Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 20. Berlin/DDR.
1962. »Herrn Eugen Dührung's Umwälzung der Wissenschaft«,
S. 5-15.
1. Korrektur
Erstellt am 05.09.1999
Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft
Vorworte zu den drei Auflagen
- Vorwort von 1878
- Vorwort von 1885
- Vorwort von 1894
Die nachfolgende Arbeit ist keineswegs die Frucht irgendwelches
»innern Dranges«. Im Gegenteil.
Als vor drei Jahren Herr Dühring plötzlich als Adept und gleichzeitig
Reformator des Sozialismus sein Jahrhundert in die Schranken forderte, drangen
Freunde in Deutschland wiederholt auf mich ein mit dem Wunsch, ich möchte
diese neue sozialistische Theorie im Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei,
damals dem »Volksstaat«, kritisch beleuchten. Sie hielten dies für durchaus
nötig, wenn nicht in der noch so jungen und eben erst definitiv geeinten
Partei von neuem Gelegenheit zu sektiererischer Spaltung und Verwirrung gegeben
werden sollte. Sie waren besser imstande als ich, die Verhältnisse in Deutschland
zu beurteilen; ich war also verpflichtet, ihnen zu glauben. Daneben zeigte sich,
daß der Neubekehrte von einem Teil der sozialistischen Presse mit einer
Wärme bewillkommt wurde, die zwar nur dem guten Willen des Herrn Dühring
galt, gleichzeitig aber auch bei diesem Teil der Parteipresse den guten Willen
durchblicken ließ, auf Rechnung eben dieses Dühringschen guten Willens
auch die Dühringsche Doktrin unbesehn mit in den Kauf zu nehmen. Auch fanden
sich Leute, die sich schon anschickten, diese Doktrin in popularisierter Form
unter den Arbeitern zu verbreiten. Und endlich boten Herr Dühring und sein
kleiner Sektenstamm alle Künste der Reklame und der Intrige auf, um den
»Volksstaat« zu entschiedner Stellungnahme zu nötigen gegenüber der
mit so gewaltigen Ansprüchen auftretenden neuen Lehre.
Trotzdem dauerte es ein Jahr, bis ich mich entschließen konnte, mit Vernachlässigung
andrer Arbeiten in diesen sauren Apfel zu beißen. Es war eben ein Apfel,
den man ganz verzehren mußte, sobald man einmal anbiß.
Und er war nicht nur sehr sauer, sondern auch sehr dick. Die neue sozialistische
Theorie trat auf als letzte praktische Frucht eines neuen philosophischen Systems.
Es galt also, sie im Zusammenhang dieses Systems, und damit das System selbst
zu untersuchen; es galt, Herrn Dühring zu folgen auf jenes weitläufige
Gebiet, wo er von allen möglichen Dingen handelt und noch von einigen mehr.
So entstand eine Reihe von Artikeln, die seit Anfang 1877 im Nachfolger des
»Volksstaat«, im Leipziger »Vorwärts« erschien und hier im Zusammenhang
vorliegt.
Es war somit die Beschaffenheit des Gegenstandes selbst, die die Kritik zu
einer Ausführlichkeit zwang, zu der der wissenschaftliche Gehalt dieses
Gegenstandes, also der Dühringschen Schriften, im äußersten
Mißverhältnis steht. Jedoch mögen auch noch zwei andre Umstände
diese Ausführlichkeit entschuldigen. Einerseits gab sie mir die Gelegenheit,
auf den sehr verschiednen hier zu berührenden Gebieten meine Auffassung
von Fragepunkten positiv zu entwickeln, die heute von allgemeinerem wissenschaftlichem
oder praktischem Interesse sind. Es ist dies in jedem einzelnen Kapitel geschehn,
und sowenig diese Schrift den Zweck haben kann, dem »System« des Herrn Dühring
ein andres System entgegenzusetzen, so wird der Leser doch hoffentlich in den
von mir aufgestellten Ansichten den innern Zusammenhang nicht vermissen. Daß
meine Arbeit in dieser Beziehung keine ganz fruchtlose gewesen ist, dafür
habe ich schon jetzt Beweise genug.
