Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 20. Berlin/DDR.
1962. »Herrn Eugen Dührung's Umwälzung der Wissenschaft«,
S. 32-135.
1. Korrektur
Erstellt am 30.08.1999
Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft
Einleitung
Philosophie ist, nach Herrn Dühring, die Entwicklung
der höchsten Form des Bewußtseins von Welt und Leben und umfaßt
in einem weitern Sinne die Prinzipien alles Wissens und Wollens. Wo irgendeine
Reihe von Erkenntnissen oder Antrieben oder eine Gruppe von Existenzformen für
das menschliche Bewußtsein in Frage kommt, müssen die Prinzipien
dieser Gestalten ein Gegenstand der Philosophie sein. Diese Prinzipien sind die
einfachen oder bis jetzt als einfach vorausgesetzten Bestandteile, aus denen sich
das mannigfaltige Wissen und Wollen zusammensetzen läßt. Ähnlich
wie die chemische Konstitution der Körper kann auch die allgemeine Verfassung
der Dinge auf Grundformen und Grundelemente zurückgeführt werden. Diese
letzten Bestandteile oder Prinzipien gelten, sobald sie einmal gewonnen sind,
nicht bloß für das unmittelbar Bekannte und Zugängliche, sondern
auch für die uns unbekannte und unzugängliche Welt. Die philosophischen
Prinzipien bilden mithin die letzte Ergänzung, deren die Wissenschaften bedürfen,
um zu einem einheitlichen System der Erklärung von Natur und Menschenleben
zu werden. Außer den Grundformen aller Existenz hat die Philosophie nur
zwei eigentliche Gegenstände der Untersuchung, nämlich die Natur und
die Menschenwelt. Hiernach ergeben sich für die Anordnung unsres Stoffs völlig
ungezwungen drei Gruppen, nämlich die allgemeine Weltschematik, die Lehre
von den Naturprinzipien und schließlich diejenige vom Menschen. In dieser
Abfolge ist zugleich eine innere logische Ordnung enthalten; denn die formalen
Grundsätze, welche für alles Sein gelten, gehn voran, und die gegenständlichen
Gebiete, auf die sie anzuwenden sind, folgen in der Abstufung ihrer Unterordnung
nach.
So weit Herr Dühring, und fast ausschließlich wörtlich. Also
um Prinzipien handelt es sich bei ihm, um aus dem Denken, nicht
aus der äußern Welt, abgeleitete formale Grundsätze, die auf die
Natur und das Reich des Menschen anzuwenden sind, nach denen also Natur und Mensch
sich zu richten haben. Aber woher nimmt das Denken diese Grundsätze? Aus
sich selbst? Nein, denn Herr Dühring sagt selbst: das rein ideelle
Gebiet beschränkt sich auf logische Schemata und mathematische Gebilde (welches
letztere noch dazu falsch ist, wie wir sehn werden). Die logischen Schemata können
sich nur auf Denkformen beziehn; hier aber handelt es sich nur um die Formen
des Seins, der Außenwelt, und diese Formen kann das Denken niemals
aus sich selbst, sondern eben nur aus der Außenwelt schöpfen und ableiten.
Damit aber kehrt sich das ganze Verhältnis um: die Prinzipien sind nicht
der Ausgangspunkt der Untersuchung, sondern ihr Endergebnis; sie werden nicht
auf Natur und Menschengeschichte angewandt, sondern aus ihnen abstrahiert; nicht
die Natur und das Reich des Menschen richten sich nach den Prinzipien, sondern
die Prinzipien sind nur insoweit richtig, als sie mit Natur und Geschichte stimmen.
Das ist die einzige materialistische Auffassung der Sache, und die entgegenstehende
des Herrn Dühring ist idealistisch, stellt die Sache vollständig auf
den Kopf und konstruiert die wirkliche Welt aus dem Gedanken, aus irgendwo vor
der Welt von Ewigkeit bestehenden Schematen, Schemen oder Kategorien, ganz wie
- ein Hegel.
In der Tat. Legen wir die »Enzyklopädie« Hegels mit all ihren Fieberphantasien
neben die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz des Herrn Dühring.
Bei Herrn Dühring haben wir erstens die allgemeine Weltschematik, die bei
Hegel die Logik heißt. Dann haben wir bei beiden die Anwendung dieser
Schemata, beziehungsweise logischen Kategorien auf die Natur: Naturphilosophie,
und endlich deren Anwendung auf das Reich des Menschen, was Hegel die Philosophie
des Geistes nennt. Die »innerlich logische Ordnung« der Dühringschen Abfolge
führt uns also »völlig ungezwungen« auf Hegels »Enzyklopädie« zurück,
aus der sie mit einer Treue entnommen ist, die den Ewigen Juden der Hegelschen
Schule, den Professor Michelet in Berlin, zu Tränen rühren wird.
Das kommt davon, wenn man »das Bewußtsein«, »das Denken« ganz naturalistisch
als etwas Gegebnes, von vornherein dem Sein, der Natur Entgegengesetztes, so hinnimmt.
Dann muß man es auch höchst merkwürdig finden, daß Bewußtsein
und Natur, Denken und Sein, Denkgesetze und Naturgesetze so sehr zusammenstimmen.
Fragt man aber weiter, was denn Denken und Bewußtsein sind und woher sie
stammen, so findet man, daß es Produkte des menschlichen Hirns und daß
der Mensch selbst ein Naturprodukt, das sich in und mit seiner Umgebung entwickelt
hat; wobei es sich dann von selbst versteht, daß die Erzeugnisse des menschlichen
Hirns, die in letzter Instanz ja auch Naturprodukte sind, dem übrigen Naturzusammenhang
nicht widersprechen, sondern entsprechen.
Aber Herr Dühring darf sich diese einfache Behandlung der Sache nicht erlauben. Er denkt nicht nur im Namen der Menschheit
- was doch schon eine ganz hübsche Sache wäre -, sondern im Namen der
bewußten und denkenden Wesen aller Weltkörper:
In der Tat, es wäre »eine Herabwürdigung der Grundgestalten
des Bewußtseins und Wissens, wenn man ihre souveräne Geltung und ihren
unbedingten Anspruch auf Wahrheit durch das Epitheton menschlich ausschließen
oder auch nur verdächtigen wollte«.
Damit also nicht der Verdacht aufkomme, als sei auf irgendeinem andern Weltkörper
zwei mal zwei gleich fünf, darf Herr Dühring das Denken nicht als menschliches
bezeichnen, muß es damit abtrennen von der einzigen wirklichen Grundlage,
auf der es für uns vorkommt, nämlich vom Menschen und der Natur, und
plumpst damit rettungslos in eine Ideologie, die ihn als Epigonen des »Epigonen«
Hegel auftreten macht. Übrigens werden wir Herrn Dühring noch öfters
auf andern Weltkörpern begrüßen.
Es versteht sich von selbst, daß man auf so ideologischer Grundlage keine
materialistische Lehre gründen kann. Wir werden später sehn, daß
Herr Dühring genötigt ist, der Natur mehr als einmal bewußte Handlungsweise
unterzuschieben, also das, was man auf deutsch Gott nennt.
Indes hatte unser Wirklichkeitsphilosoph auch noch andre Beweggründe,
die Grundlage aller Wirklichkeit aus der wirklichen Welt in die Gedankenwelt zu
übertragen. Die Wissenschaft von diesem allgemeinen Weltschematismus, von
diesen formellen Grundsätzen des Seins, ist ja grade die Grundlage von Herrn
Dührings Philosophie. Wenn wir den Weltschematismus nicht aus dem Kopf, sondern
bloß vermittelst des Kopfs aus der wirklichen Welt, die Grundsätze
des Seins aus dem, was ist, ableiten, so brauchen wir dazu keine Philosophie,
sondern positive Kenntnisse von der Welt und was in ihr vorgeht; und was dabei
herauskommt, ist ebenfalls keine Philosophie, sondern positive Wissenschaft. Damit
wäre aber Herrn Dührings ganzer Band nichts als verlorne Liebesmüh.
Ferner: wenn keine Philosophie als solche mehr nötig, dann auch kein System,
selbst kein natürliches System der Philosophie mehr. Die Einsicht, daß
die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht,
treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall
im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen. Aber eine entsprechende, erschöpfende,
wissenschaftliche Darstellung dieses Zusammenhangs, die Abfassung eines exakten
Gedankenabbildes des Weltsystems, in dem wir leben, bleibt für uns sowohl
wie für alle Zeiten eine Unmöglichkeit. Würde an irgendeinem Zeitpunkt
der Menschheitsentwicklung ein solches endgültig abschließendes System
der Weltzusammenhänge, physischer wie geistiger
und geschichtlicher, fertiggebracht, so wäre damit das Reich der menschlichen
Erkenntnis abgeschlossen, und die zukünftige geschichtliche Fortentwicklung
abgeschnitten von dem Augenblick an, wo die Gesellschaft im Einklang mit jenem
System eingerichtet ist - was eine Absurdität, ein reiner Widersinn wäre.
Die Menschen finden sich also vor den Widerspruch gestellt: einerseits das Weltsystem
erschöpfend in seinem Gesamtzusammenhang zu erkennen, und andrerseits, sowohl
ihrer eignen wie der Natur des Weltsystems nach, diese Aufgabe nie vollständig
lösen zu können. Aber dieser Widerspruch liegt nicht nur in der Natur
der beiden Faktoren: Welt und Menschen, sondern er ist auch der Haupthebel des
gesamten intellektuellen Fortschritts und löst sich tagtäglich und fortwährend
in der unendlichen progressiven Entwicklung der Menschheit, ganz wie z.B. mathematische
Aufgaben in einer unendlichen Reihe oder einem Kettenbruch ihre Lösung finden.
Tatsächlich ist und bleibt jedes Gedankenabbild des Weltsystems objektiv
durch die geschichtliche Lage und subjektiv durch die Körper- und Geistesverfassung
seines Urhebers beschränkt. Aber Herr Dühring erklärt von vornherein
seine Denkweise für eine solche, die jede Anwandlung zu einer subjektivistisch
beschränkten Weltvorstellung ausschließt. Wir sahn vorher, er war allgegenwärtig
- auf allen möglichen Weltkörpern. Jetzt sehn wir auch, daß er
allwissend ist. Er hat die letzten Aufgaben der Wissenschaft gelöst und so
die Zukunft aller Wissenschaft mit Brettern zugenagelt.
Wie die Grundgestalten des Seins, meint Herr Dühring, auch die gesamte
reine Mathematik apriorisch, d.h. ohne Benutzung der Erfahrungen, die uns die
Außenwelt bietet, aus dem Kopf heraus fertigbringen zu können.
In der reinen Mathematik soll sich der Verstand befassen »mit seinen
eignen freien Schöpfungen und Imaginationen«; die Begriffe von Zahl und Figur
sind »ihr zureichendes und von ihr selbst erzeugbares Objekt«, und somit hat sie
eine »von der besondern Erfahrung und dem realen Weltinhalt unabhängige
Geltung«.
Daß die reine Mathematik eine von der besondern Erfahrung jedes
einzelnen unabhängige Geltung hat, ist allerdings richtig und gilt von allen
festgestellten Tatsachen aller Wissenschaften, ja von allen Tatsachen überhaupt.
Die magnetischen Pole, die Zusammensetzung des Wassers aus Wasserstoff und Sauerstoff,
die Tatsache, daß Hegel tot ist und Herr Dühring lebt, gelten unabhängig
von meiner oder andrer einzelnen Leute Erfahrung, selbst unabhängig von der
des Herrn Dühring, sobald er den Schlaf des Gerechten schläft. Keineswegs
aber befaßt sich in der reinen Mathematik
der Verstand bloß mit seinen eignen Schöpfungen und Imaginationen.
Die Begriffe von Zahl und Figur sind nirgends anders hergenommen, als aus der
wirklichen Welt. Die zehn Finger, an denen die Menschen zählen, also die
erste arithmetische Operation vollziehn gelernt haben, sind alles andre, nur nicht
eine freie Schöpfung des Verstandes. Zum Zählen gehören nicht nur
zählbare Gegenstände, sondern auch schon die Fähigkeit, bei Betrachtung
dieser Gegenstände von allen ihren übrigen Eigenschaften abzusehn außer
ihrer Zahl - und diese Fähigkeit ist das Ergebnis einer langen geschichtlichen,
erfahrungsmäßigen Entwicklung. Wie der Begriff Zahl, so ist der Begriff
Figur ausschließlich der Außenwelt entlehnt, nicht im Kopf aus dem
reinen Denken entsprungen. Es mußte Dinge geben, die Gestalt hatten und
deren Gestalten man verglich, ehe man auf den Begriff Figur kommen konnte. Die
reine Mathematik hat zum Gegenstand die Raumformen und Quantitätsverhältnisse
der wirklichen Welt, also einen sehr realen Stoff. Daß dieser Stoff in einer
höchst abstrakten Form erscheint, kann seinen Ursprung aus der Außenwelt
nur oberflächlich verdecken. Um diese Formen und Verhältnisse in ihrer
Reinheit untersuchen zu können, muß man sie aber vollständig von
ihrem Inhalt trennen, diesen als gleichgültig beiseite setzen; so erhält
man die Punkte ohne Dimensionen, die Linien ohne Dicke und Breite, die a
und b und x und y, die Konstanten und die Variablen, und
kommt dann ganz zuletzt erst auf die eignen freien Schöpfungen und Imaginationen
des Verstandes, nämlich die imaginären Größen. Auch die scheinbare
Ableitung mathematischer Größen aus einander beweist nicht ihren apriorischen
Ursprung, sondern nur ihren rationellen Zusammenhang. Ehe man auf die Vorstellung
kam, die Form eines Zylinders aus der Drehung eines Rechtecks um eine seiner
Seiten abzuleiten, muß man eine Anzahl wirklicher Rechtecke und Zylinder,
wenn auch in noch so unvollkommner Form, untersucht haben. Wie alle andern Wissenschaften
ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen:
aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.
Aber wie in allen Gebieten des Denkens werden auf einer gewissen Entwicklungsstufe
die aus der wirklichen Welt abstrahierten Gesetze von der wirklichen Welt getrennt,
ihr als etwas Selbständiges gegenübergestellt, als von außen kommende
Gesetze, wonach die Welt sich zu richten hat. So ist es in Gesellschaft und Staat
hergegangen, so und nicht anders wird die reine Mathematik nachher auf
die Welt angewandt, obwohl sie eben dieser Welt entlehnt ist und nur einen
Teil ihrer Zusammensetzungsformen darstellt - und grade nur deswegen überhaupt
anwendbar ist.
Wie aber Herr Dühring sich einbildet, aus
den mathematischen Axiomen, die
»auch nach der rein logischen Vorstellung einer Begründung weder
fähig noch bedürftig sind«,
ohne irgendwelche erfahrungsmäßige Zutat die ganze reine Mathematik
ableiten und diese dann auf die Welt anwenden zu können, ebenso bildet er
sich ein, zuerst die Grundgestalten des Seins, die einfachen Bestandteile alles
Wissens, die Axiome der Philosophie, aus dem Kopf erzeugen, aus ihnen die ganze
Philosophie oder Weltschematik ableiten und diese seine Verfassung der Natur und
Menschenwelt Allerhöchst oktroyieren zu können. Leider besteht die Natur
gar nicht und die Menschenwelt nur zum allergeringsten Teil aus den Manteuffelschen
Preußen von 1850.
Die mathematischen Axiome sind die Ausdrücke des höchst dürftigen
Gedankeninhalts, den die Mathematik der Logik entlehnen muß. Sie lassen
sich auf zwei zurückführen:
1. Das Ganze ist größer als der Teil. Dieser Satz ist eine reine
Tautologie, da die quantitativ gefaßte Vorstellung: Teil sich von vornherein
in bestimmter Weise auf die Vorstellung: Ganzes bezieht, nämlich so, daß
»Teil« ohne weiteres besagt, daß das quantitative »Ganze« aus mehreren quantitativen
»Teilen« besteht. Indem das sogenannte Axiom dies ausdrücklich konstatiert,
sind wir keinen Schritt weiter. Man kann diese Tautologie sogar gewissermaßen
beweisen, wenn man sagt: ein Ganzes ist das, was aus mehreren Teilen besteht;
ein Teil ist das, von dem mehrere ein Ganzes ausmachen, folglich ist der Teil
kleiner als das Ganze - wo die Öde der Wiederholung die Öde des Inhalts
noch stärker hervortreten läßt.
2. Wenn zwei Größen einer dritten gleich sind, so sind sie untereinander
gleich. Dieser Satz ist, wie schon Hegel nachgewiesen hat, ein Schluß, für
dessen Richtigkeit die Logik einsteht, der also bewiesen ist, wenn auch außerhalb
der reinen Mathematik. Die übrigen Axiome über Gleichheit und Ungleichheit
sind bloße logische Erweiterungen dieses Schlusses.
Diese magern Sätze locken weder in der Mathematik noch sonstwo einen Hund
vom Ofen. Um weiterzukommen, müssen wir reale Verhältnisse hineinziehn,
Verhältnisse und Raumformen, die von wirklichen Körpern hergenommen
sind. Die Vorstellungen von Linien, Flächen, Winkeln, von Vielecken, Würfeln,
Kugeln usw. sind alle der Wirklichkeit entlehnt, und es gehört ein gut Stück
naiver Ideologie dazu, den Mathematikern zu glauben, die erste Linie sei durch
Bewegung eines Punktes im Raum entstanden, die erste Fläche durch Bewegung
einer Linie, der erste Körper durch Bewegung
einer Fläche usw. Schon die Sprache rebelliert dagegen. Eine mathematische
Figur von drei Dimensionen heißt ein Körper, corpus solidum, also im
Lateinischen sogar ein handgreiflicher Körper, führt also einen Namen,
der keineswegs der freien Imagination des Verstandes, sondern der handfesten Realität
entlehnt ist.
Aber wozu all diese Weitläufigkeiten? Nachdem Herr Dühring auf Seite
42 und 43 die Unabhängigkeit der reinen Mathematik von der Erfahrungswelt,
ihre Apriorität, ihre Beschäftigung mit den eignen freien Schöpfungen
und Imaginationen des Verstandes, begeistert besungen, sagt er auf Seite 63:
»Es wird nämlich leicht übersehn, daß jene mathematischen
Elemente« (»Zahl, Größe, Zeit, Raum und geometrische Bewegung«) »nur
ihrer Form nach ideell sind, ... die absoluten Größen sind
daher etwas durchaus Empirisches, gleichviel welcher Gattung sie angehören«,
... aber »die mathematischen Schemata sind einer von der Erfahrung abgesonderten
und dennoch zureichenden Charakteristik fähig«,
welches letztere mehr oder weniger von jeder Abstraktion gilt, aber
keineswegs beweist, daß sie nicht aus der Wirklichkeit abstrahiert ist.
In der Weltschematik ist die reine Mathematik aus dem reinen Denken entsprungen
- in der Naturphilosophie ist sie etwas durchaus Empirisches, aus der Außenwelt
Genommenes und dann Abgesondertes. Wem sollen wir nun glauben?
IV. Weltschematik
»Das allumfassende Sein ist einzig. In seiner Selbstgenügsamkeit
hat es nichts neben oder über sich. Ihm ein zweites Sein zugesellen, hieße
es zu dem machen, was es nicht ist, nämlich zu dem Teil oder Bestandstück
eines umfangreicheren Ganzen. Indem wir unsern einheitlichen Gedanken gleichsam
als Rahmen ausspannen, kann nichts, was in diese Gedankeneinheit eingehn
muß, eine Doppelheit an sich behalten. Es kann sich aber dieser Gedankeneinheit
auch nichts entziehn ... Das Wesen alles Denkens besteht in der Vereinigung von
Bewußtseinselementen zu einer Einheit ... Es ist der Einheitspunkt der Zusammenfassung,
wodurch der unteilbare Weltbegriff entstanden und das Universum, wie es
schon das Wort besagt, als etwas erkannt wird, worin alles zu einer Einheit
vereinigt ist.«
Soweit Herr Dühring. Die mathematische Methode:
»Jede Frage ist an einfachen Grundgestalten axiomatisch zu entscheiden,
als wenn es sich um einfache ... Grundsätze der Mathematik handelte« -
diese Methode wird hier zuerst angewandt.
»Das allumfassende Sein ist einzig.« Wenn Tautologie
einfache Wiederholung, im Prädikat, dessen, was im Subjekte schon ausgesprochen
worden - wenn das ein Axiom ausmacht, so haben wir hier eins vom reinsten Wasser.
Im Subjekt sagt uns Herr Dühring, daß das Sein alles umfaßt,
und im Prädikat behauptet er unerschrocken, daß alsdann nichts außer
ihm ist. Welch kolossal »systemschaffender Gedanke«!
Systemschaffend in der Tat. Ehe wir sechs Zeilen weiter sind, hat Herr Dühring
die Einzigkeit des Seins vermittelst unsres einheitlichen Gedankens in
seine Einheit verwandelt. Da das Wesen alles Denkens in der Zusammenfassung
zu einer Einheit besteht, so ist das Sein, sobald es gedacht wird, als einheitliches
gedacht, der Weltbegriff ein unteilbarer, und weil das gedachte Sein, der
Weltbegriff einheitlich ist, so ist das wirkliche Sein, die wirkliche Welt,
ebenfalls eine unteilbare Einheit. Und somit
»haben die Jenseitigkeiten keinen Raum mehr, sobald der Geist einmal
gelernt hat, das Sein in seiner gleichartigen Universalität zu erfassen«.
Das ist ein Feldzug, gegen den Austerlitz und Jena, Königgrätz und
Sedan vollständig verschwinden. In ein paar Sätzen, kaum eine Seite,
nachdem wir das erste Axiom mobil gemacht haben, haben wir bereits alle Jenseitigkeiten,
Gott, die himmlischen Heerscharen, Himmel, Hölle und Fegefeuer samt der Unsterblichkeit
der Seele abgeschafft, beseitigt, vernichtet.
Wie kommen wir von der Einzigkeit des Seins zu seiner Einheit? Indem wir es
uns überhaupt vorstellen. Sowie wir unsern einheitlichen Gedanken als Rahmen
um es ausspannen, wird das einzige Sein in Gedanken ein einheitliches, eine Gedankeneinheit;
denn das Wesen alles Denkens besteht in der Vereinigung von Bewußtseinselementen
zu einer Einheit.
Dieser letzte Satz ist einfach falsch. Erstens besteht das Denken ebensosehr
in der Zerlegung von Bewußtseinsgegenständen in ihre Elemente, wie
in der Vereinigung zusammengehöriger Elemente zu einer Einheit. Ohne Analyse
keine Synthese. Zweitens kann das Denken, ohne Böcke zu schießen, nur
diejenigen Bewußtseinselemente zu einer Einheit zusammenfassen, in denen
oder in deren realen Urbildern diese Einheit schon vorher bestanden. Wenn
ich eine Schuhbürste unter die Einheit Säugetier zusammenfasse, so bekommt
sie damit noch lange keine Milchdrüsen. Die Einheit des Seins, beziehentlich
die Berechtigung seiner Gedankenauffassung als einer Einheit, ist also grade das,
was zu beweisen war, und wenn Herr Dühring uns versichert, er denke sich
das Sein einheitlich und nicht etwa als Doppelheit, so sagt er uns damit weiter
nichts, als seine unmaßgebliche Meinung.
Wenn wir seinen Gedankengang rein darstellen
wollen, so ist er folgender: Ich fange an mit dem Sein. Also denke ich mir das
Sein. Der Gedanke des Seins ist einheitlich. Denken und Sein müssen aber
zusammenstimmen, sie entsprechen einander, sie »decken sich«. Also ist das Sein
auch in der Wirklichkeit einheitlich. Also gibt's keine »Jenseitigkeiten«. Hätte
Herr Dühring aber so unverhüllt gesprochen, statt uns obige Orakelstelle
zum besten zu geben, so lag die Ideologie klar zutage. Aus der Identität
von Denken und Sein die Realität irgendeines Denkergebnisses beweisen zu
wollen, das war ja grade eine der tollsten Fieberphantasien - eines Hegel.
Den Spiritualisten hätte Herr Dühring, selbst wenn seine ganze Beweisführung
richtig wäre, noch keinen Zollbreit Gebiet abgewonnen. Die Spiritualisten
antworten ihm kurz: die Welt ist auch für uns einfach; die Spaltung
in Diesseits und Jenseits existiert nur für unsern spezifisch irdischen,
erbsündlichen Standpunkt; an und für sich, d.h. in Gott, ist das gesamte
Sein ein einiges. Und sie werden Herrn Dühring auf seine beliebten andern
Weltkörper begleiten und ihm einen oder mehrere zeigen, wo kein Sündenfall
stattgefunden, wo also auch kein Gegensatz zwischen Diesseits und Jenseits besteht
und die Einheitlichkeit der Welt Forderung des Glaubens ist.
Das komischste bei der Sache ist, daß Herr Dühring, um die Nichtexistenz
Gottes aus dem Begriff des Seins zu beweisen, den ontologischen Beweis für
das Dasein Gottes anwendet. Dieser lautet: Wenn wir uns Gott denken, so denken
wir ihn uns als den Inbegriff aller Vollkommenheiten. Zum Inbegriff aller Vollkommenheiten
gehört aber vor allem das Dasein, denn ein nicht daseiendes Wesen ist notwendig
unvollkommen. Also müssen wir zu den Vollkommenheiten Gottes auch das Dasein
rechnen. Also muß Gott existieren. - Genauso räsoniert Herr Dühring:
Wenn wir uns das Sein denken, so denken wir es uns als einen Begriff. Was
in Einem Begriff zusammengefaßt, das ist einheitlich. Das Sein entspräche
also seinem Begriff nicht, wäre es nicht einheitlich. Folglich muß
es einheitlich sein. Folglich gibt es keinen Gott usw.
Wenn wir vom Sein sprechen, und bloß vom Sein, so kann
die Einheit nur darin bestehn, daß alle die Gegenstände, um die es
sich handelt - sind, existieren. In der Einheit dieses Seins, und in keiner
andern, sind sie zusammengefaßt und der gemeinsame Ausspruch, daß
sie alle sind, kann ihnen nicht nur keine weiteren, gemeinsamen oder nicht
gemeinsamen, Eigenschaften geben, sondern schließt alle solche von der Betrachtung
vorläufig aus. Denn sowie wir uns von der einfachen Grundtatsache, daß
allen diesen Dingen das Sein gemeinsam zukommt, auch nur einen Millimeter breit
entfernen, so fangen die Unterschiede dieser Dinge an, vor unsern
Blick zu treten - und ob diese Unterschiede darin bestehn, daß die einen
weiß, die andern schwarz, die einen belebt, die andern unbelebt, die einen
etwa diesseitig, die andern etwa jenseitig sind, das können wir nicht daraus
entscheiden, daß ihnen allen gleichmäßig die bloße Existenz
zugeschrieben wird.
Die Einheit der Welt besteht nicht in ihrem Sein, obwohl ihr Sein eine Voraussetzung
ihrer Einheit ist, da sie doch zuerst sein muß, ehe sie eins
sein kann. Das Sein ist ja überhaupt eine offene Frage von der Grenze an,
wo unser Gesichtskreis aufhört. Die wirkliche Einheit der Welt besteht in
ihrer Materialität, und diese ist bewiesen nicht durch ein paar Taschenspielerphrasen,
sondern durch eine lange und langwierige Entwicklung der Philosophie und der Naturwissenschaft.
Weiter im Text. Das Sein, wovon Herr Dühring uns unterhält,
ist
»nicht jenes reine Sein, welches sich selbst gleich, aller besondern
Bestimmungen ermangeln soll, und in der Tat nur ein Gegenbild des Gedankennichts
oder der Gedankenabwesenheit vertritt«.
Nun werden wir aber sehr bald sehn, daß Herrn Dührings Welt allerdings
mit einem Sein anhebt, welches aller innern Unterscheidung, aller Bewegung und
Veränderung ermangelt und also in der Tat nur ein Gegenbild des Gedankennichts,
also ein wirkliches Nichts ist. Erst aus diesem Sein-Nichts entwickelt
sich der gegenwärtige differenzierte, wechselvolle, eine Entwicklung, ein
Werden darstellende Weltzustand; und erst nachdem wir dies begriffen, kommen
wir dahin, auch unter dieser ewigen Wandlung
»den Begriff des universellen Seins sich selbst gleich festzuhalten«.
Wir haben also jetzt den Begriff des Seins auf einer höhern Stufe, wo
er sowohl Beharrung wie Veränderung, Sein wie Werden in sich begreift. Hier
angekommen, finden wir, daß
»Gattung und Art, überhaupt Allgemeines und Besonderes die einfachsten
Unterscheidungsmittel sind, ohne welche die Verfassung der Dinge nicht begriffen
werden kann«.
Es sind dies aber Unterscheidungsmittel der Qualität; und nachdem
diese verhandelt, gehn wir weiter:
»den Gattungen gegenüber steht der Begriff der Größe,
als desjenigen Gleichartigen, in welchem keine Artdifferenzen mehr stattfinden«;
d.h. von der Qualität gehn wir über zur Quantität,
und diese ist stets »meßbar«.
Vergleichen wir nun diese »scharfe Sonderung
der allgemeinen Wirkungsschemata« und ihren »wirklich kritischen Standpunkt« mit
den Kruditäten, Wüstheiten und Fieberphantasien eines Hegel. Wir finden,
daß Hegels Logik anfängt, vom Sein - wie Herr Dühring;
daß das Sein sich herausstellt als das Nichts, wie bei Herrn Dühring;
daß aus diesem Sein-Nichts übergegangen wird zum Werden, dessen
Resultat das Dasein ist, d.h. eine höhere, erfülltere Form des Seins
- ganz wie bei Herrn Dühring. Das Dasein führt zur Qualität,
die Qualität zur Quantität - ganz wie bei Herrn Dühring.
Und damit kein wesentliches Stück fehle, erzählt uns Herr Dühring
bei einer andern Gelegenheit:
»Aus dem Reich der Empfindungslosigkeit tritt man in das der Empfindung,
trotz aller quantitativen Allmählichkeit, nur mit einem qualitativen Sprung
ein, von dem wir ... behaupten können, daß er sich unendlich von der
bloßen Gradation einer und derselben Eigenschaft unterscheide.«
Dies ist ganz die Hegelsche Knotenlinie von Maßverhältnissen, wo
bloß quantitative Steigerung oder Abnahme an gewissen bestimmten Knotenpunkten
einen qualitativen Sprung verursacht, z.B. bei erwärmtem oder abgekühltem
Wasser, wo der Siedepunkt und der Gefrierpunkt die Knoten sind, an denen der Sprung
in einen neuen Aggregatzustand - unter Normaldruck - sich vollzieht, wo also Quantität
in Qualität umschlägt.
Unsre Untersuchung hat ebenfalls versucht, bis an die Wurzeln zu reichen, und
als die Wurzel der wurzelhaften Dühringschen Grundschemata findet sie - die
»Fieberphantasien« eines Hegel, die Kategorien der Hegelschen »Logik«, erster
Teil, Lehre vom Sein, in streng althegelscher »Abfolge« und mit kaum versuchter
Verschleierung des Plagiats!
Und nicht zufrieden damit, seinem bestverleumdeten Vorgänger dessen ganze
Schematik vom Sein zu entwenden, hat Herr Dühring, nachdem er selbst obiges
Beispiel von sprungweisem Umschlagen der Quantität in die Qualität gegeben,
die Gelassenheit, von Marx zu sagen:
»Wie komisch nimmt sich nicht z.B. die Berufung« (Marx') »auf die Hegelsche
konfuse Nebelvorstellung aus, daß die Quantität in die Qualität
umschlage!«
Konfuse Nebelvorstellung! Wer schlägt hier um, und wer nimmt sich hier
komisch aus, Herr Dühring?
Alle diese schönen Sächelchen sind also nicht nur nicht vorschriftsmäßig
»axiomatisch entschieden«, sondern einfach von außen, d.h. aus Hegels »Logik«
hineingetragen. Und zwar so, daß in dem ganzen Kapitel auch nicht einmal
der Schein eines innern Zusammenhangs figuriert, soweit er nicht auch aus Hegel
entlehnt ist, und daß das Ganze schließlich in ein
inhaltloses Spintisieren über Raum und Zeit, Beharrung und Veränderung
ausläuft.
Vom Sein kommt Hegel zum Wesen, zur Dialektik. Hier handelt er von den Reflexionsbestimmungen,
deren innern Gegensätzen und Widersprüchen, wie z.B. positiv
und negativ, kommt dann zur Kausalität oder dem Verhältnis von
Ursache und Wirkung, und schließt mit der Notwendigkeit. Nicht anders
Herr Dühring. Was Hegel Lehre vom Wesen nennt, übersetzt Herr Dühring
in: logische Eigenschaften des Seins. Diese bestehn aber vor allem im »Antagonismus
von Kräften«, in Gegensätzen. Den Widerspruch leugnet Herr Dühring
dagegen radikal; wir werden später auf dies Thema zurückkommen. Dann
geht er über auf die Kausalität und von dieser auf die Notwendigkeit.
Wenn Herr Dühring also von sich sagt:
»Wir, die wir nicht aus dem Käfig philosophieren«,
so meint er wohl, er philosophiere im Käfig, nämlich dem Käfig
des Hegelschen Kategorienschematismus.
V. Naturphilosophie. Zeit und Raum
Wir kommen jetzt zur Naturphilosophie. Hier hat Herr Dühring wieder
alle Ursache, mit seinen Vorgängern unzufrieden zu sein.
Die Naturphilosophie »sank so tief, daß sie zur wüsten, auf
Unwissenheit beruhenden Afterpoesie wurde« und »der prostituierten Philosophasterei
eines Schelling und ähnlicher, im Priestertum des Absoluten kramender und
das Publikum mystifizierender Gesellen anheimgefallen« war. Die Ermüdung
hat uns aus diesen »Mißgestalten« gerettet, aber sie hat bisher nur der
»Haltlosigkeit« Platz gemacht; »und was das größere Publikum betrifft,
so ist für dasselbe bekanntlich der Abtritt eines größern Scharlatans
oft nur die Gelegenheit für einen kleinern, aber geschäftserfahrenen
Nachfolger, die Produktionen jenes unter einem andern Aushängeschild zu wiederholen«.
die Naturforscher selbst verspüren wenig »Lust zu einem Ausflug in das Reich
der weltumspannenden Ideen« und begehn daher lauter »zerfahrene Voreiligkeiten«
auf theoretischem Gebiet.
Hier muß dringend Rettung geschaffen werden, und glücklicherweise
ist Herr Dühring zur Stelle.
Um die nun folgenden Enthüllungen über die Entfaltung der Welt in
der Zeit und ihre Begrenzung im Raum richtig zu würdigen, müssen wir
wieder auf einige Stellen in der »Weltschematik« zurückgreifen.
Dem Sein wird, ebenfalls im Einklang mit Hegel (»Enzyklopädie« § 93),
Unendlichkeit - was Hegel die schlechte Unendlichkeit nennt - zugeschrieben
und nun diese Unendlichkeit untersucht.
»die deutlichste Gestalt
einer widerspruchslos zu denkenden Unendlichkeit ist die unbeschränkte
Häufung der Zahlen in der Zahlenreihe ... Wie wir zu jeder Zahl noch eine
weitere Einheit hinzufügen können, ohne jemals die Möglichkeit
des Weiterzählens zu erschöpfen, so reiht sich auch an jeglichen Zustand
des Seins ein fernerer an, und in der unbeschränkten Erzeugung dieser Zustände
besteht die Unendlichkeit. Diese genau gedachte Unendlichkeit hat daher
auch nur eine einzige Grundform mit einer einzigen Richtung. Wenn es nämlich
auch für unser Denken gleichgültig ist, eine entgegengesetzte Richtung
der Häufungen der Zustände zu entwerfen, so ist doch die rückwärts
fortschreitende Unendlichkeit eben nur ein voreiliges Vorstellungsgebilde. Da
sie nämlich in der Wirklichkeit in umgekehrter Richtung durchlaufen
sein müßte, so würde sie bei jedem ihrer Zustände eine unendliche
Zahlenreihe hinter sich haben. Hiermit wäre aber der unzulässige Widerspruch
einer abgezählten unendlichen Zahlenreihe begangen, und so erweist es sich
als widersinnig, noch eine zweite Richtung der Unendlichkeit vorauszusetzen.«
Die erste Folgerung, die aus dieser Auffassung der Unendlichkeit gezogen wird,
ist, daß die Verkettung von Ursachen und Wirkungen in der Welt einmal einen
Anfang gehabt haben muß:
»eine unendliche Zahl von Ursachen, die sich bereits aneinandergereiht
haben soll, ist schon darum undenkbar, weil sie die Unzahl als abgezählt
voraussetzt«.
Also eine Endursache erwiesen. Die zweite Folgerung ist
»das Gesetz der bestimmten Anzahl: die Häufung des Identischen
irgendeiner realen Gattung von Selbständigkeiten ist nur als Bildung einer
bestimmten Zahl denkbar«. Nicht nur die vorhandne Zahl der Weltkörper muß
in jedem Zeitpunkt eine an sich bestimmte sein, sondern auch die Gesamtzahl aller
in der Welt existierenden kleinsten selbständigen Teile der Materie. Letztere
Notwendigkeit ist der wahre Grund, warum keine Zusammensetzung ohne Atome gedacht
werden kann. Alle wirkliche Geteiltheit hat stets eine endliche Bestimmtheit und
muß sie haben, wenn nicht der Widerspruch der abgezählten Unzahl eintreten
soll. Nicht nur muß aus demselben Grund die bisherige Anzahl der Umläufe
der Erde um die Sonne eine bestimmte, wenn auch nicht angebbare, sein, sondern
alle periodischen Naturprozesse müssen irgendeinen Anfang gehabt haben, und
alle Differenzenbildung, alle Mannigfaltigkeiten der Natur, die einander folgen,
müssen in einem sich selbst gleichen Zustand wurzeln. Dieser kann
ohne Widerspruch von Ewigkeit her existiert haben, aber auch diese Vorstellung
wäre ausgeschlossen, wenn die Zeit an sich selbst aus realen Teilen bestände
und nicht vielmehr bloß durch die ideelle Setzung der Möglichkeiten
von unserm Verstand nach Belieben eingeteilt würde. Mit dem realen und in
sich unterschiednen Zeitinhalt hat es eine andre Bewandtnis; diese wirkliche Erfüllung
der Zeit mit unterscheidbar gearteten Tatsachen und die Existenzformen dieses
Bereichs gehören eben, ihrer Unterschiedenheit wegen, dem Zählbaren
an. Denken wir uns einen Zustand, der ohne Veränderungen ist und in seiner
Sichselbstgleichheit gar keine Unterschiede der Folge darbietet, so
verwandelt sich auch der speziellere Zeitbegriff in die allgemeinere Idee des
Seins. Was die Häufung einer leeren Dauer bedeuten soll, ist gar nicht erfindlich.
