag, und ihre Jahresproduktion
statt für 360.000 Mark für 480.000 Mark verkaufen. Da aber alle andern
Wirtschaftskommunen in derselben Lage sind, also dasselbe tun müßten,
so würde jede im Austausch mit der andern ebensoviel »Bezollung« zahlen müssen
wie sie einsteckt, und der »Tribut« also nur auf ihre eignen Mitglieder fallen.
Oder aber, sie macht die Sache kurz und bündig ab, indem sie jedem Mitglied
für sechsstündige Arbeit das Produkt von weniger als sechsstündiger
Arbeit, meinetwegen von vier Arbeitsstunden zahlt, also statt zwölf Mark
nur acht Mark täglich, die Warenpreise aber auf der alten Höhe bestehn
läßt. Sie tut in diesem Falle direkt und offen, was sie im vorigen
versteckt und auf einem Umweg versucht: sie bildet Marxschen Mehrwert im jährlichen
Betrag von 120.000 Mark, indem sie ihre Mitglieder in durchaus kapitalistischer
Weise unter dem Wert ihrer Leistung bezahlt und ihnen obendrein die Waren, die
sie nur bei ihr kaufen können, zum vollen Wert anrechnet. Die Wirtschaftskommune
kann also nur zu einem Reservefonds kommen, indem sie sich enthüllt als das
»veredelte« Trucksystem (6)
auf breitester kommunistischer Grundlage.
Also eins von zweien: Entweder tauscht die Wirtschaftskommune »gleiche Arbeit
aus gegen gleiche Arbeit«, und dann kann nicht sie, sondern nur die Privaten einen
Fonds zur Erhaltung und Ausdehnung der Produktion akkumulieren. Oder aber, sie
bildet einen solchen Fonds, und dann tauscht sie nicht »gleiche Arbeit aus gegen
gleiche Arbeit«.
So steht's mit dem Inhalt des Austausches in
der Wirtschaftskommune. Wie mit der Form? Der Austausch wird durch Metallgeld
vermittelt, und Herr Dühring tut sich nicht wenig zugut auf die »menschheitsgeschichtliche
Tragweite« dieser Verbesserung. Aber im Verkehr zwischen der Kommune und ihren
Mitgliedern ist das Geld gar kein Geld, fungiert es gar nicht als Geld. Es dient
als reines Arbeitszertifikat, es konstatiert, um mit Marx zu reden, »nur den individuellen
Anteil des Produzenten an der Gemeinarbeit und seinen individuellen Anspruch auf
den zur Konsumtion bestimmten Teil des Gemeinprodukts«, und ist in dieser Funktion
»ebensowenig 'Geld' wie etwa eine Theatermarke« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 109/110|. Es kann hiermit durch jedes beliebige Zeichen ersetzt werden,
wie Weitling es durch ein »Kommerzbuch« ersetzt, worin auf der einen Seite die
Arbeitsstunden und auf der andern die dafür bezognen Genüsse abgestempelt
werden. Kurz, es fungiert im Verkehr der Wirtschaftskommune mit ihren Mitgliedern
einfach als das Owensche »Arbeitsstundengeld«, dies »Wahngebilde«, auf das Herr
Dühring so vornehm herabsieht und das er dennoch selbst in seine Zukunftswirtschaft
einführen muß. Ob die Marke, die das Maß der erfüllten »Produktionspflicht«
und des damit erworbnen »Konsumtionsrechts« bezeichnet, ein Wisch Papier, ein
Rechenpfennig oder ein Goldstück ist, bleibt sich für diesen Zweck
vollständig gleich. Für andre Zwecke aber durchaus nicht, wie sich zeigen
wird.
Wenn das Metallgeld also schon im Verkehr der Wirtschaftskommune mit ihren
Mitgliedern nicht als Geld fungiert, sondern als verkleidete Arbeitsmarke, so
kommt es noch weniger zu seiner Geldfunktion im Austausch zwischen den verschiednen
Wirtschaftskommunen. Hier ist, unter den Voraussetzungen des Herrn Dühring,
das Metallgeld total überflüssig. In der Tat würde eine bloße
Buchführung hinreichen, die den Austausch von Produkten gleicher Arbeit gegen
Produkte gleicher Arbeit viel einfacher vollzieht, wenn sie mit dem natürlichen
Maßstab der Arbeit - der Zeit, der Arbeitsstunde als Einheit - rechnet,
als wenn sie die Arbeitsstunden erst in Geld übersetzt. Der Austausch ist
in Wirklichkeit reiner Naturalaustausch; alle Mehrforderungen sind leicht und
einfach ausgleichbar durch Anweisungen auf andre Kommunen. Wenn aber eine Kommune
wirklich gegenüber andern Kommunen ein Defizit haben sollte, so kann alles
»im Universum vorhandne Gold«, und wenn es noch so sehr »von Natur Geld« sein
sollte, dieser Kommune das Schicksal nicht ersparen, dies Defizit durch vermehrte
eigne Arbeit zu ersetzen, falls sie nicht in Schuldabhängigkeit
von andern Kommunen geraten will. Übrigens möge der Leser fortwährend
im Gedächtnis halten, daß wir hier keineswegs Zukunftskonstruktion
machen. Wir nehmen einfach die Voraussetzungen des Herrn Dühring an und ziehen
nur die unvermeidlichen Folgerungen daraus.
Also weder im Austausch zwischen der Wirtschaftskommune und ihren Mitgliedern
noch in dem zwischen den verschiednen Kommunen kann das Gold, das »von Natur Geld
ist«, dahin kommen, diese seine Natur zu verwirklichen. Trotzdem schreibt ihm
Herr Dühring vor, auch in der »Sozialität« Geldfunktion zu vollziehn.
Wir müssen uns also nach einem andern Spielraum für diese Geldfunktion
umsehn. Und dieser Spielraum existiert. Herr Dühring befähigt zwar jeden
zur »quantitativ gleichen Konsumtion«, aber er kann niemanden dazu zwingen. Im
Gegenteil, er ist stolz darauf, daß in seiner Welt jeder mit seinem Gelde
machen kann, was er will. Er kann also nicht verhindern, daß die einen sich
einen kleinen Geldschatz zurücklegen, während die andern mit dem ihnen
gezahlten Lohn nicht auskommen. Er macht dies sogar unvermeidlich, indem er das
Gemeineigentum der Familie im Erbrecht ausdrücklich anerkennt, woraus sich
dann weiter die Verpflichtung der Eltern zur Erhaltung der Kinder ergibt. Damit
aber bekommt die quantitativ gleiche Konsumtion einen gewaltigen Riß. Der
Junggesell lebt herrlich und in Freuden von seinen acht oder zwölf Mark täglich,
während der Witwer mit acht unmündigen Kindern damit kümmerlich
auskommt. Andrerseits aber läßt die Kommune, indem sie Geld ohne weiteres
in Zahlung nimmt, die Möglichkeit offen, daß dies Geld anders als durch
eigne Arbeit erworben sei. Non olet. |Geld stinkt nicht| Sie weiß nicht,
woher es kommt. Hiermit sind aber alle Bedingungen gegeben, um das Metallgeld,
das bisher nur die Rolle einer Arbeitsmarke spielte, in wirkliche Geldfunktion
treten zu lassen. Es liegen vor die Gelegenheit und das Motiv, einerseits zur
Schatzbildung, andrerseits zur Verschuldung. Der Bedürftige borgt beim Schatzbildner.
Das geborgte Geld, von der Kommune in Zahlung genommen für Lebensmittel,
wird damit wieder, was es in der heutigen Gesellschaft ist, gesellschaftliche
Inkarnation der menschlichen Arbeit, wirkliches Maß der Arbeit, allgemeines
Zirkulationsmittel. Alle »Gesetze und Verwaltungsnormen« der Welt sind ebenso
ohnmächtig dagegen, wie gegen das Einmaleins oder gegen die chemische Zusammensetzung
des Wassers. Und da der Schatzbildner in der Lage ist, vom Bedürftigen Zinsen
zu erzwingen, so ist mit dem als Geld fungierenden Metallgeld auch der Zinswucher
wiederhergestellt.
Soweit haben wir nur die Wirkungen der Beibehaltung
des Metallgeldes betrachtet innerhalb des Geltungsbereichs der Dühringschen
Wirtschaftskommune. Aber jenseits dieses Bereichs geht die übrige verworfne
Welt einstweilen ihren alten Gang ruhig weiter. Gold und Silber bleiben, auf dem
Weltmarkt, Weltgeld, allgemeines Kauf- und Zahlungsmittel, absolut gesellschaftliche
Verkörperung des Reichtums. Und mit dieser Eigenschaft des edlen Metalls
tritt vor die einzelnen Wirtschaftskommunisten ein neues Motiv zur Schatzbildung,
zur Bereicherung, zum Wucher, das Motiv, sich gegenüber der Kommune und jenseits
ihrer Grenzen frei und unabhängig zu bewegen und den aufgehäuften Einzelreichtum
auf dem Weltmarkt zu verwerten. Die Wucherer verwandeln sich in Händler mit
dem Zirkulationsmittel, in Bankiers, in Beherrscher des Zirkulationsmittels und
des Weltgelds, damit in Beherrscher der Produktion und damit in Beherrscher der
Produktionsmittel, mögen diese auch noch jahrelang dem Namen nach als Eigentum
der Wirtschafts- und Handelskommune figurieren. Damit sind aber die in Bankiers
übergegangnen Schatzbildner und Wucherer auch die Herren der Wirtschafts-
und Handelskommune selbst. Die »Sozialität« des Herrn Dühring unterscheidet
sich in der Tat sehr wesentlich von den »Nebelhaftigkeiten« der übrigen Sozialisten.