Andrerseits ist der »systemschaffende« Herr Dühring keine vereinzelte
Erscheinung in der deutschen Gegenwart. Seit einiger Zeit schießen in
Deutschland die Systeme der Kosmogonie, der Naturphilosophie überhaupt,
der Politik, der Ökonomie usw. über Nacht zu Dutzenden auf wie die
Pilze. Der kleinste Doktor Philosophiae, ja selbst der Studiosus tut nicht mehr
mit unter einem vollständigen »System«. Wie im modernen Staat vorausgesetzt
wird, daß jeder Staatsbürger urteilsreif ist über alle die Fragen,
über die er abzustimmen hat; wie man in der Ökonomie annimmt, daß
jeder Konsument gründlicher Kenner aller der Waren ist, die er zu seinem
Lebensunterhalt einzukaufen in den Fall kommt - so soll es nun auch in der Wissenschaft
gehalten werden. Freiheit der Wissenschaft heißt, daß man über
alles schreibt, was man nicht gelernt hat, und dies für die einzige streng
wissenschaftliche Methode ausgibt. Herr Dühring aber ist einer der bezeichnendsten
Typen dieser vorlauten Pseudowissenschaft, die sich heutzutage in Deutschland
überall in den Vordergrund drängt und alles übertönt mit
ihrem dröhnenden - höhern Blech. Höheres Blech in der Poesie,
in der Philosophie, in der Politik, in der Ökonomie, in der
Geschichtschreibung, höheres Blech auf Katheder und Tribüne, höheres
Blech überall, höheres Blech mit dem Anspruch auf Überlegenheit
und Gedankentiefe im Unterschied von dem simpeln, plattvulgären Blech andrer
Nationen, höheres Blech das charakteristischste und massenhafteste Produkt
der deutschen intellektuellen Industrie, billig aber schlecht, ganz wie andre
deutsche Fabrikate, neben denen es leider in Philadelphia nicht vertreten war.
Sogar der deutsche Sozialismus, namentlich seit dem guten Beispiel des Herrn
Dühring, macht neuerdings recht erklecklich in höherm Blech und produziert
diesen und jenen, der sich mit »Wissenschaft« brüstet, von der er »wirklich
auch nichts gelernt hat«. Es ist dies eine Kinderkrankheit, die die beginnende
Bekehrung des deutschen Studiosus zur Sozialdemokratie anzeigt, und von ihr
unzertrennlich ist, die aber bei der merkwürdig gesunden Natur unsrer Arbeiter
schon überwunden werden wird.
Es war nicht meine Schuld, wenn ich Herrn Dühring auf Gebiete folgen mußte,
auf denen ich mich höchstens mit den Ansprüchen eines Dilettanten
bewegen kann. In solchen Fällen habe ich mich meistens darauf beschränkt,
den falschen oder schiefen Behauptungen meines Gegners die richtigen, unbestrittnen
Tatsachen entgegenzustellen. So in der Juristerei und in manchen Fällen
aus der Naturwissenschaft. In andern handelt es sich um allgemeine Ansichten
aus der theoretischen Naturwissenschaft, also um ein Terrain, wo auch der Naturforscher
von Fach über seine Spezialität hinaus auf benachbarte Gebiete übergreifen
muß - auf Gebiete also, auf denen er, nach Herrn Virchows Eingeständnis,
ebensogut ein »Halbwisser« ist, wie wir andern auch. Dieselbe Nachsicht für
kleine Ungenauigkeiten und Unbehülflichkeiten des Ausdrucks, die man da
gegenseitig ausübt, wird man auch mir hoffentlich zuteil werden lassen.