Soweit Herr Dühring, und er ist nicht wenig erbaut von der Bedeutung dieser
Entdeckungen. Er hofft zunächst, daß man sie »mindestens nicht als
eine geringfügige Wahrheit ansehn« wird; später aber heißt es:
»Man erinnere sich der höchst einfachen Wendungen, mit denen
wir den Unendlichkeitsbegriffen und deren Kritik zu einer bisher ungekannten
Tragweite verholfen haben ... die durch die gegenwärtige Verschärfung
und Vertiefung so einfach gestalteten Elemente der universellen Raum- und
Zeitauffassung.«
Wir haben verholfen! Gegenwärtige Vertiefung und Verschärfung!
Wer sind wir, und wann spielt unsre Gegenwart? Wer vertieft und verschärft?
»Thesis. Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach
auch in Grenzen eingeschlossen. - Beweis: Denn man nehme an, die Welt habe der
Zeit nach keinen Anfang, so ist bis zu jedem gegebnen Zeitpunkt eine Ewigkeit
abgelaufen, und mithin eine unendliche Reihe aufeinanderfolgender Zustände
der Dinge in der Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit
einer Reihe, daß sie durch sukzessive Synthesis niemals vollendet sein kann.
Also ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein Anfang
der Welt eine notwendige Bedingung ihres Daseins, welches zuerst zu beweisen war.
- in Ansehung des Zweiten nehme man wiederum das Gegenteil an, so wird die Welt
ein unendliches gegebnes Ganzes von zugleich existierenden Dingen sein. Nun können
wir die Größe eines Quantums, welches nicht innerhalb gewisser Grenzen
jeder Anschauung gegeben wird, auf keine Art als nur durch die Synthese der Teile,
und die Totalität eines solchen Quantums nur durch die vollendete Synthese
oder durch wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst denken. Demnach,
um sich die Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu denken,
müßte die sukzessive Synthese der Teile einer unendlichen Welt als
vollendet angesehn, d.i. eine unendliche Zeit müßte, in der Durchzählung
aller koexistierenden Dinge, als abgelaufen angesehn werden, welches unmöglich
ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat wirklicher Dinge nicht als ein gegebnes
Ganzes, mithin auch nicht als zugleich gegeben angesehn werden. Eine Welt
ist folglich der Ausdehnung im Raum nach nicht unendlich, sondern in ihre Grenzen
eingeschlossen, welches das Zweite« (zu beweisen) »war.«
Diese Sätze sind buchstäblich kopiert aus einem wohlbekannten Buch,
welches im Jahre 1781 zuerst erschien und betitelt ist: »Kritik der reinen Vernunft«,
von Immanuel Kant, wo männiglich sie nachlesen kann im ersten Teil,
zweite Abteilung, zweites Buch, zweites Hauptstück, zweiter Abschnitt: Erste
Antinomie der reinen Vernunft. Herrn Dühring gehört hiernach lediglich
der Ruhm, den Namen: Gesetz der bestimmten Anzahl, auf einen von Kant ausgesprochenen
Gedanken geklebt und die Entdeckung gemacht zu haben, daß einmal eine Zeit
war, wo es noch keine Zeit gab, wohl aber eine Welt.
Für alles übrige, also für alles, was in Herrn Dührings Auseinandersetzung
noch einigen Sinn hat, sind »Wir« - Immanuel Kant, und die »Gegenwart« ist nur
fünfundneunzig Jahre alt. Allerdings »höchst einfach«! Merkwürdige
»bisher ungekannte Tragweite«!
Nun stellt aber Kant obige Sätze keineswegs als durch seinen Beweis erledigt
auf. Im Gegenteil; auf der gegenüberstehenden Seite behauptet und beweist
er das Entgegengesetzte: daß die Welt nach der Zeit keinen Anfang und nach
dem Raum kein Ende habe; und darin setzt er grade die Antinomie, den unlösbaren
Widerspruch, daß das eine ebenso beweisbar ist wie das andre. Leute von
geringerm Kaliber wären vielleicht dadurch etwas bedenklich geworden, daß
»ein Kant« hier eine unlösbare Schwierigkeit fand. Nicht so unser kühner
Verfertiger »von Grund aus eigentümlicher Ergebnisse und Anschauungen«: was
ihm von Kants Antinomie dienen kann, schreibt er unverdrossen ab und wirft den
Rest beiseite.
Die Sache selbst löst sich sehr einfach. Ewigkeit in der Zeit, Unendlichkeit
im Raum, besteht schon von vornherein und dem einfachen Wortsinne nach darin,
nach keiner Seite hin ein Ende zu haben, weder nach vorn oder nach hinten,
nach oben oder nach unten, nach rechts oder nach links. Diese Unendlichkeit ist
eine ganz andre als die einer unendlichen Reihe, denn diese fängt von vornherein
immer mit Eins, mit einem ersten Gliede an. Die Unanwendbarkeit dieser Reihenvorstellung
auf unsern Gegenstand zeigt sich sofort, wenn wir sie auf den Raum anwenden. Die
unendliche Reihe, ins Räumliche übersetzt, ist die von einem bestimmten
Punkt in bestimmter Richtung ins Unendliche gezogne Linie. Ist damit die Unendlichkeit
des Raums auch nur entfernt ausgedrückt? Im Gegenteil, es gehören allein
sechs von diesem einen Punkt in dreifach entgegengesetzten Richtungen aus gezogene
Linien dazu, um die Dimensionen des Raums zu begreifen; und dieser Dimensionen
hätten wir hiernach sechs. Kant sah dies so gut ein, daß er seine Zahlenreihe
auch nur indirekt, auf einem Umweg, auf die Räumlichkeit der Welt übertrug.
Herr Dühring dagegen zwingt uns zur Annahme von sechs Dimensionen im Raum,
und hat gleich nachher nicht Worte der Entrüstung genug über den mathematischen
Mystizismus von Gauß, der sich nicht mit den gewöhnlichen drei Raumdimensionen
begnügen wollte.
Auf die Zeit angewandt, hat die nach beiden Seiten endlose Linie oder Reihe
von Einheiten einen gewissen bildlichen Sinn. Stellen wir uns aber die Zeit als
eine von Eins an gezählte oder von einem bestimmten Punkt ausgehende
Linie vor, so sagen wir damit von vornherein, daß die Zeit einen Anfang
hat: wir setzen voraus, was wir grade beweisen sollen. Wir geben
der Unendlichkeit der Zeit einen einseitigen, halben Charakter; aber eine einseitige,
eine halbierte Unendlichkeit ist auch ein Widerspruch in sich, das grade Gegenteil
von einer »widerspruchslos gedachten Unendlichkeit«. Über diesen Widerspruch
kommen wir nur hinaus, wenn wir annehmen, daß die Eins, mit der wir anfangen,
die Reihe zu zählen, der Punkt, von dem aus wir die Linie weitermessen, eine
beliebige Eins in der Reihe, ein beliebiger Punkt in der Linie sind, von denen
es für die Linie oder Reihe gleichgültig ist, wohin wir sie verlegen.
Aber der Widerspruch der »abgezählten unendlichen Zahlenreihe«? Wir werden
imstande sein, ihn näher zu untersuchen, sobald Herr Dühring uns das
Kunststück vorgemacht haben wird, sie abzuzählen. Wenn er es
fertiggebracht hat, von minus Unendlich bis Null zu zählen, dann mag er wiederkommen.
Es ist ja klar, daß, wo auch immer er anfängt zu zählen, er eine
unendliche Reihe hinter sich läßt und mit ihr die Aufgabe, die er lösen
soll. Er kehre nur seine eigne unendliche Reihe 1 + 2 + 3 + 4 ... um und versuche,
vom unendlichen Ende wieder nach Eins zu zählen; es ist augenscheinlich der
Versuch eines Menschen, der gar nicht sieht, worum es sich handelt. Noch mehr.
Wenn Herr Dühring behauptet, die unendliche Reihe der verflossenen Zeit sei
abgezählt, so behauptet er damit, daß die Zeit einen Anfang hat; denn
sonst könnte er ja gar nicht anfangen »abzuzählen«. Er schiebt also
wieder als Voraussetzung unter, was er beweisen soll. Die Vorstellung der abgezählten
unendlichen Reihe, mit andern Worten, das weltumspannende Dühringsche Gesetz
der bestimmten Anzahl, ist also eine contradictio in adjecto, enthält einen
Widerspruch in sich selbst, und zwar einen absurden Widerspruch.
Es ist klar: die Unendlichkeit, die ein Ende hat, aber keinen Anfang, ist nicht
mehr und nicht weniger unendlich, als die, die einen Anfang hat, aber kein Ende.
Die geringste dialektische Einsicht hätte Herrn Dühring sagen müssen,
daß Anfang und Ende notwendig zusammengehören, wie Nordpol und Südpol,
und daß, wenn man das Ende wegläßt, der Anfang eben das Ende
wird - das eine Ende, das die Reihe hat, und umgekehrt. Die ganze Täuschung
wäre unmöglich ohne die mathematische Gewohnheit, mit unendlichen Reihen
zu operieren. Weil man in der Mathematik vom Bestimmten, Endlichen ausgehn muß,
um zum Unbestimmten, Endlosen zu kommen, so müssen alle mathematischen Reihen,
positive oder negative, mit Eins anfangen, sonst kann man nicht damit rechnen.
Das ideelle Bedürfnis des Mathematikers ist aber weit davon entfernt, ein
Zwangsgesetz für die reale Welt zu sein.
Übrigens wird Herr Dühring es nie fertigbringen, sich die wirkliche Unendlichkeit widerspruchslos zu denken. Die Unendlichkeit
ist ein Widerspruch und voll von Widersprüchen. Es ist schon ein Widerspruch,
daß eine Unendlichkeit aus lauter Endlichkeiten zusammengesetzt sein soll,
und doch ist dies der Fall. Die Begrenztheit der materiellen Welt führt nicht
weniger zu Widersprüchen als ihre Unbegrenztheit, und jeder Versuch, diese
Widersprüche zu beseitigen, führt, wie wir gesehn haben, zu neuen und
schlimmeren Widersprüchen. Eben weil die Unendlichkeit ein Widerspruch
ist, ist sie unendlicher, in Zeit und Raum ohne Ende sich abwickelnder Prozeß.
Die Aufhebung des Widerspruchs wäre das Ende der Unendlichkeit. Das hatte
Hegel schon ganz richtig eingesehn und behandelt daher auch die über diesen
Widerspruch spintisierenden Herren mit verdienter Verachtung.
Gehn wir weiter. Also, die Zeit hat einen Anfang gehabt. Was war vor diesem
Anfang? die in einem sich selbst gleichen, unveränderlichen Zustand befindliche
Welt. Und da in diesem Zustand keine Veränderungen aufeinanderfolgen, so
verwandelt sich auch der speziellere Zeitbegriff in die allgemeinere Idee des
Seins. Erstens geht es uns hier gar nichts an, welche Begriffe sich im
Kopf des Herrn Dühring verwandeln. Es handelt sich nicht um den Zeitbegriff,
sondern um die wirkliche Zeit, die Herr Dühring so wohlfeilen Kaufs
keineswegs los wird. Zweitens mag sich der Zeitbegriff noch so sehr in die allgemeinere
Idee des Seins verwandeln, so kommen wir damit keinen Schritt weiter. Denn die
Grundformen alles Seins sind Raum und Zeit, und ein Sein außer der Zeit
ist ein ebenso großer Unsinn, wie ein Sein außerhalb des Raums. Das
Hegelsche »zeitlos vergangne Sein« und das neuschellingsche »unvordenkliche Sein«
sind rationelle Vorstellungen verglichen mit diesem Sein außer der Zeit.
Darum geht Herr Dühring auch sehr behutsam zu Werke: eigentlich ist es wohl
eine Zeit, aber eine solche, die man im Grunde keine Zeit nennen kann: die Zeit
besteht ja nicht an sich selbst aus realen Teilen und wird bloß von unserm
Verstand nach Belieben eingeteilt - nur eine wirkliche Erfüllung der Zeit
mit unterscheidbaren Tatsachen gehört dem Zählbaren an - was die Häufung
einer leeren Dauer bedeuten soll, ist gar nicht erfindlich. Was diese Häufung
bedeuten soll, ist hier ganz gleichgültig; es fragt sich, ob die Welt, in
dem hier vorausgesetzten Zustand, dauert, eine Zeitdauer durchmacht? daß
nichts dabei herauskommt, eine solche inhaltslose Dauer zu messen, ebensowenig
wie dabei, in den leeren Raum zwecklos und ziellos hinauszumessen, das wissen
wir längst, und Hegel nennt ja auch, gerade wegen der Langweiligkeit dieses
Verfahrens, diese Unendlichkeit die schlechte. Nach Herrn Dühring
existiert die Zeit nur durch die Veränderung, nicht die Veränderung in und durch die Zeit. Eben weil die Zeit von der
Veränderung verschieden, unabhängig ist, kann man sie durch die Veränderung
messen, denn zum Messen gehört immer ein von dem zu messenden Verschiednes.
Und die Zeit, in der keine erkennbaren Veränderungen vorgehn, ist weit entfernt
davon, keine Zeit zu sein; sie ist vielmehr die reine, von keinen
fremden Beimischungen affizierte, also die wahre Zeit, die Zeit als solche.
In der Tat, wenn wir den Zeitbegriff in seiner ganzen Reinheit, abgetrennt von
allen fremden und ungehörigen Beimischungen erfassen wollen, so sind wir
genötigt, alle die verschiednen Ereignisse, die neben- und nacheinander in
der Zeit vor sich gehn, als nicht hierhergehörig beiseite zu setzen und uns
somit eine Zeit vorzustellen, in der nichts passiert. Wir haben damit also nicht
den Zeitbegriff in der allgemeinen Idee des Seins untergehn lassen, sondern wir
sind damit erst beim reinen Zeitbegriff angekommen.
Alle diese Widersprüche und Unmöglichkeiten sind aber noch pures
Kinderspiel gegen die Verwirrung, in die Herr Dühring mit seinem sich selbst
gleichen Anfangszustand der Welt gerät. War die Welt einmal in einem Zustand,
in dem absolut keine Veränderung in ihr vorging, wie konnte sie aus diesem
Zustand zur Veränderung übergehn? Das absolut Veränderungslose,
noch dazu, wenn es von Ewigkeit in diesem Zustand war, kann durch sich selbst
unmöglich aus diesem Zustand herauskommen, in den der Bewegung und Veränderung
übergehn. Es muß also von außen her, von außerhalb der
Welt, ein erster Anstoß gekommen sein, der sie in Bewegung setzte. Der »erste
Anstoß« ist aber bekanntlich nur ein andrer Ausdruck für Gott. Der
Gott und das Jenseits, die Herr Dühring in seiner Weltschematik so schön
abgetakelt zu haben vorgab, er bringt sie beide hier, verschärft und vertieft,
selbst wieder in die Naturphilosophie.
Ferner. Herr Dühring sagt:
»Wo die Größe einem beharrlichen Element des Seins zukommt,
wird sie in ihrer Bestimmtheit unverändert bleiben. Dies gilt ... von der
Materie und der mechanischen Kraft.«
Der erste Satz gibt, beiläufig gesagt, ein kostbares Beispiel von der
axiomatisch-tautologischen Grandiloquenz des Herrn Dühring: Wo die Größe
sich nicht verändert, da bleibt sie dieselbe. Also die Menge der mechanischen
Kraft, die einmal in der Welt ist, bleibt ewig dieselbe. Wir sehn davon ab, daß,
soweit dies richtig, in der Philosophie Descartes dies schon vor beinahe dreihundert
Jahren gewußt und gesagt hat, und daß in der Naturwissenschaft die
Lehre von der Erhaltung der Kraft seit zwanzig Jahren allgemein grassiert; daß
Herr Dühring, indem er sie auf die mechanische
Kraft beschränkt, sie keineswegs verbessert. Wo aber war die mechanische
Kraft zur Zeit des veränderungslosen Zustands ? Auf diese Frage verweigert
uns Herr Dühring hartnäckig jede Antwort.
Wo, Herr Dühring, war damals die sich ewig gleichbleibende mechanische
Kraft, und was trieb sie? Antwort:
»Der Ursprungszustand des Universums, oder deutlicher bezeichnet, eines
veränderungslosen, keine zeitliche Häufung von Veränderungen einschließenden
Seins der Materie, ist eine Frage, die nur derjenige Verstand abweisen kann, der
in der Selbstverstümmlung seiner Zeugungskraft den Gipfel der Weisheit sieht.«
Also: Entweder ihr nehmt meinen veränderungslosen Urzustand unbesehn hin
oder ich, der zeugungsfähige Eugen Dühring, erkläre euch für
geistige Eunuchen. Das mag allerdings manchen abschrecken. Wir, die wir von der
Zeugungskraft des Herrn Dühring schon einige Beispiele gesehn haben, können
uns erlauben, das elegante Schimpfwort vorderhand unerwidert zu lassen und nochmals
zu fragen: Aber, Herr Dühring, wenn's gefällig ist, wie ist das mit
der mechanischen Kraft?
Herr Dühring wird sofort verlegen.
In der Tat, stammelt er, »die absolute Identität jenes anfänglichen
Grenzzustandes liefert an sich selbst kein Übergangsprinzip. Erinnern wir
uns jedoch, daß es mit jedem kleinsten neuen Gliede in der uns wohlbekannten
Daseinskette im Grunde eine gleiche Bewandtnis hat. Wer also in dem vorliegenden
Hauptfall Schwierigkeiten erheben will, mag zusehn, daß er sie sich nicht
bei weniger scheinbaren Gelegenheiten erlasse. Überdies steht die Einschaltungsmöglichkeit
von allmählich graduierten Zwischenzuständen, und mithin die Brücke
der Stetigkeit offen, um rückwärts bis zu dem Erlöschen des Wechselspiels
zu gelangen. Rein begrifflich hilft freilich diese Stetigkeit nicht über
den Hauptgedanken hinweg, aber sie ist uns die Grundform aller Gesetzmäßigkeit
und jedes sonst bekannten Übergangs, so daß wir ein Recht haben, sie
auch als Vermittlung zwischen jenem ersten Gleichgewicht und dessen Störung
zu gebrauchen. Dächten wir uns nun aber das sozusagen (!) regungslose Gleichgewicht
nach Maßgabe der Begriffe, die in unsrer heutigen Mechanik ohne sonderliche
Anstandnahme (!) zugelassen werden, so ließe sich gar nicht angeben, wie
die Materie zu dem Veränderungsspiel gelangt sein könnte.« Außer
der Mechanik der Massen gebe es aber auch noch eine Verwandlung von Massenbewegung
in Bewegung kleinster Teilchen, aber wie diese erfolge, »dafür haben wir
bis jetzt kein allgemeines Prinzip zur Verfügung, und wir dürfen uns
daher nicht wundern, wenn diese Vorgänge ein wenig ins Dunkle auslaufen«.
Das ist alles, was Herr Dühring zu sagen hat. Und in der Tat, wir müßten
nicht nur in der Selbstverstümmelung der Zeugungskraft, sondern auch im blinden
Köhlerglauben den Gipfel der Weisheit sehn, wollten wir uns mit diesen wahrhaft
jammervollen faulen Ausflüchten und Redensarten
abspeisen lassen. Aus sich selbst, das gesteht Herr Dühring ein, kann die
absolute Identität nicht zur Veränderung kommen. Aus sich selbst gibt
es kein Mittel, wodurch das absolute Gleichgewicht in Bewegung überzugehn
vermag. Was gibt's denn? Drei falsche faule Wendungen.
Erstens: Es sei ebenso schwer, von jedem kleinsten Gliede in der uns wohlbekannten
Daseinskette zum nächsten den Übergang nachzuweisen. - Herr Dühring
scheint seine Leser für Säuglinge zu halten. Der Nachweis der einzelnen
Übergänge und Zusammenhänge der kleinsten Glieder in der Daseinskelte
macht eben den Inhalt der Naturwissenschaft aus, und wenn es dabei irgendwo hapert,
so denkt niemand, selbst nicht Herr Dühring, daran, die vorgegangne Bewegung
aus Nichts zu erklären, sondern stets nur aus der Übertragung, Verwandlung
oder Fortpflanzung einer vorgängigen Bewegung. Hier aber handelt es sich
eingestandnermaßen darum, die Bewegung aus der Bewegungslosigkeit, also
aus Nichts entstehn zu lassen.
Zweitens haben wir die »Brücke der Stetigkeit«. Diese hilft uns freilich
rein begrifflich nicht über die Schwierigkeiten hinweg, aber wir haben doch
ein Recht, sie als Vermittlung zwischen der Bewegungslosigkeit und der Bewegung
zu gebrauchen. Leider besteht die Stetigkeit der Bewegungslosigkeit dann,
sich nicht zu bewegen; wie also damit Bewegung zu erzeugen ist, bleibt
geheimnisvoller als je. Und wenn Herr Dühring seinen Übergang vom Nichts
der Bewegung zur universellen Bewegung noch so sehr in unendlich kleine Teilchen
zerlegt und ihm eine noch so lange Zeitdauer zuschreibt, so sind wir noch keinen
Zehntausendstel Millimeter weiter vom Fleck. Von Nichts können wir nun einmal
ohne Schöpfungsakt nicht zu Etwas kommen, und wäre das Etwas so klein
wie ein mathematisches Differential. Die Brücke der Stetigkeit ist also nicht
einmal eine Eselsbrücke, sie ist nur für Herrn Dühring passierbar.
Drittens. Solange die heutige Mechanik gilt, und diese ist nach Herrn Dühring
einer der wesentlichsten Hebel zur Bildung des Denkens, läßt sich gar
nicht angeben, wie man von der Bewegungslosigkeit zur Bewegung kommt. Aber die
mechanische Wärmetheorie zeigt uns, daß Massenbewegung unter Umständen
in Molekularbewegung umschlägt (obwohl auch hier Bewegung aus andrer Bewegung
hervorgeht, nie aber aus Bewegungslosigkeit), und dies, deutet Herr Dühring
schüchtern an, könnte möglicherweise eine Brücke bieten zwischen
dem streng Statischen (Gleichgewichtlichen) und Dynamischen (sich Bewegenden).
Aber diese Vorgänge laufen »ein wenig ins Dunkle aus«. Und im Dunklen ist
es, wo Herr Dühring uns sitzen läßt.
Dahin sind wir gekommen mit aller Vertiefung
und Verschärfung, daß wir uns stets tiefer in stets verschärften
Blödsinn vertieft haben und endlich anlanden, wo wir notwendig anlanden müssen
- im »Dunkeln«. Das aber geniert Herrn Dühring wenig. Gleich auf der nächsten
Seite hat er die Stirn zu behaupten, er habe
»den Begriff der sich selbst gleichen Beharrung unmittelbar aus dem
Verhalten der Materie und der mechanischen Kräfte mit einem realen
Inhalt ausstatten können«.
Und dieser Mann bezeichnet andere Leute als »Scharlatans«!
Zum Glück bleibt uns bei all dieser hülflosen Verirrung und Verwirrung
»im Dunkeln« noch ein Trost, und der ist allerdings herzerhebend:
»die Mathematik der Bewohner andrer Weltkörper kann auf keinen
andern Axiomen beruhen, als die unsrige!«
Im weitern Verlauf kommen wir nun auf die Theorien von der Art und Weise, wie
die jetzige Welt zustande gekommen ist.
Einuniverseller Zerstreuungszustand der Materie sei schon die Ausgangsvorstellung
der ionischen Philosophen gewesen, seit Kant aber besonders habe die Annahme eines
Urnebels eine neue Rolle gespielt, wobei Gravitation und Wärmeausstrahlung
die allmähliche Bildung der einzelnen festen Weltkörper vermittelten.
Die mechanische Wärmetheorie unsrer Zeit gestatte, die Rückschlüsse
auf die frühern Zustände des Universums weit bestimmter zu gestalten.
Bei alledem kann »der gasförmige Zerstreuungszustand nur dann ein Ausgangspunkt
für ernsthafte Ableitungen sein, wenn man das in ihm gegebne mechanische
System zuvor bestimmter zu kennzeichnen vermag. Andernfalls bleibt nicht nur die
Idee in der Tat äußerst nebelhaft, sondern der ursprüngliche Nebel
wird auch wirklich im Fortschritt der Ableitungen immer dichter und undurchdringlicher;
... vorläufig bleibt noch alles im Vagen und Formlosen einer nicht näher
bestimmbaren Diffusionsidee«, und so haben wir »mit diesem Gasuniversum nur eine
höchst luftige Konzeption«.
die Kantische Theorie von der Entstehung aller jetzigen Weltkörper aus
rotierenden Nebelmassen war der größte Fortschritt, den die Astronomie
seit Kopernikus gemacht hatte. Zum ersten Male wurde an der Vorstellung gerüttelt,
als habe die Natur keine Geschichte in der Zeit. Bis dahin galten die Weltkörper
als von Anfang an in stets gleichen Bahnen und Zuständen verharrend; und
wenn auch auf den einzelnen Weltkörpern die organischen Einzelwesen abstarben,
so galten doch die Gattungen und Arten für
unveränderlich. Die Natur war zwar augenscheinlich in steter Bewegung begriffen,
aber diese Bewegung erschien als die unaufhörliche Wiederholung derselben
Vorgänge. In diese, ganz der metaphysischen Denkweise entsprechende Vorstellung
legte Kant die erste Bresche, und zwar in so wissenschaftlicher Weise, daß
die meisten von ihm gebrauchten Beweisgründe auch heute noch Geltung haben.
Allerdings ist die Kantsche Theorie bis jetzt noch, streng genommen, eine Hypothese.
Aber mehr ist auch das Kopernikanische Weltsystem bis auf den heutigen Tag nicht,
und nach der spektroskopischen, allen Widerspruch zu Boden schlagenden Nachweisung
solcher glühenden Gasmassen am Sternenhimmel hat die wissenschaftliche Opposition
gegen Kants Theorie geschwiegen. Auch Herr Dühring kann seine Weltkonstruktion
nicht ohne ein solches Nebelstadium fertigbringen, rächt sich aber dafür,
indem er verlangt, man soll ihm das in diesem Nebelzustand gegebne mechanische
System zeigen, und indem er, weil man dies nicht kann, den Nebelzustand mit allerhand
geringschätzigen Beiwörtern belegt. Die heutige Wissenschaft kann dies
System leider nicht zur Zufriedenheit des Herrn Dühring kennzeichnen. Ebensowenig
vermag sie auf viele andre Fragen zu antworten. Auf die Frage: warum haben die
Kröten keine Schwänze? kann sie bis jetzt nur antworten: weil sie sie
verloren haben. Wenn man nun aber sich ereifern wollte und sagen, das sei ja alles
im Vagen und Formlosen einer nicht näher bestimmbaren Verlustidee und eine
höchst luftige Konzeption, so kämen wir mit dergleichen Anwendungen
der Moral auf die Naturwissenschaft keinen Schritt weiter. Dergleichen Mißliebigkeiten
und Äußerungen der Verdrießlichkeit kann man immer und überall
anbringen, und eben deswegen sind sie nie und nirgends angebracht. Wer hindert
denn Herrn Dühring, selbst das mechanische System des Urnebels auszufinden?
Zum Glück erfahren wir jetzt, daß die Kantsche Nebelmasse
»weit davon entfernt ist, sich mit einem völlig identischen zustande
des Weltmediums oder, anders ausgedrückt, mit dem sich selbst gleichen Zustand
der Materie zu decken«.
Ein wahres Glück für Kant, der zufrieden sein konnte, von den bestehenden
Weltkörpern zum Nebelball zurückgehn zu können, und der sich noch
nichts träumen ließ von dem sich selbst gleichen Zustand der Materie!
Beiläufig bemerkt, wenn in der heutigen Naturwissenschaft der Kantsche Nebelball
als Urnebel bezeichnet wird, so ist dies selbstredend nur beziehungsweise zu verstehn,
Urnebel ist er, einerseits, als Ursprung der bestehenden Weltkörper und andrerseits
als die frühste Form der Materie, auf die wir bis jetzt zurückgehn können.
Was durchaus nicht ausschließt, sondern viel
mehr bedingt, daß die Materie vor dem Urnebel eine unendliche Reihe andrer
Formen durchgemacht habe.
Herr Dühring merkt seinen Vorteil hier. Wo wir, mit der Wissenschaft,
beim einstweiligen Urnebel einstweilen stehnbleiben, hilft ihm seine Wissenschaftswissenschaft
viel weiter zurück zu jenem
»Zustand des Weltmediums, der sich weder als rein statisch im heutigen
Sinne der Vorstellung, noch als dynamisch«
- der sich also überhaupt nicht -
»begreifen läßt. Die Einheit von Materie und mechanischer
Kraft, die wir als Weltmedium bezeichnen, ist eine sozusagen logisch-reale Formel,
um den sich selbst gleichen Zustand der Materie als die Voraussetzung aller zählbaren
Entwicklungsstadien anzuzeigen.«
Wir sind offenbar den sich selbst gleichen Urzustand der Materie noch lange
nicht los. Hier wird er bezeichnet als Einheit von Materie und mechanischer Kraft,
und dies als eine logisch-reale Formel usw. Sobald also die Einheit von Materie
und mechanischer Kraft aufhört, fängt die Bewegung an.
Die logisch-reale Formel ist nichts als ein lahmer Versuch, die Hegelschen
Kategorien des Ansich und Fürsich für die Wirklichkeitsphilosophie nutzbar
zu machen. Im Ansich besteht bei Hegel die ursprüngliche Identität der
in einem Ding, einem Vorgang, einem Begriff verborgenen unentwickelten Gegensätze;
im Fürsich tritt die Unterscheidung und Trennung dieser verborgenen Elemente
ein und ihr Widerstreit beginnt. Wir sollen uns also den regungslosen Urzustand
vorstellen als Einheit von Materie und mechanischer Kraft, und den Übergang
zur Bewegung als Trennung und Entgegensetzung beider. Was wir damit gewonnen haben,
ist nicht der Nachweis der Realität jenes phantastischen Urzustands, sondern
nur dies, daß man ihn unter die Hegelsche Kategorie des Ansich fassen kann,
und sein ebenso phantastisches Aufhören unter die des Fürsich. Hegel
hilf!
die Materie, sagt Herr Dühring, ist der Träger alles Wirklichen;
wonach es keine mechanische Kraft außer der Materie geben kann. Die mechanische
Kraft ist ferner ein Zustand der Materie. Im Urzustand nun, wo nichts passierte,
war die Materie und ihr Zustand, die mechanische Kraft, Eins. Nachher, als etwas
vorzugehn anfing, muß sich also wohl der Zustand von der Materie unterschieden
haben. Also mit solchen mystischen Phrasen und mit der Versicherung, daß
der sich selbst gleiche Zustand weder statisch noch dynamisch, weder im Gleichgewicht
noch in der Bewegung war, sollen wir uns abspeisen lassen. Wir wissen noch immer
nicht, wo die mechanische Kraft in jenem Zustand
war, und wie wir ohne Anstoß von außen, d.h. ohne Gott, von der absoluten
Bewegungslosigkeit zur Bewegung kommen sollen.
Vor Herrn Dühring sprachen die Materialisten von Materie und Bewegung.
Er reduziert die Bewegung auf die mechanische Kraft als ihre angebliche Grundform
und macht es sich damit unmöglich, den wirklichen Zusammenhang zwischen Materie
und Bewegung zu verstehn, der übrigens auch allen frühern Materialisten
unklar war. Und doch ist die Sache einfach genug. Die Bewegung ist die Daseinsweise
der Materie. Nie und nirgends hat es Materie ohne Bewegung gegeben oder kann
es sie geben. Bewegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen auf
den einzelnen Weltkörpern, Molekularschwingung als Wärme oder als elektrische
oder magnetische Strömung, chemische Zersetzung und Verbindung. organisches
Leben - in einer oder der andern dieser Bewegungsformen oder in mehreren zugleich
befindet sich jedes einzelne Stoffatom der Welt in jedem gegebnen Augenblick.
Alle Ruhe, alles Gleichgewicht ist nur relativ, hat nur Sinn in Beziehung auf
diese oder jene bestimmte Bewegungsform. Ein Körper kann z.B. auf der Erde
im mechanischen Gleichgewicht, mechanisch in Ruhe sich befinden; dies hindert
durchaus nicht, daß er an der Bewegung der Erde wie an der des ganzen Sonnensystems
teilnimmt, ebensowenig wie es seine kleinsten physikalischen Teilchen verhindert,
die durch seine Temperatur bedingten Schwingungen zu vollziehn, oder seine Stoffatome,
einen chemischen Prozeß durchzumachen. Materie ohne Bewegung ist ebenso
undenkbar wie Bewegung ohne Materie. Die Bewegung ist daher ebenso unerschaffbar
und unzerstörbar wie die Materie selbst; was die ältere Philosophie
(Descartes) so ausdrückt, daß die Quantität der in der Welt vorhandnen
Bewegung stets dieselbe sei. Bewegung kann also nicht erzeugt, sie kann nur übertragen
werden. Wenn Bewegung von einem Körper auf einen andern übertragen wird,
so kann man sie, soweit sie sich überträgt, aktiv ist, ansehn als die
Ursache der Bewegung, soweit diese übertragen wird, passiv ist. Diese aktive
Bewegung nennen wir Kraft, die passive Kraftäußerung.
Es ist hiernach sonnenklar, daß die Kraft ebenso groß ist wie ihre
Äußerung, weil es in beiden ja dieselbe Bewegung ist, die sich
vollzieht.
Ein bewegungsloser Zustand der Materie erweist sich hiernach als eine der hohlsten
und abgeschmacktesten Vorstellungen, als eine reine »Fieberphantasie«. Um dahin
zu kommen, muß man das relativ mechanische Gleichgewicht, worin sich ein
Körper auf dieser Erde befinden kann, sich als absolute Ruhe vorstellen und
dann es auf das gesamte Weltall übertragen.
Das wird allerdings erleichtert, wenn man die universelle Bewegung auf die bloße
mechanische Kraft reduziert. Und dann bietet die Beschränkung der Bewegung
auf bloße mechanische Kraft noch den Vorteil, daß man sich eine Kraft
als ruhend, als gebunden, also augenblicklich unwirksam vorstellen kann. Wenn
nämlich die Übertragung einer Bewegung, was sehr oft vorkommt, ein einigermaßen
verwickelter Vorgang ist, zu dem verschiedne Mittelglieder gehören, so kann
man die wirkliche Übertragung auf einen beliebigen Augenblick verschieben,
indem man das letzte Glied in der Kette ausläßt. So z.B., wenn man
eine Flinte ladet und sich den Augenblick vorbehält, wann durch Abziehen
des Drückers die Entladung, die Übertragung der durch Verbrennung des
Pulvers freigesetzten Bewegung sich vollziehn soll. Man kann sich also vorstellen,
während des bewegungslosen, sich selbst gleichen Zustandes sei die Materie
mit Kraft geladen gewesen, und dies scheint Herr Dühring, wenn überhaupt
etwas, unter Einheit von Materie und mechanischer Kraft zu verstehn. Diese Vorstellung
ist widersinnig, weil sie auf das Weltall einen Zustand als absolut überträgt,
der seiner Natur nach relativ ist, und dem also immer nur ein Teil der
Materie gleichzeitig unterworfen sein kann. Sehn wir jedoch selbst hiervon ab,
so bleibt immer noch die Schwierigkeit, erstens, wie die Welt dazu kam, geladen
zu werden, da sich heutzutage die Flinten nicht von selbst laden, und zweitens,
wessen Finger dann den Drücker abgezogen hat? Wir mögen uns drehn und
wenden, wie wir wollen, unter Herrn Dührings Leitung kommen wir immer wieder
auf - Gottes Finger.
Von der Astronomie geht unser Wirklichkeitsphilosoph auf die Mechanik und Physik
über und beklagt sich, daß die mechanische Wärmetheorie in einem
Menschenalter seit ihrer Entdeckung nicht wesentlich weiter gefördert worden
sei, als wozu Robert Mayer sie selbst nach und nach gebracht. Außerdem sei
die ganze Sache noch sehr dunkel;
wir müssen »immer wieder erinnern, daß mit den Bewegungszuständen
der Materie auch statische Verhältnisse gegeben sind, und daß diese
letztern an der mechanischen Arbeit kein Maß haben ... wenn wir früher
die Natur als eine große Arbeiterin bezeichnet haben und diesen Ausdruck
jetzt streng nehmen, so müssen wir noch hinzufügen, daß die sich
selbst gleichen Zustände und ruhenden Verhältnisse keine mechanische
Arbeit repräsentieren. Wir vermissen also wiederum die Brücke vom Statischen
zum Dynamischen, und wenn die sogenannte latente Wärme bis jetzt für
die Theorie ein Anstoß geblieben ist, so müssen wir auch hier einen
Mangel anerkennen, der sich am wenigsten in den kosmischen Anwendungen verleugnen
sollte.«
Dies ganze orakelhafte Gerede ist wieder nichts als der Ausfluß des bösen
Gewissens, das sehr wohl fühlt, daß es sich mit seiner Erzeugung der Bewegung aus der absoluten Bewegungslosigkeit unrettbar
festgeritten hat und sich doch schämt, an den einzigen Retter zu appellieren,
nämlich an den Schöpfer Himmels und der Erden. Wenn sogar in der Mechanik,
die der Wärme eingeschlossen, die Brücke vom Statischen zum Dynamischen,
vom Gleichgewicht zur Bewegung, nicht gefunden werden kann, wie sollte dann Herr
Dühring verpflichtet sein, die Brücke von seinem bewegungslosen Zustand
zur Bewegung zu finden? Und damit wäre er dann glücklich aus der Not.
