Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 10, S. 177-188
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1961
Aus dem Englischen.
["New-York Daily Tribune" Nr. 4055 vom 17. April 1854]
"bei einem derartigen Krieg, wie er sich jetzt an den Grenzen der beiden Länder abspielen werde, beiden Mächten unmöglich sein werde, Neutralität zu bewahren".
"sollte ein provisorisches, bedingtes und geheimes Übereinkommen zwischen Rußland, Österreich und England sein, um bezüglich der Türkei verschiedene Vereinbarungen zu treffen, an denen sich Frankreich, auch ohne seine Einwilligung gegeben zu haben, beteiligen müsse".
"Wenn das Haus nach dem, was er ihm sagen würde, der Meinung sein sollte, daß das Verhalten der Minister Anlaß zu einer parlamentarischen Interpellation gäbe, so würde er vor der ihm dadurch auferlegten Pflicht nicht zurückschrecken und bereit sein, die Minister zu ersuchen, bald einen Tag zu bestimmen, an dem die Sache vorgebracht werden könnte."
"Die erste dieser geheimen Depeschen traf am 23. Januar 1853 in England ein, und am 26. des gleichen Monats erschien in der 'Times' der erste von jenen Artikeln, auf die er Bezug genommen habe. Die nächste Depesche traf am 6. Februar 1853 ein, und am 11. des gleichen Monats, vier Tage später, erschien in der 'Times' ein außerordentlicher Artikel, aus dem er jetzt zitieren werde. In einem Teil des Artikels wird erklärt: 'Wir glauben nicht, daß es das Ziel der Politik Rußlands ist, eine Katastrophe im Orient zu beschleunigen; abermals wird man die guten Dienste dieses Landes in Anspruch nehmen, um die Gefahren einer Situation zu verringern, die kritisch zu werden beginnt. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß der Versuch, die brutale und gebrechliche Macht der Türken in Europa zu verlängern, durch die Auslieferung fruchtbarer Provinzen und einer großen christlichen Bevölkerung an eine barbarische Mißregierung erkauft wird, und wir werden uns freuen, wenn Zivilisation und Christentum imstande sind, das durch die ottomanische Eroberung widerfahrene Unrecht zu beseitigen.'
Die 'Times' erklärte am 23. Februar 1853 erneut nach verschiedenen Bemerkungen über den erschöpften Zustand der Türkei:
'Äußerste politische Hinfälligkeit, das Fehlen jeglicher Fähigkeit und Redlichkeit bei jenen Männern, von denen die Pforte noch regiert wird, Verminderung der muselmanischen Bevölkerung und einen erschöpften Staatsschatz vereint die Pforte wie in einem höhnischen Kontrast hierzu mit der Herrschaft über einige der fruchtbarsten Gebiete, die besten Häfen und das kühnste und talentvollste Volk Südeuropas ... Es ist schwer zu begreifen, wie ein so unzweifelhaft großes Übel so lange von Politikern
als verhältnismäßig gut hat verteidigt werden können; und obwohl wir uns der Schwierigkeiten bewußt sind, die jede Veränderung auf dem Territorium eines so riesigen Reiches begleiten, neigen wir dazu, dem Herannahen einer Zeit eher mit Befriedigung als mit Beunruhigung entgegenzusehen' - woher wußte die 'Times', daß diese Zeit herannahte? 'wo es unmöglich sein wird, die Herrschaft einer solchen Regierung, wie der der Pforte, über ein solches Land zu verlängern wie das, welches jetzt ihrer Gewalt unterworfen ist. Vielleicht ist jene Zeit weniger weit entfernt, als man gemeinhin annimmt, und es mag die Angelegenheit weiser Staatsmänner sein, Vorbereitungen für den Fall eines solchen Ausganges zu treffen, den weiterhin auf unbestimmte Zeit zu verschieben außerhalb ihrer Macht liegt. Wir glauben nicht, und wir beabsichtigen nicht, zu unterstellen, daß gegenwärtig irgendwelche Pläne Österreichs und Rußlands existieren oder vielleicht ohne Wissen der anderen europäischen Mächte ausgearbeitet werden, die den territorialen Ansprüchen des Ottomanischen Reiches feindlich gegenüberstehen. Wir haben genügend Grund zur Annahme' - wenn die 'Times' das sagt, wissen wir, was das bedeutet -, 'daß Fürst Menschikow als außerordentlicher Gesandter aus St. Petersburg nach Konstantinopel zu dem ausdrücklichen Zweck entsandt worden ist, im Namen von Kaiser Nikolaus zu erklären, daß dieser als Oberhaupt der orthodoxen Kirche weder sich selbst mit den Bedingungen des jüngst durch den französischen Gesandten erhaltenen Fermans bezüglich der Heiligen Stätten im Heiligen Lande einverstanden erklären könne, noch den orientalischen Kirchen erlauben könne, dies zu tun.'
