Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 20. Berlin/DDR.
1962. »Herrn Eugen Dührung's Umwälzung der Wissenschaft«,
S. 136-238.
1. Korrektur
Erstellt am 30.08.1999
Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft
Einleitung
Die politische Ökonomie, im weitesten Sinne, ist die Wissenschaft
von den Gesetzen, welche die Produktion und den Austausch des materiellen Lebensunterhalts
in der menschlichen Gesellschaft beherrschen. Produktion und Austausch sind zwei
verschiedne Funktionen. Produktion kann stattfinden ohne Austausch, Austausch
- eben weil von vornherein nur Austausch von Produkten - nicht ohne Produktion.
Jede dieser beiden gesellschaftlichen Funktionen steht unter dem Einfluß
von großenteils besondern äußern Einwirkungen und hat daher auch
großenteils ihre eignen, besondern Gesetze. Aber andrerseits bedingen sie
einander in jedem Moment und wirken in solchem Maß aufeinander ein, daß
man sie als die Abszisse und die Ordinate der ökonomischen Kurve bezeichnen
könnte.
Die Bedingungen, unter denen die Menschen produzieren und austauschen, wechseln
von Land zu Land, und in jedem Lande wieder von Generation zu Generation. Die
politische Ökonomie kann also nicht dieselbe sein für alle Länder
und für alle geschichtlichen Epochen. Vom Bogen und Pfeil, vom Steinmesser
und nur ausnahmsweise vorkommenden Tauschverkehr des Wilden, bis zur tausendpferdigen
Dampfmaschine, zum mechanischen Webstuhl, den Eisenbahnen und der Bank von England
ist ein ungeheurer Abstand. Die Feuerländer bringen es nicht zur Massenproduktion
und zum Welthandel, ebensowenig wie zur Wechselreiterei oder einem Börsenkrach.
Wer die politische Ökonomie Feuerlands unter dieselben Gesetze bringen wollte
mit der des heutigen Englands, würde damit augenscheinlich nichts zutage
fördern als den allerbanalsten Gemeinplatz. Die politische Ökonomie
ist somit wesentlich eine historische Wissenschaft. Sie behandelt einen geschichtlichen,
das heißt einen stets wechselnden Stoff; sie untersucht zunächst die
besondern Gesetze jeder einzelnen Entwicklungsstufe
der Produktion und des Austausches und wird erst am Schluß dieser Untersuchung
die wenigen, für Produktion und Austausch überhaupt geltenden, ganz
allgemeinen Gesetze aufstellen können. Wobei es sich jedoch von selbst versteht,
daß die für bestimmte Produktionsweisen und Austauschformen gültigen
Gesetze auch Gültigkeit haben für alle Geschichtsperioden, denen jene
Produktionsweisen und Austauschformen gemeinsam sind. So z.B. tritt mit der Einführung
des Metallgeldes eine Reihe von Gesetzen in Wirksamkeit, die für alle Länder-
und Geschichtsabschnitte gültig bleibt, in denen Metallgeld den Austausch
vermittelt.
Mit der Art und Weise der Produktion und des Austausches einer bestimmten geschichtlichen
Gesellschaft und mit den geschichtlichen Vorbedingungen dieser Gesellschaft ist
auch gleichzeitig gegeben die Art und Weise der Verteilung der Produkte. In der
Stamm- oder Dorfgemeinde mit gemeinsamem Grundeigentum, mit der, oder mit deren
sehr erkennbaren Überresten alle Kulturvölker in die Geschichte eintreten,
versteht sich eine ziemlich gleichmäßige Verteilung der Produkte ganz
von selbst; wo größere Ungleichheit der Verteilung unter den Mitgliedern
eintritt, da ist sie auch schon ein Anzeichen der beginnenden Auflösung der
Gemeinde. - Der große wie der kleine Ackerbau lassen je nach den geschichtlichen
Vorbedingungen, aus denen sie sich entwickelt haben, sehr verschiedne Verteilungsformen
zu. Aber es liegt auf der Hand, daß der große stets eine ganz andre
Verteilung bedingt als der kleine; daß der große einen Klassengegensatz
- Sklavenhalter und Sklaven, Grundherren und Fronbauern, Kapitalisten und Lohnarbeiter
- voraussetzt oder erzeugt, während beim kleinen ein Klassenunterschied der
bei der Ackerbauproduktion tätigen Individuen keineswegs bedingt ist und
im Gegenteil durch sein bloßes Dasein den beginnenden Verfall der Parzellenwirtschaft
anzeigt. - Die Einführung und Verbreitung des Metallgeldes in einem Lande,
wo bisher ausschließlich oder vorwiegend Naturalwirtschaft galt, ist stets
mit einer langsamern oder schnellern Umwälzung der bisherigen Verteilung
verbunden, und zwar so, daß die Ungleichheit der Verteilung unter den einzelnen,
also der Gegensatz von reich und arm, mehr und mehr gesteigert wird. - Der lokale,
zünftige Handwerksbetrieb des Mittelalters machte große Kapitalisten
und lebenslängliche Lohnarbeiter ebenso unmöglich, wie die moderne große
Industrie, die heutige Kreditausbildung und die der Entwicklung beider entsprechende
Austauschform, die freie Konkurrenz, sie mit Notwendigkeit erzeugen.
Mit den Unterschieden in der Verteilung aber treten die Klassenunterschiede
auf. Die Gesellschaft teilt sich in bevorzugte und benachteiligte, aus
beutende und ausgebeutete, herrschende und beherrschte Klassen, und der Staat,
zu dem sich die naturwüchsigen Gruppen gleichstämmiger Gemeinden zunächst
nur behufs der Wahrnehmung gemeinsamer Interessen (Berieselung im Orient z.B.)
und wegen des Schutzes nach außen fortentwickelt hatten, erhält von
nun an ebensosehr den Zweck, die Lebens- und Herrschaftsbedingungen der herrschenden
gegen die beherrschte Klasse mit Gewalt aufrechtzuerhalten.
Die Verteilung ist indes nicht ein bloßes passives Erzeugnis der Produktion
und des Austausches; sie wirkt ebensosehr zurück auf beide. Jede neue Produktionsweise
oder Austauschform wird im Anfang gehemmt nicht nur durch die alten Formen und
die ihnen entsprechenden politischen Einrichtungen, sondern auch durch die alte
Verteilungsweise. Sie muß sich die ihr entsprechende Verteilung erst in
langem Kampf erringen. Aber je beweglicher, je mehr der Ausbildung und Entwicklung
fähig eine gegebne Produktions- und Austauschweise ist, desto rascher erreicht
auch die Verteilung eine Stufe, in der sie ihrer Mutter über den Kopf wächst,
in der sie mit der bisherigen Art der Produktion und des Austausches in Widerstreit
gerät. Die alten naturwüchsigen Gemeinwesen, von denen schon die Rede
war, können Jahrtausende bestehn, wie bei Indern und Slawen noch heute, ehe
der Verkehr mit der Außenwelt in ihrem Innern die Vermögensunterschiede
erzeugt, infolge deren ihre Auflösung eintritt. Die moderne kapitalistische
Produktion dagegen, die kaum dreihundert Jahre alt und erst seit Einführung
der großen Industrie, also seit hundert Jahren, herrschend geworden ist,
hat in dieser kurzen Zeit Gegensätze der Verteilung fertiggebracht - Konzentration
der Kapitalien in wenigen Händen einerseits, Konzentration der besitzlosen
Massen in den großen Städten andrerseits -, an denen sie notwendig
zugrunde geht.
Der Zusammenhang der jedesmaligen Verteilung mit den jedesmaligen materiellen
Existenzbedingungen einer Gesellschaft liegt sosehr in der Natur der Sache, daß
er sich im Volksinstinkt regelmäßig widerspiegelt. Solange eine Produktionsweise
sich im aufsteigenden Ast ihrer Entwicklung befindet, solange jubeln ihr sogar
diejenigen entgegen, die bei der ihr entsprechenden Verteilungsweise den kürzern
ziehn. So die englischen Arbeiter beim Aufkommen der großen Industrie. Selbst
solange diese Produktionsweise die gesellschaftlich-normale bleibt, herrscht im
ganzen Zufriedenheit mit der Verteilung, und erhebt sich Einspruch - dann aus
dem Schoß der herrschenden Klasse selbst (Saint-Simon, Fourier, Owen) und
findet bei der ausgebeuteten Masse erst recht keinen Anklang. Erst wenn die fragliche
Produktionsweise ein gut Stück ihres absteigenden Asts hinter sich, wenn sie sich halb überlebt hat, wenn die Bedingungen
ihres Daseins großenteils verschwunden sind und ihr Nachfolger bereits an
die Tür klopft - erst dann erscheint die immer ungleicher werdende Verteilung
als ungerecht, erst dann wird von den überlebten Tatsachen an die sogenannte
ewige Gerechtigkeit appelliert. Dieser Appell an die Moral und das Recht hilft
uns wissenschaftlich keinen Fingerbreit weiter; die ökonomische Wissenschaft
kann in der sittlichen Entrüstung, und wäre sie noch so gerechtfertigt,
keinen Beweisgrund sehn, sondern nur ein Symptom. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die
neu hervortretenden gesellschaftlichen Mißstände als notwendige Folgen
der bestehenden Produktionsweise, aber auch gleichzeitig als Anzeichen ihrer hereinbrechenden
Auflösung nachzuweisen, und innerhalb der sich auflösenden ökonomischen
Bewegungsform die Elemente der zukünftigen, jene Mißstände beseitigenden,
neuen Organisation der Produktion und des Austausches aufzudecken. Der Zorn, der
den Poeten macht, ist bei der Schilderung dieser Mißstände ganz am
Platz, oder auch beim Angriff gegen die, diese Mißstände leugnenden
oder beschönigenden Harmoniker im Dienst der herrschenden Klasse; wie wenig
er aber für den jedesmaligen Fall beweist, geht schon daraus hervor,
daß man in jeder Epoche der ganzen bisherigen Geschichte Stoff genug
für ihn findet.
Die politische Ökonomie als die Wissenschaft von den Bedingungen und Formen,
unter denen die verschiednen menschlichen Gesellschaften produziert und ausgetauscht
und unter denen sich demgemäß jedesmal die Produkte verteilt haben
- die politische Ökonomie in dieser Ausdehnung soll jedoch erst geschaffen
werden. Was wir von ökonomischer Wissenschaft bis jetzt besitzen, beschränkt
sich fast ausschließlich auf die Genesis und Entwicklung der kapitalistischen
Produktionsweise: es beginnt mit der Kritik der Reste der feudalen Produktions-
und Austauschformen, weist die Notwendigkeit ihrer Ersetzung durch kapitalistische
Formen nach, entwickelt dann die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise
und ihrer entsprechenden Austauschformen nach der positiven Seite hin, d.h. nach
der Seite, wonach sie die allgemeinen Gesellschaftszwecke fördern, und schließt
ab mit der sozialistischen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, d.h.
mit der Darstellung ihrer Gesetze nach der negativen Seite hin, mit dem Nachweis,
daß diese Produktionsweise durch ihre eigne Entwicklung dem Punkt zutreibt,
wo sie sich selbst unmöglich macht. Diese Kritik weist nach, daß die
kapitalistischen Produktions- und Austauschformen mehr und mehr eine unerträgliche
Fessel werden für die Produktion selbst; daß der durch jene Formen
mit Notwendigkeit bedingte Verteilungsmodus eine Klassenlage von täglich
sich steigernder Unerträglichkeit erzeugt hat,
den sich täglich verschärfenden Gegensatz von immer wenigern, aber immer
reicheren Kapitalisten und von immer zahlreicheren und im ganzen und großen
immer schlechter gestellten besitzlosen Lohnarbeitern; und endlich, daß
die innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise erzeugten, massenhaften Produktivkräfte,
die von jener nicht mehr zu bändigen sind, nur der Besitzergreifung harren
durch eine zum planmäßigen Zusammenwirken organisierte Gesellschaft,
um allen Gesellschaftsgliedern die Mittel zur Existenz und zu freier Entwicklung
ihrer Fähigkeiten zu sichern, und zwar in stets wachsendem Maß.
Um diese Kritik der bürgerlichen Ökonomie vollständig durchzuführen,
genügte nicht die Bekanntschaft mit der kapitalistischen Form der Produktion,
des Austausches und der Verteilung. Die ihr vorhergegangnen oder die noch neben
ihr, in weniger entwickelten Ländern bestehenden Formen mußten ebenfalls,
wenigstens in den Hauptzügen, untersucht und zur Vergleichung gezogen werden.
Eine solche Untersuchung und Vergleichung ist bis jetzt im ganzen und großen
nur von Marx angestellt worden, und seinen Forschungen verdanken wir daher auch
fast ausschließlich das, was über die vorbürgerliche theoretische
Ökonomie bisher festgestellt ist.
Obwohl gegen Ende des 17. Jahrhunderts in genialen Köpfen entstanden,
ist die politische Ökonomie im engern Sinn, in ihrer positiven Formulierung
durch die Physiokraten und Adam Smith, doch wesentlich ein Kind des 18. Jahrhunderts
und reiht sich den Errungenschaften der gleichzeitigen großen französischen
Aufklärer an mit allen Vorzügen und Mängeln jener Zeit. Was wir
von den Aufklärern gesagt |Siehe S. 16/17|, gilt
auch von den damaligen Ökonomen. Die neue Wissenschaft war ihnen nicht der
Ausdruck der Verhältnisse und Bedürfnisse ihrer Epoche, sondern der
Ausdruck der ewigen Vernunft; die von ihr entdeckten Gesetze der Produktion und
des Austausches waren nicht Gesetze einer geschichtlich bestimmten Form jener
Tätigkeiten, sondern ewige Naturgesetze; man leitete sie ab aus der Natur
des Menschen. Aber dieser Mensch, bei Lichte besehn, war der damalige, im Übergang
zum Bourgeois begriffne Mittelbürger, und seine Natur bestand darin, unter
den damaligen, geschichtlich bestimmten Verhältnissen zu fabrizieren und
Handel zu treiben.
Nachdem wir unsern »kritischen Grundleger« Herrn Dühring und seine Methode
aus der Philosophie hinlänglich kennengelernt haben, werden wir auch ohne
Schwierigkeit vorhersagen können, wie er die politische Ökonomie auffassen
wird. In der Philosophie war da, wo er nicht einfach faselte
(wie in der Naturphilosophie), seine Anschauungsweise eine Verzerrung derjenigen
des 18. Jahrhunderts. Es handelte sich nicht um geschichtliche Entwicklungsgesetze,
sondern um Naturgesetze, ewige Wahrheiten. Gesellschaftliche Verhältnisse
wie Moral und Recht wurden nicht nach den jedesmaligen geschichtlich vorliegenden
Bedingungen, sondern durch die famosen beiden Männer entschieden, von denen
der eine entweder den andern unterdrückt, oder auch nicht, welches letztere
bisher leider nie vorkam. Wir werden uns also kaum täuschen, wenn wir den
Schluß ziehn, daß Herr Dühring die Ökonomie ebenfalls auf
endgültige Wahrheiten letzter Instanz, ewige Naturgesetze, tautologische
Axiome von ödester Inhaltlosigkeit zurückführen, daneben aber den
ganzen positiven Inhalt der Ökonomie, soweit dieser ihm bekannt, durchs Hinterpförtchen
wieder hereinschmuggeln; und daß er die Verteilung, als ein gesellschaftliches
Ereignis, nicht aus Produktion und Austausch entwickeln, sondern seinen ruhmvollen
beiden Männern zur endgültigen Erledigung überweisen wird. Und
da uns dies alles bereits altbekannte Kunstgriffe sind, so können wir uns
hier um so kürzer fassen.
In der Tat erklärt uns Herr Dühring bereits auf S. 2, daß
seine Ökonomie Bezug nimmt auf das in seiner »Philosophie« »Festgestellte«
und sich »in einigen wesentlichen Punkten an übergeordnete und in einem höhern
Untersuchungsgebiet bereits ausgemachte Wahrheiten anlehnt«.
Überall dieselbe Zudringlichkeit der Selbstanpreisung. Überall der
Triumph des Herrn Dühring über das von Herrn Dühring Festgestellte
und Ausgemachte. Ausgemacht in der Tat, das haben wir des breiteren gesehn - aber
wie man ein schwalchendes Licht ausmacht.
Gleich darauf haben wir
»die allgemeinsten Naturgesetze aller Wirtschaft« -
also hatten wir richtig geraten.
Aber diese Naturgesetze lassen nur dann ein richtiges Verständnis
der abgelebten Geschichte zu, wenn man sie »in derjenigen nähern Bestimmung
untersucht, die ihre Ergebnisse durch die politische Unterwerfungs- und Gruppierungsformen
erfahren haben. Einrichtungen wie die Sklaverei und die Lohnhörigkeit, zu
denen sich als Zwillingsgeburt das Gewalteigentum gesellt, sind als sozialökonomische
Verfassungsformen echt politischer Natur zu betrachten und bilden in der bisherigen
Welt den Rahmen, innerhalb dessen sich die Wirkungen wirtschaftlicher Naturgesetze
allein zeigen konnten.«
Dieser Satz ist die Fanfare, die uns als Wagnersches Leitmotiv den Anmarsch
der beiden famosen Männer verkündet. Aber er ist noch mehr, er
ist das Grundthema des ganzen Dühringschen Buchs. Beim Recht wußte
Herr Dühring uns nichts zu bieten, als eine schlechte Übersetzung der
Rousseauschen Gleichheitstheorie ins Sozialistische |siehe S.
89-95|, wie man sie in jedem Pariser Arbeiter-Estaminet seit Jahren weit besser
hören kann. Hier gibt er eine nicht bessere, sozialistische Übersetzung
der Klagen der Ökonomen über die Verfälschung der ökonomischen
ewigen Naturgesetze und ihrer Wirkungen durch die Einmischung des Staats, der
Gewalt. Und hiermit steht er verdientermaßen unter den Sozialisten ganz
allein. Jeder sozialistische Arbeiter, einerlei, welcher Nationalität, weiß
ganz gut, daß die Gewalt die Ausbeutung nur schützt, aber nicht verursacht;
daß das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit der Grund seiner Ausbeutung
ist, und daß dieses auf rein ökonomischem und keineswegs auf gewaltsamem
Wege entstanden ist.
Des weitern erfahren wir nun, daß man
bei allen ökonomischen Fragen »zwei Hergänge, den der Produktion
und den der Verteilung wird unterscheiden können«. Außerdem habe der
bekannte oberflächliche J. B. Say noch einen dritten Hergang, den des Verbrauchs,
der Konsumtion, hinzugefügt, aber nichts Gescheites darüber zu sagen
gewußt, ebensowenig wie seine Nachfolger. Der Austausch oder die Zirkulation
aber sei nur eine Unterabteilung der Produktion, zu der alles gehöre, was
geschehn muß, damit die Erzeugnisse an den letzten und eigentlichen Konsumenten
gelangen.
Wenn Herr Dühring die beiden wesentlich verschiednen, wenn auch sich gegenseitig
bedingenden Prozesse der Produktion und der Zirkulation zusammenwirft und ganz
ungeniert behauptet, aus der Unterlassung dieser Verwirrung könne nur »Verwirrung
entstehn«, so beweist er damit bloß, daß er die kolossale Entwicklung,
die gerade die Zirkulation in den letzten fünfzig Jahren durchgemacht hat,
nicht kennt oder nicht versteht; wie denn auch sein Buch weiterhin bestätigt.
Damit nicht genug. Nachdem er so Produktion und Austausch in eins als Produktion
schlechthin zusammenfaßt, stellt er die Verteilung neben die Produktion
als einen zweiten, ganz äußerlichen Hergang hin, der mit dem ersten
gar nichts zu schaffen hat. Nun haben wir gesehn, daß die Verteilung in
ihren entscheidenden Zügen jedesmal das notwendige Ergebnis der Produktions-
und Austauschverhältnisse einer bestimmten Gesellschaft, sowie der geschichtlichen
Vorbedingungen dieser Gesellschaft ist, und zwar dergestalt, daß, wenn wir
diese kennen, wir mit Bestimmtheit auf die in dieser Gesellschaft herrschende
Verteilungsweise schließen können. Wir sehn aber ebenfalls, daß
Herr Dühring, wenn er den in seiner Moral-,
Rechts- und Geschichtsauffassung »festgestellten« Grundsätzen nicht untreu
werden will, diese elementare ökonomische Tatsache verleugnen muß und
daß er dies namentlich muß, wenn es gilt, seine beiden unentbehrlichen
Männer in die Ökonomie hineinzuschmuggeln. Und nachdem die Verteilung
glücklich alles Zusammenhangs mit der Produktion und dem Austausch entledigt,
kann dies große Ereignis vor sich gehn.
Erinnern wir uns indes zuerst, wie die Sache bei Moral und Recht sich entwickelte.
Hier fing Herr Dühring ursprünglich mit nur Einem Mann an; er sagte:
«Ein Mensch, insofern er als einzig, oder, was dasselbe leistet, als
außer jedem Zusammenhang mit andern gedacht wird, kann keine Pflichten
haben. Für ihn gibt es kein , sondern nur ein Wollen.«
Was aber ist dieser pflichtenlose, als einzig gedachte Mensch anders, als der
fatale »Urjude Adam« im Paradiese, wo er ohne Sünde ist, weil er eben keine
begehn kann? - Aber auch diesem wirklichkeitsphilosophischen Adam steht ein Sündenfall
bevor. Neben diesen Adam tritt plötzlich - zwar keine Eva mit wallendem Lockenhaar,
aber doch ein zweiter Adam. Und sofort erhält Adam Pflichten und - bricht
sie. Statt seinen Bruder als Gleichberechtigten an seinen Busen zu schließen,
unterwirft er ihn seiner Herrschaft, knechtet er ihn - und an den Folgen dieser
ersten Sünde, an der Erbsünde der Knechtung, leidet die ganze Weltgeschichte
bis auf den heutigen Tag, weshalb sie auch nach Herrn Dühring keine drei
Pfennige wert ist.
Wenn also Herr Dühring, beiläufig gesagt, die »Negation der Negation«
hinreichend der Verachtung preiszugeben glaubte, indem er sie als einen Abklatsch
der alten Geschichte vom Sündenfall und der Erlösung bezeichnete, was
sollen wir dann sagen von seiner neuesten Ausgabe derselben Geschichte?
(denn auch der Erlösung werden wir mit der Zeit, um einen Reptilienausdruck
zu gebrauchen, »nähertreten«). Jedenfalls doch wohl, daß wir die alte
semitische Stammsage vorziehn, bei der es sich dem Männlein und dem Weiblein
doch der Mühe verlohnte, aus dem Stand der Unschuld zu treten, und daß
Herrn Dühring der Ruhm ohne Konkurrenz verbleiben wird, seinen Sündenfall
konstruiert zu haben mit zwei Männern.
Hören wir also nun die Übersetzung des Sündenfalls ins Ökonomische:
»Für den Gedanken der Produktion kann allenfalls die Vorstellung
von einem Robinson, welcher mit seinen Kräften der Natur isoliert gegenübersteht
und mit niemandem etwas zu teilen hat, ein geeignetes Denkschema abgeben ... Von
einer gleichen Zweckmäßigkeit ist für die Veranschaulichung des
Wesentlichsten in dem Verteilungs gedanken das
Denkschema von zwei Personen, deren wirtschaftliche Kräfte sich kombinieren
und die sich offenbar bezüglich ihrer Anteile gegenseitig in irgendeiner
Form auseinandersetzen müssen. Mehr als dieses einfachen Dualismus bedarf
es in der Tat nicht, um in aller Strenge einige der wichtigsten Verteilungsbeziehungen
darzulegen und deren Gesetze embryonisch in ihrer logischen Notwendigkeit zu studieren
... Das Zusammenwirken auf gleichem Fuß ist hier ebenso denkbar, als die
Kombination der Kräfte durch völlige Unterdrückung des einen Teils,
der alsdann als Sklave oder bloßes Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst
gepreßt und eben auch nur als Werkzeug unterhalten wird ... Zwischen dem
Zustande der Gleichheit und dem der Nullität auf der einen und der Omnipotenz
und einzig aktiven Beteiligung auf der andern Seite befindet sich eine Reihe von
Stufen, für deren Besetzung die Erscheinungen der Weltgeschichte in bunter
Mannigfaltigkeit gesorgt haben. Ein universeller Blick für die verschiednen
Rechts- und Unrechsinstitutionen der Geschichte ist hier die wesentliche
Voraussetzung« ...,
und zum Schluß verwandelt sich die ganze Verteilung in ein
»ökonomisches Verteilungsrecht«.
Jetzt endlich hat Herr Dühring wieder festen Boden unter den Füßen.
Arm in Arm mit seinen beiden Männern kann er sein Jahrhundert in die Schranken
fordern. Aber hinter diesem Dreigestirn steht noch ein Ungenannter.
»Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Überall, wo ein Teil der
Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter,
frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen {1}
Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel
für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren, sei dieser Eigentümer
nun atheniensischer Kaloskagathos {2}
|Aristokrat|, etruskischer Theokrat, civis romanus« (römischer Bürger),
»normannischer Baron, amerikanischer Sklavenhalter, walachischer Bojar, moderner
Landlord oder Kapitalist.« (Marx, Kapital, I, zweite Ausgabe, Seite 227. |Siehe
Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 249/250|)
Nachdem Herr Dühring auf diese Weise erfahren, was die, allen bisherigen
Produktionsformen - soweit sie sich in Klassengegensätzen bewegen - gemeinsame
Grundform der Ausbeutung ist, galt es nur noch, seine beiden Männer darauf
anzuwenden, und die wurzelhafte Grundlage der Wirklichkeitsökonomie war fertig.
Er zauderte keinen Moment mit der Ausführung dieses »systemschaffenden Gedankens«.
Arbeit ohne Gegenleistung, über die zur Selbsterhaltung
des Arbeiters nötige Arbeitszeit hinaus, das ist der Punkt. Der Adam, der
hier Robinson heißt, läßt also seinen zweiten Adam, den Freitag,
drauflos schanzen. Aber warum schanzt Freitag mehr als er für seinen Unterhalt
nötig hat? Auch diese Frage findet bei Marx teilweise ihre Beantwortung.
Das ist aber für die beiden Männer viel zu weitläufig. Die Sache
wird kurzerhand abgemacht: Robinson »unterdrückt« den Freitag, preßt
ihn »als Sklave oder Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst« und unterhält
ihn »auch nur als Werkzeug«. Mit dieser neuesten »schöpferischen Wendung«
schlägt Herr Dühring wie mit Einer Klappe zwei Fliegen. Erstens erspart
er sich die Mühe, die verschiednen bisherigen Verteilungsformen, ihre Unterschiede
und ihre Ursachen zu erklären: sie taugen einfach allesamt nichts, sie beruhn
auf der Unterdrückung, der Gewalt. Darüber werden wir demnächst
zu sprechen haben. Und zweitens versetzt er damit die ganze Theorie der Verteilung
vom ökonomischen Gebiet auf das der Moral und des Rechts, d.h. vom Gebiet
feststehender materieller Tatsachen auf das mehr oder weniger schwankender Meinungen
und Gefühle. Er braucht also nicht mehr zu untersuchen oder zu beweisen,
sondern nur noch flott drauflos zu deklamieren, und kann die Forderung stellen,
die Verteilung der Erzeugnisse der Arbeit solle sich richten, nicht nach ihren
wirklichen Ursachen, sondern nach dem, was ihm, Herrn Dühring, sittlich und
gerecht erscheint. Was aber Herrn Dühring gerecht erscheint, ist keineswegs
unwandelbar, also weit entfernt, eine echte Wahrheit zu sein. Denn diese sind
ja, nach Herrn Dühring selbst, »überhaupt nicht wandelbar«. Im Jahr
1868 behauptete Herr Dühring (»Die Schicksale meiner sozialen Denkschrift
etc.«),
es liege »in der Tendenz aller höhern Zivilisation, das Eigentum
immer schärfer auszuprägen, und hierin, nicht in einer Konfusion
der Rechte und Herrschaftssphären, liegt das Wesen und die Zukunft der modernen
Entwicklung«.
Und ferner könne er platterdings nicht absehn,
»wie eine Verwandlung der Lohnarbeit in eine andre Art des Erwerbs mit
den Gesetzen der menschlichen Natur und der naturnotwendigen Gliederung des gesellschaftlichen
Körpers jemals vereinbar werden solle«.
Also 1868: Privateigentum und Lohnarbeit naturnotwendig und daher gerecht;
1876: Beides Ausfluß der Gewalt und des »Raubs«, also ungerecht. Und wir
können unmöglich wissen, was einem so gewaltig dahinstürmenden
Genius in einigen Jahren möglicherweise als sittlich und gerecht erscheinen
dürfte, und tun daher jedenfalls besser, bei unsrer Betrachtung der Verteilung
der Reichtümer uns an die wirklichen, objektiven, ökonomi
schen Gesetze zu halten und nicht an die augenblickliche, wandelbare, subjektive
Vorstellung des Herrn Dühring von Recht und Unrecht.
Wenn wir für die hereinbrechende Umwälzung der heutigen Verteilungsweise
der Arbeitserzeugnisse samt ihren schreienden Gegensätzen von Elend und Üppigkeit,
Hungersnot und Schwelgerei, keine bessere Sicherheit hätten als das Bewußtsein,
daß diese Verteilungsweise ungerecht ist und daß das Recht doch endlich
einmal siegen muß, so wären wir übel dran und könnten lange
warten. Die mittelalterlichen Mystiker, die vom nahenden Tausendjährigen
Reich träumten, hatten schon das Bewußtsein von der Ungerechtigkeit
der Klassengegensätze. An der Schwelle der neuern Geschichte, vor dreihundertfünfzig
Jahren, ruft Thomas Münzer es laut in die Welt hinaus. In der englischen,
in der französischen bürgerlichen Revolution ertönt derselbe Ruf
und - verhallt. Und wenn jetzt derselbe Ruf nach Abschaffung der Klassengegensätze
und Klassenunterschiede, der bis 1830 die arbeitenden und leidenden Klassen kalt
ließ, wenn er jetzt ein millionenfaches Echo findet, wenn er ein Land nach
dem andern ergreift, und zwar in derselben Reihenfolge und mit derselben Intensität,
wie sich in den einzelnen Ländern die große Industrie entwickelt, wenn
er in einem Menschenalter eine Macht erobert hat, die allen gegen ihn vereinten
Mächten trotzen und des Siegs in naher Zukunft gewiß sein kann - woher
kommt das? Daher, daß die moderne große Industrie einerseits ein Proletariat,
eine Klasse geschaffen hat, die zum erstenmal in der Geschichte die Forderung
stellen kann der Abschaffung nicht dieser oder jener besondern Klassenorganisation
oder dieses und jenes besondern Klassenvorrechts, sondern der Klassen überhaupt;
und die in die Lage versetzt ist, daß sie diese Forderung durchführen
muß bei Strafe des Versinkens in chinesisches Kulitum. Und daß dieselbe
große Industrie andrerseits in der Bourgeoisie eine Klasse geschaffen hat,
die das Monopol aller Produktionswerkzeuge und Lebensmittel besitzt, aber in jeder
Schwindelperiode und in jedem drauffolgenden Krach beweist, daß sie unfähig
geworden, die ihrer Gewalt entwachsenen Produktivkräfte noch fernerhin zu
beherrschen; eine Klasse, unter deren Leitung die Gesellschaft dem Ruin entgegenrennt
wie eine Lokomotive, deren eingeklemmte Abzugsklappe der Maschinist zu schwach
ist zu öffnen. Mit andern Worten: es kommt daher, daß sowohl die von
der modernen kapitalistischen Produktionsweise erzeugten Produktivkräfte
wie auch das von ihr geschaffne System der Güterverteilung in brennenden
Widerspruch geraten sind mit jener Produktionsweise selbst, und zwar in solchem
Grad, daß eine Umwälzung der Produktions- und Verteilungsweise stattfinden
muß, die alle Klassenunterschiede beseitigt, falls nicht die ganze moderne Gesellschaft untergehn soll. In dieser handgreiflichen,
materiellen Tatsache, die sich den Köpfen der ausgebeuteten Proletarier mit
unwiderstehlicher Notwendigkeit in mehr oder weniger klarer Gestalt aufdrängt
- in ihr, nicht aber in den Vorstellungen dieses oder jenes Stubenhockers von
Recht und Unrecht, begründet sich die Siegesgewißheit des modernen
Sozialismus.
»Das Verhältnis der allgemeinen Politik zu den Gestaltungen des
wirtschaftlichen Rechts ist in meinem System so entschieden und zugleich so
eigentümlich bestimmt, daß eine besondre Hinweisung hierauf zur
Erleichterung des Studiums nicht überflüssig sein dürfte. Die Gestaltung
der politischen Beziehungen ist das geschichtlich Fundamentale,
und die wirtschaftlichen Abhängigkeiten sind nur eine Wirkung
oder ein Spezialfall und daher stets Tatsachen zweiter Ordnung. Einige
der neuem sozialistischen Systeme machen den in die Augen fallenden Schein eines
völlig umgekehrten Verhältnisses zum leitenden Prinzip, indem sie aus
den wirtschaftlichen Zuständen die politischen Unterordnungen gleichsam herauswachsen
lassen. Nun sind diese Wirkungen der zweiten Ordnung als solche allerdings vorhanden
und in der Gegenwart am meisten fühlbar; aber das Primitive muß
in der unmittelbaren politischen Gewalt und nicht erst in einer indirekten
ökonomischen Macht gesucht werden.«
Ebenso an einer andern Stelle, wo Herr Dühring
»von dem Satz ausgeht, daß die politischen Zustände die entscheidende
Ursache der Wirtschaftslage sind und daß die umgekehrte Beziehung nur eine
Rückwirkung zweiter Ordnung darstellt ..., solange man die politische Gruppierung
nicht um ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt macht, sondern sie ausschließlich
als Mittel für Futterzwecke behandelt, wird man, so radikal sozialistisch
und revolutionär man auch erscheinen möge, dennoch ein verstecktes Stück
Reaktion in sich bergen«.
Das ist die Theorie des Herrn Dühring. Sie wird hier und an vielen andern
Stellen einfach aufgestellt, sozusagen dekretiert. Von auch nur dem geringsten
Versuch des Beweises oder der Widerlegung der entgegenstehenden Ansicht ist nirgendwo
in den drei dicken Büchern die Rede. Und wenn die Beweisgründe so wohlfeil
wären wie die Brombeeren, Herr Dühring gäbe uns keine Beweisgründe.
Die Sache ist ja schon bewiesen durch den berühmten Sündenfall, wo Robinson
den Freitag geknechtet hat. Das war eine Gewalttat, also eine politische Tat.
Und da diese Knechtung den Ausgangspunkt und die Grundtatsache der ganzen bisherigen
Geschichte bildet und ihr die Erbsünde der Ungerechtigkeit einimpft, so zwar,
daß sie in den spätern Perioden nur gemildert und »in die mehr indirekten
ökonomischen Abhängigkeitsformen verwandelt« worden ist; da ebenfalls
auf dieser Urknechtung das ganze bisher geltend
gebliebne »Gewalteigentum« beruht, so ist klar, daß alle ökonomischen
Erscheinungen aus politischen Ursachen zu erklären sind, nämlich aus
der Gewalt. Und wem das nicht genügt, der ist ein versteckter Reaktionär.
Bemerken wir zuerst, daß man nicht weniger in sich selbst verliebt sein
muß als Herr Dühring, um diese Ansicht für so »eigentümlich«
zu halten, wie sie keineswegs ist. Die Vorstellung, als wären die politischen
Haupt- und Staatsaktionen das Entscheidende in der Geschichte, ist so alt wie
die Geschichtschreibung selbst, und ist die Hauptursache davon, daß uns
so wenig aufbewahrt worden ist über die sich im Hintergrund dieser lärmenden
Auftritte still vollziehende und wirklich vorantreibende Entwicklung der Völker.
Diese Vorstellung hat die ganze vergangne Geschichtsauffassung beherrscht und
einen Stoß erhalten erst durch die französischen bürgerlichen
Geschichtschreiber der Restaurationszeit; »eigentümlich« ist dabei nur, daß
Herr Dühring von alledem wieder nichts weiß.
Ferner: nehmen wir für einen Augenblick an, Herr Dühring habe darin
recht, daß alle bisherige Geschichte sich auf die Knechtung des Menschen
durch den Menschen zurückführen lasse, so sind wir damit noch lange
nicht der Sache auf den Grund gekommen. Sondern es fragt sich zunächst: wie
kam der Robinson dazu, den Freitag zu knechten? Des bloßen Vergnügens
halber? Durchaus nicht. Wir sehn im Gegenteil, daß Freitag »als Sklave oder
bloßes Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst gepreßt und eben
auch nur als Werkzeug unterhalten wird«. Robinson hat Freitag nur geknechtet,
damit Freitag zum Nutzen Robinsons arbeite. Und wie kann Robinson aus Freitags
Arbeit Nutzen für sich ziehn? Nur dadurch, daß Freitag mehr Lebensmittel
durch seine Arbeit erzeugt, als Robinson ihm geben muß, damit er arbeitsfähig
bleibe. Robinson hat also, gegen Herrn Dührings ausdrückliche Vorschrift,
die durch die Knechtung Freitags hergestellte »politische Gruppierung nicht um
ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt gemacht, sondern sie ausschließlich
als Mittel für Futterzwecke behandelt«, und möge nun selber zusehn,
wie er mit seinem Herrn und Meister Dühring fertig wird.