In der gewöhnlichen Mechanik ist die Brücke vom Statischen zum Dynamischen
- der Anstoß von außen. Wenn ein Stein vom Gewicht eines Zentners
zehn Meter hochgehoben und frei aufgehängt wird, so daß er in einem
sich selbst gleichen Zustand und ruhenden Verhältnis dort hängenbleibt,
so muß man an ein Publikum von Säuglingen appellieren, um behaupten
zu können, daß die jetzige Lage dieses Körpers keine mechanische
Arbeit repräsentiere oder ihr Abstand von seiner frühern Lage an der
mechanischen Arbeit kein Maß habe. Jeder Vorübergehende wird Herrn
Dühring ohne Mühe begreiflich machen, daß der Stein nicht von
selbst da oben an den Strick gekommen ist, und das erste beste Handbuch der Mechanik
kann ihm sagen, daß, wenn er den Stein wieder fallenläßt, dieser
im Fallen ebensoviel mechanisches Werk leistet als nötig war, ihn die zehn
Meter hochzuheben. Selbst die einfachste Tatsache, daß der Stein da oben
hängt, repräsentiert mechanisches Werk, denn wenn er lange genug hängenbleibt,
reißt der Strick, sobald er infolge chemischer Zersetzung nicht mehr stark
genug ist, den Stein zu tragen. Auf solche einfache Grundgestalten, um mit Herrn
Dühring zu reden, lassen sich aber alle mechanischen Vorgänge reduzieren,
und der Ingenieur soll noch geboren werden, der die Brücke vom Statischen
zum Dynamischen nicht finden kann, solange er über hinreichenden Anstoß
verfügt.
Allerdings ist es eine harte Nuß und bittre Pille für unsern Metaphysiker,
daß die Bewegung ihr Maß finden soll in ihrem Gegenteil, in der Ruhe.
Das ist ja ein schreiender Widerspruch, und jeder Widerspruch ist, nach
Herrn Dühring, ein Widersinn. Nichtsdestoweniger ist es eine Tatsache,
daß der hängende Stein eine bestimmte, durch sein Gewicht und seine
Entfernung vom Erdboden genau meßbare, in verschiedner Art - z.B. durch
direkten Fall, durch Herabgleiten auf der schiefen Ebene, durch Umdrehung einer
Welle - beliebig verwendbare Menge von mechanischer Bewegung vertritt, und eine
geladne Flinte ebenfalls. Für die dialektische Auffassung bietet die Ausdrückbarkeit
von Bewegung in ihrem Gegenteil, in Ruhe, durchaus keine Schwierigkeit. Für
sie ist der ganze Gegensatz, wie wir gesehn haben,
nur relativ; absolute Ruhe, unbedingtes Gleichgewicht gibt es nicht. Die einzelne
Bewegung strebt dem Gleichgewicht zu, die Gesamtbewegung hebt das Gleichgewicht
wieder auf. So sind Ruhe und Gleichgewicht, wo sie vorkommen, das Resultat einer
beschränkten Bewegung, und es ist selbstredend, daß diese Bewegung
an ihrem Resultat meßbar, in ihm ausdrückbar, und aus ihm in einer
oder der andern Form wieder herstellbar ist. Mit einer so einfachen Darstellung
der Sache darf aber Herr Dühring sich nicht zufriedengeben. Als guter Metaphysiker
reißt er zwischen Bewegung und Gleichgewicht zuerst eine in der Wirklichkeit
nicht existierende, gähnende Kluft auf, und wundert sich dann, wenn er keine
Brücke über diese selbstfabrizierte Kluft finden kann. Er könnte
ebensogut seine metaphysische Rosinante besteigen und dem Kantschen »Ding an sich«
nachjagen; denn das und nichts andres ist es, was schließlich hinter dieser
unerfindlichen Brücke steckt.
Aber wie steht's mit der mechanischen Wärmetheorie und der gebundnen oder
latenten Wann«, die für diese Theorie »ein Anstoß geblieben« ist?
Wenn man ein Pfund Eis von der Temperatur des Gefrierpunkts und bei Normalluftdruck
durch Wärme in ein Pfund Wasser von derselben Temperatur verwandelt, so verschwindet
eine Wärmemenge, die hinreichend wäre, dasselbe Pfund Wasser von 0 bis
auf 794/10 Grad des hundertteiligen Thermometers oder um
794/10 Pfund Wasser um einen Grad zu erwärmen. Wenn
man dies Pfund Wasser auf den Siedepunkt, also auf 100° erhitzt und nun in Dampf
von 100° verwandelt, so verschwindet, bis das letzte Wasser in Dampf verwandelt
ist, eine fast siebenfach größere Wärmemenge, hinreichend, um
die Temperatur von 5372/10 Pfund Wasser um einen Grad zu
erhöhen. Diese verschwundne Wärme nennt man gebunden. Verwandelt
sich durch Abkühlung der Dampf wieder in Wasser und das Wasser wieder in
Eis, so wird dieselbe Menge Wärme, die vorher gebunden wurde, wieder frei,
d.h. als Wärme fühlbar und meßbar. Dies Freiwerden von Wärme
beim Verdichten des Dampfs und beim Gefrieren des Wassers ist die Ursache, daß
Dampf, wenn er auf 100° abgekühlt, sich erst allmählich in Wasser und
daß eine Wassermasse von der Temperatur des Gefrierpunkts nur sehr langsam
sich in Eis verwandelt. Dies sind die Tatsachen. Die Frage ist nun: was wird aus
der Wärme, während sie gebunden ist?
Die mechanische Wärmetheorie, nach der die Wärme in einer nach Temperatur
und Aggregatzustand größern oder geringern Schwingung der kleinsten
physikalisch tätigen Teilchen (Moleküle) der Körper besteht, einer
Schwingung, die unter Umständen in jede andre Form der Bewegung umschlagen
kann, erklärt die Sache daraus, daß die verschwundne Wärme
Werk verrichtet hat, in Werk umgesetzt worden ist. Beim Schmelzen des Eises ist
der enge feste Zusammenhang der einzelnen Moleküle unter sich aufgehoben
und in lose Aneinanderlegung verwandelt; beim Verdampfen des Wassers auf dem Siedepunkt
ist ein Zustand eingetreten, worin die einzelnen Moleküle gar keinen merklichen
Einfluß aufeinander ausüben und unter der Einwirkung der Wärme
sogar in allen Richtungen auseinanderfliegen. Es ist nun klar, daß die einzelnen
Moleküle eines Körpers im gasförmigen zustande mit einer weit größern
Energie begabt sind als im flüssigen, und im flüssigen wieder mehr als
im festen zustande Die gebundne Wärme ist also nicht verschwunden, sie ist
einfach verwandelt worden und hat die Form der molekularen Spannkraft angenommen.
Sobald die Bedingung aufhört, unter der die einzelnen Moleküle diese
absolute oder relative Freiheit gegeneinander behaupten können, sobald nämlich
die Temperatur unter das Minimum von 100°, beziehungsweise 0° herabgeht, wird
diese Spannkraft losgelassen, die Moleküle drängen sich wieder aneinander
mit derselben Kraft, mit der sie vorher auseinandergerissen; und diese Kraft verschwindet,
aber nur, um als Wärme wiederzuerscheinen, und zwar als genau dieselbe Quantität
Wärme, die vorher gebunden war. Diese Erklärung ist natürlich eine
Hypothese wie die ganze mechanische Wärmetheorie, insofern niemand bis jetzt
ein Molekül, geschweige ein schwingendes, je gesehn hat. Sie ist eben deswegen
sicher voller Mängel wie die ganze noch sehr junge Theorie, aber sie kann
wenigstens den Hergang erklären, ohne irgendwie mit der Unzerstörbarkeit
und Unerschaffbarkeit der Bewegung in Widerstreit zu kommen, und sie weiß
sogar genau von dem Verbleib der Wärme innerhalb ihrer Verwandlung Rechenschaft
zu geben. Die latente oder gebundne Wärme ist also keineswegs ein Anstoß
für die mechanische Wärmetheorie. Im Gegenteil bringt diese Theorie
zum erstenmal eine rationelle Erklärung des Vorgangs fertig, und ein Anstoß
kann höchstens daraus entstehn, daß die Physiker fortfahren, die in
eine andre Form von Molekularenergie verwandelte Wärme mit dem veralteten
und unpassend gewordenen Ausdruck »gebunden« zu bezeichnen.
Also repräsentieren die sich selbst gleichen Zustände und ruhenden
Verhältnisse des festen, tropfbarflüssigen und gasförmigen Aggregatzustandes
allerdings mechanisches Werk, insofern das mechanische Werk das Maß der
Wärme ist. Sowohl die feste Erdkruste wie das Wasser des Ozeans repräsentiert
in seinem jetzigen Aggregatzustand eine ganz bestimmte Quantität frei gewordner
Wärme, der selbstredend ein ebenso bestimmtes Quantum mechanischer Kraft
entspricht. Bei dem Übergang des Gasballs, aus dem die Erde entstanden, in
den tropfbarflüssigen und später in den großen
teils festen Aggregatzustand, ist ein bestimmtes Quantum Molekularenergie als
Wärme in den Weltraum ausgestrahlt worden. Die Schwierigkeit, von der Herr
Dühring in geheimnisvoller Weise munkelt, existiert also nicht, und selbst
bei den kosmischen Anwendungen mögen wir zwar auf Mängel und Lücken
stoßen - die unsern unvollkommnen Erkenntnismitteln geschuldet - aber nirgendswo
auf theoretisch unüberwindliche Hindernisse. Die Brücke vom Statischen
zum Dynamischen ist auch hier der Anstoß von außen - Abkühlung
oder Erwärmung, veranlaßt durch andre Körper, die auf den im Gleichgewicht
befindlichen Gegenstand einwirken. Je weiter wir in dieser Dühringschen Naturphilosophie
vordringen, desto unmöglicher erscheinen alle Versuche, die Bewegung aus
der Bewegungslosigkeit zu erklären oder die Brücke zu finden, auf der
das rein Statische, Ruhende aus sich selbst zum Dynamischen, zur Bewegung
kommen kann.
Hiermit wären wir dann den sich selbst gleichen Urzustand für einige
Zeit glücklich los. Herr Dühring geht zur Chemie über, und enthüllt
uns bei dieser Gelegenheit drei bis jetzt durch die Wirklichkeitsphilosophie gewonnene
Beharrungsgesetze der Natur, wie folgt:
1. der Größenbestand der allgemeinen Materie, 2. der der
einfachen (chemischen) Elemente und 3. der der mechanischen Kraft sind unveränderlich.
Also: die Unerschaffbarkeit und Unzerstörbarkeit der Materie sowie ihrer
einfachen Bestandteile, soweit sie deren hat, und der Bewegung - diese alten,
weltbekannten Tatsachen, höchst ungenügend ausgedrückt -, das ist
das einzig wirklich Positive, das uns Herr Dühring als Resultat seiner Naturphilosophie
der unorganischen Welt zu bieten imstande ist. Alles Dinge, die wir längst
gewußt. Aber was wir nicht gewußt haben, ist: daß es »Beharrungsgesetze«
und als solche »schematische Eigenschaften des Systems der Dinge« sind. Es geht
uns wieder wie oben bei Kant: Herr Dühring nimmt irgendwelche
allbekannte Schnurre, klebt eine Dühringsche Etikette drauf, und nennt das:
»von Grund aus eigentümliche Ergebnisse und Anschauungen ... systemschaffende
Gedanken ... wurzelhafte Wissenschaft«.
Doch wir brauchen deswegen noch lange nicht zu verzweifeln. Welche Mängel
auch die wurzelhafteste Wissenschaft und die beste Gesellschaftseinrichtung haben
mögen, eins kann Herr Dühring mit Bestimmtheit behaupten:
»Das im Universum vorhandne
Gold muß jederzeit dieselbe Menge gewesen sein und kann sich ebensowenig
wie die allgemeine Materie vermehrt oder vermindert haben.«
Was wir uns aber für dies »vorhandne Gold« kaufen können, das sagt
Herr Dühring leider nicht.
»Von der Mechanik in Druck und Stoß bis zur Verknüpfung der
Empfindungen und Gedanken reicht eine einheitliche und einzige Stufenleiter von
Einschaltungen.«
Mit dieser Versicherung erspart es sich Herr Dühring, über die Entstehung
des Lebens etwas weiteres zu sagen, obwohl man von einem Denker, der die Entwicklung
der Welt bis auf den sich selbst gleichen Zustand zurück verfolgt hat, und
der auf den andern Weltkörpern so heimisch ist, wohl erwarten dürfte,
daß er auch hier genau Bescheid wisse. Im übrigen ist jene Versicherung
nur halb richtig, solange sie nicht durch die schon erwähnte Hegelsche
Knotenlinie von Maßverhältnissen ergänzt wird. Bei aller Allmählichkeit
bleibt der Übergang von einer Bewegungsform zur andern immer ein Sprung,
eine entscheidende Wendung. So der Übergang von der Mechanik der Weltkörper
zu der der kleineren Massen auf einem einzelnen Weltkörper; ebenso der von
der Mechanik der Massen zu der Mechanik der Moleküle - die Bewegungen umfassend,
die wir in der eigentlich sogenannten Physik untersuchen: Wärme, Licht, Elektrizität,
Magnetismus; ebenso vollzieht sich der Übergang von der Physik der Moleküle
zu der Physik der Atome - der Chemie - wieder durch einen entschiednen Sprung,
und noch mehr ist dies der Fall beim Übergang von gewöhnlicher chemischer
Aktion zum Chemismus des Eiweißes, den wir Leben nennen. Innerhalb der Sphäre
des Lebens werden dann die Sprünge immer seltner und unmerklicher. - Es ist
also wieder Hegel, der Herrn Dühring berichtigen muß.
Den begrifflichen Übergang zur organischen Welt liefert Herrn Dühring
der Zweckbegriff. Dies ist wieder entlehnt aus Hegel, der in der »Logik« - Lehre
vom Begriff - vermittelst der Teleologie oder Lehre vom Zweck, vom Chemismus zum
Leben übergeht. Wohin wir blicken, stoßen wir bei Herrn Dühring
auf eine Hegelsche »Krudität«, die er ganz ungeniert für seine eigne
wurzelhafte Wissenschaft ausgibt. Es würde zu weit
führen, hier zu untersuchen, inwieweit die Anwendung der Vorstellungen von
Zweck und Mittel auf die organische Welt berechtigt und angebracht ist. Jedenfalls
führt auch die Anwendung des Hegelschen »inneren Zwecks«, d.h. eines Zwecks,
der nicht durch einen absichtlich handelnden Dritten, etwa die Weisheit der Vorsehung,
in die Natur importiert ist, sondern der in der Notwendigkeit der Sache selbst
liegt, bei Leuten, die nicht vollständig philosophisch geschult sind, fortwährend
zur gedankenlosen Unterschiebung bewußter und absichtlicher Handlung. Derselbe
Herr Dühring, der bei der geringsten »spiritistischen« Regung andrer Leute
in ungemessene sittliche Entrüstung gerät, versichert
»mit Bestimmtheit, daß die Triebempfindungen in der Hauptsache
um der Befriedigung willen geschaffen worden sind, die mit ihrem Spiel verbunden
ist«.
Er erzählt uns, die arme Natur
»muß immer wieder von neuem die gegenständliche Welt in Ordnung
halten«, und daneben hat sie noch mehr als eine Angelegenheit zu erledigen, »die
von seiten der Natur mehr Subtilität erforderlich macht, als man gewöhnlich
zugesteht«. Aber die Natur weiß nicht nur, warum sie dies und jenes
schafft, sie hat nicht nur Hausmagdsdienste zu verrichten, sie hat nicht nur Subtilität,
was doch schon eine ganz hübsche Vervollkommnung im subjektiven bewußten
Denken ist, sie hat auch einen Willen; denn die Zugabe zu den Trieben, daß
sie nebenbei reale Naturbedingungen: Ernährung, Fortpflanzung usw. erfüllen,
diese Zugabe »dürfen wir nicht als direkt, sondern nur als indirekt gesollt
ansehen«.
Wir sind hiermit bei einer bewußt denkenden und handelnden Natur angekommen,
stehn also schon auf der »Brücke« zwar nicht vom Statischen zum Dynamischen,
aber doch vom Pantheismus zum Deismus. Oder beliebt es Herrn Dühring etwa,
auch einmal ein wenig »naturphilosophische Halbpoesie« zu treiben?
Unmöglich. Alles was uns unser Wirklichkeitsphilosoph über die organische
Natur zu sagen weiß, beschränkt sich auf den Kampf gegen diese naturphilosophische
Halbpoesie, gegen »die Scharlatanerie mit ihren leichtfertigen Oberflächlichkeiten
und sozusagen wissenschaftlichen Mystifikationen«, gegen die »dichtelnden Züge«
des Darwinismus.
Vor allen Dingen wird Darwin vorgeworfen, daß er die Malthussche Bevölkerungstheorie
aus der Ökonomie in die Naturwissenschaft übertrage, daß er in
den Vorstellungen des Tierzüchters befangen sei, daß er mit dem Kampf
ums Dasein unwissenschaftliche Halbpoesie treibe, und daß der ganze Darwinismus,
nach Abzug des von Lamarck Entlehnten, ein Stück gegen die Humanität
gekehrte Brutalität sei.
Darwin hatte von seinen wissenschaftlichen Reisen
die Ansicht nach Hause gebracht, daß die Arten der Pflanzen und Tiere nicht
beständige, sondern sich verändernde sind. Um diesen Gedanken zu Hause
weiter zu verfolgen, bot sich ihm kein besseres Feld als das der Tier- und Pflanzenzüchtung.
Grade hierfür ist England das klassische Land; die Leistungen andrer Länder,
z.B. Deutschlands, können nicht entfernt einen Maßstab abgeben für
das in dieser Beziehung in England Erreichte. Dabei gehören die meisten Erfolge
den letzten hundert Jahren an, so daß die Konstatierung der Tatsachen wenig
Schwierigkeiten macht. Darwin fand nun, daß diese Züchtung künstlich,
an Tieren und Pflanzen derselben Art, Unterschiede hervorgerufen hatte, größer
als diejenigen, die bei allgemein als verschieden anerkannten Arten vorkommen.
Einerseits war also die Veränderlichkeit der Arten bis auf einen gewissen
Grad nachgewiesen, andrerseits die Möglichkeit gemeinschaftlicher Vorfahren
für Organismen, die verschiedne Artcharaktere besaßen. Darwin untersuchte
nun, ob nicht etwa in der Natur sich Ursachen finden, die - ohne die bewußte
Absicht des Züchters - dennoch auf die Dauer an den lebenden Organismen ähnliche
Veränderungen hervorrufen mußten, wie die künstliche Züchtung.
Diese Ursachen fand er in dem Mißverhältnis zwischen der ungeheuren
Zahl der von der Natur geschaffenen Keime und der geringen von wirklich zur Reife
gelangenden Organismen. Da nun aber jeder Keim zur Entwicklung strebt, so entsteht
notwendig ein Kampf ums Dasein, der nicht bloß als direkte, körperliche
Bekämpfung oder Verzehrung, sondern auch als Kampf um Raum und Licht, selbst
bei Pflanzen noch, sich zeigt. Und es ist augenscheinlich, das in diesem Kampfe
diejenigen Individuen am meisten Aussicht haben, zur Reife zu gelangen und sich
fortzupflanzen, die irgendeine, noch so unbedeutende, aber im Kampf ums Dasein
vorteilhafte individuelle Eigentümlichkeit besitzen. Diese individuellen
Eigentümlichkeiten haben demnach die Tendenz, sich zu vererben, und wenn
sie bei mehreren Individuen derselben Art vorkommen, sich durch gehäufte
Vererbung in der einmal angenommenen Richtung zu steigern; während die diese
Eigentümlichkeit nicht besitzenden Individuen im Kampf ums Dasein leichter
erliegen und allmählich verschwinden. Auf diese Weise verändert sich
eine Art durch natürliche Züchtung, durch das Überleben der Geeignetsten.
Gegen diese Darwinsche Theorie sagt nun Herr Dühring, der Ursprung der
Vorstellung vom Kampf ums Dasein sei, wie es Darwin selbst eingestanden habe,
in einer Verallgemeinerung der Ansichten des nationalökonomischen Bevölkerungstheoretikers
Malthus zu suchen und demgemäß auch mit allen denjenigen Schäden
behaftet, die den priesterlich malthusiani sehen
Anschauungen über das Bevölkerungsgedränge eigen sind. - Nun fällt
es Darwin gar nicht ein zu sagen, der Ursprung der Vorstellung vom Kampf
ums Dasein sei bei Malthus zu suchen. Er sagt nur: seine Theorie vom Kampf ums
Dasein sei die Theorie von Malthus, angewandt auf die ganze tierische und pflanzliche
Welt. Wie groß auch der Bock sein mag, den Darwin geschossen, indem er in
seiner Naivetät die Malthussche Lehre so unbesehn akzeptierte, so sieht doch
jeder auf den ersten Blick, daß man keine Malthus-Brille braucht, um den
Kampf ums Dasein in der Natur wahrzunehmen - den Widerspruch zwischen der zahllosen
Menge von Keimen, die die Natur verschwenderisch erzeugt, und der geringen Anzahl
von ihnen, die überhaupt zur Reife kommen können; einen Widerspruch,
der sich in der Tat größtenteils in einem - stellenweise äußerst
grausamen - Kampf ums Dasein löst. Und wie das Gesetz des Arbeitslohns seine
Geltung behalten hat, auch nachdem die malthusianischen Argumente längst
verschollen sind, auf die Ricardo es stützte -, so kann der Kampf ums Dasein
in der Natur ebenfalls stattfinden, auch ohne irgendeine malthusianische Interpretation.
Übrigens haben die Organismen der Natur ebenfalls ihre Bevölkerungsgesetze,
die so gut wie gar nicht untersucht sind, deren Feststellung aber für die
Theorie von der Entwicklung der Arten von entscheidender Wichtigkeit sein wird.
Und wer hat auch in dieser Richtung den entscheidenden Anstoß gegeben? Niemand
anders als Darwin.
Herr Dühring hütet sich wohl, auf diese positive Seite der Frage
einzugehn. Statt dessen muß der Kampf ums Dasein immer wieder vorhalten.
Von einem Kampf ums Dasein unter bewußtlosen Pflanzen und gemütlichen
Pflanzenfressern könne von vornherein keine Rede sein:
»in genau bestimmtem Sinne ist nun der Kampf ums Dasein innerhalb der
Brutalität insoweit vertreten, als die Ernährung durch Raub und Verzehrung
erfolgt«.
Und nachdem er den Begriff: Kampf ums Dasein, auf diese engen Grenzen reduziert,
kann er über die Brutalität dieses von ihm selbst auf die Brutalität
beschränkten Begriffs seiner vollen Entrüstung freien Lauf lassen. Diese
sittliche Entrüstung trifft aber nur Herrn Dühring selbst, der ja der
alleinige Verfasser des Kampfs ums Dasein in dieser Beschränkung und daher
auch allein dafür verantwortlich ist. Es ist also nicht Darwin, der
»im Gebiet der Bestien die Gesetze und das Verständnis aller Naturaktion
sucht« -
Darwin hatte ja grade die ganze organische Natur mit in den Kampf eingeschlossen
-, sondern ein von Herrn Dühring selbst zurechtgemachter Phantasiepopanz.
Der Name: Kampf ums Dasein, kann übrigens dem hochmoralischen Zorn
des Herrn Dühring gern preisgegeben werden. Daß
die Sache auch unter Pflanzen existiert, kann ihm jede Wiese, jedes Kornfeld,
jeder Wald beweisen, und nicht um den Namen handelt es sich, ob man das »Kampf
ums Dasein« nennen soll oder »Mangel der Existenzbedingungen und mechanische Wirkungen«,
sondern darum, wie diese Tatsache auf die Erhaltung oder Veränderung der
Arten einwirkt. Darüber verharrt Herr Dühring in einem hartnäckig
sich selbst gleichen Stillschweigen. Es wird also wohl vorläufig bei der
Naturzüchtung sein Bewenden haben.
Aber der Darwinismus »produziert seine Verwandlungen und Differenzen
aus nichts«.
Allerdings sieht Darwin, wo er von der Naturzüchtung handelt, ab von den
Ursachen, die die Veränderungen in den einzelnen Individuen hervorgerufen
haben, und handelt zunächst von der Art und Weise, in der solche individuelle
Abweichungen nach und nach zu Kennzeichen einer Race, Spielart oder Art werden.
Für Darwin handelt es sich zunächst weniger darum, diese Ursachen zu
finden - die bis jetzt teilweise ganz unbekannt, teilweise nur ganz allgemein
angebbar sind -, als vielmehr eine rationelle Form, in der sich ihre Wirkungen
festsetzen, dauernde Bedeutung erhalten. Daß Darwin dabei seiner Entdeckung
einen übermäßigen Wirkungskreis zuschrieb, sie zum ausschließlichen
Hebel der Artveränderung machte und die Ursachen der wiederholten individuellen
Veränderungen über der Form ihrer Verallgemeinerung vernachlässigte,
ist ein Fehler, den er mit den meisten Leuten gemein hat, die einen wirklichen
Fortschritt machen. Zudem, wenn Darwin seine individuellen Verwandlungen aus nichts
produziert und dabei »die Weisheit des Züchters« ausschließlich anwendet,
so muß hiernach der Züchter seine nicht bloß vorgestellten, sondern
wirklichen Verwandlungen der Tier- und Pflanzenformen ebenfalls aus nichts
produzieren. Wer aber den Anstoß gegeben hat, zu untersuchen, woraus
denn eigentlich diese Verwandlungen und Differenzen entstehn, ist wieder niemand
anders als Darwin.
Neuerdings ist, namentlich durch Haeckel, die Vorstellung von der Naturzüchtung
erweitert und die Artveränderung gefaßt als Resultat der Wechselwirkung
von Anpassung und Vererbung, wobei dann die Anpassung als die ändernde, die
Vererbung als die erhaltende Seite des Prozesses dargestellt wird. Auch dies ist
Herrn Dühring wieder nicht recht.
»Eigentliche Anpassung an Lebensbedingungen, wie sie durch die Natur
geboten oder entzogen werden, setzt Antriebe und Tätigkeiten voraus, die
sich nach Vorstellungen bestimmen. Andernfalls ist die Anpassung nur ein Schein
und die alsdann wirkende Kausalität erhebt
sich nicht über die niedern Stufen des Physikalischen, Chemischen und pflanzlich
Physiologischen.«
Es ist wieder der Name, der Herrn Dühring zum Ärgernis dient. Wie
er aber auch den Vorgang bezeichnen möge: die Frage ist hier die, ob durch
solche Vorgänge Veränderungen in den Arten der Organismen hervorgerufen
werden oder nicht? Und Herr Dühring gibt wieder keine Antwort.
»Wenn eine Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf welchem sie
das meiste Licht erhält, so ist diese Wirkung des Reizes nichts als eine
Kombination physikalischer Kräfte und chemischer Agenzien, und wenn man hier
nicht metaphorisch, sondern eigentlich von einer Anpassung reden will, so muß
dies in die Begriffe eine spiritistische Verworrenheit bringen.«
So streng gegen andre ist derselbe Mann, der ganz genau weiß, um wessen
Willen die Natur dies oder jenes tut, der von der Subtililät
der Natur spricht, ja von ihrem Willen! Spiritistische Verworrenheit in
der Tat - aber wo, bei Haeckel oder bei Herrn Dühring?
Und nicht nur spiritistische, sondern auch logische Verworrenheit. Wir sahen,
daß Herr Dühring mit aller Gewalt darauf besteht, den Zweckbegriff
in der Natur geltend zu machen:
»Die Beziehung von Mittel und Zweck setzt keineswegs eine bewußte
Absicht voraus.«
Was ist nun aber die Anpassung ohne bewußte Absicht, ohne Vermittlung
von Vorstellungen, gegen die er so eifert, anders als eine solche unbewußte
Zwecktätigkeit?
Wenn also Laubfrösche und laubfressende Insekten grüne, Wüstentiere
sandgelbe, Polarlandtiere vorwiegend schneeweiße Farbe haben, so haben sie
sich diese sicher nicht absichtlich oder nach irgendwelchen Vorstellungen angeeignet;
im Gegenteil lassen sich die Farben nur aus physikalischen Kräften und chemischen
Agenzien erklären. Und doch ist es unleugbar, daß diese Tiere, durch
jene Farben, dem Mittel, in dem sie leben, zweckmäßig angepaßt
sind, und zwar so, daß sie ihren Feinden dadurch weit weniger sichtbar geworden.
Ebenso sind die Organe, womit gewisse Pflanzen die sich darauf niedersetzenden
Insekten fangen und verzehren, dieser Tätigkeit angepaßt, und sogar
zweckmäßig angepaßt. Wenn nun Herr Dühring darauf besteht,
daß die Anpassung durch Vorstellungen bewirkt sein muß, so sagt er
nur mit andern Worten, daß die Zwecktätigkeit ebenfalls durch Vorstellungen
vermittelt, bewußt, absichtlich sein muß. Womit wir wieder, wie gewöhnlich
in der Wirklichkeitsphilosophie, beim zwecktätigen Schöpfer, bei Gott
angekommen sind.
»Sonst nannte man eine
solche Auskunft Deismus und hielt nicht viel davon« (sagt Herr Dühring);
»jetzt aber scheint man sich auch in dieser Beziehung rückwärtsentwickelt
zu haben.«
Von der Anpassung kommen wir auf die Vererbung. Auch hier ist der Darwinismus,
nach Herrn Dühring, vollständig auf dem Holzwege. Die ganze organische
Welt, behaupte Darwin, soll von einem Urwesen abstammen, sozusagen die Brut eines
einzigen Wesens sein. Die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen
ohne Abstammungsvermittlung sei für Darwin gar nicht vorhanden, und er müsse
daher mit seinen rückwärtsgekehrten Anschauungen sofort am Ende sein,
wo ihm der Faden der Zeugung oder sonstigen Fortpflanzung reißt.
Die Behauptung, Darwin leite alle jetzigen Organismen von Einem Urwesen her,
ist, um uns höflich auszudrücken, eine »eigne freie Schöpfung und
Imagination« des Herrn Dühring. Darwin sagt ausdrücklich auf der vorletzten
Seite der »Origin of Species«, 6. Auflage, er sehe
»alle Wesen nicht als besondre Schöpfungen, sondern als die Nachkommen,
in gerader Linie, einiger weniger Wesen« |Hervorhebung von Engels| an.
Und Haeckel geht noch bedeutend weiter und nimmt
»einen ganz selbständigen Stamm für das Pflanzenreich, einen
zweiten für das Tierreich« an und zwischen beiden »eine Anzahl von selbständigen
Protistenstämmen, deren jeder ganz unabhängig von jenen aus einer eignen
archigonen Monerenform sich entwickelt hat« (»Schöpfungsgeschichte« S. 397).
Dieses Urwesen ist von Herrn Dühring nur erfunden worden, um es durch
Parallele mit dem Urjuden Adam möglichst in Verruf zu bringen; wobei ihm
- nämlich Herrn Dühring - das Unglück passiert, daß ihm unbekannt
geblieben, wieso dieser Urjude durch [George] Smiths assyrische Entdeckungen sich
als Ursemit entpuppt; daß die ganze Schöpfungs- und Sündflutgeschichte
der Bibel sich erweist als ein Stück aus dem altheidnischen, den Juden mit
Babyloniern, Chaldäern und Assyrern gemeinsamen religiösen Sagenkreise.
Es ist allerdings ein harter, aber nicht abzuweisender Vorwurf gegen Darwin,
daß er sofort am Ende ist, wo ihm der Faden der Abstammung reißt.
Leider verdient ihn unsre gesamte Naturwissenschaft. Wo ihr der Faden der Abstammung
reißt, ist sie »am Ende«. Sie hat es bisher noch nicht fertiggebracht, organische
Wesen ohne Abstammung zu erzeugen; ja noch nicht einmal einfaches Protoplasma
oder andre Eiweißkörper aus den chemischen Elementen herzustellen.
Sie kann also über den Ursprung des Lebens
bis jetzt nur soviel mit Bestimmtheit sagen, daß er sich auf chemischem
Wege vollzogen haben muß. Vielleicht aber ist die Wirklichkeitsphilosophie
in der Lage, hier abhelfen zu können, da sie über selbständig nebengeordnete
Naturproduktionen verfügt, die nicht durch Abstammung untereinander vermittelt
sind. Wie können diese entstanden sein? Durch Urzeugung? Aber bis jetzt haben
selbst die verwegensten Vertreter der Urzeugung nichts als Bakterien, Pilzkeime
und andere sehr ursprüngliche Organismen auf diesem Wege zu erzeugen beansprucht
- keine Insekten, Fische, Vögel oder Säugetiere. Wenn nun diese gleichartigen
Naturproduktionen - wohlverstanden organische, von denen ist hier allein die Rede
- nicht durch Abstammung zusammenhängen, so müssen sie oder jeder ihrer
Vorfahren da, »wo der Faden der Abstammung reißt«, durch einen aparten Schöpfungsakt
in die Welt gesetzt sein. Also schon wieder beim Schöpfer und dem, was man
Deismus nennt.
Ferner erklärt Herr Dühring es für eine große Oberflächlichkeit
von Darwin,
»den bloßen Akt geschlechtlicher Komposition von Eigenschaften
zum Fundamentalprinzip der Entstehung dieser Eigenschaften zu machen«.
Dies ist wieder eine freie Schöpfung und Imagination unseres wurzelhaften
Philosophen. Im Gegenteil erklärt Darwin bestimmt: der Ausdruck Naturzüchtung
schließe nur ein die Erhaltung von Veränderungen, nicht aber
ihre Erzeugung (S. 63). Diese neue Unterschiebung von Sachen, die Darwin nie gesagt,
dient aber dazu, uns zu folgendem Dühringschen Tiefsinn zu verhelfen:
»Hätte man im innern Schematismus der Zeugung irgendein Prinzip
der selbständigen Veränderung aufgesucht, so würde dieser Gedanke
ganz rationell gewesen sein; denn es ist ein natürlicher Gedanke, das Prinzip
der allgemeinen Genesis mit dem der geschlechtlichen Fortpflanzung zu einer Einheit
zusammenzufassen und die sogenannte Urzeugung aus einem hohem Gesichtspunkt nicht
als absoluten Gegensatz der Reproduktion, sondern eben als eine Produktion anzusehn.«
Und der Mann, der solchen Gallimathias verfassen konnte, geniert sich nicht,
Hegel seinen »Jargon« vorzuwerfen!
doch genug der verdrießlichen, widerspruchsvollen Quengelei und Nörgelei,
mit der Herr Dühring seinem Ärger über den kolossalen Aufschwung
Luft macht, den die Naturwissenschaft dem Anstoß der Darwinschen Theorie
verdankt. Weder Darwin noch seine Anhänger unter den Naturforschern denken
daran, die großen Verdienste Lamarcks irgendwie zu verkleinern; sind sie
es doch grade, die ihn zuerst wieder auf den Schild
gehoben haben. Aber wir dürfen nicht übersehn, daß zu Lamarcks
Zeit die Wissenschaft bei weitem noch nicht über hinreichendes Material verfügte,
um die Frage nach dem Ursprung der Arten anders als antizipierend, sozusagen prophetisch
beantworten zu können. Außer dem enormen Material aus dem Gebiet der
sammelnden wie der anatomischen Botanik und Zoologie, das seitdem angehäuft,
sind aber seit Lamarck zwei ganz neue Wissenschaften entstanden, die hier von
entscheidender Wichtigkeit sind: die Untersuchung der Entwicklung der pflanzlichen
und tierischen Keime (Embryologie) und die der, in den verschiednen Schichten
der Erdoberfläche aufbewahrten, organischen Überreste (Paläontologie).
Es findet sich nämlich eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen
der stufenweisen Entwicklung der organischen Keime zu reifen Organismen und der
Reihenfolge der nacheinander in der Geschichte der Erde auftretenden Pflanzen
und Tiere. Und grade diese Übereinstimmung ist es, die der Entwicklungstheorie
die sicherste Grundlage gegeben hat. Die Entwicklungstheorie selbst ist aber noch
sehr jung, und es ist daher unzweifelhaft, daß die weitere Forschung die
heutigen, auch die streng darwinistischen Vorstellungen von dem Hergang der Artenentwicklung
sehr bedeutend modifizieren wird.
Was hat uns nun die Wirklichkeitsphilosophie über die Entwicklung des
organischen Lebens Positives zu sagen?
»Die ... Abänderlichkeit der Arten ist eine annehmbare Voraussetzung.«
Daneben gilt aber auch »die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen,
ohne Abstammungsvermittlung«.
Hiernach sollte man meinen, die ungleichartigen Naturproduktionen, d.h. die
sich ändernden Arten stammten voneinander ab, die gleichartigen aber nicht.
Dies stimmt aber auch nicht ganz; denn auch bei sich ändernden Arten dürfte
»die Vermittlung durch Abstammung im Gegenteil erst ein ganz sekundärer
Akt der Natur sein«.
Also doch Abstammung, aber »zweiter Klasse«. Seien wir froh, daß die
Abstammung, nachdem Herr Dühring ihr soviel Übles und Dunkles nachgesagt,
dennoch endlich durch die Hintertür wieder zugelassen wird. Ebenso geht es
der Naturzüchtung, denn nach all der sittlichen Entrüstung über
den Kampf ums Dasein, vermittelst dessen die Naturzüchtung sich ja vollzieht,
heißt es plötzlich:
»Der tiefere Grund der Beschaffenheit der Gebilde ist mithin in den
Lebensbedingungen und kosmischen Verhältnissen zu suchen, während die
von Darwin betonte Naturzüchtung erst in zweiter Linie in Frage kommen kann.«
Also doch Naturzüchtung, wenn auch zweiter
Klasse; also mit der Naturzüchtung auch Kampf ums Dasein und damit auch priesterlich-malthusianisches
Bevölkerungsgedränge! Das ist alles, im übrigen verweist uns Herr
Dühring auf Lamarck.