Sie hat weiter keinen Zweck als die Wiedererzeugung der hohen Finanz, unter deren
Kontrolle und für deren Säckel sie sich tapfer abarbeiten wird - wenn
sie überhaupt zusammenkommt und zusammenhält. Die einzige Rettung für
sie läge darin, daß die Schatzbildner vorzögen, vermittelst ihres
Weltgeldes eiligst aus der Kommune - davonzulaufen.
Bei der in Deutschland herrschenden ausgedehnten Unbekanntschaft mit dem älteren
Sozialismus könnte nun ein unschuldiger Jüngling die Frage aufwerfen,
ob nicht auch z.B. die Owenschen Arbeitsmarken zu einem ähnlichen Mißbrauch
Anlaß geben könnten. Obwohl wir hier nicht die Bedeutung dieser Arbeitsmarken
zu entwickeln haben, so mag doch zur Vergleichung des Dühringschen »umfassenden
Schematismus« mit den »rohen, matten und dürftigen Ideen« Owens folgendes
Platz finden: Erstens wäre zu einem solchen Mißbrauch der Owenschen
Arbeitsmarken ihre Verwandlung in wirkliches Geld nötig, während Herr
Dühring wirkliches Geld voraussetzt, ihm aber verbieten will, anders als
bloße Arbeitsmarke zu fungieren. Während dort wirklicher Mißbrauch
stattfände, setzt sich hier die immanente, vom menschlichen Willen unabhängige
Natur des Geldes durch, setzt das Geld seinen ihm eigentümlichen, richtigen
Gebrauch durch gegenüber dem Mißbrauch, den Herr Dühring ihm aufzwingen
will kraft seiner eignen Unwissenheit über die Natur des Geldes. Zweitens
sind bei Owen die Arbeitsmarken nur eine Übergangsform
zur vollständigen Gemeinschaft und freien Benutzung der gesellschaftlichen
Ressourcen, nebenbei höchstens noch ein Mittel, dem britischen Publikum den
Kommunismus plausibel zu machen. Wenn also etwelcher Mißbrauch die Owensche
Gesellschaft zur Abschaffung der Arbeitsmarken zwingen sollte, so tut diese Gesellschaft
einen Schritt weiter voran zu ihrem Ziel und tritt in eine vollkommnere Entwicklungsstufe
ein. Schafft dagegen die Dühringsche Wirtschaftskommune das Geld ab, so vernichtet
sie mit einem Schlage ihre »menschheitsgeschichtliche Tragweite«, so beseitigt
sie ihre eigentümlichste Schönheit, hört auf, Dühringsche
Wirtschaftskommune zu sein und sinkt herab zu den Nebelhaftigkeiten, aus denen
sie herauszuheben Herr Dühring soviel saure Arbeit der rationellen Phantasie
aufgewandt hat.(7)
Woraus entstehn nun alle die sonderbaren Irrungen und Wirrungen, in denen die
Dühringsche Wirtschaftskommune herumfährt? Einfach aus der Nebelhaftigkeit,
die im Kopf des Herrn Dühring die Begriffe von Wert und Geld umhüllt,
und die ihn schließlich dahin treibt, den Wert der Arbeit entdecken zu wollen.
Da aber Herr Dühring keineswegs das Monopol solcher Nebelhaftigkeit für
Deutschland besitzt, im Gegenteil zahlreiche Konkurrenz findet, so wollen wir
»uns einen Augenblick überwinden, das Knäuel aufzulösen«, das er
hier angerichtet hat.
Der einzige Wert, den die Ökonomie kennt, ist der Wert von Waren. Was
sind Waren? Produkte, erzeugt in einer Gesellschaft mehr oder weniger vereinzelter
Privatproduzenten, also zunächst Privatprodukte. Aber diese Privatprodukte
werden erst Waren, sobald sie nicht für den Selbstverbrauch, sondern für
den Verbrauch durch andre, also für den gesellschaftlichen Verbrauch produziert
werden; sie treten ein in den gesellschaftlichen Verbrauch durch den Austausch.
Die Privatproduzenten stehn also in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, bilden
eine Gesellschaft. Ihre Produkte, obwohl Privatprodukte jedes einzelnen, sind
daher gleichzeitig, aber unabsichtlich und gleichsam widerwillig, auch gesellschaftliche
Produkte. Worin besteht nun der gesellschaftliche Charakter dieser Privatprodukte?
Offenbar in zwei Eigenschaften: erstens darin, daß sie alle irgendein menschliches
Bedürfnis befriedigen, einen Gebrauchswert haben nicht nur für den
Produzenten, sondern auch für andre; und zweitens darin, daß sie, obwohl
Produkte der verschiedensten Privatarbeiten, gleichzeitig Produkte menschlicher
Arbeit schlechthin, allgemein menschlicher Arbeit sind. Insofern sie auch für
andre einen Gebrauchswert haben, können sie überhaupt in de Austausch
treten; insofern in ihnen allen allgemein menschliche Arbeit, einfache Aufwendung
menschlicher Arbeitskraft steckt, können sie nach der in einer jeden steckenden
Menge dieser Arbeit miteinander im Austausch verglichen, gleich oder ungleich
gesetzt werden. In zwei gleichen Privatprodukten kann, unter gleichbleibenden
gesellschaftlichen Verhältnissen, ungleich viel Privatarbeit stecken, aber
immer nur gleich viel allgemein menschliche Arbeit. Ein ungeschickter Schmied
kann in derselben Zeit fünf Hufeisen machen, in der ein geschickter zehn
macht. Aber die Gesellschaft verwertet nicht das zufällige Ungeschick des
einen, sie erkennt als allgemein menschliche Arbeit nur Arbeit von jedesmal normalem
Durchschnittsgeschick an. Eins der fünf Hufeisen des ersten hat im Austausch
also nicht mehr Wert als eins der in gleicher Arbeitszeit geschmiedeten zehn des
andern. Nur insofern sie gesellschaftlich notwendig, enthält die Privatarbeit
allgemein menschliche Arbeit.
Indem ich also sage, eine Ware hat diesen bestimmten Wert, sage ich 1. daß
sie ein gesellschaftlich nützliches Produkt ist; 2. daß sie von einer
Privatperson für Privatrechnung produziert ist; 3. daß sie, obwohl
Produkt von Privatarbeit, dennoch gleichzeitig und gleichsam ohne es zu wissen
oder zu wollen, auch Produkt von gesellschaftlicher Arbeit ist, und zwar von einer
bestimmten, auf einem gesellschaftlichen Wege, durch den Austausch festgestellten
Menge derselben; 4. drücke ich diese Menge nicht aus in Arbeit selbst, in
soundso viel Arbeitsstunden, sondern in einer andern Ware. Wenn ich also
sage, diese Uhr ist soviel wert wie dies Stück Tuch und jedes von beiden
ist fünfzig Mark wert, so sage ich: in der Uhr, dem Tuch und dem Geld steckt
gleich viel gesellschaftliche Arbeit. Ich konstatiere also, daß die in ihnen
repräsentierte gesellschaftliche Arbeitszeit gesellschaftlich gemessen und
gleichgefunden worden ist. Aber nicht direkt, absolut, wie man sonst Arbeitszeit
mißt, in Arbeitsstunden oder Tagen usw., sondern auf einem Umweg, vermittelst
des Austausches, relativ. Ich kann daher auch dieses festgestellte Quantum Arbeitszeit
nicht in Arbeitsstunden ausdrücken, deren Zahl mir unbekannt bleibt, sondern
ebenfalls nur auf einem Umweg, relativ, in einer andern Ware, die das gleiche
Quantum gesellschaftlicher Arbeitszeit vorstellt. Die Uhr ist soviel wert wie
das Stück Tuch.
Indem aber Warenproduktion und Warenaustausch die auf ihnen beruhende Gesellschaft
zu diesem Umweg zwingen, zwingen sie ebenso zu
seiner möglichsten Verkürzung. Sie sondern aus dem gemeinen Warenpöbel
eine fürstliche Ware aus, in der der Wert aller andern Waren ein für
allemal ausdrückbar ist, eine Ware, die als unmittelbare Inkarnation der
gesellschaftlichen Arbeit gilt und daher gegen alle Waren unmittelbar und unbedingt
austauschbar wird - das Geld. Das Geld ist im Wertbegriff bereits im Keim enthalten,
es ist nur der entwickelte Wert. Aber indem der Warenwert sich, gegenüber
den Waren selbst, verselbständigt im Geld, tritt ein neuer Faktor ein in
die Waren produzierende und austauschende Gesellschaft, ein Faktor mit neuen gesellschaftlichen
Funktionen und Wirkungen. Wir haben dies vorderhand nur festzustellen, ohne näher
darauf einzugehn.