Bei Schluß dieses Vorworts kommt mir eine von Herrn Dühring verfaßte
Buchhändleranzeige eines neuen »maßgebenden« Werks des Herrn Dühring
zu: »Neue Grundgesetze zur rationellen Physik und Chemie«. Sosehr ich nun auch
der Mangelhaftigkeit meiner physikalischen und chemischen Kenntnisse mir bewußt
bin, so glaube ich doch meinen Herrn Dühring zu kennen, und daher, ohne
die Schrift selbst je gesehn zu haben, voraussagen zu dürfen, daß
die hier aufgestellten Gesetze der Physik und Chemie sich den frühern von
Herrn Dühring entdeckten und in meiner Schrift untersuchten Gesetzen der
Ökonomie, Weltschematik usw., nach Mißverstand oder Gemeinplätzlichkeit
würdig anreihen werden, und daß das von Herrn Dühring konstruierte
Rhigometer oder Instrument zur Messung sehr niedriger
Temperaturen zum Maßstab dienen wird, nicht für Temperaturen, weder
hohe noch niedrige, sondern einzig und allein für die unwissende Arroganz
des Herrn Dühring.
London, 11. Juni 1878
Daß die vorliegende Schrift in neuer Auflage zu erscheinen hat, kam mir
unerwartet. Der Gegenstand, den sie kritisiert, ist heute schon so gut wie vergessen;
sie selbst hat nicht nur stückweise im Leipziger »Vorwärts« 1877 und
1878 vielen Tausenden von Lesern vorgelegen, sondern ist auch noch im Zusammenhang
und separat in starker Auflage gedruckt worden. Wie kann es da noch jemand interessieren,
was ich vor Jahren über Herrn Dühring zu sagen hatte?
In erster Linie verdanke ich dies wohl dem Umstand, daß diese Schrift,
wie überhaupt fast alle meine damals noch umlaufenden Schriften, gleich
nach Erlaß des Sozialistengesetzes im Deutschen Reich verboten wurde.
Wer nicht in den erblichen Beamtenvorurteilen der Länder der Helligen Allianz
vernagelt war, für den mußte die Wirkung dieser Maßregel klar
sein: verdoppelter und verdreifachter Absatz der verbotnen Bücher, Bloßlegung
der Ohnmacht der Herren in Berlin, die Verbote erlassen und sie nicht durchführen
können. In der Tat trägt mir die Liebenswürdigkeit der Reichsregierung
mehr neue Auflagen meiner kleinern Schriften ein, als ich verantworten kann;
ich habe nicht die Zeit, den Text nach Gebühr zu revidieren und muß
ihn meist einfach wieder abdrucken lassen.
Dazu kommt aber noch ein andrer Umstand. Das hier kritisierte »System« des
Herrn Dühring verbreitet sich über ein sehr ausgedehntes theoretisches
Gebiet; ich war genötigt, ihm überallhin zu folgen und seinen Auffassungen
die meinigen entgegenzusetzen. Die negative Kritik wurde damit positiv; die
Polemik schlug um in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung
der von Marx und mir vertretnen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung,
und dies auf einer ziemlich umfassenden Reihe von Gebieten. Diese unsre Anschauungsweise
hat, seit sie zuerst in Marx' »Misére
de la philosophie« und im »Kommunistischen
Manifest« vor die Welt trat, ein reichlich zwanzigjähriges Inkubationsstadium
durchgemacht, bis sie seit dem Erscheinen des »Kapital«
mit wachsender Geschwindigkeit stets weitre Kreise ergriff und jetzt, weit über
die Grenzen Europas hinaus, Beachtung und Anhang findet in allen Ländern,
wo es einerseits Proletarier und andrerseits rücksichtslose wissenschaftliche
Theoretiker gibt. Es scheint also, daß ein Publikum besteht, dessen Interesse
für die Sache groß genug ist, um die jetzt in vielen Beziehungen
gegenstandslose Polemik gegen die Dühringschen Sätze in den Kauf zu
nehmen, den daneben gegebnen positiven Entwicklungen zu Gefallen.