Das kindliche Exempel also, das Herr Dühring eigens erfunden hat, um die
Gewalt als das »geschichtlich Fundamentale« nachzuweisen, es beweist, daß
die Gewalt nur das Mittel, der ökonomische Vorteil dagegen der Zweck ist.
Um soviel »fundamentaler« der Zweck ist als das seinetwegen angewandte Mittel,
um ebensoviel fundamentaler ist in der Geschichte die ökonomische Seite des
Verhältnisses gegenüber der politischen. Das Beispiel beweist also grade
das Gegenteil von dem, was es beweisen soll. Und wie bei Robin
son und Freitag, so in allen bisherigen Fällen von Herrschaft und Knechtschaft.
Die Unterjochung war stets, um Herrn Dührings elegante Ausdrucksweise zu
gebrauchen, »Mittel für Futterzwecke« (diese Futterzwecke im weitesten Sinn
genommen), nie und nirgends aber eine »um ihrer selbst willen« eingeführte
politische Gruppierung. Man muß Herr Dühring sein, um sich einbilden
zu können, die Steuern seien im Staate nur »Wirkungen zweiter Ordnung«, oder
die heutige politische Gruppierung von herrschender Bourgeoisie und beherrschtem
Proletariat sei »um ihrer selbst willen« da und nicht um der »Futterzwecke« der
herrschenden Bourgeois willen, nämlich der Profitmacherei und Kapitalaufhäufung.
Kehren wir indes wieder zurück zu unsern beiden Männern. Robinson,
»mit dem Degen in der Hand«, macht Freitag zu seinem Sklaven. Aber um dies fertigzubringen,
braucht Robinson noch etwas andres als den Degen. Nicht einem jeden ist mit einem
Sklaven gedient. Um einen solchen brauchen zu können, muß man über
zweierlei verfügen: erstens über die Werkzeuge und Gegenstände
für die Arbeit des Sklaven, und zweitens über die Mittel für seinen
notdürftigen Unterhalt. Ehe also Sklaverei möglich wird, muß schon
eine gewisse Stufe in der Produktion erreicht und ein gewisser Grad von Ungleichheit
in der Verteilung eingetreten sein. Und damit die Sklavenarbeit die herrschende
Produktionsweise einer ganzen Gesellschaft werde, braucht es eine noch weit höhere
Steigerung der Produktion, des Handels und der Reichtumsansammlung. In den alten
naturwüchsigen Gemeinwesen mit Gesamteigentum am Boden kommt Sklaverei entweder
gar nicht vor oder spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ebenso in der ursprünglichen
Bauernstadt Rom; als dagegen Rom »Weltstadt« wurde und der italische Grundbesitz
mehr und mehr in die Hände einer wenig zahlreichen Klasse enorm reicher Eigentümer
kam, da wurde die Bauernbevölkerung verdrängt durch eine Bevölkerung
von Sklaven. Wenn zur Zeit der Perserkriege die Zahl der Sklaven in Korinth auf
460.000, in Aegina auf 470.000 stieg, und auf jeden Kopf der freien Bevölkerung
zehn Sklaven kamen, so gehörte dazu noch etwas mehr als »Gewalt«, nämlich
eine hochentwickelte Kunst- und Handwerksindustrie und ein ausgebreiteter Handel.
Die Sklaverei in den amerikanischen Vereinigten Staaten beruhte weit weniger auf
der Gewalt, als auf der englischen Baumwollindustrie; in den Gegenden, wo keine
Baumwolle wuchs, oder die nicht, wie die Grenzstaaten, Sklavenzüchtung für
die Baumwollstaaten trieben, starb sie von selbst aus, ohne Anwendung von Gewalt,
einfach weil sie sich nicht bezahlte.
Wenn also Herr Dühring das heutige Eigentum ein Gewalteigentum nennt und
es bezeichnet als
»diejenige Herrschaftsform, welche nicht
etwa bloß eine Ausschließung des Nebenmenschen von dem Gebrauch der
Naturmittel zur Existenz, sondern auch, was noch weit mehr bedeutet, die Unterjochung
des Menschen zum Knechtsdienst zugrunde liegen hat« -
so stellt er das ganze Verhältnis auf den Kopf. Die Unterjochung des Menschen
zum Knechtsdienst, in allen ihren Formen, setzt beim Unterjocher die Verfügung
voraus über die Arbeitsmittel, vermittelst deren allein er den Geknechteten
verwenden, und bei der Sklaverei außerdem noch die Verfügung über
die Lebensmittel, womit allein er den Sklaven am Leben erhalten kann. In allen
Fällen also schon einen gewissen, den Durchschnitt überschreitenden
Vermögensbesitz. Wie ist dieser entstanden ? jedenfalls ist es klar, daß
er zwar geraubt sein, also auf Gewalt beruhn kann, aber daß dies keineswegs
nötig ist. Er kann erarbeitet, erstohlen, erhandelt, erschwindelt sein. Er
muß sogar erarbeitet sein, ehe er überhaupt geraubt werden kann.
Das Privateigentum tritt überhaupt in der Geschichte keineswegs auf als
Ergebnis des Raubs und der Gewalt. Im Gegenteil. Es besteht schon, wenn auch unter
Beschränkung auf gewisse Gegenstände, in der uralten naturwüchsigen
Gemeinde aller Kulturvölker. Es entwickelt sich bereits innerhalb dieser
Gemeinde, zunächst im Austausch mit Fremden, zur Form der Ware. Je mehr die
Erzeugnisse der Gemeinde Warenform annehmen, d.h. je weniger von ihnen zum eignen
Gebrauch des Produzenten und je mehr sie zum Zweck des Austausches produziert
werden, je mehr der Austausch auch im Innern der Gemeinde die ursprüngliche
naturwüchsige Arbeitsteilung verdrängt, desto ungleicher wird der Vermögensstand
der einzelnen Gemeindeglieder, desto tiefer wird die alte Gemeinschaft des Bodenbesitzes
untergraben, desto rascher treibt das Gemeinwesen seiner Auflösung in ein
Dorf von Parzellenbauern entgegen. Der orientalische Despotismus und die wechselnde
Herrschaft erobernder Nomadenvölker konnten diesen alten Gemeinwesen Jahrtausende
hindurch nichts anhaben; die allmähliche Zerstörung ihrer naturwüchsigen
Hausindustrie durch die Konkurrenz der Erzeugnisse der großen Industrie
bringt sie mehr und mehr in Auflösung. Von Gewalt ist da ebensowenig die
Rede, wie bei der noch jetzt stattfindenden Aufteilung des gemeinsamen Ackerbesitzes
der »Gehöferschaften« an der Mosel und im Hochwald; die Bauern finden es
eben in ihrem Interesse, daß das Privateigentum am Acker an Stelle des Gemeineigentums
trete. Selbst die Bildung einer naturwüchsigen Aristokratie, wie sie bei
Kelten, Germanen und im indischen Fünfstromland auf Grund des gemeinsamen
Bodeneigentums erfolgt, beruht zunächst keineswegs auf Gewalt, sondern auf
Freiwilligkeit und Gewohnheit. Überall, wo das Privat
eigentum sich herausbildet, geschieht dies infolge veränderter Produktions-
und Austauschverhältnisse, im Interesse der Steigerung der Produktion und
der Förderung des Verkehrs - also aus ökonomischen Ursachen. Die Gewalt
spielt dabei gar keine Rolle. Es ist doch klar, daß die Einrichtung des
Privateigentums schon bestehn muß, ehe der Räuber sich fremdes Gut
aneignen kann; daß also die Gewalt zwar den Besitzstand verändern,
aber nicht das Privateigentum als solches erzeugen kann.
Aber auch um die »Unterjochung des Menschen zum Knechtsdienst« in ihrer modernsten
Form, in der Lohnarbeit, zu erklären, können wir weder die Gewalt, noch
das Gewalteigentum brauchen. Wir haben schon erwähnt, welche Rolle bei der
Auflösung der alten Gemeinwesen, also bei der direkten oder indirekten Verallgemeinerung
des Privateigentums, die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren, ihre Erzeugung
nicht für den eignen Verzehr, sondern für den Austausch spielt. Nun
aber hat Marx im »Kapital« sonnenklar nachgewiesen - und Herr Dühring hütet
sich, auch nur mit einer Silbe darauf einzugehn -, daß auf einem gewissen
Entwicklungsgrad die Warenproduktion sich in kapitalistische Produktion verwandelt
und daß auf dieser Stufe »das auf Warenproduktion und Warenzirkulation beruhende
Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigentums durch seine eigne, innere,
unvermeidliche Dialektik in sein Gegenteil umschlägt: der Austausch von Äquivalenten,
der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, daß
nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte
Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne Äquivalent angeeigneten fremden
Arbeitsprodukts ist, und zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht
nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus« (Überschuß) »ersetzt werden
muß ... Ursprünglich erschien uns das Eigentum gegründet auf eigne
Arbeit ... Eigentum erscheint jetzt« (am Schluß der Marxschen Entwicklung),
»auf Seite des Kapitalisten, als das Recht, fremde unbezahlte Arbeit, auf Seite
des Arbeiters, als Unmöglichkeit, sein eignes Produkt anzueignen. Die Scheidung
zwischen Eigentum und Arbeit wird zur notwendigen Konsequenz eines Gesetzes, das
scheinbar von ihrer Identität ausging.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 609/610| Mit andern Worten: selbst wenn wir die Möglichkeit alles
Raubs, aller Gewalttat und aller Prellerei ausschließen, wenn wir annehmen,
daß alles Privateigentum ursprünglich auf eigner Arbeit des Besitzers
beruhe und daß im ganzen fernern Verlauf nur gleiche Werte gegen gleiche
Werte ausgetauscht werden, so kommen wir dennoch bei der Fortentwicklung der Produktion
und des Austausches mit Not wendigkeit auf die
gegenwärtige kapitalistische Produktionsweise, auf die Monopolisierung der
Produktions- und Lebensmittel in den Händen der einen, wenig zahlreichen
Klasse, auf die Herabdrückung der andern, die ungeheure Mehrzahl bildenden
Klasse zu besitzlosen Proletariern, auf den periodischen Wechsel von Schwindelproduktion
und Handelskrise und auf die ganze gegenwärtige Anarchie in der Produktion.
Der ganze Hergang ist aus rein ökonomischen Ursachen erklärt, ohne daß
auch nur ein einziges Mal der Raub, die Gewalt, der Staat oder irgendwelche politische
Einmischung nötig gewesen wäre. Das »Gewalteigentum« erweist sich auch
hier bloß als eine renommistische Phrase, die den Mangel an Verständnis
des wirklichen Verlaufs der Dinge verdecken soll.
Dieser Verlauf, historisch ausgedrückt, ist die Entwicklungsgeschichte
der Bourgeoisie. Wenn die »politischen Zustände die entscheidende Ursache
der Wirtschaftslage sind«, so muß die moderne Bourgeoisie nicht im Kampf
mit dem Feudalismus sich entwickelt haben, sondern sein freiwillig erzeugtes Schoßkind
sein. Jedermann weiß, daß das Gegenteil stattgefunden hat. Ursprünglich
dem herrschenden Feudaladel zinspflichtiger, aus Hörigen und Leibeignen aller
Art sich rekrutierender, unterdrückter Stand, hat das Bürgertum in fortwährendem
Kampf mit dem Adel einen Machtposten nach dem andern erobert und schließlich
in den entwickeltsten Ländern an seiner Stelle die Herrschaft in Besitz genommen;
in Frankreich, indem es den Adel direkt stürzte, in England, indem es ihn
mehr und mehr verbürgerlichte und ihn sich als seine eigne ornamentale Spitze
einverleibte. Und wie brachte es dies fertig? Lediglich durch Veränderung
der »Wirtschaftslage«, der eine Veränderung der politischen Zustände
früher oder später, freiwillig oder erkämpft, nachfolgte. Der Kampf
der Bourgeoisie gegen den Feudaladel ist der Kampf der Stadt gegen das Land, der
Industrie gegen den Grundbesitz, der Geldwirtschaft gegen die Naturalwirtschaft,
und die entscheidenden Waffen der Bürger in diesem Kampfe waren ihre, durch
die Entwicklung der erst handwerksmäßigen, später zur Manufaktur
vorschreitenden Industrie und durch die Ausbreitung des Handels sich fortwährend
steigernden ökonomischen Machtmittel. Während dieses ganzen Kampfs stand
die politische Gewalt auf Seite des Adels, mit Ausnahme einer Periode, wo die
königliche Macht das Bürgertum gegen den Adel benutzte, um den einen
Stand durch den andern im Schach zu halten; aber von dem Augenblick, wo das noch
immer politisch ohnmächtige Bürgertum, vermöge seiner wachsenden
ökonomischen Macht, gefährlich zu werden anfing, verbündete sich
das Königtum wieder mit dem Adel und rief dadurch zuerst in England, dann
in Frankreich die Revolution des Bürger
tums hervor. Die »politischen Zustände« in Frankreich waren unverändert
geblieben, während die »Wirtschaftslage« ihnen entwachsen war. Dem politischen
Stand nach war der Adel alles, der Bürger nichts; der sozialen Lage nach
war der Bürger jetzt die wichtigste Klasse im Staat, während dem Adel
alle seine sozialen Funktionen abhanden gekommen waren und er nur noch in seinen
Revenuen die Bezahlung dieser verschwundnen Funktionen einstrich. Damit nicht
genug: das Bürgertum war in seiner ganzen Produktion eingezwängt geblieben
in die feudalen politischen Formen des Mittelalters, denen diese Produktion -
nicht nur die Manufaktur, sondern selbst das Handwerk - längst entwachsen
war: in alle die, zu bloßen Schikanen und Fesseln der Produktion gewordnen,
tausendfachen Zunftprivilegien und lokalen und provinzialen Zollschranken. Die
Revolution des Bürgertums machte dem ein Ende. Nicht aber indem sie, nach
Herrn Dührings Grundsatz, die Wirtschaftslage den politischen Zuständen
anpaßte - das hatte ja grade Adel und Königtum jahrelang umsonst versucht
-, sondern indem sie umgekehrt den alten modrigen politischen Plunder beiseite
warf und politische Zustände schuf, in denen die neue »Wirtschaftslage« bestehn
und sich entwickeln konnte. Und sie hat sich in dieser ihr angemessenen politischen
und rechtlichen Atmosphäre glänzend entwickelt, so glänzend, daß
die Bourgeoisie schon nicht mehr weit von der Stellung ist, die der Adel 1789
einnahm: sie wird mehr und mehr, nicht nur sozial überflüssig, sondern
soziales Hindernis; sie scheidet mehr und mehr aus der Produktionstätigkeit
aus und wird mehr und mehr, wie seinerzeit der Adel, eine bloß Revenuen
einstreichende Klasse; und sie hat diese Umwälzung ihrer eignen Stellung
und die Erzeugung einer neuen Klasse, des Proletariats, fertiggebracht, ohne irgendwelchen
Gewaltshokuspokus, auf rein ökonomischem Wege. Noch mehr. Sie hat dies Resultat
ihres eignen Tun und Treibens keineswegs gewollt - im Gegenteil, es hat sich mit
unwiderstehlicher Gewalt gegen ihren Willen und gegen ihre Absicht durchgesetzt;
ihre eignen Produktivkräfte sind ihrer Leitung entwachsen und treiben, wie
mit Naturnotwendigkeit, die ganze bürgerliche Gesellschaft dem Untergang
oder der Umwälzung entgegen. Und wenn die Bourgeois jetzt an die Gewalt appellieren,
um die zusammenbrechende »Wirtschaftslage« vor dem Einsturz zu bewahren, so beweisen
sie damit nur, daß sie in derselben Täuschung befangen sind wie Herr
Dühring, als seien »die politischen Zustände die entscheidende Ursache
der Wirtschaftslage«; daß sie sich einbilden, ganz wie Herr Dühring,
sie könnten mit dem »Primitiven«, mit »der unmittelbar politischen Gewalt«
jene »Tatsachen zweiter Ordnung«, die Wirtschaftslage und ihre unabwendbare Entwicklung
umschaffen und also die ökonomischen Wirkungen
der Dampfmaschine und der von ihr getriebnen modernen Maschinerie, des Welthandels
und der heutigen Bank- und Kreditentwicklung mit Krupp-Kanonen und Mauser-Gewehren
wieder aus der Welt schießen.
Betrachten wir indes diese allmächtige »Gewalt« des Herrn Dühring
etwas näher. Robinson knechtet den Freitag »mit dem Degen in der Hand«. Woher
hat er den Degen? auch auf den Phantasie-Inseln der Robinsonaden wachsen bis jetzt
die Degen nicht auf den Bäumen, und Herr Dühring bleibt jede Antwort
auf diese Frage schuldig. Ebensogut wie Robinson sich einen Degen verschaffen
konnte, ebensogut dürfen wir annehmen, daß Freitag eines schönen
Morgens erscheint mit einem geladnen Revolver in der Hand, und dann kehrt sich
das ganze »Gewalt«-Verhältnis um: Freitag kommandiert, und Robinson muß
schanzen. Wir bitten die Leser um Verzeihung, daß wir so konsequent auf
die eigentlich in die Kinderstube und nicht in die Wissenschaft gehörige
Geschichte von Robinson und Freitag zurückkommen, aber was können wir
dafür? Wir sind genötigt, Herrn Dührings axiomatische Methode gewissenhaft
anzuwenden, und es ist nicht unsre Schuld, wenn wir uns dabei stets auf dem Gebiete
der reinen Kindlichkeit bewegen. Also der Revolver siegt über den Degen,
und damit wird es doch wohl auch dem kindlichsten Axiomatiker begreiflich sein,
daß die Gewalt kein bloßer Willensakt ist, sondern sehr reale Vorbedingungen
zu ihrer Betätigung erfordert, namentlich Werkzeuge, von denen das vollkommnere
das unvollkommnere überwindet; daß ferner diese Werkzeuge produziert
sein müssen, womit zugleich gesagt ist, daß der Produzent vollkommnerer
Gewaltwerkzeuge, vulgo Waffen, den Produzenten der unvollkommneren besiegt, und
daß, mit Einem Wort, der Sieg der Gewalt beruht auf der Produktion von Waffen,
und diese wieder auf der Produktion überhaupt, also - auf der »ökonomischen
Macht«, auf der »Wirtschaftslage«, auf den der Gewalt zur Verfügung stehenden
materiellen Mitteln.
Die Gewalt, das ist heutzutage die Armee und die Kriegsflotte und beide kosten,
wie wir alle zu unsrem Schaden wissen, »heidenmäßig viel Geld«. Die
Gewalt aber kann kein Geld machen, sondern höchstens schon gemachtes wegnehmen,
und das nützt auch nicht viel, wie wir ebenfalls zu unserm Schaden mit den
französischen Milliarden erfahren haben. Das Geld muß
also schließlich doch geliefert werden vermittelst der ökonomischen
Produktion ; die Gewalt wird also wieder durch die Wirtschaftslage bestimmt, die
ihr die Mittel zur Ausrüstung und Erhaltung ihrer Werkzeuge verschafft. Aber
damit nicht genug. Nichts ist abhängiger von ökonomischen Vorbedingungen
als grade Armee und Flotte. Bewaffnung, Zusammensetzung, Organisation, Taktik
und Strategie hängen vor allem ab von der jedesmaligen Produktionsstufe und
den Kommunikationen. Nicht die »freien Schöpfungen des Verstandes« genialer
Feldherrn haben hier umwälzend gewirkt, sondern die Erfindung besserer Waffen
und die Veränderung des Soldatenmaterials; der Einfluß der genialen
Feldherrn beschränkt sich im besten Fall darauf, die Kampfweise den neuen
Waffen und Kämpfern anzupassen.{3}
Im Anfang des 14. Jahrhunderts kam das Schießpulver von den Arabern zu
den Westeuropäern und wälzte, wie jedes Schulkind weiß, die ganze
Kriegführung um. Die Einführung des Schießpulvers und der Feuerwaffen
war aber keineswegs eine Gewalttat, sondern ein industrieller, also wirtschaftlicher
Fortschritt. Industrie bleibt Industrie, ob sie auf die Erzeugung oder die Zerstörung
von Gegenständen sich richtet. Und die Einführung der Feuerwaffen wirkte
umwälzend nicht nur auf die Kriegführung selbst, sondern auch auf die
politischen Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse. Zur Erlangung von
Pulver und Feuerwaffen gehörte Industrie und Geld, und beides besaßen
die Städtebürger. Die Feuerwaffen waren daher von Anfang an Waffen der
Städte und der auf die Städte gestützten, emporkommenden Monarchie
gegen den Feudaladel. Die bisher unnahbaren Steinmauern der Adelsburgen erlagen
den Kanonen der Bürger, die Kugeln der bürgerlichen Handbüchsen
schlugen durch die ritterlichen Panzer. Mit der geharnischten Kavallerie des Adels
brach auch die Adelsherrschaft zusammen; mit der Entwicklung des Bürgertums
wurden Fußvolk und Geschütz mehr und mehr die entscheidenden Waffengattungen;
durch das Geschütz gezwungen, mußte das Kriegshandwerk sich eine neue,
ganz industrielle Unterabteilung zulegen: das Ingenieurwesen.
Die Ausbildung der Feuerwaffen ging sehr langsam vor sich. Das Geschütz
blieb schwerfällig, die Handrohre trotz vieler Einzelerfindungen roh. Es
dauerte über dreihundert Jahre, bis ein Gewehr zustande kam, das zur Bewaffnung
der gesamten Infanterie taugte. Erst anfangs des 18. Jahrhunderts verdrängte
das Steinschloßgewehr mit Bajonett die Pike endgültig aus
der Bewaffnung des Fußvolks. Das damalige Fußvolk bestand aus den
stramm exerzierenden, aber ganz unzuverlässigen, nur mit dem Stock zusammengehaltnen,
aus den verkommensten Elementen der Gesellschaft, oft aus gepreßten, feindlichen
Kriegsgefangenen sich zusammensetzenden fürstlichen Werbesoldaten, und die
einzige Kampfform, in der diese Soldaten das neue Gewehr zur Verwendung bringen
konnten, war die Lineartaktik, die unter Friedrich II. ihre höchste Vollendung
erreichte. Das ganze Fußvolk eines Heeres wurde in einem dreigliedrigen,
sehr langen hohlen Viereck aufgestellt und bewegte sich in Schlachtordnung nur
als Ganzes; höchstens wurde einem der beiden Flügel gestattet, sich
etwas vorzuschieben oder zurückzuhalten. Diese unbehülfliche Masse war
in Ordnung zu bewegen nur auf einem ganz ebnen Gelände, und auch da nur im
langsamen Tempo (fünfundsiebzig Schritt auf die Minute); eine Änderung
der Schlachtordnung während des Gefechts war unmöglich, und Sieg oder
Niedertage wurden, sobald die Infanterie einmal im Feuer war, in kurzer Zeit mit
Einem Schlag entschieden.
Diesen unbehülflichen Linien traten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
Rebellenhaufen entgegen, die zwar nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren
gezognen Büchsen schießen konnten, die für ihre eigensten Interessen
fochten, also nicht desertierten wie die Werbetruppen, und die den Engländern
nicht den Gefallen taten, ihnen ebenfalls in Linie und auf freier Ebene gegenüberzutreten,
sondern in aufgelösten, rasch beweglichen Schützenschwärmen und
in den deckenden Wäldern. Die Linie war hier machtlos und erlag den unsichtbaren
und unerreichbaren Gegnern. Das Tiraillieren war wieder erfunden - eine neue Kampfweise
infolge eines veränderten Soldatenmaterials.
Was die amerikanische Revolution begonnen, das vollendete die französische,
auch auf militärischem Gebiet. Den geübten Werbeheeren der Koalition
hatte sie ebenfalls nur schlecht geübte, aber zahlreiche Massen entgegenzustellen,
das Aufgebot der ganzen Nation. Mit diesen Massen aber galt es, Paris zu schützen,
also ein bestimmtes Gebiet zu decken, und das konnte nicht ohne Sieg in offner
Massenschlacht geschehn. Das bloße Schützengefecht reichte nicht aus;
es mußte eine Form auch für die Massenverwendung gefunden werden, und
sie fand sich in der Kolonne. Die Kolonnenstellung erlaubte auch wenig geübten
Truppen, sich mit ziemlicher Ordnung zu bewegen und das selbst mit einer größern
Marschgeschwindigkeit (hundert Schritt und darüber in der Minute), sie erlaubte,
die steifen Formen der alten Linienordnung zu durchbrechen, in jedem, also auch
in dem der Linie ungünstigsten Terrain zu fechten, die Truppen in jeder
irgendwie angemessenen Art zu gruppieren und, in Verbindung mit dem Gefecht zerstreuter
Schützen, die feindlichen Linien aufzuhalten, zu beschäftigen, zu ermatten,
bis der Moment gekommen, wo man sie am entscheidenden Punkt der Stellung mit in
Reserve gehaltnen Massen durchbrach. Diese neue, auf der Verbindung von Tirailleurs
und Kolonnen und auf der Einteilung der Armee in selbständige, aus allen
Waffen zusammengesetzte Divisionen oder Armeekorps beruhende, von Napoleon nach
ihrer taktischen wie strategischen Seite vollständig ausgebildete Kampfweise
war demnach notwendig geworden vor allem durch das veränderte Soldatenmaterial
der französischen Revolution. Sie hatte aber auch noch zwei sehr wichtige
technische Vorbedingungen: erstens die von Gribeauval konstruierte leichtere Lafettierung
der Feldgeschütze, wodurch allein diesen die von ihnen jetzt verlangte raschere
Bewegung möglich wurde, und zweitens die in Frankreich 1777 eingeführte,
dem Jagdgewehr entlehnte Schweifung des bisher ganz grade in der Verlängerung
des Laufs sich fortsetzenden Flintenkolbens, die es möglich machte, auf einen
einzelnen Mann zu zielen, ohne notwendig vorbeizuschießen. Ohne diesen Fortschritt
aber hätte man mit dem alten Gewehr nicht tiraillieren können.
Das revolutionäre System der Bewaffnung des ganzen Volks wurde bald auf
eine Zwangsaushebung (mit Stellvertretung durch Loskauf für die Begüterten)
beschränkt und in dieser Form von den meisten großen Staaten des Festlands
angenommen. Nur Preußen versuchte in seinem Landwehrsystem die Wehrkraft
des Volks in größerm Maß heranzuziehn. Preußen war zudem
der erste Staat, der sein ganzes Fußvolk - nachdem der zwischen 1830 und
1860 ausgebildete, kriegsbrauchbare gezogne Vorderlader eine kurze Rolle gespielt
- mit der neuesten Waffe versah, dem gezognen Hinterlader. Beiden Einrichtungen
verdankte es seine Erfolge von 1866.
Im Deutsch-Französischen Krieg traten zuerst zwei Heere einander gegenüber,
die beide gezogne Hinterlader führten, und zwar beide mit wesentlich denselben
taktischen Formationen wie zur Zeit des alten glattläufigen Steinschloßgewehrs.
Nur daß die Preußen in der Einführung der Kompaniekolonne den
Versuch gemacht hatten, eine der neuen Bewaffnung angemessenere Kampfform zu finden.
Als aber am 18. August bei St. Privat die preußische Garde mit der Kompaniekolonne
Ernst zu machen versuchte, verloren die am meisten beteiligten fünf Regimenter
in höchstens zwei Stunden über ein Drittel ihrer Stärke (176 Offiziere
und 5.114 Mann). und von da an war auch die Kompaniekolonne als Kampfform gerichtet,
nicht minder als die Bataillonskolonne und die Linie; jeder Ver
such wurde aufgegeben, fernerhin irgendwelche geschlossene Trupps dem feindlichen
Gewehrfeuer auszusetzen, und der Kampf wurde deutscherseits nur noch in jenen
dichten Schützenschwärmen geführt, in die sich die Kolonne bisher
unter dem einschlagenden Kugelhagel schon regelmäßig von selbst aufgelöst,
die man aber von oben herab als ordnungswidrig bekämpft hatte; und ebenso
wurde nun im Bereich des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige
Bewegungsart. Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier;
die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt,
hatte er instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens
der Führung erfolgreich durch.
Mit dem Deutsch-Französischen Krieg ist ein Wendepunkt eingetreten von
ganz andrer Bedeutung als alle frühern. Erstens sind die Waffen so vervollkommnet,
daß ein neuer Fortschritt von irgendwelchem umwälzenden Einfluß
nicht mehr möglich ist. Wenn man Kanonen hat, mit denen man ein Bataillon
treffen kann, soweit das Auge es unterscheidet, und Gewehre, die für einen
einzelnen Mann als Zielpunkt dasselbe leisten und bei denen das Laden weniger
Zeit raubt als das Zielen, so sind alle weitern Fortschritte für den Feldkrieg
mehr oder weniger gleichgültig. Die Ära der Entwicklung ist nach dieser
Seite hin also im wesentlichen abgeschlossen. Zweitens aber hat dieser Krieg alle
kontinentalen Großstaaten gezwungen, das verschärfte preußische
Landwehrsystem bei sich einzuführen, und damit eine Militärlast, bei
der sie in wenigen Jahren zugrunde gehn müssen. Die Armee ist Hauptzweck
des Staats, ist Selbstzweck geworden; die Völker sind nur noch dazu da, die
Soldaten zu liefern und zu ernähren. Der Militarismus beherrscht und verschlingt
Europa. Aber dieser Militarismus trägt auch den Keim seines eignen Untergangs
in sich. Die Konkurrenz der einzelnen Staaten untereinander zwingt sie einerseits,
jedes Jahr mehr Geld auf Armee, Flotte, Geschütze etc. zu verwenden, also
den finanziellen Zusammenbruch mehr und mehr zu beschleunigen; andrerseits mit
der allgemeinen Dienstpflicht mehr und mehr Ernst, und damit schließlich
das ganze Volk mit dem Waffengebrauch vertraut zu machen; es also zu befähigen,
in einem gewissen Moment seinen Willen gegenüber der kommandierenden Militärherrlichkeit
durchzusetzen. Und dieser Moment tritt ein, sobald die Masse des Volks - ländliche
und städtische Arbeiter und Bauern - einen Willen hat. Auf diesem Punkt schlägt
das Fürstenheer um in ein Volksheer; die Maschine versagt den Dienst, der
Militarismus geht unter an der Dialektik seiner eignen Entwicklung. Was die bürgerliche
Demokratie von 1848 nicht fertigbringen konnte, eben weil sie bürgerlich
war und nicht proletarisch, nämlich den arbeitenden Massen einen Willen geben, dessen Inhalt ihrer Klassenlage entspricht - das
wird der Sozialismus unfehlbar erwirken. Und das bedeutet die Sprengung des Militarismus
und mit ihm aller stehenden Armeen von innen heraus.
Das ist die eine Moral unsrer Geschichte der modernen Infanterie. Die zweite
Moral, die uns wieder zu Herrn Dühring zurückführt, ist, daß
sich die ganze Organisation und Kampfweise der Armeen, und damit Sieg und Niederlage,
abhängig erweist von materiellen, das heißt ökonomischen Bedingungen:
vom Menschen- und vom Waffenmaterial, also von der Qualität und Quantität
der Bevölkerung und von der Technik. Nur ein Jägervolk wie die Amerikaner
konnte das Tiraillieren wieder erfinden - und sie waren Jäger aus rein ökonomischen
Ursachen, eben wie jetzt aus rein ökonomischen Ursachen dieselben Yankees
der alten Staaten sich in Bauern, Industrielle, Seefahrer und Kaufleute verwandelt
haben, die nicht mehr in den Urwäldern tiraillieren, dafür aber um so
besser auf dem Felde der Spekulation, wo sie es auch in der Massenverwendung weit
gebracht haben. - nur eine Revolution wie die französische, die den Bürger
und namentlich den Bauer ökonomisch emanzipierte, konnte die Massenheere
und zugleich die freien Bewegungsformen finden, an denen die alten steifen Linien
zerschellten - die militärischen Abbilder des Absolutismus, den sie verfochten.
Und wie die Fortschritte der Technik, sobald sie militärisch verwendbar und
auch verwendet wurden, sofort Änderungen, ja Umwälzungen der Kampfweise
fast gewaltsam erzwangen, oft noch dazu gegen den Willen der Heeresleitung, das
haben wir Fall für Fall gesehn. Wie sehr außerdem die Kriegführung
von der Produktivität und den Kommunikationsmitteln des eignen Hinterlandes
wie des Kriegsschauplatzes abhängt, darüber kann heutzutage schon ein
strebsamer Unteroffizier Herrn Dühring aufklären. Kurz, überall
und immer sind es ökonomische Bedingungen und Machtmittel, die der »Gewalt«
zum Siege verhelfen, ohne die sie aufhört, Gewalt zu sein, und wer nach Dühringschen
Grundsätzen das Kriegswesen vom entgegengesetzten Standpunkte aus reformieren
wollte, der könnte nichts ernten als Prügel.(1)
Gehn wir nun vom Lande aufs Wasser, so bietet sich uns allein in den letzten
zwanzig Jahren eine noch ganz anders durchgreifende Umwälzung. Das Schlachtschiff
des Krimkriegs war der hölzerne Zwei- und Drei
decker von 60 bis 100 Kanonen, der vorzugsweise noch durch Segel bewegt wurde
und nur zur Aushülfe eine schwache Dampfmaschine hatte. Er führte hauptsächlich
32pfünder von etwa 50 Zentner Rohrgewicht, daneben nur wenige 68pfünder
von 95 Zentner. Gegen Ende des Kriegs traten eisengepanzerte schwimmende Batterien
auf, schwerfällige, fast unbewegliche, aber dem damaligen Geschütz gegenüber
unverletzliche Ungeheuer. Bald wurde die Eisenpanzerung auch auf die Schlachtschiffe
übertragen; anfangs noch dünn, vier Zoll Eisenstärke galt schon
für einen äußerst schweren Panzer. Aber der artilleristische Fortschritt
überholte bald die Panzerung; für jede Panzerstärke, die nach der
Reihe angewandt wurde, fand sich ein neues, schwereres Geschütz, das sie
mit Leichtigkeit durchschlug. So sind wir jetzt bereits bei zehn-, zwölf-,
vierzehn-, vierundzwanzigzölliger Panzerstärke (Italien will ein Schiff
mit drei Fuß dickem Panzer bauen lassen) auf der einen Seite angekommen;
auf der andern bei gezognen Geschützen von 25, 35, 80, ja 100 Tons (à
20 Zentner) Rohrgewicht, die Geschosse von 300, 400, 1.700 bis 2.000 Pfund auf
früher unerhörte Entfernungen schleudern. Das heutige Schlachtschiff
ist ein riesiger gepanzerter Schraubendampfer von 8.000 bis 9.000 Tonnen Gehalt
und 6.000 bis 8.000 Pferdekraft, mit Drehtürmen und vier, höchstens
sechs schweren Geschützen und mit einem, unter der Wasserlinie in einer Ramme
zum Niederrennen feindlicher Schiffe auslaufenden Bug; es ist eine einzige kolossale
Maschine, auf der der Dampf nicht nur die schnelle Fortbewegung bewirkt, sondern
auch die Steuerung, das Ankerwinden, die Drehung der Türme, die Richtung
und Ladung der Geschütze, das Auspumpen des Wassers, das Einnehmen und Herablassen
der Boote - die selbst teilweise wieder Dampfkraft führen - usw. Und so wenig
ist der Wettkampf zwischen Panzerung und Geschützwirkung zum Abschluß
gekommen, daß ein Schiff heutzutage fast regelmäßig schon nicht
mehr den Ansprüchen genügt, schon veraltet ist, ehe es vom Stapel gelassen
wird. Das moderne Schlachtschiff ist nicht nur ein Produkt, sondern zugleich ein
Probestück der modernen großen Industrie, eine schwimmende Fabrik -
vornehmlich allerdings zur Erzeugung von Geldverschwendung. Das Land, wo die große
Industrie am meisten entwickelt ist, hat beinahe das Monopol des Baues dieser
Schiffe. Alle türkischen, fast alle russischen, die meisten deutschen Panzerschiffe
sind in England gebaut; Panzerplatten von irgendwelcher Brauchbarkeit werden fast
nur in Sheffield gemacht; von den drei Eisenwerken Europas, die allein imstande
sind, die schwersten Geschütze zu liefern, kommen zwei (Woolwich und Elswick)
auf England, das dritte (Krupp) auf Deutschland. Hier zeigt sich aufs handgreiflichste,
wie die »unmittelbare politische Gewalt«, die
nach Herrn Dühring die »entscheidende Ursache der Wirtschaftslage« ist, im
Gegenteil vollständig von der Wirtschaftslage unterjocht ist; wie nicht nur
die Herstellung, sondern auch die Behandlung des Gewaltwerkzeugs zur See, des
Schlachtschiffs, selbst ein Zweig der modernen großen Industrie geworden
ist. Und daß dies so geworden, geht niemandem mehr wider die Haare, als
grade der Gewalt, dem Staat, dem jetzt ein Schiff so viel kostet wie früher
eine ganze kleine Flotte; der es mit ansehn muß, daß diese teuren
Schiffe, noch ehe sie ins Wasser kommen, schon veraltet, also entwertet sind;
und der sicher ebensoviel Verdruß darüber empfindet wie Herr Dühring,
daß der Mann der »Wirtschaftslage«, der Ingenieur, jetzt an Bord viel wichtiger
ist als der Mann der »unmittelbaren Gewalt«, der Kapitän. Wir dagegen haben
durchaus keinen Grund, uns zu ärgern, wenn wir sehn, wie in diesem Wettkampf
zwischen Panzer und Geschütz das Schlachtschiff bis zu der Spitze der Künstlichkeit
ausgebildet wird, die es ebenso unerschwinglich wie kriegsunbrauchbar macht(2),
und wie dieser Kampf damit auch auf dem Gebiet des Seekriegs jene innern dialektischen
Bewegungsgesetze offenbart, nach denen der Militarismus, wie jede andre geschichtliche
Erscheinung, an den Konsequenzen seiner eignen Entwicklung zugrunde geht.