Schließlich warnt er uns vor dem Mißbrauch der Worte Metamorphose
und Entwicklung. Metamorphose sei ein unklarer Begriff und der Begriff der Entwicklung
nur soweit zulässig, als sich Entwicklungsgesetze wirklich nachweisen lassen.
Statt beider sollen wir sagen »Komposition«, und dann sei alles gut. Es ist wieder
die alte Geschichte: die Sachen bleiben, wie sie waren, und Herr Dühring
ist ganz zufrieden, sobald wir nur die Namen ändern, wenn wir von der Entwicklung
des Hühnchens im Ei sprechen, so machen wir Konfusion, weil wir die Entwicklungsgesetze
nur mangelhaft nachweisen können. Sprechen wir aber von seiner Komposition,
so wird alles klar. Wir werden also nicht mehr sagen: dies Kind entwickelt sich
prächtig, sondern: es komponiert sich ausgezeichnet, und wir dürfen
Herrn Dühring Glück wünschen, daß er dem Schöpfer des
Nibelungenringes nicht nur in edler Selbstschätzung würdig zur Seite
steht, sondern auch in seiner Eigenschaft als Komponist der Zukunft.
VIII. Naturphilosophie. Organische Welt
(Schluß)
»Man erwäge, ... was zu unserm naturphilosophischen Abschnitt an
positiver Erkenntnis gehöre, um ihn mit allen seinen wissenschaftlichen Voraussetzungen
auszustatten. Ihm liegen zunächst alle wesentlichen Errungenschaften der
Mathematik und alsdann die Hauptfeststellungen des exakten Wissens in Mechanik,
Physik, Chemie, sowie überhaupt die naturwissenschaftlichen Ergebnisse in
Physiologie, Zoologie und in ähnlichen Forschungsgebieten zugrunde.«
So zuversichtlich und entschieden spricht sich Herr Dühring aus über
die mathematische und naturwissenschaftliche Gelehrsamkeit des Herrn Dühring.
Man sieht es dem magern Abschnitt selbst nicht an, und noch weniger seinen noch
dürftigeren Resultaten, welche Wurzelhaftigkeit positiver Erkenntnis dahintersteckt.
Jedenfalls braucht man, um die Dühringschen Orakel über Physik und Chemie
zustande zu bringen, von der Physik nichts zu wissen als die Gleichung, die das
mechanische Äquivalent der Wärme ausdrückt, und von der Chemie
nur dies, daß alle Körper sich einteilen in Elemente und Zusammensetzungen
von Elementen. Wer zudem, wie Herr Dühring
S. 131, von »gravitierenden Atomen« sprechen kann, beweist nur damit, daß
er über den Unterschied von Atom und Molekül gänzlich »im Dunkeln«
ist. Atome existieren bekanntlich nicht für die Gravitation oder andre mechanische
oder physikalische Bewegungsformen, sondern nur für die chemische Aktion.
Und wenn man gar das Kapitel über die organische Natur liest, so kann man
bei dem leeren, sich widersprechenden, am entscheidenden Punkt orakelhaft sinnlosen
Hin- und Hergerede, und bei der absoluten Nichtigkeit des Schlußergebnisses
schon von vornherein sich der Ansicht nicht erwehren, daß Herr Dühring
hier von Dingen spricht, von denen er merkwürdig wenig weiß. Diese
Ansicht wird zur Gewißheit, wenn man zu seinem Vorschlag kommt, in der Lehre
von dem organischen Wesen (Biologie) fernerhin Komposition zu sagen statt Entwicklung.
Wer so etwas vorschlagen kann, beweist, daß er von der Bildung organischer
Körper nicht die geringste Ahnung hat.
Alle organischen Körper, mit Ausnahme der allerniedrigsten, bestehn aus
Zellen, kleinen, nur durch starke Vergrößerung sichtbaren Eiweißklümpchen
mit einem Zellenkern im Innern. In der Regel entwickelt die Zelle auch eine äußere
Haut, und der Inhalt ist dann mehr oder weniger flüssig. Die niedrigsten
Zellenkörper bestehn aus einer Zelle; die ungeheure Mehrzahl der organischen
Wesen ist vielzellig, ein zusammengehöriger Komplex vieler Zellen, die, bei
niedrigem Organismen noch gleichartig, bei den höhern mehr und mehr verschiedne
Formen, Gruppierungen und Tätigkeiten erhalten. Im menschlichen Körper
z. B. sind Knochen, Muskel, Nerven, Sehnen, Bänder, Knorpel. Haut, kurz,
alle Gewebe aus Zellen entweder zusammengesetzt oder doch entstanden. Aber allen
organischen Zellengebilden, von der Amöbe, die ein einfaches, die meiste
Zeit hautloses Eiweißklümpchen mit einem Zeilenkern im Innern ist,
bis zum Menschen, und von der kleinsten einzelligen Desmidiacee bis zur höchstentwickelten
Pflanze, ist die Art gemeinsam wie die Zellen sich vermehren: durch Spaltung.
Der Zellenkern schnürt sich zuerst in der Mitte ein, die Einschnürung,
die die beiden Kolben des Kerns trennt, wird immer stärker, zuletzt trennen
sie sich und bilden zwei Zellenkerne. Derselbe Vorgang findet an der Zelle selbst
statt, jeder der beiden Kerne wird der Mittelpunkt einer Ansammlung von Zellstoff,
die mit der andern durch eine immer enger werdende Einschnürung zusammenhängt,
bis zuletzt beide sich trennen und als selbständige Zellen fortleben. Durch
solche wiederholte Zellenspaltung wird aus dem Keimbläschen des tierischen
Eies, nach eingetretener Befruchtung, nach und nach das ganze fertige Tier entwickelt,
und ebenso beim erwachsenen Tier der Ersatz der
verbrauchten Gewebe vollzogen. Einen solchen Vorgang eine Komposition, und seine
Bezeichnung als Entwicklung »eine pure Imagination« zu nennen, dazu gehört
doch sicher jemand, der - so schwer das auch heutzutage anzunehmen ist - von diesem
Vorgang gar nichts weiß; hier wird ja eben nur, und zwar im buchstäblichsten
Sinn entwickelt, komponiert aber ganz und gar nicht!
Über das, was Herr Dühring im allgemeinen unter Leben versteht, werden
wir weiter unten noch etwas zu sagen haben. Im besondern stellt er sich unter
Leben folgendes vor:
»Auch die unorganische Welt ist ein System sich selbst vollziehender
Regungen; aber erst da, wo die eigentliche Gliederung und die Vermittlung der
Zirkulation der Stoffe durch besondre Kanäle von einem innern Punkt und nach
einem an ein kleineres Gebilde übertragbaren Keimschema beginnt, darf man
im engeren und strengeren Sinne von eigentlichem Leben zu reden unternehmen.«
Dieser Satz ist im engern und strengern Sinn ein System sich selbst vollziehender
Regungen (was das auch immer für Dinger sein mögen) von Unsinn, selbst
abgesehn von der hülflos verworrenen Grammatik. Wenn das Leben erst anfängt,
wo die eigentliche Gliederung beginnt, dann müssen wir das ganze Haeckelsche
Protistenreich und vielleicht noch viel mehr für tot erklären, je nachdem
der Begriff von Gliederung gefaßt wird. Wenn das Leben erst da beginnt,
wo diese Gliederung durch ein kleineres Keimschema übertragbar ist, so sind
mindestens alle Organismen bis zu den einzeiligen hinauf, und diese eingeschlossen,
nicht lebendig. Ist die Vermittlung der Zirkulation der Stoffe durch besondre
Kanäle das Kennzeichen des Lebens, so müssen wir außer den obigen
noch die ganze Oberklasse der Coelenterata, allenfalls mit Ausnahme der Medusen,
also sämtliche Polypen und andre Pflanzentiere aus der Reihe der lebenden
Wesen ausstreichen. Gilt aber gar die Zirkulation der Stoffe durch besondre Kanäle
von einem innern Punkt für das wesentliche Kennzeichen des Lebens, so müssen
wir alle diejenigen Tiere für tot erklären, die kein Herz, oder auch
die mehrere Herzen haben. Dazu gehören außer den vorerwähnten
noch sämtliche Würmer, Seesterne und Rädertiere (Annuloida und
Annulosa, Huxleys Einteilung), ein Teil der Krustentiere (Krebse) und endlich
sogar ein Wirbeltier, das Lanzettierchen (Amphioxus). Dazu sämtliche Pflanzen.
Indem also Herr Dühring unternimmt, das eigentliche Leben im engern und
strengern Sinne zu kennzeichnen, gibt er vier einander total widersprechende Kennzeichen
des Lebens an, von denen das eine nicht nur das ganze Pflanzenreich, sondern auch
ungefähr das halbe Tierreich zu ewigem Tode
verdammt. Wahrhaftig, niemand kann sagen, er habe uns angeführt, als er uns
»von Grund aus eigentümliche Ergebnisse und Anschauungen«
versprach!
An einer andern Stelle heißt es:
»auch in der Natur liegt allen Organisationen von der niedrigsten bis
zur höchsten ein einfacher Typus zugrunde«, und dieser Typus ist »schon in
der untergeordnetsten Regung der unvollkommensten Pflanze in seinem allgemeinen
Wesen voll und ganz anzutreffen.«
Diese Behauptung ist wieder »voll und ganz« Unsinn. Der allereinfachste Typus,
der in der ganzen organischen Natur anzutreffen, ist die Zelle; und sie liegt
den höchsten Organisationen allerdings zugrunde. Dagegen finden sich unter
den niedrigsten Organismen eine Menge, die noch tief unter der Zelle stehn - die
Protamöbe, ein einfaches Eiweißklümpchen, ohne irgendwelche Differenzierung,
eine ganze Reihe andrer Monere und sämtliche Schlauchalgen (Siphoneen). Diese
sind sämtlich mit den höhern Organismen nur dadurch verknüpft,
daß ihr wesentlicher Bestandteil Eiweiß ist und sie demnach Eiweißfunktionen
vollziehn, d.h. leben und sterben.
Weiter erzählt uns Herr Dühring:
»Physiologisch ist die Empfindung an das Vorhandensein irgendeines,
wenn auch noch so einfachen Nervenapparates geknüpft. Es ist daher das Charakteristische
aller tierischen Gebilde, der Empfindung, d.h. einer subjektiv bewußten
Auffassung ihrer Zustände fähig zu sein. Die scharfe Grenze zwischen
Pflanze und Tier liegt da, wo der Sprung zur Empfindung vollzogen wird. Diese
Grenze läßt sich so wenig durch die bekannten Übergangsgebilde
verwischen, daß sie vielmehr grade durch diese äußerlich unentschiednen
oder unentscheidbaren Gestaltungen erst recht zum logischen Bedürfnis gemacht
wird.«
Und ferner:
»Dagegen sind die Pflanzen gänzlich und für immer ohne die
leiseste Spur von Empfindung und auch ohne jede Anlage dazu.«
Erstens sagt Hegel, »Naturphilosophie« §351, Zusatz, daß
»die Empfindung die differentia specifica, das absolut Auszeichnende
des Tieres ist«.
Also wieder eine »Krudität« Hegels, die durch einfache Annexion von Seiten
Herrn Dührings in den Adelstand einer endgültigen Wahrheit letzter Instanz
erhoben wird.
Zweitens hören wir hier zum ersten Male
von Übergangsgebilden, äußerlich unentschiednen oder unentscheidbaren
Gestaltungen (schönes Kauderwelsch!) zwischen Pflanze und Tier. Daß
diese Zwischenformen existieren; daß es Organismen gibt, von denen wir platterdings
nicht sagen können, ob sie Pflanzen oder Tiere sind; daß wir also überhaupt
die Grenze zwischen Pflanze und Tier nicht scharf feststellen können - das
macht es für Herrn Dühring grade zum logischen Bedürfnis, ein Unterscheidungsmerkmal
aufzustellen, von dem er im selben Atem zugibt, daß es nicht stichhaltig
ist! Aber wir brauchen gar nicht auf das zweifelhafte Gebiet zwischen Pflanzen
und Tieren zurückzugehen; sind die sensitiven Pflanzen, die bei der leisesten
Berührung ihre Blätter falten oder ihre Blumen schließen, sind
die insektenfressenden Pflanzen ohne die leiseste Spur von Empfindung und auch
ohne jede Anlage dazu? Das kann selbst Herr Dühring nicht ohne »unwissenschaftliche
Halbpoesie« behaupten.
Drittens ist es wieder eine freie Schöpfung und Imagination des Herrn
Dühring, wenn er behauptet, die Empfindung sei psychologisch |muß offenbar
»physiologisch« heißen| an das Vorhandensein irgendeines, wenn auch noch
so einfachen Nervenapparates geknüpft. Nicht nur alle Urtiere, auch noch
die Pflanzentiere, wenigstens ihrer großen Mehrzahl nach, weisen keine Spur
eines Nervenapparates auf. Erst von den Würmern an wird ein solcher regelmäßig
vorgefunden, und Herr Dühring ist der erste, der die Behauptung aufstellt,
jene Tiere hätten keine Empfindung, weil keine Nerven. Die Empfindung ist
nicht notwendig an Nerven geknüpft, wohl aber an gewisse, bisher nicht näher
festgestellte Eiweißkörper.
Übrigens werden die biologischen Kenntnisse des Herrn Dühring hinreichend
charakterisiert durch die Frage, die er sich nicht scheut, Darwin gegenüber
aufzuwerfen:
»Soll sich das Tier aus der Pflanze entwickelt haben?«
So kann nur jemand fragen, der weder von Tieren noch von Pflanzen das geringste
weiß.
Vom Leben im allgemeinen weiß uns Herr Dühring nur zu sagen:
»Der Stoffwechsel, der sich vermittelst einer plastisch bildenden Schematisierung«
(was in aller Welt ist das nur ein Ding?) »vollzieht, bleibt stets ein auszeichnender
Charakter des eigentlichen Lebensprozesses.«
Das ist alles, was wir vom Leben erfahren, wobei wir noch gelegentlich der
»plastisch bildenden Schematisierung« knietief im sinnlosen Kauderwelsch des reinsten
Dühring-Jargons steckenbleiben. Wenn wir also wissen
wollen, was Leben ist, so werden wir uns wohl selbst näher danach umsehn
müssen.
Daß der organische Stoffwechsel die allgemeinste und bezeichnendste Erscheinung
des Lebens, ist seit dreißig Jahren von physiologischen Chemikern und chemischen
Physiologen unzähligemal gesagt und hier von Herrn Dühring einfach in
seine eigne elegante und klare Sprache übersetzt. Aber das Leben als organischen
Stoffwechsel definieren, heißt das Leben definieren als - Leben; denn organischer
Stoffwechsel oder Stoffwechsel mit plastisch bildender Schematisierung ist eben
ein Ausdruck, der selbst wieder der Erklärung durch das Leben bedarf, der
Erklärung durch den Unterschied von Organischem und Unorganischem, d.h. Lebendem
und Nichtlebendem. Mit dieser Erklärung kommen wir also nicht vom Fleck.
Stoffwechsel als solcher findet statt auch ohne Leben. Es gibt eine ganze Reihe
von Prozessen in der Chemie, die bei genügender Zufuhr von Rohstoffen ihre
eignen Bedingungen stets wieder erzeugen und zwar so, daß dabei ein bestimmter
Körper Träger des Prozesses ist. So bei der Fabrikation von Schwefelsäure
durch Verbrennung von Schwefel. Es erzeugt sich dabei Schwefeldioxyd, SO2,
und indem man Wasserdampf und Salpetersäure zuführt, nimmt das Schwefeldioxyd
Wasserstoff und Sauerstoff auf und verwandelt sich in Schwefelsäure, H2SO4.
Die Salpetersäure gibt dabei Sauerstoff ab und wird zu Stickoxyd reduziert;
dies Stickoxyd nimmt sogleich wieder aus der Luft neuen Sauerstoff auf und verwandelt
sich in höhere Oxyde des Stickstoffs, aber nur um diesen Sauerstoff sofort
wieder an das Schwefeldioxyd abzugeben und von neuem denselben Prozeß durchzumachen,
so daß theoretisch eine unendlich kleine Menge von Salpetersäure hinreichen
sollte, um eine unbeschränkte Menge von Schwefeldioxyd, Sauerstoff und Wasser
in Schwefelsäure zu verwandeln. - Stoffwechsel findet ferner statt bei dem
Durchtritt von Flüssigkeiten durch tote organische und selbst durch unorganische
Membranen, sowie bei Traubes künstlichen Zellen. Es zeigt sich hier wiederum,
daß wir mit dem Stoffwechsel nicht vom Fleck kommen; denn der eigentümliche
Stoffwechsel, der das Leben erklären soll, bedarf selbst wieder der Erklärung
durch das Leben. Wir müssen es also anders versuchen.
Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper, und diese Daseinsweise
besteht wesentlich in der beständigen Selbsterneuerung der chemischen Bestandteile
dieser Körper.
Eiweißkörper ist hier verstanden im Sinn der modernen Chemie, die
unter diesem Namen alle dem gewöhnlichen Eiweiß analog zusammen
gesetzten Körper, sonst auch Proteinsubstanzen genannt, zusammenfaßt.
Der Name ist ungeschickt, weil das gewöhnliche Eiweiß von allen ihm
verwandten Substanzen die lebloseste, passivste Rolle spielt, indem es neben dem
Eidotter lediglich Nahrungssubstanz für den sich entwickelnden Keim ist.
Solange indes über die chemische Zusammensetzung der Eiweißkörper
noch so wenig bekannt, ist dieser Name immer noch besser, weil allgemeiner, als
alle andern.
Überall, wo wir Leben vorfinden, finden wir es an einen Eiweißkörper
gebunden, und überall, wo wir einen nicht in der Auflösung begriffenen
Eiweißkörper vorfinden, da finden wir ausnahmslos auch Lebenserscheinungen.
Unzweifelhaft ist die Gegenwart auch andrer chemischer Verbindungen in einem lebenden
Körper notwendig, um besondre Differenzierungen dieser Lebenserscheinungen
hervorzurufen; zum nackten Leben sind sie nicht erforderlich, es sei denn soweit
sie als Nahrung eingehn und in Eiweiß verwandelt werden. Die niedrigsten
lebenden Wesen, die wir kennen, sind eben nichts als einfache Eiweißklümpchen,
und sie zeigen schon alle wesentlichen Lebenserscheinungen.
Worin aber bestehn diese überall, bei allen lebenden Wesen gleichmäßig
vorhandnen Lebenserscheinungen? Vor allem darin, daß der Eiweißkörper
aus seiner Umgebung andre geeignete Stoffe in sich aufnimmt, sie sich assimiliert,
während andre, ältere Teile des Körpers sich zersetzen und ausgeschieden
werden. Andre, nicht lebende Körper verändern, zersetzen oder kombinieren
sich auch im Lauf der natürlichen Dinge; aber dabei hören sie auf, das
zu sein, was sie waren. Der Fels, der verwittert, ist kein Fels mehr; das Metall,
das oxydiert, geht in Rost über. Aber was bei toten Körpern Ursache
des Untergangs, das ist beim Eiweiß Grundbedingung der Existenz.
Von dem Augenblick an, wo diese ununterbrochene Umsetzung der Bestandteile im
Eiweißkörper, dieser andauernde Wechsel von Ernährung und Ausscheidung
aufhört, von dem Augenblick an hört der Eiweißkörper selbst
auf, zersetzt sich, d.h. stirbt. Das Leben, die Daseinsweise des Eiweißkörpers
besteht also vor allem darin, daß er in jedem Augenblick er selbst und zugleich
ein andrer ist; und dies nicht infolge eines Prozesses, dem er von außen
her unterworfen wird, wie dies auch bei toten Körpern der Fall sein kann.
Im Gegenteil, das Leben, der durch Ernährung und Ausscheidung erfolgende
Stoffwechsel ist ein sich selbst vollziehender Prozeß, der seinem Träger,
dem Eiweiß, inhärent, eingeboren ist, ohne den es nicht sein kann.
Und daraus folgt, daß, wenn es der Chemie jemals gelingen sollte, Eiweiß
künstlich herzustellen, dies Eiweiß Lebenserscheinungen zeigen muß,
mögen sie auch noch so schwach sein. Es ist freilich fraglich,
ob die Chemie auch gleichzeitig das richtige Futter für dies Eiweiß
entdecken wird.
Aus dem durch Ernährung und Ausscheidung vermittelten Stoffwechsel als
wesentlicher Funktion des Eiweißes und aus der ihm eignen Plastizität
leiten sich dann alle übrigen einfachsten Faktoren des Lebens ab: Reizbarkeit
- die schon in der Wechselwirkung zwischen dem Eiweiß und seiner Nahrung
eingeschlossen liegt; Kontraktibilität - die sich schon auf sehr niedriger
Stufe bei der Verzehrung des Futters zeigt, Wachstumsmöglichkeit, die auf
niedrigster Stufe die Fortpflanzung durch Teilung einschließt; innere Bewegung,
ohne die weder Verzehrung noch Assimilation der Nahrung möglich ist.
Unsre Definition des Lebens ist natürlich sehr ungenügend, indem
sie, weit entfernt alle Lebenserscheinungen einzuschließen, sich
vielmehr auf die allerallgemeinsten und einfachsten beschränken muß.
Alle Definitionen sind wissenschaftlich von geringem Wert. Um wirklich erschöpfend
zu wissen, was das Leben ist, müßten wir alle seine Erscheinungsformen
durchgehn, von der niedrigsten bis zur höchsten. Für den Handgebrauch
sind jedoch solche Definitionen sehr bequem und stellenweise nicht gut zu entbehren;
sie können auch nicht schaden, solange man nur ihre unvermeidlichen Mängel
nicht vergißt.
Doch zurück zu Herrn Dühring. Wenn es ihm im Bereich der irdischen
Biologie einigermaßen schlecht ergeht, so weiß er sich zu trösten,
er flüchtet in seinen Sternenhimmel.
»Es ist nicht erst die besondre Einrichtung eines empfindenden Organs,
sondern schon die ganze objektive Welt, welche auf die Hervorbringung von Lust
und Schmerz angelegt ist. Aus diesem Grunde nehmen wir an, daß der Gegensatz
von Lust und Schmerz, und zwar genau in der uns bekannten Weise, ein universeller
sei und in den verschiednen Welten des Alls durch wesentlich gleichartige
Gefühle vertreten sein müsse ... Diese Übereinstimmung bedeutet
aber nicht wenig; denn sie ist der Schlüssel zu dem Universum der
Empfindungen ... Uns ist mithin die subjektive kosmische Welt nicht viel fremder
als die objektive. Die Konstitution beider Reiche ist nach einem übereinstimmenden
Typus zu denken, und hiermit haben wir die Anfänge zu einer Bewußtseinslehre,
die eine größere als bloß terrestrische Tragweite hat.«
Was verschlagen ein paar grobe Schnitzer in der irdischen Naturwissenschaft
für den, der den Schlüssel zu dem Universum der Empfindungen in der
Tasche trägt? Allons donc! |Also wohlan!|
IX. Moral und Recht. Ewige Wahrheiten
Wir enthalten uns, Pröbchen zu geben von
dem Mischmasch von Plattheit und Orakelhaftigkeit, kurz von dem simplen Kohl,
den Herr Dühring seinen Lesern fünfzig volle Seiten zu genießen
gibt, als wurzelhafte Wissenschaft von den Elementen des Bewußtseins. Wir
zitieren nur dies:
»Wer nur an der Hand der Sprache zu denken vermag, hat noch nie erfahren,
was abgesondertes und eigentliches Denken zu bedeuten habe.«
Danach sind die Tiere die abgesondertsten und eigentlichsten Denker, weil ihr
Denken nie durch die zudringliche Einmischung der Sprache getrübt wird. Allerdings
sieht man es den Dühringschen Gedanken und der sie ausdrückenden Sprache
an, wie wenig diese Gedanken für irgendeine Sprache gemacht sind und wie
wenig die deutsche Sprache für diese Gedanken.
Endlich erlöst uns der vierte Abschnitt, der uns, außer jenem zerfließenden
Redebrei, wenigstens hie und da etwas Greifbares über Moral und Recht
bietet. Gleich im Anfang werden wir diesmal zu einer Reise auf die andern Weltkörper
eingeladen:
die Elemente der Moral müssen sich »bei allen außermenschlichen
Wesen, in denen sich ein tätiger Verstand mit der bewußten Ordnung
von triebförmigen Lebensregungen zu befassen hat, in übereinstimmender
Weise ... wiederfinden ... Doch wird unsre Teilnahme für solche Folgerungen
gering bleiben ... Außerdem aber bleibt es immer eine den Gesichtskreis
wohltätig erweiternde Idee, wenn wir uns vorstellen, daß auf
andern Weltkörpern das Einzel- und das Gemeinleben von einem Schema ausgehen
muß, welches ... nicht vermag, die allgemeine Grundverfassung eines verstandesmäßig
handelnden Lesens aufzuheben oder zu umgehn.«
Wenn hier ausnahmsweise die Gültigkeit der Dühringschen Wahrheiten
auch für alle andern möglichen Welten an die Spitze, statt ans Ende
des betreffenden Kapitels gestellt wird, so hat das seinen zureichenden Grund.
Hat man erst die Gültigkeit der Dühringschen Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen
für alle Welten festgestellt, so wird man um so leichter ihre Gültigkeit
auf alle Zeiten wohltätig erweitern können. Es handelt sich aber
hier wieder um nichts Geringeres als um endgültige Wahrheit letzter Instanz.
Die moralische Welt hat »so gut wie diejenige des allgemeinen Wissens
... ihre bleibenden Prinzipien und einfachen Elemente«, die moralischen Prinzipien
stehn »über der Geschichte und über den heutigen Unterschieden der Völkerbeschaffenheiten
... Die besondern Wahrheiten, aus denen sich im Lauf der Entwicklung das
vollere moralische Bewußtsein und sozusagen das Gewissen zusammensetzt,
können, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, eine ähnliche
Geltung und Tragweite beanspruchen, wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik.
Echte Wahrheiten sind überhaupt nicht wandelbar ... so daß es
überhaupt eine Torheit ist, die Richtigkeit der Erkenntnis als von der Zeit
und den realen Veränderungen angreifbar vorzustellen.« Daher läßt
uns die Sicherheit strengen Wissens und die Zulänglichkeit der gemeineren
Erkenntnis nicht dazu kommen, im besonnenen zustande an der absoluten Gültigkeit
der Wissensprinzipien zu verzweifeln. »Schon der dauernde Zweifel selbst ist ein
krankhafter Schwächezustand und nichts als der Ausdruck wüster Verworrenheit,
die bisweilen in dem systematischen Bewußtsein ihrer Nichtigkeit
den Schein von etwas Haltung aufzutreiben sucht. In den sittlichen Angelegenheiten
klammert sich die Leugnung allgemeiner Prinzipien an die geographischen und geschichtlichen
Mannigfaltigkeiten der Sitten und Grundsätze, und gibt man ihr die unausweichliche
Notwendigkeit des sittlich Schlimmen und Bösen zu, so glaubt sie erst recht
über die Anerkennung der ernsthaften Geltung und tatsächlichen Wirksamkeit
übereinstimmender moralischer Antriebe hinaus zu sein. Diese aushöhlende
Skepsis, die sich nicht etwa gegen einzelne falsche Lehren, sondern gegen
die menschliche Fähigkeit zur bewußten Moralität selbst kehrt,
mündet schließlich in ein wirkliches Nichts, ja eigentlich in etwas,
was schlimmer ist als der bloße Nihilismus ... Sie schmeichelt sich, in
ihrem wirren Chaos von aufgelösten sittlichen Vorstellungen leichten
Kaufes herrschen und dem grundsatzlosen Belieben alle Tore öffnen zu können.
Sie täuscht sich aber gewaltig: denn die bloße Hinweisung auf die unvermeidlichen
Schicksale des Verstandes in Irrtum und Wahrheit genügt, um schon durch diese
einzige Analogie erkennbar zu machen, wie die naturgesetzliche Fehlbarkeit die
Vollbringung des Zutreffenden nicht auszuschließen braucht.«
Wir haben bis jetzt alle diese pompösen Aussprüche des Herrn Dühring
über endgültige Wahrheiten letzter Instanz, Souveränetät des
Denkens, absolute Sicherheit des Erkennens usw. ruhig hingenommen, weil die Sache
doch erst an dem Punkt zum Austrag gebracht werden konnte, wo wir jetzt angelangt
sind. Bisher genügte die Untersuchung, inwieweit die einzelnen Behauptungen
der Wirklichkeitsphilosophie »souveräne Geltung« und »unbedingten Anspruch
auf Wahrheit« hatten; hier kommen wir vor die Frage, ob und welche Produkte des
menschlichen Erkennens überhaupt souveräne Geltung und unbedingten Anspruch
auf Wahrheit haben können. Wenn ich sage: des menschlichen Erkennens,
so sage ich dies nicht etwa in beleidigender Absicht gegen die Bewohner andrer
Weltkörper, die ich nicht die Ehre habe zu kennen, sondern nur weil auch
die Tiere erkennen, aber keineswegs souverän. Der Hund erkennt in seinem
Herrn seinen Gott, wobei dieser Herr der größte Lump sein kann.
Ist das menschliche Denken souverän? Ehe wir ja oder nein antworten,
müssen wir erst untersuchen, was das menschliche Denken ist. Ist es das
Denken eines einzelnen Menschen? Nein. Aber es existiert nur als das Einzeldenken
von vielen Milliarden vergangner, gegenwärtiger und zukünftiger Menschen.
Wenn ich nun sage, daß dies in meiner Vorstellung zusammengefaßte
Denken aller dieser Menschen, die zukünftigen eingeschlossen, souverän,
imstande ist, die bestehende Welt zu erkennen, sofern die Menschheit nur lange
genug dauert und soweit nicht in den Erkenntnisorganen und den Erkenntnisgegenständen
diesem Erkennen Schranken gesetzt sind, so sage ich etwas ziemlich Banales und
zudem ziemlich Unfruchtbares. Denn das wertvollste Resultat dürfte dies sein,
uns gegen unsre heutige Erkenntnis äußerst mißtrauisch zu machen,
da wir ja aller Wahrscheinlichkeit nach so ziemlich am Anfang der Menschheitsgeschichte
stehn, und die Generationen, die uns berichtigen werden, wohl viel zahlreicher
sein dürften als diejenigen, deren Erkenntnis wir - oft genug mit beträchtlicher
Geringschätzung - zu berichtigen im Falle sind.
Herr Dühring selbst erklärt es für eine Notwendigkeit, daß
das Bewußtsein, also auch das Denken und Erkennen, nur in einer Reihe von
Einzelwesen zur Erscheinung kommen könne. Dem Denken jedes dieser Einzelnen
können wir nur insofern Souveränetät zuschreiben, als wir keine
Macht kennen, die imstande wäre, ihm im gesunden und wachenden Zustand irgendeinen
Gedanken mit Gewalt aufzunötigen. Was aber die souveräne Geltung der
Erkenntnisse jedes Einzeldenkens angeht, so wissen wir alle, daß davon gar
keine Rede sein kann, und daß nach aller bisherigen Erfahrung sie ohne Ausnahme
stets viel mehr Verbesserungsfähiges als Nichtverbesserungsfähiges oder
Richtiges enthalten.
Mit andern Worten: die Souveränetät des Denkens verwirklicht sich
in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis,
welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern;
weder die eine noch die andre kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer
der Menschheit vollständig verwirklicht werden.
Wir haben hier wieder denselben Widerspruch, wie schon oben,
zwischen dem notwendig als absolut vorgestellten Charakter des menschlichen Denkens,
und seiner Realität in lauter beschränkt denkenden Einzelmenschen, ein
Widerspruch, der sich nur im unendlichen Progreß, in der für uns wenigstens
praktisch endlosen Aufeinanderfolge der Menschengeschlechter lösen kann.
In diesem Sinn ist das menschliche Denken ebensosehr souverän wie nicht souverän
und seine Erkenntnisfähigkeit ebensosehr unbeschränkt wie beschränkt.
Souverän und unbeschränkt der Anlage,
dem Beruf, der Möglichkeit, dem geschichtlichen Endziel nach; nicht souverän
und beschränkt der Einzelausführung und der jedesmaligen Wirklichkeit
nach.
Ebenso verhält es sich mit den ewigen Wahrheiten. Käme die Menschheit
je dahin, daß sie nur noch mit ewigen Wahrheiten, mit Denkresultaten operierte,
die souveräne Geltung und unbedingten Anspruch auf Wahrheit haben, so wäre
sie auf dem Punkt angekommen, wo die Unendlichkeit der intellektuellen Welt nach
Wirklichkeit wie Möglichkeit erschöpft und damit das vielberühmte
Wunder der abgezählten Unzahl vollzogen wäre.
Nun gibt es aber doch Wahrheiten, die so feststehn, daß jeder Zweifel
daran uns als gleichbedeutend mit Verrücktheit erscheint? daß zwei
mal zwei vier ist, daß die drei Winkel eines Dreiecks gleich zwei Rechten
sind, daß Paris in Frankreich liegt, daß ein Mensch ohne Nahrung Hungers
stirbt usw.? Also gibt es doch ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten
letzter Instanz?
allerdings Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter
Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften,
die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer
mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik,
Chemie. Wenn es jemandem Vergnügen macht, gewaltige Worte auf sehr einfache
Dinge anzuwenden, so kann man sagen, daß gewisse Ergebnisse dieser
Wissenschaften ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten letzter Instanz sind:
weshalb man diese Wissenschaften auch die exakten genannt hat. Aber noch
lange nicht alle Ergebnisse. Mit der Einführung der veränderlichen Größen
und der Ausdehnung ihrer Veränderlichkeit bis ins unendlich Kleine und unendlich
Große hat die sonst so sittenstrenge Mathematik den Sündenfall begangen;
sie hat den Apfel der Erkenntnis gegessen, der ihr die Laufbahn der riesenhaftesten
Erfolge eröffnete, aber auch die der Irrtümer. Der jungfräuliche
Zustand der absoluten Gültigkeit, der unumstößlichen Bewiesenheit
alles Mathematischen war auf ewig dahin; das Reich der Kontroversen brach an,
und wir sind dahin gekommen, daß die meisten Leute differenzieren und integrieren,
nicht weil sie verstehn, was sie tun, sondern aus reinem Glauben, weil es bisher
immer richtig herausgekommen ist. Mit der Astronomie und Mechanik steht es noch
schlimmer, und in Physik und Chemie befindet man sich inmitten der Hypothesen
wie inmitten eines Bienenschwarms. Es ist dies auch gar nicht anders möglich.
In der Physik haben wir es mit der Bewegung von Molekülen, in der Chemie
mit der Bildung von Molekülen aus Atomen zu tun, und wenn nicht die Interferenz
der Lichtwellen eine Fabel ist, so haben wir absolut
keine Aussicht, jemals diese interessanten Dinger mit unsern Augen zu sehn. Die
endgültigen Wahrheiten letzter Instanz werden da mit der Zeit merkwürdig
selten.
Noch schlimmer sind wir dran in der Geologie, die ihrer Natur nach sich hauptsächlich
mit Vorgängen beschäftigt, bei denen nicht nur nicht wir, sondern überhaupt
kein Mensch dabeigewesen ist. Die Ausbeute an endgültigen Wahrheiten letzter
Instanz ist daher hier mit sehr vieler Mühe verknüpft und dabei äußerst
sparsam.
Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden
Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit
der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste
Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist
nur stückweise, durch eine Reihe von oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden
Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer
Auffassung der Zusammenhänge stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen
Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen
zu umgeben. Welche lange Reihe von Mittelstufen von Galen bis Malpighi war nötig,
um eine so einfache Sache wie die Zirkulation des Bluts bei Säugetieren richtig
festzustellen, wie wenig wissen wir von der Entstehung der Blutkörperchen,
und wieviel Mittelglieder fehlen uns heute noch, um z.B. die Erscheinungen einer
Krankheit mit ihren Ursachen in rationellen Zusammenhang zu bringen! Dabei kommen
oft genug Entdeckungen vor wie die der Zelle, die uns zwingen, alle bisher festgestellten
endgültigen Wahrheiten letzter Instanz auf dem Gebiet der Biologie einer
totalen Revision zu unterwerfen und ganze Haufen davon ein für allemal zu
beseitigen. Wer also hier wirklich echte, unwandelbare Wahrheiten aufstellen will,
der wird sich mit Plattheiten begnügen müssen wie: Alle Menschen müssen
sterben, alle weiblichen Säugetiere haben Milchdrüsen usw.; er wird
nicht einmal sagen können, daß die höheren Tiere mit dem Magen
und Darmkanal verdauen und nicht mit dem Kopf, denn die im Kopf zentralisierte
Nerventätigkeit ist zur Verdauung unumgänglich.
Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe
von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen,
die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem
idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen
Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht. In der organischen Natur
haben wir es doch wenigstens mit einer Reihenfolge von Hergängen zu tun,
die sich, soweit unsre unmittelbare Beobachtung
in Frage kommt, innerhalb sehr weiter Grenzen ziemlich regelmäßig wiederholen.
Die Arten der Organismen sind seit Aristoteles im ganzen und großen dieselben
geblieben. In der Geschichte der Gesellschaft dagegen sind die Wiederholungen
der Zustände die Ausnahme, nicht die Regel, sobald wir über die Urzustände
der Menschen, das sogenannte Steinalter, hinausgehn; und wo solche Wiederholungen
vorkommen, da ereignen sie sich nie genau unter denselben Umständen. So das
Vorkommen des ursprünglichen Gemeineigentums am Boden bei allen Kulturvölkern
und die Form seiner Auflösung. Wir sind daher auf dem Gebiet der Menschengeschichte
mit unsrer Wissenschaft noch weit mehr im Rückstand als auf dem der Biologie;
und mehr noch: wenn einmal ausnahmsweise der innere Zusammenhang der gesellschaftlichen
und politischen Daseinsformen eines Zeitabschnitts erkannt wird, so geschieht
es regelmäßig dann, wenn diese Formen sich schon halb überlebt
haben, dem Verfall entgegengehn. Die Erkenntnis ist hier also wesentlich relativ,
indem sie sich beschränkt auf die Einsicht in den Zusammenhang und auf die
Folgen gewisser, nur zu einer gegebnen Zeit und für gegebne Völker bestehenden
und ihrer Natur nach vergänglichen Gesellschafts- und Staatsformen. Wer hier
also auf endgültige Wahrheiten letzter Instanz, auf echte, überhaupt
nicht wandelbare Wahrheiten Jagd macht, der wird wenig heimtragen, es seien denn
Plattheiten und Gemeinplätze der ärgsten Art, z.B. daß die Menschen
im allgemeinen ohne Arbeit nicht leben können, daß sie sich bisher
meist eingeteilt haben in Herrschende und Beherrschte, daß Napoleon am 5.