Ich bemerke nebenbei: Da die hier entwickelte Anschauungsweise zum weitaus
größern Teil von Marx begründet und entwickelt worden, und nur
zum geringsten Teil von mir, so verstand es sich unter uns von selbst, daß
diese meine Darstellung nicht ohne seine Kenntnis erfolgte. Ich habe ihm das
ganze Manuskript vor dem Druck vorgelesen, und das zehnte Kapitel des Abschnitts
über Ökonomie (»Aus der 'Kritischen Geschichte'«) ist von Marx geschrieben
und mußte nur, äußerlicher Rücksichten halber, von mir
leider etwas verkürzt werden. Es war eben von jeher unser Brauch, uns in
Spezialfächern gegenseitig auszuhelfen.
Die gegenwärtige neue Auflage ist, mit Ausnahme eines Kapitels, ein unveränderter
Abdruck der vorigen. Einerseits fehlte mir die Zeit zu einer durchgreifenden
Revision, sosehr ich manches in der Darstellung geändert wünschte.
Aber ich habe die Pflicht, die hinterlassenen Manuskripte von Marx für
den Druck fertigzustellen, und dies ist viel wichtiger als alles andre. Dann
aber sträubt sich mein Gewissen gegen jede Änderung. Die Schrift ist
eine Streitschrift, und ich glaube es meinem Gegner schuldig zu sein, da meinerseits
nichts zu bessern, wo er nichts bessern kann. Ich könnte nur das Recht
beanspruchen, auf Herrn Dührings Antwort wieder zu entgegnen. Was aber
Herr Dühring über meinen Angriff geschrieben hat, habe ich nicht gelesen
und werde es nicht ohne besondre Veranlassung lesen; ich bin theoretisch mit
ihm fertig. Im übrigen muß ich ihm gegenüber die Anstandsregeln
des literarischen Kampfes um so mehr aufrechterhalten, als ihm seitdem von der
Berliner Universität schmähliches Unrecht angetan worden ist. Freilich
ist sie dafür gezüchtigt worden. Eine Universität, die sich dazu
hergibt, Herrn Dühring unter den bekannten Umständen die Lehrfreiheit
zu entziehn, darf sich nicht wundern, wenn man ihr unter den ebenfalls bekannten
Umständen Herrn Schweninger aufzwingt.
Das einzige Kapitel, worin ich mir erläuternde Zusätze erlaubt habe, ist das zweite des dritten Abschnitts: »Theoretisches«.
Hier, wo es sich einzig und allein um die Darstellung eines Kernpunktes der
von mir vertretnen Anschauung handelt, wird sich mein Gegner nicht beklagen
können, wenn ich mich bemühte, populärer zu sprechen und den
Zusammenhang zu ergänzen. Und zwar hatte dies eine äußere Veranlassung.
Ich hatte drei Kapitel der Schrift (das erste der Einleitung und das erste und
zweite des dritten Abschnitts) für meinen Freund Lafargue behufs Übersetzung
ins Französische zu einer selbständigen Broschüre verarbeitet,
und nachdem die französische Ausgabe einer italienischen und polnischen
als Grundlage gedient, eine deutsche Ausgabe besorgt unter dem Titel: »Die
Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«. Diese hat
in wenigen Monaten drei Auflagen erlebt und ist auch in russischer und dänischer
Übersetzung erschienen. Zusätze hatte in allen diesen Ausgaben nur
das fragliche Kapitel erhalten, und es wäre pedantisch gewesen, hätte
ich in der neuen Auflage des Originalwerks mich an den ursprünglichen Wortlaut
binden wollen, gegenüber seiner spätern, international gewordnen Gestalt.
Was ich sonst geändert wünschte, bezieht sich hauptsächlich
auf zwei Punkte. Erstens auf die menschliche Urgeschichte, zu der uns Morgan
erst 1877 den Schlüssel lieferte. Da ich aber seitdem in meiner Schrift:
»Der Ursprung der Familie, des Privateigentums
und des Staats«, Zürich 1884, Gelegenheit hatte, das mir inzwischen
zugänglich gewordne Material zu verarbeiten, genügt der Hinweis auf
diese spätere Arbeit.