Nun, die erste Mitteilung von der Mission Fürst Menschikows war in den am 14. und am 21. Februar eingegangenen Depeschen Sir H. Seymours enthalten. Es sei wichtig zu erwähnen, daß am 6. März 1853 die Depesche eintraf, die den vollständigen Plan des Kaisers von Rußland zur Aufteilung der Türkei wiedergab. Die Antwort darauf wurde, wie bereits gesagt, erst am 23. März abgesandt, und bis zum 13. März fand keine Beratung des Kabinetts statt, obgleich einige Mitglieder der Regierung sieben Tage zuvor den Vorschlag des Kaisers erhalten hatten. Ihren Kollegen wurde dieser Vorschlag erst am 13. März vorgelegt; zuvor aber war er der ,Times' mitgeteilt worden, denn am 7. März, am Morgen nach dem Empfang der Depesche, die zu dieser Zeit nicht mehr als zwei oder drei Mitgliedern des Kabinetts bekannt gewesen sein konnte und auch von keinem einzigen Beamten des Ministerium des Auswärtigen gesehen worden sein konnte, erschien ein ausführlicher Artikel in der 'Times'" ("Hört, hört!") "worin es unter anderem hieß:
'Der Zustand des Türkischen Reiches und die Beziehungen der europäischen Mächte zum Orient sind Gegenstände, worüber sich eine Meinung zu bilden und sie auszudrücken für Politiker und die unabhängige Presse nützlich sein könnte, obgleich die Verwirklichung der Pläne, worauf diese Meinungen abzielen, noch unzeitig und fern ist. Staatsmänner, die gezwungen sind, die Tagesgeschäfte zu erledigen und in jedem Fall die Verpflichtungen der sogenannten Staatsnotwendigkeit zu erkennen, sind auf engere Bereiche beschränkt und wären wahrscheinlich nicht imstande, irgendeiner neuen oder originellen Idee zur Geltung zu verhelfen, wenn diese nicht vorher Gegenstand der Aufmerksamkeit und der Überlegungen der Öffentlichkeit gewesen wäre."
Er ersuche den edlen Lord, auf die nun folgenden Worte zu achten, da sie sich auf von ihm erhobenen Einwände bezögen.
'Wir wären daher keineswegs überrascht, wenn Lord John Russell in Anspielung auf die Differenzen, die neuerlich in der Türkei und besonders an ihren europäischen Grenzen entstanden sind, seine Ablehnung gegenüber den Ansichten ausgedrückt hätte, die in jüngster Zeit über diesen Gegenstand vorgebracht worden sind, und seinerseits im Parlament mit dem ganzen Gewicht offizieller Verantwortlichkeit die alte Geschichte von der Integrität und Unabhängigkeit des ottomanischen Reiches wiederholt hätte. Wir jedoch sind nicht von ähnlichen Erwägungen beeinflußt.'
Woher wußte der Schreiber, daß der edle Lord ablehnte?" ("Hört!") "Der Artikel fährt fort:
'Wir stimmen daher nicht mit der Meinung Lord J. Russells überein, daß gegenwärtig kein größeres Unglück in Europa eintreten könne als die Notwendigkeit, zu überlegen, was getan werden müsse in solch einem Fall wie der Zerstückelung jenes Reiches.'
Möge das Haus die folgenden Worte beachten, die fast identisch sind mit denen du Kaisers von Rußland:
'Wir glauben, es wäre ein weit größeres Unglück, wenn die Zerstückelung begänne, bevor irgendwelche Überlegungen dieser Art angestellt worden sind."'
("Hört, hört!") "Das waren die gleichen Worte. Der Schreiber fährt fort:
'Und hier sei uns gestattet, unser Erstaunen darüber auszudrücken, daß ein Staatsmann für einen Augenblick die Politik, die im Falle einer Auflösung des Türkischen Reiches richtigerweise zu verfolgen wäre, verwechseln könnte mit jener, die zur Teilung Polens führte. Kein Zweifel, das Argument der Staatsnotwendigkeit bleibt noch zur Unterstützung der Integrität und Unabhängigkeit des Türkischen Reiches; aber dieses Argument steht allein einer Menge von Übelständen gegenüber, und in Wirklichkeit bedeutet es nichts anderes als die Furcht, sich mit einer folgenschweren und unsicheren Frage zu beschäftigen. Die Vorurteile gegenüber diesem Gegenstand, die besonders in vergangenen Jahren genährt wurden, sitzen wahrhaftig so fest, daß ein Versuch, diese Frage ihrer eigentlichen Bedeutung nach zu erörtern, in gewissen Kreisen als ein Akt politischer Verderbtheit angesehen wird und als eine Verletzung aller Gesetze, durch die die Nationen miteinander verbunden werden.'