Auch hier also sehn wir sonnenklar, daß keineswegs »das Primitive in
der unmittelbaren politischen Gewalt und nicht erst in einer indirekten ökonomischen
Macht gesucht werden« muß. Im Gegenteil. Was zeigt sich grade als »das Primitive«
der Gewalt selbst? Die ökonomische Macht, die Verfügung über die
Machtmittel der großen Industrie. Die politische Gewalt zur See, die auf
den modernen Schlachtschiffen beruht, erweist sich als durchaus nicht »unmittelbar«,
sondern grade als vermittelt durch die ökonomische Macht, die hohe
Ausbildung der Metallurgie, das Kommando über geschickte Techniker und ergiebige
Kohlengruben.
Indes, wozu das alles? Man gebe im nächsten Seekriege Herrn Dühring
den Oberbefehl, und er vernichtet alle die von der Wirtschaftslage geknechteten
Panzerflotten ohne Torpedos und andre Kunststücke, einfach vermittelst seiner
»unmittelbaren Gewalt«.
IV. Gewaltstheorie
(Schluß)
»Ein sehr wichtiger Umstand liegt darin, daß tatsächlich
die Beherrschung der Natur durch diejenige des Menschen erst überhaupt
(!) vor sich gegangen ist« (eine Beherrschung ist vor sich gegangen!). »Die Bewirtschaftung
des Grundeigentums in größern Strecken ist nie und nirgends ohne die
vorgängige Knechtung des Menschen zu irgendeiner Art von Sklaven- oder Frondienst
vollzogen worden. Die Aufrichtung einer ökonomischen Herrschaft über
die Dinge hat die politische, soziale und ökonomische Herrschaft des Menschen
über den Menschen zur Voraussetzung gehabt. Wie hätte man sich einen
großen Grundherrn nur denken können, ohne zugleich seine Herrenschaft
über Sklaven, Hörige oder indirekt Unfreie in den Gedanken einzuschließen?
Was möchte wohl die Kraft des einzelnen, die sich höchstens mit den
Kräften der Familienhülfe ausgestattet sähe, für eine umfangreichere
Ackerkultur bedeutet haben und bedeuten? Die Ausbeutung des Landes oder die ökonomische
Herrschaftsausdehnung über dasselbe in einem die natürlichen Kräfte
des einzelnen übersteigenden Umfang ist in der bisherigen Geschichte nur
dadurch möglich geworden, daß vor oder zugleich mit der Begründung
der Bodenherrschaft auch die zugehörige Knechtung des Menschen durchgeführt
wurde. In den spätern Perioden der Entwicklung ist diese Knechtung gemildert
worden ... ihre gegenwärtige Gestalt ist in den hoher zivilisierten Staaten
eine mehr oder minder durch Polizeiherrschaft geleitete Lohnarbeit. Auf der letztern
beruht also die praktische Möglichkeit derjenigen Art des heutigen Reichtums,
welcher sich in der umfangreicheren Bodenherrschaft und (!) im größern
Grundbesitz darstellt. Selbstverständlich sind alle andern Gattungen des
Verteilungsreichtums geschichtlich auf ähnliche Weise zu erklären, und
die indirekte Abhängigkeit des Menschen vom Menschen, welche gegenwärtig
den Grundzug der ökonomisch am weitesten entwickelten Zustände bildet,
kann nicht aus sich selbst, sondern nur als eine etwas verwandelte Erbschaft einer
frühern direkten Unterwerfung und Enteignung verstanden und erklärt
werden.«
So Herr Dühring.
These: Die Beherrschung der Natur (durch den Menschen) setzt die Beherrschung
des Menschen (durch den Menschen) voraus.
Beweis: Die Bewirtschaftung des Grundeigentums in großem Strecken ist
nie und nirgends anders als durch Knechte erfolgt.
Beweis des Beweises: Wie kann es große Grundbesitzer geben ohne Knechte,
da der große Grundbesitzer mit seiner Familie ohne Knechte ja nur einen
geringen Teil seines Besitzes bebauen könnte.
Also: Um zu beweisen, daß der Mensch, um die Natur sich zu unterwerfen,
vorher den Menschen knechten mußte, verwandelt Herr Dühring »die Natur«
ohne weiteres in »Grundeigentum in größern Strecken« und
dies Grundeigentum - unbestimmt wessen? - sofort wieder in das Eigentum eines
großen Grundherrn, der natürlich ohne Knechte sein Land nicht bebauen
kann.
Erstens sind »Beherrschung der Natur« und »Bewirtschaftung des Grundeigentums«
keineswegs dasselbe. Die Beherrschung der Natur wird in der Industrie in ganz
anders kolossalem Maßstab ausgeübt als im Ackerbau, der sich bis heute
vom Wetter beherrschen lassen muß, statt das Wetter zu beherrschen.
Zweitens, wenn wir uns auf die Bewirtschaftung des Grundeigentums in größern
Strecken beschränken, so kommt es darauf an, wem dies Grundeigentum gehört.
Und da finden wir im Anfang der Geschichte aller Kulturvölker nicht den »großen
Grundherrn«, den uns Herr Dühring hier unterschiebt mit seiner gewöhnlichen
Taschenspielermanier, die er »natürliche Dialektik« nennt - sondern Stamm-
und Dorfgemeinden mit gemeinsamem Grundbesitz. Von Indien bis Irland ist die Bewirtschaftung
des Grundeigentums in größern Strecken ursprünglich durch solche
Stamm- und Dorfgemeinden vor sich gegangen, und zwar bald in gemeinschaftlicher
Bebauung des Ackerlandes für Rechnung der Gemeinde, bald in einzelnen, von
der Gemeinde den Familien auf Zeit zugeteilten Ackerparzellen bei fortdauernder
Gemeinnutzung von Wald- und Weideland. Es ist wiederum bezeichnend für »die
eindringendsten Fachstudien« des Herrn Dühring »auf dem politischen und juristischen
Gebiet«, daß er von allen diesen Dingen nichts weiß; daß seine
sämtlichen Werke eine totale Unbekanntschaft atmen mit den epochemachenden
Schriften Maurers über die ursprüngliche deutsche Markverfassung, die
Grundlage des gesamten deutschen Rechts, und mit der hauptsächlich durch
Maurer angeregten, noch stets anschwellenden Literatur, die sich mit dem Nachweis
der ursprünglichen Gemeinschaftlichkeit des Grundbesitzes bei allen europäischen
und asiatischen Kulturvölkern und mit der Darstellung seiner verschiednen
Daseins- und Auflösungsformen beschäftigt. Wie auf dem Gebiet des französischen
und englischen Rechts Herr Dühring »seine ganze Ignoranz sich selbst erworben«
hatte, so groß sie auch war, so auf dem Gebiet des deutschen Rechts seine
noch weit größere. Der Mann, der sich so gewaltig über den beschränkten
Horizont der Universitätsprofessoren erbost, er steht auf dem Gebiet des
deutschen Rechts noch heute höchstens da, wo die Professoren vor zwanzig
Jahren standen.
Es ist eine reine »freie Schöpfung und Imagination« des Herrn Dühring,
wenn er behauptet, daß zur Bewirtschaftung des Grundeigentums auf größern
Strecken Grundherrn und Knechte erforderlich gewesen seien. Im
ganzen Orient, wo die Gemeinde oder der Staat Grundeigentümer ist, fehlt
sogar das Wort Grundherr in den Sprachen, worüber sich Herr Dühring
bei den englischen Juristen Rats erholen kann, die sich in Indien ebenso umsonst
mit der Frage abquälten: wer ist Grundeigentümer? - wie weiland Fürst
Heinrich LXXII. von Reuß-Greiz-Schleiz-Lobenstein-Eberswalde mit der Frage:
wer ist Nachtwächter? Erst die Türken haben im Orient in den von ihnen
eroberten Ländern eine Art grundherrlichen Feudalismus eingerührt, Griechenland
tritt schon im Heroenzeitalter in die Geschichte ein mit einer Ständegliederung,
die selbst wieder das augenscheinliche Erzeugnis einer längern, unbekannten
Vorgeschichte ist; aber auch da wird der Boden vorwiegend von selbständigen
Bauern bewirtschaftet; die größern Güter der Edlen und Stammesfürsten
bilden die Ausnahme und verschwinden ohnehin bald nachher. Italien ist urbar gemacht
worden vorwiegend von Bauern; als in den letzten Zeiten der römischen Republik
die großen Güterkomplexe, die Latifundien, die Parzellenbauern verdrängten
und durch Sklaven ersetzten, ersetzten sie zugleich den Ackerbau durch Viehzucht
und richteten, wie schon Plinius wußte, Italien zugrunde (latifundia Italiam
perdidere). Im Mittelalter herrscht in ganz Europa (namentlich bei der Urbarmachung
von Ödland) die Bauernkultur vor, wobei es für die vorliegende Frage
gleichgültig ist, ob und welche Abgaben diese Bauern an irgendwelchen Feudalherrn
zu zahlen hatten. Die friesischen, niedersächsischen, flämischen und
niederrheinischen Kolonisten, die das den Slawen entrissene Land östlich
der Elbe in Bebauung nahmen, taten dies als freie Bauern unter sehr günstigen
Zinssätzen, keineswegs aber in »irgendeiner Art von Frondienst«. - in Nordamerika
ist bei weitem der größte Teil des Landes durch Arbeit freier Bauern
der Kultur erschlossen worden, während die großen Grundherrn des Südens
mit ihren Sklaven und ihrem Raubbau den Boden erschöpften, bis er nur noch
Tannen trug, so daß die Baumwollkultur immer weiter nach Westen wandern
mußte. In Australien und Neuseeland sind alle Versuche der englischen Regierung,
eine Bodenaristokratie künstlich herzustellen, gescheitert. Kurz, wenn wir
die tropischen und subtropischen Kolonien ausnehmen, in denen das Klima dem Europäer
die Ackerbauarbeit verbietet, erweist sich der vermittelst seiner Sklaven oder
Fronknechte die Natur seiner Herrschaft unterwerfende, den Boden urbar machende
große Grundherr als ein pures Phantasiegebilde. Im Gegenteil. Wo er im Altertum
auftritt, wie in Italien, macht er nicht Wüstland urbar, sondern verwandelt
das von Bauern urbar gemachte Ackerland in Viehweide, entvölkert und ruiniert
ganze Länder. Erst in neuerer Zeit, erst seitdem die dichtere Bevölkerung
den Bodenwert gehoben und namentlich seit die
Entwicklung der Agronomie auch schlechtern Boden verwendbarer gemacht hat - erst
da hat der große Grundbesitz angefangen, an der Urbarmachung von Ödland
und Weideland in großem Maßstab sich zu beteiligen, und das vornehmlich
durch Diebstahl am Gemeindeland der Bauern, sowohl in England wie in Deutschland.
Und auch das nicht ohne Gegengewicht. Für jeden Acker Gemeindeland, den die
großen Grundbesitzer in England urbar gemacht, haben sie in Schottland mindestens
drei Acker urbares Land in Schaftrift und zuletzt gar in bloßes Jagdrevier
für Hochwild verwandelt.
Wir haben es hier nur mit der Behauptung des Herrn Dühring zu tun, daß
die Urbarmachung größerer Landstriche, also doch wohl so ziemlich des
ganzen Kulturgebiets »nie und nirgends« anders vollzogen worden sei, als durch
große Grundherrn und Knechte - eine Behauptung, von der wir gesehn haben,
daß sie eine wahrhaft unerhörte Unkenntnis der Geschichte »zur Voraussetzung
hat«. Wir haben uns also hier weder darum zu kümmern, inwiefern zu verschiednen
Zeiten bereits ganz oder größtenteils urbare Landstriche durch Sklaven
(wie zur Blütezeit Griechenlands) oder Hörige (wie die Fronhöfe
seit dem Mittelalter) bebaut worden sind, noch darum, welches die gesellschaftliche
Funktion der großen Grundbesitzer zu verschiednen Zeiten gewesen ist.
Und nachdem Herr Dühring uns dies meisterhafte Phantasiegemälde vorgehalten,
von dem man nicht weiß, was man mehr bewundern soll, die Taschenspielerkunst
der Deduktion oder die Geschichtsfälschung - ruft er triumphierend aus:
»Selbstverständlich sind alle andern Gattungen des Verteilungsreichtums
geschichtlich auf ähnliche Weise zu erklären!«
Womit er sich natürlich die Mühe erspart, über die Entstehung
z.B. des Kapitals auch nur ein einziges weiteres Wörtchen zu verlieren.
Wenn Herr Dühring mit seiner Beherrschung des Menschen durch den Menschen
als Vorbedingung der Beherrschung der Natur durch den Menschen im allgemeinen
nur sagen will, daß unser gesamter gegenwärtiger ökonomischer
Zustand, die heute erreichte Entwicklungsstufe von Ackerbau und Industrie, das
Resultat einer sich in Klassengegensätzen, in Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnissen
abwickelnden Gesellschaftsgeschichte ist, so sagt er etwas, das seit dem »Kommunistischen
Manifest« längst Gemeinplatz geworden ist. Es kommt eben darauf an, die Entstehung
der Klassen und der Herrschaftsverhältnisse zu erklären, und wenn Herr
Dühring dafür immer nur das eine Wort »Gewalt« hat, so sind wir damit genausoweit wie am Anfang. Die einfache Tatsache,
daß die Beherrschten und Ausgebeuteten zu allen Zeiten weit zahlreicher
sind als die Herrscher und Ausbeuter, daß also die wirkliche Gewalt bei
jenen ruht, reicht allein hin, um die Torheit der ganzen Gewaltstheorie klarzustellen.
Es handelt sich also immer noch um die Erklärung der Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse.
Sie sind auf zwiefachem Wege entstanden.
Wie die Menschen ursprünglich aus dem Tierreich - im engern Sinne - heraustreten,
so treten sie in die Geschichte ein: noch halb Tiere, roh, noch ohnmächtig
gegenüber den Kräften der Natur, noch unbekannt mit ihren eignen; daher
arm wie die Tiere und kaum produktiver als sie. Es herrscht eine gewisse Gleichheit
der Lebenslage und für die Familienhäupter auch eine Art Gleichheit
der gesellschaftlichen Stellung - wenigstens eine Abwesenheit von Gesellschaftsklassen,
die noch in den naturwüchsigen, ackerbautreibenden Gemeinwesen der spätern
Kulturvölker fortdauert. In jedem solchen Gemeinwesen bestehn von Anfang
an gewisse gemeinsame Interessen, deren Wahrung einzelnen, wenn auch unter Aufsicht
der Gesamtheit, übertragen werden muß: Entscheidung von Streitigkeiten;
Repression von Übergriffen einzelner über ihre Berechtigung hinaus;
Aufsicht über Gewässer, besonders in heißen Ländern; endlich,
bei der Waldursprünglichkeit der Zustände, religiöse Funktionen.
Dergleichen Beamtungen finden sich in den urwüchsigen Gemeinwesen zu jeder
Zeit, so in den ältesten deutschen Markgenossenschaften und noch heute in
Indien. Sie sind selbstredend mit einer gewissen Machtvollkommenheit ausgerüstet
und die Anfänge der Staatsgewalt. Allmählich steigern sich die Produktivkräfte;
die dichtere Bevölkerung schafft hier gemeinsame, dort widerstreitende Interessen
zwischen den einzelnen Gemeinwesen, deren Gruppierung zu größern Ganzen
wiederum eine neue Arbeitsteilung, die Schaffung von Organen zur Wahrung der gemeinsamen,
zur Abwehr der widerstreitenden Interessen hervorruft. Diese Organe, die schon
als Vertreter der gemeinsamen Interessen der ganzen Gruppe, jedem einzelnen Gemeinwesen
gegenüber eine besondre, unter Umständen sogar gegensätzliche Stellung
haben, verselbständigen sich bald noch mehr, teils durch die, in einer Welt,
wo alles naturwüchsig hergeht, fast selbstverständlich eintretende Erblichkeit
der Amtsführung, teils durch ihre, mit der Vermehrung der Konflikte mit andern
Gruppen wachsende Unentbehrlichkeit. Wie diese Verselbständigung der gesellschaftlichen
Funktion gegenüber der Gesellschaft mit der Zeit sich bis zur Herrschaft
über die Gesellschaft steigern konnte, wie der ursprüngliche Diener,
wo die Gelegenheit günstig, sich allmählich in den
Herrn verwandelte, wie je nach den Umständen dieser Herr als orientalischer
Despot oder Satrap, als griechischer Stammesfürst, als keltischer Clanchef
usw. auftrat, wieweit er sich bei dieser Verwandlung schließlich auch der
Gewalt bediente, wie endlich die einzelnen herrschenden Personen sich zu einer
herrschenden Klasse zusammenfügten, darauf brauchen wir hier nicht einzugehn.
Es kommt hier nur darauf an, festzustellen, daß der politischen Herrschaft
überall eine gesellschaftliche Amtstätigkeit zugrunde lag; und die politische
Herrschaft hat auch dann nur auf die Dauer bestanden, wenn sie diese ihre gesellschaftliche
Amtstätigkeit vollzog. Wie viele Despotien auch über Persien und Indien
auf- oder untergegangen sind, jede wußte ganz genau, daß sie vor allem
die Gesamtunternehmerin der Berieselung der Flußtäler war, ohne die
dort kein Ackerbau möglich. Erst den aufgeklärten Engländern war
es vorbehalten, dies in Indien zu übersehn; sie ließen die Rieselkanäle
und Schleusen verfallen und entdecken jetzt endlich durch die regelmäßig
wiederkehrenden Hungersnöte, daß sie die einzige Tätigkeit vernachlässigt
haben, die ihre Herrschaft in Indien wenigstens ebenso rechtmäßig machen
könnte, wie die ihrer Vorgänger.
Neben dieser Klassenbildung ging aber noch eine andre. Die naturwüchsige
Arbeitsteilung innerhalb der ackerbauenden Familie erlaubte auf einer gewissen
Stufe des Wohlstands die Einfügung einer oder mehrerer fremden Arbeitskräfte.
Dies war besonders der Fall in Ländern, wo der alte Gemeinbesitz am Boden
bereits zerfallen oder doch wenigstens die alte gemeinsame Bebauung der Einzelbebauung
der Bodenanteile durch die entsprechenden Familien gewichen war. Die Produktion
war so weit entwickelt, daß die menschliche Arbeitskraft jetzt mehr erzeugen
konnte, als zu ihrem einfachen Unterhalt nötig war; die Mittel, mehr Arbeitskräfte
zu unterhalten, waren vorhanden; diejenigen, sie zu beschäftigen, ebenfalls;
die Arbeitskraft bekam einen Wert. Aber das eigne Gemeinwesen und der Verband,
dem es angehörte, lieferte keine disponiblen, überschüssigen Arbeitskräfte.
Der Krieg dagegen lieferte sie, und der Krieg war so alt wie die gleichzeitige
Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander. Bisher hatte man mit den
Kriegsgefangnen nichts anzufangen gewußt, sie also einfach erschlagen, noch
früher hatte man sie verspeist. Aber auf der jetzt erreichten Stufe der »Wirtschaftslage«
erhielten sie einen Wert; man ließ sie also leben und machte sich ihre Arbeit
dienstbar. So wurde die Gewalt, statt die Wirtschaftslage zu beherrschen, im Gegenteil
in den Dienst der Wirtschaftslage gepreßt. Die Sklaverei war erfunden.
Sie wurde bald die herrschende Form der Produktion bei allen, über das alte
Gemeinwesen hinaus sich entwickelnden Völkern, schließlich aber auch
eine der Haupt Ursachen ihres Verfalls. Erst
die Sklaverei machte die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Industrie auf
größerm Maßstab möglich, und damit die Blüte der alten
Welt, das Griechentum. Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische
Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage
des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir
sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und
intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei
ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt
zu sagen: Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus.
Es ist sehr wohlfeil, über Sklaverei und dergleichen in allgemeinen Redensarten
loszuziehn und einen hohen sittlichen Zorn über dergleichen Schändlichkeit
auszugießen. Leider spricht man damit weiter nichts aus als das, was jedermann
weiß, nämlich daß diese antiken Einrichtungen unsern heutigen
Zuständen und unsern durch diese Zustände bestimmten Gefühlen nicht
mehr entsprechen. Wir erfahren damit aber kein Wort darüber, wie diese Einrichtungen
entstanden sind, warum sie bestanden und welche Rolle sie in der Geschichte gespielt
haben. Und wenn wir hierauf eingehn, so müssen wir sagen, so widerspruchsvoll
und so ketzerisch das auch klingen mag, daß die Einführung der Sklaverei
unter den damaligen Umständen ein großer Fortschritt war. Es ist nun
einmal eine Tatsache, daß die Menschheit vom Tiere angefangen und daher
barbarische, fast tierische Mittel nötig gehabt hat, um sich aus der Barbarei
herauszuarbeiten. Die alten Gemeinwesen, wo sie fortbestanden, bilden seit Jahrtausenden
die Grundlage der rohesten Staatsform, der orientalischen Despotie, von Indien
bis Rußland. Nur wo sie sich auflösten, sind die Völker aus sich
selbst weiter vorangeschritten, und ihr nächster ökonomischer Fortschritt
bestand in der Steigerung und Fortbildung der Produktion vermittelst der Sklavenarbeit.
Es ist klar: solange die menschliche Arbeit noch so wenig produktiv war, daß
sie nur wenig Überschuß über die notwendigen Lebensmittel hinaus
lieferte, war Steigerung der Produktivkräfte, Ausdehnung des Verkehrs, Entwicklung
von Staat und Recht, Begründung von Kunst und Wissenschaft nur möglich
vermittelst einer gesteigerten Arbeitsteilung, die zu ihrer Grundlage haben mußte
die große Arbeitsteilung zwischen den die einfache Handarbeit besorgenden
Massen und den die Leitung der Arbeit, den Handel, die Staatsgeschäfte, und
späterhin die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft betreibenden
wenigen Bevorrechteten. Die einfachste, naturwüchsigste Form dieser Arbeitsteilung
war eben die Sklaverei. Bei den geschichtlichen Voraussetzungen der alten, speziell
der griechischen Welt konnte der Fortschritt zu
einer auf Klassengegensätzen gegründeten Gesellschaft sich nur vollziehn
in der Form der Sklaverei. Selbst für die Sklaven war dies ein Fortschritt;
die Kriegsgefangnen, aus denen die Masse der Sklaven sich rekrutierte, behielten
jetzt wenigstens das Leben, statt daß sie früher gemordet oder noch
früher gar gebraten wurden.
Fügen wir bei dieser Gelegenheit hinzu, daß alle bisherigen geschichtlichen
Gegensätze von ausbeutenden und ausgebeuteten, herrschenden und unterdrückten
Klassen ihre Erklärung finden in derselben verhältnismäßig
unentwickelten Produktivität der menschlichen Arbeit. Solange die wirklich
arbeitende Bevölkerung von ihrer notwendigen Arbeit so sehr in Anspruch genommen
wird, daß ihr keine Zeit zur Besorgung der gemeinsamen Geschäfte der
Gesellschaft - Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten, Kunst,
Wissenschaft etc. - übrigbleibt, solange mußte stets eine besondre
Klasse bestehn, die, von der wirklichen Arbeit befreit, diese Angelegenheiten
besorgte; wobei sie denn nie verfehlte, den arbeitenden Massen zu ihrem eignen
Vorteil mehr und mehr Arbeitslast aufzubürden. Erst die durch die große
Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, die
Arbeit auf alle Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die
Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend
freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft
- theoretischen wie praktischen - zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende
und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen
Entwicklung geworden, und erst jetzt auch wird sie unerbittlich beseitigt werden,
mag sie auch noch sosehr im Besitz der »unmittelbaren Gewalt« sein.
Wenn also Herr Dühring über das Griechentum die Nase rümpft,
weil es auf Sklaverei begründet war, so kann er den Griechen mit demselben
Recht den Vorwurf machen, daß sie keine Dampfmaschinen und elektrischen
Telegraphen hatten. Und wenn er behauptet, unsre moderne Lohnknechtung sei nur
als eine etwas verwandelte und gemilderte Erbschaft der Sklaverei und nicht aus
sich selbst (das heißt aus den ökonomischen Gesetzen der modernen Gesellschaft)
zu erklären, so heißt das entweder nur, daß Lohnarbeit wie Sklaverei
Formen der Knechtschaft und der Klassenherrschaft sind, was jedes Kind weiß,
oder es ist falsch. Denn mit demselben Recht könnten wir sagen, die Lohnarbeit
sei nur zu erklären als eine gemilderte Form der Menschenfresserei, der jetzt
überall festgestellten, ursprünglichen Form der Verwendung der besiegten
Feinde.
Hiernach ist es klar, welche Rolle die Gewalt in der Geschichte gegenüber
der ökonomischen Entwicklung spielt. Erstens beruht alle politische
Gewalt ursprünglich auf einer ökonomischen, gesellschaftlichen Funktion
und steigert sich in dem Maß, wie durch Auflösung der ursprünglichen
Gemeinwesen die Gesellschaftsglieder in Privatproduzenten verwandelt, also den
Verwaltern der gemeinsam-gesellschaftlichen Funktionen noch mehr entfremdet werden.
Zweitens, nachdem sich die politische Gewalt gegenüber der Gesellschaft verselbständigt,
aus der Dienerin in die Herrin verwandelt hat, kann sie in zweierlei Richtung
wirken. Entweder wirkt sie im Sinn und in der Richtung der gesetzmäßigen
ökonomischen Entwicklung. In diesem Fall besteht kein Streit zwischen beiden,
die ökonomische Entwicklung wird beschleunigt. Oder aber sie wirkt ihr entgegen,
und dann erliegt sie, mit wenigen Ausnahmen, der ökonomischen Entwicklung
regelmäßig. Diese wenigen Ausnahmen sind einzelne Fälle von Eroberung,
wo die roheren Eroberer die Bevölkerung eines Landes ausrotteten oder vertrieben
und die Produktivkräfte, mit denen sie nichts anzufangen wußten, verwüsteten
oder verkommen ließen. So die Christen im maurischen Spanien den größten
Teil der Berieselungswerke, auf denen der hochentwickelte Acker- und Gartenbau
der Mauren beruht hatte. Jede Eroberung durch ein roheres Volk stört selbstredend
die ökonomische Entwicklung und vernichtet zahlreiche Produktivkräfte.
Aber in der ungeheuren Mehrzahl der Fälle von dauernder Eroberung muß
der rohere Eroberer sich der höhern »Wirtschaftslage«, wie sie aus der Eroberung
hervorgeht, anpassen; er wird von den Eroberten assimiliert und muß meist
sogar ihre Sprache annehmen. Wo aber - abgesehn von Eroberungsfällen - die
innere Staatsgewalt eines Landes in Gegensatz tritt zu seiner ökonomischen
Entwicklung, wie das bisher auf gewisser Stufe fast für jede politische Gewalt
eingetreten ist, da hat der Kampf jedesmal geendigt mit dem Sturz der politischen
Gewalt. Ausnahmslos und unerbittlich hat die ökonomische Entwicklung sich
Bahn gebrochen - das letzte schlagendste Beispiel davon haben wir schon erwähnt:
die große französische Revolution. Hinge, nach Herrn Dührings
Lehre, die Wirtschaftslage und mit ihr die ökonomische Verfassung eines bestimmten
Landes einfach von der politischen Gewalt ab, so ist gar nicht abzusehn, warum
denn es Friedrich Wilhelm IV. nach 1848 nicht gelingen wollte, trotz seines »herrlichen
Knegsheeres«, die mittelalterlichen Zünfte und andre romantische Marotten
auf die Eisenbahnen, Dampfmaschinen und die sich eben entwickelnde große
Industrie seines Landes zu pfropfen; oder warum der Kaiser von Rußland,
der doch noch viel gewaltiger ist, nicht nur seine Schulden nicht bezahlen, sondern
nicht einmal ohne fortwährendes Anpumpen der »Wirtschaftslage« von Westeuropa
seine »Gewalt« zusammenhalten kann.
Für Herrn Dühring ist die Gewalt
das absolut Böse, der erste Gewaltsakt ist ihm der Sündenfall, seine
ganze Darstellung ist eine Jammerpredigt über die hiermit vollzogne Ansteckung
der ganzen bisherigen Geschichte mit der Erbsünde, über die schmähliche
Fälschung aller natürlichen und gesellschaftlichen Gesetze durch diese
Teufelsmacht, die Gewalt. Daß die Gewalt aber noch eine andre Rolle in der
Geschichte spielt, eine revolutionäre Rolle, daß sie, in Marx' Worten,
die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger
geht |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S 779|, daß sie das Werkzeug
ist, womit sich die gesellschaftliche Bewegung durchsetzt und erstarrte, abgestorbne
politische Formen zerbricht - davon kein Wort bei Herrn Dühring. Nur unter
Seufzen und Stöhnen gibt er die Möglichkeit zu, daß zum Sturz
der Ausbeutungswirtschaft vielleicht Gewalt nötig sein werde - leider! denn
jede Gewaltsanwendung demoralisiere den, der sie anwendet. Und das angesichts
des hohen moralischen und geistigen Aufschwungs, der die Folge jeder siegreichen
Revolution war! Und das in Deutschland, wo ein gewaltsamer Zusammenstoß,
der dem Volk ja aufgenötigt werden kann, wenigstens den Vorteil hätte,
die aus der Erniedrigung des Dreißigjährigen Kriegs in das nationale
Bewußtsein gedrungne Bedientenhaftigkeit auszutilgen. Und diese matte, saft-
und kraftlose Predigerdenkweise macht den Anspruch, sich der revolutionärsten
Partei aufzudrängen, die die Geschichte kennt?
Es sind jetzt ungefähr hundert Jahre, seit in Leipzig ein Buch erschien,
das bis Anfang dieses Jahrhunderts dreißig und einige Auflagen erlebte,
und in Stadt und Land von Behörden, Predigern, Menschenfreunden aller Art
verbreitet, verteilt und den Volksschulen allgemein als Lesebuch zugewiesen wurde.
Dieses Buch hieß: Rochows Kinderfreund. Es hatte den Zweck, die jugendlichen
Sprößlinge der Bauern und Handwerker über ihren Lebensberuf und
ihre Pflichten gegen ihre gesellschaftlichen und staatlichen Vorgesetzten zu belehren,
ingleichen ihnen eine wohltätige Zufriedenheit mit ihrem Erdenlose, mit Schwarzbrot
und Kartoffeln, Frondienst, niedrigem Arbeitslohn, väterlichen Stockprügeln,
und andern derartigen Annehmlichkeiten beizubringen, und alles das vermittelst
der damals landläufigen Aufklärung. Zu diesem Zweck wurde der Jugend
in Stadt und Land vorgehalten, welch eine weise Einrichtung der Natur es doch
sei, daß der Mensch sich seinen Lebensunterhalt
und seine Genüsse durch Arbeit erwerben müsse, und wie glücklich
sich demnach der Bauer und Handwerker zu fühlen habe, daß ihm gestattet
sei, sein Mahl durch saure Arbeit zu würzen, statt wie der reiche Prasser
an verdorbnem Magen, Gallenstockung oder Verstopfung zu laborieren und die ausgesuchtesten
Leckerbissen nur mit Widerwillen hinunterzuwürgen. Dieselben Gemeinplätze,
die der alte Rochow gut genug hielt für die kursächsischen Bauernjungen
seiner Zeit, bietet uns Herr Dühring auf Seite 14 und folgende des »Cursus«
als das »absolut Fundamentale« der neuesten politischen Ökonomie.
»Die menschlichen Bedürfnisse haben als solche ihre natürliche
Gesetzmäßigkeit und sind hinsichtlich ihrer Steigerung in Grenzen eingeschlossen,
die nur durch die Unnatur eine Zeitlang überschritten werden können,
bis aus derselben Ekel, Lebensüberdruß, Abgelebtheit, soziale Verkrüpplung
und schließlich heilsame Vernichtung folgen ... Ein aus reinen Vergnügungen
bestehendes Spielen, ohne weitern ernsten Zweck führt bald zur Blasiertheit
oder, was dasselbe ist, zum Verbrauch aller Empfindungsfähigkeit. Wirkliche
Arbeit in irgendeiner Form ist also das soziale Naturgesetz gesunder Gestalten
... Wären die Triebe und Bedürfnisse ohne ein Gegengewicht, so würden
sie kaum ein kinderhaftes Dasein, geschweige eine geschichtlich gesteigerte Lebensentwicklung
mit sich bringen. Bei voller müheloser Befriedigung würden sie sich
bald erschöpfen und ein leeres Dasein in Gestalt lästiger, bis zu ihrer
Wiederkehr verfließender Intervalle übriglassen ... In allen Beziehungen
ist also die Abhängigkeit der Betätigung der Triebe und Leidenschaften
von der Überwindung einer wirtschaftlichen Hemmung ein heilsames Grundgesetz
der äußern Natureinrichtung und der innern Menschenbeschaffenheit«
usw. usw.
Man sieht, Ehren-Rochows platteste Plattheiten feiern bei Herrn Dühring
ihr hundertjähriges Jubiläum, und das obendrein als »tiefere Grundlegung«
des einzig wahrhaft kritischen und wissenschaftlichen »sozialitären Systems«.
Nachdem der Grund also gelegt, kann Herr Dühring weiterbauen. In Anwendung
der mathematischen Methode gibt er uns zuerst, nach Vorgang des alten Euklid,
eine Reihe von Definitionen. Dies ist um so bequemer, als er seine Definitionen
gleich so einrichten kann, daß dasjenige, was mit ihrer Hülfe bewiesen
werden soll, schon teilweise in ihnen enthalten ist. So erfahren wir zunächst,
daß
der leitende Begriff der bisherigen Ökonomie sich Reichtum nennt,
und Reichtum, wie er wirklich weltgeschichtlich bis jetzt verstanden worden ist,
und sein Reich entwickelt hat, ist »die ökonomische Macht über Menschen
und Dinge«.
Dies ist doppelt unrichtig. Erstens war der Reichtum der alten Stamm- und Dorfgemeinden
keineswegs eine Herrschaft über Menschen. Und
zweitens ist auch in den, in Klassengegensätzen sich bewegenden Gesellschaften
der Reichtum, soweit er eine Herrschaft über Menschen einschließt,
vorwiegend, fast ausschließlich eine Herrschaft über Menschen vermöge
und vermittelst der Herrschaft über Dinge. Von der sehr frühen Zeit
an, wo Sklavenfängerei und Sklavenausbeutung getrennte Geschäftszweige
wurden, mußten die Ausbeuter von Sklavenarbeit die Sklaven kaufen, die Herrschaft
über den Menschen erst durch die Herrschaft über die Dinge, über
den Kaufpreis, die Unterhalts- und Arbeitsmittel des Sklaven erwerben. Im ganzen
Mittelalter ist großer Grundbesitz die Vorbedingung, vermittelst deren der
Feudaladel zu Zins- und Fronbauern kommt. Und heutzutage gar sieht selbst ein
Kind von sechs Jahren, daß der Reichtum menschenbeherrschend ist ausschließlich
vermittelst der Dinge, über die er verfügt.
Warum aber muß Herr Dühring diese falsche Definition des Reichtums
verfertigen, warum den tatsächlichen Zusammenhang, wie er in allen bisherigen
Klassengesellschaften galt, zerreißen? Um den Reichtum vom ökonomischen
Gebiet aufs moralische hinüberzuzerren. Die Herrschaft über die Dinge
ist ganz gut, aber die Herrschaft über die Menschen ist vom Übel; und
da Herr Dühring sich selbst verboten hat, die Herrschaft über die Menschen
aus der Herrschaft über die Dinge zu erklären, so kann er wieder einen
kühnen Griff tun und sie kurzerhand erklären aus der beliebten Gewalt.
Der Reichtum als menschenbeherrschender ist »der Raub«, womit wir wieder angekommen
sind bei einer verschlechterten Ausgabe des uralten Proudhonschen: »Das Eigentum
ist der Diebstahl«.
Und hiermit haben wir denn glücklich den Reichtum unter die beiden wesentlichen
Gesichtspunkte der Produktion und Verteilung gebracht: Reichtum als Herrschaft
über Dinge: Produktionsreichtum, gute Seite; als Herrschaft über Menschen:
bisheriger Verteilungsreichtum, schlechte Seite, fort damit! Auf die heutigen
Verhältnisse angewandt, lautet dies: Die kapitalistische Produktionsweise
ist ganz gut und kann bleiben, aber die kapitalistische Verteilungsweise taugt
nichts und muß abgeschafft werden. Zu solchem Unsinn führt es, wenn
man über Ökonomie schreibt, ohne auch nur den Zusammenhang von Produktion
und Verteilung begriffen zu haben.
Nach dem Reichtum wird der Wert definiert, wie folgt:
»Der Wert ist die Geltung, welche die wirtschaftlichen Dinge und Leistungen
im Verkehr haben.« Diese Geltung entspricht »dem Preise oder irgendeinem sonstigen
Äquivalentnamen, z.B. dem Lohne«.
Mit andern Worten: der Wert ist der Preis. Oder vielmehr, um Herrn Dühring
kein Unrecht zu tun und den Widersinn seiner Definition mög
lichst in seinen eignen Worten wiederzugeben: der Wert sind die Preise. Denn Seite
19 sagt er:
»der Wert und die ihn in Geld ausdrückenden Preise«,
konstatiert also selbst, daß derselbe Wert sehr verschiedne Preise und
damit auch ebensoviel verschiedne Werte hat. Wenn Hegel nicht längst verstorben
wäre, er würde sich erhängen. Diesen Wert, der soviel verschiedne
Werte ist als er Preise hat, hätte er mit aller Theologik nicht fertiggebracht.