Mal 1821 gestorben ist usw.
Nun ist es aber merkwürdig, daß gerade auf diesem Gebiet die angeblichen
ewigen Wahrheiten, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz usw. uns am
häufigsten begegnen. Daß zwei mal zwei vier ist, daß die Vögel
Schnäbel haben, oder derartiges wird nur der für ewige Wahrheiten erklären,
der mit der Absicht umgeht, aus dem Dasein ewiger Wahrheiten überhaupt zu
folgern, daß es auch auf dem Gebiete der Menschengeschichte ewige Wahrheiten
gebe, eine ewige Moral, eine ewige Gerechtigkeit usw., die eine ähnliche
Geltung und Tragweite beanspruchen wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik.
Und dann können wir mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß derselbe Menschenfreund
uns bei erster Gelegenheit erklären wird, alle früheren Fabrikanten
ewiger Wahrheiten seien mehr oder weniger Esel und Scharlatane, seien alle im
Irrtum befangen gewesen, hätten gefehlt; das Vorhandensein ihres Irrtums
und ihrer Fehlbarkeit aber sei naturgesetzlich und beweise das Dasein der
Wahrheit und des Zutreffenden bei ihm, und er, der jetzt erstandne Prophet,
trage die endgültige Wahr heit letzter Instanz,
die ewige Moral, die ewige Gerechtigkeit, fix und fertig im Sack. Das alles ist
schon so hundertmal und tausendmal dagewesen, daß man sich nur wundern muß,
wenn es noch Menschen gibt, leichtgläubig genug, um dies nicht von andern,
nein, von sich selbst zu glauben. Und dennoch erleben wir hier wenigstens noch
einen solchen Propheten, der denn auch ganz in gewohnter Weise in hochmoralischen
Harnisch gerät, wenn andre Leute es ableugnen, daß irgendein einzelner
die endgültige Wahrheit letzter Instanz zu liefern imstande sei. Solche Leugnung,
ja schon der bloße Zweifel ist ein Schwächezustand, wüste Verworrenheit,
Nichtigkeit, aushöhlende Skepsis, schlimmer als der bloße Nihilismus,
wirres Chaos und was dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr sind. Wie bei allen
Propheten, wird nicht kritisch-wissenschaftlich untersucht und beurteilt, sondern
ohne weiteres moralisch verdonnert.
Wir hätten oben noch die Wissenschaften erwähnen können, die
die Gesetze des menschlichen Denkens untersuchen, also Logik und Dialektik. Hier
aber sieht es mit den ewigen Wahrheiten nicht besser aus. Die eigentliche Dialektik
erklärt Herr Dühring für reinen Widersinn, und die vielen Bücher,
die über Logik geschrieben worden sind und noch geschrieben werden, beweisen
zur Genüge, daß auch da die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz
viel dünner gesäet sind, als mancher glaubt.
Übrigens brauchen wir uns keineswegs darüber zu erschrecken, daß
die Erkenntnisstufe, auf der wir heute stehn, ebensowenig endgültig ist als
alle vorhergegangenen. Sie umfaßt schon ein ungeheures Material von Einsichten
und erfordert eine sehr große Spezialisierung der Studien für jeden,
der in irgendeinem Fach heimisch werden will. Wer aber den Maßstab echter,
unwandelbarer, endgültiger Wahrheit letzter Instanz an Erkenntnisse legt,
die der Natur der Sache nach entweder für lange Reihen von Generationen relativ
bleiben und stückweise vervollständigt werden müssen, oder gar
an solche, die, wie in Kosmogonie, Geologie, Menschheitsgeschichte schon wegen
der Mangelhaftigkeit des geschichtlichen Materials stets lückenhaft und unvollständig
bleiben werden - der beweist damit nur seine eigne Unwissenheit und Verkehrtheit,
selbst wenn nicht, wie hier, der Anspruch auf persönliche Unfehlbarkeit den
eigentlichen Hintergrund bildet. Wahrheit und Irrtum, wie alle sich in polaren
Gegensätzen bewegenden Denkbestimmungen, haben absolute Gültigkeit eben
nur für ein äußerst beschränktes Gebiet; wie wir das eben
gesehn haben, und wie auch Herr Dühring wissen würde, bei einiger Bekanntschaft
mit den ersten Elementen der Dialektik, die grade von der Unzulänglichkeit
aller polaren Gegensätze handeln. Sobald wir den Gegensatz von Wahrheit und
Irrtum außerhalb jenes oben bezeichneten engen
Gebiets anwenden, wird er relativ und damit für genaue wissenschaftliche
Ausdrucksweise unbrauchbar; versuchen wir aber, ihn außerhalb jenes Gebiets
als absolut gültig anzuwenden, so kommen wir erst recht in die Brüche;
die beiden Pole des Gegensatzes schlagen in ihr Gegenteil um, Wahrheit wird Irrtum
und Irrtum Wahrheit. Nehmen wir als Beispiel das bekannte Boylesche Gesetz, wonach
bei gleichbleibender Temperatur das Volumen der Gase sich umgekehrt verhält
wie der Druck, dem sie ausgesetzt sind. Regnault fand, daß dies Gesetz für
gewisse Fälle nicht zutraf. Wäre er nun ein Wirklichkeitsphilosoph gewesen,
so war er verpflichtet zu sagen: das Boylesche Gesetz ist wandelbar, also keine
echte Wahrheit, also überhaupt keine Wahrheit, also Irrtum. Damit hätte
er aber einen weit größeren Irrtum begangen, als der im Boyleschen
Gesetz enthaltene war; in einem Sandhaufen von Irrtum wäre sein Körnchen
Wahrheit verschwunden; er hätte also sein ursprünglich richtiges Resultat
zu einem Irrtum verarbeitet, gegen den das Boylesche Gesetz mitsamt dem bißchen
Irrtum, das an ihm klebte, als Wahrheit erschien. Regnault, als wissenschaftlicher
Mann, ließ sich aber auf dergleichen Kindereien nicht ein, sondern untersuchte
weiter und fand, daß das Boylesche Gesetz überhaupt nur annähernd
richtig ist, und besonders seine Gültigkeit verliert bei Gasen, die durch
Druck tropfbarflüssig gemacht werden können, und zwar sobald der Druck
sich dem Punkt nähert, wo die Tropfbarkeit eintritt. Das Boylesche Gesetz
erwies sich also als richtig nur innerhalb bestimmter Grenzen. Ist es aber absolut,
endgültig wahr innerhalb dieser Grenzen? Kein Physiker wird das behaupten.
Er wird sagen, daß es Gültigkeit hat innerhalb gewisser Druck- und
Temperaturgrenzen und für gewisse Gase; und er wird innerhalb dieser noch
enger gesteckten Grenzen die Möglichkeit nicht ausschließen einer noch
engeren Begrenzung oder veränderter Fassung durch künftige Untersuchungen(1).
So steht es also um die endgül tigen Wahrheiten
letzter Instanz, z.B. in der Physik. Wirklich wissenschaftliche Arbeiten vermeiden
daher regelmäßig solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irrtum
und Wahrheit, während diese uns überall entgegentreten in Schriften
wie die Wirklichkeitsphilosophie, wo leeres Hin- und Herreden uns als souveränstes
Resultat des souveränen Denkens sich aufdrängen will.
Aber, könnte ein naiver Leser fragen, wo hat denn Herr Dühring ausdrücklich
gesagt, daß der Inhalt seiner Wirklichkeitsphilosophie endgültige Wahrheit
sei, und zwar letzter Instanz? Wo? Nun, zum Beispiel in dem Dithyrambus auf sein
System (S. 13), den wir im II. Kapitel teilweise ausgezogen.
Oder wenn er in dem oben zitierten Satz sagt: Die moralischen
Wahrheiten, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, beanspruchen
eine ähnliche Geltung wie die Einsichten der Mathematik. Und behauptet nicht
Herr Dühring, von seinem wirklich kritischen Standpunkt aus und vermittelst
seiner bis an die Wurzeln reichenden Untersuchung bis zu diesen letzten Gründen,
den Grundschematen, vorgedrungen zu sein, also den moralischen Wahrheiten Endgültigkeit
letzter Instanz verliehen zu haben? Oder aber, wenn Herr Dühring diesen Anspruch
weder für sich noch für seine Zeit stellt, wenn er nur sagen will, daß
irgendeinmal in nebelgrauer Zukunft endgültige Wahrheiten letzter Instanz
festgestellt werden können, wenn er also ungefähr, nur konfuser, dasselbe
sagen will wie die »aushöhlende Skepsis« und »wüste Verworrenheit« -
ja dann, wozu der Lärm, was steht dem Herrn zu Diensten?
Wenn wir schon mit Wahrheit und Irrtum nicht weit vom Fleck kamen, so noch
viel weniger mit Gut und Böse. Dieser Gegensatz bewegt sich ausschließlich
auf moralischem, also auf einem der Menschengeschichte angehörigen Gebiet,
und hier sind die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz grade am dünnsten
gesäet. Von Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter haben die Vorstellungen
von Gut und Böse so sehr gewechselt, daß sie einander oft geradezu
widersprachen. - Aber, wird jemand einwerfen, Gut ist doch nicht Böse, und
Böse nicht Gut; wenn Gut und Böse zusammengeworfen werden, so hört
alle Moralität auf, und jeder kann tun und lassen, was er will. - dies ist
auch, aller Orakelhaftigkeit entkleidet, die Meinung des Herrn Dühring. Aber
so einfach erledigt sich die Sache doch nicht. Wenn das so einfach ginge, würde
ja über Gut und Böse gar kein Streit sein, würde jeder wissen,
was Gut und was Böse ist. Wie steht's aber heute? Welche Moral wird uns heute
gepredigt? Da ist zuerst die christlich-feudale,
aus frühern glaubten Zeiten überkommne, die sich wesentlich wieder in
eine katholische und protestantische teilt, wobei wieder Unterabteilungen von
der jesuitisch-katholischen und orthodox-protestantischen bis zur lax-aufgeklärten
Moral nicht fehlen. Daneben figuriert die modern-bürgerliche und neben dieser
wieder die proletarische Zukunftsmoral, so daß Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft allein in den fortgeschrittensten Ländern Europas drei große
Gruppen gleichzeitig und nebeneinander geltender Moraltheorien liefern. Welche
ist nun die wahre? Keine einzige, im Sinn absoluter Endgültigkeit; aber sicher
wird diejenige Moral die meisten, Dauer versprechenden, Elemente besitzen, die
in der Gegenwart die Umwälzung der Gegenwart, die Zukunft, vertritt, also
die proletarische.
Wenn wir nun aber sehn, daß die drei Klassen der modernen Gesellschaft,
die Feudalaristokratie, die Bourgeoisie und das Proletariat jede ihre besondre
Moral haben, so können wir daraus nur den Schluß ziehn, daß die
Menschen, bewußt oder unbewußt, ihre sittlichen Anschauungen in letzter
Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage
begründet ist - aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie
produzieren und austauschen.
Aber in den obigen drei Moraltheorien ist doch manches allen dreien gemeinsam
- wäre dies nicht wenigstens ein Stück der ein für allemal feststehenden
Moral? - Jene Moraltheorien vertreten drei verschiedne Stufen derselben geschichtlichen
Entwicklung, haben also einen gemeinsamen geschichtlichen Hintergrund, und schon
deshalb notwendig viel Gemeinsames. Noch mehr. Für gleiche oder annähernd
gleiche ökonomische Entwicklungsstufen müssen die Moraltheorien notwendig
mehr oder weniger übereinstimmen. Von dem Augenblick an, wo das Privateigentum
an beweglichen Sachen sich entwickelt hatte, mußte allen Gesellschaften,
wo dies Privateigentum galt, daß Moralgebot gemeinsam sein: Du sollst nicht
stehlen. Wird dies Gebot dadurch zum ewigen Moralgebot? Keineswegs. In einer Gesellschaft,
wo die Motive zum Stehlen beseitigt sind, wo also auf die Dauer nur noch höchstens
von Geisteskranken gestohlen werden kann, wie würde da der Moralprediger
ausgelacht werden, der feierlich die ewige Wahren proklamieren wollte: Du sollst
nicht stehlen!
Wir weisen demnach eine jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik
als ewiges, endgültiges, fernerhin unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen,
unter dem Vorwand, auch die moralische Welt habe ihre bleibenden Prinzipien, die
über der Geschichte und den Völkerverschiedenheiten stehn. Wir behaupten
dagegen, alle bisherige Moraltheorie sei das Erzeugnis, in letzter Instanz, der
jedesmaligen ökonomischen Gesellschaftslage.
Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war
die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und
die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte
Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und
die Zukunftsinteressen der Unterdrückten. Daß dabei im ganzen und großen
für die Moral sowohl, wie für alle andern Zweige der menschlichen Erkenntnis
ein Fortschritt zustande gekommen ist, daran wird nicht gezweifelt. Aber über
die Klassenmoral sind wir noch nicht hinaus. Eine über den Klassengegensätzen
und über der Erinnerung an sie stehende, wirklich menschliche Moral wird
erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, die den Klassengegensatz nicht
nur überwunden, sondern auch für die Praxis des Lebens vergessen hat.
Und nun ermesse man die Selbstüberheburg des Herrn Dühring, der mitten
aus der alten Klassengesellschaft heraus den Anspruch macht, am Vorabend einer
sozialen Revolution der künftigen, klassenlosen Gesellschaft eine ewige,
von der Zeit und den realen Veränderungen unabhängige Moral aufzuzwingen!
Vorausgesetzt selbst - was uns bis jetzt noch unbekannt -, daß er die Struktur
dieser künftigen Gesellschaft wenigstens in ihren Grundzügen verstehe.
Schließlich noch eine »von Grund aus eigentümliche«, aber darum
nicht weniger »bis an die Wurzeln reichende« Enthüllung: in Beziehung auf
den Ursprung des Bösen
»steht uns die Tatsache, daß der Typus der Katze mit der
zugehörigen Falschheit in einer Tierbildung vorhanden ist, mit dem Umstande
auf gleicher Stufe, daß sich eine ähnliche Charaktergestaltung auch
im Menschen vorfindet ... Das Böse ist daher nichts Geheimnisvolles, wenn
man nicht etwa Lust hat, auch in dem Dasein der Katze oder überhaupt
des Raubtiers etwas Mystisches zu wittern.«
Das Böse ist - die Katze. Der Teufel hat also keine Hörner und Pferdefuß,
sondern Krallen und grüne Augen. Und Goethe beging einen unverzeihlichen
Fehler, wenn er den Mephistopheles als schwarzen Hund, statt als ditto Katze einführt.
Das Böse ist die Katze! Das ist Moral, nicht nur für alle Welten, sondern
auch - für die Katze!
Wir haben die Methode des Herrn Dühring schon mehrfach kennengelernt.
Sie besteht darin, jede Gruppe von Erkenntnisgegenständen in ihre angeblichen
einfachsten Elemente zu zerlegen, auf diese Elemente ebenso einfache, angeblich
selbstverständliche Axiome anzuwenden, und mit den
so gewonnenen Resultaten weiter zu operieren. Auch eine Frage aus dem Bereich
des gesellschaftlichen Lebens
»ist an einzelnen einfachen Grundgestalten axiomatisch so zu entscheiden,
als wenn es sich um einfache ... Grundgestalten der Mathematik handelte«.
Und so soll die Anwendung der mathematischen Methode auf Geschichte, Moral
und Recht uns auch hier mathematische Gewißheit verschaffen für die
Wahrheit der erlangten Resultate, sie kennzeichnen als echte, unwandelbare Wahrheiten.
Es ist dies nur eine andere Wendung der alten beliebten, ideologischen, sonst
auch aprioristisch genannten Methode, die Eigenschaften eines Gegenstandes nicht
aus dem Gegenstand selbst zu erkennen, sondern sie aus dem Begriff des Gegenstandes
beweisend abzuleiten. Erst macht man sich aus dem Gegenstand den Begriff des Gegenstandes;
dann dreht man den Spieß um und mißt den Gegenstand an seinem Abbild,
dem Begriff. Nicht der Begriff soll sich nun nach dem Gegenstand, der Gegenstand
soll sich nach dem Begriff richten. Bei Herrn Dühring tun die einfachsten
Elemente, die letzten Abstraktionen, zu denen er gelangen kann, Dienst für
den Begriff, was an der Sache nichts ändert; diese einfachsten Elemente sind
im besten Fall rein begrifflicher Natur. Die Wirklichkeitsphilosophie erweist
sich also auch hier als pure Ideologie, Ableitung der Wirklichkeit nicht aus sich
selbst, sondern aus der Vorstellung.
Wenn nun ein solcher Ideolog die Moral und das Recht, statt aus den wirklichen
gesellschaftlichen Verhältnissen der ihn umgebenden Menschen, aus dem Begriff
oder den sogenannten einfachsten Elementen »der Gesellschaft« herauskonstruiert,
welches Material liegt dann vor für diesen Aufbau? Offenbar zweierlei: erstens
der dürftige Rest von wirklichem Inhalt, der noch in jenen zugrunde gelegten
Abstraktionen möglicherweise vorhanden ist, und zweitens der Inhalt, den
unser Ideolog aus seinem eignen Bewußtsein wieder hineinträgt. Und
was findet er vor in seinem Bewußtsein? Größtenteils moralische
und rechtliche Anschauungen, die ein mehr oder weniger entsprechender Ausdruck
- positiv oder negativ, bestätigend oder bekämpfend - der gesellschaftlichen
und politischen Verhältnisse sind, unter denen er lebt; ferner vielleicht
Vorstellungen, die der einschlägigen Literatur entlehnt sind: endlich möglicherweise
noch persönliche Schrullen. Unser Ideolog mag sich drehn und wenden, wie
er will, die historische Realität, die er zur Tür hinausgeworfen, kommt
zum Fenster wieder herein, und während er glaubt, eine Sitten- und Rechtslehre
für alle Welten und Zeiten zu entwerfen, verfertigt er in der Tat ein verzerrtes,
weil von seinem wirklichen Boden losgerissenes,
wie im Hohlspiegel auf den Kopf gestelltes Konterfei der konservativen oder revolutionären
Strömungen seiner Zeit.
Herr Dühring zerlegt also die Gesellschaft in ihre einfachsten Elemente
und findet dabei, daß die einfachste Gesellschaft mindestens aus zwei
Menschen besteht. Mit diesen zwei Menschen wird nun axiomatisch operiert. Und
da bietet sich ungezwungen das moralische Grundaxiom dar:
»Zwei menschliche Willen sind als solche einander völlig gleich,
und der eine kann dem andern zunächst positiv gar nichts zumuten.« Hiermit
ist die »Grundform der moralischen Gerechtigkeit gekennzeichnet«; und ebenfalls
die der juristischen, denn »zur Entwicklung der prinzipiellen Rechtsbegriffe bedürfen
wir nur das gänzlich einfache und elementare Verhältnis von zwei
Menschen«.
daß zwei Menschen oder zwei menschliche Willen als solche einander völlig
gleich sind, ist nicht nur kein Axiom, sondern sogar eine starke Übertreibung.
Zwei Menschen können zunächst, selbst als solche, ungleich sein nach
dem Geschlecht, und diese einfache Tatsache führt uns sofort darauf, daß
die einfachsten Elemente der Gesellschaft - wenn wir für einen Augenblick
auf die Kinderei eingehn - nicht zwei Männer sind, sondern ein Männlein
und ein Weiblein, die eine Familie stiften, die einfachste und erste Form
der Vergesellschaftung behufs der Produktion. Aber dies kann Herrn Dühring
keineswegs konvenieren. Denn einerseits müssen die beiden Gesellschaftsstifter
möglichst gleichgemacht werden, und zweitens brachte es selbst Herr Dühring
nicht fertig, aus der Urfamilie die moralische und rechtliche Gleichstellung von
Mann und Weib herauszukonstruieren. Also von zwei Dingen eins: entweder ist das
Dühringsche Gesellschaftsmolekül, aus dessen Vervielfachung sich die
ganze Gesellschaft aufbauen soll, von vornherein auf den Untergang angelegt, da
die beiden Männer unter sich nie ein Kind zustande bringen, oder aber wir
müssen sie uns als zwei Familienhäupter vorstellen. Und in diesem Fall
ist das ganze einfache Grundschema in sein Gegenteil verkehrt; statt der Gleichheit
der Menschen beweist es höchstens die Gleichheit der Familienhäupter,
und da die Weiber nicht gefragt werden, außerdem noch die Unterordnung der
Weiber.
Wir haben hier dem Leser die unangenehme Mitteilung zu machen, daß er
von nun an auf geraume Zeit diese beiden famosen Männer nicht wieder loswerden
wird. Sie spielen auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Verhältnisse eine
ähnliche Rolle, wie bisher die Bewohner anderer Weltkörper, mit denen
wir jetzt hoffentlich fertig sind. Gibt es eine Frage der Ökonomie, der Politik
usw. zu lösen, flugs marschieren die beiden Männer auf und machen die
Sache im Nu »axiomatisch« ab. Ausgezeichnete, schöpferische, systemschaffende
Entdeckung unseres Wirklichkeitsphilosophen: Aber
leider, wenn wir der Wahrheit die Ehre geben wollen, hat er die beiden Männer
nicht entdeckt. Sie sind dem ganzen 18. Jahrhundert gemein. Sie kommen schon vor
in Rousseaus Abhandlung über die Ungleichheit 1754, wo sie beiläufig
das Gegenteil von den Dühringschen Behauptungen axiomatisch beweisen. Sie
spielen eine Hauptrolle bei den politischen Ökonomen von Adam Smith bis Ricardo;
aber hier sind sie wenigstens darin ungleich, daß sie jeder ein verschiednes
Geschäft betreiben - meist der Jäger und der Fischer - und ihre Produkte
gegenseitig austauschen. Auch dienen sie im ganzen 18. Jahrhundert hauptsächlich
als bloßes erläuterndes Beispiel, und Herrn Dührings Originalität
besteht nur darin, daß er diese Beispielsmethode zur Grundmethode aller
Gesellschaftswissenschaft und zum Maßstab aller geschichtlichen Bildungen
erhebt, Leichter kann man sich die »strengwissenschaftliche Auffassung von Dingen
und Menschen« allerdings nicht machen.
Um das Grundaxiom fertigzubringen, daß zwei Menschen und ihre Willen
einander völlig gleich sind und keiner dem andern etwas zu befehlen hat,
dazu können wir noch keineswegs jede beliebigen zwei Männer gebrauchen.
Es müssen zwei Menschen sein, die so sehr von aller Wirklichkeit, von allen
auf der Erde vorkommenden nationalen, ökonomischen, politischen, religiösen
Verhältnissen, von allen geschlechtlichen und persönlichen Eigentümlichkeiten
befreit sind, daß von dem einen wie von dem andern nichts übrigbleibt
als der bloße Begriff: Mensch, und dann sind sie allerdings »völlig
gleich«. Sie sind also zwei vollständige Gespenster, beschworen von demselben
Herrn Dühring, der überall »spiritistische« Regungen wittert und denunziert.
Diese beiden Gespenster müssen natürlich alles tun, was ihr Beschwörer
von ihnen verlangt, und ebendeshalb sind ihre sämtlichen Kunstproduktionen
von der höchsten Gleichgültigkeit für die übrige Welt.
Doch verfolgen wir Herrn Dührings Axiomatik etwas weiter. Die beiden Willen
können der eine dem andern gar nichts positiv zumuten. Tut der eine dies
dennoch und setzt seine Zumutung mit Gewalt durch, so entsteht ein ungerechter
Zustand, und an diesem Grundschema erklärt Herr Dühring die Ungerechtigkeit,
die Vergewaltigung, die Knechtschaft, kurz die ganze bisherige verwerfliche Geschichte.
Nun hat schon Rousseau, in der oben angeführten Schrift, grade vermittelst
der beiden Männer das Gegenteil ebenso axiomatisch nachgewiesen, nämlich
daß von Zweien A den B nicht durch Gewalt knechten kann, sondern nur dadurch,
daß er den B in eine Lage versetzt, worin dieser den A nicht entbehren kann;
was für Herrn Dühring allerdings eine schon viel zu materialistische
Auffassung ist. Fassen wir also dieselbe Sache etwas anders. Zwei Schiffbrüchige
sind auf einer Insel allein und bilden eine Gesellschaft.
Ihre Willen sind formell völlig gleich, und dies ist von beiden anerkannt.
Aber materiell besteht eine große Ungleichheit. A ist entschlossen und energisch,
B unentschieden, träg und schlapp; A ist aufgeweckt, B ist dumm. Wie lange
dauert's, so nötigt A seinen Willen dem B erst durch Überredung, nachher
gewohnheitsmäßig, aber immer unter der Form der Freiwilligkeit, regelmäßig
auf? Ob die Form der Freiwilligkeit gewahrt oder mit Füßen getreten
wird, Knechtschaft bleibt Knechtschaft. Freiwilliger Eintritt in die Knechtschaft
geht durchs ganze Mittelalter, in Deutschland bis nach dem Dreißigjährigen
Krieg. Als in Preußen nach den Niederlagen von 1806 und 1807 die Hörigkeit
abgeschafft wurde und mit ihr die Verpflichtung der gnädigen Herrn, für
ihre Untertanen in Not, Krankheit und Alter zu sorgen, da petitionierten die Bauern
an den König, man möge sie doch in der Knechtschaft lassen - wer solle
sonst im Elend für sie sorgen? Es ist also das Schema der zwei Männer
auf die Ungleichheit und Knechtschaft ebensosehr »angelegt« wie auf die Gleichheit
und den gegenseitigen Beistand; und da wir sie, bei Strafe des Aussterbens, als
Familienhäupter annehmen müssen, so ist auch schon die erbliche Knechtschaft
darin vorgesehn.
Lassen wir indes alles das für einen Augenblick auf sich beruhn. Nehmen
wir an, Herrn Dührings Axiomatik habe uns überzeugt, und wir schwärmten
für die völlige Gleichberechtigung der beiden Willen, für die »allgemein
menschliche Souveränetät«, für die »Souveränetät des
Individuums« - wahre Prachtkolosse von Worten, gegen die Stirners »Einziger« mit
seinem Eigentum ein Stümper bleibt, obwohl auch er sein bescheidnes Teil
daran beanspruchen dürfte. Also wir sind jetzt alle völlig gleich
und unabhängig. Alle? Nein, doch nicht alle.
Es gibt auch »zulässige Abhängigkeiten«, aber diese erklären
sich »aus Gründen, die nicht in der Betätigung der beiden Willen als
solcher, sondern in einem dritten Gebiet, also z.B. Kindern gegenüber, in
der Unzulänglichkeit ihrer Selbstbestimmung zu suchen sind«.
in der Tat! Die Gründe der Abhängigkeit sind nicht in der Betätigung
der beiden Willen als solcher zu suchen! Natürlich nicht, denn die Betätigung
des einen Willens wird ja grade verhindert! Sondern in einem dritten Gebiet! Und
was ist dies dritte Gebiet? Die konkrete Bestimmtheit des einen unterdrückten
Willens als eines unzulänglichen! Soweit hat sich unser Wirklichkeitsphilosoph
von der Wirklichkeit entfernt, daß ihm, gegenüber der abstrakten und
inhaltslosen Redensart: Wille, der wirkliche Inhalt, die charakteristische Bestimmtheit
dieses Willens schon als ein »drittes Gebiet« gilt. Wie dem aber auch sei, wir
müssen konstatieren, daß die Gleichberechtigung
ihre Ausnahme hat. Sie gilt nicht für einen Willen, der mit der Unzulänglichkeit
der Selbstbestimmung behaftet ist. Rückzug Nr. 1.
Weiter:
»Wo die Bestie und der Mensch in einer Person gemischt sind, da kann
man im Namen einer zweiten, völlig menschlichen Person fragen, ob deren Handlungsweise
dieselbe sein dürfe, als wenn sich sozusagen nur menschliche Personen gegenüber
stehn ... es ist daher unsre Voraussetzung von zwei moralisch ungleichen Personen,
deren eine an dem eigentlichen Bestiencharakter in irgendeinem Sinne teilhat,
die typische Grundgestalt für alle Verhältnisse, welche diesem Unterschiede
gemäß in und zwischen den Menschengruppen ... vorkommen können.«
Und nun möge der Leser selbst die sich an diese verlegenen Ausflüchte
anschließende Jammerdiatribe nachsehn, in der Herr Dühring sich dreht
und windet wie ein Jesuitenpfaff, um kasuistisch festzustellen, wie weit der menschliche
Mensch gegen den bestialischen Menschen einschreiten, wie weit er Mißtrauen,
Kriegslist, scharfe, ja terroristische, ingleichen Täuschungsmittel gegen
ihn anwenden dürfe, ohne selbst der unwandelbaren Moral etwas zu vergeben.
Also auch wenn zwei Personen »moralisch ungleich« sind, hört die Gleichheit
auf. Dann war es aber gar nicht der Mühe wert, die beiden sich völlig
gleichen Männer heraufzubeschwören, denn es gibt gar keine zwei Personen,
die moralisch völlig gleich sind. - Die Ungleichheit soll aber darin bestehn,
daß die eine eine menschliche Person ist und die andre ein Stück Bestie
in sich trägt. Nun liegt es aber schon in der Abstammung des Menschen aus
dem Tierreich, daß der Mensch die Bestie nie völlig los wird, so daß
es sich also immer nur um ein Mehr oder Minder, um einen Unterschied des Grades
der Bestialität resp. Menschlichkeit handeln kann. Eine Einteilung der Menschen
in zwei scharf geschiedne Gruppen, in menschliche und Bestienmenschen, in Gute
und Böse, Schafe und Böcke, kennt außer der Wirklichkeitsphilosophie
nur noch das Christentum, das ganz konsequent auch seinen Weltrichter hat, der
die Scheidung vollzieht. Wer soll aber Weltrichter sein in der Wirklichkeitsphilosophie?
Es wird wohl hergehn müssen wie in der christlichen Praxis, wo die frommen
Schäflein das Amt des Weltrichters gegen ihre weltlichen Bocks-Nächsten
selbst, und mit bekanntem Erfolg, übernehmen. Die Sekte der Wirklichkeitsphilosophen,
wenn sie je zustande kommt, wird in dieser Beziehung den Stillen im Lande sicher
nichts nachgeben. Das kann uns indes gleichgültig sein; was uns interessiert,
ist das Eingeständnis, daß, infolge der moralischen Ungleichheit zwischen
den Menschen, es mit der Gleichheit wieder nichts ist. Rückzug Nr. 2.
Abermals weiter:
»Handelt der Eine nach Wahrheit und Wissenschaft, der andre aber nach
irgendeinem Aberglauben oder Vorurteil, so ... müssen in der Regel gegenseitige
Störungen eintreten ... Bei einem gewissen Grad von Unfähigkeit, Roheit
oder böser Charaktertendenz wird in allen Fällen ein Zusammenstoß
erfolgen müssen ... Es sind nicht bloß Kinder und Wahnsinnige, denen
gegenüber die Gewalt das letzte Mittel ist. Die Artung ganzer Naturgruppen
und Kulturklassen von Menschen kann die Unterwerfung ihres durch seine
Verkehrtheit feindlichen Wollens im Sinne der Zurückführung desselben
auf die gemeinschaftlichen Bindemittel zur unausweichlichen Notwendigkeit machen.
Der fremde Wille wird auch hier noch als gleichberechtigt erachtet; aber
durch die Verkehrtheit seiner verletzenden und feindlichen Betätigung hat
er eine Ausgleichung herausgefordert, und wenn er Gewalt erleidet, so erntet
er nur die Rückwirkung seiner eignen Ungerechtigkeit.«
Also nicht nur moralische, sondern auch geistige Ungleichheit reicht hin, um
die »völlige Gleichheit« der beiden Willen zu beseitigen und eine Moral herzustellen,
nach der alle Schandtaten zivilisierter Raubstaaten gegen zurückgebliebne
Völker, bis herab zu den Scheußlichkeiten der Russen in Turkestan sich
rechtfertigen lassen. Als General Kaufmann im Sommer 1873 den Tatarenstamm der
Jomuden überfallen, ihre Zelte verbrennen, ihre Weiber und Kinder »auf gut
kaukasisch«, wie der Befehl lautete, niedermetzeln ließ, behauptete er auch,
die Unterwerfung des durch seine Verkehrtheit feindlichen Wollens der Jomuden,
im Sinne der Zurückführung desselben auf die gemeinschaftlichen Bindemittel,
sei zur unausweichlichen Notwendigkeit geworden, und die von ihm angewandten Mittel
seien die zweckmäßigsten; wer aber den Zweck wolle, müsse auch
die Mittel wollen. Nur war er nicht so grausam, die Jomuden noch obendrein zu
verhöhnen und zu sagen, dadurch, daß er sie zur Ausgleichung massakriere,
achte er ihren Willen grade als gleichberechtigt. Und wieder sind es in diesem
Konflikt die Auserwählten, die angeblich nach Wahrheit und Wissenschaft Handelnden,
also in letzter Instanz die Wirklichkeitsphilosophen, die zu entscheiden haben,
was Aberglauben, Vorurteil, Roheit, böse Charaktertendenz und wann Gewalt
und Unterwerfung zur Ausgleichung nötig sind. Die Gleichheit ist also jetzt
- die Ausgleichung durch die Gewalt, und der zweite Wille wird vom ersten als
gleichberechtigt anerkannt durch Unterwerfung. Rückzug Nr. 3, der
hier schon in schimpfliche Flucht ausartet.
Beiläufig ist die Phrase, der fremde Wille werde grade in der Ausgleichung
durch Gewalt als gleichberechtigt erachtet, nur eine Verdrehung der Hegelschen
Theorie, wonach die Strafe das Recht des Verbrechers ist;
»daß die Strafe als
sein eignes Recht enthaltend angesehn wird, darin wird der Verbrecher als Vernünftiges
geehrt«. (Rechtsphilosophie, § 100, Anmerk.)
Hiermit können wir abbrechen. Es wird überflüssig sein, Herrn
Dühring in die stückweise Zerstörung seiner so axiomatisch aufgestellten
Gleichheit, allgemein menschlichen Souveränetät usw. noch weiter zu
folgen; zu beobachten, wie er zwar die Gesellschaft mit zwei Männern fertigbringt,
aber um den Staat herzustellen, noch einen dritten braucht, weil - um die Sache
kurz zu fassen - ohne diesen dritten keine Majoritätsbeschlüsse gefaßt
werden können, und ohne solche, also auch ohne Herrschaft der Majorität
über die Minorität, kein Staat bestehn kann; und wie er dann allmählich
in das ruhigere Fahrwasser der Konstruktion seines sozialitären Zukunftsstaates
einlenkt, wo wir ihn eines schönen Morgens aufzusuchen die Ehre haben werden.
Wir haben hinlänglich gesehn, daß die völlige Gleichheit der beiden
Willen nur so lange besteht, als diese beiden Willen nichts wollen; daß,
sobald sie aufhören, menschliche Willen als solche zu sein, und sich in wirkliche,
individuelle Willen, in die Willen von zwei wirklichen Menschen verwandeln, die
Gleichheit aufhört; daß Kindheit, Wahnsinn, sogenannte Bestienhaftigkeit,
angeblicher Aberglaube, behauptetes Vorurteil, vermutete Unfähigkeit auf
der einen, und eingebildete Menschlichkeit, Einsicht in die Wahrheit und Wissenschaft
auf der andern Seite, daß also jede Differenz in der Qualität der beiden
Willen und in derjenigen der sie begleitenden Intelligenz eine Ungleichheit rechtfertigt,
die sich bis zur Unterwerfung steigern kann; was verlangen wir noch mehr, nachdem
Herr Dühring sein eignes Gleichheitsgebäude so wurzelhaft von Grund
aus zertrümmert hat?
Wenn wir aber auch mit Herrn Dührings flacher und stümperhafter Behandlung
der Gleichheitsvorstellung fertig sind, so sind wir darum noch nicht fertig mit
dieser Vorstellung selbst, wie sie namentlich durch Rousseau eine theoretische,
in und seit der großen Revolution eine praktisch-politische, und auch heute
noch in der sozialistischen Bewegung fast aller Länder eine bedeutende agitatorische
Rolle spielt. Die Feststellung ihres wissenschaftlichen Gehalts wird auch ihren
Wert für die proletarische Agitation bestimmen.
Die Vorstellung, daß alle Menschen als Menschen etwas Gemeinsames haben,
und so weit dies Gemeinsame reicht, auch gleich sind, ist selbstverständlich
uralt. Aber hiervon ganz verschieden ist die moderne Gleichheitsforderung; diese
besteht vielmehr darin, aus jener gemeinschaftlichen Eigenschaft des Menschseins,
jener Gleichheit der Menschen als Menschen, den Anspruch auf gleiche politische
resp. soziale Geltung aller Menschen, oder doch
wenigstens aller Bürger eines Staats, oder aller Mitglieder einer Gesellschaft
abzuleiten. Bis aus jener ursprünglichen Vorstellung relativer Gleichheit
die Folgerung auf Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft gezogen werden,
bis sogar diese Folgerung als etwas Natürliches, Selbstverständliches
erscheinen konnte, darüber mußten Jahrtausende vergehn und sind Jahrtausende
vergangen. In den ältesten, naturwüchsigen Gemeinwesen konnte von Gleichberechtigung
höchstens unter den Gemeindemitgliedern die Rede sein; Weiber, Sklaven, Fremde
waren von selbst davon ausgeschlossen. Bei den Griechen und Römern galten
die Ungleichheiten der Menschen viel mehr als irgendwelche Gleichheit. Daß
Griechen und Barbaren, Freie und Sklaven, Staatsbürger und Schutzverwandte,
römische Bürger und römische Untertanen (um einen umfassenden Ausdruck
zu gebrauchen) einen Anspruch auf gleiche politische Geltung haben sollten, wäre
den Alten notwendig verrückt vorgekommen. Unter dem römischen Kaisertum
lösten sich alle diese Unterschiede allmählich auf, mit Ausnahme desjenigen
von Freien und Sklaven; es entstand damit, für die Freien wenigstens, jene
Gleichheit der Privatleute, auf deren Grundlage das römische Recht sich entwickelte,
die vollkommenste Ausbildung des auf Privateigentum beruhenden Rechts, die wir
kennen. Aber solange der Gegensatz von Freien und Sklaven bestand, konnte von
rechtlichen Folgerungen aus der allgemein menschlichen Gleichheit keine
Rede sein; wir sahen dies noch neuerdings in den Sklavenstaaten der nordamerikanischen
Union.
