Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 13, 7. Auflage 1971, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1961, Berlin/DDR. S. 323-327.
Aus dem Englischen.
["New-York Daily Tribune" Nr. 5647 vom 27. Mai 1859]
"Die Möglichkeit, daß der Gegner alle Nachrichten, die in den inländischen Blättern über die Bewegungen der k.k. Armee mitgeteilt werden, binnen einigen Stunden erfahren und zu seinem Vorteil ausbeuten kann, legt hierorts die Verpflichtung auf, bei den diesfälligen Mitteilungen mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Die letzten Nachrichten lauten derart, daß die operierende k.k. Armee eine Aufstellung zwischen dem Po und der Sesia innehat, aus welcher jede Offensivbewegung ermöglicht wird. Sie ist im Besitz aller Übergänge der Sesia, und obwohl das anhaltende Hochwasser des Po entscheidende Bewegungen auf das rechte Ufer dieses Flusses noch immer verhindert, werden die Terrainabschnitte zwischen Pontecurone und Voghera dennoch mit bedeutenden Teilen der Armee fortwährend festgehalten; zugleich wurde die Eisenbahnbrücke bei Valenza von uns gesprengt."
"Es wurde von einer gewissen Partei behauptet, Preußen müsse die vollste Selbständigkeit bewahren, sich weder von den Ereignissen noch von dem ungeduldigen Treiben derer fortreißen lassen, welche die Politik Deutschlands in falsche Bahnen drängen und zu voreiligen Maßregeln bestimmen möchten. Die Regierung müsse demgegenüber ihren Standpunkt mit unverrückbarer Festigkeit behaupten, und man hoffe, daß die Staaten Deutschlands, da die Kräfte der andern deutschen Großmacht durch den italienischen Krieg in Anspruch genommen sind, um Preußen, als den natürlichen Mittelpunkt der deutschen Politik sich scharen werden.
Wir können es nicht über uns gewinnen, ohne Prüfung diesen Erklärungen beizutreten, uns diesen Weisungen zu unterwerfen. Zuvörderst ist die Behauptung von der vollsten Selbständigkeit Preußens eine Übertreibung. Es hat vielmehr mit Recht umhergesehen, gefragt, gewünscht, gewarnt, empfohlen, weil es, zwischen vier mächtigen Staaten eingeklemmt, eben keine volle Selbständigkeit und Unabhängigkeit behaupten kann, sondern deren Tun und Lassen berücksichtigen muß, ohne jedoch sich selbst und seinen wahren Beruf aufzugeben. Preußen ist in die Reihe der Großmächte eingetreten, nicht vermöge seiner Masse, sondern vermöge der Bewegung seines Geistes, seiner Entschlossenheit und Tätigkeit. Sobald dies fehlt (die Geschichte hat es bewiesen), sinkt es hinab in niedere Regionen und wird von andern vernachlässigt oder gar beherrscht.
Vier Monate lang hat die Diplomatie sich abgemüht, einem Gegner wie Napoleon III, gegenüber, aber auch gar nichts ausgerichtet, sondern völlig Bankrott gemacht. Ist es
nicht natürlich, nicht löblich, wenn die Deutschen (durch bittere Erfahrungen belehrt und ins richtigen Gefühle, was Ehre, Pflicht und Selbsterhaltung fordern) ungeduldig werden und Wolkenphantasmen nicht mehr für sichernde Felsen halten wollen?
Wie kann man auf einem Standpunkte unverrückbar verharren, wenn alle wesentlichen Verhältnisse sich ringsum verändert haben und entscheidende Ereignisse eingetreten sind! Da man nun von dem Standpunkte des Vermittelns gar nichts ausgerichtet hat, so darf man wohl bezweifeln, ob er von Anfang an der richtige, ob es nicht ein großer Irrtum war, sich zwischen Frankreich und Österreich so hinzustellen, als sei von Frankreich und der Türkei die Rede. Diese angebliche Unparteilichkeit, ohne entschiedenes Übergewicht nach der deutschen Seite hin, hat die Franzosen nicht gewonnen, wohl aber im übrigen Deutschland die Gemüter von Preußen abgewandt und das Vertrauen gemindert.
Wir wiederholen es: Ohne Deutschland ist Preußen auf die Dauer keine Großmacht. Der Vorschlag und Rat, Österreich in Wahrheit seinem Schicksale zu überlassen und sich um Preußen zu scharen, heißt Deutschland zugrunde richten. Nach Weise der Medea soll das gottlob endlich sich als unteilbares Ganzes fühlende Deutschland zerstückelt in den Hexenkessel geworfen werden und sich aufreden lassen, diplomatische Köche würden es erneut und verjüngt daraus hervorgehen lassen! Wir kennen nichts, was törichter, unpatriotischer, unheilbringender wäre als die offen verkündigte oder heimlich eingeschmuggelte Lehre von einem österreichischen und preußischen Deutschland. Es ist die verdammliche Lehre von einer quer durch unser deutsches Vaterland hindurchgehende, es jammervoll zerschneidenden Demarkationslinie, es ist die anmaßliche kurzsichtige Lehre des Jahres 1805, auf welches unausbleiblich 1806 folgte.
Die Interessen von ganz Deutschland sind die Interessen Preußens, und Österreich ist seit Jahrhunderten (trotz aller Mängel, Irrtümer und Unfälle) der Schutz Deutschlands gewesen gegen Slawen, Türken und Franzosen. In wenigen Wochen muß der italienische Krieg eine entscheidende Wendung nehmen; ist Deutschland in wenig Wochen gerüstet gegen Napoleon, wenn er die Franzosen mit der natürlichen Grenze des linken Rheinufers ködert und mit Bezug auf den Baseler Frieden Preußens Zustimmung fordert?
Vorsicht! hat bis jetzt nicht gefehlt, wohl aber
Voraussicht; die Ereignisse haben alle Abwartenden überflügelt und das alte bewährte Sprichwort vergessen lassen: Zeit verloren, alles verloren!"