Die Ökonomie der Warenproduktion ist keineswegs die einzige Wissenschaft,
die nur mit relativ bekannten Faktoren zu rechnen hat. Auch in der Physik wissen
wir nicht, wieviel einzelne Gasmoleküle in einem gegebnen Gasvolumen, Druck
und Temperatur ebenfalls gegeben, vorhanden sind. Aber wir wissen, daß,
soweit das Boylesche Gesetz richtig, ein solches gegebnes Volumen irgendwelches
Gases ebensoviel Moleküle enthält, wie ein gleiches Volumen eines beliebigen
andern Gases bei gleichem Druck und gleicher Temperatur. Wir können daher
die verschiedensten Volumen der verschiedensten Gase, unter den verschiedensten
Druck- und Temperaturbedingungen, auf ihren Molekulargehalt vergleichen; und wenn
wir 1 Liter Gas bei 0° C und 760 mm Druck als Einheit annehmen, an dieser Einheit
jenen Molekulargehalt messen. - In der Chemie sind uns die absoluten Atomgewichte
der einzelnen Elemente ebenfalls unbekannt. Aber wir kennen sie relativ, indem
wir ihre gegenseitigen Verhältnisse kennen. Wie also die Warenproduktion
und ihre Ökonomie für die in den einzelnen Waren steckenden, ihr unbekannten
Arbeitsquanta einen relativen Ausdruck erhält, indem sie diese Waren auf
ihren relativen Arbeitsgehalt vergleicht, so verschafft sich die Chemie einen
relativen Ausdruck für die Größe der ihr unbekannten Atomgewichte,
indem sie die einzelnen Elemente auf ihr Atomgewicht vergleicht, das Atomgewicht
des einen in Vielfachen oder Bruchteilen des andern (Schwefel, Sauerstoff, Wasserstoff)
ausdrückt. Und wie die Warenproduktion das Gold zur absoluten Ware, zum allgemeinen
Äquivalent der übrigen Waren, zum Maß aller Werte erhebt, so erhebt
die Chemie den Wasserstoff zur chemischen Geldware, indem sie sein Atomgewicht
= 1 setzt und die Atomgewichte aller übrigen Elemente auf Wasserstoff reduziert,
in Vielfachen seines Atomgewichts ausdrückt.
Die Warenproduktion ist indes keineswegs die ausschließliche Form der
gesellschaftlichen Produktion. In dem altindischen Gemeinwesen, in der südslawischen
Familiengemeinde verwandeln sich die Produkte nicht in
Waren. Die Mitglieder der Gemeinde sind unmittelbar zur Produktion vergesellschaftet,
die Arbeit wird nach Herkommen und Bedürfnis verteilt, die Produkte, soweit
sie zur Konsumtion kommen, ebenfalls. Die unmittelbar gesellschaftliche Produktion
wie die direkte Verteilung schließen allen Warenaustausch aus, also auch
die Verwandlung der Produkte in Waren (wenigstens innerhalb der Gemeinde), und
damit auch ihre Verwandlung in Werte.
Sobald die Gesellschaft sich in den Besitz der Produktionsmittel setzt und
sie in unmittelbarer Vergesellschaftung zur Produktion verwendet, wird die Arbeit
eines jeden, wie verschieden auch ihr spezifisch nützlicher Charakter sei,
von vornherein und direkt gesellschaftliche Arbeit. Die in einem Produkt steckende
Menge gesellschaftlicher Arbeit braucht dann nicht erst auf einem Umweg festgestellt
zu werden; die tägliche Erfahrung zeigt direkt an, wieviel davon im Durchschnitt
nötig ist. Die Gesellschaft kann einfach berechnen, wieviel Arbeitsstunden
in einer Dampfmaschine, einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte, in hundert
Quadratmeter Tuch von bestimmter Qualität stecken. Es kann ihr also nicht
einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanta, die sie alsdann
direkt und absolut kennt, noch fernerhin in einem nur relativen, schwankenden,
unzulänglichen, früher als Notbehelf unvermeidlichen Maß, in einem
dritten Produkt auszudrücken und nicht in ihrem natürlichen, adäquaten,
absoluten Maß, der Zeit. Ebensowenig wie es der Chemie einfallen würde,
die Atomgewichte auch dann auf dem Umwege des Wasserstoffatoms relativ auszudrücken,
sobald sie imstande wäre, sie absolut, in ihrem adäquaten Maß
auszudrücken, nämlich in wirklichem Gewicht, in Billiontel oder Quadrilliontel
Gramm. Die Gesellschaft schreibt also unter obigen Voraussetzungen den Produkten
auch keine Werte zu. Sie wird die einfache Tatsache, daß die hundert Quadratmeter
Tuch meinetwegen tausend Arbeitsstunden zu ihrer Produktion erfordert haben, nicht
in der schielenden und sinnlosen Weise ausdrücken, sie seien tausend Arbeitsstunden
wert. Allerdings wird auch dann die Gesellschaft wissen müssen, wieviel Arbeit
jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. Sie wird den Produktionsplan
einzurichten haben nach den Produktionsmitteln, wozu besonders auch die Arbeitskräfte
gehören. Die Nutzeffekte der verschiednen Gebrauchsgegenstände, abgewogen
untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen,
werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach
ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten »Werts«.(8)
Der Wertbegriff ist der allgemeinste und daher
umfassendste Ausdruck der ökonomischen Bedingungen der Warenproduktion. Im
Wertbegriff ist daher der Keim enthalten, nicht nur des Geldes, sondern auch aller
weiter entwickelten Formen der Warenproduktion und des Warenaustausches. Darin,
daß der Wert der Ausdruck der in den Privatprodukten enthaltnen gesellschaftlichen
Arbeit ist, liegt schon die Möglichkeit der Differenz zwischen dieser und
der im selben Produkt enthaltnen Privatarbeit. Produziert also ein Privatproduzent
nach alter Weise weiter, während die gesellschaftliche Produktionsweise fortschreitet,
so wird ihm diese Differenz empfindlich fühlbar. Dasselbe geschieht, sobald
die Gesamtheit der Privatanfertiger einer bestimmten Warengattung ein den gesellschaftlichen
Bedarf überschießendes Quantum davon produziert. Darin, daß der
Wert einer Ware nur in einer andern Ware ausgedrückt und nur im Austausch
gegen sie realisiert werden kann, liegt die Möglichkeit, daß der Austausch
überhaupt nicht zustande kommt oder doch nicht den richtigen Wert realisiert.
Endlich, tritt die spezifische Ware Arbeitskraft auf den Markt, so bestimmt sich
ihr Wert, wie der jeder andern Ware, nach der zu ihrer Produktion gesellschaftlich
nötigen Arbeitszeit- In der Wertform der Produkte steckt daher bereits im
Keim die ganze kapitalistische Produktionsform, der Gegensatz von Kapitalisten
und Lohnarbeitern, die industrielle Reservearmee, die Krisen. Die kapitalistische
Produktionsform abschaffen wollen durch Herstellung des »wahren Werts« heißt
daher den Katholizismus abschaffen wollen durch die Herstellung des »wahren«
Papstes« oder eine Gesellschaft, in der die Produzenten endlich einmal ihr Produkt
beherrschen, herstellen durch konsequente Durchführung einer ökonomischen
Kategorie, die der umfassendste Ausdruck der Knechtung der Produzenten durch ihr
eignes Produkt ist.
Hat die Waren produzierende Gesellschaft die den Waren, als solchen, inhärente
Wertform weiterentwickelt zur Geldform, so brechen bereits verschiedne der im
Wert noch verborgnen Keime an den Tag. Die nächste und wesentlichste Wirkung
ist die Verallgemeinerung der Warenform. Auch den bisher für direkten Selbstverbrauch
produzierten Gegenständen zwingt das Geld Warenform auf, reißt sie
in den Austausch. Damit dringt die Warenform und das Geld ein in den innern Haushalt
der zur Produktion unmittelbar vergesellschafteten Gemeinwesen, bricht ein Band
der Gemeinschaft nach dem andern und löst
das Gemeinwesen auf in einen Haufen von Privatproduzenten. Das Geld setzt zuerst,
wie in Indien zu sehn, an die Stelle der gemeinsamen Bodenbebauung die Einzelkultur;
später löst es das noch in zeitweilig wiederholter Umteilung zutage
tretende gemeinsame Eigentum am Ackerland auf durch endgültige Aufteilung
(z.B. in den Gehöferschaften an der Mosel), beginnend auch in der russischen
Gemeinde); endlich drängt es zur Verteilung des noch übrigen gemeinsamen
Wald- und Weidebesitzes. Welche andern, in der Entwicklung der Produktion begründeten
Ursachen auch hier mitarbeiten, das Geld bleibt immer das mächtigste Mittel
ihrer Einwirkung auf die Gemeinwesen. Und mit derselben Naturnotwendigkeit müßte
das Geld, allen »Gesetzen und Verwaltungsnormen« zum Trotz, die Dühringsche
Wirtschaftskommune auflösen, käme sie je zustande.