Das Christentum kannte nur eine Gleichheit aller Menschen, die der gleichen
Erbsündhaftigkeit, die ganz seinem Charakter als Religion der Sklaven und
Unterdrückten entsprach. Daneben kannte es höchstens die Gleichheit
der Auserwählten, die aber nur ganz im Anfang betont wurde. Die Spuren der
Gütergemeinschaft, die sich ebenfalls in den Anfängen der neuen Religion
vorfinden, lassen sich vielmehr auf den Zusammenhalt der Verfolgten zurückführen
als auf wirkliche Gleichheitsvorstellungen. Sehr bald machte die Festsetzung des
Gegensatzes von Priester und Laie auch diesem Ansatz von christlicher Gleichheit
ein Ende. - Die Überflutung Westeuropas durch die Germanen beseitigte für
Jahrhunderte alle Gleichheitsvorstellungen durch den allmählichen Aufbau
einer sozialen und politischen Rangordnung von so verwickelter Art, wie sie bisher
noch nicht bestanden hatte; aber gleichzeitig zog sie West- und Mitteleuropa in
die geschichtliche Bewegung, schuf zum erstenmal ein kompaktes Kulturgebiet, und
auf diesem Gebiet zum erstenmal ein System sich gegenseitig beeinflussender und
gegenseitig in Schach haltender, vorwiegend nationaler
Staaten. Damit bereitete sie den Boden vor, auf dem allein in späterer Zeit
von menschlicher Gleichgeltung, von Menschenrechten die Rede sein konnte.
Das feudale Mittelalter entwickelte außerdem in seinem Schoß die
Klasse, die berufen war, in ihrer weitern Ausbildung die Trägerin der modernen
Gleichheitsforderung zu werden: das Bürgertum. Anfangs selbst feudaler Stand,
hatte das Bürgertum die vorwiegend handwerksmäßige Industrie und
den Produktenaustausch innerhalb der feudalen Gesellschaft auf eine verhältnismäßig
hohe Stufe entwickelt, als mit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die
großen Entdeckungen zur See ihm eine neue, umfassendere Laufbahn eröffneten.
Der außereuropäische Handel, bisher nur zwischen Italien und der Levante
betrieben, wurde jetzt bis Amerika und Indien ausgedehnt und überflügelte
bald an Bedeutung sowohl den Austausch der einzelnen europäischen Länder
unter sich, wie den innern Verkehr eines jeden einzelnen Landes. Das amerikanische
Gold und Silber überflutete Europa und drang wie ein zersetzendes Element
in alle Lücken, Risse und Poren der feudalen Gesellschaft. Der handwerksmäßige
Betrieb genügte nicht mehr für den wachsenden Bedarf; in den leitenden
Industrien der fortgeschrittensten Länder wurde er ersetzt durch die Manufaktur.
Diesem gewaltigen Umschwung der ökonomischen Lebensbedingungen der Gesellschaft
folgte indes keineswegs sofort eine entsprechende Änderung ihrer politischen
Gliederung. Die staatliche Ordnung blieb feudal, während die Gesellschaft
mehr und mehr bürgerlich wurde. Der Handel auf großer Stufenleiter,
also namentlich der internationale, und noch mehr der Welthandel, fordert freie,
in ihren Bewegungen ungehemmte Warenbesitzer, die als solche gleichberechtigt
sind, die auf Grundlage eines, wenigstens an jedem einzelnen Ort, für sie
alle gleichen Rechts austauschen. Der Übergang vom Handwerk zur Manufaktur
hat zur Voraussetzung die Existenz einer Anzahl freier Arbeiter - frei einerseits
von Zunftfesseln und andrerseits von den Mitteln, um ihre Arbeitskraft selbst
zu verwerten -, die mit dem Fabrikanten wegen Vermietung ihrer Arbeitskraft kontrahieren
können, also ihm als Kontrahenten gleichberechtigt gegenüberstehn. Und
endlich fand die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller menschlichen Arbeiten,
weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind |siehe Karl
Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 74|, ihren unbewußten aber stärksten Ausdruck im Wertgesetz
der modernen bürgerlichen Ökonomie, wonach der Wert einer Ware gemessen
wird durch die in ihr enthaltene gesellschaftlich
notwendige Arbeit(2). - Wo aber
die ökonomischen Verhältnisse Freiheit und Gleichberechtigung forderten,
setzte ihnen die politische Ordnung Zunftfesseln und Sonderprivilegien auf jedem
Schritt entgegen. Lokalvorrechte, Differentialzölle, Ausnahmsgesetze aller
Art trafen im Handel nicht nur den Fremden oder Kolonialbewohner, sondern oft
genug auch ganze Kategorien der eignen Staatsangehörigen; zünftige Privilegien
lagerten sich überall und immer von neuem der Entwicklung der Manufaktur
quer über den Weg. Nirgendwo war die Bahn frei und die Chancen für die
bürgerlichen Wettläufer gleich - und doch war dies die erste und immer
dringlichere Forderung.
Die Forderung der Befreiung von feudalen Fesseln und der Herstellung der Rechtsgleichheit
durch Beseitigung der feudalen Ungleichheiten, sobald sie erst durch den ökonomischen
Fortschritt der Gesellschaft auf die Tagesordnung gesetzt war, mußte bald
größere Dimensionen annehmen. Stellte man sie im Interesse der Industrie
und des Handels, so mußte man dieselbe Gleichberechtigung fordern für
die große Menge der Bauern, die in allen Stufen der Knechtschaft, von der
vollen Leibeigenschaft an, den größten Teil ihrer Arbeitszeit unentgeltlich
dem gnädigen Feudalherrn darbringen und außerdem noch zahllose Abgaben
an ihn und den Staat entrichten mußten. Man konnte andrerseits nicht umhin
zu verlangen, daß ebenfalls die feudalen Bevorzugungen, die Steuerfreiheit
des Adels, die politischen Vorrechte der einzelnen Stände aufgehoben würden.
Und da man nicht mehr in einem Weltreich lebte, wie das römische gewesen,
sondern in einem System unabhängiger, miteinander auf gleichem Fuß
verkehrender Staaten von annähernd gleicher Höhe der bürgerlichen
Entwicklung, so verstand es sich von selbst, daß die Forderung einen allgemeinen,
über den einzelnen Staat hinausgreifenden Charakter annahm, daß Freiheit
und Gleichheit proklamiert wurden als Menschenrechte. Wobei es für
den spezifisch bürgerlichen Charakter dieser Menschenrechte bezeichnend ist,
daß die amerikanische Verfassung, die erste, welche die Menschenrechte anerkennt,
in demselben Atem die in Amerika bestehende Sklaverei der Farbigen bestätigt:
die Klassenvorrechte werden geächtet, die Racenvorrechte geheiligt.
Bekanntlich wird indes die Bourgeoisie, von dem Augenblick an, wo sie sich
aus dem feudalen Bürgertum entpuppt, wo der mittelalterliche Stand in eine
moderne Klasse übergeht, stets und unvermeidlich begleitet von ihrem
Schatten, dem Proletariat. Und ebenso werden die bürgerlichen Gleichheitsforderungen
begleitet von proletarischen Gleichheitsforderungen. Von dem Augenblick an, wo
die bürgerliche Forderung der Abschaffung der Klassenvorrechte gestellt
wird, tritt neben sie die proletarische Forderung der Abschaffung der Klassen
selbst - zuerst in religiöser Form, in Anlehnung an das Urchristentum,
später gestützt auf die bürgerlichen Gleichheitstheorien selbst.
Die Proletarier nehmen die Bourgeoisie beim Wort: die Gleichheit soll nicht bloß
scheinbar, nicht bloß auf dem Gebiet des Staats, sie soll auch wirklich,
auch auf dem gesellschaftlichen, ökonomischen Gebiet durchgeführt werden.
Und namentlich seit die französische Bourgeoisie, von der großen Revolution
an, die bürgerliche Gleichheit in den Vordergrund gestellt hat, hat ihr das
französische Proletariat Schlag auf Schlag geantwortet mit der Forderung
sozialer, ökonomischer Gleichheit, ist die Gleichheit der Schlachtruf speziell
des französischen Proletariats geworden.
Die Gleichheitsforderung im Munde des Proletariats hat somit eine doppelte
Bedeutung. Entweder ist sie - und dies ist namentlich in den ersten Anfängen,
z.B. im Bauernkrieg, der Fall - die naturwüchsige Reaktion gegen die schreienden
sozialen Ungleichheiten, gegen den Kontrast von Reichen und Armen, von Herren
und Knechten, von Prassern und Verhungernden; als solche ist sie einfach Ausdruck
des revolutionären Instinkts und findet darin, und auch nur darin, ihre Rechtfertigung.
Oder aber, sie ist entstanden aus der Reaktion gegen die bürgerliche Gleichheitsforderung,
zieht mehr oder weniger richtige, weitergehende Forderungen aus dieser, dient
als Agitationsmittel, um die Arbeiter mit den eignen Behauptungen der Kapitalisten
gegen die Kapitalisten aufzuregen, und in diesem Fall steht und fällt sie
mit der bürgerlichen Gleichheit selbst. In beiden Fällen ist der wirkliche
Inhalt der proletarischen Gleichheitsforderung die Forderung der Abschaffung
der Klassen. Jede Gleichheitsforderung, die darüber hinausgeht, verläuft
notwendig ins Absurde. Wir haben Beispiele davon gegeben und werden ihrer noch
genug finden, wenn wir zu den Zukunftsphantasien des Herrn Dühring kommen.
Somit ist die Vorstellung der Gleichheit, sowohl in ihrer bürgerlichen
wie in ihrer proletarischen Form, selbst ein geschichtliches Produkt, zu deren
Hervorbringung bestimmte geschichtliche Verhältnisse notwendig waren, die
selbst wieder eine lange Vorgeschichte voraussetzen. Sie ist also alles, nur keine
ewige Wahrheit. Und wenn sie sich heute für das große Publikum - im
einen oder im andern Sinn - von selbst versteht, wenn sie, wie Marx sagt, »bereits
die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt«
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 74| so ist das nicht Wirkung
ihrer axiomatischen Wahrheit, sondern Wirkung der allgemeinen Verbreitung und
der andauernden Zeitgemäßheit der Ideen des achtzehnten Jahrhunderts.
Wenn also Herr Dühring seine berühmten beiden Männer so ohne weiteres
auf dem Boden der Gleichheit kann wirtschaften lassen, so kommt dies daher, daß
dem Volksvorurteil dies ganz natürlich vorkommt. Und in der Tat, Herr Dühring
nennt seine Philosophie die natürliche, weil sie von lauter Dingen
ausgeht, die ihm ganz natürlich vorkommen. Warum aber sie ihm natürlich
vorkommen - danach fragt er freilich nicht.
»Für das politische und juristische Gebiet liegen den in diesem
Kursus ausgesprochenen Grundsätzen die eindringendsten Fachstudien zugrunde.
Man wird daher ... davon ausgehn müssen, daß es sich hier ... um die
konsequente Darstellung der Ergebnisse des juristischen und staatswissenschaftlichen
Gebiets gehandelt hat. Mein ursprüngliches Fachstudium war grade die Jurisprudenz,
und ich habe derselben nicht nur die gewöhnlichen drei Jahre der theoretischen
Universitätsvorbereitung, sondern auch während neuer drei Jahre gerichtlicher
Praxis noch ein fortgesetztes, besonders auf die Vertiefung ihres wissenschaftlichen
Gehalts gerichtetes Studium gewidmet ... Auch würde sicherlich die
Kritik der Privatrechtsverhältnisse und der entsprechenden juristischen Unzulänglichkeiten
nicht mit gleicher Zuversicht haben auftreten können, wenn sie sich
nicht bewußt gewesen wäre, überall die Schwächen des Faches
ebensogut wie dessen stärkere Seiten zu kennen.«
Ein Mann, der so von sich selbst zu sprechen berechtigt ist, muß von
vornherein Vertrauen einflößen, besonders gegenüber dem
»einstigen, eingestandnermaßen vernachlässigten Rechtsstudium
des Herrn Marx«.
Wundern muß es uns deshalb, daß die mit solcher Zuversicht auftretende
Kritik der Privatrechtsverhältnisse sich darauf beschränkt, uns
zu erzählen, daß es
»mit der Wissenschaftlichkeit der Jurisprudenz nicht weit her« ist,
daß das positive bürgerliche Recht das Unrecht ist, indem es das Gewalteigentum
sanktioniert, und daß der »Naturgrund« des Kriminalrechts die Rache
ist -
eine Behauptung, an der nur die mystische Verkleidung in den »Naturgrund« allenfalls
neu ist. Die staatswissenschaftlichen Ergebnisse beschränken sich auf die
Verhandlungen der bewußten drei Männer, von denen der
eine die andern bisher vergewaltigt, und wobei Herr Dühring alles Ernstes
untersucht, ob es der zweite oder der dritte ist, der die Gewalt und die Knechtschaft
zuerst eingeführt hat.
Verfolgen wir indes die eindringendsten Fachstudien und die durch dreijährige
gerichtliche Praxis vertiefte Wissenschaftlichkeit unsres zuversichtlichen Juristen
etwas weiter.
Von Lassalle erzählt uns Herr Dühring, er sei
»wegen der Veranlassung des Versuchs zum Diebstahl einer Kassette« in
Anklagezustand versetzt worden, »ohne daß jedoch eine gerichtliche Verurteilung
zu verzeichnen gewesen wäre, indem die damals noch mögliche sogenannte
Freisprechung von der Instanz Platz griff ... diese halbe Freisprechung«.
Der Prozeß Lassalles, von dem hier die Rede ist, wurde verhandelt im
Sommer 1948 vor den Assisen zu Köln, wo, wie fast in der ganzen Rheinprovinz,
das französische Strafrecht in Kraft war. Nur für politische Vergehen
und Verbrechen war das preußische Landrecht ausnahmsweise eingeführt
gewesen, aber schon im April 1848 wurde diese Ausnahmsbestimmung durch Camphausen
wieder beseitigt. Das französische Recht kennt durchaus nicht die liederliche
preußische Landrechtskategorie einer »Veranlassung« zu einem Verbrechen,
geschweige der Veranlassung des Versuchs eines Verbrechens. Es kennt nur Anreizung
zum Verbrechen, und diese, um strafbar zu sein, muß geschehn »durch
Geschenke, Versprechungen, Drohungen, Mißbrauch des Ansehns oder der Gewalt,
listige Anstiftungen oder sträfliche Kunstgriffe« (Code pénal, art.
60). Das in das preußische Landrecht vertiefte öffentliche Ministerium
übersah, ganz wie Herr Dühring, den wesentlichen Unterschied zwischen
der scharf bestimmten französischen Vorschrift und der verschwommenen landrechtlichen
Unbestimmtheit, machte Lassalle einen Tendenzprozeß und fiel glänzend
durch. Denn die Behauptung, als kenne der französische Strafprozeß
die preußische landrechtliche Freisprechung von der Instanz, diese halbe
Freisprechung, kann nur jemand wagen, der auf dem Gebiet des französischen
modernen Rechts ein vollständiger Ignorant ist; dies Recht kennt im Strafprozeß
nur Verurteilung oder Freisprechung, kein Mittelding.
Somit sind wir im Falle sagen zu müssen, daß Herr Dühring
sicherlich nicht mit gleicher Zuversicht diese »Geschichtszeichnung großen
Stils« an Lassalle hätte verüben können, wenn er den Code Napoléon
jemals in der Hand gehabt hätte. Wir müssen also konstatieren, daß
Herrn Dühring das einzige modern-bürgerliche, auf den gesellschaftlichen
Errungenschaften der großen französischen Revolution ruhende und sie
ins Juristische übersetzende Gesetzbuch,
das moderne französische Recht, gänzlich unbekannt ist.
Anderswo, bei der Kritik der nach französischem Muster auf dem ganzen
Kontinent eingeführten, nach Stimmenmehrheit entscheidenden Geschwornengerichte,
werden wir belehrt:
»Ja, man wird sich sogar mit dem, übrigens nicht einmal
geschichtlich beispiellosen Gedanken vertraut machen können, daß eine
Verurteilung mit Widerspruch der Stimmen in einem vollkommnen Gemeinwesen
zu den unmöglichen Institutionen gehören sollte ... Jedoch muß
diese ernste und tief geistige Auffassungsart, wie schon oben angedeutet,
für die überlieferten Gebilde darum als unpassend erscheinen, weil sie
für dieselben zu gut ist.«
Es ist Herrn Dühring abermals unbekannt, daß die Einstimmigkeit
der Geschwornen nicht nur bei strafrechtlichen Verurteilungen, sondern auch bei
Urteilen in bürgerlichen Prozessen unumgänglich notwendig ist nach dem
englischen gemeinen Recht, d.h. dem ungeschriebnen Gewohnheitsrecht, das seit
unvordenklicher Zeit in Kraft steht, also mindestens seit dem vierzehnten Jahrhundert.
Die ernste und tiefgeistige Auffassungsart, die nach Herrn Dühring für
die heutige Welt zu gut ist, hat in England also gesetzliche Geltung gehabt
schon im dunkelsten Mittelalter, und ist von England nach Irland, nach den Vereinigten
Staaten Amerikas und nach allen englischen Kolonien übergeführt worden,
ohne daß die eindringendsten Fachstudien dem Herrn Dühring auch nur
ein Sterbenswörtchen davon verraten hätten! Das Gebiet der Geschwornen-Einstimmigkeit
ist also nicht nur unendlich groß gegenüber dem winzigen Geltungsbereich
des preußischen Landrechts, es ist auch ausgedehnter als alle die Gebiete
zusammengenommen, auf denen die Geschwornen-Mehrheit entscheidet. Nicht nur, daß
Herrn Dühring das einzige moderne, das französische Recht total unbekannt
ist, er ist auch ebenso unwissend in Beziehung auf das einzige germanische Recht,
das sich unabhängig von römischer Autorität bis auf die heutige
Zeit fortentwickelt und auf alle Weltteile ausgebreitet hat - das englische Recht.
Und warum nicht? Denn die englische Art der juristischen Denkweise
»würde doch angesichts der auf deutschem Boden bewerkstelligten
Schulung in den reinen Begriffen der klassischen römischen Juristen nicht
standhalten«,
sagt Herr Dühring, und ferner sagt er:
»was ist die englisch-redende Welt mit ihrer kinderhaften Gemengselsprache
unserer urwüchsigen Sprachgestaltung gegenüber?«
Worauf wir nur mit Spinoza antworten können:
Ignorantia non est argumentum, die Unwissenheit ist kein Beweisgrund.
Wir können hiernach zu keinem andern Schlußergebnis kommen, als
daß Herrn Dührings eindringendste Fachstudien darin bestanden, daß
er drei Jahre theoretisch in das Corpus juris und weitere drei Jahre praktisch
in das edle preußische Landrecht sich vertieft hat. Es ist das sicherlich
auch schon ganz verdienstlich und genügend für einen recht achtungswerten
altpreußischen Kreisrichter oder Advokaten. Wenn man aber eine Rechtsphilosophie
für alle Welten und Zeiten zu verfassen unternimmt, so sollte man doch auch
einigermaßen Bescheid wissen in den Rechtsverhältnissen von Nationen
wie die Franzosen, Engländer und Amerikaner, Nationen, die eine ganz andre
Rolle in der Geschichte gespielt haben als der Winkel von Deutschland, wo das
preußische Landrecht floriert. Doch sehn wir weiter zu.
»Die bunte Mischung von Orts-, Provinzial- und Landesrechten, die sich
in sehr willkürlicher Weise bald als Gewohnheitsrecht, bald als geschriebnes
Gesetz, oft unter Einkleidung der wichtigsten Angelegenheiten in reine Statutarform,
in den verschiedensten Richtungen kreuzen - diese Musterkarte von Unordnung und
Widerspruch, auf welcher die Einzelheiten das Allgemeine, und dann gelegentlich
wiederum die Allgemeinheiten das Besondre hinfällig machen, ist wahrlich
nicht geeignet, ein klares Rechtsbewußtsein bei irgend jemand ... möglich
zu machen.«
Wo aber herrscht dieser verworrene Zustand? Wieder im Geltungsbereich des preußischen
Landrechts, wo neben, über oder unter diesem Landrecht Provinzialrechte,
Ortsstatuten, hier und da auch gemeines Recht und andrer Quark die verschiedensten
relativen Abstufungen von Gültigkeit haben und bei allen praktischen Juristen
jenen Notschrei hervorrufen, den Herr Dühring hier so sympathisch wiederholt.
Er braucht gar nicht sein geliebtes Preußen zu verlassen, er darf nur an
den Rhein kommen, um sich zu überzeugen, daß dort von alledem seit
siebzig Jahren keine Rede mehr ist - von andern zivilisierten Ländern gar
nicht zu reden, wo dergleichen veraltete Zustände längst beseitigt sind.
Ferner:
»in einer weniger schroffen Art tritt die Verschleierung der natürlichen
individuellen Verantwortlichkeit durch die geheimen und hiermit anonymen Kollektivurteile
und Kollektivhandlungen von Kollegien oder sonstigen Behördeneinrichtungen
hervor, die den persönlichen Anteil eines jeden Mitglieds maskieren.«
Und an einer andern Stelle:
»in unserm heutigen zustande wird es als eine überraschende
und äußerst strenge Forderung gelten,
wenn man von der Verhüllung und Deckung der Einzelverantwortlichkeit durch
Kollegien nichts wissen will.«
Vielleicht wird es für Herrn Dühring als eine überraschende
Mitteilung gelten, wenn wir ihm sagen, daß im Gebiet des englischen Rechts
jedes Mitglied des Richterkollegiums sein Urteil in öffentlicher Sitzung
einzeln abzugeben und zu begründen hat; daß die Verwaltungskollegien,
soweit sie nicht gewählt sind und öffentlich verhandeln und abstimmen,
eine vorzugsweise preußische Einrichtung und in den meisten übrigen
Ländern unbekannt sind, und daß daher seine Forderung für überraschend
und äußerst streng eben nur gelten kann - in Preußen.
Ebenso treffen seine Klagen über die Zwangseinmischungen der Religionspraktiken
bei Geburt, Ehe, Tod und Bestattung von allen größern zivilisierten
Ländern nur Preußen, und seit Einführung der Zivilstandsregister
auch dies nicht mehr. Was Herr Dühring nur vermittelst eines »sozialitären«
Zukunftszustandes fertig bringt, hat sogar Bismarck inzwischen durch ein einfaches
Gesetz erledigt. - Nicht anders wird in der »Klage der mangelhaften Ausstattung
der Juristen für ihren Beruf«, eine Klage, die sich auch auf die »Verwaltungsbeamten«
ausdehnen läßt, eine spezifisch preußische Jeremiade angestimmt;
und selbst der bis ins Lächerliche übertriebne Judenhaß, den Herr
Dühring bei jeder Gelegenheit zur Schau trägt, ist eine, wo nicht spezifisch
preußische, so doch spezifisch ostelbische Eigenschaft. Derselbe Wirklichkeitsphilosoph,
der auf alle Vorurteile und Superstitionen souverän herabsieht, steckt selbst
so tief in persönlichen Marotten, daß er das aus der Bigotterie des
Mittelalters überkommne Volksvorurteil gegen die Juden ein auf »Naturgründen«
beruhendes »Natururteil« nennt und sich bis zu der pyramidalen Behauptung versteigt:
»der Sozialismus ist die einzige Macht, welche Bevölkerungszuständen
mit stärkerer jüdischer Untermischung« (Zustände mit jüdischer
Untermischung! welches Naturdeutsch!) »die Spitze bieten kann.«
Genug. Die Großprahlerei mit der juristischen Gelahrtheit hat zum Hintergrund
- im besten Falle - die allerordinärsten Fachkenntnisse eines ganz gewöhnlichen
altpreußischen Juristen. Das juristische und staatswissenschaftliche Gebiet,
dessen Ergebnisse uns Herr Dühring konsequent darstellt, »deckt sich« mit
dem Geltungsbereich des preußischen Landrechts. Außer dem jedem Juristen,
jetzt selbst in England so ziemlich geläufigen römischen Recht, beschränken
sich seine juristischen Kenntnisse einzig und allein auf das preußische
Landrecht, jenes Gesetzbuch des aufgeklärten patriarchalischen Despotismus,
das in einem Deutsch geschrieben ist, als wäre Herr Dühring dort in
die Schule gegangen, und das mit seinen Moralglossen,
seiner juristischen Unbestimmtheit und Haltlosigkeit, seinen Stockprügeln
als Tortur- und Strafmittel noch ganz der vorrevolutionären Zeit angehört.
Was darüber ist, das ist für Herrn Dühring vom Übel - sowohl
das modern-bürgerliche französische Recht wie das englische Recht mit
seiner ganz eigenartigen Entwicklung und seiner auf dem ganzen Kontinent unbekannten
Sicherung der persönlichen Freiheit. Die Philosophie, welche »keinen bloß
scheinbaren Horizont gelten läßt, sondern in mächtig umwälzender
Bewegung alle Erden und Himmel der äußern und innern Natur aufrollt«
- sie hat zu ihrem wirklichen Horizont - die Grenzen der sechs altpreußischen
Ostprovinzen und allenfalls noch der paar sonstigen Landfetzen, wo das edle Landrecht
gilt; und jenseits dieses Horizonts rollt sie weder Erden noch Himmel, weder äußere
noch innere Natur auf, sondern nur das Gemälde der krassesten Unwissenheit
über das, was in der übrigen Welt vorgeht.
Man kann nicht gut von Moral und Recht handeln, ohne auf die Frage vom sogenannten
freien Willen, von der Zurechnungsfähigkeit des Menschen, von dem Verhältnis
von Notwendigkeit und Freiheit zu kommen. Auch die Wirklichkeitsphilosophie hat
nicht nur eine, sondern sogar zwei Lösungen für diese Frage.
»An die Stelle aller falschen Freiheitstheorien hat man die erfahrungsmäßige
Beschaffenheit des Verhältnisses zu setzen, in welchem sich rationelle Einsicht
auf der einen und triebförmige Bestimmungen auf der andern Seite gleichsam
zu einer Mittelkraft vereinigen. Die Grundtatsachen dieser Art von Dynamik sind
aus der Beobachtung zu entnehmen, und für die Vorausbemessung des noch nicht
erfolgten Geschehns auch, so gut es gehen will, im allgemeinen nach Art
und Größe zu veranschlagen. Hierdurch werden die albernen Einbildungen
über die innere Freiheit, an denen Jahrtausende genagt und gezehrt haben,
nicht nur gründlich weggeräumt, sondern auch durch etwas Positives ersetzt,
was sich für die praktische Einrichtung des Lebens brauchen läßt.«
Danach besteht die Freiheit dann, daß die rationelle Einsicht den Menschen
nach rechts, die irrationellen Triebe ihn nach links zerren, und bei diesem Parallelogramm
der Kräfte die wirkliche Bewegung in der Richtung der Diagonale erfolgt.
Die Freiheit wäre also der Durchschnitt zwischen Einsicht und Trieb, Verstand
und Unverstand, und ihr Grad wäre bei jedem einzelnen erfahrungsmäßig
festzustellen durch eine »persönliche Gleichung«, um einen astronomischen
Ausdruck zu gebrauchen. Aber wenige Seiten später heißt es:
»Wir gründen die moralische Verantwortlichkeit auf die Freiheit,
die uns jedoch weiter nichts bedeutet als die Empfänglichkeit für bewußte
Beweggründe nach Maß gabe des natürlichen
und erworbnen Verstandes. Alle solche Beweggründe wirken trotz der Wahrnehmung
des möglichen Gegensatzes in den Handlungen mit unausweichlicher Naturgesetzmäßigkeit;
aber grade auf diese unumgängliche Nötigung zählen wir, indem wir
die moralischen Hebel ansetzen.«
Diese zweite Bestimmung der Freiheit, die der ersten ganz ungeniert ins Gesicht
schlägt, ist wieder nichts als eine äußerste Verflachung der Hegelschen
Auffassung. Hegel war der erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit
richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit.
»Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen
wird.« Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen
liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit
gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken
zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern
Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des
Menschen selbst regeln - zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in
der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können.
Freiheit des Willens heißt daher nichts andres als die Fähigkeit, mit
Sachkenntnis entscheiden zu können. Je freier also das Urteil eines
Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer
Notwendigkeit wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein; während
die auf Unkenntnis beruhende Unsicherheit, die zwischen vielen verschiednen und
widersprechenden Entscheidungsmöglichkeiten scheinbar willkürlich wählt,
eben dadurch ihre Unfreiheit beweist, ihr Beherrschtsein von dem Gegenstande,
den sie grade beherrschen sollte. Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis
der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und
über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der
geschichtlichen Entwicklung. Die ersten, sich vom Tierreich sondernden Menschen
waren in allem Wesentlichen so unfrei wie die Tiere selbst; aber jeder Fortschritt
in der Kultur war ein Schritt zur Freiheit. An der Schwelle der Menschheitsgeschichte
steht die Entdeckung der Verwandlung von mechanischer Bewegung in Wärme:
die Erzeugung des Reibfeuers; am Abschluß der bisherigen Entwicklung steht
die Entdeckung der Verwandlung von Wärme in mechanische Bewegung: die Dampfmaschine.
- Und trotz der riesigen befreienden Umwälzung, die die Dampfmaschine in
der gesellschaftlichen Weit vollzieht - sie ist noch nicht halb vollendet -, ist
es doch unzweifelhaft, daß das Reibfeuer sie an weltbefreiender Wirkung
noch übertrifft. Denn das Reibfeuer gab dem Menschen zum
erstenmal die Herrschaft über eine Naturkraft und trennte ihn damit endgültig
vom Tierreich. Die Dampfmaschine wird nie einen so gewaltigen Sprung in der Menschheitsentwicklung
zustande bringen, sosehr sie uns auch als Repräsentantin aller jener, an
sie sich anlehnenden gewaltigen Produktivkräfte gilt, mit deren Hülfe
allein ein Gesellschaftszustand ermöglicht wird, worin es keine Klassenunterschiede,
keine Sorgen um die individuellen Existenzmittel mehr gibt, und worin von wirklicher
menschlicher Freiheit, von einer Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen,
zum ersten mal die Rede sein kann. Wie jung aber noch die ganze Menschengeschichte
und wie lächerlich es wäre, unsern jetzigen Anschauungen irgendwelche
absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen, geht aus der einfachen Tatsache
hervor, daß die ganze bisherige Geschichte sich bezeichnen läßt
als Geschichte des Zeitraums von der praktischen Entdeckung der Verwandlung von
mechanischer Bewegung in Wärme bis zu derjenigen der Verwandlung von Wärme
in mechanische Bewegung.
Bei Herrn Dühring wird die Geschichte freilich anders behandelt. Im allgemeinen
ist sie als Geschichte der Irrtümer, der Unwissenheit und Roheit, der Vergewaltigung
und Knechtung ein die Wirklichkeitsphilosophie anwidernder Gegenstand, im besondern
jedoch teilt sie sich in zwei große Abschnitte, nämlich 1. von dem
sich selbst gleichen Zustand der Materie bis auf die französische Revolution,
und 2. von der französischen Revolution bis auf Herrn Dühring; und dabei
bleibt das 19. Jahrhundert
»noch wesentlich reaktionär, ja es ist es (?) in geistiger Beziehung
noch mehr als das 18.«, wobei es jedoch den Sozialismus in seinem Schoß
trägt, und damit »den Keim einer gewaltigeren Umschaffung als sie von den
Vorläufern und den Heroen der französischen Revolution erdacht (!) wurde«.
Die wirklichkeitsphilosophische Verachtung gegen die bisherige Geschichte rechtfertigt
sich wie folgt:
»Die wenigen Jahrtausende, für welche eine historische Rückerinnerung
durch ursprüngliche Aufzeichnungen vermittelt wird, haben mit ihrer bisherigen
Menschheitsverfassung nicht viel zu bedeuten, wenn man an die Reihe der
kommenden Jahrtausende denkt ... Das Menschengeschlecht ist als Ganzes noch sehr
jung, und wenn einst die wissenschaftliche Rückerinnerung mit Zehntausenden
statt mit Tausenden von Jahren zu rechnen hat, wird die geistig unreife Kindheit
unserer Institutionen eine selbstverständliche Voraussetzung über unsre
alsdann als Uraltertum gewürdigte Zeit unbestrittene Geltung haben.«
Ohne uns bei der in der Tat »urwüchsigen Sprachgestaltung« des letzten
Satzes länger aufzuhalten, bemerken wir nur zweierlei: Erstens, daß
dies »Uraltertum« unter allen Umständen ein Geschichtsabschnitt von höch stem Interesse für alle künftigen Generationen
bleiben wird, weil es die Grundlage aller spätern höhern Entwicklung
bildet, weil es die Herausbildung des Menschen aus dem Tierreich zum Ausgangspunkt,
und zum Inhalt die Überwindung von solchen Schwierigkeiten hat, wie sie sich
den zukünftigen assoziierten Menschen nie wieder entgegenstellen werden.
Und zweitens, daß der Abschluß dieses Uraltertums, demgegenüber
die künftigen, nicht mehr durch diese Schwierigkeiten und Hindernisse aufgehaltenen
Geschichtsperioden ganz andre wissenschaftliche, technische und gesellschaftliche
Erfolge versprechen, ein jedenfalls sehr sonderbar gewählter Moment ist,
um diesen kommenden Jahrtausenden Vorschriften zu machen durch endgültige
Wahrheiten letzter Instanz, unwandelbare Wahrheiten und wurzelhafte Konzeptionen,
entdeckt auf Grundlage der geistig unreifen Kindheit unsres so sehr »rückständigen«
und »rückläufigen« Jahrhunderts. Man muß eben der philosophische
Richard Wagner sein - doch ohne Wagners Talent -, um zu übersehn, daß
alle die Herabwürdigungen, die man auf die bisherige Geschichtsentwicklung
wirft, ebenfalls an ihrem angeblich letzten Resultat haften bleiben - an der sogenannten
Wirklichkeitsphilosophie.
Eines der bezeichnendsten Stücke der neuen wurzelhaften Wissenschaft ist
der Abschnitt über Individualisierung und Wertsteigerung des Lebens. Hier
sprudelt und strömt in unaufhaltsamem Quelldrang durch volle drei Kapitel
der orakelhafte Gemeinplatz. Wir müssen uns leider auf ein paar kurze Proben
beschränken.
»Das tiefere Wesen aller Empfindung und mithin aller subjektiven Lebensformen
beruht auf der Differenz von Zuständen ... Für das volle
(!) Leben läßt sich aber auch ohne weiteres (!) dartun, daß es
nicht die beharrliche Lage. Sondern der Übergang von einer Lebenssituation
in die andre ist, wodurch das Lebensgefühl gesteigert und die entscheidenden
Reize entwickelt werden ... Der annähernd sich selbst gleiche, sozusagen
in Trägheitsbeharrung und gleichsam in derselben Gleichgewichtslage
verbleibende Zustand hat, wie er auch beschaffen sein möge, für die
Erprobung des Daseins nicht viel zu bedeuten ... Die Gewöhnung und sozusagen
Einlebung macht ihn vollends zu etwas Indifferentem und Gleichgültigem, was
sich nicht sonderlich vom Totsein unterscheidet. Höchstens tritt noch als
eine Art negativer Lebensregung die Pein der Langeweile hinzu ... In einem sich
stauenden Leben erlischt für einzelne und Völker alle Leidenschaft und
alles Interesse am Dasein. Unser Gesetz der Differenz aber ist es, aus welchem
alle diese Erscheinungen erklärlich werden.«
Es geht über allen Glauben, mit welcher Geschwindigkeit Herr Dühring
seine von Grund aus eigentümlichen Ergebnisse zustande bringt. Eben erst
ist der Gemeinplatz ins Wirklichkeitsphilosophische übersetzt, daß
fort dauernde Reizung desselben Nerven oder Fortdauer
desselben Reizes jeden Nerv und jedes Nervensystem ermüdet, daß also
im normalen Zustand Unterbrechung und Abwechslung der Nervenreize stattfinden
muß - was seit Jahren in jedem Handbuch der Physiologie zu lesen und was
jeder Philister aus eigner Erfahrung weiß -, kaum ist diese uralte Plattheit
in die mysteriöse Form übersetzt worden, daß das tiefere Wesen
aller Empfindung auf der Differenz von Zuständen beruht, so verwandelt sie
sich auch schon in »Unser Gesetz der Differenz«. Und dies Gesetz der Differenz
macht »vollkommen erklärlich« eine ganze Reihe von Erscheinungen, welche
wieder nichts sind als Illustrationen und Beispiele von der Annehmlichkeit der
Abwechslung, welche selbst für den allergewöhnlichsten Philisterverstand
durchaus keiner Erklärung bedürfen, und welche durch den Hinweis auf
dies angebliche Gesetz der Differenz nicht um die Breite eines Atoms an Klarheit
gewinnen.