Zweitens aber der Teil, der von der theoretischen Naturwissenschaft handelt.
Hier herrscht eine große Unbeholfenheit der Darstellung, und manches ließe
sich heute klarer und bestimmter ausdrücken. Wenn ich mir nicht das Recht
zuschreibe, hier zu bessern, so bin ich eben deswegen verpflichtet, mich statt
dessen hier selbst zu kritisieren.
Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen
Philosophie die bewußte Dialektik in die materialistische Auffassung der
Natur und Geschichte hinübergerettet hatten. Aber zu einer dialektischen
und zugleich materialistischen Auffassung der Natur gehört Bekanntschaft
mit der Mathematik und der Naturwissenschaft. Marx war ein gründlicher Mathematiker,
aber die Naturwissenschaften konnten wir nur stückweise, sprungweise, sporadisch
verfolgen. Als ich daher durch Rückzug aus dem kaufmännischen Geschäft
und Umzug nach London die Zeit dazu gewann, machte ich, soweit es mir möglich,
eine vollständige mathematische und naturwissenschaftliche
»Mauserung«, wie Liebig es nennt, durch, und verwandte den besten Teil von acht
Jahren darauf. Ich war grade mitten in diesem Mauserungsprozeß begriffen,
als ich in den Fall kam, mich mit Herrn Dührings sogenannter Naturphilosophie
zu befassen. Wenn ich also da manchmal den richtigen technischen Ausdruck nicht
finde und mich überhaupt mit ziemlicher Schwerfälligkeit auf dem Gebiet
der theoretischen Naturwissenschaft bewege, so ist das nur zu natürlich.
Andrerseits hat mich aber das Bewußtsein meiner noch nicht überwunden
Unsicherheit vorsichtig gemacht; wirkliche Verstöße gegen die damals
bekannten Tatsachen und unrichtige Darstellung der damals anerkannten Theorien
wird man mir nicht nachweisen können. In dieser Beziehung hat sich nur ein
verkannter großer Mathematiker bei Marx brieflich beklagt, ich hätte
die
frevelhaft an ihrer Ehre angegriffen.
Es handelte sich bei dieser meiner Rekapitulation der Mathematik und der Naturwissenschaften
selbstredend darum, mich auch im einzelnen zu überzeugen - woran im allgemeinen
kein Zweifel für mich war -, daß in der Natur dieselben dialektischen
Bewegungsgesetze im Gewirr der zahllosen Veränderungen sich durchsetzen,
die auch in der Geschichte die scheinbare Zufälligkeit der Ereignisse beherrschen;
dieselben Gesetze, die, ebenfalls in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen
Denkens den durchlaufenden Faden bildend, allmählich den denkenden Menschen
zum Bewußtsein kommen; die zuerst von Hegel in umfassender Weise, aber
in mystifizierter Form entwickelt worden, und die aus dieser mystischen Form
herauszuschälen und in ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeingültigkeit
klar zur Bewußtheit zu bringen, eine unsrer Bestrebungen war. Es verstand
sich von selbst, daß die alte Naturphilosophie - soviel wirklich Gutes
und soviel fruchtbare Keime sie enthielt (1)
- uns nicht genügen konnte. Wie in dieser
Schrift näher entwickelt, fehlte sie, namentlich in der Hegelschen Form,
darin, daß sie der Natur keine Entwicklung in der Zeit zuerkannte, kein
»Nacheinander«, sondern nur ein »Nebeneinander«. Dies war einerseits im Hegelschen
System selbst begründet, das nur dem »Geist« eine geschichtliche Fortentwicklung
zuschrieb, andrerseits aber auch im damaligen Gesamtstand der Naturwissenschaften.