Man muß eben wieder die Zuversichtlichkeit des Herrn Dühring besitzen,
um eine neue, tiefere Grundlegung der Ökonomie mit der Erklärung zu
eröffnen, man kenne keinen andern Unterschied zwischen Preis und Wert, als
daß der eine in Geld ausgedrückt sei und der andre nicht.
Damit wissen wir aber noch immer nicht, was der Wert ist und noch weniger,
wonach er sich bestimmt. Herr Dühring muß also mit weitern Aufklärungen
herausrücken.
»Ganz im allgemeinen liegt das Grundgesetz der Vergleichung und Schätzung,
auf welchem der Wert und die ihn in Geld ausdrückenden Preise beruhen, zunächst
im Bereich der bloßen Produktion, abgesehn von der Verteilung, die erst
ein zweites Element in den Wertbegriff bringt. Die größern oder geringern
Hindernisse, welche die Verschiedenheit der Naturverhältnisse den auf die
Beschaffung der Dinge gerichteten Bestrebungen entgegensetzt und wodurch sie zu
größern oder geringern Ausgaben an wirtschaftlicher Kraft nötigt,
bestimmt auch ... den größern oder geringern Wert«, und dieser wird
geschätzt nach dem »von der Natur und den Verhältnissen entgegengesetzten
Beschaffungswiderstand ... Der Umfang, in welchem wir unsre eigne Kraft in sie«
(die Dinge) »hineinlegten, ist die unmittelbar entscheidende Ursache der Existenz
vom Wert überhaupt und einer besondern Größe desselben.«
Soweit dies alles einen Sinn hat, heißt es: Der Wert eines Arbeitsprodukts
wird bestimmt durch die zu seiner Herstellung nötige Arbeitszeit, und das
wußten wir längst, auch ohne Herrn Dühring. Statt die Tatsache
einfach mitzuteilen, muß er sie orakelhaft verdrehn. Es ist einfach falsch,
daß der Umfang, in dem jemand seine Kraft in irgendein Ding hineinlegt (um
die hochtrabende Redensart beizubehalten), die unmittelbar entscheidende Ursache
von Wert und Wertgröße ist. Erstens kommt es drauf an, in welches Ding
die Kraft hineingelegt wird, und zweitens, wie sie hineingelegt wird. Verfertigt
unser Jemand ein Ding, das keinen Gebrauchswert für andre hat, so bringt
seine sämtliche Kraft keinen Atom Wert fertig; und steift er sich drauf,
einen Gegenstand mit der Hand herzustellen, den eine Maschine zwanzigfach wohlfeiler
herstellt, so erzeugen neunzehn Zwanzigstel seiner hineingelegten Kraft weder
Wert überhaupt noch eine besondre Größe desselben.
Ferner heißt es die Sache total verdrehn,
wenn man die produktive Arbeit, die positive Erzeugnisse schafft, in eine bloß
negative Überwindung eines Widerstands verwandelt. Wir würden dann etwa
wie folgt verfahren müssen, um zu einem Hemde zu kommen: Erstlich überwinden
wir den Widerstand des Baumwollsamens gegen das Gesätwerden und das Wachsen,
dann den der reifen Baumwolle gegen das Gepflückt-, Verpackt- und Verschicktwerden,
dann den gegen das Ausgepackt-, das Gekratzt- und Gesponnenwerden, ferner den
Widerstand des Garns gegen das Gewebtwerden, den des Gewebes gegen das Gebleicht-
und Genähtwerden und endlich den des fertigen Hemdes gegen das Angezogenwerden.
Wozu all diese kindische Verkehrung und Verkehrtheit? Um vermittelst des »Widerstandes«
vom »Produktionswert«, dem wahren, aber bis jetzt nur idealen Wert, auf den in
der bisherigen Geschichte allein geltenden, durch die Gewalt verfälschten
»Verteilungswert« zu kommen:
»Außer dem Widerstand, den die Natur leistet ... gibt es noch
ein andres, rein soziales Hindernis ... Zwischen den Menschen und die Natur tritt
eine hemmende Macht, und diese ist wiederum der Mensch. Der einzig und isoliert
Gedachte steht der Natur frei gegenüber ... Anders gestaltet sich die Situation,
sobald wir uns einen zweiten denken, der mit dem Degen in der Hand die Zugänge
zur Natur und ihren Hülfsquellen besetzt hält und für den Einlaß
in irgendeiner Gestalt einen Preis fordert. Dieser zweite ... besteuert gleichsam
den andern und ist so der Grund, daß der Wert des Erstrebten größer
ausfällt, als es ohne dies politische und gesellschaftliche Hindernis der
Beschaffung oder Produktion der Fall sein könnte ... Höchst mannigfaltig
sind die besondern Gestaltungen dieser künstlich gesteigerten Geltung der
Dinge, die natürlich in einer entsprechenden Niederdrückung der Geltung
der Arbeit ihr begleitendes Gegenstück hat ... Es ist daher eine Illusion,
den Wert von vornherein als ein Äquivalent im eigentlichen Sinne des Wortes,
d.h. ein Gleichvielgelten oder als ein nach dem Prinzip der Gleichheit von Leistung
und Gegenleistung zustande gekommnes Austauschverhältnis betrachten zu wollen
... Im Gegenteil wird das Merkmal einer richtigen Werttheorie sein, daß
die in ihr gedachte allgemeinste Schätzungsursache nicht mit der auf dem
Verteilungszwang beruhenden besondern Gestaltung der Geltung zusammenfalle. Diese
wechselt mit der sozialen Verfassung, während der eigentliche ökonomische
Wert nur ein der Natur gegenüber bemessener Produktionswert sein kann und
sich daher nur mit den reinen Produktionshindernissen natürlicher und technischer
Art ändern wird.«
Der praktisch geltende Wert einer Sache besteht also nach Herrn Dühring
aus zwei Teilen: erstens aus der in ihr enthaltnen Arbeit und zweitens aus dem
»mit dem Degen in der Hand« erzwungnen Besteuerungsaufschlag. Mit andern Worten,
der heute geltende Wert ist ein Monopolpreis. Wenn nun, nach dieser Werttheorie,
alle Waren einen solchen Monopolpreis haben, so
sind nur zwei Fälle möglich. Entweder verliert jeder als Käufer
das wieder, was er als Verkäufer gewonnen hat; die Preise haben sich zwar
dem Namen nach verändert, sind sich aber in Wirklichkeit - in ihrem gegenseitigen
Verhältnis - gleichgeblieben; alles bleibt wie es war, und der vielberühmte
Verteilungswert ist bloßer Schein. - Oder aber, die angeblichen Besteuerungsaufschläge
repräsentieren eine wirkliche Wertsumme, nämlich diejenige, die von
der arbeitenden, werterzeugenden Klasse produziert, aber von der Monopolistenklasse
angeeignet wird, und dann besteht diese Wertsumme einfach aus unbezahlter Arbeit;
in diesem Fall kommen wir, trotz dem Mann mit dem Degen in der Hand, trotz der
angeblichen Besteuerungsaufschläge und dem behaupteten Verteilungswert wieder
an - bei der Marxschen Theorie vom Mehrwert.
Sehn wir uns jedoch um nach einigen Exempeln des vielberühmten »Verteilungswerts«.
Da heißt es Seite 135 und folgende:
»Es ist auch die Preisgestaltung vermöge der individuellen Konkurrenz
als eine Form der ökonomischen Verteilung und der gegenseitigen Tributauferlegung
zu betrachten ... man denke sich den Vorrat irgendeiner notwendigen Ware plötzlich
bedeutend verringert, so entsteht auf seiten der Verkäufer eine unverhältnismäßige
Macht zur Ausbeutung ... wie die Steigerung ins Kolossale gehn kann, zeigen besonders
diejenigen abnormen Lagen, in denen die Zufuhr notwendiger Artikel für eine
längere Dauer abgeschnitten ist« usw. außerdem gebe es auch im normalen
Lauf der Dinge faktische Monopole, die eine willkürliche Preissteigerung
erlauben, z.B. Eisenbahnen, Gesellschaften zur Versorgung der Städte mit
Wasser und Leuchtgas usw.
Daß solche Gelegenheiten monopolistischer Ausbeutung vorkommen, ist altbekannt.
Daß aber die durch sie erzeugten Monopolpreise nicht als Ausnahmen und Spezialfälle,
sondern grade als klassische Exempel der heute gültigen Feststellung der
Werte gelten sollen, das ist neu. Wie bestimmen sich die Preise der Lebensmittel?
Geht in eine belagerte Stadt, wo die Zufuhr abgeschnitten ist, und erkundigt euch!
antwortet Herr Dühring. Wie wirkt die Konkurrenz auf die Feststellung der
Marktpreise? Fragt das Monopol, es wird euch Rede stehn!
Übrigens ist auch bei diesen Monopolen der Mann mit dem Degen in der Hand,
der hinter ihnen stehn soll, nicht zu entdecken. Im Gegenteil: in belagerten Städten
pflegt der Mann mit dem Degen, der Kommandant, wenn er seine Schuldigkeit tut,
sehr rasch dem Monopol ein Ende zu machen und die Monopolvorräte zum Zweck
gleichmäßiger Verteilung mit Beschlag zu belegen. Und im übrigen
haben die Männer mit dem Degen, sobald sie versuchten, einen »Verteilungswert«
zu fabrizieren, nichts geerntet als schlechte Geschäfte und Geldverlust.
Die Holländer haben mit ihrer Monopolisierung
des ostindischen Handels ihr Monopol und ihren Handel zugrunde gerichtet. Die
beiden stärksten Regierungen, die je bestanden, die nordamerikanische Revolutionsregierung
und der französische Nationalkonvent, vermaßen sich, Maximalpreise
festsetzen zu wollen, und scheiterten elendiglich. Die russische Regierung arbeitet
nun seit Jahren daran, den Kurs des russischen Papiergeldes, den sie durch fortwährende
Ausgabe von uneinlösbaren Banknoten in Rußland drückt, in London
durch ebenso fortwährende Ankäufe von Wechseln auf Rußland emporzutreiben.
Sie hat sich dies Vergnügen in wenigen Jahren an die sechzig Millionen Rubel
kosten lassen, und der Rubel steht jetzt unter zwei, statt über drei Mark.
Wenn der Degen die ihm von Herrn Dühring zugeschriebne ökonomische Zaubermacht
hat, warum hat denn keine Regierung es fertigbringen können, schlechtem Geld
auf die Dauer den »Verteilungswert« von gutem, oder Assignaten denjenigen von
Gold aufzuzwingen? Und wo ist der Degen, der auf dem Weltmarkt das Kommando führt?
Weiter gibt es noch eine Hauptform, in der der Verteilungswert die Aneignung
von Leistungen andrer ohne Gegenleistung vermittelt: die Besitzrente, das heißt
die Bodenrente und der Kapitalgewinn. Wir registrieren dies einstweilen bloß,
um sagen zu können, daß dies alles ist, was wir über den berühmten
»Verteilungswert« erfahren. - Alles? Doch nicht ganz alles. Hören wir:
»Ungeachtet des zweifachen Gesichtspunktes, welcher in der Erkenntnis
eines Produktions- und eines Verteilungswerts hervortritt, bleibt dennoch stets
ein gemeinsames Etwas als derjenige Gegenstand zugrunde liegen,
aus welchem alle Werte bestehn und mit welchem sie daher auch gemessen
werden. Das unmittelbare, natürliche Maß ist der Kraftaufwand und die
einfachste Einheit die Menschenkraft im rohesten Sinne des Wortes. Die letztere
führt sich auf die Existenzzeit zurück, deren Selbstunterhaltung
wiederum die Überwindung einer gewissen Summe von Ernährungs- und Lebensschwierigkeiten
darstellt. Der Verteilungs- oder Aneignungswert ist rein und ausschließlich
nur da vorhanden, wo die Verfügungsmacht über unproduzierte Dinge oder,
gewöhnlicher geredet, diese Dinge selbst gegen Leistungen oder Sachen von
wirklichem Produktionswert ausgewechselt werden. Das Gleichartige, wie es sich
in jedem Wertausdruck und daher auch in den durch Verteilung ohne Gegenleistung
angeeigneten Wertbestandteilen angezeigt und vertreten findet, besteht in dem
Aufwand an Menschenkraft, die sich ... in jeder Ware ... verkörpert findet.«
Was sollen wir nun hierzu sagen? Wenn alle Warenwerte gemessen werden an dem
in den Waren verkörperten Aufwand von Menschenkraft - wo bleibt da der Verteilungswert,
der Preisaufschlag, die Bezollung? Herr Dühring sagt uns zwar, daß
auch unproduzierte, also eines eigentlichen Werts
unfähige Dinge einen Verteilungswert erhalten und gegen produzierte, werthabende
Dinge ausgetauscht werden können. Er sagt aber gleichzeitig, daß alle
Werte, also auch die reinen und ausschließlichen Verteilungswerte, bestehn
in dem in ihnen verkörperten Kraftaufwand. Wobei wir leider nicht erfahren,
wie in einem unproduzierten Ding ein Kraftaufwand sich verkörpern soll. Jedenfalls
scheint bei all diesem Durcheinander von Werten schließlich soviel klar,
daß es mit dem Verteilungswert, mit dem durch die soziale Position erzwungnen
Preisaufschlag auf die Waren, mit der Bezollung vermittelst des Degens wieder
nichts ist; die Warenwerte werden bestimmt, einzig durch den Aufwand von Menschenkraft,
vulgo Arbeit, die sich in ihnen verkörpert findet? Herr Dühring sagt
also, abgesehn von der Bodenrente und den paar Monopolpreisen, dasselbe, nur liederlicher
und konfuser, was die verschriene Ricardo-Marxsche Werttheorie längst weit
bestimmter und klarer gesagt hat?
Er sagt es, und er sagt im selben Atem das Gegenteil. Marx, von den Untersuchungen
Ricardos ausgehend, sagt: Der Warenwert wird bestimmt durch die in den Waren verkörperte
gesellschaftlich notwendige, allgemein menschliche Arbeit, die wieder nach ihrer
Zeitdauer gemessen wird. Die Arbeit ist das Maß aller Werte, sie selbst
aber hat keinen Wert. Herr Dühring, nachdem er in seiner loddrigen Weise
ebenfalls die Arbeit als Wertmaß hingestellt hat, fährt fort:
sie »führt sich auf die Existenzzeit zurück, deren Selbstunterhaltung
wiederum die Überwindung einer gewissen Summe von Ernährungs- und Lebensschwierigkeiten
darstellt«.
Vernachlässigen wir die auf purer Originalitätssucht beruhende Verwechslung
der Arbeitszeit, auf die es hier allein ankommt, mit der Existenzzeit, die bisher
noch nie Werte geschaffen oder gemessen hat. Vernachlässigen wir auch den
falschen »sozialitären« Schein, den die »Selbstunterhaltung« dieser
Existenzzeit hineinbringen soll; solange die Welt bestanden hat und bestehn wird,
muß jeder sich in dem Sinne selbst unterhalten, daß er seine Unterhaltsmittel
selbst verzehrt. Nehmen wir an, Herr Dühring habe sich ökonomisch
und präzis ausgedrückt, so heißt obiger Satz entweder gar nichts,
oder er heißt: Der Wert einer Ware wird bestimmt durch die in ihr verkörperte
Arbeitszeit, und der Wert dieser Arbeitszeit durch die zur Erhaltung des Arbeiters
für diese Zeit erforderlichen Lebensmittel. Und das heißt für
die heutige Gesellschaft; der Wert einer Ware wird bestimmt durch den in ihr enthaltenen
Arbeitslohn.
Hiermit sind wir endlich angekommen bei dem, was Herr Dühring
eigentlich sagen will. Der Wert einer Ware bestimmt sich, nach vulgärökonomischer
Redeweise, durch die Herstellungskosten;
wogegen Carey »die Wahrheit hervorhob, daß nicht die Produktionskosten,
sondern die Reproduktionskosten den Wert bestimmen« (»Kritische Geschichte« Seite
401).
Was es mit diesen Herstellungs- oder Wiederherstellungskosten auf sich hat,
davon später; hier nur dies, daß sie bekanntlich bestehn aus Arbeitslohn
und Kapitalprofit. Der Arbeitslohn stellt dar den in der Ware verkörperten
»Kraftaufwand«, den Produktionswert. Der Profit stellt dar den vom Kapitalisten
kraft seines Monopols, seines Degens in der Hand erzwungnen Zoll oder Preisaufschlag,
den Verteilungswert. Und so löst sich die ganze widerspruchsvolle Verwirrung
der Dühringschen Werttheorie schließlich auf in die schönste harmonische
Klarheit.
Die Bestimmung des Warenwertes durch den Arbeitslohn, die bei Adam Smith noch
häufig mit der Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit durcheinanderläuft,
ist seit Ricardo aus der wissenschaftlichen Ökonomie verbannt und treibt
heutzutage ihr Wesen nur noch in der Vulgärökonomie. Es sind grade die
allerplattsten Sykophanten der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung,
die die Wertbestimmung durch den Arbeitslohn predigen, und dabei gleichzeitig
den Profit des Kapitalisten ebenfalls als eine höhere Art von Arbeitslohn,
als Entsagungslohn (dafür daß der Kapitalist sein Kapital nicht verjubelt
hat), als Risikoprämie, als Geschäftsführungslohn usw. ausgeben.
Herr Dühring unterscheidet sich von ihnen nur dadurch, daß er den Profit
für Raub erklärt. Mit andern Worten, Herr Dühring begründet
seinen Sozialismus direkt auf die Lehren der schlechtesten Sorte Vulgärökonomie.
Soviel an dieser Vulgärökonomie, genausoviel ist an seinem Sozialismus.
Beide stehn und fallen miteinander.
Es ist doch klar: was ein Arbeiter leistet und was er kostet, sind ebenso verschiedne
Dinge, wie was eine Maschine leistet und was sie kostet. Der Wert, den ein Arbeiter
in einem Arbeitstage von zwölf Stunden schafft, hat gar nichts gemein mit
dem Wert der Lebensmittel, die er in diesem Arbeitstage und der dazu gehörenden
Ruhepause verzehrt. In diesen Lebensmitteln mag eine drei-, vier-, siebenstündige
Arbeitszeit verkörpert sein, je nach dem Entwicklungsgrad der Ergiebigkeit
der Arbeit. Nehmen wir an, es seien sieben Arbeitsstunden zu ihrer Herstellung
nötig gewesen, so besagt die von Herrn Dühring angenommene vulgärökonomische
Werttheorie, daß das Produkt von zwölf Arbeitsstunden den Wert des
Produkts von sieben Arbeitsstunden hat, daß zwölf Arbeitsstunden gleich
sind sieben Arbeitsstunden, oder daß 12 = 7. Um noch deutlicher zu sprechen:
Ein Arbeiter auf dem Lande, gleichviel unter welchen
gesellschaftlichen Verhältnissen, produziert eine Getreidesumme meinetwegen
von zwanzig Hektoliter Weizen im Jahr. Er verbraucht während dieser Zeit
eine Summe von Werten, die sich in einer Summe von fünfzehn Hektoliter Weizen
ausdrückt. Dann haben die zwanzig Hektoliter Weizen denselben Wert wie die
fünfzehn, und das auf demselben Markt und unter sonst sich vollständig
gleichbleibenden Umständen, mit andern Worten, 20 sind gleich 15. Und das
nennt sich Ökonomie!
Alle Entwicklung der menschlichen Gesellschaft über die Stufe tierischer
Wildheit hinaus fängt an von dem Tage, wo die Arbeit der Familie mehr Produkte
schuf, als zu ihrem Unterhalt notwendig waren, von dem Tage, wo ein Teil der Arbeit
auf die Erzeugung nicht mehr von bloßen Lebensmitteln, sondern von Produktionsmitteln
verwandt werden konnte. Ein Überschuß des Arbeitsprodukts über
die Unterhaltungskosten der Arbeit, und die Bildung und Vermehrung eines gesellschaftlichen
Produktions- und Reservefonds aus diesem Überschuß, war und ist die
Grundlage aller gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Fortentwicklung.
In der bisherigen Geschichte war dieser Fonds das Besitztum einer bevorzugten
Klasse, der mit diesem Besitztum auch die politische Herrschaft und die geistige
Führung zufielen. Die bevorstehende soziale Umwälzung wird diesen gesellschaftlichen
Produktions- und Reservefonds, das heißt die Gesamtmasse der Rohstoffe,
Produktionsinstrumente und Lebensmittel, erst wirklich zu einem gesellschaftlichen
machen, indem sie ihn der Verfügung jener bevorzugten Klasse entzieht, und
ihn der ganzen Gesellschaft als Gemeingut überweist.
Von zwei Dingen eins. Entweder bestimmt sich der Wert der Waren durch die Unterhaltskosten
der zu ihrer Herstellung nötigen Arbeit, d.h. in der heutigen Gesellschaft
durch den Arbeitslohn. Dann erhält jeder Arbeiter in seinem Lohn den Wert
seines Arbeitsprodukts, dann ist eine Ausbeutung der Klasse der Lohnarbeiter
durch die Klasse der Kapitalisten eine Unmöglichkeit. Gesetzt, die Unterhaltungskosten
eines Arbeiters seien in einer gegebnen Gesellschaft durch die Summe von drei
Mark ausgedrückt. Dann hat das Tagesprodukt des Arbeiters nach der obigen
vulgärökonomischen Theorie den Wert von drei Mark. Nehmen wir nun an,
der Kapitalist, der diesen Arbeiter beschäftigt, schlage auf dies Produkt
einen Profit, eine Bezollung von einer Mark und verkaufe es für vier Mark.
Dasselbe tun die andern Kapitalisten. Alsdann aber kann der Arbeiter seinen täglichen
Unterhalt nicht mehr mit drei Mark bestreiten, sondern braucht dazu ebenfalls
vier Mark. Da alle andern Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt
sind, so muß der in Lebensmitteln ausgedrückte Arbeitslohn derselbe
bleiben, der in Geld ausgedrückte Arbeitslohn muß also steigen, und
zwar von drei auf vier Mark täglich. Was die Kapitalisten in der Gestalt
von Profit der Arbeiterklasse entziehn, müssen sie ihr in der Gestalt von
Lohn wiedergeben. Wir sind genau so weit wie am Anfang; wenn der Arbeitslohn den
Wert bestimmt, ist keine Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten möglich.
Es ist aber auch die Bildung eines Überschusses von Produkten unmöglich,
denn die Arbeiter verzehren nach unsrer Voraussetzung genausoviel Wert, wie sie
erzeugen. Und da die Kapitalisten keinen Wert erzeugen, ist sogar nicht einmal
abzusehn, wovon sie leben wollen. Und wenn nun ein solcher Überschuß
der Produktion über die Konsumtion, ein solcher Produktions- und Reservefonds
dennoch besteht, und zwar in den Händen der Kapitalisten, so bleibt keine
andre Erklärung möglich, als daß die Arbeiter bloß den Wert
der Waren zu ihrer Selbstunterhaltung verzehren, die Waren selbst aber den Kapitalisten
zum weitern Gebrauch überlassen haben.
Oder aber: wenn dieser Produktions- und Reservefonds in den Händen der
Kapitalistenklasse tatsächlich besteht, wenn er tatsächlich durch Aufhäufung
von Profit entstanden ist (die Bodenrente lassen wir hier einstweilen aus dem
Spiel): so besteht er notwendig aus dem aufgehäuften Überschuß
des der Kapitalistenklasse von der Arbeiterklasse gelieferten Arbeitsprodukts
über die der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse gezahlte Summe Arbeitslohn.
Dann bestimmt sich aber der Wert nicht durch den Arbeitslohn, sondern durch die
Arbeitsmenge; dann liefert die Arbeiterklasse der Kapitalistenklasse im Arbeitsprodukt
eine größere Wertmenge, als sie von ihr im Arbeitslohn bezahlt erhält,
und dann erklärt sich der Kapitalprofit, wie alle andern Formen der Aneignung
fremden, unbezahlten Arbeitsprodukts, als bloßer Bestandteil dieses von
Marx entdeckten Mehrwerts.
Beiläufig. Von der großen Entdeckung, mit der Ricardo sein Hauptwerk
eröffnet:
»Daß der Wert einer Ware abhängt von der zu ihrer Herstellung
nötigen Arbeitsmenge, nicht aber von der für diese Arbeit gezahlten
höhern oder niedrigern Vergütung« -
von dieser epochemachenden Entdeckung ist im ganzen »Cursus« der Ökonomie
nirgends die Rede. In der »Kritischen Geschichte« wird sie mit der orakelhaften
Phrase abgefertigt:
»Es wird« (von Ricardo) »nicht bedacht, daß ein größeres
oder geringeres Verhältnis, in welchem der Lohn eine Anweisung auf die Lebensbedürfnisse
sein kann (!), auch eine verschiedenartige Gestaltung der Wertverhältnisse
... mit sich bringen muß!«
Eine Phrase, wobei sich der Leser denken kann,
was er will, und wobei er am sichersten geht, wenn er sich gar nichts dabei denkt.
Und nun möge der Leser sich von den fünf Sorten Wert, mit denen Herr
Dühring uns aufwartet, selber diejenige aussuchen, die ihm am besten gefällt:
den Produktionswert, der von Natur kommt, oder den Verteilungswert, den die Schlechtigkeit
der Menschen geschaffen hat und der sich dadurch auszeichnet, daß er nach
dem Kraftaufwand gemessen wird, der nicht in ihm steckt; oder drittens den Wert,
der durch die Arbeitszeit gemessen wird, oder viertens den, der durch die Reproduktionskosten,
oder endlich den, der durch den Arbeitslohn gemessen wird. Die Auswahl ist reichlich,
die Konfusion vollkommen, und es bleibt uns nur noch übrig, mit Herrn Dühring
auszurufen:
»Die Lehre vom Wert ist der Probierstein der Gediegenheit ökonomischer
Systeme!«
VI. Einfache und zusammengesetzte Arbeit
Einen ganz groben ökonomischen Quartanerschnitzer, der zugleich eine gemeingefährliche
sozialistische Ketzerei in sich schließt, hat Herr Dühring bei Marx entdeckt.
Die Marxsche Werttheorie ist »nichts weiter als die gewöhnliche
... Lehre, daß die Arbeit Ursache aller Werte und die Arbeitszeit das Maß
derselben sei. In völliger Unklarheit verbleibt hierbei die Vorstellung von
der Art, wie man den unterschiedlichen Wert der sogenannten qualifizierten Arbeit
denken solle... Allerdings kann auch nach unserer Theorie nur die verwendete Arbeitszeit
die natürlichen Selbstkosten und mithin den absoluten Wert der wirtschaftlichen
Dinge messen; aber hierbei wird die Arbeitszeit eines jeden von vornherein völlig
gleichzuachten sein, und man wird nur zuzusehn haben, wo bei qualifiziertern Leistungen
zu der individuellen Arbeitszeit des einzelnen noch diejenige andrer Personen
... etwa in dem gebrauchten Werkzeug, mitwirkt. Es ist also nicht, wie sich Herr
Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert als die einer
andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit gleichsam verdichtet
wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell, also ohne
daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen gleichwertig,
und man hat nur bei den Leistungen einer Person, ebenso wie bei jedem fertigen
Erzeugnis zuzusehn, wieviel Arbeitszeit andrer Personen in der Anwendung scheinbar
bloß eigner Arbeitszeit verdeckt sein möge. Ob es ein Produktionswerkzeug
der Hand oder die Hand, ja der Kopf selbst ist, was nicht ohne andrer Leute Arbeitszeit
die besondre Eigenschaft und Leistungsfähigkeit erhalten konnte, darauf kommt
für die strenge Gültigkeit der Theorie nicht das mindeste an. Herr Marx
wird aber in seinen Auslassungen über den Wert das im Hintergrund spukende
Gespenst einer qualifizier ten Arbeitszeit nicht
los. In dieser Richtung durchzugreifen, hat ihn die überkommne Denkweise
der gelehrten Klassen gehindert, der es als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen
muß, die Arbeitszeit des Karrenschiebers und diejenige des Architekten an
sich als ökonomisch völlig gleichwertig anzuerkennen.«
Die Stelle bei Marx, die diesen »gewaltigem Zorn«des Herrn Dühring veranlaßt,
ist sehr kurz. Marx untersucht, wodurch der Wert der Waren bestimmt wird, und
antwortet: Durch die in ihnen enthaltene menschliche Arbeit. Diese, fährt
er fort, »ist Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder gewöhnliche
Mensch ohne besondre Entwicklung in seinem leiblichen Organismus besitzt ... Kompliziertere
Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit,
so daß ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größern
Quantum einfacher Arbeit. Daß diese Reduktion beständig vorgeht, zeigt
die Erfahrung. Eine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr
Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur
ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar. Die verschiednen Proportionen, worin
verschiedne Arbeitsarten auf einfache Arbeit als ihre Maßeinheit reduziert
sind, werden durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken
der Produzenten festgesetzt, und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben.«
|Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 59|
Es handelt sich hier bei Marx zunächst nur um die Bestimmung des Werts
von Waren, also von Gegenständen, die innerhalb einer aus Privatproduzenten
bestehenden Gesellschaft, von diesen Privatproduzenten für Privatrechnung
produziert und gegeneinander ausgetauscht werden. Es handelt sich hier also keineswegs
um den »absoluten Wert«, wo dieser auch immer sein Wesen treiben möge, sondern
um den Wert, der in einer bestimmten Gesellschaftsform Geltung hat. Dieser Wert,
in dieser bestimmten geschichtlichen Fassung, erweist sich als geschaffen und
gemessen durch die in den einzelnen Waren verkörperte menschliche Arbeit,
und diese menschliche Arbeit erweist sich weiterhin als Verausgabung einfacher
Arbeitskraft. Nun ist aber nicht jede Arbeit eine bloße Verausgabung von
einfacher menschlicher Arbeitskraft; sehr viele Gattungen von Arbeit schließen
die Anwendung von mit mehr oder weniger Mühe, Zeit- und Geldaufwand erworbnen
Geschicklichkeiten oder Kenntnissen in sich ein. Erzeugen diese Arten von zusammengesetzter
Arbeit in gleichen Zeiträumen denselben Warenwert wie die einfache Arbeit,
die Verausgabung von bloßer einfacher Arbeitskraft? Augenscheinlich nein.
Das Produkt der Stunde zusammen gesetzter Arbeit
ist eine Ware von höherm, doppeltem oder dreifachem Wert, verglichen mit
dem Produkt der Stunde einfacher Arbeit. Der Wert der Erzeugnisse der zusammengesetzten
Arbeit wird durch diese Vergleichung ausgedrückt in bestimmten Mengen einfacher
Arbeit; aber diese Reduktion der zusammengesetzten Arbeit vollzieht sich durch
einen gesellschaftlichen Prozeß, hinter dem Rücken der Produzenten,
durch einen Vorgang, der hier, bei der Entwicklung der Werttheorie, nur festzustellen,
aber noch nicht zu erklären ist.
Diese einfache, in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft sich täglich
vor unsern Augen vollziehende Tatsache ist es, die Marx hier konstatiert. Diese
Tatsache ist so unbestreitbar, daß selbst Herr Dühring sie weder in
seinem »Cursus« noch in seiner Geschichte der Ökonomie zu bestreiten wagt;
und die Marxsche Darstellung ist so einfach und durchsichtig, daß sicher
niemand »in völliger Unklarheit hierbei verbleibt« außer Herrn Dühring.
Vermittelst dieser seiner völligen Unklarheit versieht er den Warenwert,
mit dessen Untersuchung sich Marx zunächst allein beschäftigt, für
»die natürlichen Selbstkosten«, die die Unklarheit nur noch völliger
machen, und gar für den »absoluten Wert«, der bisher in der Ökonomie
unsres Wissens nirgendwo Kurs hatte. Was aber Herr Dühring auch unter den
natürlichen Selbstkosten verstehn und welche seiner fünf Arten Wert
auch die Ehre haben möge, den absoluten Wert vorzustellen, soviel ist sicher,
daß von allen diesen Dingen bei Marx nicht die Rede ist, sondern nur vom
Warenwert; und daß in dem ganzen Abschnitt des »Kapital« über den Wert
auch nicht die geringste Andeutung darüber vorkommt, ob oder in welcher Ausdehnung
Marx diese Theorie des Warenwerts auch auf andre Gesellschaftsformen anwendbar
hält.
Es ist also nicht, fährt Herr Dühring fort, »es ist also nicht,
wie sich Herr Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit jemandes an sich mehr
wert, als die einer andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeit gleichsam
verdichtet wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell,
also ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen
gleichwertig«.
Es ist ein Glück für Herrn Dühring, daß ihn das Schicksal
nicht zum Fabrikanten gemacht und ihn so davor bewahrt hat, den Wert seiner Waren
nach dieser neuen Regel anzusetzen und damit dem Bankrott unfehlbar in die Arme
zu laufen. Doch wie! Befinden wir uns hier denn noch in der Gesellschaft der Fabrikanten?
Keineswegs. Mit den natürlichen Selbstkosten und dem absoluten Wert hat uns
Herr Dühring einen Sprung machen lassen, einen wahren Salto mortale aus der
gegenwärtigen schlechten Welt der Ausbeuter in seine eigne Wirtschaftskommune
der Zukunft, in die reine Himmelsluft der Gleichheit
und Gerechtigkeit, und wir müssen uns also diese neue Welt, wenn auch vorzeitig,
hier schon ein wenig ansehn.
Allerdings kann, nach Herrn Dührings Theorie, auch in der Wirtschaftskommune
nur die verwendete Arbeitszeit den Wert der wirtschaftlichen Dinge messen, aber
hierbei wird die Arbeitszeit eines jeden von vornherein völlig gleichzuachten
sein, alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell vollkommen gleichwertig,
und zwar ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte. Und
nun halte man gegen diesen radikalen Gleichheitssozialismus die nebelhafte Vorstellung
von Marx, als sei die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert als die einer andern
Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit verdichtet sei, eine Vorstellung,
in der ihn die überkommne Denkweise der gelehrten Klassen befangen hält,
der es als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen muß, die Arbeitszeit des Karrenschiebers
und die des Architekten als ökonomisch völlig gleichwertig anzuerkennen!
Leider macht Marx zu der oben angeführten Stelle im »Kapital« die kleine
Anmerkung: »Der Leser muß aufmerken, daß hier nicht vom Lohn oder
Wert die Rede ist, den der Arbeiter etwa für einen Arbeitstag erhält,
sondern vom Warenwert, worin sich sein Arbeitstag vergegenständlicht.«
|Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 59, alle Hervorhebungen von Engels|
Marx, der hier seinen Dühring vorhergeahnt zu haben scheint, verwahrt sich
also selbst dagegen, daß man seine obigen Sätze auch nur auf den in
der heutigen Gesellschaft für zusammengesetzte Arbeit etwa zu zahlenden Lohn
anwende. Und wenn Herr Dühring, nicht zufrieden damit, dies dennoch zu tun,
jene Sätze für die Grundsätze ausgibt, nach denen Marx die Verteilung
der Lebensmittel in der sozialistisch organisierten Gesellschaft geregelt wissen
wolle, so ist das eine Schamlosigkeit der Unterschiebung, die nur in der Revolverliteratur
ihresgleichen findet.
Doch besehn wir uns die Gleichwertigkeitslehre etwas näher. Alle Arbeitszeit
ist vollkommen gleichwertig, die des Karrenschiebers und die des Architekten.
Also hat die Arbeitszeit, und damit die Arbeit selbst, einen Wert. Die Arbeit
aber ist die Erzeugerin aller Werte. Sie allein ist es, die den vorgefundnen Naturprodukten
einen Wert im ökonomischen Sinne gibt. Der Wert selbst ist nichts andres,
als der Ausdruck der in einem Ding vergegenständlichten, gesellschaftlich
notwendigen menschlichen Arbeit. Die Arbeit kann also keinen Wert haben.
Ebensogut wie von einem Wert der Arbeit sprechen und ihn bestimmen wollen, ebensogut
könnte man vom Wert des Werts sprechen oder das Gewicht, nicht eines schweren
Körpers, sondern der Schwere selbst bestimmen
wollen. Herr Dühring fertigt Leute wie Owen, Saint-Simon und Fourier ab mit
dem Titel: soziale Alchimisten. Indem er über den Wert der Arbeitszeit, d.h.
der Arbeit spintisiert, beweist er, daß er noch tief unter den wirklichen
Alchimisten steht. Und nun ermesse man die Kühnheit, mit der Herr Dühring
Marx die Behauptung in die Schuhe schiebt, als sei die Arbeitszeit jemandes an
sich mehr wert, als die einer andern Person, als habe die Arbeitszeit, also die
Arbeit, einen Wert - Marx, der zuerst entwickelt hat, daß und warum die
Arbeit keinen Wert haben kann!
Für den Sozialismus, der die menschliche Arbeitskraft von ihrer Stellung
als Ware emanzipieren will, ist die Einsicht von hoher Wichtigkeit, daß
die Arbeit keinen Wert hat, keinen haben kann. Mit ihr fallen alle Versuche, die
sich aus dem naturwüchsigen Arbeitersozialismus auf Herrn Dühring vererbt
haben, die künftige Verteilung der Existenzmittel als eine Art höhern
Arbeitslohns zu regulieren. Aus ihr folgt die weitere Einsicht, daß die
Verteilung, soweit sie durch rein ökonomische Rücksichten beherrscht
wird, sich regeln wird durch das Interesse der Produktion, und die Produktion
wird gefördert am meisten durch eine Verteilungsweise, die allen Gesellschaftsgliedern
erlaubt, ihre Fähigkeiten möglichst allseitig auszubilden, zu erhalten
und auszuüben. Der dem Herrn Dühring überkommnen Denkweise der
gelehrten Klassen muß es allerdings als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen,
daß es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession
mehr geben soll und daß der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt
Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Tätigkeit
als Architekt wieder in Anspruch genommen wird. Ein schöner Sozialismus,
der die Karrenschieber von Profession verewigt!