Wir haben bereits oben (Ökonomie, VI) gesehn, daß es ein Widerspruch
in sich selbst ist, von einem Wert der Arbeit zu sprechen. Da Arbeit unter gewissen
gesellschaftlichen Verhältnissen nicht nur Produkte erzeugt, sondern auch
Wert, und dieser Wert durch die Arbeit gemessen wird, so kann sie ebensowenig
einen besondern Wert haben wie die Schwere als solche ein besondres Gewicht oder
die Wärme eine besondre Temperatur. Es ist aber die charakteristische Eigenschaft
aller über den »wahren Wert« grübelnden Sozialkonfusion, sich einzubilden,
der Arbeiter erhalte in der heutigen Gesellschaft nicht den vollen »Wert« seiner
Arbeit und der Sozialismus sei berufen, dem abzuhelfen. Dazu gehört dann
zunächst, auszufinden, was der Wert der Arbeit ist; und diesen findet man,
indem man versucht, die Arbeit nicht an ihrem adäquaten Maß, der Zeit,
zu messen, sondern an ihrem Produkt. Der Arbeiter soll den »vollen Arbeitsertrag«
erhalten. Nicht nur Arbeitsprodukt, sondern Arbeit selbst soll unmittelbar austauschbar
sein gegen Produkt, eine Arbeitsstunde gegen das Produkt einer andren Arbeitsstunde.
Dies hat aber sofort einen sehr »bedenklichen« Haken. Das ganze Produkt wird
verteilt. Die wichtigste progressive Funktion der Gesellschaft, die Akkumulation,
wird der Gesellschaft entzogen und in die Hände und die Willkür der
einzelnen gelegt. Die einzelnen mögen mit ihren »Erträgen« machen, was
sie wollen, die Gesellschaft bleibt im besten Fall so reich oder so arm, wie sie
war. Man hat also die in der Vergangenheit akkumulierten Produktionsmittel nur
deshalb in den Händen der Gesellschaft zentralisiert, damit alle in Zukunft
akkumulierten Produktionsmittel wieder in den Händen der einzelnen zersplittert
werden. Man schlägt seinen eignen Voraussetzungen ins Gesicht, man ist angekommen
bei einer puren Absurdität.
Flüssige Arbeit, tätige Arbeitskraft
soll ausgetauscht werden gegen Arbeitsprodukt. Dann ist sie Ware, ebenso wie das
Produkt, wogegen sie ausgetauscht werden soll. Dann wird der Wert dieser Arbeitskraft
bestimmt keineswegs nach ihrem Produkt, sondern nach der in ihr verkörperten
gesellschaftlichen Arbeit, also nach dem heutigen Gesetz des Arbeitslohns.
Aber das soll ja grade nicht sein. Die flüssige Arbeit, die Arbeitskraft
soll austauschbar sein gegen ihr volles Produkt. Das heißt, sie soll austauschbar
sein nicht gegen ihren Wert, sondern gegen ihren Gebrauchswert;
das Wertgesetz soll für alle andern Waren gelten, aber es soll aufgehoben
sein für die Arbeitskraft. Und diese sich selbst aufhebende Konfusion ist
es, die sich hinter dem »Wert der Arbeit« verbirgt.
Der »Austausch von Arbeit gegen Arbeit nach dem Grundsatz der
gleichen Schätzung«, soweit er einen Sinn hat, also die Austauschbarkeit
von Produkten gleicher gesellschaftlichen Arbeit gegeneinander, also das Wertgesetz,
ist das Grundgesetz grade der Warenproduktion, also auch der höchsten Form
derselben, der kapitalistischen Produktion. Es setzt sich in der heutigen Gesellschaft
durch in derselben Weise, in der allein ökonomische Gesetze in einer Gesellschaft
von Privatproduzenten sich durchsetzen können: als in den Dingen und Verhältnissen
liegendes, vom Wollen oder Laufen der Produzenten unabhängiges, blind wirkendes
Naturgesetz. Indem Herr Dühring dies Gesetz zum Grundgesetz seiner Wirtschaftskommune
erhebt und verlangt, daß diese es mit vollem Bewußtsein durchführen
soll, macht er das Grundgesetz der bestehenden Gesellschaft zum Grundgesetz seiner
Phantasiegesellschaft. Er will die bestehende Gesellschaft, aber ohne ihre Mißstände.
Er bewegt sich dabei ganz auf demselben Boden wie Proudhon. Wie dieser will er
die Mißstände, die aus der Entwicklung der Warenproduktion zur kapitalistischen
Produktion entstanden sind, beseitigen, indem er ihnen gegenüber das Grundgesetz
der Warenproduktion geltend macht, dessen Betätigung grade diese Mißstände
erzeugt hat. Wie Proudhon will er die wirklichen Konsequenzen des Wertgesetzes
aufheben durch phantastische.
Wie stolz er aber auch hinausreite, unser moderner Don Quijote, auf seiner
edlen Rosinante, dem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«,
und gefolgt von seinem wackern Sancho Pansa Abraham Enß, auf der irrenden
Ritterfahrt zur Eroberung des Helms des Mambrin, des »Werts der Arbeit« - wir
fürchten, wir fürchten, er bringt nichts heim, als das alte bekannte
Barbierbecken.
V. Staat, Familie, Erziehung
Mit den beiden vorigen Abschnitten hätten
wir nun den ökonomischen Inhalt der »neuen sozialitären Gebilde« des
Herrn Dühring so ziemlich erschöpft. Höchstens wäre noch zu
bemerken, daß »die universelle Weite des geschichtlichen Umblicks« ihn keineswegs
verhindert, seine Spezialinteressen wahrzunehmen, auch abgesehn von der bekannten
mäßigen Mehrkonsumtion. Da die alte Teilung der Arbeit in der Sozialität
fortbesteht, wird die Wirtschaftskommune außer mit Architekten und Karrenschiebern
auch mit Literaten von Profession zu rechnen haben, wobei dann die Frage entsteht,
wie es alsdann mit dem Autorrecht gehalten werden soll. Diese Frage beschäftigt
Herrn Dühring mehr als jede andre. Überall, z.B. bei Gelegenheit von
Louis Blanc und Proudhon, gerät das Autorrecht dem Leser zwischen die Beine,
um endlich auf neun Seiten des »Cursus« des breitern breitgetreten und in der
Form einer mysteriösen »Arbeitsbelohnung« - ob mit oder ohne mäßige
Mehrkonsumtion wird nicht gesagt - glücklich in den Hafen der Sozialität
hinübergerettet zu werden. Ein Kapitel über die Stellung der Flöhe
im natürlichen System der Gesellschaft wäre ebenso angebracht gewesen
und jedenfalls weniger langweilig.
Über die Staatsordnung der Zukunft gibt die »Philosophie« ausführliche
Vorschriften. Hier hat Rousseau, obwohl »der einzige bedeutende Vorgänger»
des Herrn Dühring, dennoch den Grund nicht tief genug gelegt; sein tieferer
Nachfolger hilft dem gründlich ab, indem er den Rousseau aufs alleräußerste
verwässert und mit ebenfalls zu breiter Bettelsuppe verkochten Abfällen
der Hegelschen Rechtsphilosophie versetzt. »Die Souveränetät des Individuums«
bildet die Grundlage des Dühringschen Zukunftsstaats; sie soll in der Herrschaft
der Majorität nicht unterdrückt werden, sondern erst recht kulminieren.
Wie geht das zu? Sehr einfach.
»Wenn man in allen Richtungen Übereinkünfte eines jeden mit jedem
andern voraussetzt, und wenn diese Verträge die gegenseitige Hülfeleistung
gegen ungerechte Verletzungen zum Gegenstand haben - alsdann wird nur die Macht
zur Aufrechterhaltung des Rechts verstärkt und aus keiner bloßen Übergewalt
der Menge über den einzelnen oder der Mehrheit über die Minderheit ein
Recht abgeleitet.«
Mit solcher Leichtigkeit setzt die lebendige Kraft des wirklichkeitsphilosophischen
Hokuspokus über die unpassierbarsten Hindernisse hinweg und wenn der Leser
meint, er sei hiernach nicht klüger als zuvor, so antwortet ihm Herr Dühring,
er möge die Sache nur ja nicht so leicht nehmen, denn
»der geringste Fehlgriff in der
Auffassung der Rolle des Gesamtwillens würde die Souveränetät des
Individuums vernichten, und diese Souveränetät ist es allein,
was (!) zur Ableitung wirklicher Rechte führt«.
Herr Dühring behandelt sein Publikum ganz wie es verdient, wenn er es
zum besten hält. Er konnte sogar noch bedeutend dicker auftragen; die Studiosen
der Wirklichkeitsphilosophie hätten es doch nicht gemerkt.
