Geschrieben um den 18. März 1883.
["Der Sozialdemokrat" Nr. 13 vom 22. März 1883]
"Im Namen aller russischen Sozialisten sende ich einen letzten Scheidegruß dem hervorragenden Meister unter allen Sozialisten unserer Zeit. Einer der größten Köpfe ist entschlafen, einer der energischsten Kämpfer gegen die Ausbeuter des Proletariats ist gestorben.
Die russischen Sozialisten neigen sich vor dem Grabe des Mannes, der mit ihren Bestrebungen sympathisiert hat im Verlauf aller Wandlungen ihres schrecklichen Kampfs; eines Kampfs, den sie fortführen werden, bis die Grundsätze der sozialen Revolution endgültig werden triumphiert haben. Die russische Sprache war die erste, die eine Übersetzung des 'Kapitals' besaß, dieses Evangeliums des zeitgenössischen Sozialismus. Die Studenten der russischen Universitäten waren die ersten, denen es zuteil wurde, eine sympathische Darlegung anzuhören der Theorien des gewaltigen Denkers, den wir jetzt verloren haben. Selbst diejenigen, die sich mit dem Gründer der Internationalen Arbeiter-Assoziation im Gegensatz befanden in bezug auf praktische Organisationsfragen, mußten sich doch stets beugen vor der umfassenden Wissenschaft und der hohen Denkkraft, die das Wesen des modernen Kapitals, die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformen und die Abhängigkeit der gesamten Menschheitsgeschichte von diesen Entwicklungsformen zu ergründen verstanden. Und selbst die leidenschaftlichsten Gegner, die er unter den Reihen der revolutionären Sozialisten fand, konnten nicht anders, als dem Ruf gehorchen, den er vor 35 Jahren zusammen mit dem Freunde seines Lebens
"Ich bin aus der Mitte Deutschlands gekommen, um dem unvergeßlichen Lehrer und treuen Freund meine Liebe und Dankbarkeit auszudrücken. Dem treuen Freund! Sein ältester Freund und Mitstreiter hat Karl Marx soeben den bestgehaßten Mann dieses Jahrhunderts genannt. Wohl. Er war der bestgehaßte, er ist aber auch der bestgeliebte gewesen. Best
gehaßt von den Unterdrückern und Ausbeutern des Volks, best
geliebt von den Unterdrückten und Ausgebeuteten, soweit sie sich ihrer Lage bewußt sind. Das Volk der Unterdrückten und Ausgebeuteten liebt ihn, weil
er es geliebt hat. Denn der Tote, dessen Verlust wir beklagen, war groß in seiner Liebe wie in seinem Haß. Sein Haß war der Liebe entsprungen. Er war ein großes
Herz, wie er ein großer
Geist war. Das wissen alle, die ihn kannten.
Doch ich stehe hier nicht bloß als Schüler und Freund; ich stehe hier auch als Vertreter der
deutschen Sozialdemokratie, die mich beauftragt hat, den Gefühlen Ausdruck zu geben, welche sie für ihren
Lehrer empfindet, für
den Mann, der unsere Partei
geschaffen hat, soweit man in dieser Beziehung von Schaffen reden kann.
Es würde sich nicht schicken, wollte ich hier mich in Schönreden ergehen. War doch niemand ein leidenschaftlicherer
Feind der Phrase als Karl Marx. Das gerade ist sein unsterbliches Verdienst, daß er das Proletariat, die Partei des arbeitenden Volkes
von der Phrase befreit und ihr die feste, durch nichts zu erschütternde Basis der
Wissenschaft gegeben hat. Revolutionär der Wissenschaft, Revolutionär
durch die Wissenschaft, hat er den höchsten Gipfel der Wissenschaft erklommen, um herabzusteigen zum Volk und die Wissenschaft zum Gemeingut des Volkes zu machen.
Die Wissenschaft ist die Befreierin der Menschheit.
Die
Naturwissenschaft befreit uns von
Gott. Doch der Gott im Himmel lebt fort, auch wenn die Wissenschaft ihn getötet hat.
Die
Gesellschaftswissenschaft, welche Marx dem Volke erschlossen hat, tötet den Kapitalismus und mit ihm die Götzen und Herren der
Erde, welche, solange sie leben, den Gott nicht sterben lassen.
Die Wissenschaft ist nicht deutsch. Sie kennt keine Schranken, vor allem nicht die Schranken der
Nationalität. Und so mußte der Schöpfer des 'Kapital' naturgemäß auch der Schöpfer der
Internationalen Arbeiter-Assoziation werden.
Die Basis der Wissenschaft, welche wir Marx verdanken, setzt uns in den Stand, allen Angriffen der Feinde zu trotzen und den Kampf, welchen wir unternommen haben, mit stets wachsenden Kräften fortzusetzen.
Marx hat die Sozialdemokratie aus einer
Sekte, aus einer
Schule zu einer
Partei gemacht, zu der Partei, welche jetzt schon unbesiegt kämpft und den Sieg erringen wird.
Und das gilt nicht bloß von uns
Deutschen. Marx gehört dem
Proletariat. Den Proletariern aller Länder war sein ganzes Leben gewidmet. Die denkfähigen, denkenden Proletarier aller Länder sind ihm in dankbarer Verehrung zugetan.
Es ist ein schwerer Schlag, der uns getroffen hat. Doch wir trauern nicht. Der Tote ist nicht tot. Er lebt in dem
Herzen, er lebt in dem
Kopf des Proletariats. Sein Andenken wird nicht verblassen, seine Lehre wird in immer weiteren Kreisen wirksam sein.
Statt zu trauern, wollen wir im Geiste des großen Toten
handeln, mit aller Kraft streben, daß möglichst bald
verwirklicht werde, was er gelehrt und erstrebt hat. So feiern wir am besten sein Gedächtnis,
Toter, lebender Freund!
Wir werden den Weg, den Du uns gezeigt hast, wandeln bis zum Ziel. Das geloben wir an Deinem Grabe!"