Der nächste Artikel erschien am 10. März. Das Haus könnte vielleicht der Meinung sein, er habe bisher noch nicht bewiesen, daß der Schreiber in der 'Times' die gleichen Worte verwandte, die in den Depeschen gebraucht wurden; der Artikel aber, den er jetzt zitiere, werde alle Zweifel hierüber beseitigen. Am 10. März erschien ein Artikel in der 'Times', der mit folgenden Worten begann:
'Fürst Menschikow kommt mit genauerem diplomatischem Auftrag, und wir haben Grund zur Annahme, daß seine Instruktionen einen versöhnlicheren Charakter tragen als die des Grafen Leiningen.' Eine Ähnlichkeit des Ausdrucks läßt sich in Sir H. Seymours Depesche vom 21. Februar feststellen:
'Seine Exzellenz (Graf Nesselrode) wünschte mir zu versichern, daß die Instruktionen, mit denen Fürst Menschikow versehen sei, eine versöhnliche Natur trügen.'
Der Artikel fährt fort:
'Wir wagen es auszusprechen, daß sich bei modernen Staatsmännern eine Dürftigkeit der Mittel zeigt, wenn sie sich mit einer Frage zu beschäftigen haben, welche die Zivilisation großer Provinzen beinhaltet, die Wiederherstellung des Christentum selbst zu jener Vorherrschaft, deren es sich einst in allen Teilen Europas erfreute, und das fortschreitende Wohlergehen von Millionen Menschen. Der einzige Ausweg, zu dem sie sich verstehen können, ist, einen Türkenkopf mit einem Turban zu zieren und ihn so zu behandeln, als wäre er noch ein Symbol von Stärke und Macht.'
Am 19. März fand eine Beratung des Kabinetts statt, auf der die am 6. dieses Monats eingegangene Depesche erörtert wurde, und am 23. März wurde eine Antwort abgesandt, die folgende Stelle enthielt:
'Wiewohl die Regierung Ihrer Majestät sich gemüßigt fühlt, an den Grundsätzen und der Politik festzuhalten, die in Lord John Russells Depesche vom 9. Februar aufgestellt sind, so willfährt sie doch gerne dem Wunsche des Kaisers, daß der Gegenstand noch weiter und freimütig diskutiert werde.'
Am gleichen Tage erschien ein Artikel in der 'Times', worin man einige der in Lord Clarendons Depesche gebrauchten Sätze finden konnte. Der Artikel begann wie folgt:
'Unsere Meinung über die gegenwärtige Lage und die künftigen Aussichten des Ottomanischen Reiches stimmt nicht mit dem Standpunkt überein, den Lord J. Russell vertritt und den er dem Unterhaus mitgeteilt hat. Sie weicht erheblich von der Politik ab, die dieses Land zu früheren Zeiten und bei verschiedenen Gelegenheiten verfolgt hat; und sie weicht völlig von dem System ab, das ein zahlenmäßig starker Teil der Londoner Presse weder sehr brillant noch erfolgreich zu verteidigen sucht.'
Ehre der britischen Presse, die, obgleich es ihr an der brillanten scharfen Feder fehlte, die einen Kolonialminister erschüttert und beinahe ein Kabinett gestürzt hatte, nicht die Ansichten der 'Times' unterstützte. Die 'Times' fügte fernerhin gegen Ende ihres Artikels hinzu:
'Er' (der Kaiser) 'hat gesagt, es sei Gegenstand seines Bestrebens, sich mit diesem Lande gut zu stehen und sein Vertrauen zu verdienen. Sein Vorgehen in dieser Frage wird zeigen, ob seine Versicherung aufrichtig gemeint ist, und er kann uns keinen größeren Beweis von Mäßigung und Wohlwollen gegenüber der Türkei und dem übrigen Europa geben als die Bereitschaft, auch weiterhin in diesen Fragen mit der britischen Regierung zusammenzuarbeiten.'
Am gleichen Tage, an dem die 'Times' bekanntgab, daß ihre Bemühungen, die britische Öffentlichkeit für die Teilung der Türkei zu gewinnen, fehlgeschlagen waren, wurde die Antwort auf die Depesche, die 16 Tage verzögert worden war, nach St. Petersburg gesandt." ("Hört, hört!") "Er brauche das Haus nicht mit weiteren Auszügen aus der 'Times' zu behelligen."
"Tadle ich etwa die russische Regierung dafür, daß Sie eine solche Politik betreibt? Eine Politik der Expansion, mit rechtmäßigen Mitteln verfolgt, ist eine Politik, die man als gefährlich für sich selbst ablehnen mag, der man sich als unheilbringend für die Unabhängigkeit und Freiheit anderer Staaten widersetzen mag, die aber durchaus kein Anlaß zur Verurteilung der Regierung ist, welche sie verfolgt, wenn sie diese Politik nur mit offenen, aufrichtigen und allgemein anerkannten Mitteln verfolgt, ohne Geheimhaltung, ohne Vorwand und ohne Betrug. Der Weg jedoch, ich bedaure, das feststellen zu müssen, den die russische Regierung im Verlauf der jüngsten Ereignisse eingeschlagen hat, war nicht der offene und gerade Weg, welcher ihre offen zugegebene und kühn verkündete Politik rechtfertigen könnte."