Die Souveränität des Individuums besteht nun wesentlich darin, daß
»der einzelne dem Staat gegenüber in absoluter Weise gezwungen
wird«, dieser Zwang aber sich nur insoweit rechtfertigen kann, als er »wirklich
der natürlichen Gerechtigkeit dient«. Zu diesem Zweck wird es »Gesetzgebung
und Richtertum« geben, aber sie »müssen bei der Gesamtheit bleiben«; ferner
einen Wehrbund, der sich im »Zusammenstehn im Heere oder in einer zum innern Sicherheitsdienste
gehörigen Exekutivabteilung« äußert,
also auch Armee, Polizei, Gensdarmen. Herr Dühring hat sich zwar schon
so oft als braver Preuße bewährt; hier beweist er seine Ebenbürtigkeit
mit jenem Musterpreußen, der nach dem weiland Minister von Rochow »seinen
Gensdarmen in der Brust trägt«. Diese Zukunftsgensdarmrie wird aber nicht
so gefährlich sein, wie die heutigen »Zarucker«. Was sie auch an dem souveränen
Individuum verüben möge, dieses hat immer einen Trost:
»das Recht oder Unrecht, welches ihm alsdann, je nach den Umständen, von
seiten der freien Gesellschaft widerfährt, kann nie etwas Schlimmeres
sein, als was auch der Naturzustand mit sich bringen würde«!
Und dann, nachdem Herr Dühring uns noch einmal über sein unvermeidliches
Autorrecht hat stolpern lassen, versichert er uns, es werde in seiner Zukunftswelt
eine
»selbstverständlich völlig freie und allgemeine Advokatur«
geben. »Die heute erdachte freie Gesellschaft« wird immer gemischter. Architekten,
Karrenschieber, Literaten, Gensdarmen, und nun auch noch Advokaten! Dies »solide
und kritische Gedankenreich« gleicht aufs Haar den verschiednen Himmelreichen
der verschiednen Religionen, in denen der Gläubige immer das verklärt
wiederfindet, was ihm sein irdisches Leben versüßt hat. Und Herr Dühring
gehört ja dem Staate an, wo »jeder nach seiner Fasson selig werden kann«.
Was wollen wir mehr?
Was wir wollen mögen, ist indes hier gleichgültig. Es kommt darauf
an, was Herr Dühring will. Und dieser unterscheidet sich von Friedrich II.
dadurch, daß im Dühringschen Zukunftsstaat keineswegs jeder nach seiner
Fasson selig werden kann. In der Verfassung dieses Zukunftsstaats heißt
es:
»In der freien Gesellschaft kann es
keinen Kultus geben; denn von jedem ihrer Glieder ist die kindische Ureinbildung
überwunden, daß es hinter oder über der Natur Wesen gebe, auf
die sich durch Opfer oder Gebete wirken lasse.« Ein »richtig verstandnes Sozialitätssystem
hat daher ... alle Zurüstungen zur geistlichen Zauberei und mithin alle wesentlichen
Bestandteile der Kulte abzutun«.
Die Religion wird verboten.
Nun ist alle Religion nichts andres als die phantastische Widerspiegelung,
in den Köpfen der Menschen, derjenigen äußern Mächte, die
ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspiegelung, in der die irdischen
Mächte die Form von überirdischen annehmen. In den Anfängen der
Geschichte sind es zuerst die Mächte der Natur, die diese Rückspiegelung
erfahren und in der weitern Entwicklung bei den verschiednen Völkern die
mannigfachsten und buntesten Personifikationen durchmachen. Dieser erste Prozeß
ist wenigstens für die indoeuropäischen Völker durch die vergleichende
Mythologie bis auf seinen Ursprung in den indischen Vedas zurückverfolgt
und in seinem Fortgang bei Indern, Persern, Griechen, Römern, Germanen und,
soweit das Material reicht, auch bei Kelten, Litauern und Slawen im einzelnen
nachgewiesen worden. Aber bald treten neben den Naturmächten auch gesellschaftliche
Mächte in Wirksamkeit, Mächte, die den Menschen ebenso fremd und im
Anfang ebenso unerklärlich gegenüber stehn, sie mit derselben scheinbaren
Naturnotwendigkeit beherrschen wie die Naturmächte selbst. Die Phantasiegestalten,
in denen sich anfangs nur die geheimnisvollen Kräfte der Natur widerspiegelten,
erhalten damit gesellschaftliche Attribute, werden Repräsentanten geschichtlicher
Mächte(9). Auf einer noch
weitern Entwicklungsstufe werden sämtliche natürlichen und gesellschaftlichen
Attribute der vielen Götter auf Einen allmächtigen Gott übertragen,
der selbst wieder nur der Reflex des abstrakten Menschen ist. So entstand der
Monotheismus, der geschichtlich das letzte Produkt der spätern griechischen
Vulgärphilosophie war und im jüdischen ausschließlichen Nationalgott
Jahve seine Verkörperung vorfand. In dieser bequemen, handlichen und allem
anpaßbaren Gestalt kann die Religion fortbestehn als unmittelbare, das heißt
gefühlsmäßige Form des Verhaltens der Menschen
zu den sie beherrschenden fremden, natürlichen und gesellschaftlichen Mächten,
solange die Menschen unter der Herrschaft solcher Mächte stehn Wir haben
aber mehrfach gesehn, daß in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft
die Menschen von den von ihnen selbst geschaffnen ökonomischen Verhältnissen,
von den von ihnen selbst produzierten Produktionsmitteln wie von einer fremden
Macht beherrscht werden. Die tatsächliche Grundlage der religiösen Reflexaktion
dauert also fort und mit ihr der religiöse Reflex selbst. Und wenn auch die
bürgerliche Ökonomie eine gewisse Einsicht in den ursächlichen
Zusammenhang dieser Fremdherrschaft eröffnet, so ändert dies der Sache
nach nichts. Die bürgerliche Ökonomie kann weder die Krisen im ganzen
verhindern noch den einzelnen Kapitalisten vor Verlusten, schlechten Schulden
und Bankrott oder den einzelnen Arbeiter vor Arbeitslosigkeit und Elend schützen.
Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft
der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt. Die bloße Erkenntnis, und
ginge sie weiter und tiefer als die der bürgerlichen Ökonomie, genügt
nicht, um gesellschaftliche Mächte der Herrschaft der Gesellschaft zu unterwerfen.
Dazu gehört vor allem eine gesellschaftliche Tat. Und wenn diese Tat vollzogen,
wenn die Gesellschaft durch Besitzergreifung und planvolle Handhabung der gesamten
Produktionsmittel sich selbst und alle ihre Mitglieder aus der Knechtung befreit
hat, in der sie gegenwärtig gehalten werden durch diese von ihnen selbst
produzierten, aber ihnen als übergewaltige fremde Macht gegenüberstehenden
Produktionsmittel, wenn der Mensch also nicht mehr bloß denkt, sondern auch
lenkt, dann erst verschwindet die letzte fremde Macht, die sich jetzt noch in
der Religion widerspiegelt, und damit verschwindet auch die religiöse Widerspiegelung
selbst, aus dem einfachen Grunde, weil es dann nichts mehr widerzuspiegeln gibt.
Herr Dühring dagegen kann es nicht abwarten, bis die Religion dieses ihres
natürlichen Todes verstirbt. Er verfährt wurzelhafter. Er überbismarckt
den Bismarck; er dekretiert verschärfte Maigesetze, nicht bloß gegen
den Katholizismus, sondern gegen alle Religion überhaupt; er hetzt seine
Zukunftsgensdarmen auf die Religion und verhilft ihr damit zum Märtyrertum
und zu einer verlängerten Lebensfrist. Wohin wir blicken, spezifisch preußischer
Sozialismus.
Nachdem Herr Dühring so die Religion glücklich vernichtet,
»kann nun der allein auf sich und die Natur gestellte und zur Erkenntnis seiner
Kollektivkräfte gereifte Mensch kühn alle Wege einschlagen, die ihm
der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen eröffnen«.
Betrachten wir nun zur Abwechslung, welchen
»Lauf der Dinge« der auf sich selbst gestellte Mensch an der Hand des Herrn Dühring
kühn einschlagen kann.
Der erste Lauf der Dinge, wodurch der Mensch auf sich selbst gestellt wird, ist der, geboren zu werden. Dann bleibt er
für die Zeit der natürlichen Unmündigkeit der »natürlichen
Erzieherin der Kinder«, der Mutter anvertraut. »Diese Periode mag, wie im alten
römischen Recht, bis zur Pubertät, also etwa bis zum vierzehnten Jahr
reichen.« Nur wo ungezogene ältere Knaben das Ansehn der Mutter nicht gehörig
respektieren, wird der väterliche Beistand, namentlich aber die öffentlichen
Erziehungsvorkehrungen diesen Mangel unschädlich machen. Mit der Pubertät
tritt das Kind unter »die natürliche Vormundschaft des Vaters«, wenn nämlich
ein solcher mit »unbestrittner wirklicher Vaterschaft« vorhanden ist; andernfalls
stellt die Gemeinde einen Vormund.
Wie Herr Dühring sich früher vorstellte, man könne die kapitalistische
Produktionsweise durch die gesellschaftliche ersetzen, ohne die Produktion selbst
umzugestalten, so bildet er sich hier ein, man könne die modern-bürgerliche
Familie von ihrer ganzen ökonomischen Grundlage losreißen, ohne dadurch
ihre ganze Form zu verändern. Diese Form ist für ihn so unwandelbar,
daß er sogar das »alte römische Recht«, wenn auch in etwas »veredelter«
Gestalt, für die Familie in alle Ewigkeit maßgebend macht und sich
eine Familie nur als »vererbende«, das heißt als besitzende Einheit vorstellen
kann. Die Utopisten stehn hier weit über Herrn Dühring. Ihnen war mit
der freien Vergesellschaftung der Menschen und der Verwandlung der häuslichen
Privatarbeit in eine öffentliche Industrie auch die Vergesellschaftung der
Jugenderziehung und damit ein wirklich freies gegenseitiges Verhältnis der
Familienglieder unmittelbar gegeben. Und ferner hat bereits Marx (Kapital, Seite
515 u.f. |Siehe Karl Marx: »Das Kapital« Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels:
Werke, Bd. 23, S. 514|) nachgewiesen,
wie »die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern,
jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten
Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue
ökonomische Grundlage schafft für eine höhere Form der Familie
und des Verhältnisses beider Geschlechter«.