Soll die Gleichwertigkeit der Arbeitszeit den Sinn haben, daß jeder Arbeiter
in gleichen Zeiträumen gleiche Werte produziert, ohne daß man erst
einen Durchschnitt zu nehmen hätte, so ist das augenscheinlich falsch. Bei
zwei Arbeitern, auch desselben Geschäftszweigs, wird sich das Wertprodukt
der Arbeitsstunde immer nach Intensität der Arbeit und Geschicklichkeit verschieden
stellen; diesem Übelstand, der indes nur für Leute à la Dühring
einer ist, kann nun einmal keine Wirtschaftskommune, wenigstens nicht auf unsrem
Weltkörper, abhelfen. Was bleibt also von der ganzen Gleichwertigkeit aller
und jeder Arbeit? Nichts als die pure renommistische Phrase, die keine andre ökonomische
Unterlage hat, als die Unfähigkeit des Herrn Dühring, zu unterscheiden
zwischen Bestimmung des Werts durch die Arbeit und Bestimmung des Werts durch
den Arbeitslohn - nichts als der Ukas, das Grundgesetz
der neuen Wirtschaftskommune: Der Arbeitslohn für gleiche Arbeitszeit soll
gleich sein! Da hatten die alten französischen Arbeiterkommunisten und Weitling
doch weit bessere Gründe für ihre Lohngleichheit.
Wie löst sich nun die ganze wichtige Frage von der höhern Löhnung
der zusammengesetzten Arbeit? in der Gesellschaft von Privatproduzenten bestreiten
die Privatleute oder ihre Familien die Kosten der Ausbildung des gelernten Arbeiters;
den Privaten fällt daher auch zunächst der höhere Preis der gelernten
Arbeitskraft zu: der geschickte Sklave wird teurer verkauft, der geschickte Lohnarbeiter
höher gelohnt. In der sozialistisch organisierten Gesellschaft bestreitet
die Gesellschaft diese Kosten, ihr gehören daher auch die Früchte, die
erzeugten größern Werte der zusammengesetzten Arbeit. Der Arbeiter
selbst hat keinen Mehranspruch. Woraus nebenbei noch die Nutzanwendung folgt,
daß es mit dem beliebten Anspruch des Arbeiters auf »den vollen Arbeitsertrag«
doch auch manchmal seinen Haken hat.
»Vom Kapital hegt Herr Marx zunächst nicht den gemeingültigen
ökonomischen Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel ist, sondern
versucht es, eine speziellere, dialektisch-historische, in das Metamorphosenspiel
der Begriffe und der Geschichte eingehende Idee aufzureiben. Das Kapital soll
sich aus dem Gelde erzeugen; es soll eine historische Phase bilden, die mit dem
16. Jahrhundert, nämlich mit den für diese Zeit vorausgesetzten Anfängen
zu einem Weltmarkt, beginnt. Offenbar geht nun bei einer solchen Begriffsfassung
die Schärfe der volkswirtschaftlichen Analyse verloren. In solchen wüsten
Konzeptionen, die halb geschichtlich und halb logisch sein sollen, in der Tat
aber nur Bastarde historischer und logischer Phantastik sind, geht das Unterscheidungsvermögen
des Verstandes samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch unter« -
und so wird eine ganze Seite fortschwadroniert ...
»mit der Marxschen Kennzeichnung des Kapitalbegriffs lasse sich in der
strengen Volkswirtschaftslehre nur Verwirrung stiften ... Leichtfertigkeiten,
die für tiefe logische Wahrheiten ausgegeben werden ... Gebrechlichkeit der
Fundamente« usw.
Also nach Marx soll sich das Kapital im Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem
Geld erzeugen. Es ist das, als ob man sagen wollte, das Metallgeld habe sich vor
stark dreitausend Jahren aus dem Vieh erzeugt, weil früher unter anderm auch
Vieh Geldfunktionen vertrat. Nur Herr Dühring ist einer so rohen und schiefen
Ausdrucksweise fähig. Bei Marx ergibt sich bei
der Analyse der ökonomischen Formen, innerhalb deren der Prozeß der
Warenzirkulation sich bewegt, als letzte Form das Geld. »Dies letzte Produkt der
Warenzirkulation ist die erste Erscheinungsform des Kapitals. Historisch
tritt das Kapital dem Grundeigentum überall zunächst in der Form von
Geld gegenüber, als Geldvermögen, Kaufmannskapital und Wucherkapital
... Dieselbe Geschichte spielt täglich vor unsren Augen. Jedes neue Kapital
betritt in erster Instanz die Bühne, d.h. den Markt, Warenmarkt, Arbeitsmarkt
oder Geldmarkt, immer noch als Geld, Geld, das sich durch bestimmte Prozesse in
Kapital verwandeln soll.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke, Bd. 23, S. 161| Es ist also
wieder eine Tatsache, die Marx konstatiert. Unfähig, sie zu bestreiten, verdreht
sie Herr Dühring: Das Kapital soll sich aus dem Geld erzeugen!
Marx untersucht nun weiter die Prozesse, wodurch Geld sich in Kapital verwandelt,
und findet zunächst, daß die Form, in der Geld als Kapital zirkuliert,
die Umkehrung derjenigen Form ist, in der es als allgemeines Warenäquivalent
zirkuliert. Der einfache Warenbesitzer verkauft, um zu kaufen; er verkauft, was
er nicht braucht, und kauft mit dem erhandelten Gelde das, was er braucht. Der
angehende Kapitalist kauft von vornherein das, was er nicht selbst braucht;
er kauft, um zu verkaufen, und zwar um teurer zu verkaufen, um den ursprünglich
in das Kaufgeschäft geworfnen Geldwert zurückzuerhalten, vermehrt durch
einen Zuwachs an Geld, und diesen Zuwachs nennt Marx Mehrwert.
Woher stammt dieser Mehrwert? Er kann weder daher stammen, daß der Käufer
die Waren unter dem Wert kaufte, noch daher, daß der Verkäufer sie
über dem Wert verkaufte. Denn in beiden Fällen gleichen sich die Gewinne
und Verluste jedes einzelnen gegenseitig aus, da jeder abwechselnd Käufer
und Verkäufer ist. Er kann auch nicht aus Prellerei stammen, denn die Prellerei
kann zwar den einen auf Kosten des andern bereichern, nicht aber die von beiden
besessene Gesamtsumme, also auch nicht die Summe der zirkulierenden Werte überhaupt
vermehren. »Die Gesamtheit der Kapitalistenklasse eines Landes kann sich nicht
selbst übervorteilen.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke, Bd. 23, S. 177|
Und doch finden wir, daß die Gesamtheit der Kapitalistenklasse jedes
Landes sich fortwährend vor unsern Augen bereichert, indem sie teurer verkauft
als sie eingekauft hatte, indem sie sich Mehrwert aneignet. Wir sind also so weit
wie am Anfang: woher stammt dieser Mehrwert? Diese Frage gilt es zu lösen,
und zwar auf rein ökonomischem Wege, unter Ausschluß aller Prellerei,
aller Einmischung irgendwelcher Gewalt - die Frage: Wie ist es
möglich, fortwährend teurer zu verkaufen, als man eingekauft hat, selbst
unter der Voraussetzung, daß fortwährend gleiche Werte ausgetauscht
werden gegen gleiche Werte?
Die Lösung dieser Frage ist das epochemachendste Verdienst des Marxschen
Werks. Sie verbreitet helles Tageslicht über ökonomische Gebiete, wo
früher Sozialisten nicht minder als bürgerliche Ökonomen in tiefster
Finsternis herumtappten. Von ihr datiert, um sie gruppiert sich der wissenschaftliche
Sozialismus.
Diese Lösung ist folgende. Die Wertvergrößerung des Geldes,
das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht an diesem Geld vorgehn
oder aus dem Einkauf herrühren, da dies Geld hier nur den Preis der
Ware realisiert, und dieser Preis ist, da wir voraussetzen, daß gleiche
Werte ausgetauscht werden, nicht verschieden von ihrem Wert. Die Wertvergrößerung
kann aber aus demselben Grunde auch nicht aus dem Verkauf der Ware hervorgehn.
Die Veränderung muß sich also zutragen mit der Ware, die gekauft
wird, aber nicht mit ihrem Wert, da sie zu ihrem Wert gekauft und verkauft
wird, sondern mit ihrem Gebrauchswert als solchem, d.h. die Wertveränderung
muß aus dem Verbrauch der Ware entspringen. »Um aus dem Verbrauch einer
Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich
sein ... auf dem Markt eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchswert die eigentümliche
Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch
also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Wertschöpfung.
Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Ware vor - das
Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 181. Hervorhebungen von Engels| Wenn, wie wir sahen, die Arbeit als
solche keinen Wert haben kann, so ist das keineswegs der Fall mit der Arbeitskraft.
Diese erhält einen Wert, sobald sie zur Ware wird, wie sie heutzutage
tatsächlich eine Ware ist, und dieser Wert bestimmt sich »gleich dem jeder
andren Ware durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen
Artikels notwendige |Bei Engels: nötige, korrigiert nach Karl Marx, »Das
Kapital«| Arbeitszeit« |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke, Bd. 23, S. 184|, das heißt
durch die Arbeitszeit, welche erforderlich ist zur Herstellung der Lebensmittel,
deren der Arbeiter zu seiner Erhaltung in arbeitsfähigem Zustand und zur
Fortpflanzung seines Geschlechts bedarf. Nehmen wir an, diese Lebensmittel repräsentieren,
Tag für Tag, eine sechsstündige Arbeitszeit. Unser angehender Kapitalist,
der zum Betrieb seines Geschäfts Arbeitskraft einkauft, d.h. einen Arbeiter
mietet, zahlt also diesem Arbeiter den vollen Tageswert seiner Arbeitskraft, wenn
er ihm eine Geld summe zahlt, die ebenfalls sechs
Arbeitsstunden vertritt. Sobald der Arbeiter nun sechs Stunden im Dienst des angehenden
Kapitalisten gearbeitet hat, hat er diesem vollen Ersatz geleistet für seine
Auslage, für den gezahlten Tageswert der Arbeitskraft. Damit aber wäre
das Geld nicht in Kapital verwandelt, es hätte keinen Mehrwert erzeugt. Der
Käufer der Arbeitskraft hat daher auch eine ganz andre Ansicht von der Natur
des von ihm abgeschlossenen Geschäfts. Daß nur sechs Arbeitsstunden
nötig sind, um den Arbeiter während vierundzwanzig Stunden am Leben
zu erhalten, hindert diesen keineswegs, zwölf Stunden aus den vierundzwanzig
zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß
sind zwei verschiedne Größen. Der Geldbesitzer hat den Tageswert der
Arbeitskraft gezahlt, ihm gehört daher auch ihr Gebrauch während des
Tages, die tagelange Arbeit. Daß der Wert, den ihr Gebrauch während
eines Tages schafft, doppelt so groß ist wie ihr eigner Tageswert,
ist ein besondres Glück für den Käufer, aber nach den Gesetzen
des Warenaustausches durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer. Der Arbeiter
lostet also dem Geldbesitzer nach unserer Annahme täglich das Wertprodukt
von sechs Arbeitsstunden, aber er liefert ihm täglich das Wertprodukt
von zwölf Arbeitsstunden. Differenz zugunsten des Geldbesitzers - sechs Stunden
unbezahlte Mehrarbeit, ein unbezahltes Mehrprodukt, in dem die Arbeit von sechs
Stunden verkörpert ist. Das Kunststück ist gemacht. Mehrwert ist erzeugt,
Geld ist in Kapital verwandelt.
Indem Marx auf diese Weise nachwies, wie Mehrwert entsteht und wie allein Mehrwert
unter der Herrschaft der den Austausch von Waren regelnden Gesetze entstehn kann,
legte er den Mechanismus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der
auf ihr beruhenden Aneignungsweise bloß, enthüllte er den Kristallkern,
um den die ganze heutige Gesellschaftsordnung sich angesetzt hat.
Diese Erzeugung von Kapital hat jedoch eine wesentliche Voraussetzung:
»Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer den freien
Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er
als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß
er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von
allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.» |Siehe Karl
Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 183; Hervorhebungen von Engels| Aber dies Verhältnis von Geld-
oder Warenbesitzern auf der einen Seite und von Besitzern von nichts, außer
der eignen Arbeitskraft, auf der andern, ist kein naturgeschichtliches, noch ist
es ein allen Geschichtsperioden gemeinsames Verhältnis, »es
ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangnen historischen Entwicklung,
das Produkt ... des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der
gesellschaftlichen Produktion« |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl
Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 183|.
Und zwar tritt dieser freie Arbeiter uns in der Geschichte zuerst massenhaft gegenüber
am Ende des fünfzehnten und Anfang des sechzehnten Jahrhunderts infolge der
Auflösung der feudalen Produktionsweise. Damit aber, und mit der von derselben
Epoche datierenden Schöpfung des Welthandels und Weltmarkts, war die Grundlage
gegeben, auf der die Masse des vorhandnen beweglichen Reichtums sich mehr und
mehr in Kapital verwandeln und die kapitalistische, auf Erzeugung von Mehrwert
gerichtete Produktionsweise mehr und mehr die ausschließlich herrschende
werden muß.
Soweit sind wir den »wüsten Konzeptionen« von Marx gefolgt, diesen »Bastarden
historischer und logischer Phantastik«, bei denen »das Unterscheidungsvermögen
des Verstandes samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch untergeht«. Stellen wir diesen
»Leichtfertigkeiten« nunmehr die »tiefen logischen Wahrheiten« und die »letzte
und strengste Wissenschaftlichkeit im Sinne der exakten Disziplinen« gegenüber,
wie sie uns Herr Dühring bietet.
Also vom Kapital hegt Marx »nicht den gemeingültigen ökonomischen
Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel ist«; er sagt vielmehr,
daß eine Summe von Werten sich erst dann in Kapital verwandelt, wenn sie
sich verwertet, indem sie Mehrwert bildet. Und was sagt Herr Dühring?
»Das Kapital ist ein Stamm ökonomischer Machtmittel zur Fortführung
der Produktion und zur Bildung von Anteilen an den Früchten der allgemeinen
Arbeitskraft.«
So orakelhaft und loddrig dies auch wieder ausgedrückt ist, so ist doch
soviel sicher: der Stamm ökonomischer Machtmittel mag die Produktion in Ewigkeit
fortführen, er wird nach Herrn Dührings eignen Worten nicht zu Kapital,
solange er nicht »Anteile an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft«,
d.h. Mehrwert oder wenigstens Mehrprodukt bildet. Die Sünde also, die Herr
Dühring Marx vorwirft, nicht den gemeingültigen ökonomischen Begriff
vom Kapital zu hegen, begeht er nicht nur selbst, sondern er begeht außerdem
noch ein durch hochtrabende Redensarten »schlecht verdecktes« ungeschicktes Plagiat
an Marx.
Auf Seite 262 wird dies weiter ausgeführt:
»Das Kapital im sozialen Sinn« (und ein Kapital in einem nicht sozialen
Sinn soll Herr Dühring noch entdecken) »ist nämlich spezifisch von dem
reinen Produktions mittel verschieden; denn während
das letztere nur einen technischen Charakter hat und unter allen Umständen
erforderlich ist, zeichnet sich das erstere durch seine gesellschaftliche Kraft
der Aneignung und Anteilsbildung aus. Das soziale Kapital ist allerdings zum großen
Teil nichts andres als das technische Produktionsmittel in seiner sozialen
Funktion; aber diese Funktion ist es auch grade, welche ... verschwinden muß.«
Wenn wir bedenken, daß es grade Marx war, welcher zuerst die »soziale
Funktion« hervorhob, vermittelst deren allein eine Wertsumme zu Kapital wird,
so muß es allerdings »für jeden aufmerksamen Betrachter des Gegenstandes
bald feststehn, daß sich mit der Marxschen Kennzeichnung des Kapitalbegriffs
nur Verwirrung stiften lasse« - nicht aber, wie Herr Dühring meint, in der
strengen Volkswirtschaftslehre, sondern, wie Figura zeigt, einzig und allein im
Kopf des Herrn Dühring selbst, der in der »Kritischen Geschichte« bereits
vergessen hat, wie stark er im »Cursus« von besagtem Kapitalbegriff gezehrt.
Indes Herr Dühring ist nicht zufrieden damit, seine Definition des Kapitals,
wenn auch in »gesäuberter« Form, von Marx zu entlehnen. Er muß ihm
auch folgen in das »Metamorphosenspiel der Begriffe und der Geschichte«, und das
angesichts seiner eignen bessern Erkenntnis, daß dabei nichts herauskommt,
als »wüste Konzeptionen«, »Leichtfertigkeiten«, »Gebrechlichkeit der Fundamente«
usw. woher stammt diese »soziale Funktion« des Kapitals, die es befähigt,
sich die Früchte fremder Arbeit anzueignen, und wodurch allein es sich vom
bloßen Produktionsmittel unterscheidet?
Sie beruht, sagt Herr Dühring, »nicht auf der Natur der Produktionsmittel
und auf deren technischer Unentbehrlichkeit«.
Sie ist also geschichtlich entstanden, und Herr Dühring wiederholt uns
auf Seite 262 nur, was wir schon zehnmal gehört haben, wenn er ihre Entstehung
erklärt vermittelst des altbekannten Abenteuers von den beiden Männern,
von denen am Anfang der Geschichte der eine sein Produktionsmittel in Kapital
verhandelt, indem er den andern vergewaltigt. Aber nicht damit zufrieden, der
sozialen Funktion, durch welche eine Wertsumme erst zu Kapital wird, einen geschichtlichen
Anfang zuzuschreiben, prophezeit Herr Dühring ihr auch ein geschichtliches
Ende. Sie »ist es auch grade, welche verschwinden muß«. Eine Erscheinung,
welche geschichtlich entstanden ist und geschichtlich wieder verschwindet, pflegt
man, in der gemeingültigen Sprache geredet, »eine historische Phase« zu nennen.
Es ist also das Kapital eine historische Phase nicht bloß bei Marx, sondern
auch bei Herrn Dühring und wir sind daher zu dem Schluß genötigt,
daß wir uns hier bei den Jesuiten befinden.
Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Wenn Marx sagt, das Kapital
ist eine historische Phase, so ist das eine wüste Konzeption, ein Bastard
historischer und logischer Phantastik, bei dem das Unterscheidungsvermögen
samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch untergeht. Wenn Herr Dühring ebenfalls
das Kapital als eine historische Phase darstellt, so ist das ein Beweis von Schärfe
der volkswirtschaftlichen Analyse und von letzter und strengster Wissenschaftlichkeit
im Sinne der exakten Disziplinen.
Wodurch unterscheidet sich nun die Dühringsche Kapitalvorstellung von
der Marxschen?
»Das Kapital«, sagt Marx, »hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Überall,
wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß
der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit
überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den
Eigner der Produktionsmittel zu produzieren.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 249| Mehrarbeit, Arbeit über die zur Selbsterhaltung des Arbeiters
nötige Zeit hinaus und Aneignung des Produkts dieser Mehrarbeit durch andre,
Arbeitsausbeutung ist also allen bisherigen Gesellschaftsformen gemein, soweit
diese sich in Klassengegensätzen bewegten. Aber erst wenn das Produkt dieser
Mehrarbeit die Form von Mehrwert annimmt, wenn der Eigner der Produktionsmittel
den freien Arbeiter - frei von sozialen Fesseln und frei von eignem Besitz - als
Gegenstand der Ausbeutung sich gegenüber vorfindet und ihn ausbeutet zum
Zweck der Produktion von Waren, erst dann nimmt, nach Marx, das Produktionsmittel
den spezifischen Charakter des Kapitals an. Und dies ist auf großem Maßstab
geschehn erst seit dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts.
Herr Dühring dagegen erklärt jede Summe von Produktionsmitteln
für Kapital, die »Anteile an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft
bildet«, also Mehrarbeit in irgendeiner Form erwirkt. Mit andern Worten, Herr
Dühring annektiert die von Marx entdeckte Mehrarbeit, um damit den ihm augenblicklich
nicht passenden, ebenfalls von Marx entdeckten Mehrwert totzuschlagen. Nach Herrn
Dühring wäre also nicht nur der bewegliche und unbewegliche Reichtum
der mit Sklaven wirtschaftenden korinthischen und athenischen Bürger, sondern
auch der der römischen Großgrundbesitzer der Kaiserzeit, und nicht
minder derjenige der Feudalbarone des Mittelalters, soweit er in irgendeiner Weise
der Produktion diente, alles ohne Unterschied Kapital.
Herr Dühring selbst hegt also »vom Kapital
nicht den gemeingültigen Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel
ist«, sondern vielmehr einen ganz entgegengesetzten, der sogar die unproduzierten
Produktionsmittel einschließt, die Erde und ihre natürlichen Hülfsqüellen.
Nun ist aber die Vorstellung, daß Kapital »produziertes Produktionsmittel«
schlechthin sei, gemeingültig wieder nur in der Vulgärökonomie.
Außerhalb dieser, dem Herrn Dühring so teuren Vulgärökonomie
wird das »produzierte Produktionsmittel« oder eine Wertsumme überhaupt erst
dadurch zu Kapital, daß sie Profit oder Zins erwirkt, d.h. das Mehrprodukt
unbezahlter Arbeit in der Form von Mehrwert, und zwar wieder in diesen beiden
bestimmten Unterformen des Mehrwerts aneignet. Es bleibt dabei vollkommen gleichgültig,
daß die ganze bürgerliche Ökonomie in der Vorstellung befangen
ist, die Eigenschaft, Profit oder Zins zu erwirken, komme ganz von selbst jeder
Wertsumme zu, die unter normalen Bedingungen in der Produktion oder im Austausch
verwandt wird. Kapital und Profit, oder Kapital und Zins, sind in der klassischen
Ökonomie ebenso untrennbar, stehn in derselben Wechselbeziehung zueinander
wie Ursache und Wirkung, Vater und Sohn, gestern und heute. Das Wort Kapital in
seiner modern-ökonomischen Bedeutung kommt aber erst vor zu der Zeit, wo
die Sache selbst auftritt, wo der bewegliche Reichtum mehr und mehr Kapitalfunktion
erhält, indem er die Mehrarbeit freier Arbeiter ausbeutet, um Waren zu produzieren,
und zwar wird es eingeführt durch die erste historische Kapitalisten-Nation,
die Italiener des 15. und 16. Jahrhunderts. Und wenn Marx zuerst die dem modernen
Kapital eigentümliche Aneignungsweise bis auf den Grund analysierte, wenn
er den Begriff des Kapitals in Einklang brachte mit den geschichtlichen Tatsachen,
aus denen er in letzter Instanz abstrahiert worden war, denen er seine Existenz
verdankte; wenn Marx damit diesen ökonomischen Begriff befreite von den unklaren
und schwankenden Vorstellungen, die ihm auch in der klassischen bürgerlichen
Ökonomie und bei den bisherigen Sozialisten noch anhafteten, so war es grade
Marx, der mit jener »letzten und strengsten Wissenschaftlichkeit« verfuhr, die
Herr Dühring stets im Munde führt und die wir bei ihm so schmerzlich
vermissen.
In der Tat geht es bei Herrn Dühring ganz anders her. Er ist nicht zufrieden
damit, erst die Darstellung des Kapitals als einer historischen Phase einen »Bastard
historischer und logischer Phantastik« zu schelten und es dann selbst als eine
historische Phase darzustellen. Er erklärt auch alle ökonomischem
Machtmittel, alle Produktionsmittel, die »Anteile an den Früchten
der allgemeinen Arbeitskraft« aneignen, also auch das Grundeigentum in allen Klassengesellschaften,
rundweg für Kapital; was ihn aber nicht im
mindesten geniert, im weitern Verlauf Grundeigentum und Grundrente ganz in der
hergebrachten Weise von Kapital und Profit zu scheiden und nur diejenigen Produktionsmittel
als Kapital zu bezeichnen, welche Profit oder Zins erwirken, wie auf Seite 156
u. ff. des »Cursus« des breitern nachzusehn. Ebensogut könnte Herr Dühring
zuerst unter dem Namen Lokomotive auch Pferde, Ochsen, Esel und Hunde einbegreifen,
weil man auch mit diesen Fuhrwerk fortbewegen kann, und den heutigen Ingenieuren
vorwerfen, indem sie den Namen Lokomotive auf den modernen Dampfwagen beschränkten,
machten sie ihn zu einer historischen Phase, verübten sie wüste Konzeptionen,
Bastarde historischer und logischer Phantastik usw.; und dann schließlich
erklären, die Pferde, Esel, Ochsen und Hunde seien doch von der Bezeichnung
Lokomotive ausgeschlossen, und diese gelte nur für den Dampfwagen. - Und
somit sind wir wieder genötigt zu sagen, daß es grade die Dühringsche
Begriffsfassung des Kapitals ist, bei der alle Schärfe der volkswirtschaftlichen
Analyse verloren- und das Unterscheidungsvermögen samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch
untergeht, und daß die wüsten Konzeptionen, die Verwirrung, die Leichtfertigkeiten,
die für tiefe logische Wahrheiten ausgegeben werden, und die Gebrechlichkeit
der Fundamente in voller Blüte stehn eben bei Herrn Dühring.
Das alles aber verschlägt nichts. Herrn Dühring bleibt darum doch
der Ruhm, den Angelpunkt entdeckt zu haben, um den sich die ganze bisherige Ökonomie,
die ganze Politik und Juristerei, mit einem Wort die ganze bisherige Geschichte
bewegt. Hier ist er:
»Gewalt und Arbeit sind die zwei Hauptfaktoren, die bei der Bildung
der sozialen Verknüpfungen in Anschlag kommen.«
In diesem einen Satz liest die ganze Verfassung der bisherigen ökonomischen
Welt. Sie ist äußerst kurz und lautet:
Artikel Eins: Die Arbeit produziert.
Artikel Zwei: Die Gewalt verteilt.
Und hiermit ist, »menschlich und deutsch geredet«, auch die ganze ökonomische
Weisheit des Herrn Dühring zu Ende.
(Schluß)
»Nach der Ansicht des Herrn Marx vertritt der Arbeitslohn nur die Bezahlung
derjenigen Arbeitszeit, welche der Arbeiter wirklich für die Ermöglichung
der eignen Existenz tätig ist. Hierzu genügt
nun eine kleinere Anzahl Stunden; der ganze übrige Teil des oft langgedehnten
Arbeitstags liefert einen Überschuß, in welchem der von unserm Autor
so genannte 'Mehrwert' oder, in der gemeingültigen Sprache geredet, der Kapitalgewinn
enthalten ist. Abgesehn von der auf irgendeiner Stufe der Produktion bereits an
den Arbeitsmitteln und relativen Rohstoffen enthaltnen Arbeitszeit, ist jener
Überschuß des Arbeitstages der Anteil des kapitalistischen Unternehmers.
Die Ausdehnung des Arbeitstages ist hiernach reiner Ausbeutungsgewinn zugunsten
des Kapitalisten.«
Nach Herrn Dühring wäre also der Marxsche Mehrwert weiter nichts,
als was man in der gemeingültigen Sprache Kapitalgewinn oder Profit nennt.
Hören wir Marx selbst. Auf Seite 195 des »Kapital« wird Mehrwert erklärt
durch die hinter diesem Wort eingeklammerten Worte: »Zins, Profit, Rente.« |Siehe
Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 220| Auf Seite 220 gibt Marx ein Beispiel, worin eine Mehrwertsumme
von 71 Schillingen in ihren verschiednen Verteilungsformen erscheint: Zehnten,
Lokal- und Staatssteuern 21 Schilling, Bodenrente 28 Schilling, Pächters
Profit und Zins 22 Schilling, zusammen Gesamtmehrwert 71 Schillinge |siehe Karl
Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 224|. - Auf Seite 542 erklärt Marx es für einen Hauptmangel
bei Ricardo, daß dieser »den Mehrwert nicht rein darstellt, d.h. nicht unabhängig
von seinen besondern Formen, wie Profit, Grundrente usw.« und daß er daher
die Gesetze über die Rate des Mehrwerts unmittelbar zusammenwirft mit den
Gesetzen der Profitrate; wogegen Marx ankündigt: »Ich werde später,
im Dritten Buch dieser Schrift, nachweisen, daß dieselbe Rate des Mehrwerts
sich in den verschiedensten Profitraten, und verschiedne Raten des Mehrwerts,
unter bestimmten Umständen, sich in derselben Profitrate ausdrücken
können.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke, Bd. 23, S. 546/547| Auf
Seite 587 heißt es: »Der Kapitalist, der den Mehrwert produziert, d.h. unbezahlte
Arbeit unmittelbar aus den Arbeitern auspumpt und in Waren fixiert, ist zwar der
erste Aneigner, aber keineswegs der letzte Eigentümer dieses Mehrwerts. Er
hat ihn hinterher zu teilen mit Kapitalisten, die andre Funktionen im großen
und ganzen der gesellschaftlichen Produktion vollziehn, mit dem Grundeigentümer
usw. Der Mehrwert spaltet sich daher in verschiedne Teile. Seine Bruchstücke
fallen verschiednen Kategorien von Personen zu und erhalten verschiedne, gegeneinander
selbständige Formen, wie Profit, Zins, Handelsgewinn, Grundrente usw. Diese
verwandelten Formen des Mehrwerts können erst im Dritten Buch behandelt werden.«
|Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 589| Und ebenso an vielen andern
Stellen.
Man kann sich nicht deutlicher ausdrücken. Bei jeder Gelegenheit macht
Marx darauf aufmerksam, daß sein Mehrwert durchaus nicht mit dem
Profit oder Kapitalgewinn zu verwechseln, daß dieser letztere vielmehr eine
Unterform und sehr oft sogar nur ein Bruchteil des Mehrwerts sei. Wenn Herr Dühring
dennoch behauptet, der Marxsche Mehrwert sei »in der gemeingültigen Sprache
geredet, der Kapitalgewinn«, und wenn es feststeht, daß das ganze Marxsche
Buch sich um den Mehrwert dreht, so sind nur zwei Fälle möglich: entweder
weiß er's nicht besser, und dann gehört eine Schamlosigkeit sondergleichen
dazu, ein Buch herunterzureißen, dessen Hauptinhalt er nicht kennt. Oder
er weiß es besser, und dann begeht er eine absichtliche Fälschung.
Weiter:
»Der giftige Haß, mit dem Herr Marx diese Vorstellungsart des
Auspressungsgeschäfts pflegt, ist nur zu begreiflich. Aber auch ein gewaltigerer
Zorn und eine noch vollere Anerkennung des Ausbeutungscharakters der auf Lohnarbeit
gegründeten Wirtschaftsform ist möglich, ohne daß jene theoretische
Wendung, die sich in der Marxschen Lehre von einem Mehrwert ausdrückt, angenommen
wird.«
Die gutgemeinte, aber irrige theoretische Wendung von Marx bewirkt bei diesem
einen giftigen Haß gegen das Auspressungsgeschäft; die an sich sittliche
Leidenschaft erhält infolge der falschen »theoretischen Wendung« einen unsittlichen
Ausdruck, sie tritt zutage in unedlem Haß und in niedriger Giftigkeit, während
die letzte und strengste Wissenschaftlichkeit des Herrn Dühring sich äußert
in einer sittlichen Leidenschaft von entsprechend edler Natur, im Zorn, der auch
der Form nach sittlich und dem giftigen Haß zudem noch quantitativ überlegen,
ein gewaltigerer Zorn ist. Während Herr Dühring diese Freude an sich
selbst erlebt, wollen wir zusehn, woher dieser gewaltigere Zorn stammt.
»Es entsteht«, heißt es weiter, »nämlich die Frage, wie die
konkurrierenden Unternehmer imstande sind, das volle Erzeugnis der Arbeit und
hiermit das Mehrprodukt dauernd so hoch über den natürlichen Herstellungskosten
zu verwerten, als durch das berührte Verhältnis des Überschusses
der Arbeitsstunden angezeigt wird. Eine Antwort hierauf ist in der Marxschen Doktrin
nicht anzutreffen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in derselben nicht
einmal die Aufwerfung der Frage einen Platz finden konnte. Der Luxuscharakter
der auf Soldarbeit gegründeten Produktion ist gar nicht ernstlich angefaßt
und die soziale Verfassung mit ihren aufsaugenden Positionen keineswegs als der
letzte Grund der weißen Sklaverei erkannt worden. Im Gegenteil hat sich
immer das Politischsoziale aus dem Ökonomischen erklärt finden sollen.«
Nun haben wir aus den oben angeführten Stellen gesehn, daß Marx
keineswegs behauptet, das Mehrprodukt werde vom industriellen Kapitalisten, der
sein erster Aneigner ist, unter allen Umständen im Durchschnitt
zu seinem vollen Wert verkauft, wie Herr Dühring hier voraussetzt. Marx sagt
ausdrücklich, daß auch der Handelsgewinn einen Teil des Mehrwerts bildet,
und dies ist unter den vorliegenden Voraussetzungen doch nur dann möglich,
wenn der Fabrikant dem Händler sein Produkt, unter dem Wert verkauft
und ihm damit einen Anteil der Beute abtritt. Wie die Frage hier gestellt wird,
konnte also allerdings nicht einmal ihre Aufwerfung bei Marx einen Platz finden.
Rationell gestellt, lautet sie: Wie verwandelt sich Mehrwert in seine Unterformen:
Profit, Zins, Handelsgewinn, Grundrente usw.? Und diese Frage verspricht Marx
allerdings, im dritten Buch zu lösen. Wenn aber Herr Dühring nicht so
lange warten kann, bis der zweite Band des »Kapital« erscheint, so mußte
er sich einstweilen im ersten Band etwas genauer umsehn. Er konnte dann, außer
den schon angeführter Stellen, z.B. auf S. 323 lesen, daß nach Marx
die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion in der äußern
Bewegung der Kapitale sich als Zwangsgesetze der Konkurrenz geltend machen und
in dieser Form als treibende Motive dem individuellen Kapitalisten zum Bewußtsein
kommen; daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich,
sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung
der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich
nicht wahrnehmbare Bewegung kennt; worauf Marx an einem Exempel zeigt, wie ein
bestimmtes Gesetz, das Wertgesetz, in einem bestimmten Fall innerhalb der Konkurrenz
erscheint und seine treibende Kraft ausübt |siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 335|. Herr Dühring konnte hieraus schon entnehmen daß bei
der Verteilung des Mehrwerts die Konkurrenz eine Hauptrolle spielt, und bei einigem
Nachdenken genügen diese im ersten Band gegebnen Andeutungen in der Tat,
um die Verwandlung von Mehrwert in seine Unterformen wenigstens in ihren allgemeinen
Umrissen erkennen zu lassen.
Für Herrn Dühring ist indes die Konkurrenz grade das absolute Hindernis
des Verständnisses. Er kann nicht begreifen, wie die konkurrierender Unternehmer
das volle Erzeugnis der Arbeit und hiermit das Mehrprodukt dauernd so hoch über
den natürlichen Herstellungskosten verwerten können. Es wird sich hier
wieder mit der gewohnten »Strenge«, die in der Tat Liederlichkeit ist, ausgedrückt.
Das Mehrprodukt als solches hat bei Marx ja gar keine Herstellungskosten,
es ist der Teil des Produkts, der dem Kapitalisten nichts kostet. Wenn
also die konkurrierenden Unternehmer das Mehrprodukt zu seinen natürlichen
Herstellungskosten verwerten wollten, so müßten
sie es eben verschenken. Doch halten wir uns bei solchen »mikrologischen
Einzelheiten« nicht auf. Verwerten denn in der Tat die konkurrierenden Unternehmer
nicht täglich das Erzeugnis der Arbeit über den natürlichen Herstellungskosten?
Nach Herrn Dühring bestehn die natürlichen Herstellungskosten
»in der Arbeits- oder Kraftausgabe, und diese kann wiederum in ihren
letzten Grundlagen durch den Nahrungsaufwand gemessen werden«;
also in der heutigen Gesellschaft aus den an Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn
wirklich auf gewendeten Auslagen, im Unterschied von der »Bezollung«, dem Profit,
dem mit dem Degen in der Hand erzwungnen Aufschlag. Nun ist es allbekannt, daß
in der Gesellschaft, in der wir leben, die konkurrierenden Unternehmer ihre Waren
nicht zu den natürlichen Herstellungskosten verwerten, sondern den
angeblichen Aufschlag, den Profit hinzurechnen und in der Regel auch erhalten.
Die Frage, die Herr Dühring, wie er glaubte, nur aufzuwerfen braucht, um
damit das ganze Marxsche Gebäude umzublasen, wie weiland Josua die Mauern
von Jericho, diese Frage existiert also auch für die ökonomische Theorie
des Herrn Dühring. Sehn wir, wie er sie beantwortet.
»Das Kapitaleigentum«, sagt er, »hat keinen praktischen Sinn und läßt
sich nicht verwerten, wenn nicht in ihm zugleich die indirekte Gewalt über
den Menschenstoff eingeschlossen ist. Das Erzeugnis dieser Gewalt ist der Kapitalgewinn,
und die Größe des letztern wird daher von dem Umfang und der Intensität
dieser Herrschaftsübung abhängen ... Der Kapitalgewinn ist eine politische
und soziale Institution, die mächtiger wirkt als die Konkurrenz. Die Unternehmer
handeln in dieser Beziehung als Stand, und jeder einzelne behauptet seine Position.