Aber damit ist die Wurzelhaftigkeit »unsres Gesetzes der Differenz«
noch lange nicht erschöpft:
»Die Abfolge der Lebensalter und das Eintreten der mit ihnen verbundnen
Veränderungen der Lebensverhältnisse liefern ein recht naheliegendes
Beispiel zur Veranschaulichung unsres Differenzprinzips. Kind, Knabe, Jüngling
und Mann erfahren die Starke ihrer jeweiligen Lebensgefühle weniger durch
die bereits fixierten Zustände, in denen sie sich befinden, als durch die
Epochen des Übergangs, von dem einen zum andern.«
Damit nicht genug:
»Unser Gesetz der Differenz kann noch eine entlegnere Anwendung
erhalten, indem man die Tatsache in Anschlag bringt, daß die Wiederholung
des bereits Erprobten oder Geleisteten keinen Reiz hat.«
Und nun kann sich der Leser den orakelhaften Kohl selbst hinzudenken, zu dem
Sätze von der Tiefe und Wurzelhaftigkeit der obigen den Anknüpfungspunkt
bieten; und wohl mag Herr Dühring am Schluß seines Buches triumphierend
ausrufen:
»Für die Schätzung und Steigerung des Lebenswerts wurde das
Gesetz der Differenz zugleich theoretisch und praktisch maßgebend!«
Für die Schätzung des geistigen Werts seines Publikums durch Herrn
Dühring ebenfalls: er muß glauben, es bestehe aus lauter Eseln oder
Philistern.
Weiterhin erhalten wir folgende äußerst praktische Lebensregeln:
»Die Mittel, das Gesamtinteresse am Leben rege zu erhalten« (schöne
Aufgabe für Philister und solche, die es werden wollen!) »bestehen darin,
die einzelnen sozusagen elementaren Interessen,
aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sich nach den natürlichen Zeitmaßen
entwickeln oder einander ablösen zu lassen. Auch gleichzeitig für denselben
Zustand wird die Stufenfolge in der Ersetzbarkeit der niedern und leichter befriedigten
Reize durch die hohern und anhaltender wirksamen Erregungen dahin zu benutzen
sein, daß die Entstehung von gänzlich interesselosen Lücken vermieden
werde. Übrigens wird es aber darauf ankommen, zu verhüten, daß
die naturgemäß oder sonst im normalen Lauf des gesellschaftlichen Daseins
entstehenden Spannungen in willkürlicher Weise gehäuft, forciert oder,
was die gegenteilige Verkehrtheit ist, schon bei der leisesten Regung befriedigt
und so an der Entwicklung eines genußfähigen Bedürfens verhindert
werden. Die Einhaltung des natürlichen Rhythmus ist hier wie anderwärts
die Vorbedingung der ebenmäßigen und anmutenden Bewegung. Auch darf
man sich nicht die unlösbare Aufgabe stellen, die Reize irgendeiner Situation
über die ihnen von der Natur oder den Verhältnissen zugemeßne
Frist ausdehnen zu wollen« usw.
Der Biedermann, der sich diese feierlichen Philisterorakel einer über
die fadesten Plattheiten spintisierenden Pedanterie zur Regel der »Lebenserprobung«
dienen läßt, wird allerdings nicht über »gänzlich interesselose
Lücken« zu klagen haben. Er wird alle seine Zeit nötig haben zur regelrechten
Vorbereitung und Anordnung der Genüsse, so daß ihm zum Genießen
selbst kein freier Augenblick bleibt.
Erproben sollen wir das Leben, das volle Leben. Nur zweierlei verbietet uns
Herr Dühring:
erstens »die Unsauberkeiten der Einlassung mit dem Tabak«, und zweitens
Getränke und Nahrungsmittel, welche »widerwärtig erregende oder überhaupt
für die feinere Empfindung verwerfliche Eigenschaften haben«.
da nun Herr Dühring in dem Kursus der Ökonomie die Schnapsbrennerei
so dithyrambisch feiert, so kann er unter diesen Getränken unmöglich
den Branntwein verstehn; wir sind also zu dem Schluß gezwungen, daß
sein Verbot sich bloß auf Wein und Bier erstreckt. Er verbiete nun auch
noch das Fleisch, und dann hat er die Wirklichkeitsphilosophie auf dieselbe Höhe
gebracht, auf der weiland Gustav Struve sich mit soviel Erfolg bewegte - auf der
Höhe der puren Kinderei.
Übrigens könnte Herr Dühring doch in Beziehung auf die geistigen
Getränke etwas liberaler sein. Ein Mann, der eingestandnermaßen die
Brücke vom Statischen zum Dynamischen noch immer nicht finden kann, hat doch
sicher alle Ursache, gelind zu urteilen, wenn irgendein armer Teufel einmal zu
tief ins Glas guckt und infolgedessen die Brücke vom Dynamischen zum Statischen
ebenfalls vergebens sucht.
»Der erste und wichtigste
Satz über die logischen Grundeigenschaften des Seins bezieht sich auf den
Ausschluß des Widerspruchs. Das Widersprechende ist eine Kategorie, die
nur der Gedankenkombination, aber keiner Wirklichkeit angehören kann. In
den Dingen sind keine Widersprüche, oder, mit andern Worten, der real gesetzte
Widerspruch ist selbst der Gipfelpunkt des Widersinns ... Der Antagonismus von
Kräften, die sich in entgegengesetzter Richtung einander messen, ist sogar
die Grundform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen. Dieser Widerstreit
der Kräfterichtungen der Elemente und der Individuen fällt aber nicht
im entferntesten mit dem Gedanken von Widerspruchsabsurditäten zusammen ...
Hier können wir zufrieden sein, die Nebel, die aus vermeintlichen Mysterien
der Logik aufzusteigen pflegen, durch ein klares Bild von der wirklichen Absurdität
des realen Widerspruchs aufgelöst, und die Nutzlosigkeit des Weihrauchs dargetan
zu haben, welchen man für die der antagonistischen Weltschematik untergeschobne
und recht plump geschnitzte Holzpuppe von Widerspruchsdialektik hier und da verschwendet
hat.«
Dies ist so ziemlich alles, was in dem »Kursus der Philosophie« über Dialektik
gesagt wird. In der »Kritischen Geschichte« dagegen wird die Widerspruchsdialektik,
und mit ihr namentlich Hegel, ganz anders mitgenommen.
»Das Widersprechende ist nämlich nach der Hegelschen Logik oder
vielmehr Logoslehre nicht etwa in dem seiner Natur nach nicht anders als subjektiv
und bewußt vorzustellenden Denken, sondern in den Dingen und Vorgängen
selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen, so daß der
Widersinn nicht eine unmögliche Kombination des Gedankens bleibt, sondern
eine tatsächliche Macht wird. Die Wirklichkeit des Absurden ist der erste
Glaubensartikel der Hegelschen Einheit von Logik und Unlogik ... Je widersprechender,
desto wahrer, oder mit andern Worten: je absurder, desto glaublicher, diese nicht
einmal neu erfundne, sondern der Offenbarungstheologie und der Mystik entlehnte
Maxime ist der nackte Ausdruck des sogenannten dialektischen Prinzips.«
Der Gedankeninhalt der beiden angeführten Stellen faßt sich in dem
Satz zusammen, daß Widerspruch = Widersinn ist, und daher in der wirklichen
Welt nicht vorkommen kann. Dieser Satz mag für Leute von sonst ziemlich gesundem
Menschenverstand dieselbe selbstverständliche Geltung haben wie der, daß
gerade nicht krumm und krumm nicht gerade sein kann. Aber die Differentialrechnung
setzt, ungeachtet aller Proteste des gesunden Menschenverstandes, Gerade und Krumm
unter gewissen Umständen dennoch gleich und erreicht damit Erfolge, die der
auf den Widersinn der Identität von Gerade und Krumm sich steifende gesunde
Menschenverstand nie fertigbringt. Und nach der bedeutenden Rolle, die die sogenannte
Widerspruchsdialektik in der Philosophie von den ältesten Griechen an bis
jetzt gespielt hat, wäre selbst ein stärkerer Gegner als
Herr Dühring verpflichtet gewesen, ihr mit andern Argumenten entgegenzutreten,
als mit einer Behauptung und vielen Schimpfwörtern.
Solange wir die Dinge als ruhende und leblose, jedes für sich, neben-
und nacheinander, betrachten, stoßen wir allerdings auf keine Widersprüche
an ihnen. Wir finden da gewisse Eigenschaften, die teils gemeinsam, teils verschieden,
ja einander widersprechend, aber in diesem Fall auf verschiedne Dinge verteilt
sind und also keinen Widerspruch in sich enthalten. Soweit dies Gebiet der Betrachtung
ausreicht, soweit kommen wir auch mit der gewöhnlichen, metaphysischen Denkweise
aus. Aber ganz anders, sobald wir die Dinge in ihrer Bewegung, ihrer Veränderung,
ihrem Leben, in ihrer wechselseitigen Einwirkung aufeinander betrachten. Da geraten
wir sofort in Widersprüche. Die Bewegung selbst ist ein Widerspruch; sogar
schon die einfache mechanische Ortsbewegung kann sich nur dadurch vollziehn, daß
ein Körper in einem und demselben Zeitmoment an einem Ort und zugleich an
einem andern Ort, an einem und demselben Ort und nicht an ihm ist. Und die fortwährende
Setzung und gleichzeitige Lösung dieses Widerspruchs ist eben die Bewegung.
Hier haben wir also einen Widerspruch, der »in den Dingen und Vorgängen
selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen ist«. Und was sagt
Herr Dühring dazu? Er behauptet,
es gebe überhaupt bis jetzt »in der rationellen Mechanik keine
Brücke zwischen dem streng Statischen und dem Dynamischen«.
Der Leser merkt jetzt endlich, was hinter dieser Lieblingsphrase des Herrn
Dühring steckt; weiter nichts als dies: der metaphysisch denkende Verstand
kann absolut nicht vom Gedanken der Ruhe zu dem der Bewegung kommen, weil ihm
hier obiger Widerspruch den Weg versperrt. Für ihn ist die Bewegung, weil
ein Widerspruch, rein unbegreiflich. Und indem er die Unbegreiflichkeit der Bewegung
behauptet, gibt er selbst die Existenz dieses Widerspruchs wider Willen zu, gibt
also zu, daß es einen in den Dingen und Vorgängen selbst objektiv vorhandnen
Widerspruch gibt, der zudem eine tatsächliche Macht ist.
Wenn schon die einfache mechanische Ortsbewegung einen Widerspruch in sich
enthält, so noch mehr die höhern Bewegungsformen der Materie und ganz
besonders das organische Leben und seine Entwicklung. Wir sahen oben,
daß das Leben grade vor allem darin besteht, daß ein Wesen in jedem
Augenblick dasselbe und doch ein andres ist. Das Leben ist also ebenfalls ein
in den Dingen und Vorgängen selbst vorhandner, sich stets
setzender und lösender Widerspruch; und sobald der Widerspruch aufhört,
hört auch das Leben auf, der Tod tritt ein. Ebenso sahen wir |Siehe S.
35 und 80/81|, wie auch auf dem Gebiete des Denkens wir
den Widersprüchen nicht entgehn können und wie z.B. der Widerspruch
zwischen dem innerlich unbegrenzten menschlichen Erkenntnisvermögen und seinem
wirklichen Dasein in lauter äußerlich beschränkten und beschränkt
erkennenden Menschen sich löst in der für uns wenigstens praktisch endlosen
Aufeinanderfolge der Geschlechter, im unendlichen Progreß.
Wir erwähnten schon, daß die höhere Mathematik den Widerspruch,
daß Gerade und Krumm unter Umständen dasselbe sein sollen, zu einer
ihrer Hauptgrundlagen hat. Sie bringt den andern Widerspruch fertig, daß
Linien, die sich vor unsern Augen schneiden, dennoch schon fünf bis sechs
Zentimeter von ihrem Schneidepunkt als parallel, als solche gelten sollen, die
sich selbst bei unendlicher Verlängerung nicht schneiden können. Und
dennoch bringt sie mit diesen und mit noch weit stärkern Widersprüchen
nicht nur richtige, sondern auch für die niedere Mathematik ganz unerreichbare
Resultate zustande.
Aber auch schon in diesen letztern wimmelt es von Widersprüchen. Es ist
z.B. ein Widerspruch, daß eine Wurzel von A eine Potenz von A sein soll,
und doch ist
.
Es ist ein Widerspruch, daß eine negative Größe das Quadrat von
etwas sein soll, denn jede negative Größe, mit sich selbst multipliziert,
gibt ein positives Quadrat. Die Quadratwurzel aus Minus Eins ist daher nicht nur
ein Widerspruch, sondern sogar ein absurder Widerspruch, ein wirklicher Widersinn.
Und dennoch ist
ein in vielen Fällen
notwendiges Resultat richtiger mathematischer Operationen; ja, noch mehr, wo wäre
die Mathematik, niedre wie höhere, wenn ihr verboten würde, mit
zu operieren?
Die Mathematik selbst betritt mit der Behandlung der veränderlichen Größen
das dialektische Gebiet, und bezeichnenderweise ist es ein dialektischer Philosoph,
Descartes, der diesen Fortschritt in sie eingeführt hat. Wie die Mathematik
der veränderlichen sich zu der der unveränderlichen Größen
verhält, so verhält sich überhaupt dialektisches Denken zu metaphysischem.
Was durchaus nicht verhindert, daß die große Menge der Mathematiker
die Dialektik nur auf mathematischem Gebiet anerkennt, und daß es genug
unter ihnen gibt, die mit den auf dialektischem Weg gewonnenen Methoden ganz in
der alten, beschränkten, metaphysischen Weise weiteroperieren.
Auf Herrn Dührings Antagonismus von Kräften
und seine antagonistische Weltschematik näher einzugehn, wäre nur dann
möglich, wenn er uns etwas mehr über dies Thema gegeben hätte,
als - die bloße Phrase. Nachdem er dies fertiggebracht, wird uns dieser
Antagonismus weder in der Weltschematik noch in der Naturphilosophie ein einziges
Mal wirkend vorgeführt, das beste Eingeständnis, daß Herr Dühring
mit dieser »Grundform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen« absolut
nichts Positives anzufangen weiß. Wenn man in der Tat Hegels »Lehre vom
Wesen« bis auf die Plattheit von in entgegengesetzter Richtung, aber nicht in
Widersprüchen, sich bewegenden Kräften heruntergebracht hat, so tut
man allerdings am besten, jeder Anwendung dieses Gemeinplatzes aus dem Wege zu
gehn.
Den weitern Anhaltspunkt für Herrn Dühring, um seinem antidialektischen
Zorn Luft zu machen, bietet ihm Marx' »Kapital«.
»Mangel an natürlicher und verständlicher Logik, durch welchen
sich die dialektisch-krausen Verschlingungen und Vorstellungsarabesken auszeichnen
... schon auf den bereits vorhandnen Teil muß man das Prinzip anwenden,
daß in einer gewissen Hinsicht und auch überhaupt (!) nach einem bekannten
philosophischen Vorurteil alles in jedem und jedes in allem zu suchen, und daß
dieser Misch- und Mißvorstellung zufolge schließlich alles Eins sei.«
Diese seine Einsicht in das bekannte philosophische Vorurteil befähigt
denn auch Herrn Dühring, mit Sicherheit vorauszusagen, was das »Ende« des
Marxschen ökonomischen Philosophierens, also was der Inhalt der folgenden
Bände des »Kapitals« sein wird, genau sieben Zeilen nachdem er erklärt
hat, es sei
»jedoch wirklich nicht abzusehn, was, menschlich und deutsch geredet,
eigentlich in den zwei« (letzten) »Bänden noch folgen soll«.
Es ist indes nicht das erstemal, daß die Schriften des Herrn Dühring
sich uns erweisen als gehörig zu den »Dingen«, in denen »das Widersprechende
objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen« ist. Was ihn durchaus nicht
hindert, siegreich fortzufahren:
»doch die gesunde Logik wird über ihre Karikatur voraussichtlich
triumphieren ... Das Vornehmtun und der dialektische Geheimniskram werden niemanden,
der noch ein wenig gesundes Urteil übrig hat, anreizen, sich mit den Unförmlichkeiten
der Gedanken und des Stils ... einzulassen. Mit dem Absterben der letzten Reste
der dialektischen Torheiten wird dieses Mittel der Düpierung ... seinen trügerischen
Einfluß verlieren, und niemand wird mehr glauben, sich abquälen zu
müssen, um dort hinter eine tiefe Weisheit zu kommen, wo der gesäuberte
Kern der krausen Dinge im besten Fall die Züge gewöhnlicher Theorien,
wo nicht gar von Gemeinplätzen zeigt ... Es ist
ganz unmöglich, die« (Marxschen) »Verschlingungen nach Maßgabe der
Logoslehre wiederzugeben, ohne die gesunde Logik zu prostituieren.« Marx' Methode
bestehe darin, »dialektische Wunder für seine Gläubigen herzurichten«,
und so weiter.
Wir haben es hier noch durchaus nicht mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit
der ökonomischen Resultate der Marxschen Untersuchung zu tun, sondern nur
mit der von Marx angewandten dialektischen Methode. Soviel aber ist sicher: die
meisten Leser des »Kapital« werden erst jetzt durch Herrn Dühring erfahren
haben, was sie eigentlich gelesen. Und unter ihnen auch Herr Dühring selbst,
der im Jahre 1867 (»Ergänzungsblätter« III, Heft 3) noch imstande war,
eine für einen Denker seines Kalibers verhältnismäßig rationelle
Inhaltsangabe des Buches zu machen, ohne genötigt zu sein, die Marxschen
Entwicklungen erst, wie es jetzt für unumgänglich erklärt wird,
ins Dühringsche zu übersetzen. Wenn er schon damals den Schnitzer beging,
die Marxsche Dialektik mit der Hegelschen zu identifizieren, so hatte er doch
nicht ganz die Fähigkeit verloren, zwischen der Methode und den durch sie
erlangten Resultaten zu unterscheiden, und zu begreifen, daß man die letztern
nicht im besondern widerlegt, wenn man die erstere im allgemeinen herunterreißt.
Die überraschendste Mitteilung des Herrn Dühring ist jedenfalls die,
daß für den Marxschen Standpunkt »schließlich alles Eins ist«,
daß für Marx also auch z.B. Kapitalisten und Lohnarbeiter, feudale,
kapitalistische und sozialistische Produktionsweise, »alles Eins ist«, ja am Ende
wohl gar auch Marx und Herr Dühring »alles Eins«. um die Möglichkeit
solcher simplen Narrheit zu erklären, bleibt nur die Annahme, daß das
bloße Wort Dialektik Herrn Dühring in einen Zustand von Unzurechnungsfähigkeit
versetzt, in dem ihm, einer gewissen Miß- und Mischvorstellung zufolge,
schließlich »alles Eins« ist, was er sagt und tut.
Wir haben hier eine Probe von dem, was Herr Dühring
»meine Geschichtszeichnung großen Stils« nennt, oder auch
»das summarische Verfahren, welches mit der Gattung und dem Typus abrechnet, und
sich gar nicht dazu herbeiläßt, das, was ein Hume den Gelehrtenpöbel
nannte, in mikrologischen Einzelnheiten mit einer Bloßstellung zu beehren,
dieses Verfahren im höhern und edlern Stile ist allein mit den Interessen
der vollen Wahrheit und mit den Pflichten gegen das zunftfreie Publikum verträglich«.
Die Geschichtszeichnung großen Stils und das summarische Abrechnen mit
der Gattung und dem Typus ist in der Tat sehr bequem für Herrn Dühring,
indem er dabei alle bestimmten Tatsachen als mikrologisch vernachlässigen,
gleich Null setzen kann, und statt zu beweisen, nur allgemeine Redensarten machen,
zu behaupten und einfach zu verdonnern hat. Dabei
hat sie noch den Vorteil, daß sie dem Gegner keine tatsächlichen Anhaltspunkte
darbietet, daß ihm also fast keine andre Möglichkeit der Antwort bleibt,
als ebenfalls im großen Stil und summarisch darauflos zu behaupten, sich
in allgemeinen Redensarten zu ergehn, und den Herrn Dühring schließlich
wieder zu verdonnern, kurz, wie man sagt, Retourkutsche zu spielen, was nicht
nach jedermanns Geschmack ist. Wir müssen es daher Herrn Dühring Dank
wissen, daß er den höhern und edlern Stil ausnahmsweise verläßt,
um uns wenigstens zwei Beispiele von der verwerflichen Marxschen Logoslehre zu
geben.
»Wie komisch nimmt sich nicht z.B. die Berufung auf die Hegelsche konfuse
Nebelvorstellung aus, daß die Quantität in die Qualität umschlage,
und daß daher ein Vorschuß, wenn er eine gewisse Grenze erreiche,
bloß durch diese quantitative Steigerung zu Kapital werde.«
Das nimmt sich allerdings in dieser von Herrn Dühring »gesäuberten«
Darstellung kurios genug aus. Sehn wir also zu, wie es sich im Original, bei Marx,
ausnimmt. Auf Seite 313 (2. Auflage des »Kapital«) zieht Marx aus der vorhergegangnen
Untersuchung über konstantes und variables Kapital und Mehrwert den Schluß,
daß »nicht jede beliebige Geld- oder Wertsumme in Kapital verwandelbar,
zu dieser Verwandlung vielmehr ein bestimmtes Minimum von Geld oder Tauschwert
in der Hand des einzelnen Geld- oder Warenbesitzers vorausgesetzt ist |Siehe Karl
Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 326|. Er nimmt nun als Beispiel an, daß in irgendeinem Arbeitszweige
der Arbeiter täglich acht Stunden für sich selbst, d.h. zur Erzeugung
des Werts seines Arbeitslohns, und die folgenden vier Stunden für den Kapitalisten,
zur Erzeugung von, zunächst in dessen Tasche fließendem, Mehrwert arbeite.
Dann muß jemand schon über eine Wertsumme verfügen, die ihm erlaubt,
zwei Arbeiter mit Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn auszustatten, um an
Mehrwert täglich soviel einzustecken, daß er davon so gut leben kann,
wie einer seiner Arbeiter. Und da die kapitalistische Produktion nicht den bloßen
Lebensunterhalt, sondern die Vermehrung des Reichtums zum Zweck hat, so wäre
unser Mann mit seinen beiden Arbeitern immer noch kein Kapitalist. Damit er nun
doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter und die Hälfte des
produzierten Mehrwerts in Kapital zurückverwandle, müßte er acht
Arbeiter beschäftigen können, also schon das Vierfache der oben angenommnen
Wertsumme besitzen. Und erst nach diesem, und inmitten noch weiterer Ausführungen
zur Beleuchtung und Begründung der Tatsache, daß nicht jede beliebige
kleine Wertsumme hinreicht, um sich in Kapital zu ver
wandeln, sondern daß dafür jede Entwicklungsperiode und jeder Industriezweig
ihre bestimmten Minimalgrenzen haben, bemerkt Marx: »Hier, wie in der Naturwissenschaft,
bewährt sich die Richtigkeit des von Hegel in seiner 'Logik' entdeckten
Gesetzes, daß bloß quantitative Veränderungen auf einem gewissen
Punkt in qualitative Unterschiede umschlagen.« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 327|
Und nun bewundre man den höhern und edlern Stil, kraft dessen Herr Dühring
Marx das Gegenteil von dem unterschiebt, was er in Wirklichkeit gesagt hat. Marx
sagt: Die Tatsache, daß eine Wertsumme erst dann in Kapital sich verwandeln
kann, sobald sie eine je nach Umständen verschiedne, in jedem einzelnen Fall
aber bestimmte Minimalgröße erreicht hat - diese Tatsache ist ein Beweis
für die Richtigkeit des Hegelschen Gesetzes. Herr Dühring läßt
ihn sagen: Weil nach dem Hegelschen Gesetz Quantität in Qualität
umschlägt, »daher« wird »ein Vorschuß, wenn er eine bestimmte
Grenze erreicht ... zu Kapital«. Also das grade Gegenteil.
Die Sitte, in den »Interessen der vollen Wahrheit« und den »Pflichten gegen
das zunftfreie Publikum« falsch zu zitieren, haben wir schon in Herrn Dührings
Verhandlung in Sachen Darwins kennengelernt. Sie erweist sich mehr und mehr als
innere Notwendigkeit der Wirklichkeitsphilosophie, und ist allerdings ein sehr
»summarisches Verfahren«. Davon gar nicht zu sprechen, daß Herr Dühring
Marx des fernern unterschiebt, er spreche von jedem beliebigen »Vorschuß«,
während es sich hier nur um den einen Vorschuß handelt, der in Rohstoffen,
Arbeitsmitteln und Arbeitslohn gemacht wird; und daß Herr Dühring es
damit fertigbringt, Marx reinen Unsinn sagen zu lassen. Und dann hat er die Stirn,
den von ihm selbst verfertigten Unsinn komisch zu finden. Wie er sich einen
Phantasie-Darwin zurechtmachte, um an ihm seine Kraft zu erproben, so hier einen
Phantasie-Marx. »Geschichtszeichnung großen Stils« in der Tat!
Wir haben schon oben gesehn |Siehe S. 42|, bei der Weltschematik,
daß mit dieser Hegelschen Knotenlinie von Maßverhältnissen, wo
an gewissen Punkten quantitativer Veränderung plötzlich ein qualitativer
Umschwung eintritt, Herrn Dühring das kleine Malheur passiert war, sie in
einer schwachen Stunde selbst anerkannt und angewandt zu haben. Wir gaben dort
eins der bekanntesten Beispiele - das der Veränderung der Aggregatzustände
des Wassers, das unter Normalluftdruck bei 0° C aus dem flüssigen in den
festen, und bei 100° C aus dem flüssigen in den luftförmigen Zustand
übergeht, wo also an diesen beiden Wendepunkten die bloße quantitative
Ver änderung der Temperatur einen qualitativ
veränderten Zustand des Wassers herbeiführt.
Wir hätten aus der Natur wie aus der Menschengesellschaft noch Hunderte
solcher Tatsachen zum Beweis dieses Gesetzes anführen können. So z.B.
handelt in Marx' »Kapital« der ganze vierte Abschnitt: Produktion des relativen
Mehrwerts, auf dem Gebiet der Kooperation, Teilung der Arbeit und Manufaktur,
Maschinerie und großen Industrie, von zahllosen Fällen, wo quantitative
Veränderung die Qualität und ebenso qualitative Veränderung die
Quantität der Dinge ändert, um die es sich handelt, wo also, um den
Herrn Dühring so verhaßten Ausdruck zu gebrauchen, Quantität in
Qualität umschlägt und umgekehrt. So z.B. die Tatsache, daß die
Kooperation Vieler, die Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesamtkraft,
um mit Marx zu reden, eine »neue Kraftpotenz« erzeugt, die wesentlich verschieden
ist von der Summe ihrer Einzelkräfte |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd.
I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 345|.
Zum Überfluß hatte Marx noch an der von Herrn Dühring, im Interesse
der vollen Wahrheit, in ihr Gegenteil verkehrten Stelle die Anmerkung gemacht:
»Die in der modernen Chemie angewandte, von Laurent und Gerhardt zuerst wissenschaftlich
entwickelte Molekulartheorie beruht auf keinem andern Gesetz.« |Siehe Karl Marx:
»Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 327, Note, | Aber was ging das Herrn Dühring an? Wußte er
doch:
»Die eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen Denkweise
fehlen grade da, wo, wie bei Herrn Marx und seinem Rivalen Lassalle, die Halbwissenschaften
und ein wenig Philosophasterei das dürftige Rüstzeug zur gelehrten Aufstutzung
ausmachten« -
während bei Herrn Dühring »die Hauptfeststellungen des exakten Wissens
in Mechanik, Physik und Chemie« usw. zugrunde liegen - wie, das haben wir gesehn.
Damit aber auch dritte Leute in den Stand gesetzt werden, zu entscheiden, wollen
wir das in der Marxschen Note angeführte Exempel etwas näher betrachten.
Es handelt sich hier nämlich um die homologen Reihen von Kohlenstoffverbindungen,
deren man schon sehr viele kennt und deren jede ihre eigne algebraische Zusammensetzungsformel
hat. Wenn wir z.B., wie in der Chemie geschieht, ein Atom Kohlenstoff durch C,
ein Atom Wasserstoff durch H, ein Atom Sauerstoff durch O, die Zahl der in jeder
Verbindung enthaltnen Kohlenstoffatome durch n ausdrücken, so können
wir die Molekularformeln für einige dieser Reihen also darstellen:
|
CnH2n+2 |
- Reihe der normalen Paraffine |
|
CnH2n+2O |
- Reihe der primären Alkohole
|
|
CnH2nO2 |
- Reihe der einbasischen fetten Säuren. |
Nehmen wir als Beispiel die letzte dieser Reihen, und setzen wir nacheinander
n = 1, n = 2, n = 3 usw., so erhalten wir folgende Resultate (mit Auslassung der
Isomeren):
CH2O2
|
- Ameisensäure
|
- Siedepunkt
|
100°
|
Schmelzpunkt
|
1°
|
C2H4O2
|
- Essigsäure
|
"
|
118°
|
"
|
17°
|
C3H6O2
|
- Propionsäure
|
"
|
140°
|
"
|
-
|
C4H8O2
|
- Buttersäure
|
"
|
162°
|
"
|
-
|
C5H10O2
|
- Valeriansäure
|
"
|
175°
|
"
|
-
|
und so weiter bis C20H60O2, Melissinsäure,
die erst bei 80° schmilzt, und die gar keinen Siedepunkt hat, weil sie sich überhaupt
nicht ohne Zersetzung verflüchtigt.
Hier sehn wir also eine ganze Reihe von qualitativ verschiednen Körpern,
gebildet durch einfachen quantitativen Zusatz der Elemente, und zwar immer in
demselben Verhältnis. Am reinsten tritt dies da hervor, wo alle Elemente
der Verbindung in gleichem Verhältnis ihre Quantität ändern, so
bei den normalen Paraffinen CnH2n+2; das unterste ist das
Methan, CH4 ein Gas; das höchste bekannte, das Hekdekan, C16H34,
ein fester, farblose Kristalle bildender Körper, der bei 21° schmilzt und
erst bei 278° siedet. In beiden Reihen kommt jedes neue Glied durch den Hinzutritt
von CH2, von einem Atom Kohlenstoff und zwei Atomen Wasserstoff zur
Molekularformel des vorigen Gliedes zustande, und diese quantitative Veränderung
der Molekularformel bringt jedesmal einen qualitativ verschiednen Körper
hervor.
Jene Reihen sind aber nur ein besonders handgreifliches Beispiel; fast überall
in der Chemie, schon bei den verschiednen Oxyden des Stickstoffs, in den verschiednen
Sauerstoffsäuren des Phosphors oder Schwefels kann man sehn, wie »Quantität
in Qualität umschlägt« und diese angebliche Hegelsche konfuse Nebelvorstellung
in den Dingen und Vorgängen sozusagen leibhaft anzutreffen ist, wobei indes
niemand konfus und benebelt bleibt außer Herrn Dühring. Und wenn Marx
der erste ist, der hierauf aufmerksam machte, und wenn Herr Dühring diesen
Hinweis liest, ohne ihn auch nur zu verstehn (denn sonst hätte er diesen
unerhörten Frevel gewiß nicht so hingehn lassen), so reicht dies hin,
um auch ohne Rückblick auf die ruhmvolle Dühringsche Naturphilosophie
klarzustellen, wem »die eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen
Denkweise« fehlen, Marx oder Herrn Dühring,
und wem die Bekanntschaft mit den »Hauptfeststellungen ... der Chemie«.
Zum Schluß wollen wir noch einen Zeugen für das Umschlagen von Quantität
in Qualität anrufen, nämlich Napoleon. Dieser beschreibt das Gefecht
der schlechtreitenden, aber disziplinierten französischen Kavallerie mit
den Mameluken, der für das Einzelgefecht unbedingt besten, aber undisziplinierten
Reiterei ihrer Zeit, wie folgt:
»Zwei Mameluken waren drei Franzosen unbedingt überlegen; 100 Mameluken
standen 100 Franzosen gleich; 300 Franzosen waren 300 Mameluken gewöhnlich
überlegen, 1.000 Franzosen warfen jedesmal 1.500 Mameluken.«
Grade wie bei Marx eine bestimmte, wenn auch veränderliche. Minimalgröße
der Tauschwertsumme nötig war, um ihren Übergang in Kapital zu ermöglichen,
gradeso ist bei Napoleon eine bestimmte Minimalgröße der Reiterabteilung
nötig, um der in der geschlossenen Ordnung und planmäßigen Verwendbarkeit
liegenden Kraft der Disziplin zu erlauben, sichtbar zu werden und sich zu steigern
bis zur Überlegenheit selbst über größere Massen besser berittner,
gewandter reitender und fechtender, und mindestens ebenso tapfrer irregulärer
Kavallerie. Aber was beweist das gegen Herrn Dühring? Ist Napoleon nicht
elendiglich im Kampf mit Europa erlegen? Hat er nicht Niederlage auf Niederlage
erlitten? Und weshalb? Einzig infolge seiner Einführung der konfusen Hegelschen
Nebelvorstellung in die Taktik der Kavallerie!
»Diese historische Skizze« (der Genesis der sogenannten ursprünglichen
Kapitalakkumulation in England) »ist noch das verhältnismäßig
beste in dem Marxschen Buch und würde noch besser sein, wenn sie sich außer
auf der gelehrten nicht auch noch auf der dialektischen Krücke fortgeholfen
hätte. Die Hegelsche Negation der Negation muß hier nämlich in
Ermanglung besserer und klarerer Mittel den Hebammendienst leisten, durch welchen
die Zukunft aus dem Schoß der Vergangenheit entbunden wird. Die Aufhebung
des individuellen Eigentums, die sich in der angedeuteten Weise seit dem 16. Jahrhundert
vollzogen hat, ist die erste Verneinung. Ihr wird eine zweite folgen, die sich
als Verneinung der Verneinung und mithin als Wiederherstellung des 'individuellen
Eigentums', aber in einer höhern, auf Gemeinbesitz des Bodens und der Arbeitsmittel
gegründeten Form charakterisiert. Wenn dieses neue 'individuelle Eigentum'
bei Herrn Marx auch zugleich 'gesellschaftliches Eigentum' genannt worden ist,
so zeigt sich ja hierin die Hegelsche höhere Einheit, in welcher der Widerspruch
aufgehoben, nämlich der Wortspielerei gemäß sowohl überwunden
als aufbewahrt sein soll ... Die Enteignung der
Enteigner ist hiernach das gleichsam automatische Ergebnis der geschichtlichen
Wirklichkeit in ihren materiell äußerlichen Verhältnissen ...
Auf den Kredit Hegelscher Flausen, wie die Negation der Negation eine ist, möchte
sich schwerlich ein besonnener Mann von der Notwendigkeit der Boden- und Kapitalkommunität
überzeugen lassen ... Die nebelhafte Zwittergestalt der Marxschen Vorstellungen
wird übrigens den nicht befremden, der da weiß, was mit der Hegel-Dialektik
als wissenschaftlicher Grundlage gereimt werden kann oder vielmehr an Ungereimtheiten
herauskommen muß. Für den Nichtkenner dieser Künste ist ausdrücklich
zu bemerken, daß die erste Negation bei Hegel der Katechismusbegriff des
Sündenfalls, und die zweite derjenige einer zur Erlösung hinführenden
höheren Einheit ist. Auf diese Analogieschnurre hin, die dem Gebiet der Religion
entlehnt ist, möchte nun wohl die Logik der Tatsachen nicht zu gründen
sein ... Herr Marx bleibt getrost in der Nebelwelt seines zugleich individuellen
und gesellschaftlichen Eigentums und überläßt es seinen Adepten,
sich das tiefsinnige dialektische Rätsel selber zu lösen.«
Soweit Herr Dühring.
Also Marx kann die Notwendigkeit der sozialen Revolution, der Herstellung einer
auf Gemeineigentum der Erde und der durch Arbeit erzeugten Produktionsmittel nicht
anders beweisen als dadurch, daß er sich auf die Hegelsche Negation der
Negation beruft; und indem er seine sozialistische Theorie auf diese der Religion
entlehnte Analogieschnurre gründet, kommt er zu dem Resultat, daß in
der künftigen Gesellschaft ein zugleich individuelles und gesellschaftliches
Eigentum als Hegelsche höhere Einheit des aufgehobnen Widerspruchs herrschen
wird.
Lassen wir zunächst die Negation der Negation auf sich beruhn, und besehn
wir uns das »zugleich individuelle und gesellschaftliche Eigentum«. dies wird
von Herrn Dühring als eine »Nebelwelt« bezeichnet, und er hat darin merkwürdigerweise
wirklich recht. Es ist aber leider nicht Marx, der sich in dieser Nebelwelt befindet,
sondern wiederum Herr Dühring selbst. Wie er nämlich schon oben vermittelst
seiner Gewandtheit in der Hegelschen Methode des »Delirierens« ohne Mühe
feststellen konnte, was die noch unvollendeten Bände des »Kapital« enthalten
müssen, so kann er auch hier ohne große Mühe Marx nach Hegel berichtigen,
indem er ihm die höhere Einheit eines Eigentums unterschiebt, von der Marx
kein Wort gesagt hat.
Bei Marx heißt es: »Es ist Negation der Negation. Diese stellt das individuelle
Eigentum wieder her, aber auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen
Ära, der Kooperation freier Arbeiter und ihrem Gemeineigentum an der Erde
und den durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln. Die Verwandlung
des auf eigner Arbeit beruhenden, zersplitterten Privateigentums der Individuen
in kapitalistisches ist natürlich ein Prozeß,
ungleich mehr langwierig, hart und schwierig als die Verwandlung des faktisch
bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapitalistischen
Privateigentums in gesellschaftliches Eigentum.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 791| Das ist alles. Der durch die Enteignung der Enteigner hergestellte
Zustand wird also bezeichnet als die Wiederherstellung des individuellen Eigentums
aber auf Grundlage des gesellschaftlichen Eigentums an der Erde und den
durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln. Für jeden, der Deutsch
versteht, heißt dies, daß das gesellschaftliche Eigentum sich auf
die Erde und die andern Produktionsmittel erstreckt und das individuelle Eigentum
auf die Produkte, also auf die Verbrauchsgegenstände. Und damit die Sache
auch für Kinder von sechs Jahren faßlich werde, unterstellt Marx auf
Seite 56 einen »Verein freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln
arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als
eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben«, also einen sozialistisch organisierten
Verein, und sagt: »Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt.
Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich.
Aber ein andrer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsmitgliedern verzehrt.
Er muß daher unter sie verteilt werden.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 92/93| Und das ist doch wohl klar genug, selbst für den verhegelten
Kopf des Herrn Dühring.
Das zugleich individuelle und gesellschaftliche Eigentum, diese konfuse Zwittergestalt,
diese bei der Hegel-Dialektik herauskommen müssende Ungereimtheit, diese
Nebelwelt, dies tiefsinnige dialektische Rätsel, das Marx seinen Adepten
zu lösen überläßt - es ist abermals eine freie Schöpfung
und Imagination des Herrn Dühring. Marx, als angeblicher Hegelianer ist verpflichtet,
als Resultat der Negation der Negation eine richtige höhere Einheit zu liefern,
und da er dies nicht nach dem Geschmack des Herrn Dühring tut, so muß
dieser wiederum in höhern und edlern Stil verfallen, und Marx im Interesse
der vollen Wahrheit Dinge unterschieben, die Herrn Dührings eigenstes Fabrikat
sind. Ein Mann, der so total unfähig ist, auch nur ausnahmsweise richtig
zu zitieren, mag wohl in sittliche Entrüstung geraten gegenüber der
»Chinesengelehrsamkeit« andrer Leute, die ausnahmslos richtig zitieren, aber eben
dadurch »den Mangel einer Einsicht in das Ideenganze der jedesmal angeführten
Schriftsteller schlecht verdecken«. Herr Dühring hat recht. Es lebe die Geschichtszeichnung
großen Stils!
Bisher sind wir von der Voraussetzung ausgegangen, Herrn Dührings hartnäckiges
Falschzitieren sei wenigstens in gutem Glauben geschehn und
beruhe entweder auf einer ihm eignen totalen Unfähigkeit des Verständnisses,
oder aber auf einer, der Geschichtszeichnung großen Stils eigentümlichen
und sonst wohl als liederlich bezeichneten Gewohnheit, aus dem Gedächtnis
anzuführen. Es scheint aber, daß wir hier an dem Punkt angekommen sind,
wo auch bei Herrn Dühring die Quantität in die Qualität umschlägt.
Denn wenn wir erwägen, daß erstens die Stelle bei Marx an sich vollkommen
klar und zudem noch durch eine andre platterdings kein Mißverständnis
zulassende Stelle desselben Buchs ergänzt wird; daß zweitens weder
in der oben angerührten Kritik des »Kapital« in den »Ergänzungsblättern«,
noch auch in derjenigen in der ersten Auflage der »Kritischen Geschichte« Herr
Dühring dies Ungeheuer von »zugleich individuellem und gesellschaftlichem
Eigentum« entdeckt hatte, sondern erst in der zweiten Auflage, also bei dritter
Lesung; daß in dieser sozialistisch umgearbeiteten, zweiten Auflage Herr
Dühring es nötig hatte, Marx über die zukünftige Organisation
der Gesellschaft möglichst großen Blödsinn sagen zu lassen, um
dagegen - wie er auch tut - »die Wirtschaftskommune, die ich in meinem
'Cursus' ökonomisch und juristisch skizziert habe«, um so triumphierender
vorführen zu können - wenn wir das alles erwägen, so wird uns der
Schluß aufgedrängt, daß Herr Dühring uns hier fast zur Annahme
zwingt, er habe hier den Marxschen Gedanken mit Vorbedacht »wohltätig erweitert«
- wohltätig für Herrn Dühring.
Welche Rolle spielt nun bei Marx die Negation der Negation? Auf Seite 791 u.ff.
stellt er die Schlußergebnisse der auf den vorhergehenden fünfzig Seiten
durchgeführten ökonomischen und geschichtlichen Untersuchung über
die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals zusammen. Vor der
kapitalistischen Ära fand, wenigstens in England, Kleinbetrieb statt, auf
Grundlage des Privateigentums des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln. Die
sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals bestand hier in der Expropriation
dieser unmittelbaren Produzenten, d.h. in der Auflösung des auf eigner Arbeit
beruhenden Privateigentums. Dies wurde möglich, weil der obige Kleinbetrieb
nur verträglich ist mit engen, naturwüchsigen Schranken der Produktion
und der Gesellschaft und auf einem gewissen Höhegrad daher die materiellen
Mittel seiner eignen Vernichtung zur Welt bringt. Diese Vernichtung, die Verwandlung
der individuellen und zersplitterten Produktionsmittel in gesellschaftlich konzentrierte,
bildet die Vorgeschichte des Kapitals. Sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre
Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise
auf eignen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der
Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und andern
Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer,
eine neue Form. »Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende
Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation
vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion
selbst, durch die Konzentration der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele
tot. Hand in Hand mit dieser Konzentration oder der Expropriation vieler Kapitalisten
durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets
wachsender Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft,
die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel
in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, und die Ökonomisierung aller
Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als gemeinsame Produktionsmittel kombinierter,
gesellschaftlicher Arbeit. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten,
welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren,
wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation,
der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch
den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten
und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapital |in der 2. Auflage des »Kapital«
(1872): Kapitalmonopol| wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter
ihm aufgeblüht ist. Die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung
der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen
Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums
schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.« |Siehe Karl Marx, »Das
Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 790/791|
Und nun frage ich den Leser: Wo sind die dialektisch-krausen Verschlingungen
und Vorstellungsarabesken, wo die Misch- und Mißvorstellung, derzufolge
schließlich alles eins ist, wo die dialektischen Wunder für die Gläubigen,
wo der dialektische Geheimniskram und die Verschlingungen nach Maßgabe der
Hegelschen Logoslehre, ohne die Marx, nach Herrn Dühring, seine Entwicklung
nicht zustande bringen kann? Marx weist einfach historisch nach und faßt
hier kurz zusammen, daß grade, wie einst der Kleinbetrieb durch seine eigne
Entwicklung die Bedingungen seiner Vernichtung, d.h. der Enteignung der kleinen
Eigentümer, mit Notwendigkeit erzeugte, so jetzt die kapitalistische Produktionsweise
ebenfalls die materiellen Bedingungen selbst erzeugt hat, an denen sie zugrunde
gehn muß. Der Prozeß ist ein geschichtlicher, und wenn er zugleich
ein dialektischer ist, so ist das nicht die Schuld von Marx, so fatal es Herrn
Dühring sein mag.
Erst jetzt, nachdem Marx mit seinem historisch-ökonomischen
Beweis fertig ist, fährt er fort: »Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise,
daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen,
auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Die Negation der kapitalistischen
Produktion wird durch sie selbst, mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses,
produziert. Es ist Negation der Negation« usw. (wie vorher zitiert) |Siehe Karl
Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.
23, S. 791|.
Indem Marx also den Vorgang als Negation der Negation bezeichnet, denkt er
nicht daran, ihn dadurch beweisen zu wollen als einen geschichtlich notwendigen.
Im Gegenteil: Nachdem er geschichtlich bewiesen hat, daß der Vorgang in
der Tat teils sich ereignet hat, teils noch sich ereignen muß, bezeichnet
er ihn zudem als einen Vorgang, der sich nach einem bestimmten dialektischen Gesetz
vollzieht. Das ist alles. Es ist also wieder eine reine Unterschiebung des Herrn
Dühring, wenn er behauptet, die Negation der Negation müsse hier die
Hebammendienste leisten, durch welche die Zukunft aus dem Schoß der Vergangenheit
entbunden wird, oder daß Marx verlange, man solle auf den Kredit der Negation
der Negation hin sich von der Notwendigkeit der Boden- und Kapitalkommunität
(welche selbst ein Dühringscher leibhafter Widerspruch ist) überzeugen
lassen.
Es ist schon ein totaler Mangel an Einsicht in die Natur der Dialektik, wenn
Herr Dühring sie für ein Instrument des bloßen Beweisens hält,
wie man etwa die formelle Logik oder die elementare Mathematik beschränkterweise
so auffassen kann. Selbst die formelle Logik ist vor allem Methode zur Auffindung
neuer Resultate, zum Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten, und dasselbe,
nur in weit eminenterem Sinne, ist die Dialektik, die zudem, weil sie den engen
Horizont der formellen Logik durchbricht, den Keim einer umfassenderen Weltanschauung
enthält. In der Mathematik liegt dasselbe Verhältnis vor. Die elementare
Mathematik, die Mathematik der konstanten Größen bewegt sich innerhalb
der Schranken der formellen Logik, wenigstens im ganzen und großen; die
Mathematik der variablen Größen, deren bedeutendsten Teil die Infinitesimalrechnung
bildet, ist wesentlich nichts andres als die Anwendung der Dialektik auf mathematische
Verhältnisse. Das bloßem Beweisen tritt hier entschieden in den Hintergrund
gegenüber der mannigfachen Anwendung der Methode auf neue Untersuchungsgebiete.
Aber fast alle Beweise der höhern Mathematik, von den ersten der Differentialrechnung
an, sind vom Standpunkt der Elementarmathematik
aus, streng genommen, falsch. Dies kann nicht anders sein, wenn man, wie hier
geschieht, die auf dialektischem Gebiet gewonnenen Resultate vermittelst der formellen
Logik beweisen will. Für einen krassen Metaphysiker, wie Herr Dühring,
vermittelst der bloßen Dialektik etwas beweisen zu wollen, wäre dieselbe
verlorne Mühe, die Leibniz und seine Schüler hatten, den damaligen Mathematikern
die Sätze der Infinitesimalrechnung zu beweisen. Das Differential verursachte
ihnen dieselben Krämpfe wie dem Herrn Dühring die Negation der Negation,
in der es übrigens, wie wir sehn werden, auch eine Rolle spielt. Die Herren
gaben zuletzt, soweit sie inzwischen nicht starben, knurrend nach, nicht weil
sie überzeugt waren, sondern weil es immer richtig herauskam. Herr Dühring
ist, wie er selbst sagt, erst in den Vierzigen, und wenn er das hohe Alter erreicht,
das wir ihm wünschen, so kann er auch noch dasselbe erleben.
Aber was ist denn diese schreckliche Negation der Negation, die Herrn Dühring
das Leben so sauer macht, die bei ihm dieselbe Rolle des unverzeihlichen Verbrechens
spielt, wie im Christentum die Sünde wider den heiligen Geist? - Eine sehr
einfache, überall und täglich sich vollziehende Prozedur, die jedes
Kind verstehn kann, sobald man den Geheimniskram abstreift, unter dem die alte
idealistische Philosophie sie verhüllte, und unter dem sie ferner zu verhüllen
das Interesse hülfloser Metaphysiker vom Schlage des Herrn Dühring ist.
Nehmen wir ein Gerstenkorn. Billionen solcher Gerstenkörner werden vermahlen,
verkocht und verbraut, und dann verzehrt. Aber findet solch ein Gerstenkorn die
für es normalen Bedingungen vor, fällt es auf günstigen Boden,
so geht unter dem Einfluß der Wärme und der Feuchtigkeit eine eigne
Veränderung mit ihm vor, es keimt; das Korn vergeht als solches, wird negiert,
an seine Stelle tritt die aus ihm entstandne Pflanze, die Negation des Korns.
Aber was ist der normale Lebenslauf dieser Pflanze? Sie wächst, blüht,
wird befruchtet und produziert schließlich wieder Gerstenkörner, und
sobald diese gereift, stirbt der Halm ab, wird seinerseits negiert. Als Resultat
dieser Negation der Negation haben wir wieder das anfängliche Gerstenkorn,
aber nicht einfach, sondern in zehn-, zwanzig-, dreißigfacher Anzahl. Getreidearten
verändern sich äußerst langsam, und so bleibt sich die Gerste
von heute ziemlich gleich mit der von vor hundert Jahren. Nehmen wir aber eine
bildsame Zierpflanze, z.B. eine Dahlia oder Orchidee; behandeln wir den Samen
und die aus ihm entstehende Pflanze nach der Kunst des Gärtners, so erhalten
wir als Ergebnis dieser Negation der Negation nicht nur mehr Samen, sondern auch
qualitativ verbesserten Samen, der schönere Blumen erzeugt, und jede
Wiederholung dieses Prozesses, jede neue Negation der Negation steigert diese
Vervollkommnung. - Ähnlich wie beim Gerstenkorn vollzieht sich dieser Prozeß
bei den meisten Insekten, z.B. Schmetterlingen. Sie entstehn aus dem Ei durch
Negation des Ei's, machen ihre Verwandlungen durch bis zur Geschlechtsreife, begatten
sich und werden wieder negiert, indem sie sterben, sobald der Gattungsprozeß
vollendet und das Weibchen seine zahlreichen Eier gelegt hat. Daß bei andern
Pflanzen und Tieren der Vorgang nicht in dieser Einfachheit sich erledigt, daß
sie nicht nur einmal, sondern mehrmal Samen, Eier oder Junge produzieren, ehe
sie absterben, geht uns hier noch nichts an; wir haben hier nur nachzuweisen,
daß die Negation der Negation in den beiden Reichen der organischen Welt
wirklich vorkommt. Ferner ist die ganze Geologie eine Reihe von negierten
Negationen, eine Reihe von aufeinanderfolgenden Zertrümmerungen alter und
Ablagerungen neuer Gesteinsformationen. Zuerst wird die ursprüngliche, aus
der Abkühlung der flüssigen Masse entstandne Erdkruste durch ozeanische,
meteorologische und atmosphärisch-chemische Einwirkung zerkleinert und diese
zerkleinerten Massen auf dem Meeresboden geschichtet. Lokale Hebungen des Meeresbodens
über den Meeresspiegel setzen Teile dieser ersten Schichtung von neuem den
Einwirkungen des Regens, der wechselnden Warme der Jahreszeiten, des Sauerstoffs
und der Kohlensäure der Atmosphäre aus; denselben Einwirkungen unterliegen
die aus dem Erdinnern hervor- und die Schichten durchbrechenden geschmolzenen
und nachher abgekühlten Steinmassen. Millionen von Jahrhunderten hindurch
werden so immer neue Schichten gebildet, immer wieder größtenteils
zerstört und immer wieder als Bildungsstoff für neue Schichten verwendet.
Aber das Ergebnis ist ein sehr positives: die Herstellung eines aus den verschiedensten
chemischen Elementen gemischten Bodens in einem Zustand mechanischer Zerkleinerung,
der die massenhafteste und verschiedenartigste Vegetation zuläßt.
Ebenso in der Mathematik. Nehmen wir eine beliebige algebraische Größe,
also a. Negieren wir sie, so haben wir -a (minus a). Negieren
wir diese Negation, indem wir -a mit -a multiplizieren, so haben
wir +a2, d.h. die ursprüngliche positive Große, aber
auf einer höhern Stufe, nämlich auf der zweiten Potenz. Auch hier macht
es nichts aus, daß wir dasselbe a2 dadurch erlangen können,
daß wir das positive a mit sich selbst multiplizieren und dadurch
auch a2 erhalten. Denn die negierte Negation sitzt so fest in
dem a2, daß es unter allen Umständen zwei Quadratwurzeln
hat, nämlich a und -a. Und diese Unmöglichkeit, die negierte
Negation, die im Quadrat enthaltne negative Wurzel loszuwerden, bekommt eine sehr handgreifliche Bedeutung schon bei den quadratischen
Gleichungen. - Noch schlagender tritt die Negation der Negation hervor bei der
höhern Analyse, bei jenen »Summationen unbeschränkt kleiner Größen«,
die Herr Dühring selbst für die höchsten Operationen der Mathematik
erklärt und die man in gewöhnlicher Sprache Differential- und Integralrechnung
nennt. Wie vollziehn sich diese Rechnungsarten? Ich habe z.B. in einer bestimmten
Aufgabe zwei veränderliche Größen x und y, von denen sich die
eine nicht verändern kann, ohne daß die andre sich in einem durch die
Sachlage bestimmten Verhältnis mitverändert. Ich differenziere x
und y, d.h. ich nehme x und y so unendlich klein an, daß
sie gegen jede noch so kleine wirkliche Größe verschwinden, daß
von x und y nichts bleibt als ihr gegenseitiges Verhältnis,
aber ohne alle sozusagen materielle Grundlage, ein quantitatives Verhältnis
ohne alle Quantität. dx/dy, das Verhältnis der
beiden Differentiale von x und y ist also = 0/0,
aber 0/0 gesetzt als der Ausdruck von x/y.
Daß dies Verhältnis zwischen zwei verschwundnen Größen,
der fixierte Moment ihres Verschwindens, ein Widerspruch ist, erwähne ich
nur nebenbei; es kann uns aber ebensowenig stören, wie es die Mathematik
überhaupt seit fast zweihundert Jahren gestört hat. Was anders also
habe ich getan, als daß ich x und y negiert habe, aber negiert
nicht so, daß ich mich nicht mehr um sie kümmere, wie die Metaphysik
negiert, sondern in der der Sachlage entsprechenden Weise? Statt x und
y habe ich also ihre Negation, dx und dy in den mir vorliegenden
Formeln oder Gleichungen. Ich rechne nun mit diesen Formeln weiter, behandle dx
und dy als wirkliche, wenn auch gewissen Ausnahmsgesetzen unterworfne Größen,
und an einem gewissen Punkt - negiere ich die Negation, d.h. ich integriere
die Differentialformel, bekomme statt dx und dy wieder die wirklichen
Größen x und y und bin dann nicht etwa wieder so weit
wie am Anfang, sondern ich habe damit die Aufgabe gelöst, an der die gewöhnliche
Geometrie und Algebra sich vielleicht umsonst die Zähne ausgebissen hätten.
Nicht anders in der Geschichte. Alle Kulturvölker fangen an mit dem Gemeineigentum
am Boden. Bei allen Völkern, die über eine gewisse ursprüngliche
Stufe hinausgehn, wird dies Gemeineigentum im Lauf der Entwicklung des Ackerbaus
eine Fessel für die Produktion. Es wird aufgehoben, negiert, nach kürzern
oder längern Zwischenstufen in Privateigentum verwandelt. Aber auf höherer,
durch das Privateigentum am Boden selbst herbeigeführter Entwicklungsstufe
des Ackerbaus wird umgekehrt das Privateigentum eine Fessel für die Produktion
- wie dies heute der Fall ist sowohl mit dem kleinen
wie mit dem großen Grundbesitz. Die Forderung, es ebenfalls zu negieren,
es wieder in Gemeingut zu verwandeln, tritt mit Notwendigkeit hervor. Aber diese
Forderung bedeutet nicht die Wiederherstellung des altursprünglichen Gemeineigentums,
sondern die Herstellung einer weit höhern, entwickeltern Form von Gemeinbesitz,
die, weit entfernt der Produktion eine Schranke zu werden, sie vielmehr erst entfesseln
und ihr die volle Ausnutzung der modernen chemischen Entdeckungen und mechanischen
Erfindungen gestatten wird.
Oder aber: Die antike Philosophie war ursprünglicher, naturwüchsiger
Materialismus. Als solcher war sie unfähig, mit dem Verhältnis des Denkens
zur Materie ins reine zu kommen. Die Notwendigkeit aber, hierüber klarzuwerden,
führte zur Lehre von einer vom Körper trennbaren Seele, dann zu der
Behauptung der Unsterblichkeit dieser Seele, endlich zum Monotheismus. Der alte
Materialismus wurde also negiert durch den Idealismus. Aber in der weitern Entwicklung
der Philosophie wurde auch der Idealismus unhaltbar und negiert durch den modernen
Materialismus. Dieser, die Negation der Negation, ist nicht die bloße Wiedereinsetzung
des alten, sondern fügt zu den bleibenden Grundlagen desselben noch den ganzen
Gedankeninhalt einer zweitausendjährigen Entwicklung der Philosophie und
Naturwissenschaft, sowie dieser zweitausendjährigen Geschichte selbst. Es
ist überhaupt keine Philosophie mehr, sondern eine einfache Weltanschauung,
die sich nicht in einer aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen
Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen hat. Die Philosophie ist
hier also »aufgehoben«, das heißt »sowohl überwunden als aufbewahrt«;
überwunden, ihrer Form, aufbewahrt, ihrem wirklichen Inhalt nach. Wo Herr
Dühring nur »Wortspielerei« sieht, findet sich also, bei genauerem Zusehn,
ein wirklicher Inhalt.
Endlich: Sogar die Rousseausche Gleichheitslehre, von der die Dühringsche
nur ein matter, verfälschter Abklatsch ist, kommt nicht zustande, ohne daß
die Hegelsche Negation der Negation - und noch dazu fast zwanzig Jahre vor Hegels
Geburt - Hebammendienste leisten muß. Und weit entfernt, sich dessen zu
schämen, trägt sie in ihrer ersten Darstellung den Stempel ihrer dialektischen
Abstammung fast prunkend zur Schau. Im Zustand der Natur und der Wildheit waren
die Menschen gleich; und da Rousseau schon die Sprache als eine Fälschung
des Naturzustandes ansieht, so hat er vollkommen recht, die Gleichheit der Tiere
Einer Art, soweit diese reicht, auch auf diese, neuerdings von Haeckel als Alali,
Sprachlose, hypothetisch klassifizierten Tiermenschen anzuwenden. Aber diese gleichen
Tiermenschen hatten vor den übrigen Tieren eine Eigenschaft voraus: die
Perfektibilität, die Fähigkeit, sich weiter zu entwickeln; und diese
wurde die Ursache der Ungleichheit. Rousseau sieht also in der Entstehung der
Ungleichheit einen Fortschritt. Aber dieser Fortschritt war antagonistisch, er
war zugleich ein Rückschritt.
»Alle weitern Fortschritte« (über den Urzustand hinaus) »waren
ebensoviel Schritte scheinbar zur Vervollkommnung des Einzelmenschen, in
der Tat aber zum Verfall der Gattung ... Die Metallbearbeitung und der
Ackerbau waren die beiden Künste, deren Erfindung diese große Revolution
hervorrief« (die Umwandlung des Urwaldes in kultiviertes Land, aber auch die Einführung
des Elends und der Knechtschaft vermittelst des Eigentums). »Für den Dichter
haben Gold und Silber, für den Philosophen haben Eisen und Korn die Menschen
zivilisiert und das Menschengeschlecht ruiniert.« |Alle Hervorhebungen
von Engels|
Jeder neue Fortschritt der Zivilisation ist zugleich ein neuer Fortschritt
der Ungleichheit. Alle Einrichtungen, die sich die mit der Zivilisation entstandne
Gesellschaft gibt, schlagen in das Gegenteil ihres ursprünglichen Zwecks
um.
»Es ist unbestreitbar und Grundgesetz des ganzen Staatsrechts, daß
die Völker sich Fürsten gegeben haben, um ihre Freiheit zu schützen,
nicht aber sie zu vernichten.«
Und dennoch werden diese Fürsten mit Notwendigkeit die Unterdrücker
der Völker und steigern diese Unterdrückung bis auf den Punkt, wo die
Ungleichheit, auf die äußerste Spitze getrieben, wieder in ihr Gegenteil
umschlägt, Ursache der Gleichheit wird: vor dem Despoten sind alle gleich,
nämlich gleich Null.
»Hier ist der äußerste Grad der Ungleichheit, der Endpunkt,
der den Kreis schließt und den Punkt berührt, von dem wir
ausgegangen sind: hier werden alle Privatleute gleich, weil sie eben nichts
sind, und die Untertanen kein andres Gesetz mehr haben als den Willen des Herrn.«
Aber der Despot ist nur Herr, solange er die Gewalt hat, und deswegen kann er,
sobald man »ihn vertreibt, sich nicht gegen die Gewalt beklagen ... Die Gewalt
erhielt ihn, die Gewalt wirft ihn um, alles geht seinen richtigen naturgemäßen
Gang.« |Alle Hervorhebungen von Engels|
Und so schlägt die Ungleichheit wieder um in Gleichheit, aber nicht in
die alte naturwüchsige Gleichheit der sprachlosen Urmenschen, sondern in
die höhere des Gesellschaftsvertrags. Die Unterdrücker werden unterdrückt.
Es ist Negation der Negation.
Wir haben hier also schon bei Rousseau nicht nur einen Gedankengang, der dem
in Marx' »Kapital« verfolgten auf ein Haar gleicht, sondern auch
im einzelnen eine ganze Reihe derselben dialektischen Wendungen, deren Marx sich
bedient: Prozesse, die ihrer Natur nach antagonistisch sind, einen Widerspruch
in sich enthalten, Umschlagen eines Extrems in sein Gegenteil, endlich als Kern
des Ganzen die Negation der Negation. Wenn Rousseau also 1754 den Hegel-Jargon
noch nicht sprechen konnte, so ist er doch, 16 Jahre vor Hegels Geburt, tief von
der Hegel-Seuche, Widerspruchsdialektik, Logoslehre, Theologik usw. angefressen.
Und wenn Herr Dühring in seiner Verseichtigung der Rousseauschen Gleichheitstheorie
mit seinen siegreichen zwei Männern operiert, so ist er auch schon auf der
schiefen Ebene, auf der er rettungslos der Negation der Negation in die Arme rutscht.
Der Zustand, in dem die Gleichheit der beiden Männer floriert, und der auch
wohl als ein Idealzustand dargestellt wird, ist auf Seite 271 der »Philosophie«
als »Urzustand« bezeichnet. Dieser Urzustand wird aber nach Seite 279 notwendigerweise
durch das »Raubsystem« aufgehoben - erste Negation. Aber wir sind jetzt, dank
der Wirklichkeitsphilosophie, dahin gekommen, daß wir das Raubsystem abschaffen
und an seiner Stelle die von Herrn Dühring erfundne, auf Gleichheit beruhende
Wirtschaftskommune einführen - Negation der Negation, Gleichheit auf höherer
Stufe. Ergötzliches, den Gesichtskreis wohltätig erweiterndes Schauspiel,
wie Herr Dühring das Kapitalverbrechen der Negation der Negation Allerhöchstselbst
begeht!
Was ist also die Negation der Negation? Ein äußerst allgemeines
und eben deswegen äußerst weitwirkendes und wichtiges Entwicklungsgesetz
der Natur, der Geschichte und des Denkens; ein Gesetz, das, wie wir gesehn, in
der Tier- und Pflanzenwelt, in der Geologie, in der Mathematik, m der Geschichte,
in der Philosophie zur Geltung kommt und dem selbst Herr Dühring trotz allen
Sperrens und Zerrens, ohne es zu wissen, in seiner Weise nachkommen muß.
Es versteht sich von selbst, daß ich über den besondern Entwicklungsprozeß,
den z.B. das Gerstenkorn von der Keimung bis zum Absterben der fruchttragenden
Pflanze durchmacht, gar nichts sage, wenn ich sage, es ist Negation der Negation.
Denn da die Integralrechnung ebenfalls Negation der Negation ist, würde ich
mit der entgegengesetzten Behauptung nur den Unsinn behaupten, der Lebensprozeß
eines Gerstenhalms sei Integralrechnung oder meinetwegen auch Sozialismus. Das
ist es aber, was die Metaphysiker der Dialektik fortwährend in die Schuhe
schieben. Wenn ich von all diesen Prozessen sage, sie sind Negation der Negation,
so fasse ich sie allesamt unter dies eine Bewegungsgesetz zusammen, und lasse
ebendeswegen die Besonderheiten jedes einzelnen Spezialprozesses unbeachtet. Die
Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft
von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft
und des Denkens.
Nun kann man aber einwenden: Die hier vollzogne Negation ist gar keine richtige
Negation: ich negiere ein Gerstenkorn auch, wenn ich's vermahle, ein Insekt, wenn
ich's zertrete, die positive Größe a, wenn ich sie ausstreiche
usw. Oder ich negiere den Satz: die Rose ist eine Rose, wenn ich sage: die Rose
ist keine Rose; und was kommt dabei heraus, wenn ich diese Negation wieder negiere
und sage: die Rose ist aber doch eine Rose? - Diese Einwendungen sind in der Tat
die Hauptargumente der Metaphysiker gegen die Dialektik und ganz dieser Borniertheit
des Denkens würdig. Negieren in der Dialektik heißt nicht einfach nein
sagen, oder ein Ding für nicht bestehend erklären, oder es in beliebiger
Weise zerstören. Schon Spinoza sagt: Omnis determinatio est negatio, jede
Begrenzung oder Bestimmung ist zugleich eine Negation. Und ferner ist die Art
der Negation hier bestimmt erstens durch die allgemeine und zweitens die besondre
Natur des Prozesses. Ich soll nicht nur negieren, sondern auch die Negation wieder
aufheben. Ich muß also die erste Negation so einrichten, daß die zweite
möglich bleibt oder wird. Wie? Je nach der besondern Natur jedes einzelnen
Falls. Vermahle ich ein Gerstenkorn, zertrete ich ein Insekt, so habe ich zwar
den ersten Akt vollzogen, aber den zweiten unmöglich gemacht. Jede Art von
Dingen hat also ihre eigentümliche Art, so negiert zu werden, daß eine
Entwicklung dabei herauskommt, und ebenso jede Art von Vorstellungen und Begriffen.
In der Infinitesimalrechnung wird anders negiert als in der Herstellung positiver
Potenzen aus negativen Wurzeln. Das will gelernt sein, wie alles andre. Mit der
bloßen Kenntnis, daß Gerstenhalm und Infinitesimalrechnung unter die
Negation der Negation fallen, kann ich weder erfolgreich Gerste bauen, noch differenzieren
und integrieren, ebensowenig wie ich mit den bloßen Gesetzen der Tonbestimmung
durch die Dimensionen der Saiten ohne weiteres Violine spielen kann. - Es ist
aber klar, daß bei einer Negationsnegierung, die in der kindischen Beschäftigung
besteht, a abwechselnd zu setzen und wieder auszustreichen, oder von einer
Rose abwechselnd zu behaupten, sie sei eine Rose und sie sei keine Rose, nichts
herauskommt als die Albernheit dessen, der solche langweilige Prozeduren vornimmt.
Und doch möchten die Metaphysiker uns weismachen, wenn wir einmal die Negation
der Negation vollziehn wollten, dann sei das die richtige Art.
Es ist also wiederum niemand anders als Herr Dühring, der uns mystifiziert,
wenn er behauptet, die Negation der Negation sei eine von Hegel erfundne, dem
Gebiet der Religion entlehnte, auf die Geschichte vom
Sündenfall und der Erlösung gebaute Analogieschnurre. Die Menschen haben
dialektisch gedacht, lange ehe sie wußten, was Dialektik war, ebenso wie
sie schon Prosa sprachen, lange bevor der Ausdruck Prosa bestand. Das Gesetz der
Negation der Negation, das sich in der Natur und Geschichte, und bis es einmal
erkannt ist, auch in unsern Köpfen unbewußt vollzieht, ist von Hegel
nur zuerst scharf formuliert worden. Und wenn Herr Dühring die Sache im stillen
selbst betreiben will und nur den Namen nicht vertragen kann, so möge er
einen bessern Namen finden. Will er aber die Sache aus dem Denken vertreiben,
so vertreibe er sie gütigst zuerst aus der Natur und der Geschichte, und
erfinde eine Mathematik, worin -a × -a nicht +a2 ist und worin das
Differenzieren und Integrieren bei Strafe verboten ist.
Wir sind zu Ende mit der Philosophie; was sonst noch von Zukunftsphantasien
im »Cursus« vorhanden, wird uns gelegentlich der Dühringschen Umwälzung
des Sozialismus beschäftigen. Was hat uns Herr Dühring versprochen?
Alles. Und was hat er gehalten? Gar nichts. »Die Elemente einer wirklichen und
demgemäß auf die Wirklichkeit der Natur und des Lebens gerichteten
Philosophie«, die »strengwissenschaftliche Weltanschauung«, die »systemschaffenden
Gedanken«, und alle die andern, in hochtönenden Redewendungen von Herrn Dühring
ausposaunten Leistungen des Herrn Dühring erwiesen sich, wo immer wir sie
anfaßten, als reiner Schwindel. Die Weltschematik, die »ohne der
Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die Grundgestalten des Seins sicher festgestellt
hat«, stellte sich heraus als ein unendlich verseichtigter Abklatsch der Hegelschen
Logik und teilt mit ihr den Aberglauben, daß diese »Grundgestalten« oder
logischen Kategorien irgendwo ein geheimnisvolles Dasein führen vor und außer
der Welt, auf die sie »anzuwenden« sind. Die Naturphilosophie bot uns eine Kosmogonie,
deren Ausgangspunkt ein »sich selbst gleicher Zustand der Materie« ist, ein Zustand,
vorstellbar nur vermittelst der rettungslosesten Verwirrung über den Zusammenhang
von Materie und Bewegung, und vorstellbar außerdem nur unter Annahme eines
außerweltlichen persönlichen Gottes, der allein diesem Zustand zur
Bewegung verhelfen kann. Bei Behandlung der organischen Natur mußte die
Wirklichkeitsphilosophie, nachdem sie Darwins Kampf ums Dasein und Naturzüchtung
als »ein Stück gegen die Humanität gerichtete Brutalität« verworfen,
sie beide durch die Hintertür wieder zulassen als in der Natur wirksame Faktoren,
wenn auch zweiter Ordnung. Sie fand zudem Gelegenheit,
auf dem Gebiet der Biologie eine Unwissenheit zu dokumentieren, wie man sie, seit
den populärwissenschaftlichen Vorträgen nicht mehr zu entgehn ist, selbst
bei Töchtern gebildeter Stände mit der Laterne suchen müßte.
Auf dem Gebiet der Moral und des Rechts war sie mit der Verflachung Rousseaus
nicht glücklicher als vorher mit der Verseichtigung Hegels und bewies auch
in Beziehung auf Rechtswissenschaft, trotz aller Versicherung des Gegenteils,
eine Unkenntnis, wie sie selbst bei den allergewöhnlichsten, altpreußischen
Juristen nur selten anzutreffen sein dürfte. Die Philosophie, »die keinen
bloß scheinbaren Horizont gelten läßt«, begnügt sich juristisch
mit einem wirklichen Horizont, der sich deckt mit dem Geltungsbereich des preußischen
Landrechts. Auf die »Erden und Himmel der äußern und innern Natur«,
die diese Philosophie in ihrer mächtig umwälzenden Bewegung vor uns
aufzurollen versprach, warten wir noch immer, nicht weniger auf die »endgültigen
Wahrheiten letzter Instanz« und auf »das absolut Fundamentale«. Der Philosoph,
dessen Denkweise jede Anwandlung zu einer »subjektivistisch-beschränkten
Weltvorstellung ausschließt«, erweist sich nicht nur als subjektivistisch
beschränkt durch seine wie nachgewiesen äußerst mangelhaften Kenntnisse,
durch seine borniert metaphysische Denkweise und seine fratzenhafte Selbstüberhebung,
sondern sogar durch kindische persönliche Schrullen. Er kann die Wirklichkeitsphilosophie
nicht fertigbringen, ohne seinen Widerwillen gegen Tabak, Katzen und Juden als
allgemeingültiges Gesetz der ganzen übrigen Menschheit, die Juden eingeschlossen,
aufzudrängen. Sein »wirklich kritischer Standpunkt« gegenüber andern
Leuten besteht dann, ihnen beharrlich Dinge unterzuschieben, die sie nie gesagt,
und die Herrn Dührings eigenstes Fabrikat sind. Seine breiten Bettelsuppen
über Spießbürgerthemata, wie der Wert des Lebens und die beste
Art des Lebensgenusses, sind von einer Phllisterhaftigkeit, die seinen Zorn gegen
Goethes Faust erklärlich macht. Es war allerdings unverzeihlich von Goethe,
den unmoralischen Faust zum Helden zu machen und nicht den ernsten Wirklichkeitsphilosophen
Wagner. - Kurz, die Wirklichkeitsphilosophie, alles in allem genommen, erweist
sich, mit Hegel zu reden, als »der seichteste Abkläricht des deutschen Aufkläricht«,
ein Abkläricht, dessen Dünnheit und durchsichtige Gemeinplätzlichkeit
verdickt und getrübt wird nur durch die eingerührten orakelhaften Redebrocken.
Und wenn wir mit dem Buch zu Ende sind, so sind wir genauso gescheit wie vorher
und zu dem Geständnis gezwungen, daß die »neue Denkweise«, die »von
Grund aus eigentümlichen Ergebnisse und Anschauungen« und die »systemschaffenden
Gedanken« uns zwar verschiednen neuen Unsinn vorgeführt
haben, aber auch nicht eine Zeile, aus der wir hätten etwas lernen können.
Und dieser Mensch, der seine Künste und seine Waren unter Pauken- und Trompetenschall
anpreist trotz dem ordinärsten Marktschreier, und hinter dessen großen
Worten nichts, aber auch rein gar nichts ist - dieser Mensch unterfängt sich,
Leute wie Fichte, Schelling und Hegel, deren kleinster noch ein Riese ist ihm
gegenüber, als Scharlatans zu bezeichnen. Scharlatan in der Tat - aber wer?
Fußnoten von Engels
(1) Seit ich obiges niederschrieb, scheint es sich
bereits bestätigt zu haben. Nach den neuesten, von Mendelejew und Boguski
mit genaueren Apparaten angestellten Untersuchungen zeigten alle echten Gase ein
veränderliches Verhältnis zwischen Druck und Volumen; der Ausdehnungskoeffizient
war bei Wasserstoff bei allen bisher angewandten Druckstärken positiv (das
Volumen nahm langsamer ab, als der Druck zunahm); bei der atmosphärischen
Luft und den andern untersuchten Gasen fand sich für jedes ein Nullpunkt
des Drucks, so daß bei geringerem Druck jener Koeffizient positiv, bei größerem
negativ war. Das bisher noch immer praktisch brauchbare Boylesche Gesetz wird
also einer Ergänzung durch eine ganze Reihe von Spezialgesetzen bedürfen.
(Wir wissen jetzt - 1885 - auch, daß es überhaupt keine »echten« Gase
gibt. Sie sind alle auf den tropfbar-flüssigen Zustand reduziert worden.)
(2) Diese Ableitung der modernen Gleichheitsvorstellungen
aus den ökonomischen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft ist zuerst
dargelegt von Marx im »Kapital«.