»Jeder sozialreformatorische Phantast«, sagt Herr Dühring, »hat natürlich
die seinem neuen sozialen Leben entsprechende Pädagogik in Bereitschaft.«
An diesem Satze gemessen, erscheint Herr Dühring als »ein wahres Monstrum«
unter den sozialreformatorischen Phantasten. Die Zukunftsschule
beschäftigt ihn mindestens ebensoviel wie das Autorrecht, und das will wahrhaftig
viel sagen. Nicht nur für die ganze »absehbare Zukunft« hat er Schulplan
und Universitätsplan fix und fertig, sondern auch für die Übergangsperiode.
Beschränken wir uns indes darauf, was der Jugend beiderlei Geschlechts in
der endgültigen Sozialität letzter Instanz beigebracht werden soll.
Die allgemeine Volksschule bietet
»alles, was an sich selbst und prinzipiell für den Menschen einen Reiz
haben kann«, also namentlich die »Grundlagen und Hauptergebnisse aller die Welt-
und Lebensansichten berührenden Wissenschaften«. Sie lehrt also vor allem
Mathematik und zwar so, daß der Kreis aller prinzipiellen Begriffe und Mittel
vom einfachen Zählen und Addieren bis zur Integralrechnung »vollständig
durchmessen« wird.
Das heißt aber nicht, daß in dieser Schule wirklich differenziert
und integriert werden soll, im Gegenteil. Es sollen vielmehr dort ganz neue Elemente
der Gesamtmathematik gelehrt werden, die sowohl die gewöhnliche elementare,
wie auch die höhere Mathematik im Keime in sich enthalten. Obwohl nun Herr
Dühring von sich behauptet, auch schon
»den Inhalt der Lehrbücher« dieser Zukunftsschule »in seinen Hauptzügen
schematisch vor Augen«
zu haben, so hat es ihm doch leider bis jetzt nicht gelingen wollen, diese
»Elemente der gesamten Mathematik«
zu entdecken; und was er nicht leisten kann, das
»ist auch wirklich erst von den freien und gesteigerten Kräften des neuen
Gesellschaftszustandes zu erwarten«.
Wenn aber die Trauben der Zukunftsmathematik einstweilen noch sehr sauer sind,
so wird die Astronomie, Mechanik und Physik der Zukunft desto weniger Schwierigkeiten
machen und
»den Kern aller Schulung abgeben«, während »Pflanzen- und Tierkunde, mit
ihrer, trotz aller Theorien, noch immer vornehmlich beschreibenden Art und Weise
... mehr zur leichtern Unterhaltung« dienen werden.
So steht's gedruckt, Philosophie«, Seite 417. Herr Dühring kennt bis auf
den heutigen Tag keine andre als eine vornehmlich beschreibende Pflanzen- und
Tierkunde. Die ganze organische Morphologie, die die vergleichende Anatomie, Embryologie
und Paläontologie der organischen Welt umfaßt, ist ihm selbst dem Namen
nach unbekannt. Während hinter seinem Rücken im Bereich der Biologie
ganz neue Wissenschaften fast zu Dutzenden entstehn,
holt sein kindliches Gemüt sich noch immer die »eminent modernen Bildungselemente
der naturwissenschaftlichen Denkweise« aus Raffs »Naturgeschichte für Kinder«,
und oktroyiert diese Verfassung der organischen Welt ebenfalls der ganzen »absehbaren
Zukunft«. Die Chemie ist, wie gewöhnlich bei ihm, auch hier total vergessen
worden.
Für die ästhetische Seite des Unterrichts wird Herr Dühring
alles neu zu beschaffen haben. Die bisherige Poesie taugt dazu nicht. Wo alle
Religion verboten ist, kann die bei den frühern Poeten übliche »Zurichtung
mythologischer oder sonst religiöser Art« selbstredend nicht in der Schule
geduldet werden. Auch der »poetische Mystizismus, wie ihn z.B. Goethe stark gepflegt
hat«, ist verwerflich. Herr Dühring wird sich also selbst entschließen
müssen, uns jene dichterischen Meisterwerke zu liefern, die »den höhern
Ansprüchen einer mit dem Verstande ausgeglichenen Phantasie entsprechen«
und das echte Ideal darstellen, welches »die Vollendung der Welt bedeutet«. Möge
er nicht damit zaudern. Welterobernd kann die Wirtschaftskommune erst wirken,
sobald sie in dem mit dem Verstand ausgeglichnen Sturmschritt des Alexandriners
einherwandelt.
Mit der Philologie wird der heranwachsende Zukunftsbürger nicht viel geplagt
werden.
»Die toten Sprachen kommen ganz in Wegfall ... die fremden lebenden Sprachen
aber werden ... etwas Nebensächliches bleiben.« Nur wo der Verkehr unter
den Völkern sich auf die Bewegung der Volksmassen selbst erstreckt, sollen
sie jedem in leichter Weise, je nach Bedürfnis, zugänglich gemacht werden.
»Die wirklich bildende Sprachschulung« wird gefunden in einer Art allgemeiner
Grammatik und namentlich in »Stoff und Form der eignen Sprache«.
Die nationale Borniertheit der heutigen Menschen ist noch viel zu kosmopolitisch
für Herrn Dühring. Er will auch noch die beiden Hebel abschaffen, die
in der heutigen Welt wenigstens die Gelegenheit zur Erhebung über den beschränkten
nationalen Standpunkt bieten: die Kenntnis der alten Sprachen, die wenigstens
den klassisch gebildeten Leuten aller Völker einen gemeinsamen erweiterten
Horizont eröffnet, und die Kenntnis der neuern Sprachen, vermittelst deren
die Leute der verschiednen Nationen allein untereinander sich verständigen
und sich mit dem bekannt machen können, was außerhalb ihrer eignen
Grenzen vorgeht. Dagegen soll die Grammatik der Landessprache gründlich eingepaukt
werden. »Stoff und Form der eignen Sprache« sind aber nur dann verständlich,
wenn man ihre Entstehung und allmähliche Entwicklung verfolgt, und dies ist
nicht möglich ohne Berücksichtigung erstens ihrer eignen abgestorbnen
Formen und zweitens der verwandten lebenden und toten Sprachen. Damit sind wir
aber wieder auf dem ausdrücklich verbotnen
Gebiet. Wenn aber hiermit Herr Dühring die ganze moderne historische Grammatik
aus seinem Schulplan ausstreicht, so bleibt ihm nichts für den Sprachunterricht
als die altfränkische, ganz im Stil der alten klassischen Philologie zugestutzte,
technische Grammatik mit allen ihren, auf dem Mangel an geschichtlicher Grundlage
beruhenden Kasuistereien und Willkürlichkeiten. Der Haß gegen die alte
Philologie bringt ihn dazu, das allerschlechteste Produkt der alten Philologie
zum »Mittelpunkt der wirklich bildenden Sprachschulung« zu erheben. Man sieht
klar, daß wir es mit einem Sprachgelehrten zu tun haben, der von der ganzen,
seit sechzig Jahren so gewaltig und so erfolgreich entwickelten historischen Sprachforschung
nie reden gehört hat, und der daher »die eminent modernen Bildungselemente«
der Sprachschulung nicht sucht bei Bopp, Grimm und Diez, sondern bei Heyse und
Becker seligen Andenkens.
Mit allem diesem wäre aber der angehende Zukunftsbürger noch lange
nicht »auf sich selbst gestellt«. Hierzu gehört wieder eine tiefere Grundlegung,
vermittelst der
»Aneignung der letzten philosophischen Grundlagen«. »Eine solche Vertiefung
wird aber ... nichts weniger als eine Riesenaufgabe bleiben«, seitdem Herr Dühring
hier reine Bahn gemacht hat. In der Tat, »säubert man das wenige strenge
Wissen, dessen sich die allgemeine Schematik des Seins rühmen kann, von den
falschen, scholastischen Verschnörkelungen, und entschließt man sich,
überall nur die« von Herrn Dühring »beglaubigte Wirklichkeit gelten
zu lassen«, so ist die Elementarphilosophie auch der Zukunftsjugend vollständig
zugänglich gemacht. »Man erinnere sich der höchst einfachen Wendungen,
mit denen wir den Unendlichkeitsbegriffen und deren Kritik zu einer bisher ungekannten
Tragweite verholfen haben« - so ist »gar nicht abzusehn, warum die durch die gegenwärtige
Vertiefung und Verschärfung so einfach gestalteten Elemente der universellen
Raum- und Zeitauffassung nicht schließlich in die Reihe der Vorkenntnisse
übergehn sollten ... die wurzelhaftesten Gedanken« des Herrn Dühring
»dürfen in der universellen Bildungssystematik der neuen Gesellschaft keine
Nebenrolle spielen«. Der sich selbst gleiche Zustand der Materie und die abgezählte
Unzahl sind im Gegenteil dazu berufen, den Menschen »nicht nur auf eignen Füßen
stehn, sondern auch aus sich selbst wissen zu lassen, daß er das sogenannte
Absolute unter den Füßen hat«.