So fiel Hegel hier weit hinter Kant zurück, dessen Nebulartheorie bereits
die Entstehung, und dessen Entdeckung der Hemmung der Erdrotation durch die
Meeresflutwelle auch schon den Untergang des Sonnensystems proklamiert hatte.
Und endlich konnte es sich für mich nicht darum handeln, die dialektischen
Gesetze in die Natur hineinzukonstruieren, sondern sie in ihr aufzufinden und
aus ihr zu entwickeln.
Dies im Zusammenhang und auf jedem einzelnen Gebiet zu tun, ist aber eine Riesenarbeit.
Nicht nur ist das zu beherrschende Gebiet fast unermeßlich, es ist auch
auf diesem gesamten Gebiet die Naturwissenschaft selbst in einem so gewaltsamen
Umwälzungsprozeß begriffen, daß auch derjenige kaum folgen
kann, dem seine ganze freie Zeit hierfür zur Verfügung steht. Seit
dem Tode von Karl Marx ist meine Zeit aber durch dringendere Pflichten mit Beschlag
belegt worden, und da mußte ich meine Arbeit unterbrechen. Ich muß
mich vorderhand mit den in der vorliegenden Schrift gegebnen Andeutungen begnügen
und abwarten, ob sich später einmal Gelegenheit findet, die gewonnenen
Resultate zu sammeln und her auszugeben, vielleicht
zusammen mit den hinterlassenen höchst wichtigen mathematischen Manuskripten
von Marx.
Vielleicht aber macht der Fortschritt der theoretischen Naturwissenschaft meine
Arbeit größtenteils oder ganz überflüssig. Denn die Revolution,
die der theoretischen Naturwissenschaft aufgezwungen wird durch die bloße
Notwendigkeit, die sich massenhaft häufenden, rein empirischen Entdeckungen
zu ordnen, ist der Art, daß sie den dialektischen Charakter der Naturvorgänge
mehr und mehr auch dem widerstrebendsten Empiriker zum Bewußtsein bringen
muß. Die alten starren Gegensätze, die scharfen, unüberschreitbaren
Grenzlinien verschwinden mehr und mehr. Seit der Flüssigmachung auch der
letzten »echten« Gase, seit dem Nachweis, daß ein Körper in einen Zustand
versetzt werden kann, worin tropfbare und Gasform ununterscheidbar sind, haben
die Aggregatzustände den letzten Rest ihres frühern absoluten Charakters
verloren. Mit dem Satz der kinetischen Gastheorie, daß in vollkommnen Gasen
die Quadrate der Geschwindigkeiten, womit die einzelnen Gasmoleküle sich
bewegen, sich bei gleicher Temperatur umgekehrt verhalten wie die Molekulargewichte,
tritt die Wärme auch direkt in die Reihe der unmittelbar als solche meßbaren
Bewegungsformen. Wurde noch vor zehn Jahren das neuentdeckte große Grundgesetz
der Bewegung gefaßt als bloßes Gesetz von der Erhaltung der
Energie, als bloßer Ausdruck der Unzerstörbarkeit und Unerschaffbarkeit
der Bewegung, also bloß nach seiner quantitativen Seite, so wird dieser
enge, negative Ausdruck mehr und mehr verdrängt durch den positiven der Verwandlung
der Energie, worin erst der qualitative Inhalt des Prozesses zu seinem Recht kommt
und worin die letzte Erinnerung an den außerweltlichen Schöpfer ausgelöscht
ist. Daß die Menge der Bewegung (der sogenannten Energie) sich nicht verändert,
wenn sie sich aus kinetischer Energie (sogenannter mechanischer Kraft) in Elektrizität,
Wärme, potentielle Energie der Lage etc. verwandelt und umgekehrt, braucht
jetzt nicht mehr als etwas Neues gepredigt zu werden; es dient als einmal gewonnene