Ein gewisses Maß des Kapitalgewinns ist bei der einmal herrschenden Wirtschaftsart
eine Notwendigkeit.«
Leider wissen wir auch jetzt noch immer nicht, wie die konkurrierenden Unternehmer
imstande sind, das Erzeugnis der Arbeit dauernd über den natürlichen
Herstellungskosten zu verwerten. Herr Dühring denkt unmöglich von seinem
Publikum so gering, um es mit der Redensart abzuspeisen, der Kapitalgewinn stehe
über der Konkurrenz, wie seinerzeit der König von Preußen über
dem Gesetz. Die Manöver, durch die der König von Preußen in seine
Stellung über dem Gesetz kam, kennen wir; die Manöver, wodurch der Kapitalgewinn
dazu kommt, mächtiger zu sein als die Konkurrenz, sind grade das, was Herr
Dühring uns erklären soll und was er uns hartnäckig zu erklären
verweigert. Auch kann es nichts ausmachen, wenn, wie er sagt, die Unternehmer
in dieser Beziehung als Stand handeln, und dabei jeder einzelne seine Position
behauptet. Wir sollen ihm doch nicht etwa aufs
Wort glauben, eine Anzahl Leute brauche nur als Stand zu handeln, damit jeder
einzelne von ihnen seine Position behaupte? Die Zünftler des Mittelalters,
die französischen Adligen 1789 handelten bekanntlich sehr entschieden als
Stand und sind doch zugrunde gegangen. Die preußische Armee bei Jena handelte
auch als Stand, aber statt ihre Position zu behaupten, mußte sie vielmehr
ausreißen und nachher sogar stückweise kapitulieren. Ebensowenig kann
uns die Versicherung genügen, bei der einmal herrschenden Wirtschaftsart
sei ein gewisses Maß des Kapitalgewinns eine Notwendigkeit; denn es handelt
sich ja grade darum, nachzuweisen, warum dem so ist. Nicht einen Schritt
näher zum Ziel kommen wir, wenn Herr Dühring uns mitteilt:
»Die Kapitalherrschaft ist im Anschluß an die Bodenherrschaft
erwachsen. Ein Teil der hörigen Landarbeiter ist in den Städten zu Gewerbsarbeiten
und schließlich zu Fabrikmaterial umgestaltet worden. Nach der Bodenrente
hat sich der Kapitalgewinn als eine zweite Form der Besitzrente ausgebildet.«
Selbst wenn wir von der historischen Schiefheit dieser Behauptung absehn, so
bleibt sie doch immer eine bloße Behauptung und beschränkt sich darauf,
das wiederholt zu beteuern, was grade erklärt und bewiesen werden soll. Wir
können also zu keinem andern Schluß kommen, als daß Herr Dühring
unfähig ist, auf seine eigne Frage zu antworten: wie die konkurrierenden
Unternehmer imstande sind, das Erzeugnis der Arbeit dauernd über den natürlichen
Herstellungskosten zu verwerten, das heißt, daß er unfähig ist,
die Entstehung des Profits zu erklären. Es bleibt ihm nichts übrig,
als kurzweg zu dekretieren: der Kapitalgewinn ist das Erzeugnis der Gewalt,
was allerdings ganz einstimmt mit Artikel 2 der Dühringschen Gesellschaftsverfassung:
Die Gewalt verteilt. Dies ist allerdings sehr schön gesagt; aber jetzt »entsteht
die Frage«: Die Gewalt verteilt - was? Es muß doch etwas zu verteilen da
sein, sonst kann selbst die allmächtigste Gewalt beim besten Willen nichts
verteilen. Der Gewinn, den die konkurrierenden Unternehmer in die Tasche stecken,
ist etwas sehr Handgreifliches und Handfestes. Die Gewalt kann ihn nehmen,
aber nicht erzeugen. Und wenn Herr Dühring uns hartnäckig die
Erklärung weigert, wie die Gewalt den Unternehmergewinn nimmt, so
hat er gar nur Grabesschweigen als Antwort auf die Frage, woher sie ihn
nimmt. Wo nichts ist, hat der Kaiser, wie jede andre Gewalt, sein Recht verloren.
Aus nichts wird nichts, namentlich nicht Profit. Wenn das Kapitaleigentum keinen
praktischen Sinn hat und sich nicht verwerten läßt, solange nicht in
ihm zugleich die indirekte Gewalt über den Menschenstoff eingeschlossen ist,
so entsteht abermals die Frage, erstens, wie der
Kapitalreichtum zu dieser Gewalt kam, die mit den oben angeführten paar historischen
Behauptungen keineswegs erledigt ist; zweitens, wie sich diese Gewalt in Kapitalverwertung,
in Profit verwandelt, und drittens, woher sie diesen Profit nimmt.
Wir mögen die Dühringsche Ökonomie anfassen, wo wir wollen,
wir kommen keinen Schritt weiter. Für alle mißliebigen Umstände,
für Profit, Bodenrente, Hungerlohn, Arbeiterknechtung hat sie nur Ein Wort
der Erklärung: die Gewalt, und immer wieder die Gewalt, und der »gewaltigere
Zorn« des Herrn Dühring löst sich eben auch auf in den Zorn über
die Gewalt. Wir haben gesehn, erstens, daß diese Berufung auf die Gewalt
eine faule Ausflucht ist, eine Verweisung vom ökonomischen Gebiet aufs politische,
die keine einzige ökonomische Tatsache zu erklären imstande ist; und
zweitens, daß sie die Entstehung der Gewalt selbst unerklärt läßt,
und dies wohlweislich, indem sie sonst zu dem Ergebnis kommen müßte,
daß alle gesellschaftliche Macht und alle politische Gewalt ihren Ursprung
haben in ökonomischen Vorbedingungen, in der geschichtlich gegebnen Produktions-
und Austauschweise der jedesmaligen Gesellschaft.
Versuchen wir jedoch, ob wir dem unerbittlichen »tieferen Grundleger« der Ökonomie
nicht noch einige weitere Aufschlüsse über den Profit entringen können.
Vielleicht gelingt es uns, wenn wir bei seiner Behandlung des Arbeitslohns ansetzen.
Da heißt es Seite 158:
»Der Arbeitslohn ist der Sold zum Unterhalt der Arbeitskraft und kommt
zunächst nur als Grundlage für Bodenrente und Kapitalgewinn in Betracht.
Um sich die hier obwaltenden Verhältnisse recht entschieden klarzumachen,
denke man sich Grundrente und weiterhin auch Kapitalgewinn zuerst geschichtlich
ohne Arbeitslohn, also auf Grundlage der Sklaverei oder Hörigkeit ... Ob
der Sklave oder Hörige, oder ob der Lohnarbeiter unterhalten werden muß,
begründet nur einen Unterschied in der Art und Weise der Belastung der Produktionskosten.
In jedem Fall bildet der durch die Ausnutzung der Arbeitskraft erzielte Reinertrag
das Einkommen des Arbeitsherrn ... Man sieht also, daß ... namentlich
der Hauptgegensatz, vermöge dessen auf der einen Seite irgendeine Art von
Besitzrente und auf der andern die besitzlose Soldarbeit steht, nicht ausschließlich
in einem seiner Glieder, sondern stets nur in beiden zugleich betroffen werden
kann.«
Besitzrente ist aber, wie wir Seite 188 erfahren, ein gemeinsamer Ausdruck
für Bodenrente und Kapitalgewinn. Ferner heißt es Seite 174:
»Der Charakter des Kapitalgewinns ist eine Aneignung des hauptsächlichsten
Teils des Ertrags der Arbeitskraft. Ohne das Korrelat der in irgendeiner Gestalt
unmittelbar oder mittelbar unterworfenen Arbeit läßt er sich nicht
denken.«
Und Seite 183:
Der Arbeitslohn »ist unter allen Umständen nichts weiter als ein
Sold, vermittelst dessen im allgemeinen der Unterhalt und die Fortpflanzungsmöglichkeit
des Arbeiters gesichert sein müssen«.
Und endlich Seite 195:
»Was der Besitzrente zufällt, muß dem Arbeitslohn verlorengehn
und umgekehrt, was von der allgemeinen Leistungsfähigkeit (!) an die Arbeit
gelangt, muß den Besitzeinkünften entzogen werden.«
Herr Dühring führt uns von Überraschung zu Überraschung.
In der Werttheorie und in den folgenden Kapiteln bis zur Lehre von der Konkurrenz
und diese eingeschlossen, also von Seite 1 bis 155, teilten sich die Warenpreise
oder Werte erstens in die natürlichen Herstellungskosten oder den Produktionswert,
das heißt die Auslagen an Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn, und
zweitens in den Aufschlag oder Verteilungswert, die mit dem Degen in der Hand
erzwungne Besteuerung zugunsten der Monopolistenklasse; ein Aufschlag, der, wie
wir sahen, an der Verteilung des Reichtums in Wirklichkeit nichts ändern
konnte, indem er mit der einen Hand das wiedergeben mußte, was er mit der
andern nahm, und der außerdem, soweit uns Herr Dühring über seinen
Ursprung und seinen Inhalt Auskunft gibt, aus nichts entstand und daher auch aus
nichts bestand. In den beiden folgenden Kapiteln, die von den Einkünftearten
handeln, also von Seite 156 bis 217, ist von Aufschlag keine Rede mehr. Statt
dessen teilt sich der Wert jedes Arbeitserzeugnisses, also jeder Ware, jetzt in
folgende zwei Teile: erstens in die Produktionskosten, worin auch der bezahlte
Arbeitslohn einbegriffen, und zweitens in den »durch Ausnutzung der Arbeitskraft
erzielten Reinertrag«, der das Einkommen des Arbeitsherrn bildet. Und dieser
Reinertrag hat eine ganz bekannte, durch keine Tätowierung oder Anstreicherkunst
zu verdeckende Physiognomie. »Um sich die hier obwaltenden Verhältnisse recht
entschieden klarzumachen«, denke sich der Leser die soeben angeführten Stellen
aus Herrn Dühring gedruckt gegenüber den früher angeführten
Stellen aus Marx über Mehrarbeit, Mehrprodukt und Mehrwert, und er wird finden,
daß Herr Dühring hier das »Kapital« in seiner Weise direkt ausschreibt.
Die Mehrarbeit in irgendeiner Form, sei es der Sklaverei, Hörigkeit oder
Lohnarbeit, erkennt Herr Dühring an als Quelle der Einkünfte aller bisherigen
herrschenden Klassen: genommen aus der mehrfach angeführten Stelle: »Kapital«,
Seite 227: das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden
usw. |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 249| - Und der »Reinertrag«,
der »das Einkommen des Arbeitsherrn« bildet, was ist er anders als der Überschuß
des Arbeitsprodukts über den Arbeitslohn, weicher letztere ja auch bei Herrn
Dühring, trotz seiner ganz überflüssigen Verkleidung in einen Sold,
im allgemeinen den Unterhalt und die Fortpflanzungsmöglichkeit des Arbeiters
sichern muß? Wie kann die »Aneignung des hauptsächlichsten Teils des
Ertrags der Arbeitskraft« vor sich gehn, außer dadurch, daß der Kapitalist,
wie bei Marx, dem Arbeiter mehr Arbeit auspreßt, als zur Reproduktion der
von diesem letztern verzehrten Lebensmittel nötig ist, das heißt dadurch,
daß der Kapitalist den Arbeiter längere Zeit arbeiten läßt,
als erforderlich ist, den Wert des dem Arbeiter gezahlten Arbeitslohns zu ersetzen?
Also Verlängerung des Arbeitstags über die zur Reproduktion der Lebensmittel
des Arbeiters nötige Zeit hinaus, Marxsche Mehrarbeit - das und nichts andres
ist es, was sich verbirgt unter Herrn Dührings »Ausnutzung der Arbeitskraft«;
und sein »Reinertrag« des Arbeitsherrn, worin anders kann er sich darstellen als
in Marxschem Mehrprodukt und Mehrwert? Und wodurch anders als durch ihre unexakte
Fassung unterscheidet sich die Dühringsche Besitzrente vom Marxschen Mehrwert?
Den Namen »Besitzrente« übrigens hat Herr Dühring von Rodbertus entlehnt,
der die Bodenrente und die Kapitalrente oder den Kapitalgewinn schon unter dem
gemeinsamen Ausdruck: Rente zusammenfaßte, so daß Herr Dühring
nur den »Besitz« hinzuzusetzen hatte(3).
Und damit ja kein Zweifel bleibe über das Plagiat, faßt Herr Dühring
die von Marx im 15. Kapitel (Seite 539 u. ff. des »Kapital« |siehe Karl Marx,
»Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 542|) entwickelten Gesetze über den Größenwechsel von
Preis der Arbeitskraft und Mehrwert in seiner Weise so zusammen, daß, was
der Besitzrente zufällt, dem Arbeitslohn verlorengehn muß und umgekehrt,
und reduziert damit die inhaltvollen Marxschen Einzelgesetze auf eine inhaltlose
Tautologie, denn es ist selbstredend, daß von einer gegebnen, in zwei Teile
zerfallenden Größe der eine Teil nicht wachsen kann, ohne daß
der andre abnimmt. Und so ist es Herrn Dühring gelungen, die Aneignung der
Marxschen Ideen in einer Weise zu vollziehn, bei der die »letzte und strengste
Wissenschaftlichkeit im Sinne der exakten Disziplinen«, wie sie sich in der Marxschen
Entwicklung allerdings findet, vollständig verlorengeht.
Wir können also nicht umhin anzunehmen, daß das auffallende Gepolter, das Herr Dühring in der »Kritischen Geschichte«
über »Das Kapital« erhebt, und namentlich der Staub, den er aufwirbelt mit
der famosen Frage, die beim Mehrwert entsteht, und die er besser ungefragt gelassen
hätte, sintemal sie selbst nicht beantworten kann - daß das alles nur
Kriegslisten sind, schlaue Manöver, um damit das im »Cursus« an Marx begangne
grobe Plagiat zu verdecken. Herr Dühring hatte in der Tat alle Ursache, seine
Leser zu warnen vor der Beschäftigung mit »dem Knäuel, welches von Herrn
Marx Kapital genannt wird«, vor den Bastarden historischer und logischer Phantastik,
den Hegelschen konfusen Nebelvorstellungen und Flausen usw. Die Venus, vor der
dieser getreue Eckart die deutsche Jugend warnt, hatte er sich selbst zum eignen
Gebrauch aus den Marxschen Gehegen im stillen in Sicherheit gebracht. Gratulieren
wir ihm zu diesem durch die Ausnutzung der Marxschen Arbeitskraft erzielten Reinertrag
und zu dem eigentümlichen Licht, den seine Annexion des Marxschen Mehrwerts
unter dem Namen der Besitzrente auf die Motive seiner hartnäckigen, weil
in zwei Auflagen wiederholten, falschen Behauptung wirft, als verstehe Marx unter
Mehrwert nur den Profit oder Kapitalgewinn.
Und so müssen wir Herrn Dührings Leistungen schildern in Herrn Dührings
Worten wie folgt:
»Nach der Ansicht des Herrn« Dühring »vertritt der Arbeitslohn
nur die Bezahlung derjenigen Arbeitszeit, welche der Arbeiter wirklich für
die Ermöglichung der eignen Existenz tätig ist. Hierzu genügt nur
eine kleinere Anzahl Stunden; der ganze übrige Teil des oft langgedehnten
Arbeitstags liefert einen Überschuß, in welchem die von unsern Autor
so genannte« Besitzrente ... »enthalten ist. Abgesehn von der auf irgendeiner
Stufe der Produktion bereits in den Arbeitsmitteln und relativen Rohstoffen enthaltenen
Arbeitszeit, ist jener Überschuß des Arbeitstags der Anteil des kapitalistischen
Unternehmers. Die Ausdehnung des Arbeitstags ist hiernach reiner Auspressungsgewinn
zugunsten des Kapitalisten. Der giftige Haß, mit dem Herr« Dühring
»diese Vorstellungsart des Ausbeutergeschäfts pflegt, ist nur zu begreiflich«
...
Weniger begreiflich dagegen ist, wie er nun wieder zu seinem »gewaltigeren
Zorn« kommen will?
Bisher haben wir beim besten Willen nicht entdecken können, wie Herr Dühring
dazu kommt, auf dem Gebiet der Ökonomie
»mit dem Anspruch auf ein neues, nicht etwa bloß der Epoche
genügendes, sondern für die Epoche maßgebendes System aufzutreten«.
Was wir aber bei der Gewaltstheorie, bei Wert
und Kapital nicht zu sehn vermochten, vielleicht springt es uns sonnenklar in
die Augen bei Betrachtung der von Herrn Dühring aufgestellten »Naturgesetze
der Volkswirtschaft«. Denn, wie er sich mit gewohnter Neuheit und Schärfe
ausdrückt,
»der Triumph der höhern Wissenschaftlichkeit besteht darin, über
die bloßen Beschreibungen und Einteilungen des gleichsam ruhenden Stoffs
zu den lebendigen, die Erzeugung beleuchtenden Einsichten zu gelangen. Die Erkenntnis
der Gesetze ist daher die vollkommenste; denn sie zeigt uns, wie ein Vorgang durch
den andern bedingt wird.«
Gleich das erste Naturgesetz aller Wirtschaft ist speziell von Herrn Dühring
entdeckt worden.
Adam Smith »hat merkwürdigerweise den wichtigsten Faktor aller
wirtschaftlichen Entwicklungen nicht bloß nicht an die Spitze gestellt,
sondern auch dessen besondre Formulierung ganz unterlassen und auf diese Weise
diejenige Macht, die der modernen europäischen Entwicklung ihren Stempel
aufgedrückt hatte, unwillkürlich zu einer untergeordneten Rolle herabgewürdigt«.
Dies »Grundgesetz, welches an die Spitze gestellt werden muß, ist dasjenige
der technischen Ausrüstung, ja man könnte sagen der Bewaffnung der natürlich
gegebnen Wirtschaftskraft des Menschen«.
Dies von Herrn Dühring entdeckte »Fundamentalgesetz« lautet wie folgt:
Gesetz Nr. 1. »Die Produktivität der wirtschaftlichen Mittel, Naturhülfsquellen
und Menschenkraft, wird durch Erfindungen und Entdeckungen gesteigert.«
Wir staunen. Herr Dühring behandelt uns ganz wie jener Spaßvogel
bei Molière den neugebacknen Adligen, dem er die Neuigkeit mitteilt, er
habe sein ganzes Leben lang Prosa gesprochen, ohne es zu wissen. Daß Erfindungen
und Entdeckungen in manchen Fällen die Produktivkraft der Arbeit steigern
(in sehr vielen Fällen aber auch nicht, wie die massenhafte Archivmakulatur
aller Patentämter der Welt beweist), das haben wir längst gewußt;
daß diese uralte Trivialität aber das Fundamentalgesetz der ganzen
Ökonomie ist - diese Aufklärung verdanken wir Herrn Dühring. Wenn
»der Triumph der höheren Wissenschaftlichkeit« in der Ökonomie, wie
in der Philosophie, nur darin besteht, dem ersten besten Gemeinplatz einen volltönenden
Namen zu geben, ihn als ein Naturgesetz oder gar Fundamentalgesetz auszuposaunen,
so ist das »tiefere Grundlegen« und Umwälzen der Wissenschaft in der Tat
auch für jedermann, selbst für die Redaktion der Berliner »Volks-Zeitung«
möglich gemacht. Wir wären dann »in aller Strenge« genötigt, Herrn
Dührings Urteil über Plato auf Herrn Dühring selbst anzuwenden
wie folgt:
»Wenn indessen so etwas nationalökonomische
Weisheit sein soll, so hat sie der Urheber der« kritischen Grundlegungen »mit
jeder Person gemein, die überhaupt zu einem Gedanken« - ja sogar bloß
zu einem Gerede - »über das auf der Hand Liegende Veranlassung erhielt.«
Wenn wir z.B. sagen: die Tiere fressen, so sprechen wir in unsrer Unschuld
ein großes Wort gelassen aus; denn wir brauchen nur zu sagen, es sei das
Fundamentalgesetz alles Tierlebens, zu fressen, und wir haben die ganze Zoologie
umgewälzt.
Gesetz Nr. 2. Teilung der Arbeit: »Die Spaltung der Berufszweige und
die Zerlegung der Tätigkeiten erhöht die Produktivität der Arbeit.«
Soweit dies richtig, ist es seit Adam Smith ebenfalls Gemeinplatz. Wie weit
es richtig, wird sich im dritten Abschnitt zeigen.
Gesetz Nr. 3. »Entfernung und Transport sind die Hauptursachen,
durch welche das Zusammenwirken der produktiven Kräfte gehemmt und gefördert
wird.«
Gesetz Nr. 4. »Der Industriestaat hat unvergleichlich mehr Bevölkerungskapazität
als der Ackerbaustaat.«
Gesetz Nr. 5. »In der Ökonomie geschieht nichts ohne ein materielles
Interesse.«
Das sind die »Naturgesetze«, auf die Herr Dühring seine neue Ökonomie
begründet. Er bleibt seiner, in der Philosophie schon dargestellten Methode
treu. Ein paar, manchmal dazu noch schief ausgedrückte Selbstverständlichkeiten
von trostlosester Landläufigkeit bilden die Axiome, die keines Beweises bedürfen,
die Fundamentalsätze, die Naturgesetze auch der Ökonomie. Unter dem
Vorwand, den Inhalt dieser Gesetze zu entwickeln, die keinen Inhalt haben, wird
die Gelegenheit benutzt zu einer breiten ökonomischen Kannegießerei
über die verschiednen Themata, deren Namen in diesen angeblichen Gesetzen
vorkommen, also über Erfindungen, Teilung der Arbeit, Transportmittel, Bevölkerung,
Interesse, Konkurrenz usw., einer Kannegießerei, deren platte Alltäglichkeit
gewürzt wird nur durch orakelhafte Grandiloquenzen und hier und da durch
schiefe Auffassung oder wichtigtuende Spintisierung über allerlei kasuistische
Subtilitäten. Dann kommen wir schließlich auf Bodenrente, Kapitalgewinn
und Arbeitslohn, und da wir im Vorhergehenden nur die beiden letztern Aneignungsformen
behandelt, so wollen wir hier zum Schluß noch die Dühringsche Auffassung
der Grundrente kurz untersuchen.
Wir lassen dabei alle Punkte unberücksichtigt, in denen Herr Dühring
bloß seinen Vorgänger Carey abschreibt; wir haben es nicht mit Carey
zu tun, auch nicht die Ricardosche Auffassung der Grundrente gegen Careys Verdrehungen
und Torheiten zu verteidigen. Uns geht bloß Herr Dühring an, und dieser
definiert die Grundrente als
»dasjenige Einkommen, welches der Eigentümer als
solcher vom Grund und Boden bezieht«.
Den ökonomischen Begriff der Grundrente, den Herr Dühring erklären
soll, übersetzt er kurzerhand ins juristische, so daß wir nicht klüger
sind als vorher. Unser tieferer Grundleger muß sich daher, wohl oder übel,
zu weitern Erörterungen herbeilassen. Er vergleicht nun die Verpachtung eines
Ackerguts an einen Pächter mit dem Ausleihen eines Kapitals an einen Unternehmer,
findet aber bald, daß der Vergleich, wie mancher andre, hinkt.
Denn, sagt er, »wollte man die Analogie weiter verfolgen, so müßte
der Gewinn, der dem Pächter nach Abzahlung der Bodenrente übrigbleibt,
demjenigen Rest des Kapitalgewinns entsprechen, welcher dem Unternehmer, der mit
dem Kapital wirtschaftet, nach Abzug der Zinsen zufällt. Man ist aber
nicht gewohnt, die Pächtergewinne als die Haupteinkünfte und die
Grundrente als einen Rest anzusehn. ... Ein Beweis für diese Verschiedenheit
der Auffassung ist die Tatsache, daß man in der Lehre von der Bodenrente
den Fall der Selbstbewirtschaftung nicht besonders auszeichnet, und auf die Größendifferenz
einer in Form der Pacht und einer selbsterzeugten Rente kein sonderliches Gewicht
legt. Wenigstens hat man sich nicht veranlaßt gefunden, die aus der
Selbstbewirtschaftung hervorgehende Rente derartig zerlegt zu denken, daß
der eine Bestandteil gleichsam den Zins des Grundstücks und der andre den
Überschußgewinn des Unternehmertums repräsentierte. Abgesehn von
dem eignen Kapital, welches der Pächter zur Anwendung bringt, scheint
man seinen speziellen Gewinn, meistens für eine Art Arbeitslohn
zu halten. Doch ist es bedenklich, hierüber etwas behaupten
zu wollen, da man sich die Frage in dieser Bestimmtheit gar nicht vorgelegt hat.
Überall wo es sich um größere Wirtschaften handelt, wird man mit
Leichtigkeit einsehn können, daß es nicht angeht, den spezifischen
Pächtergewinn als Arbeitslohn gelten zu lassen. Dieser Gewinn beruht nämlich
selbst auf dem Gegensatz gegen die ländliche Arbeitskraft, deren Ausnutzung
allein jene Einkünfteart möglich macht. Es ist offenbar ein Stück
Rente, welches in den Händen des Pächters bleibt, und durch welches
die volle Rente, die bei der Bewirtschaftung durch den Eigentümer
erzielt werden würde, verkürzt wird.«
Die Theorie von der Bodenrente ist ein spezifisch englisches Stück Ökonomie
und mußte es sein, weil nur in England eine Produktionsweise bestand, bei
der die Rente sich auch tatsächlich von Profit und Zins abgesondert hatte.
In England herrscht bekanntlich großer Grundbesitz und große Agrikultur.
Die Grundeigentümer verpachten ihre Ländereien in großen, oft
sehr großen Ackergütern an Pächter, die mit hinreichendem Kapital
zu deren Bewirtschaftung versehen sind und nicht, wie unsre Bauern, selbst arbeiten,
sondern als richtige kapitalistische Unternehmer die Arbeit von Hofgesinde und
Taglöhnern verwenden. Hier haben wir also
die drei Klassen der bürgerlichen Gesellschaft und das einer jeden eigentümliche
Einkommen: den Grundeigentümer, der die Grundrente, den Kapitalisten, der
den Profit, und den Arbeiter, der den Arbeitslohn bezieht. Nie ist es einem englischen
Ökonomen eingefallen, den Gewinn des Pächters, wie dies Herrn Dühring
scheint, für eine Art Arbeitslohn zu halten; noch viel weniger konnte
es für ihn bedenklich sein, zu behaupten, des Pächters Profit
sei das, was er unbestreitbar, augenscheinlich und handgreiflich ist, nämlich
Kapitalprofit. Es ist gradezu lächerlich, wenn es hier heißt, man habe
sich die Frage, was der Pächtergewinn eigentlich sei, in dieser Bestimmtheit
gar nicht vorgelegt. In England braucht man sich diese Frage gar nicht erst vorzulegen,
die Frage wie die Antwort liegen seit lange vor in den Tatsachen selbst, und es
hat darüber seit Adam Smith nie ein Zweifel bestanden.
Der Fall der Selbstbewirtschaftung, wie Herr Dühring es nennt, oder vielmehr
der Bewirtschaftung durch Verwalter für Rechnung des Grundbesitzers, wie
er in der Wirklichkeit in Deutschland sich mehrentells ereignet, ändert nichts
an der Sache. Wenn der Grundbesitzer auch das Kapital liefert und für eigne
Rechnung wirtschaften läßt, so steckt er außer der Grundrente
noch den Kapitalprofit in die Tasche, wie das nach der heutigen Produktionsweise
sich von selbst versteht und gar nicht anders sein kann. Und wenn Herr Dühring
behauptet, man habe sich bisher nicht veranlaßt gefunden, die aus der Selbstbewirtschaftung
hervorgehende Rente (soll heißen Revenue) zerlegt zu denken, so ist das
einfach nicht wahr und beweist im besten Fall nur wieder seine eigne Unwissenheit.
Zum Beispiel:
»Das Einkommen, das sich aus Arbeit herleitet, heißt Arbeitslohn;
dasjenige, welches jemand aus der Anwendung von Kapital herleitet, heißt
Profit ... das Einkommen, das ausschließlich aus dem Boden entspringt, wird
Rente genannt und gehört dem Grundbesitzer. ... Wenn diese verschiednen Arten
von Einkommen verschiednen Personen zufallen, sind sie leicht zu unterscheiden;
fallen sie aber derselben Person zu, so werden sie wenigstens in der alltäglichen
Sprache häufig durcheinandergeworfen. Ein Grundbesitzer, der einen Teil seines
eignen Boden selbst bewirtschaftet, sollte nach Abzug der Bewirtschaftungskosten
sowohl die Rente des Grundbesitzers wie den Profit des Pächters erhalten.
|Hervorhebungen von Engels| Er wird aber leicht, in der gewöhnlichen
Sprache wenigstens, seinen ganzen Gewinn Profit nennen und so die Rente mit dem
Profit zusammenwerfen. Die Mehrzahl unsrer nordamerikanischen und westindischen
Pflanzer sind in dieser Lage; die meisten bebauen ihre eignen Besitzungen, und
so hören wir selten von der Rente einer Pflanzung, wohl aber von dem Profit,
den sie abwirft ... Ein Gärtner, der seinen
eignen Garten eigenhändig bebaut, ist in einer Person Grundbesitzer, Pächter
und Arbeiter. Sein Produkt sollte ihm daher die Rente des ersten, den Profit des
zweiten und den Lohn des dritten zahlen. Das Ganze gilt aber gewöhnlich als
sein Arbeitsverdienst; Rente und Profit werden hier also zusammengeworfen mit
dem Arbeitslohn.«
Diese Stelle steht im 6. Kapitel des ersten Buchs von Adam Smith. Der
Fall der Selbstbewirtschaftung ist also schon vor hundert Jahren untersucht, und
die Bedenklichkeiten und Unsicherheiten, die Herrn Dühring hier soviel Kummer
machen, entspringen lediglich aus seiner eignen Unwissenheit.
Zuletzt rettet er sich aus der Verlegenheit durch einen kühnen Griff:
Der Pächtergewinn beruht auf Ausbeutung der »ländlichen Arbeitskraft«
und ist daher offenbar ein »Stück Rente«, um welches die »volle Rente«, die
eigentlich in die Tasche des Grundbesitzers fließen sollte, »verkürzt
wird«.
Hiermit erfahren wir zweierlei. Erstens, daß der Pächter die Rente
des Grundbesitzers »verkürzt«, so daß also bei Herrn Dühring nicht,
wie man sich bisher vorgestellt hatte, es der Pächter ist, welcher dem Grundbesitzer,
sondern der Grundbesitzer, welcher dem Pächter Rente zahlt
- allerdings eine »von Grund aus eigentümliche Anschauung«. Und zweitens
erfahren wir endlich, was Herr Dühring sich unter Grundrente vorstellt; nämlich
das ganze bei der Ausbeutung der ländlichen Arbeit im Ackerbau erzielte Mehrprodukt.
Da dies Mehrprodukt aber in der bisherigen Ökonomie - einige Vulgärökonomen
etwa ausgenommen - in Grundrente und Kapitalprofit zerfällt, so haben wir
zu konstatieren, daß auch von der Grundrente Herr Dühring »nicht den
gemeingültigen Begriff hegt«.
Also Grundrente und Kapitalgewinn unterscheiden sich nach Herrn Dühring
nur dadurch, daß die erstere im Ackerbau erwirkt wird und der andre in der
Industrie oder im Handel. Zu dieser unkritischen und verworrnen Vorstellungsweise
gelangt Herr Dühring mit Notwendigkeit. Wir sahen, daß er von der »wahren
historischen Auffassung« ausging, wonach die Herrschaft über den Boden nur
vermittelst der Herrschaft über den Menschen begründet sei. Sobald also
Boden vermittelst irgendeiner Form von Knechtsarbeit bebaut wird, entsteht ein
Überschuß für den Grundherrn, und dieser Überschuß
ist eben die Rente, wie der Überschuß des Arbeitsprodukts über
den Arbeitsgewinn in der Industrie der Kapitalgewinn ist.
»Auf diese Weise ist klar, daß die Bodenrente zu jeder Zeit und
überall da in erheblichem Maß existiert, wo die Ackerkultur vermittelst
irgendeiner der Unterwerfungsformen der Arbeit betrieben wird.«
Bei dieser Darstellung der Rente, als des gesamten
beim Ackerbau erzielten Mehrprodukts, kommt ihm nun einerseits der englische Pächterprofit
und andrerseits die von diesem entlehnte, in der ganzen klassischen Ökonomie
gültige Teilung jenes Mehrprodukts in Grundrente und Pächterprofit,
und damit die reine präzise Fassung der Rente, quer in den Weg. Was
tut Herr Dühring? Er stellt sich, als kenne er von der Einteilung des Ackerbau-Mehrprodukts
in Pächterprofit und Grundrente, also von der ganzen Rententheorie der klassischen
Ökonomie kein Sterbenswörtchen; als sei in der gesamten Ökonomie
die Frage, was der Pächterprofit eigentlich sei, noch gar nicht »in dieser
Bestimmtheit« gestellt worden; als handle es sich um einen ganz unerforschten
Gegenstand, über den nichts bekannt ist als Schein und Bedenklichkeiten.
Und er flüchtet aus dem fatalen England, wo das Mehrprodukt des Ackerbaus
ganz ohne Zutun irgendwelcher theoretischen Schule so erbarmungslos zerteilt ist
in seine Bestandteile: Grundrente und Kapitalprofit, nach seinem vielgeliebten
Geltungsbereich des preußischen Landrechts, wo die Selbstbewirtschaftung
in voller patriarchalischer Blüte steht, wo »der Gutsbesitzer unter Rente
die Einkünfte von seinen Grundstücken versteht« und die Ansicht der
Herren Junker über die Rente noch mit dem Anspruch auftritt, für die
Wissenschaft maßgebend zu sein, wo also Herr Dühring noch hoffen kann,
mit seiner Begriffsverwirrung über Rente und Profit durchzuschlüpfen
und sogar Glauben zu finden für seine neueste Entdeckung, daß die Grundrente
gezahlt werde nicht vom Pächter an den Grundbesitzer, sondern vom Grundbesitzer
an den Pächter.
Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die »Kritische Geschichte
der Nationalökonomie«, auf »dieses Unternehmen« des Herrn Dühring, daß,
wie er sagt, »ganz ohne Vorgänger ist«. Vielleicht begegnen wir hier endlich
der vielversprochenen letzten und strengsten Wissenschaftlichkeit.
Herr Dühring macht viel Aufhebens von dem Fund, daß
die »Wirtschaftslehre« eine »enorm moderne Erscheinung ist« (Seite 12).
in der Tat heißt's bei Marx im »Kapital«: »Die politische Ökonomie
... als eigne Wissenschaft, kommt erst, in der Manufakturperiode auf«, |siehe
Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 386| und in: »Zur Kritik der Politischen Ökonomie«, Seite 29,
daß »die klassische politische Ökonomie ... in England mit William
Petty, in Frankreich mit Boisguillebert beginnt,
in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi abschließt |siehe Karl
Marx, »Zur Kritik der Politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels:
Werke, Bd. 13, S. 37|. Herr Dühring
folgt diesem ihm vorgeschriebnen Gang, nur daß ihm die höhere Ökonomie
erst beginnt mit den kläglichen Aborten, welche die bürgerliche Wissenschaft
nach Ablauf ihrer klassischen Periode zutage gefördert hat. Dahingegen triumphiert
er mit vollstem Recht am Schluß seiner Einleitung:
»Wenn aber schon dieses Unternehmen in seinen äußerlich wahrnehmbaren
Eigentümlichkeiten und in der neuern Hälfte seines Inhalts ganz ohne
Vorgänger ist, so gehört es mir noch viel mehr seinen innern kritischen
Gesichtspunkten und seinem allgemeinen Standpunkt nach eigentümlich an« (Seite
9).
Er hätte in der Tat nach beiden, äußerlichen und innerlichen
Seiten hin sein »Unternehmen« (der industrielle Ausdruck ist nicht übel gewählt)
annoncieren können als: Der Einzige und sein Eigentum.
Da die politische Ökonomie, wie sie geschichtlich aufgetreten, in der
Tat nichts ist als die wissenschaftliche Einsicht in die Ökonomie der kapitalistischen
Produktionsperiode, so können darauf bezügliche Sätze und Theoreme,
z.B. bei den Schriftstellern der alten griechischen Gesellschaft, nur soweit vorkommen,
wie gewisse Erscheinungen: Warenproduktion, Handel, Geld, zinstragendes Kapital
usw., beiden Gesellschaften gemeinsam sind. Soweit die Griechen gelegentliche
Streifzüge in dies Gebiet machen, zeigen sie dieselbe Genialität und
Originalität wie auf allen andern Gebieten. Ihre Anschauungen bilden daher
geschichtlich die theoretischen Ausgangspunkte der modernen Wissenschaft. Hören
wir nun den weltgeschichtlichen Herrn Dühring.
»Hiernach hätten wir in bezug auf wissenschaftliche Wirtschaftstheorie
vom Altertum eigentlich gar nichts Positives zu berichten, und das gänzlich
unwissenschaftliche Mittelalter bietet dazu« (dazu, nichts zu berichten!)