Die Volksschule der Zukunft, wie man sieht, ist nichts als eine etwas »veredelte«
preußische Pennalia, auf der Griechisch und Lateinisch durch etwas mehr
reine und angewandte Mathematik und namentlich durch die Elemente der Wirklichkeitsphilosophie
ersetzt und der deutsche Unterricht wieder auf Becker selig, also etwa bis auf
Tertia heruntergebracht wird. Es ist in der Tat »gar nicht abzusehn«, warum die
nunmehr von uns auf allen vor ihm berührten Gebieten als höchst schülerhaft
nachgewiesenen »Kennt nisse« des Herrn Dühring
oder vielmehr, was nach vorgängiger gründlicher »Säuberung« überhaupt
von ihnen übrigbleibt, nicht samt und sonders »schließlich in die Reihe
der Vorkenntnisse übergehn sollten«, sintemal sie diese Reihe in Wirklichkeit
nie verlassen haben. Freilich hat Herr Dühring auch etwas davon läuten
gehört, daß in der sozialistischen Gesellschaft Arbeit und Erziehung
verbunden und dadurch eine vielseitige technische Ausbildung, sowie eine praktische
Grundlage für die wissenschaftliche Erziehung gesichert werden solle; auch
dieser Punkt wird daher für die Sozialität in üblicher Weise dienstbar
gemacht. Da aber, wie wir sahen, die alte Arbeitsteilung in der Dühringschen
Zukunftsproduktion im wesentlichen ruhig fortbesteht, so ist dieser technischen
Schulbildung jede spätere praktische Anwendung, jede Bedeutung für die
Produktion selbst, abgeschnitten, sie hat eben nur einen Schulzweck: sie soll
die Gymnastik ersetzen, von der unser wurzelhafter Urnwälzer nichts wissen
will. Er kann uns daher auch nur ein paar Phrasen bieten, wie z. B.:
»die Jugend und das Alter arbeiten im ernsten Sinne des Worts«.
Wahrhaft jammervoll aber erscheint diese haltungslose und inhaltslose Kannegießerei,
wenn man sie vergleicht mit der Stelle im »Kapital«, Seite 508 bis 519 |Siehe
Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 507-514|, wo Marx den Satz entwickelt, daß »aus dem Fabriksystem,
wie man im Detail bei Robert Owen verfolgen kann, der Keim der Erziehung der Zukunft
entsproß, welche für alle Kinder über einem gewissen Alter produktive
Arbeit mit Unterricht und Gymnastik verbinden wird, nicht nur als eine Methode
zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion, sondern als die einzige Methode
zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen«.
Übergehn wir die Universität der Zukunft, in der die Wirklichkeitsphilosophie
den Kern alles Wissens bilden wird und in der neben der medizinischen auch die
juristische Fakultät in voller Blüte fortbesteht; übergehn wir
auch die »speziellen Fachanstalten«. von denen wir bloß erfahren, daß
sie nur »für ein paar Gegenstände« gelten sollen. Nehmen wir an, der
junge Zukunftsbürger sei nach Absolvierung aller Schulkurse endlich soweit
»auf sich gestellt«, daß er sich nach einer Frau umsehn kann. Welchen Lauf
der Dinge eröffnet ihm hier Herr Dühring?
»Angesichts der Bedeutsamkeit der Fortpflanzung für Festhaltung,
Ausmerzung und Mischung sowie sogar für neue gestaltende Entwicklung von
Eigenschaften, muß man die letzten Wurzeln des Menschlichen oder Unmenschlichen
zu einem großen Teil in der geschlechtlichen
Gesellung und Auswahl und überdies noch in der Sorge für oder gegen
einen bestimmten Ausfall der Geburten suchen. Das Gericht über die Wüstheit
und Stumpfheit, welche in diesem Gebiet herrschen, muß praktisch einer spätern
Epoche überlassen bleiben. Jedoch ist wenigstens soviel von vornherein auch
unter dem Druck der Vorurteile begreiflich zu machen, daß weit mehr als
die Zahl, sicherlich die der Natur oder menschlichen Umsicht gelungne oder mißlungne
Beschaffenheit der Geburten in Anschlag kommen muß. Ungeheuer sind allerdings
zu allen Zeiten und unter allen Rechtszuständen der Vernichtung anheimgegeben
worden; aber die Stufenleiter vom Regelrechten bis zur Verzerrung in das nicht
mehr Menschenähnliche hat viele Sprossen ... Wird dem Entstehn eines Menschen
vorgebeugt, der doch nur ein schlechtes Erzeugnis werden würde, so ist diese
Tatsache offenbar ein Vorteil.«
Ebenso heißt es an einer andern Stelle:
»Der philosophischen Betrachtung kann es nicht schwerfallen, das Recht der
ungebornen Welt auf eine möglichst gute Komposition ... zu begreifen ...
Die Konzeption und allenfalls auch noch die Geburt bieten die Gelegenheit dar,
um in dieser Beziehung eine vorbeugende oder ausnahmsweise auch sichtende Fürsorge
eintreten zu lassen.«
Und ferner:
»Die griechische Kunst, den Menschen in Marmor zu idealisieren, wird nicht
das gleiche geschichtliche Gewicht behalten können, sobald die weniger künstlerisch
spielende und daher für das Lebensschicksal der Millionen weit ernstere Aufgabe
in die Hand genommen wird, die Menschenbildung in Fleisch und Blut zu vervollkommnen.
Diese Art Kunst ist keine bloß steinerne, und ihre Ästhetik betrifft
nicht die Anschauung toter Formen« usw.
Unser angehender Zukunftsbürger fällt aus den Wolken. Daß es
sich beim Heiraten um keine bloß steinerne Kunst handelt, auch nicht um
die Anschauung toter Formen, das wußte er allerdings auch ohne Herrn Dühring;
aber dieser hatte ihm ja versprochen, er könne alle Wege einschlagen, die
ihm der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen eröffnen, um ein mitempfindendes
weibliches Herz samt dazugehörigem Körper zu finden. Keineswegs, donnert
ihm jetzt die »tiefere und strengere Moralität« entgegen. Es handelt sich
zuerst darum, die Wüstheit und Stumpfheit abzulegen, die auf dem Gebiet der
geschlechtlichen Gesellung und Auswahl herrschen, und dem Recht der neugebornen
Welt auf eine möglichst gute Komposition Rechnung zu tragen. Es handelt sich
für ihn in diesem feierlichen Moment darum, die Menschenbildung in Fleisch
und Blut zu vervollkommnen, sozusagen ein Phidias in Fleisch und Blut zu werden.
Wie das anfangen? Die obigen mysteriösen Äußerungen des Herrn
Dühring geben ihm nicht die geringste Anleitung
dazu, obwohl dieser selbst sagt, es sei eine »Kunst«. Sollte Herr Dühring
vielleicht auch schon ein Handbuch zu dieser Kunst »schematisch vor Augen« haben,
ähnlich etwa wie deren so mancherlei heutzutage verklebt im deutschen Buchhandel
umlaufen? In der Tat befinden wir uns hier schon nicht mehr in der Sozialität,
sondern vielmehr in der »Zauberflöte«, nur daß der behäbige Freimaurerpfaff
Sarastro kaum als ein »Priester zweiter Klasse« gelten kann, gegenüber unserm
tiefern und strengern Moralisten. Die Proben, die jener mit seinem Liebespärchen
von Adepten vornahm, sind ein wahres Kinderspiel gegen die Schauerprüfung,
die Herr Dühring seinen beiden souveränen Individuen aufnötigt,
ehe er ihnen gestattet, in den Stand der »sittlichen und freien Ehe« zu treten.
So kann es ja vorkommen, daß unser »auf sich selbst gestellter« Zukunfts-Tamino
zwar das sogenannte Absolute unter den Füßen hat, einer dieser Füße
aber um ein paar Leitersprossen vom Regelrechten abweicht, so daß böse
Zungen ihn einen Klumpfuß nennen. Auch liegt es im Bereich der Möglichkeit,
daß seine herzallerliebste Zukunfts-Pamina auf besagtem Absoluten nicht
ganz grade steht, infolge einer leichten Verschiebung zugunsten der rechten Schulter,
die der Neid sogar für ein gelindes Buckelchen ausgibt. Was dann? Wird unser
tieferer und strengerer Sarastro ihnen verbieten, die Kunst der Menschenvervollkommnung
in Fleisch und Blut zu praktizieren, wird er seine »vorbeugende Fürsorge«
bei der »Konzeption« oder seine »sichtende« bei der Geburt« geltend machen? Zehn
gegen eins, die Dinge verlaufen anders; das Liebespärchen läßt
Sarastro-Dühring stehn und geht zum Standesbeamten.
Halt! ruft Herr Dühring. So war es nicht gemeint. Laßt doch mit
euch reden.
