Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 10, S. 200-204
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1961
Aus dem Englischen.
[New-York Daily Tribune" Nr. 4068 vom 2. Mai 1854]
"Die englischen Zeitungen scheuen keine Mühe, dem bevorstehenden Krieg mit Rußland den Anschein eines Kampfes für Freiheit und europäische Unabhängigkeit zu geben, während sie tatsächlich nur die kommerziellen Interessen Englands im Auge haben; zum Beweise dessen rät Lord John Russell uns Italienern, ruhig zu bleiben, und gibt uns zu verstehen, daß Österreich ja eines Tages humaner werden kann. Damit erkennt er zumindest an, daß es gegenwärtig überhaupt nichts Humanes an sich hat. Nichtsdestoweniger versucht das philanthropische England, sich dessen Bündnis für den 'Sieg der
Freiheit und Unabhängigkeit Europas' zu sichern. Was die französische Presse betrifft, so ist sie nicht frei, und da sie fürchten muß, zunächst verwarnt und beim zweiten Male verboten zu werden, bleibt ihr nichts anderes übrig, als nachzubeten, was der Regierung paßt. Außerdem pflegen die französischen Blätter die Tagesfragen nicht in großem Maßstab zu behandeln und unterliegen zu sehr dem Impuls der Mode. Die deutschen liberalen Blätter schreiben unter dem Druck einer ungeheuren Furcht, die Rußland ihnen verursacht, und dies ist verständlich, wenn wir den Einfluß berücksichtigen, den es bereits über die zwei bedeutendsten Mächte Deutschlands erlangt hat. Was aber wollen wir? Die Unabhängigkeit Italiens. Solange man jedoch von der territorialen Integrität der Türkei spricht und vom europäischen Gleichgewicht auf der Grundlage des Wiener Vertrages, ist es ganz natürlich, daß wir den gleichen Status quo weiterhin genießen sollen, der unseren Wünschen völlig widerspricht. Wonach strebt Rußland? Mit dem Ottomanischen Reich Schluß zu machen und damit das Gleichgewicht des Status quo und die Karte von Europa zu ändern. Gerade das ist es, was wir wollen. Man wird jedoch sagen, daß Rußland dies nach seiner Art ändern will. Genau das aber kann uns von Nutzen sein, weil weder Frankreich noch England oder Deutschland diese neue Vergrößerung des Territoriums oder des Einflusses eines Reiches dulden kann, das von beiden bereits zuviel besitzt; deshalb werden sie gezwungen sein, nach einem Bollwerk gegen Rußland zu suchen. Dieses Bollwerk kann nur Österreich sein, dem gegenüber die Westmächte sich großzügig zeigen müssen,
indem sie ihm das ganze Donautal von Orsova bis zum Schwarzen Meer und an der unteren Donau die Dobrudscha und die Schlüssel zum Balkan geben. Dann besäße Österreich:
1. Ein gewaltiges Territorium mit einer Bevölkerung, die einander verwandt ist.
2. Den ganzen Lauf eines großen Flusses, der für den Handel Deutschlands so notwendig ist.
In einem solchen Falle würde Österreich, wenigstens was seine Verteidigung anbelangt, Italien nicht mehr brauchen und ungefähr sechs Millionen Südslawen und vier Millionen Dacorumänen konzentrieren, zu denen weitere drei Millionen der ersteren und etwa nochmals vier Millionen der letzteren kämen, die bereits seiner Herrschaft unterstehen.
Integrität und Unabhängigkeit der Türkei! Zwei hochtrabende Paradoxa. Wenn man unter Unabhängigkeit die Freiheit einer Nation versteht; sich selbst entsprechend ihren eigenen Prinzipien regieren zu können, ohne daß irgendein Fremder das Recht hat, sich einzumischen, so wurde diese Unabhängigkeit durch den Vertrag von Kainardschi schon sehr gefährdet, und durch den jüngsten Vertrag mit den Westmächten erhielt sie den Gnadenstoß (colpo di grazia). Folglich regiert nicht länger der Sultan die Türkei, sondern die europäischen Mächte regieren sie, und wenn erst Muselmanen und Christen, Sieger und Besiegte vor dem Gesetz gleichgestellt sind, wenn die Rajahs - die vier Fünftel der Bevölkerung bilden - Waffen tragen können, existiert die Türkei nicht mehr und bricht eine Umformung an, die sich nicht ohne Gewalt und ernsteste Wirren, nicht ohne offene Zusammenstöße der beiden Sekten verwirklichen läßt, die es vier Jahrhunderte lang gewohnt sind, sich gegenseitig zu verabscheuen. Laßt uns von der Unabhängigkeit der Türkei also nichts anderes mehr hören, als daß sie eine Fabel sei.
Und die territoriale Integrität! Waren es denn nicht Frankreich und England, die der Türkei im Einverständnis mit Rußland das griechische Königreich, d.h. den Peloponnes, Attika, Böotien, Phokis, Akarnanien, Ätolien, die Insel Negroponte etc., mit einer Million Einwohner entrissen? Waren sie es denn nicht? War es denn nicht Frankreich, das Algerien an sich riß? Waren es denn nicht Frankreich, England und Rußland, die Ägypten eine halbe Unabhängigkeit gewährten? War es denn nicht der Engländer, der sich vor fünfzehn Jahren Adens am Roten Meer bemächtigte? Sind es nicht wiederum die Engländer, die Ägypten begehren? Und gelüstet es Österreich denn nicht nach Bosnien und Serbien? Warum dann von der Erhaltung eines Zustandes reden, gegen den sich alle verschwören und der von selbst nicht mehr fortbestehen kann?
Wir kommen deshalb zu dem Schluß, daß Rußlands Absicht, die Türkei zu vernichten, eine gute Absicht ist; daß auch die Westmächte völlig im Recht sind, wenn sie beabsichtigen, den Übergriffen Rußlands entgegenzutreten; doch wenn diese Mächte ihr Ziel erreichen wollen, müssen sie die diplomatische Heuchelei aufgeben, in die sie sich gehüllt haben, und entschlossen sein, die Türkei zu vernichten und die Karte Europas zu ändern. Zu diesem Entschluß müssen sie gelangen."