Grundlage der nun viel inhaltsvollern Untersuchung des Verwandlungsprozesses selbst,
des großen Grundprozesses, in dessen Erkenntnis die ganze Erkenntnis der
Natur sich zusammenfaßt. Und seitdem die Biologie mit der Leuchte der Evolutionstheorie
betrieben wird, hat sich auf dem Gebiet der organischen Natur eine starre Grenzlinie
der Klassifikation nach der andern aufgelöst; die fast unklassifizierbaren
Mittelglieder mehren sich täglich, die genauere Untersuchung wirft Organismen
aus einer Klasse in die andre, und fast zu Glaubensartikeln gewordne Unterscheidungsmerkmale
verlieren ihre unbedingte Gültigkeit; wir haben
jetzt eierlegende Säugetiere, und wenn die Nachricht sich bestätigt,
auch Vögel, die auf allen vieren gehn. War schon vor Jahren Virchow genötigt
gewesen, infolge der Entdeckung der Zelle die Einheit des tierischen Individuums
mehr fortschrittlich als naturwissenschaftlich und dialektisch in eine Föderation
von Zellenstaaten aufzulösen, so wird der Begriff der tierischen (also auch
menschlichen) Individualität noch weit verwickelter durch die Entdeckung
der amöbenartig im Körper der höhern Tiere herumkriechenden weißen
Blutzellen. Es sind aber grade die als unversöhnlich und unlösbar vorgestellten
polaren Gegensätze, die gewaltsam fixierten Grenzlinien und Klassenunterschiede,
die der modernen theoretischen Naturwissenschaft ihren beschränkt-metaphysischen
Charakter gegeben haben. Die Erkenntnis, daß diese Gegensätze und Unterschiede
in der Natur zwar vorkommen, aber nur mit relativer Gültigkeit, daß
dagegen jene ihre vorgestellte Starrheit und absolute Gültigkeit erst durch
unsre Reflexion in die Natur hineingetragen ist - diese Erkenntnis macht den Kernpunkt
der dialektischen Auffassung der Natur aus. Man kann zu ihr gelangen, indem man
von den sich häufenden Tatsachen der Naturwissenschaft dazu gezwungen wird;
man gelangt leichter dahin, wenn man dem dialektischen Charakter dieser Tatsachen
das Bewußtsein der Gesetze des dialektischen Denkens entgegenbringt. Jedenfalls
ist die Naturwissenschaft jetzt so weit, daß sie der dialektischen Zusammenfassung
nicht mehr entrinnt. Sie wird sich diesen Prozeß aber erleichtern, wenn
sie nicht vergißt, daß die Resultate, worin sich ihre Erfahrungen
zusammenfassen, Begriffe sind; daß aber die Kunst, mit Begriffen zu operieren,
nicht eingeboren und auch nicht mit dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein
gegeben ist, sondern wirkliches Denken erfordert, welches Denken ebenfalls eine
lange erfahrungsmäßige Geschichte hat, nicht mehr und nicht minder
als die erfahrungsmäßige Naturforschung. Eben dadurch, daß sie
sich die Resultate der dritthalbtausendjährigen Entwicklung der Philosophie
aneignen lernt, wird sie einerseits jede aparte, außer und über ihr
stehende Naturphilosophie los, andrerseits aber auch ihre eigne, aus dem englischen
Empirismus überkommne, bornierte Denkmethode.
London, 23. September 1885
Die nachfolgende Neuauflage ist bis auf einige sehr unbedeutende stilistische
Änderungen ein Wiederabdruck der vorigen. Nur in einem Kapitel,
dem zehnten des zweiten Abschnitts: »Aus der 'Kritischen Geschichte'«, habe
ich mir wesentliche Zusätze erlaubt, und zwar aus folgenden Gründen.