»noch weit weniger Veranlassung. Da jedoch die den Schein der Gelehrsamkeit eitel
zur Schau tragende Manier ... den reinen Charakter der modernen Wissenschaft verunziert
hat, so müssen zur Notiznahme wenigstens einige Beispiele beigebracht werden.«
Und Herr Dühring bringt dann Beispiele einer Kritik bei, die sich in der
Tat auch vom »Schein der Gelehrsamkeit« frei hält.
Des Aristoteles' Satz, daß
»zweifach ist der Gebrauch jedes Guts - der eine ist dem Ding als solchem
eigen, der andre nicht, wie einer Sandale, zur Beschuhung zu dienen und austauschbar
zu sein; beides sind Gebrauchsweisen der Sandale, denn auch, wer die Sandale gegen
das ihm Mangelnde, Geld oder Nahrung, austauscht,
benutzt die Sandale als Sandale; aber nicht in ihrer natürlichen Gebrauchsweise,
denn sie ist nicht des Austausches wegen da« -
dieser Satz ist nach Herrn Dühring »nicht nur in recht trivialer und verschulter
Art ausgesprochen«. Sondern die, welche hierin eine »Unterscheidung zwischen Gebrauchswert
und Tauschwert« finden, verfallen außerdem noch dem »Humor«, zu vergessen,
daß »in allerjüngster Zeit« und »im Rahmen des am meisten fortgeschrittenen
Systems«, natürlich dem des Herrn Dühring selbst, Gebrauchswert und
Tauschwert alle geworden sind.
»In Platos Schriften über den Staat hat man ... auch das moderne
Kapitel von der volkswirtschaftlichen Arbeitsteilung finden wollen.«
Dies soll wohl auf die Stelle im »Kapital«, Kapitel XII, 5, Seite 369 der dritten
Auflage gehn, wo aber vielmehr umgekehrt die Ansicht des klassischen Altertums
von der Teilung der Arbeit als im strengsten Gegensatz zu der modernen nachgewiesen
wird |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 387/388|. - Nasenrümpfen
und weiter nichts, von seiten Herrn Dührings, verdient Platos für seine
Zeit geniale Darstellung der Teilung der Arbeit als naturwüchsiger Grundlage
der Stadt (die für den Griechen identisch war mit dem Staat), und zwar, weil
er nicht - wohl aber der Grieche Xenophon, Herr Dühring! - die »Grenze« erwähnt,
»welche der jeweilige Umfang des Markts für die weitere Verzweigung
der Berufsarten und die technische Zerlegung der Spezialoperationen setzt - die
Vorstellung von dieser Grenze ist erst diejenige Erkenntnis, mit welcher die sonst
kaum wissenschaftlich zu nennende Idee zu einer ökonomisch erheblichen Wahrheit
wird«.
Der von Herrn Dühring so sehr verschmähte »Professor« Roscher hat
in der Tat diese »Grenze« gezogen, bei der die Idee der Teilung der Arbeit erst
»wissenschaftlich« werden soll, und deshalb Adam Smith ausdrücklich zum Entdecker
des Gesetzes der Teilung der Arbeit gemacht. In einer Gesellschaft, wo die Warenproduktion
die herrschende Weise der Produktion ist, ist »der Markt« - um auch einmal in
Herrn Dührings Manier zu reden - eine unter den »Geschäftsleuten« sehr
bekannte »Grenze« gewesen. Es gehört aber mehr als »das Wissen und der Instinkt
der Routine« dazu, um einzusehen, daß nicht der Markt die kapitalistische
Teilung der Arbeit schuf, sondern umgekehrt die Zersetzung früherer gesellschaftlicher
Zusammenhänge und die daraus erfolgende Teilung der Arbeit den Markt schufen.
(Siehe »Kapital«, I, Kapitel XXIV, 5: Herstellung des innern Marktes für
das industrielle Kapital. |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke, Bd. 23, S. 773/777|)
»Die Rolle des Geldes ist zu allen Zeiten
die erste Hauptanregung zu wirtschaftlichen (!) Gedanken gewesen. Was wußte
aber ein Aristoteles von dieser Rolle? Offenbar nichts weiter, als was in der
Vorstellung liegt, daß der Austausch durch Vermittlung des Geldes dem Naturalaustausch
gefolgt sei.«
Wenn »ein« Aristoteles sich aber herausnimmt, die zwei verschiednen Zirkulationsformen
des Geldes zu entdecken, die eine, worin es als bloßes Zirkulationsmittel,
die andre, worin es als Geldkapital tätig ist,
so drückt er hiermit, nach Herrn Dühring, »nur eine moralische
Antipathie aus«.
Wenn »ein« Aristoteles sich gar vermißt, das Geld in seiner »Rolle« als
Wertmaß analysieren zu wollen, und in der Tat dies für die Lehre
vom Gelde so entscheidende Problem richtig stellt, so schweigt »ein« Dühring,
und zwar aus guten Geheimgründen, lieber ganz über solch unerlaubte
Verwegenheit.
Schlußresultat: Im Spiegelbild der Dühringschen »Notiznahme« besitzt
das griechische Altertum in der Tat nur »ganz gewöhnliche Ideen« (Seite 25),
wenn derartige »Niaiserie« (Seite 19) überhaupt noch etwas mit Ideen, gewöhnlichen
oder ungewöhnlichen, gemein hat.
Das Kapitel des Herrn Dühring über den Merkantilismus liest man besser
im »Original«, das heißt bei F. List, »Nationales System«, Kapitel 29: »Das
Industriesystem, von der Schule fälschlich Merkantilsystem genannt.« Wie
sorgfältig auch hier Herr Dühring jeden »Schein der Gelehrsamkeit« zu
vermeiden weiß, zeigt unter anderm folgendes:
List, Kapitel 28, »Die italienischen Nationalökonomen«, sagt:
»Allen modernen Nationen ist Italien vorausgegangen, wie in der Praxis,
so in der Theorie der politischen Ökonomie«,
und erwähnt dann als
»das erste über politische Ökonomie insbesondere in Italien
geschriebne Werk die Schrift von Antonio Serra aus Neapel über die Mittel,
den Königreichen einen Überfluß an Gold und Silber zu verschaffen
(1613).
Herr Dühring nimmt dies getrost an und kann demgemäß Serras
»Breve trattato«
»als eine Art Inschrift am Eingang der neuern Vorgeschichte der Ökonomie
betrachten«.
Auf dies »belletristische Mätzchen« beschränkt sich in der Tat seine
Betrachtung des »Breve trattato«. Unglücklicherweise trug sich in der Wirklichkeit
die Sache anders zu und erschien 1609, also vier Jahre vor dem »Breve trattato«,
Thomas Muns »A Discurse of Trade etc.« Diese Schrift hat gleich in ihrer ersten
Ausgabe die spezifische Bedeutung, daß sie gegen
das ursprüngliche, damals noch als Staatspraxis in England verteidigte Monetarsystem
gerichtet ist, also die bewußte Selbstscheidung des Merkantilsystems
von seinem Muttersystem darstellt. Bereits in ihrer ersten Form erlebte die Schrift
mehrere Auflagen und übte direkten Einfluß auf die Gesetzgebung aus.
In der vorn Verfasser gänzlich umgearbeiteten und nach seinem Tod erschienenen
Auflage von 1664: »Englands Treasure etc.« blieb sie für weitere hundert
Jahre merkantilistisches Evangelium. Hat der Merkantilismus also ein epochemachendes
Werk »als eine Art Inschrift am Eingang« so ist es dieses, und eben darum existiert
es ganz und gar nicht für Herrn Dührings »die Rangverhältnisse
sehr sorgfältig beobachtende Geschichte«.
Von dem Begründer der modernen politischen Ökonomie, Petty, teilt
Herr Dühring uns mit, daß er
»ein ziemliches Maß leichtfertiger Denkungsart« besaß, ferner
»Abwesenheit des Sinnes für die innern und feinern Unterscheidungen der Begriffe«
... eine »Versatilität, die vieles kennt, aber von dem einen zum andern leichten
Fußes übergeht, ohne in irgendeinem Gedanken tieferer Art Wurzel zu
schlagen« ... er »verfährt in volkswirtschaftlicher Beziehung noch sehr roh«
und »gelangt zu Naivetäten, deren Kontrast ... den ernsteren Denker auch
wohl einmal unterhalten kann«.
Welche nicht zu überschätzende Herablassung also, wenn der »ernstere
Denker« Herr Dühring überhaupt von »einem Petty« Notiz zu nehmen geruht!
Und wie nimmt er von ihm Notiz?
Pettys Sätze über
»die Arbeit und sogar die Arbeitszeit als Wertmaß, wovon sich
bei ihm ... unvollkommne Spuren vorfinden«,
werden außer in diesem Satz gar nicht weiter erwähnt. Unvollkommne
Spuren. In seinem »Treatise on Taxes and Contributions« (erste Ausgabe 1662) gibt
Petty eine vollkommen klare und richtige Analyse der Wertgröße der
Waren. Indem er sie zunächst veranschaulicht an dem Gleichwert von edlen
Metallen und Korn, welche gleich viel Arbeit kosten, sagt er das erste und letzte
»theoretische« Wort über den Wert der edlen Metalle. Aber er spricht auch
bestimmt und allgemein aus, daß die Warenwerte durch gleiche Arbeit (equal
labour) gemessen werden. Er wendet seine Entdeckung auf die Lösung verschiedner,
zum Teil sehr verwickelter Probleme an, und zieht stellenweis bei verschiednen
Gelegenheiten und in verschiednen Schriften, auch wo der Hauptsatz nicht wiederholt
wird, wichtige Konsequenzen aus demselben. Aber er sagt auch gleich in seiner
ersten Schrift:
»Dies« (die Schätzung durch gleiche
Arbeit) »behaupte ich, ist die Grundlage der Ausgleichung und Abwägung
der Werte |Hervorhebung von Marx|; jedoch in dem Überbau und der praktischen
Anwendung davon, gestehe ich, gibt es viel Mannigfaltiges und Verwickeltes.«
Petty ist sich also ebensosehr der Wichtigkeit seines Fundes bewußt,
wie der Schwierigkeit seiner Detailausnutzung. Er versucht daher auch einen andern
Weg zu gewissen Detailzwecken.
Es soll nämlich ein natürliches Gleichheitsverhältnis
(a natural Par) zwischen Boden und Arbeit gefunden werden, so daß man den
Wert beliebig »in jedem der beiden oder noch besser in beiden« ausdrücken
kann.
Der Irrweg selbst ist genial.
Herr Dühring macht zu Pettys Werttheorie die scharfgedachte Bemerkung:
»Hätte er selbst schärfer gedacht, so würde es gar nicht
möglich sein, daß sich an andern Orten Spuren einer entgegengesetzten
Auffassung vorfänden, an welche schon vorher erinnert worden«;
das heißt wovon »vorher« nichts erwähnt worden ist, außer
daß die »Spuren« - »unvollkommen« sind. Es ist dies eine sehr charakteristische
Manier des Herrn Dühring, »vorher« auf etwas mit einer inhaltslosen Phrase
anzuspielen, um »hinterher« den Leser glauben zu machen, er habe schon »vorher«
Kenntnis von der Hauptsache erhalten, über die besagter Verfasser tatsächlich
vorher und hinterher hinwegschlüpft.
Nun finden sich bei Adam Smith nicht nur »Spuren« von »entgegengesetzten Auffassungen«
über den Wertbegriff, und nicht nur zwei, sondern sogar drei, und ganz genau
genommen, sogar vier kraß entgegengesetzte Ansichten über den Wert,
die gemütlich neben- und untereinanderlaufen. Was aber naturgemäß
bei dem Grundleger der politischen Ökonomie, der notwendig tastet, experimentiert,
mit einem erst sich gestaltenden Ideenchaos ringt, das kann befremdlich erscheinen
bei einem Schriftsteller, der mehr als anderthalbhundertjährige Forschungen
sichtend zusammenfaßt, nachdem deren Resultate aus den Büchern zum
Teil schon in das allgemeine Bewußtsein übergegangen sind. Und, um
vom Großen aufs Kleine zu kommen: wie wir sahen, gibt uns Herr Dühring
selbst ebenfalls fünf verschiedne Arten von Wert zur gefälligen Auswahl,
und mit ihnen ebensoviel entgegengesetzte Auffassungen. Allerdings, »hätte
er selbst schärfer gedacht«, so würde er nicht soviel Mühe gebraucht
haben, seine Leser aus der vollkommen klaren Pettyschen
Auffassung des Werts zurückzuwerfen in die äußerste Konfusion.
Eine ganz abgerundete, aus einem Stück gegossene Arbeit Pettys ist sein
»Quantulumcunque concerning Money«, 1682 publiziert, zehn Jahre nach seiner »Anatomy
of Ireland« (diese erschien »zuerst« 1672 und nicht 1691, wie Herr Dühring
den »gangbarsten Lehrbuchkompilationen« nach schreibt). Die letzten Spuren merkantilistischer
Anschauungen, die man in andern Schriften von ihm antrifft, sind hier völlig
verschwunden. Es ist ein kleines Meisterwerk nach Inhalt und Form und figuriert
eben deswegen auch nicht einmal dem Namen nach bei Herrn Dühring. Es ist
ganz in der Ordnung, daß gegenüber dem genialsten und originellsten
ökonomischen Forscher eine gespreizte schulmeisterliche Mittelmäßigkeit
nur ihr knurriges Mißvergnügen kundtun, nur Ärgernis daran nehmen
kann, daß die theoretischen Lichtfunken nicht in Reih und Glied als fertige
»Axiome« einherstolzieren, vielmehr zerstreut aus der Vertiefung »rohen« praktischen
Materials, z.B. der Steuern, hervorspringen.
Wie mit Pettys eigentlich ökonomischen Arbeiten, verfährt Herr Dühring
mit dessen Gründung der »Politischen Arithmetik«, vulgo Statistik. Hämisches
Achselzucken über die Absonderlichkeit der von Petty angewandten Methoden!
Angesichts der grotesken Methoden, die selbst Lavoisier noch hundert Jahre später
auf diesem Gebiet anwandte, angesichts des großen Abstands noch der heutigen
Statistik von dem Ziel, das Petty ihr in gewaltigen Zügen vorgezeichnet hatte,
erscheint solch selbstgefälliges Besserwissen, zwei Jahrhunderte post festum,
in unverblümter Albernheit.
Die bedeutendsten Ideen Pettys, wovon in dem »Unternehmen« des Herrn Dühring
blutwenig bemerkbar, sind nach letzterem nur lose Einfälle, Gedankenzufälligkeiten,
gelegentliche Äußerungen, denen man erst in unsrer Zeit vermittelst
aus dem Zusammenhang herausgerissener Zitate eine ihnen an und für sich gar
nicht innewohnende Bedeutung verleiht, die also auch in der wirklichen
Geschichte der politischen Ökonomie keine Rolle spielen, sondern nur in modernen
Büchern unterhalb des Niveaus der wurzelhaften Kritik und der »Geschichtschreibung
großen Stils« des Herrn Dühring. Er scheint bei seinem »Unternehmen«
einen köhlergläubigen Kreis von Lesern im Auge gehabt zu haben, der
sich beileibe nicht untersteht, die Probe auf die Behauptung zu verlangen. Wir
kommen gleich hierauf zurück (bei Locke und North), müssen aber zunächst
im Vorübergehn Boisguillebert und Law uns ansehn.
Mit Bezug auf erstern heben wir den einzigen Herrn Dühring gehörigen
Fund heraus. Er hat einen früher vermißten Zusammenhang zwischen
Boisguillebert und Law entdeckt. Boisguillebert behauptet nämlich, die edlen
Metalle könnten in den normalen Geldfunktionen, die sie innerhalb der Warenzirkulation
{4} vollziehn, durch Kreditgeld
(un morceau de papier) ersetzt werden. Law dagegen bildet sich ein, eine beliebige
»Vermehrung« dieser »Papierstückchen« vermehre den Reichtum einer Nation.
Daraus folgt für Herrn Dühring, daß Boisguilleberts
»Wendung schon eine neue Wendung des Merkantilismus in sich barg« -
mit andern Worten schon den Law. Dies wird folgendermaßen sonnenklar
bewiesen:
»Es kam nur darauf an, den 'einfachen Papierstückchen' dieselbe
Rolle anzuweisen, welche die edlen Metalle hatten spielen sollen, und es
war hiermit sofort eine Metamorphose des Merkantilismus vollzogen.«
In derselben Weise kann man sofort die Metamorphose von Onkel in Tante vollziehn.
Zwar setzt Herr Dühring beschwichtigend hinzu:
»Allerdings hatte Boisguillebert nicht eine solche Absicht.«
Aber, ins Teufels Namen, wie konnte er die Absicht haben, seine eigne rationalistische
Anschauung von der Geldrolle der edlen Metalle deshalb durch die abergläubische
der Merkantilisten zu ersetzen, weil nach ihm die edlen Metalle in jener Rolle
durch Papier ersetzbar sind?
Doch, fährt Herr Dühring in seiner ernsten Komik fort,
»doch mag immerhin zugestanden werden, daß unserm Autor hier und
da eine wirklich treffende Bemerkung gelungen ist« (Seite 83).
Mit Bezug auf Law gelingt Herrn Dühring nur die »wirklich treffende Bemerkung«:
»auch Law hat die letztere Grundlage« (nämlich »die Basis der edlen
Metalle«) «begreiflicherweise nie ganz und gar ausmerzen können, aber
er hat die Zettelausgabe bis aufs äußerste, das heißt bis zum
Zusammenbruch des Systems getrieben« (Seite 94).
in der Wirklichkeit aber sollten die Papierschmetterlinge, bloße Geldzeichen,
im Publikum herumflattern, nicht um die Edelmetallbasis »auszumerzen«, sondern
um sie aus den Taschen des Publikums in die verödeten Staatskassen hineinzulocken.
Um wieder auf Petty zu kommen und die unansehnliche Rolle, welche Herr Dühring
ihn in der Geschichte der Ökonomie spielen läßt, wollen
wir zuerst hören, was uns über Pettys nächste Nachfolger mitgeteilt
wird, Locke und North. In demselben Jahr, 1691, erschienen Lockes »Considerations
on Lowering of Interest and Raising of Money« und Norths »Discourses upon Trade«.
»Was er« (Locke) »über Zins und Münze schrieb, tritt nicht
aus dem Rahmen der Reflexionen, wie sie unter der Herrschaft des Merkantilismus
in Anlehnung an die Vorkommnisse des Staatslebens üblich waren« (Seite 64).
Dem Leser dieser »Berichterstattung« muß nun sonnenklar werden, warum
Lockes »Lowering of Interest« in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
so bedeutenden Einfluß auf die politische Ökonomie in Frankreich und
Italien gewann, und zwar nach verschiedner Richtung hin.
»Über die Freiheit des Zinsfußes hatte mancher Geschäftsmann
ähnlich gedacht« (wie Locke), »und auch die Entwicklung der Verhältnisse
brachte die Neigung mit sich, die Zinshemmungen als unwirksam zu betrachten. In
einer Zeit, wo ein Dudley North seine 'Discourses upon Trade' in der Richtung
auf Freihandel schreiben konnte, mußte bereits vieles gleichsam in der Luft
liegen, was die theoretische Opposition gegen Zinsbeschränkungen nicht als
etwas Unerhörtes erscheinen ließ« (Seite 64).
Also Locke hatte die Gedanken dieses oder jenes gleichzeitigen »Geschäftsmanns«
nachzudenken, oder aber vieles zu seiner Zeit »gleichsam in der Luft liegende«
aufzuschnappen, um über Zinsfreiheit zu theoretisieren und nichts »Unerhörtes«
zu sagen! In der Tat aber stellte Petty schon 1662 in seinem »Treatise on Taxes
and Contributions« den Zins als Geldrente, die wir Wucher nennen (rent of money
which we call usury), der Boden- und Grundrente (rent of land and houses) gegenüber,
und dozierte den Grundherren, die zwar nicht die Bodenrente, wohl aber die Geldrente
gesetzlich niedermaßregeln wollten, die Eitelkeit und Fruchtlosigkeit, bürgerliche,
positive Gesetze zu machen gegen das Gesetz der Natur (the vanity and fruitlessness
of making civil positive law against the law of nature). In seinem »Quantulumcunque«
(1682) erklärt er daher die gesetzliche Zinsregulation für ebenso albern,
wie eine Regulation der Ausfuhr der edlen Metalle oder des Wechselkurses. In derselben
Schrift sagt er das ein für allemal Maßgebende über raising of
money (der Versuch, z.B. 1/2 Schilling den Namen von 1 Schilling
zu geben, indem man die Unze Silber in doppelt so viele Schillinge ausprägt).
Mit Bezug auf letztern Punkt wird er fast nur kopiert von Locke und North.
Mit Bezug auf den Zins aber knüpft Locke an Pettys Parallele von Geldzins
und Bodenrente an, während North weitergehend den Zins als Kapitalrente (rent
of stock) der Bodenrente und die Stocklords den Land
lords gegenüberstellt. Während Locke aber die von Petty geforderte Zinsfreiheit
nur mit Beschränkungen, nimmt North sie absolut.
Herr Dühring übertrifft sich selbst, wenn er, selbst noch bittrer
Merkantilist im »subtileren« Sinn, Dudley Norths »Discourses upon Trade« mit der
Bemerkung abfertigt, sie seien »in der Richtung auf Freihandel« geschrieben. Es
ist, als sagte man von Harvey, er habe »in der Richtung« auf die Blutzirkulation
geschrieben. Norths Schrift - von ihren sonstigen Verdiensten abgesehn - ist eine
klassische, mit rücksichtsloser Konsequenz geschriebne Auseinandersetzung
der Freihandelslehre, sowohl was äußern wie innern Verkehr betrifft,
im Jahr 1691 allerdings »etwas Unerhörtes«!
Im übrigen berichtet Herr Dühring, daß
North ein »Händler«, dazu ein schlechter Kerl war, und daß
seine Schrift »keinen Beifall zu finden vermocht«.
Das hätte noch gefehlt, daß eine solche Schrift zur Zeit des endgültigen
Siegs des Schutzzollsystems in England »Beifall« gefunden hätte beim tonangebenden
Janhagel! Dies hinderte jedoch nicht ihre sofortige theoretische Wirkung, die
in einer ganzen Reihe unmittelbar nach ihr, teils noch im 17. Jahrhundert, in
England erschienener ökonomischer Schriften nachweisbar ist.
Locke und North lieferten uns den Beweis, wie die ersten kühnen Griffe,
die Petty fast in allen Sphären der politischen Ökonomie tat, von seinen
englischen Nachfolgern einzeln aufgenommen und weiterverarbeitet wurden. Die Spuren
dieses Prozesses während der Periode 1691 bis 1752 drängen sich dem
oberflächlichsten Beobachter schon dadurch auf, daß alle ihr angehörigen,
bedeutenderen ökonomischen Schriften, positiv oder negativ, an Petty anknüpfen.
Diese Periode, voll origineller Köpfe, ist daher für die Erforschung
der allmählichen Genesis der politischen Ökonomie die bedeutendste.
Die »Geschichtszeichnung großen Stils«, die es Marx als unverzeihliche Sünde
ankreidet, daß im »Kapital« von Petty und den Schriftstellern jener Periode
soviel Aufhebens gemacht wird, streicht sie einfach aus der Geschichte aus. Von
Locke, North, Boisguillebert und Law springt sie sofort zu den Physiokraten über,
und dann erscheint am Eingang des wirklichen Tempels der politischen Ökonomie
- David Hume. Mit Erlaubnis des Herrn Dühring stellen wir die chronologische
Ordnung wieder her und damit Hume vor die Physiokraten.
Humes ökonomische »Essays« erschienen 1752. In den zusammengehörigen
Essays: »Of Money«, »Of the Balance of Trade«, »Of Commerce« folgt Hume Schritt
für Schritt, oft sogar in bloßen Schrullen, Jacob Vander
lints: »Money answers all things«, London 1734, So unbekannt dieser Vanderlint
auch Herrn Dühring geblieben sein mag, so wird er doch noch in englischen
ökonomischen Schriften gegen Ende des 18. Jahrhunderts, das heißt in
der nach-Smithschen Zeit, berücksichtigt.
Wie Vanderlint behandelt Hume das Geld als bloßes Wertzeichen; er kopiert
fast wörtlich (und dies ist wichtig, da er die Wertzeichentheorie aus vielen
andern Schriften hätte entnehmen können) aus Vanderlint, warum die Handelsbilanz
nicht beständig gegen oder für ein Land sein kann; er lehrt, wie Vanderlint,
das Gleichgewicht der Bilanzen, das sich natürlich, den verschiednen ökonomischen
Positionen der einzelnen Länder gemäß, herstelle; er predigt,
wie Vanderlint, den Freihandel, nur weniger kühn und konsequent; er hebt
mit Vanderlint, nur flacher, die Bedürfnisse als Treiber der Produktion hervor;
er folgt Vanderlint in dem irrigen Einfluß auf die Warenpreise, den er dem
Bankgeld und sämtlichen öffentlichen Wertpapieren zuschreibt; er verwirft
mit Vanderlint das Kreditgeld; wie Vanderlint macht er die Warenpreise abhängig
vom Preis der Arbeit, also vom Arbeitslohn; er kopiert ihm sogar die Schrulle,
daß Schatzansammlung die Warenpreise niedrig halte usw. usw.
Herr Dühring hatte schon lange orakelhaft gemunkelt von dem Mißverständnis
andrer über die Humesche Geldtheorie, und namentlich bedrohsam hingewiesen
auf Marx, der zudem im »Kapital« in polizeiwidriger Weise auf die Geheimzusammenhänge
Humes mit Vanderlint und dem noch zu erwähnenden J. Massie |Siehe Karl Marx,
»Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S.
137 und 537/538| hingewiesen hatte.
Mit diesem Mißverständnis verhält es sich wie folgt. Was die
wirkliche Geldtheorie Humes angeht, wonach das Geld bloß Wertzeichen ist,
und deshalb, unter sonst gleichbleibenden Umständen, die Warenpreise sinken
{5} im Verhältnis, wie die
zirkulierende Geldmenge wächst, und steigen im Verhältnis, wie sie fällt,
so kann Herr Dühring beim besten Willen - ob auch in der ihm eignen lichtvollen
Weise - nur seinen irrtümlichen Vorgängern nachreden. Hume aber, nachdem
er besagte Theorie aufgestellt, wirft sich selbst ein (dasselbe hatte schon Montesquieu,
von denselben Voraussetzungen ausgehend, getan),
es doch »gewiß«, daß seit der Entdeckung der amerikanischen
Bergwerke »die Industrie bei allen Nationen Europas, außer bei den Besitzern
dieser Bergwerke, gewachsen«, und daß dies »unter andern Gründen auch
dem Zuwachs von Gold und Silber geschuldet sei«.
Er erklärt dies Phänomen daraus,
daß,
»obgleich der hohe Preis der Waren eine notwendige Folge des Zuwachses
von Gold und Silber sei, er jedoch nicht unmittelbar auf diesen Zuwachs folge,
sondern einige Zeit erheischt sei, bis das Geld durch den ganzen Staat zirkuliert
und seine Wirkungen auf alle Volkskreise geltend macht«. In dieser Zwischenzeit
wirke es wohltätig auf Industrie und Handel.
Am Schluß dieser Auseinandersetzung sagt uns Hume auch, warum, obgleich
viel einseitiger als manche seiner Vorgänger und Zeitgenossen:
»Es ist leicht, das Geld im Fortschritt durch das ganze Gemeinwesen
zu verfolgen, und da werden wir finden, daß es den Fleiß jedermanns
anspornen muß, bevor es den Preis der Arbeit erhöht |Hervorhebung
von Marx|.«
In andern Worten: Hume beschreibt hier die Wirkung einer Revolution im Wert
der edlen Metalle, und zwar einer Depreziation oder, was dasselbe ist, einer Revolution
im Wertmaß der edlen Metalle. Er findet richtig heraus, daß
diese Depreziation, bei der nur allmählich vorgehenden Ausgleichung der Warenpreise,
erst in letzter Instanz »den Preis der Arbeit erhöht«, vulgo den Arbeitslohn;
also auf Kosten der Arbeiter (was er jedoch ganz in der Ordnung findet) den Profit
der Kaufleute und Gewerbetreibenden vermehrt und so »den Fleiß anspornen«.
Die eigentliche wissenschaftliche Frage aber: ob und wie eine vermehrte Zufuhr
der edlen Metalle, bei gleichbleibendem Wert derselben, auf die Warenpreise wirkt
- diese Frage stellt er sich nicht und wirft jede »Vermehrung der edlen
Metalle« mit ihrer Depreziation zusammen. Hume tut also ganz genau, was Marx »Zur
Kritik etc.«, Seite 173 |Siehe Karl Marx: »Kritik der politischen Ökonomie«,
in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
13, S. 135-136| ihn tun läßt. Wir kommen noch einmal vorübergehend
auf diesen Punkt zurück, wenden uns vorher aber zu Humes Essay über
»Interest«.
Humes ausdrücklich gegen Locke gerichtete Nachweisung, daß der Zins
nicht durch die Masse des vorhandnen Geldes reguliert werde, sondern durch die
Profitrate, und seine übrigen Aufklärungen über die Ursachen, welche
Höhe oder Niedrigkeit des Zinsfußes bestimmen - alles dies findet sich
viel exakter und weniger geistreich in einer 1750, zwei Jahre vor Humes Essay
erschienenen Schrift: »An Essay on the Governing Causes of the Natural Rate of
Interest, wherein the sentiments of Sir W. Petty and Mr. Locke, on that head,
are considered.« Ihr Verfasser ist J. Massie, ein nach verschiednen Seiten hin
rühriger und, wie aus der gleichzeitigen englischen Literatur ersichtbar,
vielgelesener Schriftsteller. Adam Smiths Erörterung
des Zinsfußes steht Massie näher als Hume. Beide, Massie und Hume,
wissen und sagen nichts über die Natur des »Profits«, der bei beiden eine
Rolle spielt.
»Überhaupt«, kanzelredet Herr Dühring, »ist man in der Würdigung
Humes meist sehr befangen verfahren und hat ihm Ideen unterlegt, die er gar nicht
hegte.«
Und von diesem »Verfahren« gibt uns Herr Dühring selbst mehr als ein schlagendes
Beispiel.
So z.B. fängt Humes Essay über den Zins an mit den Worten:
»Nichts gilt als ein gewisseres Zeichen des blühenden Zustands
eines Volks als die Niedrigkeit des Zinsfußes, und mit Recht; obwohl ich
glaube, daß die Ursache davon eine etwas andre ist, als man gewöhnlich
annimmt.«
Also gleich im ersten Satz führt Hume die Ansicht, daß Niedrigkeit
des Zinsfußes das sicherste Zeichen der blühenden Lage eines Volkes
sei, an als einen in seinen Tagen bereits trivial gewordnen Gemeinplatz. Und in
der Tat hatte diese »Idee« seit Child volle hundert Jahre Zeit gehabt, straßenläufig
zu werden. Dahingegen:
»Aus den Ansichten« (Humes) »über den Zinsfuß ist hauptsächlich
die Idee hervorzuheben, daß er der wahre Barometer der Zustände«
(welcher?) »und seine Niedrigkeit ein fast untrügliches Zeichen der Blüte
eines Volks sei« (S. 130).
Wer ist das »befangne« und eingefangne »man«, das so spricht? Niemand anders
als Herr Dühring.
Was im übrigen eine naive Verwunderung unsres kritischen Geschichtschreibers
erregt, ist, daß Hume bei Anlaß einer gewissen glücklichen Idee
»sich nicht einmal für deren Urheber ausgibt«. Das wäre Herrn Dühring
nicht passiert.
Wir haben gesehn, wie Hume jede Vermehrung des edlen Metalls zusammenwirft
mit jener Vermehrung desselben, die begleitet ist von einer Depreziation, einer
Revolution in ihrem eignen Wert, also im Wertmaß der Waren. Diese Verwechslung
war bei Hume unvermeidlich, weil er nicht die allergeringste Einsicht in die Funktion
der edlen Metalle als Wertmaß hatte. Er konnte sie nicht haben, weil
er absolut nichts vom Wert selbst wußte. Das Wort selbst erscheint vielleicht
nur einmal in seinen Aufsätzen, und zwar wo er Lockes Irrtum, die edlen Metalle
hätten »einen nur eingebildeten Wert», weiter dahin verballhornt, sie hätten
»hauptsächlich einen fiktiven Wert«.
Er steht hier tief, nicht nur unter Petty, sondern auch unter manchem seiner
englischen Zeitgenossen. Er zeigt dieselbe »Rückständigkeit«, wenn
er noch immer in altmodischer Weise den »Kaufmann« als die erste Triebfeder
der Produktion feiert, worüber schon Petty längst hinaus war. Was gar
Herrn Dührings Versicherung betrifft, Hume habe sich in seinen Aufsätzen
mit den »wirtschaftlichen Hauptverhältnissen« beschäftigt, so vergleiche
man auch nur die von Adam Smith zitierte Schrift Cantillons (erschienen wie Humes
Aufsätze 1752, aber viele Jahre nach dem Tod des Verfassers), um über
den engen Umkreis der Humeschen ökonomischen Arbeiten zu staunen. Hume, wie
gesagt{6}, bleibt trotz des ihm
von Herrn Dühring ausgestellten Patents, auch im Gebiet der Politischen Ökonomie
respektabel, aber er ist hier nichts weniger als ein origineller Forscher und
noch viel minder epochemachend. Die Wirkung seiner ökonomischen Aufsätze
auf die gebildeten Kreise seiner Zeit entsprang nicht bloß aus der vorzüglichen
Darstellungsweise, sondern weit mehr noch daher, daß sie eine fortschrittlich-optimistische
Verherrlichung der damals aufblühenden Industrie und des Handels, mit andern
Worten, der damals in England rasch emporstrebenden kapitalistischen Gesellschaft
waren, bei der sie daher »Beifall« finden mußten. Ein Fingerzeig genüge
hier. Jedermann weiß, wie leidenschaftlich grade zu Humes Zeit das von dem
berüchtigten Robert Walpole planmäßig zur Entlastung der Grundeigentümer,
und Reichen überhaupt, ausgebeutete System der indirekten Steuern von der
englischen Volksmasse bekämpft wurde. In seinem Essay über Steuern (»Of
Taxes«), wo Hume, ohne ihn zu nennen, gegen seinen ihm stets gegenwärtigen
Gewährsmann Vanderlint polemisiert, den heftigsten Gegner der indirekten
Steuern und den entschiedensten Vorkämpfer der Grundbesteuerung, heißt
es:
»Sie« (die Konsumtionssteuern) »müssen in der Tat sehr starke Steuern
und sehr unvernünftig aufgelegt sein, wenn sie der Arbeiter nicht selbst
durch erhöhten Fleiß und Sparsamkeit zu zahlen imstande sein sollte,
ohne den Preis seiner Arbeit zu erhöhen«.|Hervorhebungen von Marx|
Man glaubt hier Robert Walpole selbst zu hören, namentlich wenn man noch
die Stelle hinzunimmt, im Essay über »öffentlichen Kredit«, wo mit Bezug
auf die Schwierigkeit einer Besteuerung der Staatsgläubiger gesagt wird:
»Die Verminderung ihres Einkommens würde
nicht verkleidet werden unter dem Schein, ein bloßer Posten der Akzise
oder der Zölle zu sein« |Hervorhebung von Marx|.
Wie nicht anders bei einem Schotten zu erwarten, war Humes Bewunderung des
bürgerlichen Erwerbs keineswegs rein platonisch. Armer Teufel von Haus aus,
brachte er es zu einer sehr, sehr schwer tausendpfündigen jährlichen
Einnahme, was Herr Dühring, da es sich hier nicht um Petty handelt, sinnig
so ausdrückt:
»Er war durch eine gute Privatökonomie auf der Grundlage
sehr geringer Mittel dahin gelangt, niemand zu Gefallen schreiben zu müssen.«
Wenn Herr Dühring ferner sagt:
»Er hatte nie dem Einfluß der Parteien, der Fürsten oder
der Universitäten das geringste Zugeständnis gemacht«,
so ist zwar nicht bekannt, daß Hume je mit einem »Wagener« literarische
Kompaniegeschäfte gemacht, wohl aber, daß er ein unverdrossener Parteigänger
der Whig-Oligarchie war, die »Kirche und Staat« hochhielt, und zum Lohn
für dies Verdienst erst den Posten eines Gesandtschaftssekretärs zu
Paris bekam, und später den ungleich wichtigern und einträglichern eines
Unterstaatssekretärs.
»In politischer Hinsicht war und blieb Hume stets konservativ und streng
monarchisch gesinnt. Er wurde daher auch von den Anhängern des bestehenden
Kirchentums nicht so arg verketzert als Gibbon«,
sagt der alte Schlosser.
»Dieser selbstische Hume, dieser Geschichtslügner«, schilt die
englischen Mönche fett, ehe- und familienlos, vom Bettel lebend, »aber er
hat nie eine Familie oder ein Weib gehabt und war selbst ein großer fetter
Bursche, in beträchtlichem Umfang gemästet von öffentlichem Geld,
ohne es je durch irgendwelchen wirklichen öffentlichen Dienst verdient zu
haben«, sagt der »roh« plebejische Cobbett. Hume hat »in der praktischen Behandlung
des Lebens in wesentlichen Richtungen vor einem Kant sehr viel voraus«,
sagt Herr Dühring.