Bei den »höhern, echt menschlichen Beweggründen der heilsamen Geschlechtsverbindungen
... ist die menschlich veredelte Gestalt der Geschlechtserregung, deren Steigerung
sich als leidenschaftliche Liebe kundgibt, in ihrer Doppelseitigkeit die
beste Bürgschaft für die auch in ihrem Ergebnis zuträgliche Verbindung
... es ist nur eine Wirkung zweiter Ordnung, daß aus einer an sich harmonischen
Beziehung auch ein Erzeugnis von zusammenstimmendem Gepräge hervorgehe. Heraus
folgt wiederum, daß jeder Zwang schädlich wirken muß« usw.
Und hiermit erledigt sich alles aufs schönste in der schönsten der
Sozialitäten. Klumpfuß und Buckelchen lieben einander leidenschaftlich
und bieten daher auch in ihrer Doppelseitigkeit die beste Bürgschaft für
eine harmonische »Wirkung zweiter Ordnung«, es geht wie im Roman, sie lieben sich,
sie kriegen sich, und all die tiefere und strengere Moralität verläuft
wie gewöhnlich in harmonischem Larifari.
Welche noblen Vorstellungen Herr Dühring
überhaupt vom weiblichen Geschlecht hat, ergibt sich aus folgender Anklage
gegen die heutige Gesellschaft:
»Die Prostitution gilt in der auf Verkauf des Menschen an den Menschen gegründeten
Unterdrückungsgesellschaft als selbstverständliche Ergänzung der
Zwangsehe zugunsten der Männer, und es ist eine der begreiflichsten, aber
auch bedeutungsvollsten Tatsachen, daß es etwas Ähnliches
für die Frauen nicht geben kann.«
Den Dank, der Herrn Dühring für dies Kompliment von seiten der Frauen
zuteil werden dürfte, möchte ich nicht um alles in der Welt einheimsen.
Sollte indes Herrn Dühring die nicht mehr ganz ungewöhnliche Einkünfteart
der Schürzenstipendien gänzlich unbekannt sein? Und Herr Dühring
ist doch selbst Referendar gewesen und wohnt in Berlin, wo doch schon zu meiner
Zeit, vor sechsunddreißig Jahren, um von den Lieutenants nicht zu reden,
Referendarius sich oft genug reimte auf Schürzenstipendarius!
*
Man gestatte uns, von unserm Gegenstand, der sicher oft trocken und trist genug
war, in versöhnend-heiterer Weise Abschied zu nehmen. Solange wir die einzelnen
Fragepunkte abzuhandeln hatten, war das Urteil gebunden durch die objektiven,
unbestreitbaren Tatsachen; es mußte nach diesen Tatsachen oft genug scharf
und selbst hart ausfallen. Jetzt, wo Philosophie, Ökonomie und Sozialität
hinter uns liegen, wo das Gesamtbild des Schriftstellers vor uns steht, den wir
im einzelnen zu beurteilen hatten, jetzt können menschliche Rücksichten
in den Vordergrund treten; jetzt wird es uns gestattet, manche sonst unbegreifliche
wissenschaftliche Abirrungen und Überhebungen zurückzuführen auf
persönliche Ursachen, und unser Gesamturteil über Herrn Dühring
zusammenzufassen in den Worten: Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn.
Anmerkungen von Friedrich Engels
(1) Es braucht hier nicht auseinandergesetzt zu
werden, daß, wenn auch die Aneignungsform dieselbe bleibt, der Charakter
der Aneignung durch den oben geschilderten Vorgang nicht minder revolutioniert
wird, als die Produktion. Ob ich mir mein eignes Produkt aneigne oder das Produkt
andrer, das sind natürlich zwei sehr verschiedne Arten von Aneignung. Nebenbei:
die Lohnarbeit, in der die ganze kapitalistische Produktionsweise bereits im Keime
steckt, ist sehr alt; vereinzelt und zerstreut ging sie jahrhundertelang her neben
der Sklaverei. Aber zur kapitalistischen Produktionsweise entfalten konnte sich
der Keim erst, als die geschichtlichen Vorbedingungen hergestellt waren.
(2) »Lage der arbeitenden Klasse in England«, S.
109 |Siehe Friedrich Engels: »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« in:
Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 2,
S. 314/315|
(3) Ich sage, muß. Denn nur in dem Falle,
daß die Produktions- oder Verkehrsmittel der Leitung durch Aktiengesellschaften
wirklich entwachsen sind, daß also die Verstaatlichung ökonomisch
unabweisbar geworden, nur in diesem Falle bedeutet sie, auch wenn der heutige
Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt, die Erreichung einer
neuen Vorstufe zur Besitzergreifung aller Produktivkräfte durch die Gesellschaft
selbst. Es ist aber neuerdings, seit Bismarck sich aufs Verstaatlichen geworfen,
ein gewisser falscher Sozialismus aufgetreten und hier und da sogar in einige
Wohldienerei ausgeartet, der jede Verstaatlichung, selbst die Bismarcksche,
ohne weiteres für sozialistisch erklärt. Allerdings, wäre die Verstaatlichung
des Tabaks sozialistisch, so zählten Napoleon und Metternich mit unter den
Gründern des Sozialismus. Wenn der belgische Staat aus ganz alltäglichen
politischen und finanziellen Gründen seine Haupteisenbahn selbst baute, wenn
Bismarck ohne jede ökonomische Notwendigkeit die Hauptbahnlinien Preußens
verstaatlichte, einfach um sie für den Kriegsfall besser einrichten und ausnützen
zu können, um die Eisenbahnbeamten zum Regierungsstimmvieh zu erziehen und
hauptsächlich, um sich eine neue, von Parlamentsbeschlüssen unabhängige
Einkommenquelle zu verschaffen - so waren das keineswegs sozialistische Schritte,
direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt. Sonst wären auch
die königliche Seehandlung, die königliche Porzellanmanufaktur und sogar
der Kompanieschneider beim Militär sozialistische Einrichtungen.
(4) Ein paar Zahlen mögen eine annähernde
Vorstellung geben von der enormen Expansionskraft der modernen Produktionsmittel,
selbst unter dem kapitalistischen Druck. Nach der neuesten Berechnung von Giffen
betrug der Gesamtreichtum von Großbritannien und Irland in runder Zahl:
1814 - 2.200 Millionen Pfd. St. = 44 Milliarden Mark
1865 - 6.100 Millionen Pfd. St. = 122 Milliarden Mark
1875 - 8.500 Millionen Pfd. St. = 170 Milliarden Mark
Was die Verheerung von Produktionsmitteln und Produkten in den Krisen betrifft,
so wurde auf dem zweiten Kongreß deutscher Industrieller, Berlin, 21. Februar
1878, der Gesamtverlust allein der deutschen Eisenindustrie im letzten
Krach auf 455 Millionen Mark berechnet.
(5) Die Erklärung der Krisen aus Unterkonsumtion
rührt her von Sismondi und hat bei ihm noch einen gewissen Sinn. Von Sismondi
hat Rodbertus sie entlehnt, und von Rodbertus hat wieder Herr Dühring sie
in seiner gewohnten verflachenden Weise abgeschrieben.
(6) Trucksystem nennt man in England das auch in
Deutschland wohlbekannte System, wobei die Fabrikanten selbst Läden halten
und ihre Arbeiter nötigen, sich bei ihnen mit Waren zu versehn.
(7) Beiläufig ist die Rolle, die die Arbeitsmarken
in der Owenschen kommunistischen Gesellschaft spielen, dem Herrn Dühring
gänzlich unbekannt. Er kennt diese Marken - aus Sargant - nur, soweit sie
in den, natürlich fehlgeschlagnen, Labour Exchange Bazaars figurieren, Versuchen,
vermittelst direkten Arbeitsaustausches aus der bestehenden in die kommunistische
Gesellschaft überzuführen.
(8) Daß obige Abwägung von Nutzeffekt
und Arbeitsaufwand bei der Entscheidung über die Produktion alles ist, was
in einer kommunistischen Gesellschaft vom Wertbegriff der politischen Ökonomie
übrigbleibt, habe ich schon 1844 ausgesprochen. (»Deutsch-Französische
Jahrbücher«, Seite 95. |Friedrich Engels: »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie«,
in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 1, S.
499|) Die wissenschaftliche Begründung dieses Satzes ist aber, wie man
sieht, erst durch Marx' »Kapital« möglich geworden.
(9) Dieser spätere Doppelcharakter der Göttergestalten
ist ein von der vergleichenden Mythologie, die sich einseitig an deren Charakter
als Reflexe von Naturmächten hält, übersehener Grund der später
einreißenden Verwirrung der Mythologien. So heißt bei einigen germanischen
Stimmen der Kriegsgott altnordisch Tyr, althochdeutsch Zio, entspricht also dem
griechischen Zeus, lateinisch Jupiter für Diespiter; bei andern Er, Eor,
entspricht also dem griechischen Ares, lateinisch Mars.
Textvarianten
{1} Umgeändert aus »Produktionskräfte«,
da Engels in der Ausgabe von 1894 an allen übrigen Stellen diese Korrektur
gegenüber den beiden vorhergehenden Ausgaben selbst vornahm.