Wie schon in der Vorrede zur zweiten Auflage erwähnt, rührt dies
Kapitel in allem Wesentlichen von Marx her. In seiner ersten, für einen
Journalartikel bestimmten Fassung war ich genötigt, das Marxsche Manuskript
bedeutend zu kürzen, und zwar grade in denjenigen Partien, wo die Kritik
der Dühringschen Aufstellungen mehr zurücktritt gegenüber selbständigen
Entwicklungen aus der Geschichte der Ökonomie. Diese aber machen grade
den Teil des Manuskripts aus, der auch heute noch vom größten und
bleibendsten Interesse ist. Die Ausführungen, worin Marx Leuten wie Petty,
North, Locke, Hume die ihnen gebührende Stelle in der Genesis der klassischen
Ökonomie anweist, halte ich mich für verpflichtet, möglichst
vollständig und wörtlich zu geben; noch mehr aber seine Klarstellung
des »ökonomischen Tableaus« von Quesnay, dieses für die ganze moderne
Ökonomie unlösbar gebliebnen Sphinxrätsels. Was sich dagegen
ausschließlich auf Herrn Dührings Schriften bezog, habe ich, soweit
der Zusammenhang dies erlaubte, weggelassen.
Im übrigen kann ich vollständig zufrieden sein mit der Ausbreitung,
die die in dieser Schrift vertretnen Anschauungen, seit der vorigen Auflage,
im öffentlichen Bewußtsein der Wissenschaft und der Arbeiterklasse
gemacht haben, und zwar in allen zivilisierten Ländern der Welt.
London, 23. Mai 1894
F. Engels
Fußnoten von Engels
(1) Es ist viel leichter, mit dem gedankenlosen
Vulgus à la Karl Vogt über die alte Naturphilosophie herzufallen,
als ihre geschichtliche Bedeutung zu würdigen. Sie enthält viel Unsinn
und Phantasterei, aber nicht mehr als die gleichzeitigen unphilosophischen Theorien
der empirischen Naturforscher, und daß sie auch viel Sinn und Verstand enthält,
fängt man seit der Verbreitung der Entwicklungstheorie an einzusehen. So
hat Haeckel mit vollem Recht die Verdienste von Treviranus und Oken anerkannt.
Oken stellt in seinem Urschleim und Urbläschen dasjenige als Postulat der
Biologie auf, was seitdem als Protoplasma und Zelle wirklich entdeckt worden.
Was speziell Hegel angeht, steht er in vieler Beziehung hoch über seinen
empirischen Zeitgenossen, die alle unerklärten Erscheinungen erklärt
zu haben glaubten, wenn sie ihnen eine Kraft - Schwerkraft, Schwimmkraft, elektrische
Kontaktkraft usw. - unterschoben, oder wo dies nicht ging, einen unbekannten Stoff,
Lichtstoff, Wärmestoff, Elektrizitätsstoff usw. Die imaginären
Stoffe sind jetzt so ziemlich beseitigt, aber der von Hegel bekämpfte Kräfteschwindel
spukt z.B. noch 1869 in Helmholtz' Innsbrucker Rede lustig fort (Helmholtz »Populäre
Vorlesungen«, II. Heft, 1871, Seite 190). Gegenüber der von den Franzosen
des 18. Jahrhunderts überkommnen Vergötterung Newtons, den England mit
Ehren und Reichtum überhäufte, hob Hegel hervor, daß Kepler, den
Deutschland verhungern ließ, der eigentliche Begründer der modernen
Mechanik der Weltkörper, und daß das Newtonsche Gravitationsgesetz
bereits in allen drei Keplerschen Gesetzen, im dritten sogar ausdrücklich
enthalten ist. Was Hegel in seiner »Naturphilosophie«, § 270 und Zusätze
(Hegels Werke, 1842, VII. Band, Seite 98 und 113 bis 115) mit ein paar einfachen
Gleichungen nachweist, findet sich als Resultat der neuesten mathematischen Mechanik
wieder bei Gustav Kirchhof »Vorlesungen über mathematische Physik«, 2. Auflage,
Leipzig 1877, Seite 10, und in wesentlich derselben, von Hegel zuerst entwickelten,
einfachen, mathematischen Form. Naturphilosophen verhalten sich zur bewußt-dialektischen
Naturwissenschaft wie die Utopisten zum modernen Kommunismus.