Warum aber wird Hume in der »Kritischen Geschichte« eine so übertriebne
Stellung angewiesen? Einfach weil dieser »ernste und subtile Denker« die Ehre
hat, den Dühring des 18. Jahrhunderts vorzustellen. Wie ein Hume zum Beweise
dient, daß
»die Schöpfung des ganzen Wissenschaftszweiges« (der Ökonomie)
»eine Tat der erleuchteteren Philosophie gewesen ist«,
so liegt in der Vorläuferschaft Humes
die beste Gewähr dafür, daß dieser ganze Wissenschaftszweig seinen
zunächst absehbaren Abschluß finden wird in jenem phänomenalen
Mann, der die bloß »erleuchtetere« Philosophie umgeschaffen hat in die absolut
lichtvolle Wirklichkeitsphilosophie, und bei dem sich, ganz wie bei Hume, und
was
»auf deutschem Boden bisher ohne Beispiel ... die Pflege der Philosophie
im engern Sinn mit wissenschaftlichen Bemühungen um die Volkswirtschaft gepaart
findet«.
Wir finden demgemäß den als Ökonomen immerhin respektablen
Hume aufgebläht zu einem ökonomischen Stern erster Größe,
dessen Bedeutung bisher nur derselbe Neid verkennen konnte, der auch Herrn Dührings
»für die Epoche maßgebende« Leistungen bisher so hartnäckig totschweigt.
*
Die physiokratische Schule hat uns bekanntlich in Quesnays »ökonomischem
Tableau« ein Rätsel hinterlassen, an dem die bisherigen Kritiker und
Geschichtschreiber der Ökonomie sich umsonst die Zähne ausgebissen haben.
Dies Tableau, das die physiokratische Vorstellung von der Produktion und Zirkulation
des Gesamtreichtums eines Landes klar zur Anschauung bringen sollte, blieb für
die ökonomische Nachwelt dunkel genug. Herr Dühring wird uns auch hier
das endgültige Licht aufstecken.
Was dies »ökonomische Abbild der Verhältnisse der Produktion
und Verteilung bei Quesnay selbst zu bedeuten habe«, sagt er, lasse sich
nur angeben, wenn man »zuvor die ihm eigentümlichen leitenden Begriffe
genau untersucht hat«. Und zwar um so mehr, als diese bisher nur mit einer
»schwankenden Unbestimmtheit« dargestellt und selbst bei Adam Smith ihre »wesentlichen
Züge nicht zu erkennen« seien.
Solcher herkömmlichen »leichtfertigen Berichterstattung« wird nun Herr
Dühring ein für allemal ein Ende machen. Und nun hält er seinen
Leser durch volle fünf Seiten zum besten, fünf Seiten, auf denen allerlei
gespreizte Wendungen, stete Wiederholungen und berechnete Unordnung die fatale
Tatsache verdecken sollen, daß Herr Dühring über die »leitenden
Begriffe» Quesnays kaum soviel mitzuteilen hat, wie die »gangbarsten Lehrbuchkompilationen«,
vor denen er so unermüdlich warnt. Es ist »eine der bedenklichsten Seiten«
dieser Einleitung, daß auch hier schon das bisher nur dem Namen nach bekannte
Tableau schon gelegentlich beschnuppert, dann aber sich in allerhand »Reflexionen«
verlaufen wird, wie z.B. »den Unterschied von Aufwendung und Erfolg«. Wenn dieser
zwar in der Quesnayschen Idee nicht fertig anzutreffen ist, so wird dahingegen
Herr Dühring uns ein fulminantes Exempel davon geben, sobald er von seiner langgedehnten einleitenden »Aufwendung« zu seinem
merkwürdig kurzatmigen »Erfolg« kommt, den Aufschluß über das
Tableau selbst. Geben wir nun alles, aber auch alles wörtlich, was
er über das Tableau Quesnays mitzuteilen für gut findet.
In der »Aufwendung« sagt Herr Dühring:
»Ihm« (Quesnay) »erschien es als selbstverständlich, daß
man den Ertrag« (Herr Dühring hatte eben vom Nettoprodukt gesprochen) »als
einen Geldwert auffassen und behandeln müsse ... er knüpfte seine
Überlegungen (!) sofort an die Geldwerte an, die er als Verkaufsergebnisse
aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse bei dem Übergang aus der ersten Hand
voraussetzte. Auf diese Weise (!) operierter in den Kolonnen seines Tableau mit
einigen Milliarden« (d.h. Geldwerten).
Wir haben hiermit dreimal erfahren, daß Quesnay im Tableau mit den »Geldwerten«
der »landwirtschaftlichen Erzeugnisse« eingeschlossen den des »Nettoprodukts«
oder »Reinertrags«, operiert. Weiter im Text:
»Hätte Quesnay den Weg einer wirklich natürlichen Betrachtungsweise
eingeschlagen und hätte er sich nicht bloß von der Rücksicht auf
die edlen Metalle und die Geldmenge, sondern auch derjenigen auf die Geldwerte
frei gemacht ... So aber rechnet er mit lauter Wertsummen und dachte sich
(!) das Nettoprodukt von vornherein als einen Geldwert.«
Also zum vierten- und fünftenmal: im Tableau gibt's nur Geldwerte!
»Er« (Quesnay) »gewann dasselbe« (das Nettoprodukt), »indem er die Auslagen
in Abzug brachte und hauptsächlich« (nicht herkömmliche, aber dafür
desto leichtfertigere Berichterstattung) »an denjenigen Wert dachte (!),
der dem Grundeigentümer als Rente zufiele.«
Immer noch nicht vom Fleck; doch jetzt wird's kommen:
»Andrerseits geht nun aber auch« - dies »nun aber auch« ist eine
Perle! - »das Nettoprodukt als Naturalgegenstand in die Zirkulation und wird auf
diese Weise ein Element, durch welches die als steril bezeichnete Masse ... zu
unterhalten ... ist. Hier kann man sofort (!) die Verwirrung bemerken,
welche dadurch entsteht, daß in dem einen Fall der Geldwert, in dem andern
die Sache selbst den Gedankengang bestimmt.«
Im allgemeinen, scheint es, krankt alle Warenzirkulation an der Verwirrung,
daß Waren gleichzeitig als »Naturalgegenstand« und als »Geldwert« in sie
eingehn. Aber wir drehn uns immer noch im Kreis um die »Geldwerte«, denn
»Quesnay will eine doppelte Ansetzung des volkswirtschaftlichen Ertrags
vermeiden«.
Mit Erlaubnis des Herrn Dühring: Unten in Quesnays »Analyse« des Tableau
figurieren die verschiednen Produktarten als »Naturalgegenstände« und oben
im Tableau selbst ihre Geldwerte. Quesnay hat sogar
später durch seinen Famulus, den Abbé Baudeau, auch gleich ins Tableau
selbst die Naturalgegenstände neben ihre Geldwerte eintragen lassen.
Nach soviel »Aufwendung« endlich der »Erfolg«. Man höre und staune:
»Doch wird die Inkonsequenz« (mit Rücksicht auf die den Grundeigentümern
von Quesnay zugeschriebne Rolle) »sofort klar, sobald man danach fragt,
was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen
Kreislauf werde. Hier ist für die Vorstellungsart der Physiokraten und
für das ökonomische Tableau nur eine bis zum Mystizismus steigende
Verworrenheit und Willkür möglich gewesen.«
Ende gut, alles gut. Also Herr Dühring weiß nicht, »was denn im
wirtschaftlichen Kreislauf« (den das Tableau vorstellt) »aus dem als Rente angeeigneten
Nettoprodukt werde«. Das Tableau ist für ihn die »Quadratur des Zirkels«.
Er versteht eingestandnermaßen nicht das Abc der Physiokratie. Nach all
dem Herumgehn um den heißen Brei, dem Leeres-Stroh-Dreschen, den Kreuz-
und Quersprüngen, Harlekinaden, Episoden, Diversionen, Wiederholungen und
sinnbetäubenden Durcheinanderwürflungen, die uns lediglich vorbereiten
sollten auf den gewaltigen Aufschluß, »was das Tableau bei Quesnay selbst
zu bedeuten habe« - nach alledem zum Schluß das beschämte Eingeständnis
des Herrn Dühring, er wisse es selber nicht!
Einmal dies schmerzliche Geheimnis abgeschüttelt, diese horazische schwarze
Sorge, die ihm während des Ritts durchs physiokratische Land auf dem Buckel
saß, stößt unser »ernster und subtiler Denker« wieder munter
in die Posaune wie folgt:
»Die Linien, welche Quesnay in seinem übrigens ziemlich einfachen
(!) Tableau hin und her zieht« (es sind ihrer alles in allem ganzer sechs!) »und
welche die Zirkulation des Nettoprodukts darstellen sollen«, geben zu bedenken,
ob »bei diesen wunderlichen Kolonnenverknüpfungen« keine Mathematik-Phantastik
unterlaufe, erinnern an Quesnays Beschäftigung mit der Quadratur des Zirkels
usw.
Da Herrn Dühring diese Linien, trotz aller Einfachheit, eingestandnermaßen
unverständlich bleiben, muß er sie nach seiner beliebten Manier verdächtigen.
Und nun kann er getrost dem fatalen Tableau den Gnadenstoß geben:
»Indem wir das Nettoprodukt von dieser bedenklichsten Seite betrachtet
haben« usw.
Nämlich das notgedrungne Eingeständnis, daß er nicht das erste
Wort vom Tableau économique versteht und von der »Rolle«, die das darin
figurierende Nettoprodukt dabei spielt - das nennt Herr Dühring »die bedenklichste
Seite des Nettoprodukts«! Welcher Galgenhumor!
Damit nun aber unsre Leser nicht in derselben
grausamen Unwissenheit über das Tableau Quesnays bleiben, wie es notwendig
diejenigen sind, welche ihre ökonomische Weisheit aus »erster Hand« von Herrn
Dühring beziehen, in kurzem folgendes:
Bekanntlich teilt sich bei den Physiokraten die Gesellschaft in drei Klassen:
1. Die produktive, d.h. die wirklich im Ackerbau tätige Klasse, Pächter
und Landarbeiter; sie heißen produktiv, weil ihre Arbeit einen Überschuß
läßt - die Rente. 2. Die Klasse, welche diesen Oberschuß aneignet,
umfassend die Grundbesitzer und die von ihnen abhängige Gefolgschaft, den
Fürsten und überhaupt die vom Staat gezahlten Beamten und endlich auch
die Kirche in ihrer besondern Eigenschaft als Aneignerin des Zehnten. Der Kürze
halber bezeichnen wir im folgenden die erste Klasse einfach als »Pächter«,
die zweite als »Grundeigentümer«. 3. Die gewerbetreibende oder sterile (unfruchtbare)
Klasse, steril, weil sie nach physiokratischer Ansicht den ihr von der produktiven
Klasse gelieferten Rohstoffen nur soviel Wert zusetzt, als sie an den ihr von
derselben Klasse gelieferten Lebensmitteln verzehrt. Das Tableau Quesnays soll
nun veranschaulichen, wie das jährliche Gesamtprodukt eines Landes (in der
Tat Frankreichs) zwischen diesen drei Klassen zirkuliert und der jährlichen
Reproduktion dient.
Die erste Voraussetzung des Tableau ist, daß das Pachtsystem und mit
ihm die große Agrikultur im Sinn von Quesnays Zeit allgemein eingeführt
ist, wobei ihm als Vorbild die Normandie, Picardie, Ile-de-France und einige andre
französische Provinzen gelten. Der Pächter erscheint daher als der wirkliche
Leiter der Agrikultur, repräsentiert im Tableau die ganze produktive (ackerbautreibende)
Klasse und zahlt dem Grundeigentümer eine Rente in Geld. Der Gesamtheit der
Pächter wird ein Anlagekapital oder Inventarium von zehn Milliarden Livres
zugeschrieben, wovon ein Fünftel oder zwei Milliarden jährlich zu ersetzendes
Betriebskapital, ein Anschlag, wofür wieder die bestbebauten Pachtungen der
erwähnten Provinzen maßgebend waren.
Fernere Voraussetzungen sind: 1. Daß konstante Preise und einfache Reproduktion
statthaben, der Einfachheit halber; 2. daß alle Zirkulation, die bloß
innerhalb einer einzelnen Klasse stattfindet, ausgeschlossen bleibt und bloß
die Zirkulation zwischen Klasse und Klasse berücksichtigt wird; 3. daß
alle Käufe resp. Verkäufe, die von Klasse zu Klasse im Laufe des Betriebsjahrs
stattfinden, in eine einzige Gesamtsumme zusammengefaßt
sind. Endlich erinnre man sich, daß zu Quesnays Zeit in Frankreich, wie
mehr oder minder in ganz Europa, die eigne Hausindustrie der Bauernfamilie den
weitaus beträchtlichsten Teil ihrer nicht zur Klasse der Nahrungsmittel gehörenden
Bedürfnisse lieferte, und daher als selbstverständliches Zubehör
des Ackerbaus hier vorausgesetzt wird.
Der Ausgangspunkt des Tableau ist die Gesamternte, das deswegen auch gleich
obenan darin figurierende Bruttoprodukt der jährlichen Bodenerzeugnisse oder
die »totale Reproduktion« des Landes, hier Frankreichs. Die Wertgröße
dieses Bruttoprodukts wird geschätzt nach den Durchschnittspreisen der Bodenerzeugnisse
bei den handeltreibenden Nationen. Es beträgt fünf Milliarden Livres,
eine Summe, die nach den damals möglichen statistischen Veranschlagungen
den Geldwert des landwirtschaftlichen Bruttoprodukts von Frankreich ungefähr
ausdrückt. Dies, und nichts anders, ist der Grund, warum Quesnay im Tableau
»mit einigen Milliarden operiert«, nämlich mit fünf, und nicht mit fünf
Livres tournois.
Das ganze Bruttoprodukt, zum Wert von fünf Milliarden, befindet also in
der Hand der produktiven Klasse, das heißt zunächst der Pächter,
die es produziert haben durch Verausgabung eines jährlichen Betriebskapitals
von zwei Milliarden, entsprechend einem Anlagekapital von zehn Milliarden. Die
landwirtschaftlichen Produkte, Lebensmittel, Rohstoffe etc., die zum Ersatz des
Betriebskapitals, also auch zum Unterhalt aller im Ackerbau direkt tätigen
Personen erheischt sind, werden in natura von der Gesamternte {7}
weggenommen und zur neuen landwirtschaftlichen Produktion verausgabt. Da, wie
gesagt, konstante Preise und einfache Reproduktion auf dem einmal gültigen
Maßstab unterstellt sind, ist der Geldwert dieses vorweggenommenen Teils
des Bruttoprodukts gleich zwei Milliarden Livres. Dieser Teil geht also nicht
in die allgemeine Zirkulation ein. Denn, wie schon bemerkt, ist die Zirkulation,
soweit sie nur innerhalb des Kreises jeder besondern Klasse, aber nicht
zwischen den verschiednen Klassen stattfindet, vom Tableau ausgeschlossen.
Nach Ersatz des Betriebskapitals aus dem Bruttoprodukt bleibt ein Überschuß
von drei Milliarden, wovon zwei in Lebensmitteln, eine in Rohstoffen. Die von
den Pächtern an die Grundeigentümer zu zahlende Rente beträgt aber
nur zwei Drittel hiervon, gleich zwei Milliarden. Warum nur diese zwei Milliarden
unter der Rubrik »Nettoprodukt« oder »Reineinkommen« figurieren, wird sich bald
zeigen.
Außer der landwirtschaftlichen »totalen
Reproduktion« zum Wert von fünf Milliarden, wovon drei Milliarden in die
allgemeine Zirkulation eingehn, befindet sich aber, vor Beginn der im Tableau
dargestellten Bewegung, noch das ganze »pécule« |»Ersparte«| der Nation,
zwei Milliarden bares Geld, in den Händen der Pächter. Es verhält
sich damit so.
Da der Ausgangspunkt des Tableaus die Gesamternte ist, bildet er zugleich den
Schlußpunkt eines ökonomischen Jahrs, z.B. des Jahrs 1758, nach welchem
ein neues ökonomisches Jahr beginnt. Während dieses neuen Jahrs 1759
verteilt sich der für die Zirkulation bestimmte Teil des Bruttoprodukts vermittelst
einer Anzahl einzelner Zahlungen, Käufe und Verkäufe, unter die zwei
andern Klassen. Diese aufeinanderfolgenden, zersplitterten und über ein ganzes
Jahr sich erstreckenden Bewegungen werden aber - wie das unter allen Umständen
für das Tableau geschehn mußte - in wenige charakteristische, jedesmal
ein ganzes Jahr auf einen Schlag einbegreifende Akte zusammengefaßt. So
ist denn auch Ende des Jahrs 1758 der Pächterklasse das Geld wieder zurückgeströmt,
das sie für das Jahr 1757 als Rente an die Grundbesitzer gezahlt hatte (wie
das geschieht, wird das Tableau selbst zeigen), nämlich die Summe von zwei
Milliarden, so daß sie diese 1759 wieder in Zirkulation werfen kann. Da
nun jene Summe, wie Quesnay bemerkt, viel größer ist als in der Wirklichkeit,
wo die Zahlungen sich beständig stückweis wiederholen, für die
Gesamtzirkulation des Landes (Frankreichs) erheischt ist, so stellen die in der
Hand der Pächter befindlichen zwei Milliarden Livres die Gesamtsumme des
in der Nation umlaufenden Geldes dar.
Die Klasse der Rente einstreichenden Grundeigentümer tritt, wie das zufällig
auch noch heutzutag der Fall ist, zunächst in der Rolle von Zahlungsempfängern
auf. Nach Quesnays Voraussetzung erhalten die eigentlichen Grundeigentümer
nur vier Siebentel der Rente von zwei Milliarden, zwei Siebentel gehn an die Regierung
und ein Siebentel an die Zehntenempfänger. Zu Quesnays Zeit war die Kirche
die größte Grundeigentümerin Frankreichs und empfing zudem den
Zehnten von allem andern Grundeigentum.
Das von der »sterilen« Klasse während eines ganzen Jahrs verausgabte Betriebskapital
(avances annuelles |jährlichen Vorschüsse|) besteht in Rohmaterial zum
Wert von einer Milliarde - nur Rohmaterial, weil Werkzeuge, Maschinen etc. zu
den Erzeugnissen dieser Klasse selbst zählen. Die mannigfachen Rollen aber,
welche solche Erzeugnisse im Betrieb der Industrien dieser Klasse selbst
spielen, gehn das Tableau ebensowenig an, wie die ausschließlich innerhalb
ihres Kreises vorgehende Waren- und Geldzirkulation. Der Lohn für die Arbeit,
wodurch die sterile Klasse das Rohmaterial in Manufakturwaren verwandelt, ist
gleich dem Wert der Lebensmittel, die sie teils direkt von der produktiven Klasse,
teils indirekt durch die Grundeigentümer erhält. Obgleich sie selbst
in Kapitalisten und Lohnarbeiter zerfällt, steht sie nach Quesnays Grundanschauung,
als Gesamtklasse, im Sold der produktiven Klasse und der Grundeigentümer.
Die industrielle Gesamtproduktion und daher auch ihre Gesamtzirkulation, die sich
über das der Ernte folgende Jahr verteilt, ist ebenfalls in ein einziges
Ganzes zusammengefaßt. Es ist daher vorausgesetzt, daß bei Beginn
der im Tableau dargestellten Bewegung die jährliche Warenproduktion der sterilen
Klasse sich ganz in ihrer Hand befindet, daß also ihr ganzes Betriebskapital,
resp. Rohmaterial zum Wert von einer Milliarde, in Waren verwandelt worden ist
zum Wert von zwei Milliarden, wovon die Hälfte den Preis der während
dieser Umwandlung verzehrten Lebensmittel darstellt. Man könnte hier einwerfen:
aber die sterile Klasse verbraucht doch auch Industrieprodukte zu ihrem eignen
Hausbedarf; wo figurieren denn diese, wenn ihr eignes Gesamtprodukt durch die
Zirkulation zu den andern Klassen übergeht? Hierauf erhalten wir die Antwort:
Die sterile Klasse verzehrt nicht nur selbst einen Teil ihrer eignen Waren, sondern
sie sucht auch noch außerdem soviel davon zurückzubehalten als möglich.
Sie verkauft also ihre in die Zirkulation geworfenen Waren über dem wirklichen
Wert und muß dies tun, da wir diese Waren zum Totalwert ihrer Produktion
ansetzen. Dies ändert jedoch nichts an den Festsetzungen des Tableaus, denn
die beiden andern Klassen erhalten nun einmal die Manufakturwaren nur zum Wert
ihrer Totalproduktion.
Wir kennen also jetzt die ökonomische Position der drei verschiednen Klassen
beim Beginn der Bewegung, die das Tableau darstellt.
Die produktive Klasse, nach Naturalersatz ihres Betriebskapitals, verfügt
noch über drei Milliarden vom landwirtschaftlichen Bruttoprodukt und über
zwei Milliarden Geld. Die Klasse der Grundeigentümer figuriert nur erst mit
ihrem Rentenanspruch von zwei Milliarden an die produktive Klasse. Die sterile
Klasse verfügt über zwei Milliarden Manufakturwaren. Eine zwischen nur
zwei dieser drei Klassen verlaufende Zirkulation heißt bei den Physiokraten
eine unvollkommne, eine durch alle drei Klassen verlaufende heißt eine vollkommne
Zirkulation.
Also nun zum ökonomischen Tableau selbst.
Erste (unvollkommne) Zirkulation: Die Pächter zahlen den
Grundeigentümern, ohne Gegenleistung, die diesen zukommende Rente mit zwei Milliarden Geld. Mit einer dieser Milliarden kaufen
die Grundeigentümer Lebensmittel von den Pächtern, denen so eine Hälfte
des von ihnen zur Zahlung der Rente ausgegebnen Geldes zurückfließt.
In seiner »Analyse du tableau économique« spricht Quesnay nicht weiter
vom Staat, der zwei Siebentel, und von der Kirche, die ein Siebentel der Grundrente
erhält, da deren gesellschaftliche Rollen allgemein bekannt sind. Mit Bezug
auf die eigentlichen Grundeigentümer {8}
aber sagt er, daß ihre Ausgaben, worin auch die aller ihrer Dienstleute
figurieren, mindestens zum allergrößten Teil unfruchtbare Ausgaben
sind, mit Ausnahme jenes geringen Teils, der angewendet wird »zur Erhaltung und
Verbesserung ihrer Güter und zur Hebung ihrer Kultur«. Aber nach dem »natürlichen
Recht« bestehe ihre eigentliche Funktion grade in »der Sorge für die gute
Verwaltung und für die Ausgaben zur Erhaltung ihres Erbteils«, oder wie das
später entwickelt, in den avances foncières, das heißt in Ausgaben,
um den Boden vorzubereiten und die Pachtungen mit allem Zubehör zu versehen,
die dem Pächter erlauben, sein ganzes Kapital ausschließlich dem Geschäft
der wirklichen Kultur zu widmen.
Zweite (vollkommne) Zirkulation. Mit der zweiten, noch in ihrer
Hand befindlichen Milliarde Geld kaufen die Grundeigentümer Manufakturwaren
von der sterilen Klasse, diese aber mit dem so eingenommnen Geld Lebensmittel
von den Pächtern zum selben Betrag.
Dritte (unvollkommne) Zirkulation. Die Pächter kaufen von
der sterilen Klasse, mit einer Milliarde Geld, Manufakturwaren zum selben Betrag;
ein großer Teil dieser Waren besteht aus Ackerbauwerkzeugen und andern für
den Landbau nötigen Produktionsmitteln. Die sterile Klasse schickt den Pächtern
dasselbe Geld zurück, indem sie damit für eine Milliarde Rohstoff, zum
Ersatz ihres eignen Betriebskapitals, kauft. Damit sind den Pächtern die
von ihnen in Zahlung der Rente ausgegebnen zwei Milliarden Geld zurückgeflossen
und die Bewegung{9} ist fertig.
Und damit ist auch das große Rätsel gelöst,
»was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im wirtschaftlichen
Kreislauf wird«.
Wir hatten oben in den Händen der produktiven Klasse, am Anfangspunkt
des Prozesses, einen Überschuß von drei Milliarden. Davon wurden
nur zwei als Nettoprodukt in der Gestalt von Rente an die Grundeigentümer
gezahlt. Die dritte Milliarde des Überschusses bildet den Zins für das
Gesamtanlagekapital der Pächter, also für zehn Milliarden zehn Prozent.
Diesen Zins erhalten sie - wohlzumerken - nicht aus der Zirkulation; er befindet
sich in natura in ihrer Hand, und sie realisieren ihn nur durch die Zirkulation,
indem sie ihn vermittelst derselben in Manufakturwaren von gleichem Wert umsetzen.
Ohne diesen Zins würde der Pächter, der Hauptagent der Agrikultur,
ihr das Anlagekapital nicht vorschießen. Bereits von diesem Standpunkt aus
ist nach den Physiokraten die Aneignung des den Zins repräsentierenden Teils
des landwirtschaftlichen Mehrertrags von seiten des Pächters eine
ebenso notwendige Bedingung der Reproduktion wie die Pächterklasse selbst,
und kann dies Element daher nicht zur Kategorie des nationalen »Nettoprodukts«
oder »Reineinkommens« zählen; denn letzteres ist eben dadurch charakterisiert,
daß es verzehrbar ist ohne jede Rücksicht auf die unmittelbaren Bedürfnisse
der rationalen Reproduktion. Dieser Fonds von einer Milliarde aber dient nach
Quesnay größtenteils für die während des Jahres nötig
werdenden Reparaturen und teilweisen Erneuerungen des Anlagekapitals, ferner als
Reservefonds gegen Unfälle, endlich wo möglich zur Bereicherung des
Anlage- und Betriebskapitals wie zur Verbesserung des Bodens und Ausdehnung der
Kultur.
Der ganze Hergang ist allerdings »ziemlich einfach«. Es wurden in die Zirkulation
geworfen: von den Pächtern zwei Milliarden Geld, zur Zahlung der Rente, und
für drei Milliarden Produkte, wovon zwei Drittel Lebensmittel und ein Drittel
Rohstoffe; von der sterilen Klasse für zwei Milliarden Manufakturwaren. Von
den Lebensmitteln im Betrag von zwei Milliarden wird die eine Hälfte von
den Grundeigentümern nebst Anhang verzehrt, die andre von der sterilen Klasse
in Zahlung ihrer Arbeit. Die Rohstoffe für eine Milliarde ersetzen das Betriebskapital
derselben Klasse. Von den zirkulierenden Manufakturwaren im Betrag von zwei Milliarden
fällt die eine Hälfte den Grundeigentümern zu, die andre den Pächtern,
für welche sie nur eine verwandelte Form des erster Hand aus der landwirtschaftlichen
Reproduktion gewonnenen Zinses für ihr Anlagekapital ist. Das Geld aber,
das der Pächter mit Zahlung der Rente in die Zirkulation geworfen, strömt
ihm durch den Verkauf seiner Produkte zurück, und so kann derselbe Kreislauf
im nächsten ökonomischen Jahr von neuem durchlaufen werden.
Und nun bewundre man die »wirklich kritische«, der »herkömmlichen leichtfertigen
Berichterstattung« so unendlich überlegene Darstellung des Herrn Dühring!.
Nachdem er fünfmal hintereinander in geheimnisvoller
Weise uns vorgehalten, wie bedenklich Quesnay im Tableau mit bloßen Geldwerten
operiere, was sich noch dazu als falsch erwies, kommt er endlich zu dem Resultat,
daß, sobald er danach fragt,
»was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen
Kreislauf werde«, sei »für das ökonomische Tableau nur eine bis zum
Mystizismus steigende Verworrenheit und Willkür möglich«.
Wir haben gesehn, daß das Tableau, diese ebenso einfache wie für
ihre Zeit geniale Darstellung des jährlichen Reproduktionsprozesses, wie
er durch die Zirkulation vermittelt wird, sehr genau darauf antwortet, was aus
diesem Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen Kreislauf wird, und somit verbleibt
der »Mystizismus« und die »Verworrenheit und Willkür« wiederum einzig und
allein dem Herrn Dühring als »bedenklichste Seite« und einziges »Nettoprodukt«
seiner physiokratischen Studien.
Ganz ebenso vertraut wie mit der Theorie der Physiokraten ist Herr Dühring
mit ihrer geschichtlichen Wirkung.
»Mit Turgot«, belehrt er uns, »war die Physiokratie in Frankreich praktisch
und theoretisch zu ihrem Ende gelangt.«
Wenn aber Mirabeau in seinen ökonomischen Anschauungen wesentlich Physiokrat,
wenn er in der konstituierenden Versammlung von 1789 erste ökonomische Autorität
war, wenn diese Versammlung in ihren ökonomischen Reformen einen großen
Teil der physiokratischen Sätze aus der Theorie in die Praxis übersetzte,
und namentlich auch das »ohne Gegenleistung« vom Grundbesitz angeeignete Nettoprodukt,
die Grundrente mit einer starken Steuer belegte, so existiert das alles nicht
für »einen« Dühring.-
Wie der lange Strich durch den Zeitraum 1691 bis 1752 alle Vorgänger Humes
aus dem Weg räumte, so ein andrer Strich den zwischen Hume und Adam Smith
liegenden Sir James Steuart. Von dessen großem Werk, das, abgesehn von seiner
historischen Wichtigkeit, das Gebiet der politischen Ökonomie nachhaltig
bereichert hat, steht in dem »Unternehmen« des Herrn Dühring keine Silbe.
Dafür aber belegt dieser den Steuart mit dem stärksten Schimpfwort,
das es in seinem Lexikon gibt, und sagt, er sei »ein Professor« zur Zeit
A. Smiths gewesen. Leider ist diese Verdächtigung rein erfunden. Steuart
war in der Tat ein schottischer Großgrundbesitzer, der, wegen angeblicher
Beteiligung an der Stuartschen Verschwörung aus Großbritannien verbannt,
durch seinen längern Aufenthalt und seine Reisen auf dem Kontinent sich mit
den ökonomischen Zuständen verschiedner Länder vertraut machte.
Kurzum: nach der »Kritischen Geschichte« hatten
alle frühern Ökonomen nur den Wert, entweder als »Ansätze« zu Herrn
Dührings »maßgebender« tieferer Grundlegung oder aber durch ihre Verwerflichkeit
ihr erst recht als Folie zu dienen. Jedennoch gibt es auch in der Ökonomie
einige Heroen, die nicht nur »Ansätze« zur »tiefern Grundlegung« bilden,
sondern »Sätze«, aus denen sie, wie in der Naturphilosophie vorgeschrieben,
nicht »entwickelt«, sondern gradezu »komponiert« ist: nämlich die »unvergleichlich
hervorragende Größe« List, die zu Nutz und Frommen deutscher
Fabrikanten die »subtilern« merkantilistischen Lehren eines Ferrier und anderer
in »gewaltigere« Worte aufgebläht hat; ferner Carey, der in folgendem
Satz den aufrichtigen Kern seiner Weisheit bloßlegt:
»Ricardos System ist ein System der Zwietracht ... es läuft hinaus
auf die Erzeugung der Klassenfeindschaft ... seine Schrift ist das Handbuch des
Demagogen, der die Macht anstrebt vermittelst der Landteilung, des Kriegs und
der Plünderung«;
endlich zu guter Letzt der Londoner City Confusius Macleod.
Danach dürften die Leute, die in der Gegenwart und zunächst absehbaren
Zukunft Geschichte der politischen Ökonomie studieren wollen, immer noch
bedeutend sicherer fahren, wenn sie sich bekannt machen mit den »wässerigen
Erzeugnissen«, »Plattheiten« und »breiten Bettelsuppen« der »gangbarsten Lehrbuchkompilationen«,
als wenn sie sich verlassen auf die »Geschichtszeichnung großen Stils« des
Herrn Dühring.
*
Was ergibt sich nun schließlich als das Resultat unsrer Analyse des Dühringschen
»eigen erzeugten Systems« der politischen Ökonomie? Nichts als die Tatsache,
daß wir mit all den großen Worten und noch gewaltigern Versprechungen
ebenso hinters Licht geführt worden sind wie in der »Philosophie«. Die Theorie
des Werts, dieser »Prüfstein der Gediegenheit ökonomischer Systeme«,
lief darauf hinaus, daß Herr Dühring unter Wert fünferlei total
verschiedne und einander schnurstracks widersprechende Dinge versteht, und also
im besten Fall selbst nicht weiß, was er will. Die mit soviel Pomp angekündigten
»Naturgesetze aller Wirtschaft« erwiesen sich als lauter weltbekannte und oft
noch nicht einmal richtig gefaßte Plattheiten der ärgsten Art. Die
einzige Erklärung ökonomischer Tatsachen, die uns das eigen erzeugte
System zu geben hat, ist, daß sie Resultate der »Gewalt« seien, eine Redensart,
womit der Philister aller Nationen sich seit Jahrtausenden über alles ihm
widerfahrne Ungemach tröstet, und womit wir
nicht mehr wissen als vorher. Statt diese Gewalt aber nach ihrem Ursprung und
ihren Wirkungen zu untersuchen, mutet Herr Dühring uns zu, uns bei dem bloßen
Wort »Gewalt« als letzter Endursache und endgültiger Erklärung
aller ökonomischen Erscheinungen dankbarst zu beruhigen. Gezwungen, über
die kapitalistische Ausbeutung der Arbeit weitere Aufschlüsse zu geben, stellt
er sie erst im allgemeinen dar als beruhend auf Bezollung und Preisaufschlag,
hier ganz die Proudhonsche »Vorwegnahme« (prélèvement) sich aneignend,
um dann nachher im besondern sie zu erklären vermittelst der Marxschen Theorie
von Mehrarbeit, Mehrprodukt und Mehrwert. Er bringt es also fertig, zwei total
widersprechende Anschauungsweisen glücklich zu versöhnen, indem er sie
beide in Einem Atem abschreibt. Und wie er in der Philosophie nicht grobe Worte
genug hatte für denselben Hegel den er unaufhörlich verseichtigend ausbeutet,
so dient in der »Kritischen Geschichte« die bodenloseste Verlästerung von
Marx nur zur Verdeckung der Tatsache, daß alles noch einigermaßen
Rationelle, was sich im »Cursus« über Kapital und Arbeit vorfindet, eben,
falls ein verseichtigendes Plagiat an Marx ist. Die Unwissenheit, die im »Cursus«
an den Anfang der Geschichte der Kulturvölker den »großen Grundbesitzer«
stellt und kein Wort weiß von der Gemeinschaft des Grundeigentums der Stamm-
und Dorfgemeinden, von der alle Geschichte in Wirklichkeit ausgeht - diese heutzutage
fast unbegreifliche Unwissenheit wird beinahe noch übertroffen von derjenigen,
die sich in der »Kritischen Geschichte« als »universelle Weite des geschichtlichen
Umblicks« nicht wenig auf sich selbst zugute tut und von der wir nur ein paar
abschreckende Beispiele gegeben haben. In Einem Wort: erst die kolossale »Aufwendung«
von Selbstanpreisung, von marktschreierischen Posaunenstößen, von einander
übergipfelnden Verheißungen; und dann der »Erfolg« - gleich Null.
Fußnoten von Engels
(1) Im preußischen Generalstab weiß
man dies auch schon ganz gut. »Die Grundlage des Kriegswesens ist in erster Reihe
die wirtschaftliche Lebensgestaltung der Völker überhaupt«, sagt Herr
Max Jähns, Hauptmann im Generalstab, in einem wissenschaftlichen Vortrag
(»Köln. Ztg.«, 20. April 1876, drittes Blatt).
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(2) Die Vervollkommnung des letzten Erzeugnisses
der großen Industrie für den Seekrieg, des sich selbst fortbewegenden
Torpedos, scheint dies verwirklichen zu sollen; das kleinste Torpedoboot wäre
damit dem gewaltigsten Panzerschiff überlegen. (Man erinnere sich übrigens,
daß obiges 1878 geschrieben wurde.)
(3) Und auch dies nicht einmal. Rodbertus sagt
(»Sociale Briefe«, 2. Brief, S. 59): »Rente ist nach dieser« (seiner) »Theorie
alles Einkommen, was ohne eigne Arbeit, lediglich auf Grund eines Besitzes
bezogen wird.«
Textvarianten
{1} Bei Engels: nötigen - korrigiert nach
Karl Marx »Das Kapital«
{2} Bei Marx in der zweiten Ausgabe in griechischen
Buchstaben
{3} An Stelle der folgenden sechs Absätze
enthielt das Manuskript ursprünglich eine ausführlichere Variante, die
jedoch von Engels aus dem Manuskript herausgenommen, mit der Überschrift
»Taktik der Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet. 1700-1870« versehen
und als besonderer Aufsatz aufbewahrt wurde (siehe Friedrich Engels: »Taktik der
Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet. 1700 bis 1870«, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke, Bd. 20, S. 597-603)
{4} Umgeändert aus »Warenproduktion« auf Grund
des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte der
Nationalökonomie'«
{5} Offenbar müßten hier die Worte »sinken«
und »steigen« wechselseitig umgestellt werden; siehe dazu Karl Marx: »Kritik der
politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
13, S. 135-140, wo Humes Geldtheorie dargestellt ist.
{6} Die Worte »wie gesagt« nehmen Bezug auf die
Textstelle, die mit »Warum aber wird Hume ...« beginnt und mit »... hartnäckig
totschweigt« endet (siehe S. 226/227). Dieser Text stand in
der 1. und 2. Auflage hinter »- David Hume« (siehe S. 221).
Die beiden Worte wurden von Engels stehengelassen, als er für die 3. Auflage
den Text anders ordnete.
{7} Hier sowie auf S. 232 umgeändert aus »Gesamtrente«
auf Grund des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte
der Nationalökonomie'«
{8} Umgeändert aus »Grundeigentum« auf Grund
des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte der
Nationalökonomie'«
{9} Umgeändert aus »Berechnung« auf Grund
des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte der
Nationalökonomie'«